10 | Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen

von Kim Stanley Robinson

Das Gesellschaftssystem, das heute die Welt bestimmt, ist nicht schwer zu ent­schlüs­seln. Ein win­zi­ger Prozentsatz der Bevölkerung ist unge­heuer reich, einige Menschen sind wohl­ha­bend, viele kommen gerade so zurecht, viele leiden Not. Wir bezeich­nen das als Kapitalismus, aber tat­säch­lich ver­ber­gen sich darin auch Überreste des Feudalismus und ande­rer alter Herrschaftsstrukturen, tief­sit­zende Formen von Ungerechtigkeit, die unsere Institutionen bis heute prägen. Wie wir mit dieser Realität umge­hen, hängt jedoch davon ab, wel­ches Bild wir uns von ihr gemacht haben. Wir tragen Scheuklappen und sehen nur das, was zu unse­ren Vorstellungen passt.

Und mar­schie­ren dabei auf einem schma­len Pfad an einem Abgrund ent­lang. Es gibt Phasen, in denen alles stabil scheint. Die Wochen ver­ge­hen, ohne dass sich viel ändert. Aber solche Inseln in der Zeit zer­fal­len auch wieder. Alle Menschen, die heute leben, werden irgend­wann nicht mehr exi­stie­ren; jeder wird anders sein. Das Einzige, was die Generationen dann noch ver­bin­den wird, sind ihre Geschichten und ihre DNA. Lange Ketten von ein­fach­sten Bausteinen – Guanin, Adenin, Cytosin, Thymin – Liebe, Hoffnung, Furcht, Selbstsucht – in fort­wäh­rend wech­seln­den Kombinationen. Bis ein Wunder geschieht …

und der Organismus einen Sprung nach vorn tut!

* * * * *

Charlie kämpfte sich auf die Beine und baute sich neben dem Bett auf, beide Fäuste weit von sich gestreckt wie ein Boxer aus dem neun­zehn­ten Jahrhundert.

»Was ist denn?«, rief er gegen den Lärm an.

Das war kein Weckerklingeln, das war Joe. Er stand mitten im Zimmer und heulte. Jetzt starrte er seinen Vater ver­blüfft an. »Ba.«

»Himmel, Joe.« Die Haut an Charlies Brust und Armen begann wieder zu jucken. Wie fast jede Nacht seit seiner Begegnung mit dem Giftsumach hatte er sich die meiste Zeit unru­hig im Bett her­um­ge­wor­fen. Vermutlich war er erst vor ein oder zwei Stunden ein­ge­schla­fen. »Wie viel Uhr ist es denn? Noch nicht mal sieben, Joe! Brüll doch nicht so. Du musst mir nur auf die Schulter tippen, wenn ich noch schlafe, und dann sagst du: ›Guten Morgen, Dad, kannst du mir bitte ein Fläschchen wärmen?‹«

Joe kam näher, tippte ihm auf den Oberschenkel und blickte still zu ihm auf. »Mo da. Wla ba.«

»Mensch, Joe! Toll! Da mache ich dir doch gern ein Fläschchen warm! Sehr gut. Sag mal, hast du schon Kacka in die Windel gemacht? Zieh sie mal runter und setz dich im Bad auf dein Töpfchen wie ein großer Junge. Mach Kacka wie Nick, und wenn du danach in die Küche kommst, ist dein Fläschchen fertig. Hört sich das nicht gut an?«

»Ga da.« Joe tappte Richtung Badezimmer davon.

Verblüfft folgte Charlie ihm aus dem Zimmer und stieg mög­lichst vor­sich­tig die Treppe hin­un­ter, um keinen neuen Juckreiz aus­zu­lö­sen. In der Küche war es ange­nehm kühl. Nick saß da und las. »Ich möchte zum Spielen in den Park«, sagte er, ohne auf­zu­blicken.

»Ich dachte, du musst noch Hausaufgaben machen.«

»Na ja, irgend­wie schon. Aber ich möchte lieber spie­len gehen.«

»Wieso machst du nicht erst deine Hausaufgaben und gehst danach raus? Dann kannst du das Spielen rich­tig genie­ßen.«

Nick legte den Kopf schräg. »Stimmt. Gut, ich mache erst meine Hausaufgaben.« Er schlüpfte hinaus, das Buch unter dem Arm.

»Ach, und nimm bitte deine Schuhe mit nach oben.«

»Na klar, Dad.«

Charlie starrte sein Spiegelbild in der Seitenfläche der Abzugshaube an. Seine Augen waren rie­sen­groß.

»Hmm.« Er stellte Joes Fläschchen in den Topf und steckte sich einen Kopfhörer ins linke Ohr. »Phil anru­fen«, befahl er dem Telefon. »Hallo, Phil, mir ist da etwas ein­ge­fal­len, das ich gleich mit Ihnen bespre­chen wollte. Wie wäre es, wenn wir das Gesetz zu China und den Aerosolen noch mal ein­brin­gen? Die Sache mit der Luftverschmutzung ist gerade an einem kri­ti­schen Punkt, wir könn­ten eine Entwicklung ansto­ßen, die zur Stilllegung aller Kohlekraftwerke hier an der Ostküste führt. Und es wäre ein Testballon, wenn Sie ver­ste­hen, was ich meine.«

»Hmm, gute Idee, Charlie, den Gesetzentwurf hatte ich ganz ver­ges­sen. Dabei war der ziem­lich gelun­gen. Rufen Sie Roy an und sagen Sie ihm, er soll das vor­be­rei­ten.«

»Na klar, Phil, wird gleich erle­digt.«

Charlie nahm das Fläschchen aus dem Topf und trock­nete es ab. Joe tauchte an der Tür auf, völlig nackt, und hielt Charlie die Windel hin.

»Wow, Joe, super! Hast du Kacka auf dem Töpfchen gemacht? Sehr gut, und hier ist dein Fläschchen, die per­fekte Pawlowsche Belohnung.«

Joe ent­riss Charlie das Fläschchen und tappte davon. Dabei zog er einen langen Streifen Toilettenpapier hinter sich her, das Ende steckte zwi­schen seinen Pobacken fest.

Heilige Scheiße, dachte Charlie. Sozusagen.

Er rief Roy an und teilte ihm mit, dass Phil die Wiedervorlage des China-Gesetzes gebil­ligt hatte. Roy konnte es nicht glau­ben. »Was soll denn das heißen? Damit sind wir doch gran­dios geschei­tert, die Leute haben nur gelacht, und heute wäre es noch schlim­mer!«

»Das stimmt nicht. Wir haben zwar ver­lo­ren, aber dabei viele Pluspunkte gesam­melt, die wir dann ander­wei­tig ein­set­zen konn­ten. Diesmal wird es genauso laufen, weil wir ein­fach recht haben, Roy, wir haben das Recht auf unse­rer Seite.«

»Ja, natür­lich, das ist klar, aber darauf kommt es doch nicht an …«

»Darauf kommt es nicht an? Sind wir etwa schon so abge­stumpft, dass es uns nicht mehr inter­es­siert, wer recht hat?«

»Nein, natür­lich nicht, aber darauf kommt es auch nicht an, es ist wie beim Schach, jede Aktion ist nur ein Schachzug im großen Spiel, ver­stehst du?«

»Klar ver­stehe ich das, die Analogie stammt schließ­lich von mir, aber genau darauf will ich ja hinaus. Es ist ein guter Spielzug, es treibt sie in die Enge, und wenn sie nicht schach­matt gesetzt werden wollen, müssen sie eine Königin opfern.«

»Hältst du es wirk­lich für so wir­kungs­voll? Warum?«

»Weil Winston enge Verbindungen zur chi­ne­si­schen Industrie hat, was er seinen Wählern aber nie erklä­ren könnte. Christliche Realpolitik ist eben voller Widersprüche, also ist er an dem Punkt angreif­bar, ver­stehst du?«

»Nun ja, stimmt natür­lich. Und Phil hat es schon abge­seg­net?«

»Ja, hat er.«

»Okay, ihr habt mich über­zeugt.«

Charlie legte auf und tanzte ein wenig umher, erst in der Küche, dann im Wohnzimmer. Dort hockte Joe auf dem Fußboden und ver­suchte, wieder in seine Windel zu stei­gen. Die Klebestreifen hatten sich auf beiden Seiten gelöst. »Guter Ansatz, Joe, komm, ich helfe dir.«

»Okay da.« Joe hielt ihm die Windel hin.

»Hmm«, sagte Charlie, plötz­lich miss­trau­isch.

Er rief Anna an und erreichte sie auch sofort. »Hey, Täubchen, wie geht’s, ich wollte dir nur sagen, dass ich dich liebe und mit dir nach Jamaika flie­gen möchte. Nur wir zwei, die Kinder brin­gen wir schon irgendwo unter, und dann mieten wir uns einen Strand, ganz für uns allein, und blei­ben eine Woche. Oder auch zwei. Tut uns auf jeden Fall gut.«

»Das stimmt.«

»Wegen der ganzen Unruhen und so ist es da unten im Moment ziem­lich billig. Vermutlich hätten wir die Insel prak­tisch für uns.«

»Das stimmt.«

»Dann rufe ich gleich mal im Reisebüro an und sage ihnen, sie sollen es von meinem Spesenkonto abbu­chen.«

»Mach das.«

Er hörte so etwas wie ein feuch­tes Knirschen und wachte auf.


»Ach, scheiße.«

Er wusste genau, was pas­siert war, denn es geschah nicht zum ersten Mal. Wenn die Dinge in einem seiner Träume zu gut oder zu schlecht liefen – wie dieses Mal, als er plötz­lich diese erstaun­li­che Überzeugungskraft besaß –, wurde sein Traumbewusstsein miss­trau­isch und erfand immer unglaub­wür­di­gere Szenarien, bis die Illusion schließ­lich zer­platzte. Zerstörende Werkstoffprüfung sozu­sa­gen.

Charlie hätte es fast lustig gefun­den. Wenn sich die Träume nicht so oft im ungün­stig­sten Moment auf­lö­sen würden. Es hatte schon etwas Perverses: Statt den Traum zu genie­ßen, testete er die Grenzen der Glaubwürdigkeit aus. Aber so war sein Verstand anschei­nend gebaut. Da konnte er nur stöh­nen und lachen und ver­su­chen, seinem schla­fen­den Bewusstsein auf Dauer etwas mehr Freude an der Wunscherfüllung bei­zu­brin­gen.


Wie sich her­aus­stellte, war dies einer der Tage, an denen Anna zu Hause arbei­tete, um dem vom Giftsumach geplag­ten Charlie etwas Zeit ohne Joe zu ver­schaf­fen. Charlie wollte die Gelegenheit dazu nutzen, im Büro vor­bei­zu­schauen und mit Phil die näch­sten Schritte zu bespre­chen. Er musste Phil unbe­dingt für eine Reihe klei­ne­rer Gesetzentwürfe gewin­nen, mit denen sich die wich­tig­sten Teile des Gesamtpakets retten ließen.

Als er nach unten kam, backte Anna schon Pfannkuchen für die Jungs. Joe benutzte seine gerne als kleine Frisbeescheiben. »Morgen, Liebling.«

»Hallo, Schatz.« Er küsste sie aufs Ohr und atmete den Duft ihres Haars ein. »Ich hatte einen tollen Traum. Ich konnte die Leute zu allem Möglichen über­re­den.«

»Wieso ist das ein Traum?«

»Mach dich nicht lustig! Von mir lässt sich nie jemand zu irgend­was über­re­den. Nein, es war defi­ni­tiv ein Traum. Aber dann habe ich es zu weit getrie­ben, und plötz­lich war Schluss. Ich wollte näm­lich, dass du mit mir allein nach Jamaika durch­brennst, und du hast ja gesagt.«

Die Vorstellung ent­lockte ihr ein fröh­li­ches Lachen, worauf er eben­falls lachen musste, und der Traum ver­wan­delte sich von einem bos­haf­ten Witz in ein Geschenk.

Charlie wandte sich dem Computerbildschirm in der Küche zu und über­flog die Nachrichten. Eine Schlagzeile lau­tete: »Stürmischer Montag.« Aus den Subtropen zogen meh­rere große Stürme heran, und über dem fri­schen Blau des Atlantik ver­lief eine Kette weißer Flecken, die sich alle Richtung Süden beweg­ten. Polarwirbel. Einige der Satellitenbilder zeig­ten, aus beson­ders großer Höhe auf­ge­nom­men, fast die gesamte Nordhalbkugel; ihr Anblick erin­nerte Charlie daran, wie seine Haut gleich nach seiner Begegnung mit dem Giftsumach aus­ge­se­hen hatte. Eine rie­sige weiße Blase hatte am Vortag ganz Südkalifornien zuge­deckt, eine zweite kam von Kanada auf sie zu – und die hatte es in sich: groß, feucht, etwas wärmer als üblich. Sie wan­derte von Saskatchewan nach Süden.

In den Medien über­schlu­gen sich bereits die Warnungen der Meteorologen, nicht nur vor diesem ark­ti­schen Sturm, son­dern auch vor einem Tropensturm, der gerade die Bahamas pas­sierte.

»So ein­drucks­voll auch wieder nicht, sagt dieser Typ! Mein Gott, inzwi­schen spielt wirk­lich jeder den Kritiker. Sie rezen­sie­ren selbst das Wetter.«

»›Geschmackvolle kleine Zirruswolken‹«, zitierte Anna aus einer frü­he­ren Meldung.

»Genau. Und irgend­je­mand hat neu­lich von ›ange­be­ri­schen Gewitterwolken‹ gere­det.«

»Es geht ihnen nur ums Melodrama«, ver­mu­tete Anna. »Das Wetter als schlechte Kunst. Eine Seifenoper. Oder eine Art Reality-Show. Meinst du, du soll­test zu Hause blei­ben?«

»Nein, nicht nötig. Ich will nur zur Arbeit.«

»Okay.« Die Begründung leuch­tete Anna ein; sie ließ sich auch nicht so schnell davon abhal­ten, zur Arbeit zu fahren. »Aber pass auf dich auf.«

»Mach ich. Ich bleibe im Büro.«


Charlie ging nach oben und zog sich an. Ein Ausflug ohne Joe! Es war fast ein Abenteuer.

Als er jedoch die Wisconsin Avenue ent­lang­lief, musste er sich ein­ge­ste­hen, dass er seinen klei­nen Sklaventreiber ein wenig ver­misste. An einer Straßenecke don­nerte ein rie­si­ger Sattelschlepper vorbei, wäh­rend er auf Grün war­tete, und Charlie sagte laut: »Oooh, großes Auto!« Woraufhin sich die ande­ren Fußgänger an der Ampel nach ihm umdreh­ten. Wie pein­lich. Aber es fiel ihm tat­säch­lich schwer, nicht immer wieder zu ver­ges­sen, dass er allein unter­wegs war. Auch das Fehlen des Tragegestells irri­tierte ihn, sodass er stän­dig die Schultern bewegte. Der Wind blies ihm direkt in den Nacken. Eigentlich hätte er viel lieber Joe bei sich gehabt – eine schreck­li­che Erkenntnis. »Mein Gott, Quibler, so weit ist es schon mit dir gekom­men.«

Andererseits war es natür­lich gut, dass die Trageriemen des Gestells nicht über seine Brust rieben. Schon der Stoff des T‑Shirts ver­bun­den mit dem leich­ten Schweißfilm auf der Haut reizte die wunden Stellen. Seit er in den Baum geklet­tert war, fand er nachts kaum noch Schlaf, son­dern kämpfte Stunde um Stunde gegen das quä­lende Jucken und den Drang, sich zu krat­zen. Sein see­li­sches Gleichgewicht war gründ­lichst gestört. Was auch an den hoch­do­sier­ten Steroiden liegen mochte, die sein Arzt ihm gespritzt und in Form von Tabletten ver­schrie­ben hatte. Oder ein­fach am Juckreiz. Jedes Stück Kleidung schien auf seiner Haut eine unend­li­che Folge win­zi­ger Stromstöße aus­zu­lö­sen.

Schon nach weni­gen Tagen hatte er begon­nen, zu hal­lu­zi­nie­ren und Unsinn zu reden. Jetzt, nach über einer Woche, war es noch schlim­mer. Seine Augen brann­ten, alle Dinge schie­nen von einer Aura umge­ben, beim klein­sten Geräusch zuckte er zusam­men. So unge­fähr stellte er sich die Endphase eines Crystal-Meth-Rauschs vor oder die letz­ten Stunden eines LSD-Trips. Das Gehirn blank­ge­scheu­ert, benom­men, wund. Allen Sinneseindrücken aus­ge­lie­fert.

Er fuhr mit der Metro, aber stieg schon am Dupont Circle aus, denn er wollte zur Abwechslung einmal ohne Joe spa­zie­ren gehen. Bei Kramer’s kaufte er sich einen Espresso zum Mitnehmen, dann begann er den Kreisverkehr zu umrun­den, weil er bei der hie­si­gen Second-Story-Filiale vor­bei­schauen wollte. Gleich darauf blieb er jedoch wieder stehen: Genau das hätte er auch bei einem Ausflug mit Joe getan.

Also wandte er sich statt­des­sen nach Südosten und folgte der Connecticut Avenue in Richtung Washington Mall. Im Gehen bewun­derte er die ein­drucks­vol­len Wolken, rie­sige, auf­ge­bauschte, weiß schim­mernde Türme, die hoch oben am blas­sen Himmel auf­rag­ten.

Bei dem wun­der­vol­len Landkartengeschäft an der Eye Street hielt er inne und verlor sich eine Weile in den – eben­falls wol­ken­haf­ten – Umrissen ferner Länder. Als er wieder ins Freie trat, wurde ihm bewusst, dass die realen Wolken kei­nes­wegs vom Westen oder Südosten her­an­zo­gen, son­dern an Ort und Stelle blie­ben und stetig anschwol­len. Strahlend helle Ambosswolken, die bestimmt bis in fünf­zehn­tau­send Meter Höhe hin­auf­reich­ten, ein gewal­ti­ges Gebirge, das so solide wirkte, als wäre es aus Marmor.

Er holte sein Telefon hervor und hielt es sich ans Ohr. »Roy anru­fen.«

Eine Sekunde später: »Roy Anastophoulus.«

»Roy, hier ist Charlie. Ich bin gleich im Büro.«

»Ich bin nicht da.«

»Ach komm!«

»Ich weiß. Wann haben wir uns das letzte Mal gese­hen?«

»Keine Ahnung.«

»Was willst du denn im Büro?«

»Mit Phil spre­chen. Heute Morgen habe ich geträumt, ich könnte jeden von allem über­zeu­gen. Sogar Joe. Im Traum habe ich Phil dazu über­re­det, den Gesetzentwurf zu China und den Aerosolen noch einmal ein­zu­brin­gen. Du hast zuge­stimmt.«

»Der Giftsumach hat dich in den Wahnsinn getrie­ben.«

»Wohl wahr. Liegt bestimmt an den Steroiden. Ich meine, für mich sehen die Wolken so aus, als würden sie pul­sie­ren. Als wüss­ten sie nicht, wo sie hin­zie­hen sollen.«

»Das dürfte stim­men. Hier stoßen heute zwei Tiefdruckgebiete auf­ein­an­der. Hast du noch nichts davon gehört?«

»Wie könnte ich es über­hört haben.«

»Es soll rich­tig heftig regnen.«

»Bis ins Büro werde ich es wohl noch schaf­fen.«

»Gut. Aber hör zu, sei nicht zu streng mit Phil, wenn er nach­her vor­bei­kommt. Er ist sowieso schon ganz unglück­lich.«

»Wirklich?«

»Nun ja – eigent­lich nicht. Ich meine, hast du Phil schon mal unglück­lich erlebt?«

»Nie.«

»Eben. Aber wenn er über­haupt unglück­lich sein könnte, dann wäre er es jetzt. Und ver­giss nicht, er ist wirk­lich geschickt darin, das meiste aus seinen Gesetzentwürfen her­aus­zu­ho­len. Er weiß, wo die Grenzen liegen, und ver­sucht trotz­dem, mög­lichst viel zu errei­chen. Für ihn ist das Ganze kein Nullsummenspiel. Er denkt nicht in ›Wir gegen sie‹.«

»Es geht aber um ›Wir gegen sie.‹«

»Richtig. Aber Phil plant lang­fri­sti­ger. Früher oder später werden ein paar von den ande­ren zu uns über­lau­fen. Und bis dahin hat er ein paar ziem­lich gute Tricks auf Lager. Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass das Mammutgesetz auf­ge­teilt wurde. Auf viele der Einzelthemen werden wir noch zurück­kom­men.«

»Schon mög­lich. Aber mit China und den Aerosolen haben wir es nicht wieder ver­sucht.«

»Jedenfalls noch nicht.«

Die näch­sten Sätze bekam Charlie nicht mit, weil er eine Straße über­que­ren musste. Als er wieder hin­hörte, sagte Roy gerade: »Du hast also geträumt, du wärst Xenophon, ja?«

»Wer?«

»Xenophon. Hat die Anabasis geschrie­ben. Darin erzählt er, wie er mit einem Haufen grie­chi­scher Söldner in der Türkei fest­saß und sich nach Hause durch­schla­gen musste. Sie dis­ku­tie­ren stän­dig, wie sie vor­ge­hen sollen, am Ende folgen sie jedes Mal Xenophons Vorschlag, und alles, was er plant, klappt wie am Schnürchen. Für mich ist das der erste poli­ti­sche Fantasy-Roman über­haupt. Wen hast du denn sonst noch über­zeugt?«

»Ich habe Joe dazu gebracht, sich ohne meine Hilfe auf den Topf zu setzen, und Anna war ein­ver­stan­den, die Kinder zu Hause zu lassen und mit mir Urlaub in Jamaika zu machen.«

Roy lachte herz­haft. »Träume können so witzig sein.«

»Ja, aber auch dreist. Sehr dreist. Beim Aufwachen frage ich mich manch­mal, warum ich nicht immer so dreist bin. Ich meine, was haben wir schon zu ver­lie­ren?«

»Jamaika, Mann. Hey, hast du gewusst, dass sich ein paar Hotels dort an der Nordküste auf Paare spe­zia­li­siert haben, die stän­dig halb­öf­fent­lich Sex haben wollen? Im Freien, am Pool oder am Strand?«

»So viel zum Thema Fantasy.«

»Ja, aber meinst du nicht, das könnte inter­es­sant sein?«

»Also, in meinen Ohren klingt das nach … Verzweiflung möchte ich jetzt nicht gleich sagen, aber auf jeden Fall … große Not?«

»Stimmt. Habe ich. Es ist Wochen her.«

»Du Ärmster. Bei mir ist es Wochen her, seit ich das Haus ver­las­sen habe.«

Für Roy war eine Pause von meh­re­ren Wochen zwi­schen zwei Liebschaften tat­säch­lich unge­wöhn­lich. Es war ein offe­nes Geheimnis, dass unter den ehr­gei­zi­gen, unver­hei­ra­te­ten jungen Leuten, die in Scharen nach Washington kamen, um die Welt zu regie­ren, sehr viel kol­le­gia­ler Sex statt­fand. »Ich werde heute Abend wohl tanzen gehen müssen«, sagte Roy, als wäre das etwas ganz Furchtbares.

»Du tust mir so leid! Ich werde zu Hause sitzen und ver­su­chen, mich nicht zu krat­zen.«

»Dir geht es doch gut. Du hast, was du brauchst. Hey, da kommt mein Essen.«

»Wo bist du über­haupt?«

»Im Bombay Club.«

»Gütiger Himmel.« Das Restaurant wurde von zwei Amerikanern indi­scher Abstammung geführt und war bei Leuten aus dem Politikbetrieb sehr beliebt.«

»Lachs Tandoori?«, fragte Charlie nei­disch.

»Genau. Sieht toll aus und duftet fan­ta­stisch.«

»Bei mir gab es gestern Mittag Gerbers Babybrei ›Spinat‹.«

»Nein. Das isst du doch nicht wirk­lich.«

»Aber klar. Schmeckt gar nicht übel. Nur etwas schwach gesal­zen.«

»Igitt!«

»Weißt du, beson­ders gerne mische ich mir etwas Banane in den Spinatbrei.«

»Hör auf!«

»Mach’s gut.«

»Du auch.«


Unter den Gewitterwolken war es recht dunkel gewor­den. Die Unterseiten der Wolken waren schwarz. Überall auf dem Pflaster sah man große Flecken, als wären dort Ballons voller Wasser geplatzt. Charlie ging schnel­ler und erreichte das Gebäude mit Phils Büro gerade noch recht­zei­tig.

Durch die Glastüren schaute er noch einmal nach drau­ßen. Regen pras­selte auf die Mall, ein Wolkenbruch im wahr­sten Sinne des Wortes. Die Tropfen waren riesig, als hätten sich in den Gewitterwolken Hagelkörner von Baseballgröße gebil­det und wären dann auf dem Weg nach unten geschmol­zen.

Charlie sah dem Schauspiel eine Zeit lang zu, dann fuhr er nach oben. Dort teilte Evelyn ihm mit, dass Phils Flug Verspätung hatte und Phil even­tu­ell mit dem Auto aus Richmond zurück­keh­ren würde.

Charlie seufzte. Also heute keine Besprechung.

Stattdessen las er Berichte und ging seine Post holen. Evelyns Büro lag nach Süden, durch die Fenster sah man links das Kapitol und direkt gegen­über das Luft- und Raumfahrtmuseum auf der ande­ren Seite der Mall. In dem trüben Licht hatten die großen Gebäude etwas Unheimliches, als könn­ten darin Riesen hausen.

Dann war die Mittagszeit vorbei, und er hatte Hunger. Der Regen hatte offen­bar etwas nach­ge­las­sen. Charlie schnappte sich einen Schirm und ging nach drau­ßen. Er wollte sich bei dem ira­ni­schen Imbiss in der C Street ein Sandwich holen.

Es reg­nete stetig, aber nicht stark. Die Straßen waren men­schen­leer. An vielen Kreuzungen stand das Wasser bis zum Bordstein, an eini­gen Stellen sogar noch höher, sodass es auch die Gehwege über­schwemmte.

In dem Imbiss summte der Grill, aber es war kaum jemand da. Zwei Köche und die Kassiererin stan­den vor einem Fernseher, der hoch oben in einer Ecke hing, und sahen sich die Nachrichten an. Als sie Charlie erkann­ten, blie­ben sie, wo sie waren. Im Raum duf­tete es nach Basmatireis.

»Da kommt ein großes Unwetter«, sagte die Kassiererin. »Wissen Sie schon, was Sie möch­ten?«

»Ja, danke. Ich nehme das Übliche, Pastrami-Sandwich auf Roggenbrot.«

»Mit Überschwemmungen«, sagte einer der Köche.

»Ach ja?«, erwi­derte Charlie. »Mehr als sonst?«

Die Kassiererin nickte, den Blick immer noch auf den Fernseher gerich­tet. »Zwei Stürme und Springflut. Oben, unten und in der Mitte.«

»Oje.«

Charlie fragte sich, was das wohl zu bedeu­ten hatte. Er blickte eben­falls zum Fernseher. Auf Satellitenaufnahmen sah man eine rie­sige weiße Wolkendecke über New York und Pennsylvania hin­weg­zie­hen. Zugleich wir­belte ein Tropensturm an den Bermudas vorbei. Da braute sich offen­bar wieder einmal ein gewal­ti­ges Unwetter zusam­men. Nicht dass es die mit­tel­at­lan­ti­schen Bundesstaaten sonst nicht geschafft hätten, ihrem Namen gerecht zu werden. Heutzutage genügte dafür schon ein nicht ganz so gewal­ti­ges Unwetter. Im Fernsehen sagte jemand etwas von einem Elfjahresrhythmus der Gezeiten und dem stärk­sten El Niño seit Beginn der Aufzeichnungen. »Ein Einzugsgebiet von 36.000 Quadratkilometern«, hieß es.

»Auf jeden Fall wird es feucht«, bemerkte Charlie.

Die Iraner nick­ten stumm. Noch vor fünf Jahren hätten sie den Imbiss ver­mut­lich geschlos­sen, aber dies war das vierte gewal­tige Unwetter in drei Jahren. Sie waren abge­stumpft, wie alle ande­ren auch. Man hatte sie schon zu häufig gewarnt. Dabei hatten alle drei gewal­ti­gen Unwetter durch­aus echte Katastrophen aus­ge­löst. Aber nur an bestimm­ten Orten, nicht in Washington. Heutzutage über­prüf­ten die Leute nur noch kurz ihre Notvorräte und gingen dann wie gewohnt ihren Geschäften nach, Schirm und Telefon stets griff­be­reit. Und Charlie machte es ja genauso, wie ihm gerade bewusst wurde: Er kaufte sich ein Sandwich und kehrte ins Büro zurück. Wie sollte er sonst mit der Situation umge­hen?

Während die Iraner sein Sandwich zube­rei­te­ten, schau­ten sie immer wieder zum Fernseher. Dort waren jetzt über­schwemmte Felder zu sehen, offen­bar im oberen Einzugsgebiet des Potomac.

»Drei Meter«, sagte die Kassiererin, wäh­rend sie ihm das Wechselgeld her­aus­gab, aber er wusste nicht, was sie damit meinte. Der Koch schnitt das ein­ge­wickelte Sandwich in der Mitte durch und legte es in eine Tüte. »Der erste ist der schlimm­ste.«

Charlie nahm die Tüte ent­ge­gen und eilte durch die halb­dunk­len Straßen zum Büro zurück. Ab und zu kam er an erleuch­te­ten Fenstern vorbei, hinter denen Menschen vor Computern saßen. Sie erin­ner­ten ihn an Gestalten auf einem Gemälde von Hopper.

Der Regen wurde stär­ker, der Wind rauschte in den Baumkronen und pfiff um die Ecken der Gebäude. Aufgrund des merk­wür­dig fla­chen Blickwinkels in Washington waren große nied­rige Wolkenfelder zu sehen.

An einer Straßenecke blieb Charlie stehen und schaute umher. Seine Haut brannte. Wegen der Nässe und des schwa­chen Lichts wirkte alles ein wenig unwirk­lich, als wäre die Straße eine kunst­voll beleuch­tete Bühne, auf der gleich etwas Verhängnisvolles statt­fin­den sollte. Wieder hatte er das Gefühl, in eine Welt gera­ten zu sein, in der ganz reale Dinge die Eigenschaften von Traumbildern annah­men. Schimmernd, sur­real, rand­voll mit irgend­ei­ner nicht greif­ba­ren Bedeutung. Manchmal reichte es schon, bei schlech­tem Wetter ins Freie zu gehen.

Im Büro setzte er sich an seinen Schreibtisch, aß und ging seine Aufgabenliste durch. Das Sandwich schmeckte gut. Der Kaffee aus der Büromaschine schmeckte schlecht. Charlie ver­fasste ein Memo, in dem er Phil dazu drängte, auch die­je­ni­gen Teile des Gesetzespakets wei­ter­zu­ver­fol­gen, die bisher durch die Ritzen gefal­len waren.

Das Rauschen des Regens ließ ihn an die Khembalis und ihre nied­rig gele­gene Insel denken. Welche Möglichkeiten hatten sie über­haupt, ihre Heimat zu schüt­zen? Er goo­gelte »Khembalung«, und als das über acht­tau­send Treffer ergab, suchte er nach »Khembalung« plus »Geschichte«. Diesmal bekam er nur ein paar Dutzend Links.

Er rief die erste Website auf, die ihm inter­es­sant schien: »Shambhala-Studien«, mit einer .edu-Adresse.

Gleich beim ersten Absatz klappte ihm die Kinnlade her­un­ter. Khembalung, ein wan­deln­des Königreich, früher Shambhala genannt. Er über­flog den Text:

wenn die Krieger der Han Zentraltibet erobern, wird es auch für Khembalung an der Zeit sein. Dann wird jemand aus Drepung kommen, jemand namens Sonam aus dem Norden, jemand namens Padma aus dem Westen …

»Ach du Scheiße …«

In seiner ersten Inkarnation wurde Rudra im Jahr 16.017 v. Chr. als König von Olmo Lung Ring gebo­ren …

Unehrlichkeit und Gier werden siegen, über­all auf der Erde wird kruder Materialismus herr­schen. Der Tyrann wird glau­ben, es gäbe nichts mehr zu erobern, aber dann werden sich die Nebel lich­ten und den Blick auf Shambhala frei­ge­ben. Empört dar­über, dass er doch nicht die ganze Welt beherrscht, wird der Tyrann es angrei­fen, aber da wird Rudra Cakrin wie­der­keh­ren und eine gewal­tige Armee gegen den Angreifer ins Feld führen. In einer großen Schlacht wird das Böse ver­nich­tet (siehe Abbildung 4).

»Gütiger Himmel! Was zum Teufel ist das denn?« Charlie las und las. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter vom Bildschirm ent­fernt, der inzwi­schen die ein­zige Lichtquelle im halb­dunk­len Raum dar­stellte. Wiedererscheinen des Königreichs … Reinkarnation seiner Lamas …

Dann ein Abschnitt, in dem beschrie­ben wurde, wie die Suche nach einem wie­der­ge­bo­re­nen Lama ver­lief. Auf einmal sträub­ten sich die Härchen auf Charlies Unterarmen, und ein Juckreiz erfasste seinen gesam­ten Körper. Kleinkinder, die fremde Sprachen beherrsch­ten oder Gegenstände aus dem per­sön­li­chen Besitz der vor­he­ri­gen Inkarnation wie­der­erkann­ten oder bestimmte Mandalamuster ver­wen­de­ten …

Sein Telefon klin­gelte. Er fuhr in die Höhe.

»Hallo!«

»Charlie! Geht es dir gut?«

»Hallo, Schatz, ja, du hast mich nur erschreckt.«

»Gut! Tut mir leid. Ich habe mir Sorgen gemacht – in den Nachrichten heißt es, im Zentrum wäre alles über­schwemmt, die Mall stünde unter Wasser.«

»Die was?«

»Bist du nicht im Büro?«

»Doch.«

»Ist sonst noch jemand da?«

»Na klar.«

»Und sitzen die alle ein­fach da und arbei­ten?«

Charlie blickte aus der Tür seiner Büronische. Die Etage wirkte tat­säch­lich ziem­lich leer. Es klang ganz so, als hätten sich alle in Evelyns Büro ver­sam­melt.

»Ich gehe mal nach­se­hen und rufe dich wieder an«, sagte er zu Anna.

»Okay, sag mir Bescheid, wenn du weißt, was los ist!«

»Mache ich. Danke für den Hinweis. Hey, bevor wir auf­le­gen, hast du gewusst, dass Khembalung eine Art Reinkarnation von Shambhala ist?«

»Was meinst du damit?«

»Was ich gesagt habe. Shambhala, die ver­bor­gene magi­sche Stadt …«

»Ja, das weiß ich …«

»… ist anschei­nend so eine Art Wanderzirkus. Sobald sie ent­deckt wird oder es sonst irgend­wie an der Zeit ist, wech­selt sie an einen ande­ren Ort. Die Ruinen der ursprüng­li­chen Stadt sind erst vor Kurzem in Kashgar ent­deckt worden, hast du das gewusst?«

»Nein.«

»Nun, ist aber so. Das war wie die Entdeckung von Troja, oder Atlantis und Santorini. Aber Shambhala ist nicht in Kashgar unter­ge­gan­gen, son­dern umge­zo­gen. Erst nach Tibet, dann in eine Tal in Ostnepal oder Westbhutan. Dieses Tal heißt Khembalung. Als die Chinesen dann Tibet besetzt haben, muss­ten die Lamas ver­mut­lich auf die Insel umzie­hen.«

»Woher weiß du das alles?«

»Habe ich gerade online gele­sen.«

»Das ist ja wirk­lich nett, Charlie, aber schau jetzt erst mal nach, was bei dir im Büro los ist! Ich glaube näm­lich, ihr befin­det euch im über­schwemm­ten Gebiet!«

»Okay, wird gemacht. Aber sag mal …« Inzwischen ging er den Korridor ent­lang. »Hat Drepung eigent­lich je erwähnt, wie sie her­aus­fin­den, wer der wie­der­ge­bo­rene neue Lama ist?«

»Nein. Jetzt geh schon nach­schauen!«

»Okay, bin schon dabei, aber Liebling, bitte sprich ihn mal darauf an. Mir ist näm­lich ein­ge­fal­len, wie der alte Mann und Joe damals beim ersten Abendessen mit den Bauklötzen gespielt haben und dass Sucandra gar nicht damit ein­ver­stan­den war.«

»Und?«

»Ich will ein­fach sicher sein, dass da nichts im Busch ist! Das ist kein Scherz, Liebling, ich meine es ernst. Als die Tibeter vor ein paar Jahren nach dem neuen Penchen Lama gesucht haben, bekam irgend­ein armes klei­nes Kind des­we­gen schreck­li­che Schwierigkeiten mit den Chinesen. Mit so etwas will ich nichts zu tun haben.«

»Was? Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Charlie. Lass uns später dar­über spre­chen. Jetzt finde erst mal heraus, was bei euch los ist.«

»Okay, okay, aber ver­giss es nicht.«

»Nein.«

»Okay. Ich rufe dich gleich wieder an.«

Er betrat Evelyns Büro. Vor dem Südfenster dräng­ten sich Menschen, andere stan­den vor einem Fernseher auf einem der Schreibtische.

»Schau dir das an«, sagte Andrea zu ihm und deu­tete auf den Fernseher.

»Ist das etwa von unse­rer Außenkamera?«, rief Charlie aus. Er hatte die Aussicht ent­lang der Constitution Avenue erkannt. »Das ist von unse­rer Außenkamera!«

»Genau.«

»Mein Gott!«

Charlie ging zum Fenster und stellte sich auf die Zehenspitzen, um an den ande­ren vorbei hin­aus­schauen zu können. Die Washington Mall stand unter Wasser. Alle angren­zen­den Straßen waren eben­falls über­flu­tet. Auf der Constitution Avenue schien das Wasser min­de­stens einen halben Meter hoch, viel­leicht noch höher.

»Unglaublich, oder?«

»Seht euch das an.«

»Seht es euch an!«

»Wieso habt ihr mir nichts gesagt?«, rief Charlie völlig schockiert.

»Wir hatten ganz ver­ges­sen, dass du da bist«, erwi­derte jemand. »Du bist so selten hier.«

»Das ist erst in der letz­ten halben Stunde pas­siert«, fügte Andrea hinzu. »Ganz plötz­lich. Ich habe es mit eige­nen Augen gese­hen.« Ihre Stimme zit­terte. »Es gab einen wirk­lich hef­ti­gen Wolkenbruch, und das Wasser floss nicht mehr ab, die Tropfen fielen in eine rie­sige Pfütze, und schon war es so wie jetzt.«

Die Constitution Avenue erin­nerte an den Canale Grande in Venedig. Die Mall sah aus wie ein See im Regen. Wasser bedeckte Straßen, Gehwege und Rasenflächen. Charlie erin­nerte sich, wie ver­blüfft er gewe­sen war, als er vor vielen Jahren aus dem Bahnhof von Venedig ins Freie getre­ten war und direkt vor sich Wasser erblickt hatte. Eine auf Wasser erbaute Stadt. So tief war das Wasser hier natür­lich nicht, aber die Vortreppen aller Gebäude ende­ten in einem bräun­li­chen See. Eine per­fekte Ebene. Braunes Blau, blaues Braun, Braun, Grau, schmut­zi­ges Weiß – lauter trübe städ­ti­sche Farbtöne. Der Regen über­zog die Fläche mit einer unend­li­chen Anzahl von Ringen und hüp­fen­den Tropfen. Windböen rauten sie auf.

Charlie manö­vrierte sich durch die unru­hige Menschengruppe näher ans Fenster. Er hatte den Eindruck, dass das Wasser aus eini­ger Entfernung sanft auf sie zuströmte; einen Moment lang sah es so aus (und fühlte sich auch so an), als hätte ihr Gebäude die Anker gelich­tet und würde Richtung Westen glei­ten. Ihm wurde flau. Er stützte sich mit einer Hand aufs Fensterbrett, um nicht das Gleichgewicht zu ver­lie­ren.

»Mist, ich sollte nach Hause fahren«, sagte er.

»Wie willst du das denn machen?«

»Man hat uns gera­ten hier­zu­blei­ben«, sagte Evelyn.

»Das ist nicht dein Ernst.«

»Doch. Ich meine, schau dir das an. Da drau­ßen könnte es rich­tig gefähr­lich sein. Mit so etwas spaßt man nicht – seht doch, da!« Ein klei­nes E‑Auto trieb vorbei, auf die Seite gekippt, von der Strömung fort­ge­ris­sen. »Du könn­test ganz leicht den Boden unter den Füßen ver­lie­ren.«

»Mein Gott.«

»Genau.«

Ganz über­zeugt war Charlie noch nicht, aber er mochte auch nicht strei­ten. Das Wasser war min­de­stens einen halben Meter tief, Regen pras­selte auf die Oberfläche. Es sah so unheim­lich aus, dass man schon des­we­gen nicht hin­aus­ge­hen mochte.

»Wie groß ist das über­schwemmte Gebiet?«, fragte er.

Evelyn schal­tete zu einem loka­len Nachrichtensender um. Eine aus­ge­spro­chen gut­ge­launte Frau mel­dete gerade, dass eine schwere Sturmflut vor­her­ge­sagt sei, da die Gezeiten sich der­zeit am Extrempunkt ihres Elfjahreszyklus befän­den. Diesmal werde die Flut sogar noch höher aus­fal­len, denn der Tropensturm Sandy drücke Meerwasser in die Chesapeake Bay. Derzeit bewegte sich die Flutwelle den Potomac hinauf Richtung Washington. Dabei verlor sie zwar an Höhe und Kraft, ver­hin­derte aber wie ein beweg­li­cher Damm das Ablaufen des Flusswassers. Ein Damm quer über den Potomac. Mit seinem Einzugsgebiet von sechs­und­drei­ßig­tau­send Quadratkilometern, wie Charlie im ira­ni­schen Imbiss erfah­ren hatte. Einem Einzugsgebiet, in dem der­zeit rekord­ver­däch­tige Niederschlagsmengen regi­striert wurden. In man­chen Gebieten waren inner­halb der letz­ten vier Stunden bis zu fünf­und­zwan­zig Zentimeter Regen gefal­len. All dieses Wasser strömte jetzt fluss­ab­wärts, wo es genau auf Höhe der Stadt auf die Gezeitenwelle tref­fen würde. Verschärft wurde die Lage noch dadurch, dass in Washington selbst wäh­rend des mit­täg­li­chen Wolkenbruchs eben­falls zehn Zentimeter Regen gefal­len waren, was nicht nur ein­drucks­voll aus­ge­se­hen hatte, son­dern auch bewirkte, dass das Wasser nun wirk­lich nir­gend­wo­hin abflie­ßen konnte. All das erklärte die Reporterin mit strah­len­dem Lächeln.

Draußen reg­nete es inzwi­schen nur noch so stark wie an einem gewöhn­li­chen Sommertag. Aber die Tropfen fielen unauf­hör­lich und trafen über­all auf Wasser.

»Unglaublich«, sagte Andrea.

»Vielleicht spült es ja den Internationalen Währungsfonds weg.«

Die Bemerkung öff­nete sozu­sa­gen die Schleusentore: Alle fingen an, laut auf­zu­zäh­len, welche Gebäude und Institutionen sie gern davon­schwim­men sähen. Jemand rief: »Das Kapitol!«, aber das stand natür­lich auf dem gleich­na­mi­gen Hügel, einer Anhöhe, die sich erst ein ganzes Stück weiter öst­lich zum Anacostia hin senkte. Die Leute dort würden ver­mut­lich nicht einmal fest­sit­zen, weil auch im Norden höher gele­ge­nes Gelände angrenzte.

Für sie selbst dage­gen galt: »Wir werden wohl noch eine Weile hier­blei­ben dürfen.«

»Es fahren garan­tiert keine Züge.«

»Und die Metro? O Gott.«

»Ich muss zu Hause anru­fen.«

Das sagten meh­rere Leute zugleich, unter ihnen auch Charlie. Sie liefen aus­ein­an­der und kehr­ten zu ihren Schreibtischen und Telefonen zurück. Charlie befahl seinem Telefon: »Anna anru­fen.«

Die Antwort kam schnell: »Das Netz ist der­zeit über­la­stet, bitte ver­su­chen Sie es später noch einmal.« Diese Ansage hatte er seit Jahren nicht mehr gehört. Sie erschreckte ihn sehr. Natürlich musste man in sol­chen Situationen damit rech­nen, weil dann wirk­lich jeder ver­suchte, irgend­je­man­den anzu­ru­fen, und weil ver­mut­lich auch einige Funkmasten und Leitungen aus­ge­fal­len waren. Aber ange­nom­men, die Störung dau­erte Stunden? Oder Tage? Oder noch länger? Schon bei der Vorstellung ver­spürte er Übelkeit, ihm wurde heiß, und der Juckreiz wallte erneut auf. Er fühlte sich, als sollte ihm ein Arm oder Bein ampu­tiert werden – und so war es ja auch, sein sech­ster Sinn sollte ihm genom­men werden, seine Verbindung zu Anna. Schlagartig wurde ihm bewusst, wie voll­stän­dig er sich nor­ma­ler­weise darauf ver­ließ, stän­dig mit ihr reden zu können. Sie tele­fo­nier­ten ein Dutzend Mal am Tag. Er brauchte diese Gespräche, um sich im Leben zurecht­zu­fin­den. Manchmal buch­stäb­lich.

Jetzt war er von ihr abge­schnit­ten. Nach dem Stimmengewirr in den Büros zu urtei­len bekam auch sonst nie­mand eine Verbindung. Nach und nach fanden sich alle wieder zu einer Gruppe zusam­men. Hatte jemand tele­fo­nie­ren können? Nein. Gab es ein Notsystem? Nein.

Aber man konnte E‑Mails schrei­ben. Sofort setz­ten sie sich an ihre Tastaturen. Eine Zeit lang konnte man glau­ben, man sei in einem Schreibbüro.

Danach gab es nichts mehr zu tun, als auf die Bildschirme oder aus dem Fenster zu star­ren. Zwischendurch irrten sie ruhe­los umher, sagten immer wieder das Gleiche, ver­such­ten zu tele­fo­nie­ren, tipp­ten E‑Mails, schau­ten aus dem Fenster, wech­sel­ten die Fernsehsender, riefen neue Websites auf. Wegen des star­ken Sturms gab es keine Aufnahmen aus Hubschraubern oder irgend­ei­nem ande­ren Fluggerät aus gerin­ge­rer Höhe als den Satelliten, aber inzwi­schen hatte fast jeder Sender Bilder von Videokameras in der Stadt zusam­men­ge­stückelt oder über­trug die Aufnahmen live. Eine Wetterstation ließ mit Kameras bestückte Ballons und Luftschiffe auf­stei­gen und zeigte die Bilder unge­fil­tert; haupt­säch­lich sah man wir­belnde graue Wolken, hin und wieder aber auch über­ra­schende Bilder der Landschaft. Diese bestand inzwi­schen weit­ge­hend aus Seen, aus denen Bäume und Hausdächer ragten. Eine Videokamera auf dem Washington Monument lie­ferte einen wun­der­vol­len Ausblick auf die Überschwemmungen rings um die Mall. Es war atem­be­rau­bend. Der Potomac ergoss sich in einen See, der bis zu den Vortreppen des Weißen Hauses und des Kapitols reichte. Beide Gebäude stan­den auf klei­nen Hügeln, wobei der des Kapitols noch etwas höher war. Der gesamte Südwesten des District of Columbia stand unter Wasser, nur die großen Gebäude waren bisher ver­schont geblie­ben. Das breite Tal des Anacostia sah aus wie ein rie­si­ger Stausee. Südlich der Pennsylvania Avenue war die Stadt zu einer ein­zi­gen Wasserfläche gewor­den, aus der über­all Gebäude und Bäume ragten.

Und nicht nur dort. In der stei­len, engen Schlucht des Rock Creek reichte das Flusswasser inzwi­schen bis zum oberen Rand; auf dem Weg zum Potomac schwappte es an jeder schar­fen Talbiegung über. Die Kameras auf der Brücke an der M Street zeig­ten in ein­drucks­vol­len Bildern, wie die Fluten ein Stück fluss­auf­wärts um die letzte große Biegung schos­sen, die Francis Junior High School umspül­ten, auf der 23. Straße nach Süden ström­ten und bei Foggy Bottom in den See an der Mall mün­de­ten.

Der näch­ste Sender, die näch­sten Kamerabilder. Das Watergate-Gebäude war jetzt tat­säch­lich zu einem geschwun­ge­nen Tor im Wasser gewor­den. Es sah aus wie die Überreste eines gebor­ste­nen Deichs, die jeder­zeit von den schnell flie­ßen­den, unru­hi­gen Fluten des Potomac mit­ge­ris­sen werden konn­ten. Dem Kennedy Center gleich süd­lich ging es nicht besser. Am Lincoln Memorial reichte das Wasser trotz des hohen Podests offen­bar bis zu Lincolns Füßen. Auf der ande­ren Seite des Potomac würden schon bald die nied­rig gele­ge­nen Bereiche des Nationalfriedhofs in Arlington über­schwemmt werden. Der Reagan Airport stand voll­stän­dig unter Wasser.

»Unglaublich.«

Charlie kehrte zum Fenster zurück. Das Wasser war immer noch da. Im Fernsehen sagte jemand, im gesam­ten Stadtbereich hätten sich inzwi­schen zwölf Millionen Kubikmeter ange­sam­melt und es sei mit wei­te­ren Regenfällen zu rech­nen.

Durchs Fenster konnte Charlie sehen, dass auf den umlie­gen­den Straßen trotz Wind und Regen bereits die ersten klei­nen Boote unter­wegs waren. Kajaks, ein Wasserskiboot, Kanus, Ruderboote. Im Laufe des Abends, wäh­rend das trübe Licht unter den dunk­len Wolken schwand, wurde der Regen wieder stär­ker. Es goss so heftig, dass der Aufenthalt auf dem Wasser ganz sicher gefähr­lich war. Und die mei­sten Leute in den Booten mach­ten nicht den Eindruck, als hätten sie etwas Wichtiges zu erle­di­gen. Sie waren nur zum Spaß dort drau­ßen – die ersten Abenteuerlustigen!

»Es erin­nert mich an Venedig«, sagte Andrea und gab damit wieder, war Charlie vorhin gedacht hatte. »Ich frage mich, wie unser Leben wohl aus­sähe, wenn das alles so bleibt.«

»Gut mög­lich, dass wir es bald her­aus­fin­den.«

»Wie hoch sind wir hier über dem Meeresspiegel?«

Auswendig wusste das nie­mand, aber Evelyn rief auf ihrem Computer sofort eine topo­gra­phi­sche Karte auf. Die ande­ren dräng­ten sich um sie; einige lasen nur schnell die Webadresse und sahen sich die Karte auf ihren eige­nen Geräten an.

»Drei Meter über dem Meeresspiegel? Kann das stim­men?«

»Daher der Name Tidal Basin.«

»Aber ist das Meer nicht fast hun­dert Kilometer ent­fernt? Oder sogar hun­dert­fünf­zig?«

»Hundertfünfundvierzig Kilometer bis zur Chesapeake Bay«, sagte Evelyn.

»Ich frage mich, ob die Metro unter Wasser steht.«

»Mit Sicherheit, oder?«

»Zumindest an man­chen Stellen.«

»Breitet sich das Wasser dann nicht durch alle Tunnel aus?«

»Die Abschnitte liegen unter­schied­lich hoch. Die nied­rig­sten sind mit Sicherheit über­schwemmt. Die Zugänge sowieso.«

»Richtig.«

»Wow. So ein Mist.«

»Scheiße, ich bin mit der Metro da.«

»Ich auch«, sagte Charlie.

Sie dach­ten eine Weile nach. Taxis fuhren garan­tiert eben­falls nicht.

»Ich frage mich, wie lange ich zu Fuß nach Hause brau­che.«

Aber zwi­schen der Mall und Bethesda lag der Rock Creek.


Stunden ver­gin­gen. Charlie schaute häufig in sein E‑Mail-Postfach, und end­lich kam eine Nachricht von Anna: Hier ist alles in Ordnung, gut, dass du im Büro bist, bleib auf jeden Fall da, bis es unge­fähr­lich ist, lass uns tele­fo­nie­ren, sobald es wieder geht, alles Liebe, Anna und die Jungs.

Charlie atmete tief durch, er war unge­heuer erleich­tert. Auf der topo­gra­phi­schen Karte hatte er als Allererstes nach Bethesda geschaut: Die Stelle, wo die Wisconsin Avenue die Grenze zwi­schen dem District of Columbia und Maryland über­querte, lag unge­fähr fünf­und­sieb­zig Meter über dem Meeresspiegel. Und der Rock Creek ver­lief ein ganzes Stück weiter öst­lich. Der klei­nere Falls Creek war näher, aber so weit west­lich, dass Charlie sich des­we­gen hof­fent­lich keine Gedanken machen musste. Die Wisconsin Avenue hatte sich wohl in eine Art fla­chen Fluss ver­wan­delt, der in Richtung Georgetown strömte – und wäre es nicht toll, wenn die Snobs in Georgetown auch etwas abbe­kä­men? Aber man hätte es sich denken können: Das Viertel war auf einer Anhöhe am Ufer des Potomac erbaut, die Reichen zog es halt immer nach oben. Georgetown lag noch höher als das Kapitol. So war es immer: Die Armen wohn­ten in den Niederungen. Im Südwesten zum Beispiel, dicht am Anacostia. Dort stand alles unter Wasser.

Es reg­nete weiter. Die Telefone funk­tio­nier­ten nicht. Die Leute in Phils Büro sahen fern, streck­ten sich auf den Sofas aus oder reih­ten auf dem Fußboden Sesselpolster anein­an­der und ver­such­ten zu schla­fen. Draußen ließ der Wind nach, nahm wieder zu, drehte. Der Regen hörte nicht auf. Überall in den stil­len, halb­dunk­len Räumen war das auf­ge­kratzte Geplapper der Fernsehsender zu hören. Charlie fand es selt­sam, dass sie alle dieses ver­mut­lich histo­ri­sche Ereignis im Fernsehen ver­folg­ten, obwohl sie doch direkt invol­viert waren, sich buch­stäb­lich mit­ten­drin befan­den.

Er konnte nicht schla­fen. Stattdessen streifte er in den Gängen des großen Gebäudes umher und sprach mit den Wachleuten am Vordereingang. Sie hatten sich bemüht, die untere Hälfte aller Türen mit dem Klebeband abzu­dich­ten, das das Ministerium für Innere Sicherheit für den Fall eines Gasangriffs ausgab. Im Erdgeschoss war es trotz­dem recht feucht gewor­den, im Keller erst recht; aber ohne die Abdichtung stände das Wasser im Keller ver­mut­lich bis zur Decke. Drüben in den Gebäuden des Smithsonian Institute waren offen­bar Hunderte Angestellte damit beschäf­tigt, Ausstellungsstücke in die oberen Stockwerke zu schaf­fen. Hier bei ihnen arbei­te­ten die mei­sten Leute an ihren Computern; einige berich­te­ten aller­dings inzwi­schen, sie hätten Probleme mit dem Internetzugang. Sollte das Netz ganz zusam­men­bre­chen, wären sie völlig von der Welt abge­schnit­ten. Wozu ein Mitarbeiter bemerkte: Sollte das Internet zusam­men­bre­chen, wäre die gesamte Menschheit am Arsch. Hier gehe es nur um ihren Zugang zum Internet. Den zu ver­lie­ren wäre aller­dings schlimm genug.

Schließlich wurde Charlie doch müde und sein Juckreiz so stark, dass er in Phils Büro zurück­kehrte, sich auf ein Sofa legte und zu schla­fen ver­suchte.

»Auaaaaa«, stöhnte er, als seine bren­nende Haut die Polster berührte. Am lieb­sten hätte er vor Schmerzen geweint. Plötzlich sehnte er sich so sehr nach seinem Zuhause, dass er erneut auf­stöhnte. Er brauchte die Nähe zu Anna und den Jungen, ohne sie war er nicht er selbst. So war das also, wenn man eine Katastrophe mit­er­lebte: Einerseits konnte man es kaum glau­ben, ande­rer­seits wurde einem ein­dring­lich bewusst, dass manch­mal wirk­lich schlimme Dinge gescha­hen.

Der Juckreiz war die reine Folter. Charlie dachte lange, er würde des­we­gen gar nicht ein­schla­fen können. Während er sich im Halbschlaf hin und her wälzte, sah er stän­dig Bilder von den Überschwemmungen vor sich, wie in einem Albtraum, aus dem er nur zu gern erwacht wäre. Aber schließ­lich siegte die Müdigkeit, und er däm­merte weg.

* * * * *

Jenseits des Potomac sah es anders aus. Als der Sturm los­brach, befand Frank sich im Gebäude der NSF. Diane hatte ihn offi­zi­ell mit der Gründung des Komitees beauf­tragt, und da er den Auftrag ange­nom­men hatte, musste die Verlängerung seines Vertrags mit der NSF nun for­mell besie­gelt werden. Das erfor­derte eine Menge Schriftkram. Die Universität von San Diego erhob keine Einwände – für sie war es von Vorteil, wenn jemand von ihnen bei der NSF arbei­tete.

Jetzt saß Frank an seinem Computer und goo­gelte. Aus irgend­ei­nem Grund hatte er die Website von Small Delivery Systems auf­ge­ru­fen, nur um sie sich einmal anzu­schauen. Auf einer der Seiten stieß er auf eine Publikationsliste der Wissenschaftler, die für die Firma arbei­te­ten. An so einer Liste erkannte man häufig am besten, womit sich eine Firma wirk­lich beschäf­tigte. Und fast sofort fiel sein Blick auf einen Artikel, den zwei Personen gemein­sam ver­fasst hatten: Dr. P. L. Emory – der Direktor der Firma – und Dr. F. Taolini.

Rasch tippte er »Berater« ins Suchfeld der Website und fand die Seite, auf der alle exter­nen Berater auf­ge­führt waren. Und da war sie: Dr. Francesca Taolini, Massachusetts Institute of Technology, Zentrum für Bioinformatik.

»Das ist ja ein Ding.«

Er lehnte sich zurück und dachte nach. Taolini war von Pierzinskis Förderantrag durch­aus ange­tan gewe­sen. Sie hatte ihn als »sehr gut« ein­ge­stuft und sich bei der Sitzung des Gutachterausschusses für eine Bewilligung ein­ge­setzt – so über­zeu­gend, dass es ihn nervös gemacht hatte. Sie hatte das Potenzial des Projekts erkannt. Und das bedeu­tete …

Da rief Kenzo an, völlig außer sich wegen des Sturms und der Überschwemmungen, und Frank begann, wie alle ande­ren im Gebäude, die Nachrichten im Fernsehen und auf der Website der Wetterbehörde NOAA zu ver­fol­gen und sich zu fragen, wie ernst die Lage tat­säch­lich war. Sehr ernst, stellte sich bald heraus, denn auf dem Bildschirm war jetzt zu sehen, wie der Rock Creek über die Ufer trat und durch die Straßen Richtung Foggy Bottom strömte. Es folg­ten Aufnahmen aus Foggy Bottom selbst, wo das Wasser hüft­hoch stand, und aus dem Südwesten, wo es bis zu den Hausdächern reichte. Am Zusammenfluss von Potomac und Anacostia ragte das Gebäude des National War College mit seinen klas­si­zi­sti­schen Säulen aus den Fluten wie ein Tempel auf der ver­sin­ken­den Insel Atlantis. Beim Jefferson Memorial sah es ähn­lich aus. Überall in der Stadt lie­fer­ten die regen­ge­peitsch­ten Kameras die glei­chen Bilder. Frank betrach­tete sie ver­blüfft. Die Stadt hatte sich in einen See ver­wan­delt.

Die Klimaexperten aus dem achten Stock ver­öf­fent­lich­ten bereits topo­gra­phi­sche Karten, auf denen sie ein­ge­tra­gen hatten, wie weit die Überschwemmungen bei ver­schie­de­nen Höchstständen rei­chen würden. Wenn die Flutwelle am Zusammenfluss von Potomac und Anacostia eine Höhe von sechs Metern über dem Meeresspiegel erreichte – was Kenzo ange­sichts der Stärke der Gezeitenwelle und einer Reihe ande­rer Faktoren für rea­li­stisch hielt –, würde die Grenzlinie grob gesagt vom Kapitol aus ent­lang der Pennsylvania Avenue bis zum Rock Creek ver­lau­fen. Kapitol und Weißes Haus würden ver­schont blei­ben, aber alles, was weiter süd­lich und west­lich lag, würde über­flu­tet werden. Tatsächlich war dieses Gebiet bereits über­flu­tet, wie die Videoaufnahmen bewie­sen. Und nach den Pegelständen zu urtei­len, die von Messstationen weiter fluss­auf­wärts gemel­det wurden, war der Höhepunkt des Hochwassers noch nicht erreicht.

»Es kommt ein­fach alles zusam­men!«, rief Kenzo am Telefon. »Alles zugleich!« Er redete nicht mehr wie ein Hüter der Daten, son­dern wie ein Impresario – ein Katastrophenmeister. Gut mög­lich, dass da sogar väter­li­cher Stolz mit­schwang. So auf­ge­regt hatte Frank ihn jeden­falls noch nie erlebt.

»Könnte das mit dem Stillstand des Golfstroms zu tun haben?«, fragte er.

»Nein, nein, unwahr­schein­lich. Das hier ist etwas ande­res, denke ich, ein Aufeinandertreffen meh­re­rer Sturmtiefs. Wobei der Stillstand durch­aus bewirk­ten kann, dass solche Situationen häu­fi­ger werden.«

»Mein Gott … Kannst du mir sagen, wie es bei uns in Virginia aus­sieht?« Solange Hochwasser herrschte, würde der Potomac nicht zu über­que­ren sein. »Wird hier irgendwo gear­bei­tet?«

»Am Friedhof in Arlington sta­peln sie Sandsäcke«, sagte Kenzo. »Auf Channel 14 waren Filmaufnahmen zu sehen. Sie suchen noch Freiwillige.«

»Wirklich!«

Frank sprang auf. Um nicht im Fahrstuhl stecken­zu­blei­ben, nahm er die Treppe ins Untergeschoss und fuhr mit dem Auto ins Freie. An eini­gen Stellen stand Wasser auf der Straße, aber es war nur einige Zentimeter tief. Gut mög­lich, dass das bald schlim­mer wurde; wenn Flusswasser in die Abwasserkanäle strömte, konnte das Regenwasser nicht mehr ablau­fen. Noch sah es aber so aus, als käme man mit dem Auto durch.

Als er nach rechts ein­ge­bo­gen war und vor der Ampel anhielt, bemerkte er die Mitarbeiter von Starbucks auf dem Gehweg. Sie ver­teil­ten Tüten mit Essen und Pappbecher mit Kaffee an die Autofahrer vor ihm. Eine der Frauen kam auch zu ihm. Er ließ das Seitenfenster her­un­ter. Sie reichte ihm eine Tüte mit Gebäck und einen Kaffee herein.

»Danke!«, rief Frank. »Ihr soll­tet den Rettungsdienst über­neh­men!«

»Haben wir schon. Sie soll­ten von hier ver­schwin­den.« Sie winkte ihn weiter.

Lachend ver­spei­ste er das Gebäck und fuhr weiter nach Osten Richtung Fluss. Wie alle ande­ren Autofahrer, die über­haupt unter­wegs waren, pflügte er sich mit rund acht Kilometern pro Stunde durchs Wasser. Die Feuerwehrautos, die ihn über­hol­ten, fuhren um eini­ges schnel­ler und hin­ter­lie­ßen große Heckwellen.

An einer Kreuzung bemerkte er drei Männer, die irgend­et­was trugen und schnell hinter einem Gebäude ver­schwan­den. Ob das Plünderer waren? Gab es wirk­lich Leute, die so etwas taten? Eine trau­rige Vorstellung, manche Menschen könn­ten so tief im Modus »Dauerverrat« fest­stecken, dass sie nicht einmal dann her­aus­fan­den, wenn sich die Möglichkeit bot, alles zu ändern. Was für eine Gelegenheit sie ver­pass­ten!

Schließlich kam er an eine Straßensperre, und ein Mann in oran­ge­far­be­ner Weste zeigte ihm, wo er sein Auto abstel­len sollte. Regen pras­selte auf ihn herab. In eini­ger Entfernung, gleich öst­lich vom Kriegerdenkmal des US Marines Corps, sah er Menschen in einer Reihe Sandsäcke wei­ter­rei­chen. Er eilte hin­über und schloss sich ihnen an.

Während er arbei­tete, hatte er meist freien Blick auf den Potomac. Riesige Wassermassen wälz­ten sich durch den Grenzkanal zwi­schen dem Festland und Columbia Island, stau­ten sich an den Brücken, über­flu­te­ten die Yachthäfen und kro­chen auf die nied­rig gele­ge­nen Bereiche des Nationalfriedhofs zu. Ringsum arbei­te­ten Hunderte, viel­leicht sogar Tausende Menschen. Sie schlepp­ten Sandsäcke, die wie 45-Kilo-Zementsäcke aus­sa­hen und sich auch ähn­lich schwer anfühl­ten. Kräftige Männer hoben die Säcke von den Ladeflächen der Lastwagen und reich­ten sie ande­ren Helfern, die sie ent­we­der an die Menschenketten wei­ter­ga­ben oder auf der Schulter davon­tru­gen. Unterhalb der Memorial Bridge wurden die Sandsäcke unter der Leitung von Feuerwehrleuten zu einem Deich auf­ge­schich­tet.

Fluss und Regen gemein­sam rausch­ten so laut, dass man sonst kaum etwas hörte. Man musste schreien, um Anweisungen oder auch Neuigkeiten wei­ter­zu­ge­ben. Der Flughafen stand unter Wasser, die Altstadt von Alexandria war über­schwemmt, das Tal des Anacostia rand­voll. Die Washington Mall ein rie­si­ger See.

Frank nickte zu allem, was ihm zuge­ru­fen wurde, ver­suchte aber gar nicht erst, es zu ver­ste­hen. Er arbei­tete wie beses­sen. Was sehr befrie­di­gend war. Er war zutiefst glück­lich, und allen ande­ren ringsum schien es ähn­lich zu gehen. So ist das eben, dachte er, wäh­rend er all diesen Menschen zuschaute, die schlaffe Sandsäcke schlepp­ten wie die Figuren auf einem alten chi­ne­si­schen Gemälde. Wenn etwas Derartiges geschah, konn­ten plötz­lich alle groß­zü­gig sein.


Gegen Abend stieg er auf den Wall aus Sandsäcken. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das Überschwemmungsgebiet. Der Wind hatte sich gelegt, aber der Regen war fast noch stär­ker gewor­den. Manchmal konnte man glau­ben, die Luft bestünde vor allem aus Wasser.

Seine Arbeitsgruppe machte Pause; ihnen waren die Sandsäcke aus­ge­gan­gen. Sein Rücken war steif. Frank dehnte sich in alle Richtungen, nicht viel anders, als die Bäume es den ganzen Tag über getan hatten. Der Wind hatte häufig gedreht, und es hatte immer wieder kurze, hef­tige Böen gege­ben, so tückisch wie kleine, plötz­li­che Fallwinde. Jetzt herrschte jedoch eine Art Waffenruhe.

Schließlich ließ auch der Regen nach; er wurde erst zu einem leisen Nieseln und dann zu Dunst. Über das auf­ge­wühlte Wasser im Grenzkanal hinweg hatte Frank einen weiten Blick auf den Potomac, eine tur­bu­lente, mit weißen Schaumstreifen über­zo­ge­nen braune Fläche. Das Washington Monument war ein blas­ser Obelisk am wäss­ri­gen Horizont. Lincoln Memorial und Kennedy Center bil­de­ten Inseln im Strom. Zwischen der Wasserfläche und der dunk­len, nied­ri­gen Wolkendecke bewegte sich die Luft in abrup­ten Stößen mal hier­hin, mal dort­hin. Aber trotz der Böen war ihm wegen der kör­per­li­chen Anstrengung nach wie vor warm. Er war nass, aber er fror nicht, nur an Händen und Ohren spürte er den kalten Wind. Frank streckte den Rücken und merkte, wie müde die Muskeln in seinem Kreuz waren.

Zu seinen Füßen tuckerte ein Motorboot lang­sam den Grenzkanal herauf. Frank sah ihm zu. Er fragte sich, wie tief es wohl im Wasser lag. Es war ein ele­gan­tes Kajütboot, acht oder sogar neun Meter lang. Aus dem beleuch­te­ten Cockpit fiel Licht auf eine Person, die auf­recht am Steuer stand. Sie erin­nerte ihn an eine der unheim­li­chen Schwestern in Wenn die Gondeln Trauer tragen.

Die Person blickte zu dem Deich aus Sandsäcken her­über, und Frank erkannte sie. Die Frau aus dem Fahrstuhl in Bethesda. Völlig ver­blüfft hob er die Hände an den Mund und rief so laut er konnte: »HEY!«

Nichts wies darauf hin, dass sie ihn über das Donnern der Wassermassen hinweg gehört hatte. Anscheinend sah sie ihn auch nicht winken. Während das Boot lang­sam um eine Biegung des Kanals ver­schwand, ent­deckte er am Heck einen weißen Schriftzug: GCX88A. Dann war es außer Sicht.

Frank nahm das Telefon aus der Tasche seiner Windjacke, tippte auf den Adressbucheintrag für die Klimaabteilung der NSF und drückte sich das Gerät ans Ohr. Zum Glück mel­dete sich Kenzo. »Kenzo, hier ist Frank – hör zu, du musst dir etwas auf­schrei­ben, es ist sehr wich­tig, ja? GCX88A, hast du das? Lies es vor. GCX88A. Super. Super. Okay, hör zu, das ist die Nummer von einem Boot, es stand am Heck, ein Kajütboot, unge­fähr acht Meter lang. Ich muss wissen, wem es gehört. Kannst du das für mich raus­fin­den? Ich bin drau­ßen im Nassen und kann schlecht selbst goo­geln.«

»Ich kann es ver­su­chen«, sagte Kenzo. »Lass mich mal … Also, das Boot gehört offen­bar zu dem Yachthafen auf Roosevelt Island.«

»Das klingt plau­si­bel. Hat es Telefon?«

»Mal sehen – die Nummer sollte bei der Küstenwache hin­ter­legt sein. Augenblick, die Listen sind nicht öffent­lich zugäng­lich. Warte mal kurz.«

Kenzo liebte solche klei­nen Herausforderungen. Frank war­tete. Er ver­suchte, nicht den Atem anzu­hal­ten: noch so eine instink­tive Reaktion. Stattdessen ver­wen­dete er die Wartezeit darauf, sich das Gesicht der Frau mög­lichst genau ein­zu­prä­gen. Vielleicht ließ sich eins dieser Porträtprogramme doch dazu bewe­gen, eine Zeichnung zu pro­du­zie­ren, die der Frau halb­wegs ähnelte. Sie hatte ernst und unnah­bar aus­ge­se­hen. Wie eine Schicksalsgöttin.

»Ja. Hier haben wir es, Frank. Soll ich wählen und zu dir durch­stel­len?«

»Bitte. Aber schreib die Nummer auch auf. Für alle Fälle.«

»Okay, ich leite an dich weiter und lege dann auf. Ich muss wieder an die Arbeit.«

Frank hielt sich das freie Ohr zu und lauschte. Eine kurze Pause, dann klin­gelte es. Eine schnelle, kurze Folge von Tönen, sehr ein­dring­lich, als müss­ten sie sich gegen das Motorengeräusch auf einem Boot durch­set­zen. Es läu­tete drei­mal, vier­mal, fünf­mal. Was sollte er sagen, wenn sich ein Anrufbeantworter mel­dete?

»Hallo?«

Es war ihre Stimme.

»Hallo?«, sagte sie erneut.

Er musste ant­wor­ten, sonst legte sie auf.

»Hi«, sagte er. »Hi, ich bin’s.«

Es folgte Stille, ange­füllt von sta­ti­schem Rauschen.

»Wir sind in Bethesda zusam­men im Fahrstuhl stecken­ge­blie­ben.«

»Großer Gott.«

Wieder Stille. Frank ließ ihr Zeit, die Nachricht zu ver­dauen. Er wusste ohne­hin nicht, was er als Nächstes sagen sollte. Der Ball lag bei ihr. Doch als das Schweigen immer weiter anhielt, bekam er Angst.

»Leg nicht auf«, sagte er zu seiner eige­nen Überraschung. »Ich habe dich eben im Boot vor­bei­fah­ren sehen. Ich stehe auf dem Deich hinter dem Richmond Highway. Ich habe die Auskunft ange­ru­fen und mir die Nummer von deinem Boot geben lassen. Ich weiß, du willst nicht … Ich habe damals ver­sucht, dich zu finden, aber das ging nicht, darum weiß ich, dass du nicht … dass du nicht gefun­den werden willst. Also habe ich mir gesagt, ich lasse es besser blei­ben. Wirklich.«

Dann wurde ihm klar, dass er log, und er fuhr rasch fort: »Das heißt, eigent­lich wollte ich es über­haupt nicht blei­ben lassen, aber mir ist ein­fach keine Möglichkeit mehr ein­ge­fal­len. Aber dann habe ich dich eben gese­hen und sofort jemand ange­ru­fen, und diese Person hat mir die Telefonnummer von deinem Boot beschafft. Ich konnte nicht anders. Nicht nach­dem ich dich einmal gese­hen hatte.«

»Ich weiß«, sagte sie.

Er atmete tief durch. Er hatte das Gefühl, größer zu werden; sein Rücken streckte sich. Der Tonfall, in dem sie ›Ich weiß‹ gesagt hatte, ließ alles wieder leben­dig werden. Wie sie damals mit den glei­chen Worten eine Verbindung zwi­schen ihnen geschaf­fen hatte.

»Ich wollte dich unbe­dingt wie­der­se­hen«, sagte er nach einer Weile. »Ich fand diese Momente im Fahrstuhl … Ich fand sie …« Ihm fiel nicht ein, wie er es aus­drücken sollte.

»Ich weiß.«

Ihm wurde warm. Als würde Elmsfeuer über seinen Körper hin­weg­lau­fen. So etwas hatte er noch nie erlebt.

»Aber …«, sagte sie, und nun lernte er gleich noch ein neues Gefühl kennen: eine ent­setz­li­che Angst, die ihm den Atem abdrückte. Er war­tete auf den ver­nich­ten­den Schlag.

Die Stille hielt an. Ein klei­ner Regenschauer pras­selte nieder und zog dann weiter, sodass Frank erneut freien Blick über den wind­ge­peitsch­ten Potomac hatte. Eine rie­sige Welt, die nur aus schnell flie­ßen­dem Wasser bestand, ein­drucks­voll, unwirk­lich.

»Gib mir deine Telefonnummer«, sagte sie an seinem Ohr.

»Was?«

»Gibt mir deine Telefonnummer.«

Er gab sie ihr und ergänzte: »Ich heiße Frank Vanderwal.«

»Frank Vanderwal.« Sie wie­der­holte die Nummer.

»Genau.«

»Und jetzt lass mir etwas Zeit«, sagte sie. »Ich weiß nicht, wie lange.« Dann war die Leitung tot.

* * * * *

Der zweite Tag des Sturms ver­ging wie ein ein­zi­ger unend­li­cher Augenblick. Alles war genau wie am Tag zuvor, alle Menschen in den betrof­fe­nen Gebieten hiel­ten ein­fach nur durch und war­te­ten darauf, dass sich die Lage änderte. Es reg­nete nicht mehr ganz so heftig, aber in den letz­ten vier­und­zwan­zig Stunden waren derart viele Niederschläge gefal­len, dass das Wasser nicht mehr ver­sickerte, son­dern gera­de­wegs in die über­flu­te­ten Bereiche strömte und ein Absinken der Wasserstände ver­hin­derte. Über der Stadt ball­ten sich nach wie vor die Wolken, und die Gezeiten fielen wei­ter­hin unge­wöhn­lich stark aus; das gesamte Land rings um die Chesapeake Bay war über­schwemmt. Von drin­gen­den lebens­ret­ten­den Maßnahmen abge­se­hen konnte man nichts tun als warten. Sämtliche Transportwege stan­den unter Wasser. Zehntausende waren ohne Strom. Selbst die Journalisten sahen (größ­ten­teils) ein, dass ihre Arbeit weni­ger wich­tig war als die Aufgabe, Ertrinkende zu retten. Zwar rei­sten Reporter aus der ganzen Welt an, um über dieses atem­be­rau­bende Ereignis zu berich­ten – die Hauptstadt der Hypermacht ver­sank in den Fluten! –, aber die mei­sten von ihnen kamen nicht weiter als bis zu den Rändern der Überschwemmungsgebiete. Innerhalb dieser Areale herrschte wei­ter­hin Ausnahmezustand. Jedermann war mit dem Retten, Transportieren und Befreien von Menschen und Gegenständen beschäf­tigt. Die Nationalgarde war aus­ge­rückt, sämt­li­che Hubschrauber waren requi­riert worden. Fotos und Videoaufnahmen gab es nach wie vor nur spo­ra­disch, was nun wirk­lich gegen jede Regel ver­stieß. Es herrschte großer Druck, wieder zur gewohn­ten Dauerlieferung spek­ta­ku­lä­rer Bilder zurück­zu­keh­ren. Mehrere Einheiten der Nationalgarde muss­ten die Zufahrten zum Hochwassergebiet über­wa­chen, damit es nicht von Schaulustigen über­rannt wurde.

Schon sehr früh am diesen zwei­ten Morgen wurde klar, dass die Pegelstände zwar an den mei­sten Flüssen wieder sanken, nicht jedoch am Rock Creek. Dessen Quellgebiet war wäh­rend der Nacht von den schwer­sten Regenfällen des gesam­ten Unwetters heim­ge­sucht worden, und da der Boden dort bereits völlig durch­nässt war, lief das Wasser gera­de­wegs in die Flüsse. Das Tal des Rock Creek war an meh­re­ren Stellen recht steil und ver­engte sich über weite Strecken zu einer Schlucht, die sich tief ein­ge­schnit­ten durch das eigent­lich höhere Gelände im Nordwestteil des District of Columbia zog. Für der­ar­tige Wassermengen bot das Tal nicht genug Platz.

Das Hochwasser bedrohte auch den Zoo, denn er lag auf einer Landzunge zwi­schen drei Biegungen des Rock Creek. Nach den schwe­ren nächt­li­chen Regenfällen ver­sam­mel­ten sich die Mitarbeiter am Morgen im Verwaltungsgebäude zu einer Krisensitzung.

Auch einige hoch­ran­gige Gäste waren anwe­send. Am ver­gan­ge­nen Vormittag hatten meh­rere Vertreter der Botschaft von Khembalung den Zoo besucht, um eine Begrüßungszeremonie für die zwei Königstiger vor­zu­be­rei­ten, die gerade aus ihrer Heimat ange­kom­men waren. Wegen des Sturms hatten sie nicht nach Virginia zurück­keh­ren können und die Nacht im Zoo ver­bracht. Die Tiger befan­den sich noch in ihren beiden Käfigen.

Auf einem der Computer im Verwaltungsgebäude sahen sich Mitarbeiter und Khembalis Videoaufnahmen des Rock Creek an. Die Wände der Schlucht wurden von den Fluten unter­spült und mit­ge­ris­sen, schwim­mende Baumstämme fingen sich an den Brücken und stau­ten das Wasser, sodass es das umlie­gende Land über­schwemmte – bis die Brücken bar­sten wie über­la­stete Staudämme und mäch­tige, mit Schutt bela­dene Flutwellen die Schlucht hin­ab­schos­sen und noch mehr Zerstörung anrich­te­ten. Wie gefähr­lich ihnen das werden konnte, war am öst­li­chen Ende des Zoos bereits zu erken­nen: Dort lag die hell­braune Oberfläche des Flusses nur noch einen Meter tiefer als das Zoogelände. Allen war klar, dass der Zoo über­schwemmt werden würde. Und zwar bald. Es schien, als stünde ihnen eine Art Umkehrung der Arche Noah bevor: Die Menschen würden geret­tet werden, aber von den Tieren würden zwei von jeder Art ertrin­ken.

Die Khembalis dräng­ten die Zoomitarbeiter, die Tiere so schnell wie mög­lich zu eva­ku­ie­ren. Der Direktor wies darauf hin, dass sie für eine geord­nete Evakuierung weder genug Zeit noch die nöti­gen Fahrzeuge hatten, wor­auf­hin die Khembalis erklär­ten, mit »Evakuieren« hätten sie gemeint, dass man die Käfige öff­nete und die Tiere frei­ließ. Die Zoowärter waren zunächst skep­tisch, aber wie sie schnell her­aus­fan­den, hatten die Khembalis viel Erfahrung mit Hochwasser und wuss­ten, was in sol­chen Situationen zu tun war. Um zu demon­strie­ren, was gesche­hen konnte, wenn man keine dra­sti­schen Maßnahmen ergriff, riefen sie Bilder aus Prag auf, wo wei­nende Zoowärter vor den Leichen ihrer ertrun­ke­nen Elefanten stan­den. Von dort wech­sel­ten sie zur Website von GDIN, dem glo­ba­len Meldenetzwerk für Katastrophen. Dort gab es für genau diese Situation (bedrohte Zootiere) eine voll­stän­dige Liste von Empfehlungen, außer­dem aktu­elle Satellitenbilder und Daten zur Lage im Überschwemmungsgebiet. Offenbar lehrte die Erfahrung, dass die befrei­ten Tiere sich gewöhn­lich nicht weit vom Zoo ent­fern­ten, selten Menschen gefähr­de­ten (die ohne­hin meist in den Häusern fest­sa­ßen) und sich leicht wieder ein­fan­gen ließen, wenn das Wasser abge­flos­sen war. Und die Daten beleg­ten, dass der Rock Creek mit Sicherheit weiter anschwel­len würde.

Das zu glau­ben fiel ihnen nicht schwer, denn an den Grenzen des Zoos reich­ten die don­nern­den brau­nen Wassermassen inzwi­schen fast über­all bis an den Oberrand der Schlucht. Die Tiere selbst waren längst über­zeugt und for­der­ten laut­stark ihre Freiheit. Pandas quiek­ten, Affen kreisch­ten, die Großkatzen brüll­ten – ein miss­tö­nen­des Durcheinander, das Tiere wie Menschen noch mehr in Angst und Schrecken ver­setzte. Kein Film über den Dschungel hatte seinen Zuschauern je so furcht­ba­ren Lärm zuge­mu­tet. Panik lag in der Luft.

Die Connecticut Avenue ähnelte inzwi­schen dem alten Kanal bei Great Falls: ein schma­ler, glat­ter Wasserlauf neben einem Wildwasserfluss. Die Seitenstraßen waren eben­falls über­flu­tet. Allerdings war das Wasser nir­gendwo sehr tief, meist weni­ger als drei­ßig Zentimeter. Schließlich sagte der Zoodirektor – und man sah ihm an, wie ver­blüfft er über seine eige­nen Worte war: »Gut, wir lassen sie raus. Erst die Käfige, dann die Freigehege. Fangen Sie beim Eingang an und arbei­ten Sie sich zum unte­ren Ende vor. Los, Leute, das sind eine Menge Schlösser.«

Bei Regen und in dämm­ri­gem Licht, am Ufer eines tosen­den Flusses, schwärm­ten die Mitarbeiter und ihre Gäste aus und befrei­ten die Tiere. Wo es not­wen­dig war, trie­ben sie sie auf die Connecticut Avenue zu, aber die mei­sten ließen sich nicht lange bitten, son­dern rann­ten augen­blick­lich zum Ausgang, mit einem siche­ren Gespür für den besten Weg aus der Gefahrenzone. Einige duck­ten sich aller­dings in ihren Gehegen oder Käfigen zusam­men und ließen sich nicht her­aus­locken. Die Helfer konn­ten nicht viel Zeit auf sie ver­wen­den; wollte ein Tier nicht ins Freie, gingen sie zum näch­sten Gehege weiter, in der Hoffnung, es später noch einmal ver­su­chen zu können.

Bei den Tapiren und den Rehen und Hirschen hatten sie es leicht. Die größ­ten Volieren öff­ne­ten sie nicht, denn bestimmt würden sie nicht ganz mit Wasser voll­lau­fen. Dann kamen die Zebras, gleich danach die Geparden und die Tiere aus Australien. Kängurus hüpf­ten durch die Pfützen davon. Die Pandas tapp­ten in einer geord­ne­ten Gruppe aus dem Gehege, als hätten sie das Ganze seit Jahren geplant. Giraffen, Flusspferde und Nashörner, Biber und Otter. Die Großkatzen lock­ten sie nach kurzer Beratung in die weni­gen vor­han­de­nen Transportfahrzeuge, Pumas und andere kleine Katzen ließen sie frei. Es folg­ten Bisons, Wölfe, Kamele, Seehunde und Seelöwen, Bären. Dann die Gibbons, eine geschlos­sene, freu­dig krei­schen­den Gruppe. Der ein­same schwarze Jaguar war ganz schnell nur noch ein bedroh­li­cher Schatten im Halbdunkel. Die Reptilien und die Tiere vom Amazonas schie­nen sich augen­blick­lich hei­misch zu fühlen. Die Menschen öff­ne­ten das Freigehege der Präriehunde, senk­ten die Zugbrücke zur Insel der Affen – noch eine Horde panisch flüch­ten­der Primaten, gefolgt von den lang­sa­me­ren Gorillas und ande­ren Menschenaffen. Am Nordende des Zoos schwappte inzwi­schen brau­nes Wasser aus der Schlucht und lief die Wege ent­lang; an den nied­rig­sten Stellen war das Gelände bereits über­schwemmt. In den Gehegen befan­den sich nur noch wenige Tiere, und nur ganz ver­ein­zelt ver­suchte eins, Richtung Bach zu ent­kom­men. Das Donnern des Wassers war ein­fach zu erschreckend, die Botschaft zu klar. Jedes Lebewesen erkannte instink­tiv, wohin es flie­hen musste.

Das Wasser schwappte noch höher. Es schien in Schüben anzu­stei­gen. Trotz aller Eile hatten sie volle zwei Stunden gebraucht, um sämt­li­che Türen zu öffnen. Als sie gerade fertig waren, ertönte ein beson­ders lautes Donnern, und eine dreckige Flutwelle voller Schwemmgut ergoss sich über das Gelände. Weiter fluss­auf­wärts musste irgend­ein Hindernis plötz­lich nach­ge­ge­ben haben. Die weni­gen Tiere, die sich noch auf den nied­ri­gen Bereichen des Geländes befan­den, wurden weg­ge­spült oder ertran­ken. Die weni­gen noch ver­blie­be­nen Menschen steu­er­ten die Transporter mit den Großkatzen und Eisbären zum Tor hinaus auf die Connecticut Avenue. Der ganze Nordwesten von D. C. war zum Zoo gewor­den.

Das Fahrzeug mit den Schwimmenden Tigern von Khembalung wandte sich auf der Connecticut Avenue nach Norden. Im Fahrerhäuschen saßen auch, dicht gedrängt, die Abgesandten der Khembalis. Ganz lang­sam und vor­sich­tig ging es die leere, dunkle, nasse Straße ent­lang. Wegen der dich­ten Wolken hatte man den Eindruck, es wäre schon Abend.

Hinter ihnen im Ladebereich tobten die Schwimmenden Tiger. Sie waren offen­sicht­lich ver­äng­stigt und zornig, viel­leicht auch, weil ihnen so etwas Ähnliches schon einmal zuge­sto­ßen war. Auf jeden Fall saßen sie gar nicht gern im Transporter fest und brüll­ten so laut, dass sich die Menschen im Führerhäuschen unglück­lich duck­ten. Dann schie­nen die beiden Tiger auf ein­an­der los­zu­ge­hen: Schwere Körper krach­ten gegen die Seitenwände, und das Brüllen und Knurren klang immer wüten­der. Manchmal war auch ein Zischen zu hören, als würde gleich ein Heizungskessel explo­die­ren.

Die Khembalis schlu­gen dem Fahrer und dem Wärter ein Ziel vor. Der Fahrer nickte und fuhr auf der Connecticut Avenue weiter nach Norden. Jede etwas grö­ßere Senke hätte die Straße unpas­sier­bar gemacht, doch sie ver­lief stetig berg­auf. An der Bradley Lane bogen sie nach Westen ab und schaff­ten es fast bis zur Wisconsin Avenue, bevor sie an einer Senke umkeh­ren muss­ten. Der Fahrer ver­suchte es weiter nörd­lich, und schließ­lich erreich­ten sie die Wisconsin Avenue. Auch sie war zu einer Art brei­tem, ruhi­gem Fluss gewor­den, der schnell nach Süden strömte, aber das Wasser war nur fünf­zehn Zentimeter tief. Im Schneckentempo beweg­ten sie sich strom­auf­wärts, bogen ver­bo­te­ner­weise nach links in die Woodmont Avenue ein, nahmen noch eine letzte Kurve und hiel­ten schließ­lich im Dämmerlicht vor einem klei­nen Haus, hinter dem ein großer Wohnblock auf­ragte.

Die Khembalis stie­gen aus und klopf­ten an eine Seitentür. Eine Frau tauchte auf, sprach kurz mit ihnen und ver­schwand wieder.

Hätte jemand im Wohnblock zufäl­lig aus dem Fenster geschaut, ihm hätte sich bald darauf ein selt­sa­mer Anblick gebo­ten: Mehrere Männer – einige in wein­ro­ten Gewändern, andere in der kha­ki­far­be­nen Uniform des National Park Service – lock­ten einen Tiger von der Ladefläche eines großen Kastenwagens. Der Tiger trug ein Halsband, an dem drei Leinen befe­stigt waren. Sobald er sich im Freien befand, schlos­sen die Männer die Tür zur Ladefläche wieder. Der älte­ste Mann stand mit erho­be­ner Hand direkt vor dem Tiger. Er ergriff eine der Leinen und führte das durch­nässte Tier im Regen quer über die Zufahrt zu einer Treppe, an deren unte­rem Ende sich eine geöff­nete Kellertür befand. Der Tiger blieb vor der Treppe stehen und blickte umher. Der alte Mann sprach drän­gend auf ihn ein. An dem Küchenfenster direkt über ihnen schau­ten zwei Kinder mit großen Augen zu. Einen Moment lang stand alles still, nur der Regen fiel. Dann schlüpfte der Tiger durch die Tür.

* * * * *

Irgendwann wäh­rend dieser zwei­ten Nacht hörte es auf zu regnen. Bei Tagesanbruch sah immer noch alles nass und grau aus, doch bald darauf lich­te­ten sich die Wolken und zogen in hohem Tempo nach Norden. Um neun Uhr stand, umge­ben von großen Wattewolken, die Sonne am Himmel über der über­flu­te­ten Stadt. Es wehte ein kräf­ti­ger, böiger Wind.

Charlie hatte auch diese zweite Nacht im Büro ver­bracht, aber als er nun nach dem Aufwachen aus dem Fenster sah, regte sich in ihm die Hoffnung, dass sich die Lage gebes­sert hatte und er end­lich ver­su­chen konnte, nach Hause zu gelan­gen. Die Telefone funk­tio­nier­ten immer noch nicht. Anna hatte ihn jedoch per E‑Mail auf dem Laufenden gehal­ten, was ihn sehr beru­higte – jeden­falls bis sie ihm gestern Abend die Ankunft der Khembalis gemel­det hatte. Nervös machte ihn dabei nicht nur die Tatsache, dass in ihrem Keller jetzt ein Tiger wohnte, son­dern auch, dass die Khembalis sich so für Joe inter­es­sier­ten. In seinen Antwortmails hatte er davon natür­lich nichts erwähnt. Aber er wollte unbe­dingt nach Hause.

Längst waren wieder unzäh­lige Hubschrauber und Luftschiffe unter­wegs. Die Fernsehsender der Welt konn­ten end­lich das ganze Ausmaß der Überschwemmungen zeigen, und das taten sie auch. Der größte Teil der Innenstadt stand nach wie vor unter Wasser. Ausgerechnet die beson­ders bekann­ten und belieb­ten Gegenden waren zu einem rie­si­gen fla­chen See gewor­den; man konnte fast glau­ben, jemand hätte den Reflecting Pool an der Washington Mall absicht­lich über jedes ver­nünf­tige Maß hinaus ver­grö­ßert. Die Bäche und Flüsse, die in dieses erwei­terte Tidal Basin mün­de­ten, führ­ten immer noch unge­wöhn­lich viel Wasser, sodass der Pegelstand nicht sank. In dem klaren Sonnenlicht sah die weite Fläche aus wie ein rie­si­ger Caffé Latte, mit Schaum.

In diesem See stan­den natür­lich Hunderte von Gebäuden, die zu Inseln gewor­den waren. Dazu kamen einige echte Inseln und meh­rere Hochstraßen, die jetzt als Brücken über das Tal des Anacostia fun­gier­ten. Am Westrand strömte der Potomac durch den See; er hatte auch weiter auf­wärts und abwärts alle nied­rig gele­ge­nen Landstriche an seinen Ufern über­schwemmt. Der Fluss war voller Treibgut, das sich im Unterlauf immer lang­sa­mer bewegte. Offenbar flos­sen die rie­si­gen ange­stau­ten Wassermengen selbst bei Ebbe nur zöger­lich ins Meer.

Im Laufe des Vormittags waren mehr und mehr Boote zu sehen. Auf den Luftaufnahmen der Fernsehsender erin­nerte das Ganze fast an eine Regatta – ein Wasserfest auf der Washington Mall, wie damals im China der Ming-Dynastie. Manche impro­vi­sier­ten Wasserfahrzeuge wirk­ten nicht eben see­tüch­tig. In einem Bericht hieß es, die Patrouillenboote der Polizei hätten damit begon­nen, alle weg­zu­schicken, die nicht zu Rettungszwecken unter­wegs waren, aber damit hatten sie offen­sicht­lich wenig Erfolg. Die Situation war noch so unge­wohnt, dass sich die Ordnungskräfte kaum durch­set­zen konn­ten. Überall rasten Motorboote umher und hin­ter­lie­ßen hell­braune Heckwellen. Es gab Ruderer, Paddler, Kajakfahrer, Schwimmer. Einige Leute benutz­ten sogar die hell­blauen Tretboote, die man sonst nur auf dem Tidal Basin sah. Majestätisch wie win­zige Flussdampfer stram­pel­ten sie die Mall ent­lang.

Doch auch wenn die Bilder von der Mall die Berichterstattung beherrsch­ten, brach­ten einige Sender auch Nachrichten aus der übri­gen Region. Die Krankenhäuser waren voll. Es hatte einige Tote gege­ben; genaue Zahlen kannte nie­mand. Und viele Menschen muss­ten geret­tet werden. Vor allem in den ersten Morgenstunden unter­bra­chen die Hubschrauber der Fernsehsender immer wieder ihre Übertragungen, um Menschen von Hausdächern zu holen. Überall im Südwesten und dem Anacostia-Tal wurden Menschen mit Booten aus ihren Häusern befreit. Der Reagan Airport stand nach wie vor unter Wasser, und von den Brücken über den Potomac war unter­halb von Harpers Ferry keine ein­zige pas­sier­bar. In Great Falls waren die Wasserfälle nur noch ein beson­ders unru­hi­ger Abschnitt in einem Strom, der die gesamte Schlucht aus­füllte. Der Präsident war nach Camp David gebracht worden; von dort aus erklärte er ganz Virginia, Maryland und Delaware zum Katastrophengebiet. Im District of Columbia, sagte er, sei es »noch schlim­mer«.


Charlies Telefon gab einen Piepton von sich; sofort riss er es an sich. »Anna?«

»Charlie! Wo bist du?«

»Immer noch im Büro! Bis du zu Hause?«

»Ach, gut. Ja, mit den Jungs, wir sind gar nicht weg gewe­sen. Die Khembalis sind auch hier, hast du meine E‑Mail bekom­men?«

»Ja, ich habe dir doch geant­wor­tet.«

»Ach, stimmt ja. Sie sind im Zoo vom Hochwasser über­rascht worden. Ich habe die ganze Zeit ver­sucht, dich anzu­ru­fen!«

»Ich dich auch, außer wenn ich geschla­fen habe. Ich war so froh über deine E‑Mails.«

»Ja, das hat gut­ge­tan. Ich bin so froh, dass dir nichts pas­siert ist. Was für eine ver­rückte Geschichte! Steht euer Gebäude denn unter Wasser?«

»Nein, nein, gar nicht. Fast gar nicht. Wie geht es den Jungs?«

»Denen geht’s gut. Sie sind völlig begei­stert. Ich kann sie kaum im Haus fest­hal­ten.«

»Lass sie nicht raus!«

»Nein, nein. Und euer Gebäude ist nicht über­schwemmt? Steht die Mall denn nicht unter Wasser?«

»Doch, schon, gar kein Zweifel, aber ins Gebäude ist nicht viel ein­ge­drun­gen. Sie halten die Türen geschlos­sen und ver­su­chen, sie unten abzu­dich­ten. Das klappt zwar nicht so gut, aber gefähr­lich ist es nicht. Man muss ein­fach in den oberen Stockwerken blei­ben.«

»Und eure Generatoren funk­tio­nie­ren?«

»Ja.«

»Viele stehen näm­lich unter Wasser, habe ich gehört.«

»Ja, das glaube ich gern. Mit so etwas hat doch nie­mand gerech­net.«

»Nein. Notstromaggregate im Keller. Eigentlich dumm.«

»Unseres ist auch im Keller«, fiel Charlie mit plötz­li­chem Schreck ein.

»Ich weiß. Aber es steht ja auf diesem Tisch. Es funk­tio­niert.«

»Was ist mit Essen, wie sieht es da aus?« Charlie ver­suchte sich zu erin­nern, was sich in ihren Schränken befand.

»Na ja, ein biss­chen was haben wir schon. So doll ist es aber nicht. Wenn wir nicht bald Nachschub bekom­men, könnte es schwie­rig werden. Aber not­falls würde es schon für ein paar Wochen rei­chen, denke ich.«

»Na, das sollte aber genü­gen. Ich meine, bis dahin müsste der Laden doch wieder laufen.«

»Vermutlich. Wasser brau­chen wir auch bald.«

»Wie schnell wird das Flutwasser ablau­fen?«

»Keine Ahnung, woher soll ich das wissen?«

»Na ja – du bist doch Wissenschaftlerin.«

»Also wirk­lich.«

Sie hörten ein­an­der beim Atmen zu.

»Ich bin so froh, dass ich wieder mit dir reden kann«, sagte Charlie. »So abge­schnit­ten zu sein war schreck­lich.«

»Ich bin auch froh.«

»Hier bei uns sind jetzt über­all Boote unter­wegs. Ich will ver­su­chen, mög­lichst schnell jemand zu finden, der mich mit­nimmt. Wenn ich erst mal an Land bin, kann ich nach Hause laufen.«

»Nicht unbe­dingt. Die Taft Bridge über den Rock Creek gibt es nicht mehr. Soweit ich das den Nachrichten ent­neh­men konnte, kommst du nur noch an der Massachusetts Avenue über den Fluss.«

»Ja, die Bilder vom Rock Creek habe ich gese­hen. Unglaublich.«

»Ich weiß. Der Zoo, und über­haupt. Drepung meint zwar, die mei­sten Tiere könn­ten wieder ein­ge­fan­gen werden, aber ich habe da meine Zweifel.« Der Tod der Zootiere würde Anna fast so sehr erschüt­tern wie der von Menschen. Für sie gab es da keinen großen Unterschied.

»Dann nehme ich eben die Massachusetts Avenue«, sagte Charlie.

»Oder du fin­dest jemand, der dich west­lich vom Rock Creek absetzt. In Georgetown. Sei auf jeden Fall vor­sich­tig. Tu nichts Übereiltes.«

»Bestimmt nicht. Ich passe gut auf mich auf, und ich rufe dich regel­mä­ßig an. Hoffe ich jeden­falls. So abge­schnit­ten zu sein war schreck­lich.«

»Ich weiß.«

»Okay, dann … Ich möchte eigent­lich gar nicht mehr auf­le­gen, aber es ist wohl besser. Lass mich noch kurz mit den Jungs spre­chen.«

»Ja, klar. Hier kommt Joe. Er findet es gar nicht gut, dass du nicht da bist, er fragt stän­dig nach dir. Besser gesagt, er ver­langt nach dir … Hier.«

Und plötz­lich rief ihm jemand ins Ohr: »Dadda?«

»Joe!«

»Da! Da!«

»Hey, Joe, hier spricht Dad. Schön, dich zu hören, mein Junge! Ich bin bei der Arbeit. Ich komme bald nach Hause, Kleiner.«

»Da! Da!«, Und dann kla­gend: »Wall Daaaaaaa.«

»Ist schon gut, Joe«, sagte Charlie mit beleg­ter Stimme. »Ich bin bald zu Hause. Mach dir keine Sorgen.«

»Da!« Das war ein Schrei.

Dann mel­dete sich Anna. »Tut mir leid, jetzt rastet er aus. Hier, Nick möchte auch mit dir reden.«

»Hey, Nick? Passt du gut auf Mom und Joe auf?«

»Ja, bis eben jeden­falls, jetzt dreht Joe gerade durch.«

»Das gibt sich wieder. Wie ist es denn so bei euch?«

»Also, wir muss­ten diese großen Kerzen anzün­den, ja? Und aus den Wachsresten habe ich einen rie­si­gen Turm gebaut, der ist echt klasse. Und dann kamen Drepung und Rudra mit den Tigern vorbei, einer ist noch im Wagen, der andere ist bei uns im Keller!«

»Das ist ja nett, wirk­lich klasse. Aber neben­bei, pass gut auf, dass die Kellertür immer zu ist.«

Nick lachte. »Die ist abge­schlos­sen, Dad. Den Schlüssel hat Mom.«

»Gut. Hat es bei euch denn viel gereg­net?«

»Ich glaube schon. Die Wisconsin Avenue steht unter Wasser, das kann man von hier aus sehen, aber ein paar Autos sind trotz­dem unter­wegs. Das meiste wissen wir aber nur aus dem Fernsehen. Mom hat sich echt Sorgen um dich gemacht. Wann kommst du denn nach Hause?«

»Sobald ich kann.«

»Gut.«

»Ja. Nun, ein paar schul­freie Tage wird es dir auf jeden Fall ein­brin­gen. Gibst du mir deine Mom noch mal? Hallo, Schatz.«

»Hör zu, bitte rühr dich nicht von der Stelle, bis du einen siche­ren Weg fin­dest, nach Hause zu kommen.«

»Mache ich.«

»Wir lieben dich.«

»Ich liebe euch auch. Ich komme so bald wie mög­lich zu euch.«

Dann fing Joe wieder an zu schreien, und sie legten auf.

Charlie gesellte sich zu seinen Kollegen und gab die gute Nachricht weiter. Inzwischen hatten auch einige andere Glück mit dem Telefon. Überall wurde gere­det. Auf einmal hörte man drau­ßen im Gang jeman­den rufen.

Im ersten Stock war vor den Fenstern zur Constitution Avenue ein Polizeiboot auf­ge­taucht. Es sollte Menschen an Land schaf­fen. Dieses Mal würde es Richtung Westen gehen, und ja, in Georgetown konn­ten sie auch anle­gen, falls jemand dort aus­stei­gen wollte. Für Charlie war das per­fekt: So würde er ans Westufer des Rock Creek gelan­gen und konnte zu Fuß nach Hause gehen.

Also reihte er sich ein, klet­terte aus dem Fenster und bestieg das große Boot. Plötzlich fielen ihm Zeilen aus einem Gedicht von Robert Frost ein, das er in der Schule einmal aus­wen­dig gelernt hatte:

Es ver­gin­gen die Jahre, doch zuletzt kam ein Pochen,

Und ich dacht’: An der Tür, doch die Tür war ja offen.

Das Pochen kam wieder, mein Fenster stand auf,

Ich stieg auf den Sims, schon war ich hinaus.

Lachend bewegte er sich Richtung Bug, um für die näch­sten Flüchtlinge Platz zu machen. Schon selt­sam, was einem so in den Sinn kam. Wie ging das Gedicht weiter? Dadada dada … Er wusste es nicht mehr. Egal. Der rele­vante Teil war ihm wieder ein­ge­fal­len, und das nach so vielen Jahren. Er war aus dem Fenster gestie­gen, und nun ging es los.

Der Motor wurde lauter. Das Boot ent­fernte sich vom Gebäude, zog einen weiten Bogen und folgte der Constitution Avenue nach Westen. Dann bog es nach links ab und über­querte die breite Fläche der Mall. Eine Bootsfahrt auf der Mall!

Die Nationalgalerie erin­nerte ihn ans Taj Mahal – wun­der­schö­ner weißer Stein, gespie­gelt im Wasser. Die Gebäude des Smithsonian Institutes sahen alle­samt groß­ar­tig aus. Im Innern hatten die Mitarbeiter ver­mut­lich die ganze Nacht hin­durch Ausstellungsstücke in die Stockwerke ober­halb des Wasserspiegels geschafft. Was für ein Chaos über­all ent­stan­den war!

Halt suchend lehnte er sich ans Dollbord. Der Anblick war ein­fach atem­be­rau­bend – einen Moment lang hatte er Angst, das Gleichgewicht zu ver­lie­ren und ins Wasser zu fallen. Woran wohl vor allem das Boot schuld war, aber er war auch buch­stäb­lich über­wäl­tigt. Die Fernsehbilder waren schon ein­drucks­voll gewe­sen, aber das alles tat­säch­lich vor sich zu haben, war etwas völlig ande­res. Er konnte kaum glau­ben, was er da sah. Weiße Wolken am blauen Himmel, ein fla­cher brau­ner See, der in der Sonne glänzte und hier und da Splitter von Himmelblau reflek­tierte – und alle Dinge wirk­ten kom­pakt und wie poliert, fast über­trie­ben echt. Keine seiner Giftsumach-Visionen war ihm je derart real erschie­nen.

Der Steuermann lenkte das Boot weiter nach Süden. Anscheinend wollte er das Washington Monument süd­lich umschif­fen. Das Boot tuckerte lang­sam am Denkmal vorbei; es ragte hoch über ihnen auf wie ein Obelisk am Nil bei Hochwasser. Im Vergleich dazu wirk­ten alle Boote sehr klein.

An den Gebäuden des Smithsonian Institute stand das Wasser offen­bar unge­fähr drei Meter hoch. Von den großen Eingangstüren ragten nur die obere Hälfte heraus, wie die nied­ri­gen Tore von Bootshäusern. Für einige Gebäude würden die Folgen bestimmt kata­stro­phal sein, andere hatten Vortreppen oder höhere Fundamente. Ein großes Unglück war es über­all, so oder so.

Ihr Boot fuhr jetzt im Schritttempo nach Westen. Die Bäume am Ende der Mall erin­ner­ten aus der Ferne an was­ser­lie­bende Sträucher. Das Vietnam Memorial würde natür­lich völlig über­schwemmt sein. Das Lincoln Memorial stand auf einem hügel­ar­ti­gen Sockel, aller­dings direkt am Potomac; dort konnte das Wasser gut so hoch rei­chen, dass es sämt­li­che Stufen bedeckte. Vielleicht hatte die Lincoln-Statue sogar nasse Füße bekom­men. Zwischen den stamm­lo­sen Bäumen hin­durch war das schwer zu erken­nen.

Überall auf dem lang­ge­streck­ten brau­nen See waren die ver­schie­den­sten Boote unter­wegs. Vor allem die klei­nen blauen Tretboote aus dem Tidal Basin strahl­ten gera­dezu Festtagslaune aus. Aber auch die Kajaks, Ruderboote und Schlauchboote waren fröh­lich bunt. Die hin und her kreu­zen­den klei­nen Segelboote ließen ihre drei­ecki­gen Segel auf­blit­zen. Das alles bei strah­len­dem Sonnenschein, unter schim­mern­den Wolken und blauem Himmel. Die Feiertagsstimmung zeigte sich selbst in der Kleidung der Menschen: Charlie ent­deckte Hawaiihemden, Badeanzüge, sogar Karnevalsmasken. Er sah auch viel mehr dun­kel­häu­tige Gesichter, als er es von der Mall kannte. Fast als wäre ein Mardi-Gras-Umzug auf Trinidad von einem nächt­li­chen Sturm unter­bro­chen worden und würde nun am näch­sten Tag umso fröh­li­cher fort­ge­setzt. Die Leute wink­ten sich zu und riefen Unverständliches (die Hubschrauber über ihnen mach­ten viel Lärm). Manche stan­den auf­recht in ihren Booten, Telefone oder Kameras in der Hand, und dreh­ten sich gefähr­lich schwan­kend im Kreis, um 360-Grad-Aufnahmen zu machen. Es fehlte nur noch ein Wasserskifahrer, und das Bild wäre kom­plett gewe­sen.

All das nahm Charlie in sich auf, buch­stäb­lich mit offe­nem Mund. Zugleich bewegte er sich lang­sam Richtung Bug. Beim Klettern aus dem Fenster hatte die Haut an seinen Armen und seiner Brust erneut zu bren­nen begon­nen. Er hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen, ein Feuer, das vom Fahrtwind noch ange­facht wurde. Ihr Boot tuckerte weiter Richtung Westen; Charlie fühlte sich wie in einem Vaporetto auf der Lagune von Venedig. Er musste lachen.

»Vielleicht sollte man es ein­fach so lassen«, sagte jemand.

Quer über den Potomac näherte sich ein Patrouillenboot der Marine, beglei­tet von einer weißen Bugwelle auf der strom­auf­wärts gewand­ten Seite. Es erreichte die Mall, glitt zwi­schen zwei Kirschbäumen hin­durch, dros­selte die Motoren, wodurch es etwas tiefer ins Wasser sank, und fuhr lang­sa­mer weiter. Es würde ziem­lich nah an ihnen vor­bei­kom­men. Charlie spürte, wie ihr Boot eben­falls lang­sa­mer wurde.

Da ent­deckte er unter den Menschen am Bug des Patrouillenboots ein bekann­tes Gesicht. Phil Chase. Phil winkte jedem Boot, das sie pas­sier­ten, wie ein Karnevalsfürst bei einem Umzug, und beugte sich weit über die Reling, um den Leuten Grüße zuzu­ru­fen. Und er strahlte. Wie so viele, die an diesem Vormittag auf dem Wasser unter­wegs waren, wirkte er wie jemand, der einen Tag blau machte.

Charlie beugte sich übers Dollbord und winkte mit beiden Armen. Die Boote näher­ten sich weiter an. Charlie hob die Hände an den Mund und rief, so laut er konnte: »HEY, PHIL! Phil Chase!«

Phil hörte es, drehte sich um und ent­deckte ihn. »Hey, Charlie!« Er winkte fröh­lich und hob dann eben­falls die Hände an den Mund. »Schön, Sie zu sehen! Habt ihr es im Büro alle gut über­stan­den?«

»Ja!«

»Gut! Das ist gut!« Phil rich­tete sich auf und deu­tete auf die Wasserfläche. »Ist das nicht unglaub­lich?«

»Ja! Unbedingt!« Dann platzte es aus Charlie heraus. »Und, werden Sie jetzt end­lich etwas gegen die Erderwärmung unter­neh­men?«

Phil lächelte, so bezau­bernd wie immer. »Ich werde sehen, was ich tun kann!«

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© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel