von Kim Stanley Robinson
Das Gesellschaftssystem, das heute die Welt bestimmt, ist nicht schwer zu entschlüsseln. Ein winziger Prozentsatz der Bevölkerung ist ungeheuer reich, einige Menschen sind wohlhabend, viele kommen gerade so zurecht, viele leiden Not. Wir bezeichnen das als Kapitalismus, aber tatsächlich verbergen sich darin auch Überreste des Feudalismus und anderer alter Herrschaftsstrukturen, tiefsitzende Formen von Ungerechtigkeit, die unsere Institutionen bis heute prägen. Wie wir mit dieser Realität umgehen, hängt jedoch davon ab, welches Bild wir uns von ihr gemacht haben. Wir tragen Scheuklappen und sehen nur das, was zu unseren Vorstellungen passt.
Und marschieren dabei auf einem schmalen Pfad an einem Abgrund entlang. Es gibt Phasen, in denen alles stabil scheint. Die Wochen vergehen, ohne dass sich viel ändert. Aber solche Inseln in der Zeit zerfallen auch wieder. Alle Menschen, die heute leben, werden irgendwann nicht mehr existieren; jeder wird anders sein. Das Einzige, was die Generationen dann noch verbinden wird, sind ihre Geschichten und ihre DNA. Lange Ketten von einfachsten Bausteinen – Guanin, Adenin, Cytosin, Thymin – Liebe, Hoffnung, Furcht, Selbstsucht – in fortwährend wechselnden Kombinationen. Bis ein Wunder geschieht …
… und der Organismus einen Sprung nach vorn tut!
* * * * *
Charlie kämpfte sich auf die Beine und baute sich neben dem Bett auf, beide Fäuste weit von sich gestreckt wie ein Boxer aus dem neunzehnten Jahrhundert.
»Was ist denn?«, rief er gegen den Lärm an.
Das war kein Weckerklingeln, das war Joe. Er stand mitten im Zimmer und heulte. Jetzt starrte er seinen Vater verblüfft an. »Ba.«
»Himmel, Joe.« Die Haut an Charlies Brust und Armen begann wieder zu jucken. Wie fast jede Nacht seit seiner Begegnung mit dem Giftsumach hatte er sich die meiste Zeit unruhig im Bett herumgeworfen. Vermutlich war er erst vor ein oder zwei Stunden eingeschlafen. »Wie viel Uhr ist es denn? Noch nicht mal sieben, Joe! Brüll doch nicht so. Du musst mir nur auf die Schulter tippen, wenn ich noch schlafe, und dann sagst du: ›Guten Morgen, Dad, kannst du mir bitte ein Fläschchen wärmen?‹«
Joe kam näher, tippte ihm auf den Oberschenkel und blickte still zu ihm auf. »Mo da. Wla ba.«
»Mensch, Joe! Toll! Da mache ich dir doch gern ein Fläschchen warm! Sehr gut. Sag mal, hast du schon Kacka in die Windel gemacht? Zieh sie mal runter und setz dich im Bad auf dein Töpfchen wie ein großer Junge. Mach Kacka wie Nick, und wenn du danach in die Küche kommst, ist dein Fläschchen fertig. Hört sich das nicht gut an?«
»Ga da.« Joe tappte Richtung Badezimmer davon.
Verblüfft folgte Charlie ihm aus dem Zimmer und stieg möglichst vorsichtig die Treppe hinunter, um keinen neuen Juckreiz auszulösen. In der Küche war es angenehm kühl. Nick saß da und las. »Ich möchte zum Spielen in den Park«, sagte er, ohne aufzublicken.
»Ich dachte, du musst noch Hausaufgaben machen.«
»Na ja, irgendwie schon. Aber ich möchte lieber spielen gehen.«
»Wieso machst du nicht erst deine Hausaufgaben und gehst danach raus? Dann kannst du das Spielen richtig genießen.«
Nick legte den Kopf schräg. »Stimmt. Gut, ich mache erst meine Hausaufgaben.« Er schlüpfte hinaus, das Buch unter dem Arm.
»Ach, und nimm bitte deine Schuhe mit nach oben.«
»Na klar, Dad.«
Charlie starrte sein Spiegelbild in der Seitenfläche der Abzugshaube an. Seine Augen waren riesengroß.
»Hmm.« Er stellte Joes Fläschchen in den Topf und steckte sich einen Kopfhörer ins linke Ohr. »Phil anrufen«, befahl er dem Telefon. »Hallo, Phil, mir ist da etwas eingefallen, das ich gleich mit Ihnen besprechen wollte. Wie wäre es, wenn wir das Gesetz zu China und den Aerosolen noch mal einbringen? Die Sache mit der Luftverschmutzung ist gerade an einem kritischen Punkt, wir könnten eine Entwicklung anstoßen, die zur Stilllegung aller Kohlekraftwerke hier an der Ostküste führt. Und es wäre ein Testballon, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
»Hmm, gute Idee, Charlie, den Gesetzentwurf hatte ich ganz vergessen. Dabei war der ziemlich gelungen. Rufen Sie Roy an und sagen Sie ihm, er soll das vorbereiten.«
»Na klar, Phil, wird gleich erledigt.«
Charlie nahm das Fläschchen aus dem Topf und trocknete es ab. Joe tauchte an der Tür auf, völlig nackt, und hielt Charlie die Windel hin.
»Wow, Joe, super! Hast du Kacka auf dem Töpfchen gemacht? Sehr gut, und hier ist dein Fläschchen, die perfekte Pawlowsche Belohnung.«
Joe entriss Charlie das Fläschchen und tappte davon. Dabei zog er einen langen Streifen Toilettenpapier hinter sich her, das Ende steckte zwischen seinen Pobacken fest.
Heilige Scheiße, dachte Charlie. Sozusagen.
Er rief Roy an und teilte ihm mit, dass Phil die Wiedervorlage des China-Gesetzes gebilligt hatte. Roy konnte es nicht glauben. »Was soll denn das heißen? Damit sind wir doch grandios gescheitert, die Leute haben nur gelacht, und heute wäre es noch schlimmer!«
»Das stimmt nicht. Wir haben zwar verloren, aber dabei viele Pluspunkte gesammelt, die wir dann anderweitig einsetzen konnten. Diesmal wird es genauso laufen, weil wir einfach recht haben, Roy, wir haben das Recht auf unserer Seite.«
»Ja, natürlich, das ist klar, aber darauf kommt es doch nicht an …«
»Darauf kommt es nicht an? Sind wir etwa schon so abgestumpft, dass es uns nicht mehr interessiert, wer recht hat?«
»Nein, natürlich nicht, aber darauf kommt es auch nicht an, es ist wie beim Schach, jede Aktion ist nur ein Schachzug im großen Spiel, verstehst du?«
»Klar verstehe ich das, die Analogie stammt schließlich von mir, aber genau darauf will ich ja hinaus. Es ist ein guter Spielzug, es treibt sie in die Enge, und wenn sie nicht schachmatt gesetzt werden wollen, müssen sie eine Königin opfern.«
»Hältst du es wirklich für so wirkungsvoll? Warum?«
»Weil Winston enge Verbindungen zur chinesischen Industrie hat, was er seinen Wählern aber nie erklären könnte. Christliche Realpolitik ist eben voller Widersprüche, also ist er an dem Punkt angreifbar, verstehst du?«
»Nun ja, stimmt natürlich. Und Phil hat es schon abgesegnet?«
»Ja, hat er.«
»Okay, ihr habt mich überzeugt.«
Charlie legte auf und tanzte ein wenig umher, erst in der Küche, dann im Wohnzimmer. Dort hockte Joe auf dem Fußboden und versuchte, wieder in seine Windel zu steigen. Die Klebestreifen hatten sich auf beiden Seiten gelöst. »Guter Ansatz, Joe, komm, ich helfe dir.«
»Okay da.« Joe hielt ihm die Windel hin.
»Hmm«, sagte Charlie, plötzlich misstrauisch.
Er rief Anna an und erreichte sie auch sofort. »Hey, Täubchen, wie geht’s, ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe und mit dir nach Jamaika fliegen möchte. Nur wir zwei, die Kinder bringen wir schon irgendwo unter, und dann mieten wir uns einen Strand, ganz für uns allein, und bleiben eine Woche. Oder auch zwei. Tut uns auf jeden Fall gut.«
»Das stimmt.«
»Wegen der ganzen Unruhen und so ist es da unten im Moment ziemlich billig. Vermutlich hätten wir die Insel praktisch für uns.«
»Das stimmt.«
»Dann rufe ich gleich mal im Reisebüro an und sage ihnen, sie sollen es von meinem Spesenkonto abbuchen.«
»Mach das.«
Er hörte so etwas wie ein feuchtes Knirschen und wachte auf.
»Ach, scheiße.«
Er wusste genau, was passiert war, denn es geschah nicht zum ersten Mal. Wenn die Dinge in einem seiner Träume zu gut oder zu schlecht liefen – wie dieses Mal, als er plötzlich diese erstaunliche Überzeugungskraft besaß –, wurde sein Traumbewusstsein misstrauisch und erfand immer unglaubwürdigere Szenarien, bis die Illusion schließlich zerplatzte. Zerstörende Werkstoffprüfung sozusagen.
Charlie hätte es fast lustig gefunden. Wenn sich die Träume nicht so oft im ungünstigsten Moment auflösen würden. Es hatte schon etwas Perverses: Statt den Traum zu genießen, testete er die Grenzen der Glaubwürdigkeit aus. Aber so war sein Verstand anscheinend gebaut. Da konnte er nur stöhnen und lachen und versuchen, seinem schlafenden Bewusstsein auf Dauer etwas mehr Freude an der Wunscherfüllung beizubringen.
Wie sich herausstellte, war dies einer der Tage, an denen Anna zu Hause arbeitete, um dem vom Giftsumach geplagten Charlie etwas Zeit ohne Joe zu verschaffen. Charlie wollte die Gelegenheit dazu nutzen, im Büro vorbeizuschauen und mit Phil die nächsten Schritte zu besprechen. Er musste Phil unbedingt für eine Reihe kleinerer Gesetzentwürfe gewinnen, mit denen sich die wichtigsten Teile des Gesamtpakets retten ließen.
Als er nach unten kam, backte Anna schon Pfannkuchen für die Jungs. Joe benutzte seine gerne als kleine Frisbeescheiben. »Morgen, Liebling.«
»Hallo, Schatz.« Er küsste sie aufs Ohr und atmete den Duft ihres Haars ein. »Ich hatte einen tollen Traum. Ich konnte die Leute zu allem Möglichen überreden.«
»Wieso ist das ein Traum?«
»Mach dich nicht lustig! Von mir lässt sich nie jemand zu irgendwas überreden. Nein, es war definitiv ein Traum. Aber dann habe ich es zu weit getrieben, und plötzlich war Schluss. Ich wollte nämlich, dass du mit mir allein nach Jamaika durchbrennst, und du hast ja gesagt.«
Die Vorstellung entlockte ihr ein fröhliches Lachen, worauf er ebenfalls lachen musste, und der Traum verwandelte sich von einem boshaften Witz in ein Geschenk.
Charlie wandte sich dem Computerbildschirm in der Küche zu und überflog die Nachrichten. Eine Schlagzeile lautete: »Stürmischer Montag.« Aus den Subtropen zogen mehrere große Stürme heran, und über dem frischen Blau des Atlantik verlief eine Kette weißer Flecken, die sich alle Richtung Süden bewegten. Polarwirbel. Einige der Satellitenbilder zeigten, aus besonders großer Höhe aufgenommen, fast die gesamte Nordhalbkugel; ihr Anblick erinnerte Charlie daran, wie seine Haut gleich nach seiner Begegnung mit dem Giftsumach ausgesehen hatte. Eine riesige weiße Blase hatte am Vortag ganz Südkalifornien zugedeckt, eine zweite kam von Kanada auf sie zu – und die hatte es in sich: groß, feucht, etwas wärmer als üblich. Sie wanderte von Saskatchewan nach Süden.
In den Medien überschlugen sich bereits die Warnungen der Meteorologen, nicht nur vor diesem arktischen Sturm, sondern auch vor einem Tropensturm, der gerade die Bahamas passierte.
»So eindrucksvoll auch wieder nicht, sagt dieser Typ! Mein Gott, inzwischen spielt wirklich jeder den Kritiker. Sie rezensieren selbst das Wetter.«
»›Geschmackvolle kleine Zirruswolken‹«, zitierte Anna aus einer früheren Meldung.
»Genau. Und irgendjemand hat neulich von ›angeberischen Gewitterwolken‹ geredet.«
»Es geht ihnen nur ums Melodrama«, vermutete Anna. »Das Wetter als schlechte Kunst. Eine Seifenoper. Oder eine Art Reality-Show. Meinst du, du solltest zu Hause bleiben?«
»Nein, nicht nötig. Ich will nur zur Arbeit.«
»Okay.« Die Begründung leuchtete Anna ein; sie ließ sich auch nicht so schnell davon abhalten, zur Arbeit zu fahren. »Aber pass auf dich auf.«
»Mach ich. Ich bleibe im Büro.«
Charlie ging nach oben und zog sich an. Ein Ausflug ohne Joe! Es war fast ein Abenteuer.
Als er jedoch die Wisconsin Avenue entlanglief, musste er sich eingestehen, dass er seinen kleinen Sklaventreiber ein wenig vermisste. An einer Straßenecke donnerte ein riesiger Sattelschlepper vorbei, während er auf Grün wartete, und Charlie sagte laut: »Oooh, großes Auto!« Woraufhin sich die anderen Fußgänger an der Ampel nach ihm umdrehten. Wie peinlich. Aber es fiel ihm tatsächlich schwer, nicht immer wieder zu vergessen, dass er allein unterwegs war. Auch das Fehlen des Tragegestells irritierte ihn, sodass er ständig die Schultern bewegte. Der Wind blies ihm direkt in den Nacken. Eigentlich hätte er viel lieber Joe bei sich gehabt – eine schreckliche Erkenntnis. »Mein Gott, Quibler, so weit ist es schon mit dir gekommen.«
Andererseits war es natürlich gut, dass die Trageriemen des Gestells nicht über seine Brust rieben. Schon der Stoff des T‑Shirts verbunden mit dem leichten Schweißfilm auf der Haut reizte die wunden Stellen. Seit er in den Baum geklettert war, fand er nachts kaum noch Schlaf, sondern kämpfte Stunde um Stunde gegen das quälende Jucken und den Drang, sich zu kratzen. Sein seelisches Gleichgewicht war gründlichst gestört. Was auch an den hochdosierten Steroiden liegen mochte, die sein Arzt ihm gespritzt und in Form von Tabletten verschrieben hatte. Oder einfach am Juckreiz. Jedes Stück Kleidung schien auf seiner Haut eine unendliche Folge winziger Stromstöße auszulösen.
Schon nach wenigen Tagen hatte er begonnen, zu halluzinieren und Unsinn zu reden. Jetzt, nach über einer Woche, war es noch schlimmer. Seine Augen brannten, alle Dinge schienen von einer Aura umgeben, beim kleinsten Geräusch zuckte er zusammen. So ungefähr stellte er sich die Endphase eines Crystal-Meth-Rauschs vor oder die letzten Stunden eines LSD-Trips. Das Gehirn blankgescheuert, benommen, wund. Allen Sinneseindrücken ausgeliefert.
Er fuhr mit der Metro, aber stieg schon am Dupont Circle aus, denn er wollte zur Abwechslung einmal ohne Joe spazieren gehen. Bei Kramer’s kaufte er sich einen Espresso zum Mitnehmen, dann begann er den Kreisverkehr zu umrunden, weil er bei der hiesigen Second-Story-Filiale vorbeischauen wollte. Gleich darauf blieb er jedoch wieder stehen: Genau das hätte er auch bei einem Ausflug mit Joe getan.
Also wandte er sich stattdessen nach Südosten und folgte der Connecticut Avenue in Richtung Washington Mall. Im Gehen bewunderte er die eindrucksvollen Wolken, riesige, aufgebauschte, weiß schimmernde Türme, die hoch oben am blassen Himmel aufragten.
Bei dem wundervollen Landkartengeschäft an der Eye Street hielt er inne und verlor sich eine Weile in den – ebenfalls wolkenhaften – Umrissen ferner Länder. Als er wieder ins Freie trat, wurde ihm bewusst, dass die realen Wolken keineswegs vom Westen oder Südosten heranzogen, sondern an Ort und Stelle blieben und stetig anschwollen. Strahlend helle Ambosswolken, die bestimmt bis in fünfzehntausend Meter Höhe hinaufreichten, ein gewaltiges Gebirge, das so solide wirkte, als wäre es aus Marmor.
Er holte sein Telefon hervor und hielt es sich ans Ohr. »Roy anrufen.«
Eine Sekunde später: »Roy Anastophoulus.«
»Roy, hier ist Charlie. Ich bin gleich im Büro.«
»Ich bin nicht da.«
»Ach komm!«
»Ich weiß. Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?«
»Keine Ahnung.«
»Was willst du denn im Büro?«
»Mit Phil sprechen. Heute Morgen habe ich geträumt, ich könnte jeden von allem überzeugen. Sogar Joe. Im Traum habe ich Phil dazu überredet, den Gesetzentwurf zu China und den Aerosolen noch einmal einzubringen. Du hast zugestimmt.«
»Der Giftsumach hat dich in den Wahnsinn getrieben.«
»Wohl wahr. Liegt bestimmt an den Steroiden. Ich meine, für mich sehen die Wolken so aus, als würden sie pulsieren. Als wüssten sie nicht, wo sie hinziehen sollen.«
»Das dürfte stimmen. Hier stoßen heute zwei Tiefdruckgebiete aufeinander. Hast du noch nichts davon gehört?«
»Wie könnte ich es überhört haben.«
»Es soll richtig heftig regnen.«
»Bis ins Büro werde ich es wohl noch schaffen.«
»Gut. Aber hör zu, sei nicht zu streng mit Phil, wenn er nachher vorbeikommt. Er ist sowieso schon ganz unglücklich.«
»Wirklich?«
»Nun ja – eigentlich nicht. Ich meine, hast du Phil schon mal unglücklich erlebt?«
»Nie.«
»Eben. Aber wenn er überhaupt unglücklich sein könnte, dann wäre er es jetzt. Und vergiss nicht, er ist wirklich geschickt darin, das meiste aus seinen Gesetzentwürfen herauszuholen. Er weiß, wo die Grenzen liegen, und versucht trotzdem, möglichst viel zu erreichen. Für ihn ist das Ganze kein Nullsummenspiel. Er denkt nicht in ›Wir gegen sie‹.«
»Es geht aber um ›Wir gegen sie.‹«
»Richtig. Aber Phil plant langfristiger. Früher oder später werden ein paar von den anderen zu uns überlaufen. Und bis dahin hat er ein paar ziemlich gute Tricks auf Lager. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass das Mammutgesetz aufgeteilt wurde. Auf viele der Einzelthemen werden wir noch zurückkommen.«
»Schon möglich. Aber mit China und den Aerosolen haben wir es nicht wieder versucht.«
»Jedenfalls noch nicht.«
Die nächsten Sätze bekam Charlie nicht mit, weil er eine Straße überqueren musste. Als er wieder hinhörte, sagte Roy gerade: »Du hast also geträumt, du wärst Xenophon, ja?«
»Wer?«
»Xenophon. Hat die Anabasis geschrieben. Darin erzählt er, wie er mit einem Haufen griechischer Söldner in der Türkei festsaß und sich nach Hause durchschlagen musste. Sie diskutieren ständig, wie sie vorgehen sollen, am Ende folgen sie jedes Mal Xenophons Vorschlag, und alles, was er plant, klappt wie am Schnürchen. Für mich ist das der erste politische Fantasy-Roman überhaupt. Wen hast du denn sonst noch überzeugt?«
»Ich habe Joe dazu gebracht, sich ohne meine Hilfe auf den Topf zu setzen, und Anna war einverstanden, die Kinder zu Hause zu lassen und mit mir Urlaub in Jamaika zu machen.«
Roy lachte herzhaft. »Träume können so witzig sein.«
»Ja, aber auch dreist. Sehr dreist. Beim Aufwachen frage ich mich manchmal, warum ich nicht immer so dreist bin. Ich meine, was haben wir schon zu verlieren?«
»Jamaika, Mann. Hey, hast du gewusst, dass sich ein paar Hotels dort an der Nordküste auf Paare spezialisiert haben, die ständig halböffentlich Sex haben wollen? Im Freien, am Pool oder am Strand?«
»So viel zum Thema Fantasy.«
»Ja, aber meinst du nicht, das könnte interessant sein?«
»Also, in meinen Ohren klingt das nach … Verzweiflung möchte ich jetzt nicht gleich sagen, aber auf jeden Fall … große Not?«
»Stimmt. Habe ich. Es ist Wochen her.«
»Du Ärmster. Bei mir ist es Wochen her, seit ich das Haus verlassen habe.«
Für Roy war eine Pause von mehreren Wochen zwischen zwei Liebschaften tatsächlich ungewöhnlich. Es war ein offenes Geheimnis, dass unter den ehrgeizigen, unverheirateten jungen Leuten, die in Scharen nach Washington kamen, um die Welt zu regieren, sehr viel kollegialer Sex stattfand. »Ich werde heute Abend wohl tanzen gehen müssen«, sagte Roy, als wäre das etwas ganz Furchtbares.
»Du tust mir so leid! Ich werde zu Hause sitzen und versuchen, mich nicht zu kratzen.«
»Dir geht es doch gut. Du hast, was du brauchst. Hey, da kommt mein Essen.«
»Wo bist du überhaupt?«
»Im Bombay Club.«
»Gütiger Himmel.« Das Restaurant wurde von zwei Amerikanern indischer Abstammung geführt und war bei Leuten aus dem Politikbetrieb sehr beliebt.«
»Lachs Tandoori?«, fragte Charlie neidisch.
»Genau. Sieht toll aus und duftet fantastisch.«
»Bei mir gab es gestern Mittag Gerbers Babybrei ›Spinat‹.«
»Nein. Das isst du doch nicht wirklich.«
»Aber klar. Schmeckt gar nicht übel. Nur etwas schwach gesalzen.«
»Igitt!«
»Weißt du, besonders gerne mische ich mir etwas Banane in den Spinatbrei.«
»Hör auf!«
»Mach’s gut.«
»Du auch.«
Unter den Gewitterwolken war es recht dunkel geworden. Die Unterseiten der Wolken waren schwarz. Überall auf dem Pflaster sah man große Flecken, als wären dort Ballons voller Wasser geplatzt. Charlie ging schneller und erreichte das Gebäude mit Phils Büro gerade noch rechtzeitig.
Durch die Glastüren schaute er noch einmal nach draußen. Regen prasselte auf die Mall, ein Wolkenbruch im wahrsten Sinne des Wortes. Die Tropfen waren riesig, als hätten sich in den Gewitterwolken Hagelkörner von Baseballgröße gebildet und wären dann auf dem Weg nach unten geschmolzen.
Charlie sah dem Schauspiel eine Zeit lang zu, dann fuhr er nach oben. Dort teilte Evelyn ihm mit, dass Phils Flug Verspätung hatte und Phil eventuell mit dem Auto aus Richmond zurückkehren würde.
Charlie seufzte. Also heute keine Besprechung.
Stattdessen las er Berichte und ging seine Post holen. Evelyns Büro lag nach Süden, durch die Fenster sah man links das Kapitol und direkt gegenüber das Luft- und Raumfahrtmuseum auf der anderen Seite der Mall. In dem trüben Licht hatten die großen Gebäude etwas Unheimliches, als könnten darin Riesen hausen.
Dann war die Mittagszeit vorbei, und er hatte Hunger. Der Regen hatte offenbar etwas nachgelassen. Charlie schnappte sich einen Schirm und ging nach draußen. Er wollte sich bei dem iranischen Imbiss in der C Street ein Sandwich holen.
Es regnete stetig, aber nicht stark. Die Straßen waren menschenleer. An vielen Kreuzungen stand das Wasser bis zum Bordstein, an einigen Stellen sogar noch höher, sodass es auch die Gehwege überschwemmte.
In dem Imbiss summte der Grill, aber es war kaum jemand da. Zwei Köche und die Kassiererin standen vor einem Fernseher, der hoch oben in einer Ecke hing, und sahen sich die Nachrichten an. Als sie Charlie erkannten, blieben sie, wo sie waren. Im Raum duftete es nach Basmatireis.
»Da kommt ein großes Unwetter«, sagte die Kassiererin. »Wissen Sie schon, was Sie möchten?«
»Ja, danke. Ich nehme das Übliche, Pastrami-Sandwich auf Roggenbrot.«
»Mit Überschwemmungen«, sagte einer der Köche.
»Ach ja?«, erwiderte Charlie. »Mehr als sonst?«
Die Kassiererin nickte, den Blick immer noch auf den Fernseher gerichtet. »Zwei Stürme und Springflut. Oben, unten und in der Mitte.«
»Oje.«
Charlie fragte sich, was das wohl zu bedeuten hatte. Er blickte ebenfalls zum Fernseher. Auf Satellitenaufnahmen sah man eine riesige weiße Wolkendecke über New York und Pennsylvania hinwegziehen. Zugleich wirbelte ein Tropensturm an den Bermudas vorbei. Da braute sich offenbar wieder einmal ein gewaltiges Unwetter zusammen. Nicht dass es die mittelatlantischen Bundesstaaten sonst nicht geschafft hätten, ihrem Namen gerecht zu werden. Heutzutage genügte dafür schon ein nicht ganz so gewaltiges Unwetter. Im Fernsehen sagte jemand etwas von einem Elfjahresrhythmus der Gezeiten und dem stärksten El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen. »Ein Einzugsgebiet von 36.000 Quadratkilometern«, hieß es.
»Auf jeden Fall wird es feucht«, bemerkte Charlie.
Die Iraner nickten stumm. Noch vor fünf Jahren hätten sie den Imbiss vermutlich geschlossen, aber dies war das vierte gewaltige Unwetter in drei Jahren. Sie waren abgestumpft, wie alle anderen auch. Man hatte sie schon zu häufig gewarnt. Dabei hatten alle drei gewaltigen Unwetter durchaus echte Katastrophen ausgelöst. Aber nur an bestimmten Orten, nicht in Washington. Heutzutage überprüften die Leute nur noch kurz ihre Notvorräte und gingen dann wie gewohnt ihren Geschäften nach, Schirm und Telefon stets griffbereit. Und Charlie machte es ja genauso, wie ihm gerade bewusst wurde: Er kaufte sich ein Sandwich und kehrte ins Büro zurück. Wie sollte er sonst mit der Situation umgehen?
Während die Iraner sein Sandwich zubereiteten, schauten sie immer wieder zum Fernseher. Dort waren jetzt überschwemmte Felder zu sehen, offenbar im oberen Einzugsgebiet des Potomac.
»Drei Meter«, sagte die Kassiererin, während sie ihm das Wechselgeld herausgab, aber er wusste nicht, was sie damit meinte. Der Koch schnitt das eingewickelte Sandwich in der Mitte durch und legte es in eine Tüte. »Der erste ist der schlimmste.«
Charlie nahm die Tüte entgegen und eilte durch die halbdunklen Straßen zum Büro zurück. Ab und zu kam er an erleuchteten Fenstern vorbei, hinter denen Menschen vor Computern saßen. Sie erinnerten ihn an Gestalten auf einem Gemälde von Hopper.
Der Regen wurde stärker, der Wind rauschte in den Baumkronen und pfiff um die Ecken der Gebäude. Aufgrund des merkwürdig flachen Blickwinkels in Washington waren große niedrige Wolkenfelder zu sehen.
An einer Straßenecke blieb Charlie stehen und schaute umher. Seine Haut brannte. Wegen der Nässe und des schwachen Lichts wirkte alles ein wenig unwirklich, als wäre die Straße eine kunstvoll beleuchtete Bühne, auf der gleich etwas Verhängnisvolles stattfinden sollte. Wieder hatte er das Gefühl, in eine Welt geraten zu sein, in der ganz reale Dinge die Eigenschaften von Traumbildern annahmen. Schimmernd, surreal, randvoll mit irgendeiner nicht greifbaren Bedeutung. Manchmal reichte es schon, bei schlechtem Wetter ins Freie zu gehen.
Im Büro setzte er sich an seinen Schreibtisch, aß und ging seine Aufgabenliste durch. Das Sandwich schmeckte gut. Der Kaffee aus der Büromaschine schmeckte schlecht. Charlie verfasste ein Memo, in dem er Phil dazu drängte, auch diejenigen Teile des Gesetzespakets weiterzuverfolgen, die bisher durch die Ritzen gefallen waren.
Das Rauschen des Regens ließ ihn an die Khembalis und ihre niedrig gelegene Insel denken. Welche Möglichkeiten hatten sie überhaupt, ihre Heimat zu schützen? Er googelte »Khembalung«, und als das über achttausend Treffer ergab, suchte er nach »Khembalung« plus »Geschichte«. Diesmal bekam er nur ein paar Dutzend Links.
Er rief die erste Website auf, die ihm interessant schien: »Shambhala-Studien«, mit einer .edu-Adresse.
Gleich beim ersten Absatz klappte ihm die Kinnlade herunter. Khembalung, ein wandelndes Königreich, früher Shambhala genannt. Er überflog den Text:
… wenn die Krieger der Han Zentraltibet erobern, wird es auch für Khembalung an der Zeit sein. Dann wird jemand aus Drepung kommen, jemand namens Sonam aus dem Norden, jemand namens Padma aus dem Westen …
»Ach du Scheiße …«
In seiner ersten Inkarnation wurde Rudra im Jahr 16.017 v. Chr. als König von Olmo Lung Ring geboren …
… Unehrlichkeit und Gier werden siegen, überall auf der Erde wird kruder Materialismus herrschen. Der Tyrann wird glauben, es gäbe nichts mehr zu erobern, aber dann werden sich die Nebel lichten und den Blick auf Shambhala freigeben. Empört darüber, dass er doch nicht die ganze Welt beherrscht, wird der Tyrann es angreifen, aber da wird Rudra Cakrin wiederkehren und eine gewaltige Armee gegen den Angreifer ins Feld führen. In einer großen Schlacht wird das Böse vernichtet (siehe Abbildung 4).
»Gütiger Himmel! Was zum Teufel ist das denn?« Charlie las und las. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter vom Bildschirm entfernt, der inzwischen die einzige Lichtquelle im halbdunklen Raum darstellte. Wiedererscheinen des Königreichs … Reinkarnation seiner Lamas …
Dann ein Abschnitt, in dem beschrieben wurde, wie die Suche nach einem wiedergeborenen Lama verlief. Auf einmal sträubten sich die Härchen auf Charlies Unterarmen, und ein Juckreiz erfasste seinen gesamten Körper. Kleinkinder, die fremde Sprachen beherrschten oder Gegenstände aus dem persönlichen Besitz der vorherigen Inkarnation wiedererkannten oder bestimmte Mandalamuster verwendeten …
Sein Telefon klingelte. Er fuhr in die Höhe.
»Hallo!«
»Charlie! Geht es dir gut?«
»Hallo, Schatz, ja, du hast mich nur erschreckt.«
»Gut! Tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht – in den Nachrichten heißt es, im Zentrum wäre alles überschwemmt, die Mall stünde unter Wasser.«
»Die was?«
»Bist du nicht im Büro?«
»Doch.«
»Ist sonst noch jemand da?«
»Na klar.«
»Und sitzen die alle einfach da und arbeiten?«
Charlie blickte aus der Tür seiner Büronische. Die Etage wirkte tatsächlich ziemlich leer. Es klang ganz so, als hätten sich alle in Evelyns Büro versammelt.
»Ich gehe mal nachsehen und rufe dich wieder an«, sagte er zu Anna.
»Okay, sag mir Bescheid, wenn du weißt, was los ist!«
»Mache ich. Danke für den Hinweis. Hey, bevor wir auflegen, hast du gewusst, dass Khembalung eine Art Reinkarnation von Shambhala ist?«
»Was meinst du damit?«
»Was ich gesagt habe. Shambhala, die verborgene magische Stadt …«
»Ja, das weiß ich …«
»… ist anscheinend so eine Art Wanderzirkus. Sobald sie entdeckt wird oder es sonst irgendwie an der Zeit ist, wechselt sie an einen anderen Ort. Die Ruinen der ursprünglichen Stadt sind erst vor Kurzem in Kashgar entdeckt worden, hast du das gewusst?«
»Nein.«
»Nun, ist aber so. Das war wie die Entdeckung von Troja, oder Atlantis und Santorini. Aber Shambhala ist nicht in Kashgar untergegangen, sondern umgezogen. Erst nach Tibet, dann in eine Tal in Ostnepal oder Westbhutan. Dieses Tal heißt Khembalung. Als die Chinesen dann Tibet besetzt haben, mussten die Lamas vermutlich auf die Insel umziehen.«
»Woher weiß du das alles?«
»Habe ich gerade online gelesen.«
»Das ist ja wirklich nett, Charlie, aber schau jetzt erst mal nach, was bei dir im Büro los ist! Ich glaube nämlich, ihr befindet euch im überschwemmten Gebiet!«
»Okay, wird gemacht. Aber sag mal …« Inzwischen ging er den Korridor entlang. »Hat Drepung eigentlich je erwähnt, wie sie herausfinden, wer der wiedergeborene neue Lama ist?«
»Nein. Jetzt geh schon nachschauen!«
»Okay, bin schon dabei, aber Liebling, bitte sprich ihn mal darauf an. Mir ist nämlich eingefallen, wie der alte Mann und Joe damals beim ersten Abendessen mit den Bauklötzen gespielt haben und dass Sucandra gar nicht damit einverstanden war.«
»Und?«
»Ich will einfach sicher sein, dass da nichts im Busch ist! Das ist kein Scherz, Liebling, ich meine es ernst. Als die Tibeter vor ein paar Jahren nach dem neuen Penchen Lama gesucht haben, bekam irgendein armes kleines Kind deswegen schreckliche Schwierigkeiten mit den Chinesen. Mit so etwas will ich nichts zu tun haben.«
»Was? Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Charlie. Lass uns später darüber sprechen. Jetzt finde erst mal heraus, was bei euch los ist.«
»Okay, okay, aber vergiss es nicht.«
»Nein.«
»Okay. Ich rufe dich gleich wieder an.«
Er betrat Evelyns Büro. Vor dem Südfenster drängten sich Menschen, andere standen vor einem Fernseher auf einem der Schreibtische.
»Schau dir das an«, sagte Andrea zu ihm und deutete auf den Fernseher.
»Ist das etwa von unserer Außenkamera?«, rief Charlie aus. Er hatte die Aussicht entlang der Constitution Avenue erkannt. »Das ist von unserer Außenkamera!«
»Genau.«
»Mein Gott!«
Charlie ging zum Fenster und stellte sich auf die Zehenspitzen, um an den anderen vorbei hinausschauen zu können. Die Washington Mall stand unter Wasser. Alle angrenzenden Straßen waren ebenfalls überflutet. Auf der Constitution Avenue schien das Wasser mindestens einen halben Meter hoch, vielleicht noch höher.
»Unglaublich, oder?«
»Seht euch das an.«
»Seht es euch an!«
»Wieso habt ihr mir nichts gesagt?«, rief Charlie völlig schockiert.
»Wir hatten ganz vergessen, dass du da bist«, erwiderte jemand. »Du bist so selten hier.«
»Das ist erst in der letzten halben Stunde passiert«, fügte Andrea hinzu. »Ganz plötzlich. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen.« Ihre Stimme zitterte. »Es gab einen wirklich heftigen Wolkenbruch, und das Wasser floss nicht mehr ab, die Tropfen fielen in eine riesige Pfütze, und schon war es so wie jetzt.«
Die Constitution Avenue erinnerte an den Canale Grande in Venedig. Die Mall sah aus wie ein See im Regen. Wasser bedeckte Straßen, Gehwege und Rasenflächen. Charlie erinnerte sich, wie verblüfft er gewesen war, als er vor vielen Jahren aus dem Bahnhof von Venedig ins Freie getreten war und direkt vor sich Wasser erblickt hatte. Eine auf Wasser erbaute Stadt. So tief war das Wasser hier natürlich nicht, aber die Vortreppen aller Gebäude endeten in einem bräunlichen See. Eine perfekte Ebene. Braunes Blau, blaues Braun, Braun, Grau, schmutziges Weiß – lauter trübe städtische Farbtöne. Der Regen überzog die Fläche mit einer unendlichen Anzahl von Ringen und hüpfenden Tropfen. Windböen rauten sie auf.
Charlie manövrierte sich durch die unruhige Menschengruppe näher ans Fenster. Er hatte den Eindruck, dass das Wasser aus einiger Entfernung sanft auf sie zuströmte; einen Moment lang sah es so aus (und fühlte sich auch so an), als hätte ihr Gebäude die Anker gelichtet und würde Richtung Westen gleiten. Ihm wurde flau. Er stützte sich mit einer Hand aufs Fensterbrett, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
»Mist, ich sollte nach Hause fahren«, sagte er.
»Wie willst du das denn machen?«
»Man hat uns geraten hierzubleiben«, sagte Evelyn.
»Das ist nicht dein Ernst.«
»Doch. Ich meine, schau dir das an. Da draußen könnte es richtig gefährlich sein. Mit so etwas spaßt man nicht – seht doch, da!« Ein kleines E‑Auto trieb vorbei, auf die Seite gekippt, von der Strömung fortgerissen. »Du könntest ganz leicht den Boden unter den Füßen verlieren.«
»Mein Gott.«
»Genau.«
Ganz überzeugt war Charlie noch nicht, aber er mochte auch nicht streiten. Das Wasser war mindestens einen halben Meter tief, Regen prasselte auf die Oberfläche. Es sah so unheimlich aus, dass man schon deswegen nicht hinausgehen mochte.
»Wie groß ist das überschwemmte Gebiet?«, fragte er.
Evelyn schaltete zu einem lokalen Nachrichtensender um. Eine ausgesprochen gutgelaunte Frau meldete gerade, dass eine schwere Sturmflut vorhergesagt sei, da die Gezeiten sich derzeit am Extrempunkt ihres Elfjahreszyklus befänden. Diesmal werde die Flut sogar noch höher ausfallen, denn der Tropensturm Sandy drücke Meerwasser in die Chesapeake Bay. Derzeit bewegte sich die Flutwelle den Potomac hinauf Richtung Washington. Dabei verlor sie zwar an Höhe und Kraft, verhinderte aber wie ein beweglicher Damm das Ablaufen des Flusswassers. Ein Damm quer über den Potomac. Mit seinem Einzugsgebiet von sechsunddreißigtausend Quadratkilometern, wie Charlie im iranischen Imbiss erfahren hatte. Einem Einzugsgebiet, in dem derzeit rekordverdächtige Niederschlagsmengen registriert wurden. In manchen Gebieten waren innerhalb der letzten vier Stunden bis zu fünfundzwanzig Zentimeter Regen gefallen. All dieses Wasser strömte jetzt flussabwärts, wo es genau auf Höhe der Stadt auf die Gezeitenwelle treffen würde. Verschärft wurde die Lage noch dadurch, dass in Washington selbst während des mittäglichen Wolkenbruchs ebenfalls zehn Zentimeter Regen gefallen waren, was nicht nur eindrucksvoll ausgesehen hatte, sondern auch bewirkte, dass das Wasser nun wirklich nirgendwohin abfließen konnte. All das erklärte die Reporterin mit strahlendem Lächeln.
Draußen regnete es inzwischen nur noch so stark wie an einem gewöhnlichen Sommertag. Aber die Tropfen fielen unaufhörlich und trafen überall auf Wasser.
»Unglaublich«, sagte Andrea.
»Vielleicht spült es ja den Internationalen Währungsfonds weg.«
Die Bemerkung öffnete sozusagen die Schleusentore: Alle fingen an, laut aufzuzählen, welche Gebäude und Institutionen sie gern davonschwimmen sähen. Jemand rief: »Das Kapitol!«, aber das stand natürlich auf dem gleichnamigen Hügel, einer Anhöhe, die sich erst ein ganzes Stück weiter östlich zum Anacostia hin senkte. Die Leute dort würden vermutlich nicht einmal festsitzen, weil auch im Norden höher gelegenes Gelände angrenzte.
Für sie selbst dagegen galt: »Wir werden wohl noch eine Weile hierbleiben dürfen.«
»Es fahren garantiert keine Züge.«
»Und die Metro? O Gott.«
»Ich muss zu Hause anrufen.«
Das sagten mehrere Leute zugleich, unter ihnen auch Charlie. Sie liefen auseinander und kehrten zu ihren Schreibtischen und Telefonen zurück. Charlie befahl seinem Telefon: »Anna anrufen.«
Die Antwort kam schnell: »Das Netz ist derzeit überlastet, bitte versuchen Sie es später noch einmal.« Diese Ansage hatte er seit Jahren nicht mehr gehört. Sie erschreckte ihn sehr. Natürlich musste man in solchen Situationen damit rechnen, weil dann wirklich jeder versuchte, irgendjemanden anzurufen, und weil vermutlich auch einige Funkmasten und Leitungen ausgefallen waren. Aber angenommen, die Störung dauerte Stunden? Oder Tage? Oder noch länger? Schon bei der Vorstellung verspürte er Übelkeit, ihm wurde heiß, und der Juckreiz wallte erneut auf. Er fühlte sich, als sollte ihm ein Arm oder Bein amputiert werden – und so war es ja auch, sein sechster Sinn sollte ihm genommen werden, seine Verbindung zu Anna. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie vollständig er sich normalerweise darauf verließ, ständig mit ihr reden zu können. Sie telefonierten ein Dutzend Mal am Tag. Er brauchte diese Gespräche, um sich im Leben zurechtzufinden. Manchmal buchstäblich.
Jetzt war er von ihr abgeschnitten. Nach dem Stimmengewirr in den Büros zu urteilen bekam auch sonst niemand eine Verbindung. Nach und nach fanden sich alle wieder zu einer Gruppe zusammen. Hatte jemand telefonieren können? Nein. Gab es ein Notsystem? Nein.
Aber man konnte E‑Mails schreiben. Sofort setzten sie sich an ihre Tastaturen. Eine Zeit lang konnte man glauben, man sei in einem Schreibbüro.
Danach gab es nichts mehr zu tun, als auf die Bildschirme oder aus dem Fenster zu starren. Zwischendurch irrten sie ruhelos umher, sagten immer wieder das Gleiche, versuchten zu telefonieren, tippten E‑Mails, schauten aus dem Fenster, wechselten die Fernsehsender, riefen neue Websites auf. Wegen des starken Sturms gab es keine Aufnahmen aus Hubschraubern oder irgendeinem anderen Fluggerät aus geringerer Höhe als den Satelliten, aber inzwischen hatte fast jeder Sender Bilder von Videokameras in der Stadt zusammengestückelt oder übertrug die Aufnahmen live. Eine Wetterstation ließ mit Kameras bestückte Ballons und Luftschiffe aufsteigen und zeigte die Bilder ungefiltert; hauptsächlich sah man wirbelnde graue Wolken, hin und wieder aber auch überraschende Bilder der Landschaft. Diese bestand inzwischen weitgehend aus Seen, aus denen Bäume und Hausdächer ragten. Eine Videokamera auf dem Washington Monument lieferte einen wundervollen Ausblick auf die Überschwemmungen rings um die Mall. Es war atemberaubend. Der Potomac ergoss sich in einen See, der bis zu den Vortreppen des Weißen Hauses und des Kapitols reichte. Beide Gebäude standen auf kleinen Hügeln, wobei der des Kapitols noch etwas höher war. Der gesamte Südwesten des District of Columbia stand unter Wasser, nur die großen Gebäude waren bisher verschont geblieben. Das breite Tal des Anacostia sah aus wie ein riesiger Stausee. Südlich der Pennsylvania Avenue war die Stadt zu einer einzigen Wasserfläche geworden, aus der überall Gebäude und Bäume ragten.
Und nicht nur dort. In der steilen, engen Schlucht des Rock Creek reichte das Flusswasser inzwischen bis zum oberen Rand; auf dem Weg zum Potomac schwappte es an jeder scharfen Talbiegung über. Die Kameras auf der Brücke an der M Street zeigten in eindrucksvollen Bildern, wie die Fluten ein Stück flussaufwärts um die letzte große Biegung schossen, die Francis Junior High School umspülten, auf der 23. Straße nach Süden strömten und bei Foggy Bottom in den See an der Mall mündeten.
Der nächste Sender, die nächsten Kamerabilder. Das Watergate-Gebäude war jetzt tatsächlich zu einem geschwungenen Tor im Wasser geworden. Es sah aus wie die Überreste eines geborstenen Deichs, die jederzeit von den schnell fließenden, unruhigen Fluten des Potomac mitgerissen werden konnten. Dem Kennedy Center gleich südlich ging es nicht besser. Am Lincoln Memorial reichte das Wasser trotz des hohen Podests offenbar bis zu Lincolns Füßen. Auf der anderen Seite des Potomac würden schon bald die niedrig gelegenen Bereiche des Nationalfriedhofs in Arlington überschwemmt werden. Der Reagan Airport stand vollständig unter Wasser.
»Unglaublich.«
Charlie kehrte zum Fenster zurück. Das Wasser war immer noch da. Im Fernsehen sagte jemand, im gesamten Stadtbereich hätten sich inzwischen zwölf Millionen Kubikmeter angesammelt und es sei mit weiteren Regenfällen zu rechnen.
Durchs Fenster konnte Charlie sehen, dass auf den umliegenden Straßen trotz Wind und Regen bereits die ersten kleinen Boote unterwegs waren. Kajaks, ein Wasserskiboot, Kanus, Ruderboote. Im Laufe des Abends, während das trübe Licht unter den dunklen Wolken schwand, wurde der Regen wieder stärker. Es goss so heftig, dass der Aufenthalt auf dem Wasser ganz sicher gefährlich war. Und die meisten Leute in den Booten machten nicht den Eindruck, als hätten sie etwas Wichtiges zu erledigen. Sie waren nur zum Spaß dort draußen – die ersten Abenteuerlustigen!
»Es erinnert mich an Venedig«, sagte Andrea und gab damit wieder, war Charlie vorhin gedacht hatte. »Ich frage mich, wie unser Leben wohl aussähe, wenn das alles so bleibt.«
»Gut möglich, dass wir es bald herausfinden.«
»Wie hoch sind wir hier über dem Meeresspiegel?«
Auswendig wusste das niemand, aber Evelyn rief auf ihrem Computer sofort eine topographische Karte auf. Die anderen drängten sich um sie; einige lasen nur schnell die Webadresse und sahen sich die Karte auf ihren eigenen Geräten an.
»Drei Meter über dem Meeresspiegel? Kann das stimmen?«
»Daher der Name Tidal Basin.«
»Aber ist das Meer nicht fast hundert Kilometer entfernt? Oder sogar hundertfünfzig?«
»Hundertfünfundvierzig Kilometer bis zur Chesapeake Bay«, sagte Evelyn.
»Ich frage mich, ob die Metro unter Wasser steht.«
»Mit Sicherheit, oder?«
»Zumindest an manchen Stellen.«
»Breitet sich das Wasser dann nicht durch alle Tunnel aus?«
»Die Abschnitte liegen unterschiedlich hoch. Die niedrigsten sind mit Sicherheit überschwemmt. Die Zugänge sowieso.«
»Richtig.«
»Wow. So ein Mist.«
»Scheiße, ich bin mit der Metro da.«
»Ich auch«, sagte Charlie.
Sie dachten eine Weile nach. Taxis fuhren garantiert ebenfalls nicht.
»Ich frage mich, wie lange ich zu Fuß nach Hause brauche.«
Aber zwischen der Mall und Bethesda lag der Rock Creek.
Stunden vergingen. Charlie schaute häufig in sein E‑Mail-Postfach, und endlich kam eine Nachricht von Anna: Hier ist alles in Ordnung, gut, dass du im Büro bist, bleib auf jeden Fall da, bis es ungefährlich ist, lass uns telefonieren, sobald es wieder geht, alles Liebe, Anna und die Jungs.
Charlie atmete tief durch, er war ungeheuer erleichtert. Auf der topographischen Karte hatte er als Allererstes nach Bethesda geschaut: Die Stelle, wo die Wisconsin Avenue die Grenze zwischen dem District of Columbia und Maryland überquerte, lag ungefähr fünfundsiebzig Meter über dem Meeresspiegel. Und der Rock Creek verlief ein ganzes Stück weiter östlich. Der kleinere Falls Creek war näher, aber so weit westlich, dass Charlie sich deswegen hoffentlich keine Gedanken machen musste. Die Wisconsin Avenue hatte sich wohl in eine Art flachen Fluss verwandelt, der in Richtung Georgetown strömte – und wäre es nicht toll, wenn die Snobs in Georgetown auch etwas abbekämen? Aber man hätte es sich denken können: Das Viertel war auf einer Anhöhe am Ufer des Potomac erbaut, die Reichen zog es halt immer nach oben. Georgetown lag noch höher als das Kapitol. So war es immer: Die Armen wohnten in den Niederungen. Im Südwesten zum Beispiel, dicht am Anacostia. Dort stand alles unter Wasser.
Es regnete weiter. Die Telefone funktionierten nicht. Die Leute in Phils Büro sahen fern, streckten sich auf den Sofas aus oder reihten auf dem Fußboden Sesselpolster aneinander und versuchten zu schlafen. Draußen ließ der Wind nach, nahm wieder zu, drehte. Der Regen hörte nicht auf. Überall in den stillen, halbdunklen Räumen war das aufgekratzte Geplapper der Fernsehsender zu hören. Charlie fand es seltsam, dass sie alle dieses vermutlich historische Ereignis im Fernsehen verfolgten, obwohl sie doch direkt involviert waren, sich buchstäblich mittendrin befanden.
Er konnte nicht schlafen. Stattdessen streifte er in den Gängen des großen Gebäudes umher und sprach mit den Wachleuten am Vordereingang. Sie hatten sich bemüht, die untere Hälfte aller Türen mit dem Klebeband abzudichten, das das Ministerium für Innere Sicherheit für den Fall eines Gasangriffs ausgab. Im Erdgeschoss war es trotzdem recht feucht geworden, im Keller erst recht; aber ohne die Abdichtung stände das Wasser im Keller vermutlich bis zur Decke. Drüben in den Gebäuden des Smithsonian Institute waren offenbar Hunderte Angestellte damit beschäftigt, Ausstellungsstücke in die oberen Stockwerke zu schaffen. Hier bei ihnen arbeiteten die meisten Leute an ihren Computern; einige berichteten allerdings inzwischen, sie hätten Probleme mit dem Internetzugang. Sollte das Netz ganz zusammenbrechen, wären sie völlig von der Welt abgeschnitten. Wozu ein Mitarbeiter bemerkte: Sollte das Internet zusammenbrechen, wäre die gesamte Menschheit am Arsch. Hier gehe es nur um ihren Zugang zum Internet. Den zu verlieren wäre allerdings schlimm genug.
Schließlich wurde Charlie doch müde und sein Juckreiz so stark, dass er in Phils Büro zurückkehrte, sich auf ein Sofa legte und zu schlafen versuchte.
»Auaaaaa«, stöhnte er, als seine brennende Haut die Polster berührte. Am liebsten hätte er vor Schmerzen geweint. Plötzlich sehnte er sich so sehr nach seinem Zuhause, dass er erneut aufstöhnte. Er brauchte die Nähe zu Anna und den Jungen, ohne sie war er nicht er selbst. So war das also, wenn man eine Katastrophe miterlebte: Einerseits konnte man es kaum glauben, andererseits wurde einem eindringlich bewusst, dass manchmal wirklich schlimme Dinge geschahen.
Der Juckreiz war die reine Folter. Charlie dachte lange, er würde deswegen gar nicht einschlafen können. Während er sich im Halbschlaf hin und her wälzte, sah er ständig Bilder von den Überschwemmungen vor sich, wie in einem Albtraum, aus dem er nur zu gern erwacht wäre. Aber schließlich siegte die Müdigkeit, und er dämmerte weg.
* * * * *
Jenseits des Potomac sah es anders aus. Als der Sturm losbrach, befand Frank sich im Gebäude der NSF. Diane hatte ihn offiziell mit der Gründung des Komitees beauftragt, und da er den Auftrag angenommen hatte, musste die Verlängerung seines Vertrags mit der NSF nun formell besiegelt werden. Das erforderte eine Menge Schriftkram. Die Universität von San Diego erhob keine Einwände – für sie war es von Vorteil, wenn jemand von ihnen bei der NSF arbeitete.
Jetzt saß Frank an seinem Computer und googelte. Aus irgendeinem Grund hatte er die Website von Small Delivery Systems aufgerufen, nur um sie sich einmal anzuschauen. Auf einer der Seiten stieß er auf eine Publikationsliste der Wissenschaftler, die für die Firma arbeiteten. An so einer Liste erkannte man häufig am besten, womit sich eine Firma wirklich beschäftigte. Und fast sofort fiel sein Blick auf einen Artikel, den zwei Personen gemeinsam verfasst hatten: Dr. P. L. Emory – der Direktor der Firma – und Dr. F. Taolini.
Rasch tippte er »Berater« ins Suchfeld der Website und fand die Seite, auf der alle externen Berater aufgeführt waren. Und da war sie: Dr. Francesca Taolini, Massachusetts Institute of Technology, Zentrum für Bioinformatik.
»Das ist ja ein Ding.«
Er lehnte sich zurück und dachte nach. Taolini war von Pierzinskis Förderantrag durchaus angetan gewesen. Sie hatte ihn als »sehr gut« eingestuft und sich bei der Sitzung des Gutachterausschusses für eine Bewilligung eingesetzt – so überzeugend, dass es ihn nervös gemacht hatte. Sie hatte das Potenzial des Projekts erkannt. Und das bedeutete …
Da rief Kenzo an, völlig außer sich wegen des Sturms und der Überschwemmungen, und Frank begann, wie alle anderen im Gebäude, die Nachrichten im Fernsehen und auf der Website der Wetterbehörde NOAA zu verfolgen und sich zu fragen, wie ernst die Lage tatsächlich war. Sehr ernst, stellte sich bald heraus, denn auf dem Bildschirm war jetzt zu sehen, wie der Rock Creek über die Ufer trat und durch die Straßen Richtung Foggy Bottom strömte. Es folgten Aufnahmen aus Foggy Bottom selbst, wo das Wasser hüfthoch stand, und aus dem Südwesten, wo es bis zu den Hausdächern reichte. Am Zusammenfluss von Potomac und Anacostia ragte das Gebäude des National War College mit seinen klassizistischen Säulen aus den Fluten wie ein Tempel auf der versinkenden Insel Atlantis. Beim Jefferson Memorial sah es ähnlich aus. Überall in der Stadt lieferten die regengepeitschten Kameras die gleichen Bilder. Frank betrachtete sie verblüfft. Die Stadt hatte sich in einen See verwandelt.
Die Klimaexperten aus dem achten Stock veröffentlichten bereits topographische Karten, auf denen sie eingetragen hatten, wie weit die Überschwemmungen bei verschiedenen Höchstständen reichen würden. Wenn die Flutwelle am Zusammenfluss von Potomac und Anacostia eine Höhe von sechs Metern über dem Meeresspiegel erreichte – was Kenzo angesichts der Stärke der Gezeitenwelle und einer Reihe anderer Faktoren für realistisch hielt –, würde die Grenzlinie grob gesagt vom Kapitol aus entlang der Pennsylvania Avenue bis zum Rock Creek verlaufen. Kapitol und Weißes Haus würden verschont bleiben, aber alles, was weiter südlich und westlich lag, würde überflutet werden. Tatsächlich war dieses Gebiet bereits überflutet, wie die Videoaufnahmen bewiesen. Und nach den Pegelständen zu urteilen, die von Messstationen weiter flussaufwärts gemeldet wurden, war der Höhepunkt des Hochwassers noch nicht erreicht.
»Es kommt einfach alles zusammen!«, rief Kenzo am Telefon. »Alles zugleich!« Er redete nicht mehr wie ein Hüter der Daten, sondern wie ein Impresario – ein Katastrophenmeister. Gut möglich, dass da sogar väterlicher Stolz mitschwang. So aufgeregt hatte Frank ihn jedenfalls noch nie erlebt.
»Könnte das mit dem Stillstand des Golfstroms zu tun haben?«, fragte er.
»Nein, nein, unwahrscheinlich. Das hier ist etwas anderes, denke ich, ein Aufeinandertreffen mehrerer Sturmtiefs. Wobei der Stillstand durchaus bewirkten kann, dass solche Situationen häufiger werden.«
»Mein Gott … Kannst du mir sagen, wie es bei uns in Virginia aussieht?« Solange Hochwasser herrschte, würde der Potomac nicht zu überqueren sein. »Wird hier irgendwo gearbeitet?«
»Am Friedhof in Arlington stapeln sie Sandsäcke«, sagte Kenzo. »Auf Channel 14 waren Filmaufnahmen zu sehen. Sie suchen noch Freiwillige.«
»Wirklich!«
Frank sprang auf. Um nicht im Fahrstuhl steckenzubleiben, nahm er die Treppe ins Untergeschoss und fuhr mit dem Auto ins Freie. An einigen Stellen stand Wasser auf der Straße, aber es war nur einige Zentimeter tief. Gut möglich, dass das bald schlimmer wurde; wenn Flusswasser in die Abwasserkanäle strömte, konnte das Regenwasser nicht mehr ablaufen. Noch sah es aber so aus, als käme man mit dem Auto durch.
Als er nach rechts eingebogen war und vor der Ampel anhielt, bemerkte er die Mitarbeiter von Starbucks auf dem Gehweg. Sie verteilten Tüten mit Essen und Pappbecher mit Kaffee an die Autofahrer vor ihm. Eine der Frauen kam auch zu ihm. Er ließ das Seitenfenster herunter. Sie reichte ihm eine Tüte mit Gebäck und einen Kaffee herein.
»Danke!«, rief Frank. »Ihr solltet den Rettungsdienst übernehmen!«
»Haben wir schon. Sie sollten von hier verschwinden.« Sie winkte ihn weiter.
Lachend verspeiste er das Gebäck und fuhr weiter nach Osten Richtung Fluss. Wie alle anderen Autofahrer, die überhaupt unterwegs waren, pflügte er sich mit rund acht Kilometern pro Stunde durchs Wasser. Die Feuerwehrautos, die ihn überholten, fuhren um einiges schneller und hinterließen große Heckwellen.
An einer Kreuzung bemerkte er drei Männer, die irgendetwas trugen und schnell hinter einem Gebäude verschwanden. Ob das Plünderer waren? Gab es wirklich Leute, die so etwas taten? Eine traurige Vorstellung, manche Menschen könnten so tief im Modus »Dauerverrat« feststecken, dass sie nicht einmal dann herausfanden, wenn sich die Möglichkeit bot, alles zu ändern. Was für eine Gelegenheit sie verpassten!
Schließlich kam er an eine Straßensperre, und ein Mann in orangefarbener Weste zeigte ihm, wo er sein Auto abstellen sollte. Regen prasselte auf ihn herab. In einiger Entfernung, gleich östlich vom Kriegerdenkmal des US Marines Corps, sah er Menschen in einer Reihe Sandsäcke weiterreichen. Er eilte hinüber und schloss sich ihnen an.
Während er arbeitete, hatte er meist freien Blick auf den Potomac. Riesige Wassermassen wälzten sich durch den Grenzkanal zwischen dem Festland und Columbia Island, stauten sich an den Brücken, überfluteten die Yachthäfen und krochen auf die niedrig gelegenen Bereiche des Nationalfriedhofs zu. Ringsum arbeiteten Hunderte, vielleicht sogar Tausende Menschen. Sie schleppten Sandsäcke, die wie 45-Kilo-Zementsäcke aussahen und sich auch ähnlich schwer anfühlten. Kräftige Männer hoben die Säcke von den Ladeflächen der Lastwagen und reichten sie anderen Helfern, die sie entweder an die Menschenketten weitergaben oder auf der Schulter davontrugen. Unterhalb der Memorial Bridge wurden die Sandsäcke unter der Leitung von Feuerwehrleuten zu einem Deich aufgeschichtet.
Fluss und Regen gemeinsam rauschten so laut, dass man sonst kaum etwas hörte. Man musste schreien, um Anweisungen oder auch Neuigkeiten weiterzugeben. Der Flughafen stand unter Wasser, die Altstadt von Alexandria war überschwemmt, das Tal des Anacostia randvoll. Die Washington Mall ein riesiger See.
Frank nickte zu allem, was ihm zugerufen wurde, versuchte aber gar nicht erst, es zu verstehen. Er arbeitete wie besessen. Was sehr befriedigend war. Er war zutiefst glücklich, und allen anderen ringsum schien es ähnlich zu gehen. So ist das eben, dachte er, während er all diesen Menschen zuschaute, die schlaffe Sandsäcke schleppten wie die Figuren auf einem alten chinesischen Gemälde. Wenn etwas Derartiges geschah, konnten plötzlich alle großzügig sein.
Gegen Abend stieg er auf den Wall aus Sandsäcken. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das Überschwemmungsgebiet. Der Wind hatte sich gelegt, aber der Regen war fast noch stärker geworden. Manchmal konnte man glauben, die Luft bestünde vor allem aus Wasser.
Seine Arbeitsgruppe machte Pause; ihnen waren die Sandsäcke ausgegangen. Sein Rücken war steif. Frank dehnte sich in alle Richtungen, nicht viel anders, als die Bäume es den ganzen Tag über getan hatten. Der Wind hatte häufig gedreht, und es hatte immer wieder kurze, heftige Böen gegeben, so tückisch wie kleine, plötzliche Fallwinde. Jetzt herrschte jedoch eine Art Waffenruhe.
Schließlich ließ auch der Regen nach; er wurde erst zu einem leisen Nieseln und dann zu Dunst. Über das aufgewühlte Wasser im Grenzkanal hinweg hatte Frank einen weiten Blick auf den Potomac, eine turbulente, mit weißen Schaumstreifen überzogenen braune Fläche. Das Washington Monument war ein blasser Obelisk am wässrigen Horizont. Lincoln Memorial und Kennedy Center bildeten Inseln im Strom. Zwischen der Wasserfläche und der dunklen, niedrigen Wolkendecke bewegte sich die Luft in abrupten Stößen mal hierhin, mal dorthin. Aber trotz der Böen war ihm wegen der körperlichen Anstrengung nach wie vor warm. Er war nass, aber er fror nicht, nur an Händen und Ohren spürte er den kalten Wind. Frank streckte den Rücken und merkte, wie müde die Muskeln in seinem Kreuz waren.
Zu seinen Füßen tuckerte ein Motorboot langsam den Grenzkanal herauf. Frank sah ihm zu. Er fragte sich, wie tief es wohl im Wasser lag. Es war ein elegantes Kajütboot, acht oder sogar neun Meter lang. Aus dem beleuchteten Cockpit fiel Licht auf eine Person, die aufrecht am Steuer stand. Sie erinnerte ihn an eine der unheimlichen Schwestern in Wenn die Gondeln Trauer tragen.
Die Person blickte zu dem Deich aus Sandsäcken herüber, und Frank erkannte sie. Die Frau aus dem Fahrstuhl in Bethesda. Völlig verblüfft hob er die Hände an den Mund und rief so laut er konnte: »HEY!«
Nichts wies darauf hin, dass sie ihn über das Donnern der Wassermassen hinweg gehört hatte. Anscheinend sah sie ihn auch nicht winken. Während das Boot langsam um eine Biegung des Kanals verschwand, entdeckte er am Heck einen weißen Schriftzug: GCX88A. Dann war es außer Sicht.
Frank nahm das Telefon aus der Tasche seiner Windjacke, tippte auf den Adressbucheintrag für die Klimaabteilung der NSF und drückte sich das Gerät ans Ohr. Zum Glück meldete sich Kenzo. »Kenzo, hier ist Frank – hör zu, du musst dir etwas aufschreiben, es ist sehr wichtig, ja? GCX88A, hast du das? Lies es vor. GCX88A. Super. Super. Okay, hör zu, das ist die Nummer von einem Boot, es stand am Heck, ein Kajütboot, ungefähr acht Meter lang. Ich muss wissen, wem es gehört. Kannst du das für mich rausfinden? Ich bin draußen im Nassen und kann schlecht selbst googeln.«
»Ich kann es versuchen«, sagte Kenzo. »Lass mich mal … Also, das Boot gehört offenbar zu dem Yachthafen auf Roosevelt Island.«
»Das klingt plausibel. Hat es Telefon?«
»Mal sehen – die Nummer sollte bei der Küstenwache hinterlegt sein. Augenblick, die Listen sind nicht öffentlich zugänglich. Warte mal kurz.«
Kenzo liebte solche kleinen Herausforderungen. Frank wartete. Er versuchte, nicht den Atem anzuhalten: noch so eine instinktive Reaktion. Stattdessen verwendete er die Wartezeit darauf, sich das Gesicht der Frau möglichst genau einzuprägen. Vielleicht ließ sich eins dieser Porträtprogramme doch dazu bewegen, eine Zeichnung zu produzieren, die der Frau halbwegs ähnelte. Sie hatte ernst und unnahbar ausgesehen. Wie eine Schicksalsgöttin.
»Ja. Hier haben wir es, Frank. Soll ich wählen und zu dir durchstellen?«
»Bitte. Aber schreib die Nummer auch auf. Für alle Fälle.«
»Okay, ich leite an dich weiter und lege dann auf. Ich muss wieder an die Arbeit.«
Frank hielt sich das freie Ohr zu und lauschte. Eine kurze Pause, dann klingelte es. Eine schnelle, kurze Folge von Tönen, sehr eindringlich, als müssten sie sich gegen das Motorengeräusch auf einem Boot durchsetzen. Es läutete dreimal, viermal, fünfmal. Was sollte er sagen, wenn sich ein Anrufbeantworter meldete?
»Hallo?«
Es war ihre Stimme.
»Hallo?«, sagte sie erneut.
Er musste antworten, sonst legte sie auf.
»Hi«, sagte er. »Hi, ich bin’s.«
Es folgte Stille, angefüllt von statischem Rauschen.
»Wir sind in Bethesda zusammen im Fahrstuhl steckengeblieben.«
»Großer Gott.«
Wieder Stille. Frank ließ ihr Zeit, die Nachricht zu verdauen. Er wusste ohnehin nicht, was er als Nächstes sagen sollte. Der Ball lag bei ihr. Doch als das Schweigen immer weiter anhielt, bekam er Angst.
»Leg nicht auf«, sagte er zu seiner eigenen Überraschung. »Ich habe dich eben im Boot vorbeifahren sehen. Ich stehe auf dem Deich hinter dem Richmond Highway. Ich habe die Auskunft angerufen und mir die Nummer von deinem Boot geben lassen. Ich weiß, du willst nicht … Ich habe damals versucht, dich zu finden, aber das ging nicht, darum weiß ich, dass du nicht … dass du nicht gefunden werden willst. Also habe ich mir gesagt, ich lasse es besser bleiben. Wirklich.«
Dann wurde ihm klar, dass er log, und er fuhr rasch fort: »Das heißt, eigentlich wollte ich es überhaupt nicht bleiben lassen, aber mir ist einfach keine Möglichkeit mehr eingefallen. Aber dann habe ich dich eben gesehen und sofort jemand angerufen, und diese Person hat mir die Telefonnummer von deinem Boot beschafft. Ich konnte nicht anders. Nicht nachdem ich dich einmal gesehen hatte.«
»Ich weiß«, sagte sie.
Er atmete tief durch. Er hatte das Gefühl, größer zu werden; sein Rücken streckte sich. Der Tonfall, in dem sie ›Ich weiß‹ gesagt hatte, ließ alles wieder lebendig werden. Wie sie damals mit den gleichen Worten eine Verbindung zwischen ihnen geschaffen hatte.
»Ich wollte dich unbedingt wiedersehen«, sagte er nach einer Weile. »Ich fand diese Momente im Fahrstuhl … Ich fand sie …« Ihm fiel nicht ein, wie er es ausdrücken sollte.
»Ich weiß.«
Ihm wurde warm. Als würde Elmsfeuer über seinen Körper hinweglaufen. So etwas hatte er noch nie erlebt.
»Aber …«, sagte sie, und nun lernte er gleich noch ein neues Gefühl kennen: eine entsetzliche Angst, die ihm den Atem abdrückte. Er wartete auf den vernichtenden Schlag.
Die Stille hielt an. Ein kleiner Regenschauer prasselte nieder und zog dann weiter, sodass Frank erneut freien Blick über den windgepeitschten Potomac hatte. Eine riesige Welt, die nur aus schnell fließendem Wasser bestand, eindrucksvoll, unwirklich.
»Gib mir deine Telefonnummer«, sagte sie an seinem Ohr.
»Was?«
»Gibt mir deine Telefonnummer.«
Er gab sie ihr und ergänzte: »Ich heiße Frank Vanderwal.«
»Frank Vanderwal.« Sie wiederholte die Nummer.
»Genau.«
»Und jetzt lass mir etwas Zeit«, sagte sie. »Ich weiß nicht, wie lange.« Dann war die Leitung tot.
* * * * *
Der zweite Tag des Sturms verging wie ein einziger unendlicher Augenblick. Alles war genau wie am Tag zuvor, alle Menschen in den betroffenen Gebieten hielten einfach nur durch und warteten darauf, dass sich die Lage änderte. Es regnete nicht mehr ganz so heftig, aber in den letzten vierundzwanzig Stunden waren derart viele Niederschläge gefallen, dass das Wasser nicht mehr versickerte, sondern geradewegs in die überfluteten Bereiche strömte und ein Absinken der Wasserstände verhinderte. Über der Stadt ballten sich nach wie vor die Wolken, und die Gezeiten fielen weiterhin ungewöhnlich stark aus; das gesamte Land rings um die Chesapeake Bay war überschwemmt. Von dringenden lebensrettenden Maßnahmen abgesehen konnte man nichts tun als warten. Sämtliche Transportwege standen unter Wasser. Zehntausende waren ohne Strom. Selbst die Journalisten sahen (größtenteils) ein, dass ihre Arbeit weniger wichtig war als die Aufgabe, Ertrinkende zu retten. Zwar reisten Reporter aus der ganzen Welt an, um über dieses atemberaubende Ereignis zu berichten – die Hauptstadt der Hypermacht versank in den Fluten! –, aber die meisten von ihnen kamen nicht weiter als bis zu den Rändern der Überschwemmungsgebiete. Innerhalb dieser Areale herrschte weiterhin Ausnahmezustand. Jedermann war mit dem Retten, Transportieren und Befreien von Menschen und Gegenständen beschäftigt. Die Nationalgarde war ausgerückt, sämtliche Hubschrauber waren requiriert worden. Fotos und Videoaufnahmen gab es nach wie vor nur sporadisch, was nun wirklich gegen jede Regel verstieß. Es herrschte großer Druck, wieder zur gewohnten Dauerlieferung spektakulärer Bilder zurückzukehren. Mehrere Einheiten der Nationalgarde mussten die Zufahrten zum Hochwassergebiet überwachen, damit es nicht von Schaulustigen überrannt wurde.
Schon sehr früh am diesen zweiten Morgen wurde klar, dass die Pegelstände zwar an den meisten Flüssen wieder sanken, nicht jedoch am Rock Creek. Dessen Quellgebiet war während der Nacht von den schwersten Regenfällen des gesamten Unwetters heimgesucht worden, und da der Boden dort bereits völlig durchnässt war, lief das Wasser geradewegs in die Flüsse. Das Tal des Rock Creek war an mehreren Stellen recht steil und verengte sich über weite Strecken zu einer Schlucht, die sich tief eingeschnitten durch das eigentlich höhere Gelände im Nordwestteil des District of Columbia zog. Für derartige Wassermengen bot das Tal nicht genug Platz.
Das Hochwasser bedrohte auch den Zoo, denn er lag auf einer Landzunge zwischen drei Biegungen des Rock Creek. Nach den schweren nächtlichen Regenfällen versammelten sich die Mitarbeiter am Morgen im Verwaltungsgebäude zu einer Krisensitzung.
Auch einige hochrangige Gäste waren anwesend. Am vergangenen Vormittag hatten mehrere Vertreter der Botschaft von Khembalung den Zoo besucht, um eine Begrüßungszeremonie für die zwei Königstiger vorzubereiten, die gerade aus ihrer Heimat angekommen waren. Wegen des Sturms hatten sie nicht nach Virginia zurückkehren können und die Nacht im Zoo verbracht. Die Tiger befanden sich noch in ihren beiden Käfigen.
Auf einem der Computer im Verwaltungsgebäude sahen sich Mitarbeiter und Khembalis Videoaufnahmen des Rock Creek an. Die Wände der Schlucht wurden von den Fluten unterspült und mitgerissen, schwimmende Baumstämme fingen sich an den Brücken und stauten das Wasser, sodass es das umliegende Land überschwemmte – bis die Brücken barsten wie überlastete Staudämme und mächtige, mit Schutt beladene Flutwellen die Schlucht hinabschossen und noch mehr Zerstörung anrichteten. Wie gefährlich ihnen das werden konnte, war am östlichen Ende des Zoos bereits zu erkennen: Dort lag die hellbraune Oberfläche des Flusses nur noch einen Meter tiefer als das Zoogelände. Allen war klar, dass der Zoo überschwemmt werden würde. Und zwar bald. Es schien, als stünde ihnen eine Art Umkehrung der Arche Noah bevor: Die Menschen würden gerettet werden, aber von den Tieren würden zwei von jeder Art ertrinken.
Die Khembalis drängten die Zoomitarbeiter, die Tiere so schnell wie möglich zu evakuieren. Der Direktor wies darauf hin, dass sie für eine geordnete Evakuierung weder genug Zeit noch die nötigen Fahrzeuge hatten, woraufhin die Khembalis erklärten, mit »Evakuieren« hätten sie gemeint, dass man die Käfige öffnete und die Tiere freiließ. Die Zoowärter waren zunächst skeptisch, aber wie sie schnell herausfanden, hatten die Khembalis viel Erfahrung mit Hochwasser und wussten, was in solchen Situationen zu tun war. Um zu demonstrieren, was geschehen konnte, wenn man keine drastischen Maßnahmen ergriff, riefen sie Bilder aus Prag auf, wo weinende Zoowärter vor den Leichen ihrer ertrunkenen Elefanten standen. Von dort wechselten sie zur Website von GDIN, dem globalen Meldenetzwerk für Katastrophen. Dort gab es für genau diese Situation (bedrohte Zootiere) eine vollständige Liste von Empfehlungen, außerdem aktuelle Satellitenbilder und Daten zur Lage im Überschwemmungsgebiet. Offenbar lehrte die Erfahrung, dass die befreiten Tiere sich gewöhnlich nicht weit vom Zoo entfernten, selten Menschen gefährdeten (die ohnehin meist in den Häusern festsaßen) und sich leicht wieder einfangen ließen, wenn das Wasser abgeflossen war. Und die Daten belegten, dass der Rock Creek mit Sicherheit weiter anschwellen würde.
Das zu glauben fiel ihnen nicht schwer, denn an den Grenzen des Zoos reichten die donnernden braunen Wassermassen inzwischen fast überall bis an den Oberrand der Schlucht. Die Tiere selbst waren längst überzeugt und forderten lautstark ihre Freiheit. Pandas quiekten, Affen kreischten, die Großkatzen brüllten – ein misstönendes Durcheinander, das Tiere wie Menschen noch mehr in Angst und Schrecken versetzte. Kein Film über den Dschungel hatte seinen Zuschauern je so furchtbaren Lärm zugemutet. Panik lag in der Luft.
Die Connecticut Avenue ähnelte inzwischen dem alten Kanal bei Great Falls: ein schmaler, glatter Wasserlauf neben einem Wildwasserfluss. Die Seitenstraßen waren ebenfalls überflutet. Allerdings war das Wasser nirgendwo sehr tief, meist weniger als dreißig Zentimeter. Schließlich sagte der Zoodirektor – und man sah ihm an, wie verblüfft er über seine eigenen Worte war: »Gut, wir lassen sie raus. Erst die Käfige, dann die Freigehege. Fangen Sie beim Eingang an und arbeiten Sie sich zum unteren Ende vor. Los, Leute, das sind eine Menge Schlösser.«
Bei Regen und in dämmrigem Licht, am Ufer eines tosenden Flusses, schwärmten die Mitarbeiter und ihre Gäste aus und befreiten die Tiere. Wo es notwendig war, trieben sie sie auf die Connecticut Avenue zu, aber die meisten ließen sich nicht lange bitten, sondern rannten augenblicklich zum Ausgang, mit einem sicheren Gespür für den besten Weg aus der Gefahrenzone. Einige duckten sich allerdings in ihren Gehegen oder Käfigen zusammen und ließen sich nicht herauslocken. Die Helfer konnten nicht viel Zeit auf sie verwenden; wollte ein Tier nicht ins Freie, gingen sie zum nächsten Gehege weiter, in der Hoffnung, es später noch einmal versuchen zu können.
Bei den Tapiren und den Rehen und Hirschen hatten sie es leicht. Die größten Volieren öffneten sie nicht, denn bestimmt würden sie nicht ganz mit Wasser volllaufen. Dann kamen die Zebras, gleich danach die Geparden und die Tiere aus Australien. Kängurus hüpften durch die Pfützen davon. Die Pandas tappten in einer geordneten Gruppe aus dem Gehege, als hätten sie das Ganze seit Jahren geplant. Giraffen, Flusspferde und Nashörner, Biber und Otter. Die Großkatzen lockten sie nach kurzer Beratung in die wenigen vorhandenen Transportfahrzeuge, Pumas und andere kleine Katzen ließen sie frei. Es folgten Bisons, Wölfe, Kamele, Seehunde und Seelöwen, Bären. Dann die Gibbons, eine geschlossene, freudig kreischenden Gruppe. Der einsame schwarze Jaguar war ganz schnell nur noch ein bedrohlicher Schatten im Halbdunkel. Die Reptilien und die Tiere vom Amazonas schienen sich augenblicklich heimisch zu fühlen. Die Menschen öffneten das Freigehege der Präriehunde, senkten die Zugbrücke zur Insel der Affen – noch eine Horde panisch flüchtender Primaten, gefolgt von den langsameren Gorillas und anderen Menschenaffen. Am Nordende des Zoos schwappte inzwischen braunes Wasser aus der Schlucht und lief die Wege entlang; an den niedrigsten Stellen war das Gelände bereits überschwemmt. In den Gehegen befanden sich nur noch wenige Tiere, und nur ganz vereinzelt versuchte eins, Richtung Bach zu entkommen. Das Donnern des Wassers war einfach zu erschreckend, die Botschaft zu klar. Jedes Lebewesen erkannte instinktiv, wohin es fliehen musste.
Das Wasser schwappte noch höher. Es schien in Schüben anzusteigen. Trotz aller Eile hatten sie volle zwei Stunden gebraucht, um sämtliche Türen zu öffnen. Als sie gerade fertig waren, ertönte ein besonders lautes Donnern, und eine dreckige Flutwelle voller Schwemmgut ergoss sich über das Gelände. Weiter flussaufwärts musste irgendein Hindernis plötzlich nachgegeben haben. Die wenigen Tiere, die sich noch auf den niedrigen Bereichen des Geländes befanden, wurden weggespült oder ertranken. Die wenigen noch verbliebenen Menschen steuerten die Transporter mit den Großkatzen und Eisbären zum Tor hinaus auf die Connecticut Avenue. Der ganze Nordwesten von D. C. war zum Zoo geworden.
Das Fahrzeug mit den Schwimmenden Tigern von Khembalung wandte sich auf der Connecticut Avenue nach Norden. Im Fahrerhäuschen saßen auch, dicht gedrängt, die Abgesandten der Khembalis. Ganz langsam und vorsichtig ging es die leere, dunkle, nasse Straße entlang. Wegen der dichten Wolken hatte man den Eindruck, es wäre schon Abend.
Hinter ihnen im Ladebereich tobten die Schwimmenden Tiger. Sie waren offensichtlich verängstigt und zornig, vielleicht auch, weil ihnen so etwas Ähnliches schon einmal zugestoßen war. Auf jeden Fall saßen sie gar nicht gern im Transporter fest und brüllten so laut, dass sich die Menschen im Führerhäuschen unglücklich duckten. Dann schienen die beiden Tiger auf einander loszugehen: Schwere Körper krachten gegen die Seitenwände, und das Brüllen und Knurren klang immer wütender. Manchmal war auch ein Zischen zu hören, als würde gleich ein Heizungskessel explodieren.
Die Khembalis schlugen dem Fahrer und dem Wärter ein Ziel vor. Der Fahrer nickte und fuhr auf der Connecticut Avenue weiter nach Norden. Jede etwas größere Senke hätte die Straße unpassierbar gemacht, doch sie verlief stetig bergauf. An der Bradley Lane bogen sie nach Westen ab und schafften es fast bis zur Wisconsin Avenue, bevor sie an einer Senke umkehren mussten. Der Fahrer versuchte es weiter nördlich, und schließlich erreichten sie die Wisconsin Avenue. Auch sie war zu einer Art breitem, ruhigem Fluss geworden, der schnell nach Süden strömte, aber das Wasser war nur fünfzehn Zentimeter tief. Im Schneckentempo bewegten sie sich stromaufwärts, bogen verbotenerweise nach links in die Woodmont Avenue ein, nahmen noch eine letzte Kurve und hielten schließlich im Dämmerlicht vor einem kleinen Haus, hinter dem ein großer Wohnblock aufragte.
Die Khembalis stiegen aus und klopften an eine Seitentür. Eine Frau tauchte auf, sprach kurz mit ihnen und verschwand wieder.
Hätte jemand im Wohnblock zufällig aus dem Fenster geschaut, ihm hätte sich bald darauf ein seltsamer Anblick geboten: Mehrere Männer – einige in weinroten Gewändern, andere in der khakifarbenen Uniform des National Park Service – lockten einen Tiger von der Ladefläche eines großen Kastenwagens. Der Tiger trug ein Halsband, an dem drei Leinen befestigt waren. Sobald er sich im Freien befand, schlossen die Männer die Tür zur Ladefläche wieder. Der älteste Mann stand mit erhobener Hand direkt vor dem Tiger. Er ergriff eine der Leinen und führte das durchnässte Tier im Regen quer über die Zufahrt zu einer Treppe, an deren unterem Ende sich eine geöffnete Kellertür befand. Der Tiger blieb vor der Treppe stehen und blickte umher. Der alte Mann sprach drängend auf ihn ein. An dem Küchenfenster direkt über ihnen schauten zwei Kinder mit großen Augen zu. Einen Moment lang stand alles still, nur der Regen fiel. Dann schlüpfte der Tiger durch die Tür.
* * * * *
Irgendwann während dieser zweiten Nacht hörte es auf zu regnen. Bei Tagesanbruch sah immer noch alles nass und grau aus, doch bald darauf lichteten sich die Wolken und zogen in hohem Tempo nach Norden. Um neun Uhr stand, umgeben von großen Wattewolken, die Sonne am Himmel über der überfluteten Stadt. Es wehte ein kräftiger, böiger Wind.
Charlie hatte auch diese zweite Nacht im Büro verbracht, aber als er nun nach dem Aufwachen aus dem Fenster sah, regte sich in ihm die Hoffnung, dass sich die Lage gebessert hatte und er endlich versuchen konnte, nach Hause zu gelangen. Die Telefone funktionierten immer noch nicht. Anna hatte ihn jedoch per E‑Mail auf dem Laufenden gehalten, was ihn sehr beruhigte – jedenfalls bis sie ihm gestern Abend die Ankunft der Khembalis gemeldet hatte. Nervös machte ihn dabei nicht nur die Tatsache, dass in ihrem Keller jetzt ein Tiger wohnte, sondern auch, dass die Khembalis sich so für Joe interessierten. In seinen Antwortmails hatte er davon natürlich nichts erwähnt. Aber er wollte unbedingt nach Hause.
Längst waren wieder unzählige Hubschrauber und Luftschiffe unterwegs. Die Fernsehsender der Welt konnten endlich das ganze Ausmaß der Überschwemmungen zeigen, und das taten sie auch. Der größte Teil der Innenstadt stand nach wie vor unter Wasser. Ausgerechnet die besonders bekannten und beliebten Gegenden waren zu einem riesigen flachen See geworden; man konnte fast glauben, jemand hätte den Reflecting Pool an der Washington Mall absichtlich über jedes vernünftige Maß hinaus vergrößert. Die Bäche und Flüsse, die in dieses erweiterte Tidal Basin mündeten, führten immer noch ungewöhnlich viel Wasser, sodass der Pegelstand nicht sank. In dem klaren Sonnenlicht sah die weite Fläche aus wie ein riesiger Caffé Latte, mit Schaum.
In diesem See standen natürlich Hunderte von Gebäuden, die zu Inseln geworden waren. Dazu kamen einige echte Inseln und mehrere Hochstraßen, die jetzt als Brücken über das Tal des Anacostia fungierten. Am Westrand strömte der Potomac durch den See; er hatte auch weiter aufwärts und abwärts alle niedrig gelegenen Landstriche an seinen Ufern überschwemmt. Der Fluss war voller Treibgut, das sich im Unterlauf immer langsamer bewegte. Offenbar flossen die riesigen angestauten Wassermengen selbst bei Ebbe nur zögerlich ins Meer.
Im Laufe des Vormittags waren mehr und mehr Boote zu sehen. Auf den Luftaufnahmen der Fernsehsender erinnerte das Ganze fast an eine Regatta – ein Wasserfest auf der Washington Mall, wie damals im China der Ming-Dynastie. Manche improvisierten Wasserfahrzeuge wirkten nicht eben seetüchtig. In einem Bericht hieß es, die Patrouillenboote der Polizei hätten damit begonnen, alle wegzuschicken, die nicht zu Rettungszwecken unterwegs waren, aber damit hatten sie offensichtlich wenig Erfolg. Die Situation war noch so ungewohnt, dass sich die Ordnungskräfte kaum durchsetzen konnten. Überall rasten Motorboote umher und hinterließen hellbraune Heckwellen. Es gab Ruderer, Paddler, Kajakfahrer, Schwimmer. Einige Leute benutzten sogar die hellblauen Tretboote, die man sonst nur auf dem Tidal Basin sah. Majestätisch wie winzige Flussdampfer strampelten sie die Mall entlang.
Doch auch wenn die Bilder von der Mall die Berichterstattung beherrschten, brachten einige Sender auch Nachrichten aus der übrigen Region. Die Krankenhäuser waren voll. Es hatte einige Tote gegeben; genaue Zahlen kannte niemand. Und viele Menschen mussten gerettet werden. Vor allem in den ersten Morgenstunden unterbrachen die Hubschrauber der Fernsehsender immer wieder ihre Übertragungen, um Menschen von Hausdächern zu holen. Überall im Südwesten und dem Anacostia-Tal wurden Menschen mit Booten aus ihren Häusern befreit. Der Reagan Airport stand nach wie vor unter Wasser, und von den Brücken über den Potomac war unterhalb von Harpers Ferry keine einzige passierbar. In Great Falls waren die Wasserfälle nur noch ein besonders unruhiger Abschnitt in einem Strom, der die gesamte Schlucht ausfüllte. Der Präsident war nach Camp David gebracht worden; von dort aus erklärte er ganz Virginia, Maryland und Delaware zum Katastrophengebiet. Im District of Columbia, sagte er, sei es »noch schlimmer«.
Charlies Telefon gab einen Piepton von sich; sofort riss er es an sich. »Anna?«
»Charlie! Wo bist du?«
»Immer noch im Büro! Bis du zu Hause?«
»Ach, gut. Ja, mit den Jungs, wir sind gar nicht weg gewesen. Die Khembalis sind auch hier, hast du meine E‑Mail bekommen?«
»Ja, ich habe dir doch geantwortet.«
»Ach, stimmt ja. Sie sind im Zoo vom Hochwasser überrascht worden. Ich habe die ganze Zeit versucht, dich anzurufen!«
»Ich dich auch, außer wenn ich geschlafen habe. Ich war so froh über deine E‑Mails.«
»Ja, das hat gutgetan. Ich bin so froh, dass dir nichts passiert ist. Was für eine verrückte Geschichte! Steht euer Gebäude denn unter Wasser?«
»Nein, nein, gar nicht. Fast gar nicht. Wie geht es den Jungs?«
»Denen geht’s gut. Sie sind völlig begeistert. Ich kann sie kaum im Haus festhalten.«
»Lass sie nicht raus!«
»Nein, nein. Und euer Gebäude ist nicht überschwemmt? Steht die Mall denn nicht unter Wasser?«
»Doch, schon, gar kein Zweifel, aber ins Gebäude ist nicht viel eingedrungen. Sie halten die Türen geschlossen und versuchen, sie unten abzudichten. Das klappt zwar nicht so gut, aber gefährlich ist es nicht. Man muss einfach in den oberen Stockwerken bleiben.«
»Und eure Generatoren funktionieren?«
»Ja.«
»Viele stehen nämlich unter Wasser, habe ich gehört.«
»Ja, das glaube ich gern. Mit so etwas hat doch niemand gerechnet.«
»Nein. Notstromaggregate im Keller. Eigentlich dumm.«
»Unseres ist auch im Keller«, fiel Charlie mit plötzlichem Schreck ein.
»Ich weiß. Aber es steht ja auf diesem Tisch. Es funktioniert.«
»Was ist mit Essen, wie sieht es da aus?« Charlie versuchte sich zu erinnern, was sich in ihren Schränken befand.
»Na ja, ein bisschen was haben wir schon. So doll ist es aber nicht. Wenn wir nicht bald Nachschub bekommen, könnte es schwierig werden. Aber notfalls würde es schon für ein paar Wochen reichen, denke ich.«
»Na, das sollte aber genügen. Ich meine, bis dahin müsste der Laden doch wieder laufen.«
»Vermutlich. Wasser brauchen wir auch bald.«
»Wie schnell wird das Flutwasser ablaufen?«
»Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?«
»Na ja – du bist doch Wissenschaftlerin.«
»Also wirklich.«
Sie hörten einander beim Atmen zu.
»Ich bin so froh, dass ich wieder mit dir reden kann«, sagte Charlie. »So abgeschnitten zu sein war schrecklich.«
»Ich bin auch froh.«
»Hier bei uns sind jetzt überall Boote unterwegs. Ich will versuchen, möglichst schnell jemand zu finden, der mich mitnimmt. Wenn ich erst mal an Land bin, kann ich nach Hause laufen.«
»Nicht unbedingt. Die Taft Bridge über den Rock Creek gibt es nicht mehr. Soweit ich das den Nachrichten entnehmen konnte, kommst du nur noch an der Massachusetts Avenue über den Fluss.«
»Ja, die Bilder vom Rock Creek habe ich gesehen. Unglaublich.«
»Ich weiß. Der Zoo, und überhaupt. Drepung meint zwar, die meisten Tiere könnten wieder eingefangen werden, aber ich habe da meine Zweifel.« Der Tod der Zootiere würde Anna fast so sehr erschüttern wie der von Menschen. Für sie gab es da keinen großen Unterschied.
»Dann nehme ich eben die Massachusetts Avenue«, sagte Charlie.
»Oder du findest jemand, der dich westlich vom Rock Creek absetzt. In Georgetown. Sei auf jeden Fall vorsichtig. Tu nichts Übereiltes.«
»Bestimmt nicht. Ich passe gut auf mich auf, und ich rufe dich regelmäßig an. Hoffe ich jedenfalls. So abgeschnitten zu sein war schrecklich.«
»Ich weiß.«
»Okay, dann … Ich möchte eigentlich gar nicht mehr auflegen, aber es ist wohl besser. Lass mich noch kurz mit den Jungs sprechen.«
»Ja, klar. Hier kommt Joe. Er findet es gar nicht gut, dass du nicht da bist, er fragt ständig nach dir. Besser gesagt, er verlangt nach dir … Hier.«
Und plötzlich rief ihm jemand ins Ohr: »Dadda?«
»Joe!«
»Da! Da!«
»Hey, Joe, hier spricht Dad. Schön, dich zu hören, mein Junge! Ich bin bei der Arbeit. Ich komme bald nach Hause, Kleiner.«
»Da! Da!«, Und dann klagend: »Wall Daaaaaaa.«
»Ist schon gut, Joe«, sagte Charlie mit belegter Stimme. »Ich bin bald zu Hause. Mach dir keine Sorgen.«
»Da!« Das war ein Schrei.
Dann meldete sich Anna. »Tut mir leid, jetzt rastet er aus. Hier, Nick möchte auch mit dir reden.«
»Hey, Nick? Passt du gut auf Mom und Joe auf?«
»Ja, bis eben jedenfalls, jetzt dreht Joe gerade durch.«
»Das gibt sich wieder. Wie ist es denn so bei euch?«
»Also, wir mussten diese großen Kerzen anzünden, ja? Und aus den Wachsresten habe ich einen riesigen Turm gebaut, der ist echt klasse. Und dann kamen Drepung und Rudra mit den Tigern vorbei, einer ist noch im Wagen, der andere ist bei uns im Keller!«
»Das ist ja nett, wirklich klasse. Aber nebenbei, pass gut auf, dass die Kellertür immer zu ist.«
Nick lachte. »Die ist abgeschlossen, Dad. Den Schlüssel hat Mom.«
»Gut. Hat es bei euch denn viel geregnet?«
»Ich glaube schon. Die Wisconsin Avenue steht unter Wasser, das kann man von hier aus sehen, aber ein paar Autos sind trotzdem unterwegs. Das meiste wissen wir aber nur aus dem Fernsehen. Mom hat sich echt Sorgen um dich gemacht. Wann kommst du denn nach Hause?«
»Sobald ich kann.«
»Gut.«
»Ja. Nun, ein paar schulfreie Tage wird es dir auf jeden Fall einbringen. Gibst du mir deine Mom noch mal? Hallo, Schatz.«
»Hör zu, bitte rühr dich nicht von der Stelle, bis du einen sicheren Weg findest, nach Hause zu kommen.«
»Mache ich.«
»Wir lieben dich.«
»Ich liebe euch auch. Ich komme so bald wie möglich zu euch.«
Dann fing Joe wieder an zu schreien, und sie legten auf.
Charlie gesellte sich zu seinen Kollegen und gab die gute Nachricht weiter. Inzwischen hatten auch einige andere Glück mit dem Telefon. Überall wurde geredet. Auf einmal hörte man draußen im Gang jemanden rufen.
Im ersten Stock war vor den Fenstern zur Constitution Avenue ein Polizeiboot aufgetaucht. Es sollte Menschen an Land schaffen. Dieses Mal würde es Richtung Westen gehen, und ja, in Georgetown konnten sie auch anlegen, falls jemand dort aussteigen wollte. Für Charlie war das perfekt: So würde er ans Westufer des Rock Creek gelangen und konnte zu Fuß nach Hause gehen.
Also reihte er sich ein, kletterte aus dem Fenster und bestieg das große Boot. Plötzlich fielen ihm Zeilen aus einem Gedicht von Robert Frost ein, das er in der Schule einmal auswendig gelernt hatte:
Es vergingen die Jahre, doch zuletzt kam ein Pochen,
Und ich dacht’: An der Tür, doch die Tür war ja offen.
Das Pochen kam wieder, mein Fenster stand auf,
Ich stieg auf den Sims, schon war ich hinaus.
Lachend bewegte er sich Richtung Bug, um für die nächsten Flüchtlinge Platz zu machen. Schon seltsam, was einem so in den Sinn kam. Wie ging das Gedicht weiter? Dadada dada … Er wusste es nicht mehr. Egal. Der relevante Teil war ihm wieder eingefallen, und das nach so vielen Jahren. Er war aus dem Fenster gestiegen, und nun ging es los.
Der Motor wurde lauter. Das Boot entfernte sich vom Gebäude, zog einen weiten Bogen und folgte der Constitution Avenue nach Westen. Dann bog es nach links ab und überquerte die breite Fläche der Mall. Eine Bootsfahrt auf der Mall!
Die Nationalgalerie erinnerte ihn ans Taj Mahal – wunderschöner weißer Stein, gespiegelt im Wasser. Die Gebäude des Smithsonian Institutes sahen allesamt großartig aus. Im Innern hatten die Mitarbeiter vermutlich die ganze Nacht hindurch Ausstellungsstücke in die Stockwerke oberhalb des Wasserspiegels geschafft. Was für ein Chaos überall entstanden war!
Halt suchend lehnte er sich ans Dollbord. Der Anblick war einfach atemberaubend – einen Moment lang hatte er Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und ins Wasser zu fallen. Woran wohl vor allem das Boot schuld war, aber er war auch buchstäblich überwältigt. Die Fernsehbilder waren schon eindrucksvoll gewesen, aber das alles tatsächlich vor sich zu haben, war etwas völlig anderes. Er konnte kaum glauben, was er da sah. Weiße Wolken am blauen Himmel, ein flacher brauner See, der in der Sonne glänzte und hier und da Splitter von Himmelblau reflektierte – und alle Dinge wirkten kompakt und wie poliert, fast übertrieben echt. Keine seiner Giftsumach-Visionen war ihm je derart real erschienen.
Der Steuermann lenkte das Boot weiter nach Süden. Anscheinend wollte er das Washington Monument südlich umschiffen. Das Boot tuckerte langsam am Denkmal vorbei; es ragte hoch über ihnen auf wie ein Obelisk am Nil bei Hochwasser. Im Vergleich dazu wirkten alle Boote sehr klein.
An den Gebäuden des Smithsonian Institute stand das Wasser offenbar ungefähr drei Meter hoch. Von den großen Eingangstüren ragten nur die obere Hälfte heraus, wie die niedrigen Tore von Bootshäusern. Für einige Gebäude würden die Folgen bestimmt katastrophal sein, andere hatten Vortreppen oder höhere Fundamente. Ein großes Unglück war es überall, so oder so.
Ihr Boot fuhr jetzt im Schritttempo nach Westen. Die Bäume am Ende der Mall erinnerten aus der Ferne an wasserliebende Sträucher. Das Vietnam Memorial würde natürlich völlig überschwemmt sein. Das Lincoln Memorial stand auf einem hügelartigen Sockel, allerdings direkt am Potomac; dort konnte das Wasser gut so hoch reichen, dass es sämtliche Stufen bedeckte. Vielleicht hatte die Lincoln-Statue sogar nasse Füße bekommen. Zwischen den stammlosen Bäumen hindurch war das schwer zu erkennen.
Überall auf dem langgestreckten braunen See waren die verschiedensten Boote unterwegs. Vor allem die kleinen blauen Tretboote aus dem Tidal Basin strahlten geradezu Festtagslaune aus. Aber auch die Kajaks, Ruderboote und Schlauchboote waren fröhlich bunt. Die hin und her kreuzenden kleinen Segelboote ließen ihre dreieckigen Segel aufblitzen. Das alles bei strahlendem Sonnenschein, unter schimmernden Wolken und blauem Himmel. Die Feiertagsstimmung zeigte sich selbst in der Kleidung der Menschen: Charlie entdeckte Hawaiihemden, Badeanzüge, sogar Karnevalsmasken. Er sah auch viel mehr dunkelhäutige Gesichter, als er es von der Mall kannte. Fast als wäre ein Mardi-Gras-Umzug auf Trinidad von einem nächtlichen Sturm unterbrochen worden und würde nun am nächsten Tag umso fröhlicher fortgesetzt. Die Leute winkten sich zu und riefen Unverständliches (die Hubschrauber über ihnen machten viel Lärm). Manche standen aufrecht in ihren Booten, Telefone oder Kameras in der Hand, und drehten sich gefährlich schwankend im Kreis, um 360-Grad-Aufnahmen zu machen. Es fehlte nur noch ein Wasserskifahrer, und das Bild wäre komplett gewesen.
All das nahm Charlie in sich auf, buchstäblich mit offenem Mund. Zugleich bewegte er sich langsam Richtung Bug. Beim Klettern aus dem Fenster hatte die Haut an seinen Armen und seiner Brust erneut zu brennen begonnen. Er hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen, ein Feuer, das vom Fahrtwind noch angefacht wurde. Ihr Boot tuckerte weiter Richtung Westen; Charlie fühlte sich wie in einem Vaporetto auf der Lagune von Venedig. Er musste lachen.
»Vielleicht sollte man es einfach so lassen«, sagte jemand.
Quer über den Potomac näherte sich ein Patrouillenboot der Marine, begleitet von einer weißen Bugwelle auf der stromaufwärts gewandten Seite. Es erreichte die Mall, glitt zwischen zwei Kirschbäumen hindurch, drosselte die Motoren, wodurch es etwas tiefer ins Wasser sank, und fuhr langsamer weiter. Es würde ziemlich nah an ihnen vorbeikommen. Charlie spürte, wie ihr Boot ebenfalls langsamer wurde.
Da entdeckte er unter den Menschen am Bug des Patrouillenboots ein bekanntes Gesicht. Phil Chase. Phil winkte jedem Boot, das sie passierten, wie ein Karnevalsfürst bei einem Umzug, und beugte sich weit über die Reling, um den Leuten Grüße zuzurufen. Und er strahlte. Wie so viele, die an diesem Vormittag auf dem Wasser unterwegs waren, wirkte er wie jemand, der einen Tag blau machte.
Charlie beugte sich übers Dollbord und winkte mit beiden Armen. Die Boote näherten sich weiter an. Charlie hob die Hände an den Mund und rief, so laut er konnte: »HEY, PHIL! Phil Chase!«
Phil hörte es, drehte sich um und entdeckte ihn. »Hey, Charlie!« Er winkte fröhlich und hob dann ebenfalls die Hände an den Mund. »Schön, Sie zu sehen! Habt ihr es im Büro alle gut überstanden?«
»Ja!«
»Gut! Das ist gut!« Phil richtete sich auf und deutete auf die Wasserfläche. »Ist das nicht unglaublich?«
»Ja! Unbedingt!« Dann platzte es aus Charlie heraus. »Und, werden Sie jetzt endlich etwas gegen die Erderwärmung unternehmen?«
Phil lächelte, so bezaubernd wie immer. »Ich werde sehen, was ich tun kann!«
* * * * *
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
