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Hier finden Sie in unre­gel­mä­ßi­ger Folge manch Informatives, Subjektives und Beiläufiges aus der Wittenberger Verlegerklause von Carcosa, immer wieder mit einem dank­ba­ren Blick nach Berlin ins Stammhaus des Memoranda Verlags.


Montag, den 4. Dezember 2023

Beste Laune! Genau das herrscht in den hei­li­gen Hallen von Carcosa (in Wittenberge) und Memoranda (in Berlin). Was ver­schie­dene Gründe hat. Wie ich beim letz­ten Mal geschrie­ben habe, wurde Immer nach Hause von Ursula K. Le Guin in der ARD-Sendung Druckfrisch vor­ge­stellt. Daraufhin sind offen­bar eine Menge Menschen neu­gie­rig gewor­den und haben das Buch bestellt. Inzwischen ist ziem­lich genau die Hälfte der Erstauflage ver­kauft, und das bedeu­tet, auch dank unse­rer spar­sa­men Kalkulation und nicht vor­han­de­nen Gewinnorientierung, dass nicht nur dieses Buch, son­dern das erste Carcosa-Programm ins­ge­samt seine Kosten ein­ge­spielt hat.

Und es bedeu­tet auch, das wir eini­ger­ma­ßen ent­spannt in die Zukunft blicken und die näch­sten Programme planen können. Zwischen neun und zehn Bücher sollen bei Carcosa 2024 erschei­nen, und da kommt eini­ges an Kosten auf uns zu. Am auf­wän­dig­sten dar­un­ter wird ein­deu­tig die deut­sche Erstausgabe des Riesenromans Jerusalem von Alan Moore, ein Werk jen­seits der zwei­tau­send Manuskriptseiten und eines der wun­der­bar­sten und ver­stö­rend­sten Bücher, die ich je gele­sen habe. Und wenn wir schon einmal bei Alan Moore sind (hier bitte laute, dra­ma­ti­sche Musik ein­spie­len) …

Morgendlicher Ausblick vom Verlagsschreibtisch

Die Farbe auf den Lizenzverträgen ist trocken, also kann ich jetzt auch öffent­lich dar­über spre­chen: Carcosa hat die Rechte an Alan Moores neuer Serie Long London erwor­ben, ein fünf­bän­di­ges phan­ta­sti­sches Romanepos, das ab Herbst 2024 im eng­li­schen Original und ab Herbst 2025 bei uns auf Deutsch erschei­nen wird. Der erste Band ist ein Ausflug ins London der Nachkriegszeit, wo ein junger Mann, der am Leben eigent­lich bereits genug zu tragen hat, mit einer Welt jen­seits unse­rer Realität kon­fron­tiert wird, einem zwei­ten London, in dem uralte Magier herr­schen und unsere Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind.

Mich hat das Vorabmanuskript völlig umge­hauen, und auch wenn ich weiß, dass ich Moore im Laufe der Übersetzungsarbeit (wie bei Jerusalem im Übrigen auch) viel­fach ver­flu­chen werde — Long London ist lite­ra­ri­sche Phantastik vom Feinsten! Hier brennt ein Meister seines Fachs für seine Geschichte, für seine Figuren, für jeden ein­zel­nen Satz. Dieses Serie wird, so hoffe ich, im Laufe der näch­sten Jahre das Rückgrat von Carcosa bilden. Und wenn alles so läuft, wie wir uns das erhof­fen, gibt es noch drei wei­tere Moore-Bücher, deren wir uns anneh­men möch­ten.

Deshalb: Bitte unter­stützt uns, indem Ihr unsere Bücher bestellt und vor­be­stellt. Wir werden es Euch mit einem ein­zig­ar­ti­gen Verlagsprogramm danken …


Sonntag, den 19. November 2023

Carcosa im Ersten! Selten hat mich eine Nachricht in Zusammenhang mit Carcosa so elek­tri­siert wie die Mail, die ich ver­gan­ge­nen Mittwoch von Le Guin-Übersetzer Matthias Fersterer erhal­ten habe. Die Betreffzeile dieser Mail lau­tete: Jetzt also doch: Druckfrisch.

Büchermacher:innen und auch viele Bücherfreund:innen wissen, dass die ARD-Sendung Druckfrisch ver­gleich­bare Formate, die sich im Fernsehen mit Literatur beschäf­ti­gen, an Unterhaltungswert und Publikumswirksamkeit weit über­trifft. Autor und Moderator Denis Scheck ver­leiht dort immer wieder auch seiner Begeisterung für die phan­ta­sti­schen Genres Ausdruck. Und heute Abend spricht er über Immer nach Hause von Ursula K. Le Guin!

Bild: ARD

Vor ziem­lich genau einem Vierteljahr habe ich Denis Scheck eine Mail geschrie­ben, in der ich ihn über das erste Programm von Carcosa infor­mierte. Seine Antwort, die inner­halb weni­ger Minuten ein­traf, lau­tete ebenso prä­gnant wie erfreu­lich: »Glückwunsch zu diesem muti­gen Schritt! Always Coming Home ist ein Favorit von mir …« Seither haben wir immer mal wieder indi­rekt mit­be­kom­men, dass Scheck auf der Frankfurter Buchmesse und bei ande­ren Veranstaltungen für uns, wie er es aus­drückt, »ein wenig harft«.

Darüber und über die Buchvorstellung heute Abend ab 23:35 Uhr im Ersten (oder hier in der ARD-Mediathek) freuen wir uns , vor­sich­tig aus­ge­drückt, sehr! Das ist ein bedeu­ten­der Beitrag zu unse­ren Bemühungen, diese kluge und unbe­stech­li­che Autorin im deutsch­spra­chi­gen Raum noch bekann­ter zu machen — und es wird natür­lich auch dafür sorgen, dass Immer nach Hause im Besonderen und das Carcosa-Programm im Allgemeinen auf dem Buchmarkt prä­sen­ter wird. Für einen Kleinverlag mit einem doch sehr über­sicht­li­chen Werbebudget ist das ein Segen.

Ach ja, und was eine wei­tere Nachricht berifft, die mich elek­tri­siert hat — diese hängt mit dem bri­ti­schen Roman- und Comicautor Alan Moore zusam­men, der gestern sieb­zig Jahre alt gewor­den ist und dessen Opus magnum kom­men­den Herbst bei Carcosa erschei­nen wird. Aber dar­über mehr in einer Woche. Für heute erst einmal: Habt Ihr Immer nach Hause denn schon bestellt? Die Erstauflage ist bestimmt bald ein gesuch­tes Sammlerstück 😉

Sonntag, den 12. November 2023

On the road! Am ver­gan­ge­nen Mittwoch und Donnerstag durfte ich an zwei Abenden in Berlin das Carcosa-Programm vor­stel­len, und zwar zusam­men mit Matthias Fersterer, Hardy Kettlitz und Karen Nölle in der Buchhandlung Otherland und zusam­men mit Hardy Kettlitz und Karen Nölle im SF-Club Andymon. Beide Veranstaltungen waren »aus­ver­kauft«, sofern sich das bei freiem Eintritt sagen lässt, und eines der zen­tra­len Themen war jedes Mal das Übersetzen von Literatur — kein Wunder, bil­de­ten Matthias Fersterer und Karen Nölle doch zusam­men mit Helmut W. Pesch das Trio, das Immer nach Hause von Ursula K. Le Guin ins Deutsche über­tra­gen hat.

Da passte es natür­lich gut, dass ich mir zuvor am Mittwoch noch die Zeit genom­men habe (und Zeit habe ich gerade denk­bar wenig), um auf der Carcosa-Homepage alle »unsere« Übersetzer:innen auf einer geson­der­ten Seite vor­zu­stel­len. Noch immer ist es vielen Leuten nicht bewusst, dass ein ganzer Berufsstand unzäh­lige Arbeitssstunden, Arbeitswochen und Arbeitsmonate — manch­mal sogar Jahre — auf­wen­det, damit wir lite­ra­ri­sche oder andere Texte lesen können, deren Originalsprache wir nicht mäch­tig sind.

Karen Nölle und Hannes Riffel auf dem Berliner Metropol Con im Mai 2023

Darüber haben Karen Nölle und ich in diesem Jahr schon auf dem Metropol Con gespro­chen (wie hier nach­zu­hö­ren ist), wo wir die Übersetzung von Immer nach Hause erst­mals vor­stell­ten, und dieses Thema wird uns auch noch länger beschäf­ti­gen. Erst letzte Woche erhielt ich die Mail eines befreun­de­ten, von mir sehr geschätz­ten Literaturübersetzers, der mir mit­teilte, dass er den Beruf wech­seln werde, da er fest damit rech­net, dass Verlage unse­res­glei­chen künf­tig durch KIs erset­zen würden, und er habe so gar keine Lust, dem­nächst maschi­nell erstellte Texte zu redi­gie­ren.

Auch wenn uns dieses Szenario hof­fent­lich nicht allzu bald ber­vor­steht, folgt es doch der Logik rein kapi­ta­li­sti­schen Denkens, mit mög­lichst wenig Aufwand einen mög­lichst großen Ertrag zu erwirt­schaf­ten. Dass dabei eine Vielfalt von Qualitäten auf der Strecke bleibt, welche sich den Fähigkeiten, Erfahrungen und Emotionen von Menschen ver­dankt, die mit Leidenschaft einer Tätigkeit nach­ge­hen, dass dabei immer noch mehr Leute in Jobs gedrängt werden, die selbst mit dem klas­si­schen Begriff der ent­frem­de­ten Arbeit nur noch unzu­rei­chend beschrie­ben sind — das inter­es­siert die Damen und Herren in den Entscheidungsgremien offen­bar über­haupt nicht.

Womit wir wieder bei der Frage wären, warum wir, von der reinen Subsistenz abge­se­hen, das machen, was wir machen. Und ob wir uns noch weiter in die Abhängigkeit von Technologien bege­ben möch­ten, die uns immer voll­stän­di­ger in die­nende Funktionen zwin­gen, wo Kreativität und künst­le­ri­sches Wirken nicht einmal mehr als Spurenelemente vor­han­den sind. Ich schätze mich jeden­falls äußert glück­lich, mit krea­ti­ven, künst­le­risch hoch­be­gab­ten Menschen zusam­men­ar­bei­ten zu dürfen. Und hoffe, dass die Begeisterung, mit der so viele Leute an der Entstehung unse­rer Bücher teil­ha­ben, auch auf die Leser:innen über­springt …


Sonntag, den 5. November 2023

Was mich sonst so umtreibt! Vergangenen Mittwoch habe ich eine Veranstaltung im Hamburger Literaturhaus besucht, die mich sehr beein­druckt hat, aus per­sön­li­chen wie aus inhalt­li­chen Gründen. An diesem Abend wurde die neue Buchreihe rororo ent­deckun­gen vor­ge­stellt, in der die beiden Herausgeberinnen Magda Birkmann und Nicole Seifert pro Halbjahr drei »Romane bemer­kens­wer­ter, aber bereits ver­ges­se­ner Autorinnen aus dem zwan­zig­sten Jahrhundert« prä­sen­tie­ren, in schö­ner Taschenbuchausstattung und mit klugen Nachworten ver­se­hen.

Da meine Liebste Sünje Redies diese Reihe bei Rowohlt als Lektorin betreut, war ich dabei von Anfang an via Schulterblick invol­viert, habe mit Begeisterung alle Bücher gele­sen und durfte auch, worauf ich sehr stolz bin, das Vorwort von James Balwin zu Eine Tochter Harlems über­set­zen. Alle drei Bücher schil­dern auf sehr prä­gnante Weise, wie es Frauen zu ver­schie­de­nen Zeiten ergan­gen ist (und immer noch ergeht) und ver­bin­den äußerst gelun­gen unter­halt­sa­mes Erzählen mit poli­ti­schem Anspruch.

Bei der Auswahl des Carcosa-Programms legen wir eben­falls großen Wert darauf, Autor:innen zu publi­zie­ren, die für eine Vielfalt von Themen und Lebensentwürfen stehen. Das läuft nicht auf eine irgend­wie gear­tete Quote hinaus, aber ich freue mich zum Beispiel dar­über, dass in unse­rem ersten Programm, neben dem Almanach, zwei Bücher von Frauen und zwei von Männern ent­hal­ten waren, und im kom­men­den Frühjahr ist das Verhältnis sogar 4 zu 1.

Ebenso ist es eine ganz bewusste Entscheidung, einer dezi­diert femi­ni­sti­schen Autorin wie Joanna Russ eine Werkausgabe zu widmen. So wenig wir das wahr­ha­ben wollen, ist unser Blick auf Bücher (bei­leibe nicht nur auf diese, aber darum geht es hier) noch immer stark von Vorurteilen geprägt, die unsere Erwartungen und unsere Werturteile beein­flus­sen. Dazu Gegengewichte zu schaf­fen, ist uns ein Anliegen und ein Vergnügen!

In diesem Sinne — schaut doch mal in Eurer Stammbuchhandlung vorbei und fragt nach den rororo ent­deckun­gen und dem Carcosa-Programm. Vielleicht ist dort ja noch Platz für ein paar außer­ge­wöhn­li­che Bücher …


Sonntag, den 29. Oktober 2023

Wie’s wei­ter­geht! Nach den Neuerscheinungen ist natür­lich immer auch vor den Neuerscheinungen, wes­halb ich hier einen kurzen Überblick geben möchte, woran wir gerade arbei­ten, was also der Stand der Dinge ist bei den Büchern, die im näch­sten Jahr erschei­nen sollen. Im Laufe der kom­men­den Woche werde ich die Vorschau- und Klappentexte zum Frühjahrsprogramm schrei­ben, und dann bekom­men diese fünf Bücher auch hier auf der Homepage aus­führ­li­che Einzelseiten.

Am wei­te­sten sind wir mit den beiden Bänden von Becky Chambers, die bereits gesetzt und der­zeit in der Korrektur sind. Karin Will hat bei der Übersetzung, wie ich finde, her­vor­ra­gende Arbeit gelei­stet, und ich bin gespannt, wie diese neuen Werke der Autorin der Wayfarer-Saga auf­ge­nom­men werden. Erscheinungstermin ist in diesem Fall der 15. Januar 2024. Um sie etwas aus dem Gesamtprogramm her­vor­zu­he­ben, erschei­nen Ein Psalm für die wild Schweifenden und Ein Gebet für die acht­sam Streitenden als kleine, feine Hardcover — wie im Original übri­gens, denn in den USA hat das Label tor.com sie als gebun­dene Bücher und als E‑Books publi­ziert. Im glei­chen Format werden wir dann im Herbst auch den ersten deutsch­spra­chi­gen Band mit Erzählungen der schwe­di­schen Phantastin Karin Tidbeck publi­zie­ren.

Ein wei­te­res Highlight aus dem Frühjahrsprogramm ist für mich der erste Band unse­rer Ausgabe der Ausgewählten Werke von Joanna Russ. Je mehr ich von dieser Autorin lese, umso beein­druck­ter bin ich, sti­li­stisch wie inhalt­lich ist das Science Fiction auf aller­höch­stem Niveau, und das auch bereits in den frühen Alyx-Erzählungen, die wir hier erst­mals voll­stän­dig auf Deutsch vor­le­gen. Ergänzt werden diese geist­rei­chen Abenteuergeschichten durch zwei Essays und eine Auswahl von Rezensionen, die eine wei­tere Facette von Russ’ Werk reprä­sen­tie­ren. Alle Texte sind bereits lek­to­riert, und sobald ich das Nachwort von Herausgeberin Jeanne Cortiel erhalte, kann auch dieses Buch in den Satz gehen.

Parallel dazu redi­giere ich die Neuübersetzung der drei klas­si­schen Eric John Stark-Novellen von Leigh Brackett, die Helmut W. Pesch für uns mit großer Sorgfalt anfer­tigt. Diese ursprüng­lich 1949 bzw. 1951 in dem Pulpmagazin Planet Stories erschie­ne­nen Texte zeigen im Vergleich zu Das lange Morgen eine ganz andere Seite dieser wun­der­vol­len Autorin: Geschichten voller Spannung und Melancholie, denen sie ihren Ruf als »Königin der Space Opera« ver­dankt, wie Pesch das in seinem umfas­sen­den Essay in unse­rem Almanach dar­legt. Außerdem ist gerade die Neuübersetzung des Romans The Einstein-Intersection von Samuel R. Delany auf meiner Festplatte gelan­det, der zweite von drei Romanen, die sich Jakob Schmidt für uns vor­ge­nom­men hat. Er wird mir bestimmt darin zustim­men, dass diese Texte eine große Herausforderung für Übersetzer wie Lektor dar­stel­len, und ich freue mich, mit ihm gemein­sam daran wei­ter­ar­bei­ten zu dürfen. — Die drei letzt­ge­nann­ten Bücher werden, so alles nach Plan ver­läuft, am 18. März 2024 erschei­nen, und zwar als schöne Klappenbroschuren.

Viel zu tun also in der Wittenberger Verlagsklause! Und dabei habe ich noch gar nicht erwähnt, dass meine Hauptarbeit wie schon seit buch­stäb­lich Monaten und Jahren der Übersetzung von Alan Moores Meisterwerk Jerusalem gilt (wobei ich glück­li­cher­weise viel­fäl­tige Unterstützung habe) , und dass es uns unfass­ba­rer­weise gelun­gen ist … aber nein, dar­über rede ich erst, wenn die Verträge unter­schrie­ben sind. Für heute gilt wie immer: Auch alle in der Vorschau genann­ten Bücher sind schon bei uns direkt vor­be­stell­bar! Danke für Eure groß­ar­tige Unterstützung …


Dienstag, den 17. Oktober 2023

Draußen in der Welt! Nachdem die ersten fünf Carcosa-Bücher nun erschie­nen sind, lauern wir natür­lich zuneh­mend auf Rückmeldungen aus dem, was früher schlicht »Presse« genannt wurde und heute eine Vielfalt unter­schied­lich­ster Medien ist. Kein Wunder also, dass ich einen Verweis auf die erste Rezension eines Carcosa-Buches im Internet auf Perlentaucher gefun­den habe, obwohl diese in erster Linie in einem Printmedium erschie­nen ist: Vergangenen Samstag hat Wieland Freund in der WELT unse­ren Spitzentitel Immer nach Hause von Ursula K. Le Guin bespro­chen — und zeigt sich von dem Buch äußerst begei­stert. Besonders freut mich das Lob an die Adresse der Übersetzer:innen (»vor­bild­lich«), die schier Unglaubliches gelei­stet haben. Hoffentlich merken das noch ein paar Leute mehr.

Mein zwei­ter Verweis auf eine Medienreaktion ist keine Buchbesprechung, son­dern ein online geführ­tes Gespräch mit dem Carcosa-Verleger (also mit meiner Wenigkeit), das seit heute auf dem Blog Kriminalakte anzu­schauen ist. Betreiber Axel Bussmer ist in erster Linie als Krimifachmann bekannt, aber er blickt auch mit Begeisterung auf andere Genres und kennt sich vor allem mit der Science Fiction gut aus. Eigentlich sollte das Gespräch »nur« zwan­zig Minuten dauern, aber da ich gerade schwer zu brem­sen bin, wenn es um mein Herzensprojekt geht, ist es unge­fährt das Doppelte gewor­den. Wer also ein wenig Zeit hat (und neben­her viel­leicht Geschirr spülen möchte oder der­glei­chen), erfährt hier eine Menge über den Verlag im Allgemeinen und die Bücher — erschie­nene wie geplante — im Besonderen.

Viel Spaß — wir freuen uns auf Eure Rückmeldungen … und auf Eure Bestellungen.


Sonntag, den 8. Oktober 2023

Warum Phantastik? Ich weiß nicht, ob es in meinem Leben viele unver­än­der­li­che Wahrheiten gibt. Aber eine davon, viel­leicht die zen­trale ist: Lesen ist meine Fabrikeinstellung. Wenn ich nur ein paar Minuten »für mich« habe, greife ich reflex­haft zu einem Buch und tauche ab.

Meine lite­ra­ri­schen Vorlieben sind, vor­sicht aus­ge­drückt, hete­ro­gen. Sie rei­chen von vor­so­kra­ti­scher Philosophie bis zu ganzen Wänden voller Superheldencomics; und alles dazwi­schen. Allerdings scheint es Teil meiner Fabrikeinstellung zu sein, immer wieder auf Phantastisches zurück­zu­kom­men. Warum?

Sogenannte »rea­li­sti­sche« Literatur behaup­tet etwas, das ich nicht nur für unmög­lich halte, son­dern sogar für wenig erstre­bens­wert – sie will die Wirklichkeit abbil­den. Dabei ver­fal­len die Autor:innen der Illusion, Ihre Sicht der Dinge sei in irgend­ei­ner Form reprä­sen­ta­tiv, könne, ja müsse für andere etwas »bedeu­ten«.

Mir kommt das (auch dies natür­lich maßlos sub­jek­tiv) oft klein­gei­stig vor, und dann greife ich wieder nach Visionärem, denn da »geht es um etwas«. Autor:innen, die Science-Fiction-Literatur in ihrer gewal­ti­gen Möglichkeitsvielfalt ernst nehmen, muten ihren Leser:innen etwas zu. Sie nehmen die Gesellschaft als Ganzes in den Blick, und in den gelun­gen­sten Fällen zeich­nen sie das Bild ein­zel­ner Menschen in ihrem sozia­len Umfeld so, dass es die Weltsicht ihrer Leser:innen erwei­tert.

Seit ich sech­zehn war (oder so), habe ich The Dispossessed von Ursula K. Le Guin immer wieder gele­sen. Darin beschreibt die Autorin, wie soziale Zusammenhänge anders gela­gert sein könn­ten als in unse­rer Welt (könn­ten, nicht soll­ten). Einiges daran ist pro­ble­ma­tisch (Samuel R. Delany hat das bis in alle Einzelheiten zer­pflückt), aber wer Freie Geister (so der dt. Titel, den ich diesem Roman bei S. Fischer gege­ben habe) liest, ohne in irgend­ei­ner Form zu eige­nem »Weiterdenken« ange­regt zu werden … nun, mich lässt das Buch jeden­falls nicht mehr los.

Und das ich auch einer der Gründe, warum ich so stolz bin auf unsere – erste – deutsch­spra­chige Ausgabe des Großromans Always Coming Home von Ursula K. Le Guin: Immer nach Hause (her­aus­ra­gend über­setzt von Matthias Fersterer, Karen Nölle & Helmut W. Pesch). Dabei han­delt es sich um eines der wun­der­voll­sten »län­ge­ren Gedankenspiele« (mit Dank an Arno Schmidt, selbst ein Träumer von Überformat) der Weltliteratur. Daran teil­zu­ha­ben setzt bei mir etwas in Bewegung. Bei mir und bei vielen ande­ren Menschen. Es wäre schön, wenn diese »Bewegung« immer weiter um sich grei­fen würde …

Montag, den 2. Oktober 2023

Es ist soweit! Gestern habe ich einen Abstecher auf die Buch Berlin unter­nom­men, wo Memoranda-Verleger Hardy Kettlitz mir die Vorabexemplare unse­rer ersten fünf Bücher über­reicht hat. Alle Bände wurden bei Finidr in Český Těšín gedruckt und gebun­den, und die Druckerei hat vor­züg­li­che Arbeit gelei­stet: Sowohl die Klappenbroschuren als auch das Hardcover sind wun­der­schön gewor­den!

Auch das Urteil der Besucher:innen am Stand von Memoranda/Carcosa war ein­hel­lig: Das Design über­zeugt und gefällt. Für Hardy und mich war es ein groß­ar­ti­ges Gefühl, nach zwei Jahren Vorarbeit nun die fer­ti­gen Bücher in Händen zu halten. Wobei unsere groß­ar­tige Designerin Ben natür­lich den Löwenanteil zu unse­rer Freude am äuße­ren wie inne­ren Erscheinungsbild bei­getra­gen hat.

Sehr auf­ge­regt sind wir zudem, weil bereits Vertreter:innen grö­ße­rer Medien unsere Bücher ange­for­dert haben und dar­über berich­ten wollen (dazu hof­fent­lich bald mehr). Gerade sind wir damit beschäf­tigt, die Großhändler zu bestücken und die Vorbestellungen auf die Reise zu brin­gen, was bis Ende der Woche geschafft sein sollte. Ab näch­stem Montag müss­ten die Bücher dann auch im Handel sein, dann könnt Ihr die ört­li­chen Buchhändler:innen mit Nachfragen heim­su­chen. Beziehungsweise, wie stets: Bitte bestellt direkt bei uns, damit ist uns am mei­sten gehol­fen …


Sonntag, den 24. September 2023

Es geht weiter! Nach einem erhol­sa­men Wochenende mit Ausflug in den Wald, um Pilze zu suchen (und zu finden), einem Elbspaziergang und gemäch­li­chem Kochen (natür­lich alles zu zweit) werfe ich spät­nach­mit­tags noch einen Blick in die Carcosa-Mails — und ver­fasse die zweite Blogfolge. Die, wie es nicht anders sein darf, eine Eloge auf jenen Menschen ist, ohne den es Carcosa sowie Dutzende ande­rer Projekte (Magazine, Buchreihen, Veranstaltungen und und und) nicht gäbe: Hardy Kettlitz arbei­tet nicht nur Vollzeit für den besten und größ­ten Horror-Verlag hier­zu­lande (Tipp: Verlagssitz ist Leipzig), ist Memorada-Verleger, Buchautor, Herausgeber von Alien Contact (damals) und, zusam­men mit Melanie Wylutzki, des SF-Jahrs (heute), Mitbegründer und Auf-Trab-Halter des Berliner SF-Clubs Andymon und Setzer von mehr Büchern, als wir uns beide zu erin­nern ver­mö­gen, son­dern auch seit fünf­und­zwan­zig Jahren ein Freund, wie ich mir keinen bes­se­ren wün­schen könnte.

Gemeinsam phan­ta­sti­sche (und fan­ta­sti­sche) Dinge gemacht haben wir erst­mals bei Alien Contact, dann beim Shayol Verlag, beim Golkonda Verlag und zwi­schen­durch, wenn sich die Gelegenheit ergab, bei Klett-Cotta und S. Fischer. Dabei erin­nere ich mich an groß­ar­tige Gespräche in der Buchhandlung Otherland, bei Clubabenden oder in Kneipen, an buch­stäb­lich zahl­lose Mails, deren Spannweite von Konzeptentwürfen für Verlagsprojekte bis zu ein­zel­nen Tippfehlern in Druckfahnen reicht (stets beglei­tet vom Austausch über per­sön­li­che Hoch- und Tiefpunkte) … ohne Hardy wäre mein Leben in den letz­ten zwei­ein­halb Jahrzehnten um ein Vielfaches ärmer gewe­sen.

Ein paar Dinge zeich­nen ihn, aus meiner sub­jek­ti­ven Warte betrach­tet, ganz beson­ders aus: seine bei­nahe gren­zen­lose Geduld und Freundlichkeit, seine Begeisterungsfähigkeit und sein unfass­ba­rer Fleiß. Wer selbst in der Buchbranche arbei­tet, mag den Aha-Effekt zu schät­zen wissen, den es aus­löst, wenn ich am frühen Abend die Datei eines Romans maile, mit der Bitte, diesen Text bei Gelegenheit zu setzen — und am näch­sten Morgen eine PDF der Druckfahnen im Posteingang habe. Kein Wunder also, dass mein Verhältnis zu Hardy neben großer Zuneigung auch von Sorge beglei­tet ist, irgend­wann könnte diese Effektivität auch ihren Tribut for­dern … aber das hin­dert uns nicht daran, weiter gemein­sam Pläne zu schmie­den, uns über gemein­sam pro­du­zierte Bücher zu freuen — und zu hoffen, dass das noch eine ganze Weile so wei­ter­geht.

Deshalb soll­ten wir uns bewusst sein, dass alles, wor­über wir uns im Zusammenhang mit Carcosa freuen, ob als Kunstschaffende oder als Kunstschätzende (nicht selten trifft beides zu), zu einem Gutteil auf­grund dieser groß­ar­ti­gen Zusammenarbeit mit diesem groß­ar­ti­gen Menschen mög­lich ist. Dem ich — und viele andere — mehr Dank schul­den, als sich in Worte fassen lässt. Deshalb ein­fach nur: Danke, Hardy. Für alles, was wir gemein­sam gemacht haben; und was wir noch gemein­sam machen werden.

Weshalb ich dieses Mal auch mit dem Satz schließe: Haben Sie auch schon aus­rei­chend Memoranda- und Carcosa-Bücher vor­be­stellt?


Sonntag, den 10. September 2023

Es geht los! Willkommen zum ersten Blogeintrag, in dem ich mich und dieses Projekt kurz vor­stel­len möchte. Mein Name ist Hannes Riffel, und ich bin … ein Büchermensch. Als es dieses Berufsbild noch gab, habe ich im badi­schen Freiburg Verlagsbuchhändler gelernt (und dabei den Betrieb von Grund auf ken­nen­ge­lernt: Lektorat, Marketing, Vertrieb, Herstellung, Sortiment …), ein Jahr als Werbemann für einen Zeitschriftenverlag gear­bei­tet, vorher und hin­ter­her ein paar Semester Anglistik, Geschichte und Psychologie stu­diert und zusam­men mit zwei Freunden eine Buchhandlung für Science Fiction und Fantasy über­nom­men und aus­ge­baut. 1998 bin ich nach Berlin gezo­gen, habe dort die Buchhandlung Otherland mit­ge­grün­det und diese 2013 an die nach­fol­gende Generation über­ge­ben (die eine Menge besser macht, als ich das je gekonnt hätte).

Parallel dazu habe ich an meiner Karriere als Literaturübersetzer gear­bei­tet (beson­ders stolz bin ich auf meine Übertragungen der Werke von Hal Duncan, William Gibson, Stephen King und Joe R. Lansdale), für einige kleine und große Verlage Programmarbeit gemacht, einen eige­nen Kleinverlag gegrün­det und ver­kauft und schließ­lich sechs Jahre lang für S. Fischer in Frankfurt das Berliner Büro mit dem SF/Fantasy-Imprint Tor gelei­tet. Nachdem das zer­schla­gen wurde, habe ich, mich auf die groß­ar­tige Zusammenarbeit mit Memoranda-Verleger Hardy Kettlitz und die Gestalterin Ben besin­nend, den Carcosa Verlag ins Leben geru­fen.

Und nach gut zwei Jahren Vorbereitungszeit (in denen ich, haupt­be­ruf­lich sozu­sa­gen, sämt­li­che klas­si­schen Elric-Romane von Michael Moorcock neu über­setzt habe) erschei­nen in gut vier Wochen am 16. Oktober die ersten fünf Bücher unse­res ersten Programms. Unsere Auswahl von Autor:innen verrät, so meine ich, eine klare Handschrift: Wir sind ange­tre­ten, anspruchs­volle, pro­gres­sive Phantastik zu ver­le­gen, ohne Wenn und Aber. Und hoffen, dafür ein Publikum zu finden, das ebenso unter­hal­ten wie gefor­dert werden möchte.

Vielleicht noch ein Wort zum Verlagssitz: Wittenberge liegt im Landkreis Prignitz an der Elbe, etwa auf halber Strecke zwi­schen Hamburg und Berlin, ist prak­ti­scher­weise mit einem Fernbahnhof aus­ge­stat­tet (sieb­zig Minuten bis Hamburg, fünf­zig bis Berlin) und bietet so viel Ruhe zum Arbeiten (und mehr), wie ich mir nur wün­schen kann; von bezahl­ba­ren Mieten und einer klei­nen, feinen Kulturszene ganz zu schwei­gen. Dazu später mehr — bald sollte auch der erste Raum des neuen Verlagsbüros (im Ausschnitt rechts die Fenster von Lektorat, Lager und Besprechungszimmer) in einem vor­zeig­ba­ren Zustand sein (natür­lich das Lager), dann poste ich wei­tere Bilder.

Jetzt gleich schnappe ich mir ein Buch (den zwei­ten Pyat-Roman von, schon wieder, Michael Moorcock) und setze mich damit ans Elbufer. Und schließe mit der Frage, die in abge­wan­del­ter Form am Ende jedes künf­ti­gen Blogbeitrags stehen wird: Haben Sie auch schon aus­rei­chend Carcosa-Bücher vor­be­stellt?