von Kim Stanley Robinson
Ministerium für Innere Sicherheit
VERTRAULICH
Mitschrift NSF 3957396584
Apparate 645d/922a
922a: Willst du das Neuste hören, Frank?
645d: Was denn, Kenzo?
922a: Casper the Friendly Ghost hat letzte Woche den Island-Färöer-Rücken überquert, und sie hat nirgendwo einen Salzgehalt über 34 gemessen.
645d: Wow. Wie tief unten war sie?
922a: Oberflächenwasser, Mittelbereich, obere Schicht des Tiefenwassers. Und nirgends über 34. Im Europäischen Nordmeer an der Oberfläche nur noch 33,8.
645d: Wow. Und die Temperaturen?
922a: An der Oberfläche 0,9 Grad, in dreihundert Metern Tiefe 0,75. Im Osten etwas wärmer, aber nicht viel.
645d: O Gott. Das heißt, es wird nicht absinken.
922a: Genau.
645d: Und was passiert dann?
922a: Das weiß ich nicht. Vielleicht ist es schon der endgültige Stillstand.
645d: Da muss doch etwas unternommen werden!
922a: Na, viel Erfolg, mein Bester! Ich glaube, das wird noch lustig. Sehr lustig. Für die nächsten tausend Jahre.
* * * * *
Anna arbeitete bei geöffneter Tür, sodass sie wieder einmal mithörte, was Frank am Telefon sagte. Anscheinend fiel einem das Lauschen beim zweiten Mal leichter.
Was aber wirklich ihre Aufmerksamkeit erregte, war auch diesmal Franks angespannter Tonfall. Ganz zu schweigen von einigen besonders lauten Sätzen, zum Beispiel: »Was? Warum das denn?«
Dann Stille, in der nur das Quietschen von Franks Stuhl und ein kurzes Fingertrommeln zu hören war.
»Ja, stimmt. Gut, was soll ich dazu sagen. Es ist wirklich blöd. Echt schlimm … Stimmt. Aber weißt du, für dich geht es doch in jedem Fall gut aus. Schwierig wird es für deine Leute … Nein. Nein, das verstehe ich. Du hast getan, was du konntest. Wenn die Firma einmal verkauft ist, hast du keinen Einfluss mehr. Es war nicht deine Entscheidung, Derek … Ja, ich weiß. Sie finden bestimmt anderswo Arbeit. Es ist ja nicht so, als gäbe es bei euch sonst keine Biotech-Firmen, San Diego ist die Biotech-Hauptstadt der Welt, oder? … Ja klar. Sag mir Bescheid, wenn du es sicher weißt … Okay, ich auch. Mach’s gut.«
Er knallte das Telefon auf den Tisch und fluchte leise.
Anna blickte zur geöffneten Tür. »Stimmt etwas nicht?«
»Und ob.«
Sie stand auf und ging zur Tür. Frank blickte zu Boden und schüttelte angewidert den Kopf.
Dann hob er den Kopf und sah sie an. »Small Delivery Systems hat Torrey Pines Generique dichtgemacht. Sie haben fast alle entlassen.«
»Wirklich! Haben sie die Firma nicht eben erst gekauft?«
»Ja. Aber an den Leuten waren sie nicht interessiert.« Er verzog das Gesicht. »Es ging ihnen offenbar um etwas anderes. Vielleicht um eins der Patente. Oder um einen der wenigen Mitarbeiter, die sie behalten. Einigen haben sie nämlich Stellen in ihrem Labor in Atlanta angeboten. Diesem Mathematiker zum Beispiel, von dem ich dir erzählt habe. Der den Förderantrag bei uns eingereicht hat. Den habe ich doch erwähnt?«
»Einer von den Anträgen, die abgelehnt wurden?«
»Genau.«
»Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, waren die Leute in deinem Gutachterausschuss nicht so beeindruckt.«
»Ja, das stimmt, aber ich weiß nicht – ich glaube, sie lagen falsch.« Er zog eine Grimasse und zuckte mit den Achseln. »Das war ein Fehler. Die neue Firma wird ihm einen Vertrag geben, in dem er alle Rechte an seinen Entwicklungen an die Firma abtritt. Die kann sie dann patentieren lassen oder als Geschäftsgeheimnis für sich behalten oder sogar beerdigen, wenn sie einem ihrer anderen Produkte schaden. Was immer nach Meinung ihrer Rechtsabteilung am meisten einbringt.«
Anna sah ihm eine Weile beim Grübeln zu. Schließlich sagte sie: »Nun ja.«
Er warf ihr einen Blick zu. »So jemand gehört an die NSF.«
Anna hob eine Augenbraue. Sie wusste genau, dass Franks eigene Haltung zur NSF zwiespältig, wenn nicht sogar negativ war. Das hatte er oft genug durchblicken lassen.
Frank schien zu erraten, was sie dachte. »Wenn er für euch arbeiten würde, könntet ihr ihn auf bestimmte Themen ansetzen. Wie einen Spürhund.«
»Ich glaube, die Art Forschungsprogramm gibt es hier nicht.«
»Sollte es aber. Genau darauf will ich hinaus.«
»Du kannst es ja erwähnen, wenn du heute Nachmittag deinen Vortrag vor dem Stiftungsrat hältst.« Dann dachte sie selbst darüber nach. Eine Art menschliche Suchmaschine, die mathematisch fundierte Lösungen aufspürte …
Frank schien den Vorschlag nicht witzig zu finden. »Ich lehne mich auch so schon weit genug aus dem Fenster«, murmelte er. »Wenn ich nur wüsste, warum Diane mich überhaupt um einen Vortrag gebeten hat.«
»Sie will zum Abschied noch einmal von deiner Weisheit profitieren.«
»Ja, klar.« Er warf einen Blick auf einen großen hellgelben Block voll hingekritzelter Notizen.
Anna beobachtete ihn nachdenklich. In diesem Moment empfand sie die gleiche leicht genervte Zuneigung für ihn wie neulich bei der Party für die Khembalis. Er würde ihr fehlen. »Kommst du mit nach unten, Kaffee holen?«
»Gern.« Er stand zögernd auf, offenbar noch tief in Gedanken, und streckte die Hand aus, um das Programm auf seinem Computer zu beenden.
»He, was ist denn mit deiner Hand?«
»Ach, das. Eine Verbrennung. Ich bin beim Klettern abgestürzt und habe nach dem Seil gegriffen.«
»Großer Gott, Frank!«
»Ich war gut gesichert, es war nur ein Reflex.«
»Das sieht aber ziemlich schmerzhaft aus.«
»Nur wenn ich die Finger krümme.«
Sie verließen ihre Büros und gingen zu den Fahrstühlen. »Wie geht’s Charlie mit dem Giftsumach?«
»Noch ziemlich elend. Die meisten Blasen sind abgeheilt, aber ein paar Stellen reißen immer wieder auf. Nachts wird er deswegen ständig wach – ich glaube, das ist inzwischen das Schlimmste. Seit das Ganze passiert ist, bekommt er nicht mehr viel Schlaf. Dazu dann noch Joe … Es macht ihn verrückt.«
Als sie bei Starbucks ankamen, sagte sie: »Und, hast du alles für deinen Vortrag vorbereitet?«
»Nein. Oder doch. So weit das möglich ist. Wie gesagt, ich verstehe nicht, warum Diane mich darum gebeten hat.«
»Bestimmt, weil du demnächst weggehst. Sie möchte hören, wie du deinen Aufenthalt hier einschätzt. Das macht sie bei Gastwissenschaftlern öfter. Es bedeutet, dass sie an deiner Sicht der Dinge interessiert ist.«
»Aber woher will sie die denn kennen?«
»Keine Ahnung. Von mir jedenfalls nicht. Ich hätte natürlich nur Gutes über dich gesagt, aber sie hat mich gar nicht gefragt.«
Er strich mit einem Finger über die verbrannte Stelle an seiner Handfläche. »Sag mal, hast du je gehört, dass Leute einen Bericht zugesandt bekommen und ihn einfach abheften? Du weißt schon: nichts unternehmen?«
»Das passiert ständig.«
»Wirklich?«
»Na klar. Manchmal ist es das Beste, was man machen kann.«
»Hmm.«
Da sie inzwischen am Kopf der Schlange angekommen waren, unterbrachen sie ihr Gespräch, um zu bestellen und auf ihre Getränke zu warten. Frank wirkte immer noch nachdenklich. Seine Stimmung erinnerte Anna an den Abend, als er triefend nass zu ihrer Party erschienen war. »Sag mal, hast du eigentlich diese Frau wiedergefunden, mit der du im Fahrstuhl festgesessen hast?«
»Nein. Das wollte ich dir gerade erzählen. Ich bin deinem Rat gefolgt und habe mich an die Wartungsabteilung der Metro gewandt. Ich habe darum gebeten, dass sie auf dem Berichtsformular der Frau nachsehen und mir ihren Namen sagen. Weil ich das angeblich für meine Versicherung brauche.«
»Wirklich! Und?«
»Der Mensch bei der Metro hat mir sofort alle Infos gegeben. Gar kein Problem. Hat mir alles vorgelesen, was sie eingetragen hat. Aber es stimmte nicht.«
»Stimmte nicht?«
Sie verließen Starbucks und kehrten ins NSF-Gebäude zurück.
»Die Adresse war falsch. Da wohnt niemand. Und als Namen hatte sie Jane Smith eingetragen. Sie muss alles erfunden haben.«
»Das ist ja merkwürdig! Haben euch die Metro-Leute denn nicht nach irgendeinem Ausweis gefragt?«
»Nein.«
»Das hätte ich jetzt doch erwartet.«
»Wer gerade aus einem Fahrstuhl befreit wurde, hat vermutlich selten Lust, als Nächstes einen Ausweis hervorzukramen.«
»Stimmt, vermutlich nicht.« Ein Fahrstuhl kam, sie stiegen ein. »Deine Freundin ja auch nicht.«
»Genau.«
»Ich frage mich aber schon, weshalb sie falsche Angaben gemacht hat.«
»Ich auch.«
»Was ist mit den Sachen, die sie dir erzählt hat – irgendetwas mit einem Fahrradclub, richtig?«
»Habe ich auch versucht. Keiner der hiesigen Clubs rückt Mitgliederlisten heraus. Bei einem Club in Bethesda habe ich mich ins System gehackt, aber eine Jane Smith gab es da nicht.«
»Wow. Du hast wirklich alles versucht.«
»Ja.«
»Vielleicht ist sie Geheimagentin. Hmm. Du könntest natürlich bei sämtlichen Fahrradclubs mindestens ein Treffen besuchen. Oder dich einem anschließen, mitfahren und nach ihr Ausschau halten. Ein Bild von ihr herumzeigen.«
»Was für ein Bild?«
»Beschaff dir eins dieser Programme, mit denen man Phantombilder erzeugt.«
»Gute Idee. Obwohl« – er seufzte – »sehr ähnlich würde ihr das nicht sehen.«
»Stimmt, das tun sie nie.«
»Ich müsste lernen, besser Rad zu fahren.«
»Wenigstens ist sie keine Fallschirmspringerin.«
Er lachte. »Da hast du recht. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Danke, Anna.«
Später am Nachmittag trafen sie sich erneut, diesmal auf dem Weg zur Sitzung des National Science Board, des Gremiums, das die Leitlinien für die Arbeit der NSF festlegte. Sie fuhren in den elften Stock und folgten dem Gang zum Konferenzraum. Durch die Außenfenster sah man niedrige dunkle Wolken, die dicht gedrängt Richtung Atlantik rasten. Es regnete in Strömen.
Im Konferenzraum rückten Laveta und einige andere Mitarbeiter unter Dianes Anleitung gerade ein Whiteboard und einen Bildschirm für PowerPoint-Präsentationen zurecht. Sonst war noch niemand da.
»Nur herein«, sagte Diane. Sie war mit dem Bildschirm beschäftigt und wandte Frank den Rücken zu.
Nach und nach trafen auch die übrigen Teilnehmer ein. Dem Stiftungsrat gehörten vierundzwanzig Personen an – wobei fast immer ein, zwei Positionen gerade nicht besetzt waren. Sie alle waren einflussreiche Wissenschaftler. Kandidaten für den Rat wurden von der NSF und der Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen und vom Präsidenten für jeweils vier Jahre ernannt.
Sie sahen recht nass und zerzaust aus, wie sie da einzeln oder zu zweit den Raum betraten. Einige Abteilungsleiter der NSF – Kollegen von Anna – kamen ebenfalls herein. Schließlich saßen fünfzehn oder sechzehn Personen um den langen Tisch, darunter auch Sophie Harper, die Kontaktperson zum Kongress. Draußen blitzte es, aber wegen der dichten Regenschleier auf dem Außenfenster war im Konferenzraum nur ein diffuses Aufleuchten im Grau zu bemerken. Es war, als blickte man in ein Aquarium.
Diane begrüßte die Anwesenden und handelte zügig den Tagesordnungspunkt »Einleitung« ab. Anschließend ging sie eine Liste großer Projekte durch, die der Stiftungsrat vor einem Jahr angeregt oder diskutiert hatte, und bat die jeweils zuständigen Mitglieder des Rats um einen kurzen Bericht. Auf der Liste standen auch einige Klimaschutzprojekte; die meisten von ihnen waren hochspekulativ, und alle waren extrem teuer. Beim Thema CO2-Speicherung wurden unter anderem Aufforstungsprogramme erwähnt, die zugleich dem Küstenschutz dienten. Hier machte Anna sich eine Notiz, weil sie den Khembalis davon erzählen wollte.
Aber nichts von dem, was hier diskutiert wurde, konnte global wirklich etwas ausrichten. Dazu war das Problem zu massiv, der Auftrag der NSF zu eng umrissen und ihr Budget viel zu klein. Ganze zehn Milliarden Dollar. Selbst mit den fünfzig Milliarden, die für sämtliche Projekte auf der Liste notwendig wären, ließen sich nur kleine Teilprobleme angehen.
In Momenten wie diesem musste Anna unweigerlich daran denken, wie Charlie beim Spielen mit Joes Dinosauriern einmal ein kleines, mäuseartiges rosa Ding in die Höhe gehalten hatte, das allererste Säugetier, und gerufen hatte: »Hey, das ist die NSF!«
Er hatte es als Kompliment gemeint: weil die NSF sich so gut in der großen weiten Welt behauptete, vielleicht auch, weil sie für die Zukunft stand. Aber leider hatte der Vergleich auch in Bezug auf die Größe gestimmt. Sie strampelten sich ab, um zu überleben, während ringsum die Dinosaurier starben – die sie eigentlich retten wollten, was alles noch schlimmer machte. Woher sollten sie die Mittel dafür nehmen? Oder wie Frank es ausdrücken würde: Wie sollte das funktionieren?
Dann schob sie diese Gedanken beiseite und trug kurz vor, was ihre Recherchen zu diversen Programmen zum Aufbau von Infrastruktur ergeben hatten. Auf diesem Gebiet hatte sich in den letzten zehn Jahren einiges getan. Annas Fazit lautete, dass die Programme sich als erfolgreich erwiesen hatten und erweitert werden sollten, eine Schlussfolgerung, der alle am Tisch zustimmten. Allerdings würde das teuer werden.
Darauf folgte eine nachdenkliche Pause.
Schließlich wandte Diane sich an Frank. »Sind Sie so weit, Frank?«
Frank stand auf. Er wirkte weniger gelassen als sonst. Er ging zum Whiteboard, griff nach einem Rotstift und spielte damit herum. Sein Gesicht war leicht gerötet.
»Alle Programme, die bisher besprochen wurden, dienen dem Sammeln von Daten, aber um ehrlich zu sein: Daten haben wir genug. Das Klima verändert sich bereits weltweit. Im Nordpolarmeer schmilzt das Packeis, dadurch gelangt sehr viel Süßwasser in die obere Schicht des Nordatlantik, und wie die neuesten Daten erkennen lassen, sinkt dieses Oberflächenwasser nicht mehr nach unten. Wodurch die riesigen Strömungskreisläufe im Atlantik zum Stillstand kommen. Ein solcher Stillstand gilt inzwischen auch bei anderen Klimaänderungen in der Erdgeschichte als wichtiger Auslöser. Wir stehen also höchstwahrscheinlich am Beginn eines plötzlichen Klimawechsels.«
Er schürzte die Lippen und blickte aufs Whiteboard. »Die Frage ist: Was machen wir jetzt? Ein ›Weiter so‹ genügt nicht. Sie alle sollten sich vielmehr bemühen, der NSF größeren Einfluss zu verschaffen.«
»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ein Mitglied des Sitzungsrats etwas pikiert, ein Mann in den Sechzigern mit einem grauen Bart wie Abraham Lincoln; Anna kannte ihn nicht. »Wie unterscheidet sich das von dem, was wir sowieso ständig machen? Seit ich Mitglied in diesem Rat bin, diskutieren wir das bei jeder Sitzung. Wir fragen uns immer, wie die NSF mit ihrem Geld mehr bewirken kann.«
»Das mag ja sein«, sagte Frank, »aber es hat offenbar nicht funktioniert.«
»Worauf wollen Sie hinaus, Frank?«, fragte Diane. »Was könnten wir sonst noch tun?«
Frank räusperte sich. Diane und er schauten sich lange an, als würden sie irgendeinen Konflikt austragen.
Dann zuckte Frank die Achseln, trat ans Whiteboard und zog die Kappe von seinem Rotstift. »Ich mache mal eine Liste.«
Er schrieb eine 1 ans Whiteboard und kreiste sie ein.
»Erstens. Alles miteinander verknüpfen.« Er schrieb: »Synergien innerhalb der NSF.«
»Damit meine ich, dass Sie Kooperationen innerhalb der NSF anstoßen sollten, sodass alle quer durch die Disziplinen gemeinsam an diesem Problem arbeiten. Als Nächstes« – er schrieb eine 2 an die Tafel und kreiste sie ein – »sollten Sie bei der Förderung von Grundlagenforschung immer die Anwendungsmöglichkeiten im Blick haben. Sie sollten Leute einstellen, deren einzige Aufgabe es ist, nach solchen Anwendungen Ausschau zu halten. Ein internes Team von Experten für Strategie und Innovation.«
Das wäre dann wohl dieser Mathematiker, dachte Anna.
Sie hatte Frank noch nie so ernst erlebt. Von der zynischen Selbstsicherheit, die er sonst wie eine Maske trug, war nichts zu merken; er tat nicht mehr so, als wäre alles nur ein Spiel, bei dem er gnädigerweise mitmachte, obwohl die anderen längst verloren hatten. Stattdessen wirkte er ernst, geradezu wütend. Und zwar auf Diane, aus welchen Gründen auch immer. Er sah sie nicht an und auch sonst niemanden, sondern hielt den Blick auf die rot hingekritzelten Wörter auf dem Whiteboard gerichtet.
»Drittens: Sie sollten nicht immer nur abwarten, welche Anträge und Fördermöglichkeiten von außen an Sie herangetragen werden, sondern die notwendigen Forschungsprojekte selbst in Auftrag geben. Eine rein passive Haltung können Sie sich einfach nicht mehr leisten. Viertens sollten Sie jeweils bis zu fünfzig Prozent Ihres Jahresetats dem aktuell größten ungelösten Problem widmen. Im Moment wäre das der Klimawandel. Sie sollten die Anstrengungen aller Wissenschaftler gezielt in diese Richtung lenken. Im öffentlichen wie im privaten Sektor – den gesamten Betrieb. Das könnte ähnlich organisiert sein wie die Max-Planck-Institute in Deutschland: staatlich finanzierte Einrichtungen, die sich jeweils mit einem ganz bestimmten Problem befassen. Davon gibt es ungefähr ein Dutzend. Die Institute bestehen nur so lange, wie sie gebraucht werden, danach löst man sie auf. Ein gutes Modell.
Fünftens sollten Sie sich stärker darum bemühen, den politischen Einfluss der Wissenschaft zu erhöhen. Gründen Sie einen Dachverband, dem alle wissenschaftlichen Institutionen der Welt angehören. Eine Art Vereinte Nationen der Wissenschaft. Dann können all diese Organisationen gemeinsam an den drängendsten Fragen unserer Zeit arbeiten und auch gemeinsam für eine ausreichende Finanzierung kämpfen. Zum Segen zukünftiger Generationen.«
Er verstummte, betrachtete das Whiteboard und schüttelte den Kopf. »Das klingt vermutlich alles ziemlich … ich weiß nicht. Großspurig. Oder übergriffig. Antidemokratisch oder elitär oder so – jedenfalls nach etwas, das wir so von der Wissenschaft bisher nicht kennen.«
»Einen Staatsstreich werden wir ganz bestimmt nicht anzetteln«, sagte der Mann, der auch vorhin schon widersprochen hatte.
Frank schüttelte ungeduldig den Kopf. »Betrachten Sie es einmal im Sinn des Kuhn’schen Paradigmenmodells. Wie Kuhn es in Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen beschreibt.«
Der Bärtige nickte: So weit konnte er offenbar folgen.
»Laut Kuhn herrscht gewöhnlich allgemeines Einvernehmen darüber, auf welchen Grundannahmen eine Theorie basieren sollte. Er nennt das ein Paradigma, und wissenschaftliche Arbeiten, die dem gültigen Paradigma folgen, bezeichnet er als ›normale Wissenschaft‹. Kuhn bezieht das vor allem auf naturwissenschaftliche Erklärungsmodelle, aber wenden wir es einmal auf die gesellschaftliche Rolle der Wissenschaft an. Im Moment betreiben wir normale Wissenschaft. Aber wie Kuhn beschreibt, treten dabei ab und zu Anomalien auf. Es ereignen sich Dinge, die nicht von der Hand zu weisen sind, sich aber nicht in das alte Paradigma einfügen lassen. Anfangs versuchen die Wissenschaftler, die Anomalien doch irgendwie im Paradigma unterzubringen. Aber wenn es zu viele Abweichungen gibt, fällt das Paradigma in sich zusammen. Weil es dann irgendwann so absurd wirkt wie das astronomische Modell von Ptolemäus.
Genau an dem Punkt befinden wir uns jetzt. Wir haben die Universitäten und die NSF und all das, aber das System ist zu kompliziert, es bewegt sich in zu viele Richtungen gleichzeitig. Es bekommt die Abweichungen nicht mehr in den Griff.«
Frank blickte kurz zu dem Mann hinüber, der ihm eben widersprochen hatte. »Früher oder später schlägt jemand dann ein neues Paradigma vor, das die Anomalien mit berücksichtigt. Sie besser in den Griff bekommt. Und nach einer gewissen Phase der Verwirrung und der Kontroversen fangen die Leute an, auf dem Boden des neuen Paradigmas normale Wissenschaft zu betreiben.«
Der Mann nickte. »Und Sie meinen, wir brauchen einen Paradigmenwechsel, was das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft betrifft.«
»Ja, genau.«
»Aber wie sieht das neue Paradigma denn aus? Mir scheint, da stecken wir noch tief in der Phase der Verwirrung.«
»Richtig. Aber solange wir noch keine klare Vorstellung von dem neuen Paradigma haben – und die haben wir nicht, da gebe ich Ihnen recht –, solange ist es unsere Aufgabe als Wissenschaftler, die Veränderung voranzutreiben, indem wir unsere Ressourcen planvoll einsetzen. Sodass wir die Phase der Verwirrung schneller überwinden. Und als Werkzeug müssen wir das Budget und den institutionellen Einfluss nutzen, den die NSF seit ihrer Gründung aufgebaut hat. Das heißt, wir dürfen unsere Zuwendungsempfänger nicht länger als Kunden betrachten, deren Wünsche wir zu erfüllen haben. Wir müssen aufhören, mit dem Hut in der Hand zum Kongress zu gehen, um Veränderungen zu betteln und dann doch die Politiker entscheiden zu lassen, wofür wir das Geld ausgeben.«
»Wow, Augenblick mal«, widersprach Sophie Harper. »Das Recht, Bundesmittel zu verteilen, liegt nun mal beim Kongress, und der wacht sehr eifersüchtig darüber, das können Sie mir glauben.«
»Klar tut er das. Es ist die Basis seiner Macht. Und natürlich sind das unsere gewählten Repräsentanten. Das bestreite ich gar nicht. Aber wir könnten auch zu ihnen gehen und sagen: Leute, die Party ist vorbei. Wenn ihr nicht wollt, dass unsere Zivilisation für Jahrzehnte den Bach runtergeht, müsst ihr folgende Projekte finanzieren. Und ihnen erklären, dass sie nicht eine Billion Dollar pro Jahr fürs Militär ausgeben, aber die Rettung und den Wiederaufbau der Welt dem Zufall und ihrer Heilslehre von der freien Marktwirtschaft überlassen können. Weil das nicht funktioniert. Die Wissenschaft ist der einzige Ausweg.«
»Sie meinen damit die wissenschaftlich fundierte Lenkung aller Anstrengungen«, sagte Diane.
»Ja, meinetwegen«, fuhr Frank sie an. Dann hielt er blinzelnd inne, als käme ihm Dianes Formulierung plötzlich bekannt vor, und errötete noch mehr.
»Ich weiß nicht«, sagte ein anderes Mitglied des Stiftungsrats. »Das haben wir doch alles schon versucht. Mehr Angebote zur Zusammenarbeit mit dem Kongress, mehr Lobbyarbeit. Ich sehe nicht ganz, wie das die großen Veränderungen bewirken soll, die Sie hier beschreiben.«
Frank nickte. »Ich auch nicht. Aber mehr ist mir bisher nicht eingefallen. In der Richtung ist sicherlich noch Arbeit nötig.«
»So groß ist die NSF nun auch wieder nicht«, sagte jemand anderes.
»Stimmt ebenfalls. Aber stellen Sie sich das Ganze einmal wie eine Lawine vor. Wenn sich die gesamte NSF eine Zeit lang auf dieses eine Projekt konzentriert, werden sich die Auswirkungen mit etwas Glück bald selbst verstärken. Weil dann eine Kettenreaktion entsteht. Mathematisch gesehen ist das eine Frage von Wahrscheinlichkeiten. Wenn der Hang eines Hügels den kritischen Neigungswinkel erreicht oder sogar überschritten hat, und man verschiebt genügend Elemente gleichzeitig, und es sind die richtigen Elemente – Bumm. Eine Lawine. Ein Paradigmenwechsel. Konzentration auf die großen Probleme, die vor uns liegen.«
Die Zuhörer dachten nach.
Diane ließ Frank nicht aus den Augen. »Ich frage mich, ob wir wirklich schon so nah am Rand der Klippe stehen, dass die Leute auf uns hören werden und wir tatsächlich eine Lawine auslösen.«
»Das weiß ich auch nicht«, erwiderte Frank. »Aber über den kritischen Punkt sind wir definitiv hinaus. Der Strömungskreislauf im Atlantik steht still. Wir steuern auf eine Phase abrupter Klimaveränderungen zu. Angesichts dieser Probleme wird normale Wissenschaft ohnehin nicht mehr möglich sein.«
Diane lächelte dünn. »Mit anderen Worten, wir sollen die Welt retten, um weiter Wissenschaft betreiben zu können?«
»Wenn Sie es so ausdrücken wollen, ja. Wenn Ihnen kein besserer Grund einfällt.«
Diane sah ihn gekränkt an. Ungerührt erwiderte er ihren Blick.
Anna saß nach vorn gebeugt da und beobachtete die beiden. Irgendetwas ging da vor, aber sie hatte keine Ahnung, was es war. Um die Anspannung zu lösen, schrieb sie auf ihren Notizblock: »Die Welt retten, um weiter Wissenschaft betreiben zu können.« Charlie sollte das später »Das Frank’sche Prinzip« taufen.
Schließlich löste Diane sich aus der Erstarrung. »Gut. Was sagen die anderen dazu?«
Damit begann die Diskussion, und es kam eine ganze Reihe von Ideen hinzu. Ein inoffizielles Gremium zur wissenschaftlichen Beratung des Kongresses gründen, als Ersatz für das frühere Office of Technology Assessment. Sich dafür einsetzen, dass der wissenschaftliche Berater des Präsidenten Kabinettsmitglied wurde. Jemand schlug sogar vor, die nationale Akademie der Wissenschaften durch einen neuen Verfassungszusatz in ein Staatsorgan umzuwandeln. Alle Einfälle wurden ausführlich besprochen, anfangs noch etwas zögerlich, dann mit wachsender Begeisterung, weil den Anwesenden offenbar immer stärker bewusst wurde, dass sie alle längst ähnliche Ideen mit sich herumtrugen: Vorstellungen von der Zukunft, die sie anderen Wissenschaftlern gegenüber normalerweise nicht aussprachen, weil sie ihnen zu groß oder zu ausgefallen erschienen. »Ziemlich wilde Ideen«, wie eine von ihnen es ausdrückte.
Frank hatte alle Einfälle auf dem Whiteboard notiert. »Die Sache ist die«, sagte er. »Im Augenblick hält sich die Wissenschaft aus politischen Entscheidungsprozessen heraus. So wie sich das Militär aus Fragen des Zivillebens heraushält. Das geht auf die Zeit während des Zweiten Weltkriegs zurück, als die Wissenschaft dem Militär unterstellt war. Da lag die Entscheidungsgewalt auch nicht bei den Wissenschaftlern. Nach dem Krieg wurden sie dann sozusagen direkt unter zivile Kontrolle gestellt.
Aber wenn Sie mich fragen: zum Teufel damit! Wissenschaftler sind keine Militärs, sie sind Teil der Lösung, nicht des Problems. Und in dieser Rolle müssen sie sich jetzt behaupten. Das ist es ja, was uns an diesen Vorschlägen so abenteuerlich erscheint: Dass Wissenschaftler einen Standpunkt vertreten und in politische Entscheidungsprozesse eingreifen sollen. Wenn solche Ideen von den Leuten im Pentagon kämen, würde ich mir auch Sorgen machen – wobei die sich ja ständig in die Politik einmischen. Worauf ich hinaus will: Bei uns ist dieser Schritt nicht nur notwendig, sondern auch legitim, denn wir sind keine Militärs, sondern Zivilisten, und wir verfügen als Einzige über die Mittel, mit den globalen Umweltproblemen fertig zu werden.«
Eine Weile herrschte nachdenkliches Schweigen. Über die Fensterscheiben strömte monsunartiger Regen und bildete eine unendliche Folge von Deltamustern. Die Wolken waren noch dunkler geworden, das Licht schwächer. Der Konferenzraum schien in wässrigem Grau zu schweben wie ein hell erleuchteter Würfel.
Annas Notizblock war mit einzelnen Wörtern und verschlungenen Linien bedeckt. Viele der Lösungsvorschläge waren unvollständig oder undurchführbar oder beides. Niemand konnte behaupten, sie hätten jetzt schon eine echte Strategie entwickelt. Sophie Harper sah aus, als würde sie gleich explodieren. Vielleicht empfand sie Franks Vortrag als Kritik an ihrer bisherigen Arbeit – und vermutlich, dachte Anna, konnte man das tatsächlich so sehen, auch wenn es Frank um etwas ganz anderes ging.
Schließlich deutete Diane mit einer Handbewegung an, dass sie die Diskussion gern beenden wollte. »Frank«, sagte sie, wobei sie seinen Namen in die Länge zog, »Fraaaank – dieses Thema haben Sie aufgebracht, und offenbar sind Sie auch der Ansicht, an der Situation ließe sich etwas ändern. Also sollten Sie auch das Komitee leiten, das sich weiter damit befasst. Sprich, das die Liste der Handlungsmöglichkeiten ausarbeitet und das Ergebnis dem Stiftungsrat vorlegt. Die grundlegende Idee dabei könnte sein, dass Ihr Komitee einem neuen Paradigma den Weg bahnt.«
Frank stand da und betrachtete all die Wörter, die er in roter Schrift hektisch aufs Whiteboard gekritzelt hatte. Er rührte sich lange nicht; seine Miene war grimmig. Viele seiner Zuhörer wussten, dass er eigentlich nach San Diego zurückkehren wollte, aber alle waren auch mit Dianes direktem, offenen Führungsstil vertraut. Ihre Entscheidungen hatten oft etwas Herausforderndes, sogar Konfrontatives. Wenn sich jemand stark für eine bestimmte Handlungsweise einsetzte, erwiderte sie häufig: Dann tu’s doch. Wenn es dir so wichtig ist, übernimm die Verantwortung.
Endlich drehte Frank sich um und sah ihr in die Augen. »Ja, klar«, sagte er. »Sehr gern. Ich werde mein Bestes geben.«
Einen ganz kurzen Augenblick sah man Diane die Siegesfreude an. Als junges Mädchen hatte Anna einmal zugeschaut, wie ein Schachmeister simultan gegen einen Raum voller Gegner gespielt hatte. Nur einer dieser Gegner hatte ihm Schwierigkeiten bereitet, und als der Meister ihn schachmatt setzte und zum nächsten Brett wechselte, hatte Anna an ihm das gleiche kurze Aufblitzen von Befriedigung beobachtet.
Und Diane ging nun ebenfalls zum nächsten Tagesordnungspunkt über.
* * * * *
Nach der Sitzung versammelte sich die Bioinformatikgruppe in Annas und Franks Büros im fünften Stock, nippte an kaltem Kaffee und schaute ins Atrium hinaus.
Edgardo gesellte sich zu ihnen. »Die Sitzung soll ja reine Zeitverschwendung gewesen sein«, sagte er munter.
»Nein«, fuhr Anna ihn an.
Edgardo lachte. »Diane krempelt die NSF um?«
»Nein.«
Sonst reagierte niemand. Edgardo holte sich einen Kaffee.
»Habe ich das richtig verstanden?«, sagte Anna zu Frank. »Hast du Diane wirklich versprochen, noch ein Jahr zu bleiben?«
»Ja.«
In dem Moment kam Edgardo wieder herein. Er war völlig verblüfft. »Es geschehen noch Zeichen und Wunder! Hoffentlich hast du deine Wohnung noch nicht gekündigt!«
»Doch.«
»O nein! So ein Mist!«
Frank wedelte mit der verbrannten Hand. »Der Besitzer kommt sowieso demnächst zurück.«
Anna sah ihn aufmerksam an. »Du hast also wirklich deine Meinung geändert.«
»Na ja …«
Das Licht ging aus. Die Computer ebenfalls.
»Scheiße.«
Stromausfall. Ganz sicher eine Folge des Gewitters.
Im Atrium war es jetzt vollständig dunkel, in den Büros leuchteten nur noch die grünen »Notausgang«-Schilder. NOTAUSGANG. Der Schatten der Zukunft.
Dann sprang das Notstromaggregat an. Das Brummen war im gesamten Gebäude zu hören. Computer piepten und summten. Sie hatten wieder Strom.
Anna verließ das Büro und ging zu dem Außenfenster an der Nordecke des Gangs. Ganz Arlington war dunkel, bis hin zum regenverhangenen Horizont. In einigen anderen Gebäuden waren allerdings ebenfalls die Generatoren angesprungen, und während sie hinausschaute, kamen immer mehr dazu. Die Lichter im regnerischen Dunkel ließen sie an kleine Lagerfeuer denken. Über dem Pentagon fing sich ihr Widerschein in schwarzen Wolken.
Frank kam hinzu und blickte ihr über die Schulter. »So wird es demnächst ständig aussehen«, prophezeite er düster. »Wir sollten uns schon mal daran gewöhnen.«
»Wie soll das funktionieren?«, fragte Anna.
Er lächelte flüchtig, aber es war ein echtes Lächeln, ein schwacher Abglanz dessen, was Anna bei sich zu Hause an ihm erlebt hatte. »Das darfst du mich nicht fragen.« Er blickte durchs Fenster auf die dunkle Stadt hinaus. In das leise Trommeln des Regens mischte sich, irgendwo weit unter ihnen, das gedämpfte Heulen einer Sirene.
* * * * *
Der Hyperniño – inzwischen zweiundvierzig Monate alt – hatte über dem Ostpazifik wieder einmal ein tropisches Sturmtief hervorgebracht, das nun breit und regenschwer nach Nordosten Richtung Kalifornien zog. Es war das vierte hintereinander, das dem Pineapple Express folgte, einem ungewöhnlich schnellen atmosphärischen Fluss, der vom globalen Jetstream angetrieben wurde und geradewegs auf den Norden von San Diego County zulief. In sechzehn Kilometern Höhe betrug die Windgeschwindigkeit 270 Kilometer pro Stunde. Die Luft in tieferen Schichten wurde davon mitgerissen und fegte mit rund 100 Kilometern pro Stunde über die Erdoberfläche. Sie bildete Wirbel und Nebenströmungen, sackte nach unten und verdichtete sich, und sobald sie auf Land traf, gab sie die gesamte mitgebrachte Feuchtigkeit frei. Ganz besonders hart traf es die Steilküsten in La Jolla, Blacks, Torrey Pines, Del Mar, Solana Beach, Cardiff-by-the-Sea, Encinitas und Leucadia. Der Sandsteinboden dort wurde von oben durchweicht und von unten durch die Brandung angenagt. Er gab an vielen Stellen nach.
Leo und Roxanne Mulhouse saßen dabei natürlich in der ersten Reihe, schließlich stand ihr Haus in Leucadia direkt am Rand der Klippen. Seit Leo arbeitslos war, verbrachte er oft Stunden vor dem Westfenster oder stand sogar draußen auf dem Balkon und schaute zu, wie der nächste Sturm heranzog und auf die Küste prallte. Es war ein erstaunlicher Anblick. Die Wolken erschienen über dem Horizont im Südwesten und rasten auf ihn zu, während Häuser und Klippen einfach stillstanden; die aufgestaute Luft fiel heulend, donnernd und brüllend über sie her.
An diesem Vormittag war es schlimmer denn je. Der Wind zerrte heftig an den Ästen der Bäume; drüben an der Neptune Avenue waren schon drei Eukalyptusbäume umgestürzt. Und das Meer hatte Leo noch nie so aufgewühlt erlebt. Bis hinaus zu den dunklen Regengüssen, die den Blick zum Horizont versperrten, war es eine einzige riesige, wild wogende Fläche. Millionen schaumgekrönter Wellen rollten gischtsprühend landwärts und brachen sich auf einer weiten Fläche aus grauem, vom Wind gepeitschtem Wasser. Schauer rasten an ihm vorbei, manche kamen auch direkt auf ihn zu. Aus schwarzen Wolken prasselte Regen gegen die Westfassade des Hauses. Zwischendurch schossen einzelne Lanzen von Sonnenlicht durch kleine Wolkenlücken, aber anders als sonst brachten sie das Meer nicht zum Leuchten. Die Wasseroberfläche war zu rau, die grauen Strahlen wurden von der Gischt verschluckt.
Überall entlang der Neptune Avenue gaben die Klippen allmählich nach, in plötzlichen, regellosen Felsabbrüchen unterschiedlicher Größe, mal am Oberrand des Steilhangs, mal an seinem Fuß, mal irgendwo in der Mitte.
Diese Form der Erosion war natürlich nichts Neues. Die Steilküste von San Diego war immer instabil gewesen, vermutlich schon Jahrhunderte bevor sich die ersten Siedler hier niedergelassen hatten. Auf den Küstenabschnitten nördlich und südlich von Moonlight Beach hatte man trotzdem nah am Klippenrand gebaut, weil die Landvermesser nur geringe Veränderungen der Küstenlinie festgestellt hatten, als sie vor Baubeginn Fotos aus den Jahren zwischen 1928 und 1965 verglichen hatten. Von dem Sturm am 12. Oktober 1889 hatte ihnen niemand erzählt. Damals waren in Encinitas innerhalb von acht Stunden 183 Millimeter Regen gefallen und die Straßen A, B und C der neu erbauten Stadt durch eine Flutwelle und das Abrutschen der Klippen im Meer versunken. Die Straßenzählung der Stadt begann zu der Zeit also mit D Street, aber nach dem Grund dafür hatten die Landvermesser nicht gefragt. Sie begriffen auch nicht, dass es das natürliche Ablaufmuster des Regenwassers – nämlich Richtung Inland – stören musste, wenn das Gelände planiert und das Wasser in Kanälen zum Klippenrand geleitet wurde. Also baute man dort Eigenheime und Wohnblöcke mit wunderschöner Aussicht und verwendete anschließend Jahr um Jahr viel Mühe darauf, die Klippen zu stabilisieren.
Im Laufe der Zeit war dabei so einiges ausprobiert worden: Sperrwände aus Beton und Metall, begrünte Dämme, Abdeckungen aus Holz, Steinwälle, Betonstützen. Dank dieser Maßnahmen waren die Hänge an vielen Stellen inzwischen unnatürlich steil – während zugleich immer weniger Sand aus den Lagunen im Norden an die Strände gespült wurde, weil das Gelände, aus dem sich das Wasser der Lagunen speiste, ebenfalls bebaut worden war, die Zuflüsse also viel weniger Sand mit sich führten. Die Strände waren nach und nach verschwunden, sodass die Wellen ungebremst gegen die immer steileren Klippen brandeten. Der kritische Neigungswinkel war längst überschritten.
Während der heftigen Stürme des Hyperniño rächte sich das. Sie machten die Anstrengungen eines ganzen Jahrhunderts zunichte. Ein Stück südlich vom Haus der Mulhouses war gestern ein dreißig Meter breiter und viereinhalb Meter tiefer Streifen Land abgerutscht und hatte einen betonierten Deich am Fuß der Klippen unter sich begraben. Zwei Stunden später war unmittelbar nördlich von ihnen ein zwölf Meter tiefes halbkreisförmiges Stück Land ins Meer gestürzt und hatte genau zwischen zwei Wohnblöcken einen Abgrund hinterlassen – ein Einschnitt, in dem bald darauf eine Lawine aus grobkörnigem Schlamm nach unten strömte und das aufgewühlte Wasser viele hundert Meter weit aufs Meer hinaus braun färbte. Normalerweise verlief dort draußen eine Strömung in südlicher Richtung, aber durch den Sturm wurde das Meerwasser nordwärts gedrückt, sodass ein einziges Durcheinander entstand: kreuz und quer laufende Strömungen, Sand und Schlamm aus den Mündungen der plötzlich reißenden Flüsse, der Rückstrom riesiger Brecher, wehende Gischt. Kein Surfer wagte sich hinaus.
Im Laufe des düsteren Vormittags gingen immer mehr Anwohner der Neptune Avenue ins Freie und inspizierten ihren Abschnitt der Steilküste. Mitarbeiter der unterschiedlichsten Behörden fanden sich ein, und die schmalen Nebenstraßen, die zur Schnellstraße führten, füllten sich mit Neugierigen. Viele Anwohner hatten sich am Vorabend einen Vortrag in der Stadtbücherei angehört, bei dem ihnen Leute vom Ingenieurskorps der Armee erklärt hatten, dass sie die Klippen in den besonders gefährdeten Abschnitten durch provisorische Steindämme zu schützen gedachten, indem sie Felsbrocken vom Oberrand der Klippen hinunterkippten. Was bedeutete, dass der ohnehin schmale Strand an vielen Stellen ganz unter einem Wall aus Steinen verschwinden würde – es würde aussehen wie die Böschung einer Mole oder wie ein besonders felsiger Küstenstrich. Einige Zuhörer beschwerten sich, dass dadurch ein Wahrzeichen der Gegend vernichtet würde. In den 1920er Jahren war der Strand vierhundert Meter breit gewesen, und auch jetzt noch machte er San Diego zu dem, was es war. In den Augen dieser Leute war der Strand mehr wert als die Häuser am Rand der Klippen. Sollten die doch abstürzen!
Aber die Besitzer der Häuser hielten ihnen entgegen, dass niemand vorhersagen konnte, ob wirklich nur die Häuser direkt am Klippenrand verlorengehen würden. Die Geschichte von den Straßennamen in Encinitas kannte inzwischen jeder. Letzten Endes stand doch die gesamte Stadt am Rand einer Sandsteinklippe. So ein plötzliches, weiträumiges Abbrechen konnte sich durchaus wiederholen. Und ein Blick auf das tosende Wasser der Pazifik genügte, um jeden Zweifler zu überzeugen.
Daher fand Leo sich an diesem Vormittag am südlichen Ende von Leucadia wieder, wo er auf einer breiten Spur von Holzplanken eine Schubkarre Richtung Klippenrand schob, während ihm der Wind Regenjacke und Hose gegen den Körper presste. Roxanne besuchte ihre Schwester weiter im Inland; er hatte also Zeit und war froh, etwas tun zu können. In der Europe Street stand ein Wagen der örtlichen Müllabfuhr, derzeit im Dienst des Ingenieurskorps. Dort luden mehrere Männer mit Hilfe eines kleinen Flaschenzugs Granitbrocken vom Wagen in die Schubkarren. Es wimmelte von freiwilligen Helfern. Angeleitet wurden sie von Mitarbeitern der Verwaltung und von Armeeangehörigen; diese legten die Holzplanken aus und dirigierten die Freiwilligen zu den Stellen am Klippenrand, wo sie die Felsen ins Meer kippen sollten.
Hunderte Schaulustige hatten sich eingefunden und sahen zu, wie die Felsbrocken aus den Schubkarren die Steilküste hinabhüpften und ins Wasser krachten. Das Ganze war bereits zum Spektakel geworden, zu einer neuen Form von Extremsport. Manche Felsbrocken flogen besonders weit oder drehten sich besonders schnell, blieben im Gegenteil so still wie ein Knuckleball oder lösten eine besonders große Spritzfontäne aus. Vor allem die Surfer unter den untätigen Zuschauern (die Zahl der Freiwilligen, die gleichzeitig arbeiten konnten, war begrenzt) bejubelten jeden besonders dramatischen Absturz. Sämtliche Surfer im County waren zur Stelle, vom Sturm angezogen wie Motten vom Lampenlicht. Sie alle sehnten sich insgeheim danach, da draußen zu sein, aber das war schlicht unmöglich. Das Meer war zu aufgewühlt. Bei jedem großen Brecher, der gegen die Klippen krachte, schossen riesige Wassermengen in die Höhe, zerfielen in weißen Schaum und Gischt, hingen einen Moment lang wie schwerelos in der Luft, fielen dann in sich zusammen und kämpften sich zurück Richtung Meer. Wo ihnen bereits der nächste Brecher entgegenkam, sodass in dem braunen Streifen flachen Wassers ein dichtes Durcheinander hüpfender Wellen entstand, durch das schon die nächste Welle Richtung Land rollte.
Und die ganze Zeit heulte der Wind, riss an ihnen, jagte zwischen ihnen hindurch. Obwohl die Klippen in dieser Gegend längst nicht so hoch waren wie bei Torrey Pines, nur etwa 25 anstatt 100 Meter, bremsten sie den ungeheuer starken Wind vom Meer und lenkten ihn senkrecht nach oben, sodass es ein kleines Stück landeinwärts fast windstill war, man aber am Klippenrand in einer mächtigen Aufwärtsströmung stand, die immer wieder zu noch stärkeren Windstößen anschwoll, Aufwärtshaken einer unsichtbaren Faust. Leo hatte das Gefühl, er müsste sich mit ausgebreiteten Arm schräg über den Abgrund lehnen können, und der Wind würde ihn tragen – und wenn er von der Klippe spränge, würde er sanft nach unten schweben. Nicht mehr lange, und die ersten jungendlichen Windsurfer würden genau das ausprobieren, und ein paar Leute würden vielleicht sogar ihre Nassanzüge nach dem Vorbild der Gleithörnchen umgestalten. Nicht dass es eine gute Idee wäre, sich jetzt dort unten im Wasser aufzuhalten. Allein die Höhe der Brecher am Fuß der Klippen war eindrucksvoll, ja erschreckend. Wenn sie gegen die Steilküste prallten, schoss die Gischt weit herauf und flog bis zu den Häusern und den Menschen.
Leo erreichte das Ende seines Plankenwegs. Dort warteten mehrere Leute, die die Griffe seiner Schubkarre packten und ihm halfen, den Felsbrocken an der richtigen Stelle auszukippen. Danach räumte er den Platz und sah eine Weile den anderen zu. Die Arbeit würde noch Tage dauern, denn an den besonders gefährdeten Stellen durfte sich immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen aufhalten. Im Augenblick verschwanden die Felsbrocken einfach im Wasser, eine Wirkung war nicht zu erkennen. »Als würde man Steine ins Meer werfen«, sagte Leo leise vor sich hin. Der Wind war so laut wie die Düsen eines Flugzeugs direkt vor dem Start, unterbrochen von unsichtbaren Schlägen aufs Ohr. Dass jemand seine Selbstgespräche hörte, war also nicht zu befürchten. Seine Augen tränten, aber der Wind wehte die Tränen fort, sodass er zwischendurch immer wieder klar sah.
Die Tränen waren eine rein körperliche Reaktion auf den Sturm, denn eigentlich war er froh, hier zu sein. Froh, dass ihn etwas von seinen Sorgen ablenkte. Ein allgemeines Unglück, ein Naturereignis – da saßen alle im selben Boot. In gewisser Weise fand er das Ganze sogar inspirierend. Und nicht nur die Reaktionen der Menschen, auch der Sturm selbst hatte etwas Erhebendes. Als würde ihn der Wind aus seinem gewohnten Leben hinaustragen.
Auf jeden Fall änderte so ein Sturm den eigenen Blick auf die Dinge. Er hatte seinen Job verloren – na und? Was spielte das für eine Rolle? Die Welt war riesig und übermächtig, dagegen waren sie selbst so klein wie Flöhe, mit Problemen, über die sich nur Flöhe aufregen konnten.
Er kehrte zum Müllwagen zurück, ließ sich einen weiteren Felsbrocken in die Schubkarre laden und konzentrierte sich ganz darauf, die Last am Vorderende auszubalancieren, die Karre zu wenden und gegen den Wind über die Spur aus biegsamen Holzplanken zu manövrieren. Einen Stein ins Meer werfen. Toll eigentlich.
Als er die leere Karre zur Straße zurückschob, entdeckte er Marta und Brian. Sie stiegen gerade am Ende der Straße aus Martas Pick-up. »Hey!« Das war ja eine nette Überraschung. Die zwei waren kein Paar, nicht einmal Freunde, soweit Leo wusste, und er hatte befürchtet, dass er keinen von beiden nach der Schließung des Labors je wiedersehen würde.
»Marta!«, brüllte er glücklich. »Bri-man!«
»LEO!«
Sie freuten sich auch, ihn zu sehen. Sie rannten auf ihn zu und umarmten ihn.
»Wie geht’s?« – »Wie geht’s?«
Sie waren beide aufgekratzt: durch den Sturm und weil es hier etwas zu tun gab. Die letzten zwei Wochen waren ihnen vermutlich auch sehr lang vorgekommen, keine Arbeit, keine Beschäftigung. Gut, vermutlich waren sie surfen gegangen oder hatten sonst etwas unternommen. Aber jetzt waren sie hier. Leo war froh darüber.
Sie fügten sich schnell in die Arbeitsabläufe ein und karrten ebenfalls Felsen zum Klippenrand. Einmal lief Leo direkt hinter Marta über den Pfad aus Holzplanken, und beim Anblick ihrer angespannten Schultern und der regennassen schwarzen Locken wurde er von einer Woge der Freundschaft und Bewunderung erfasst. Sie war eine echte Surferin, schmale Hüften, breite Schultern; hoch erhobenen Hauptes trotzte sie dem Wind. Sie würde ihm fehlen. Brian auch. Es war nett von ihnen, dass sie einfach so vorbeigekommen waren, aber wie die Dinge lagen, würden sie alle bald irgendwo wieder Arbeit finden und sich aus den Augen verlieren. Die Verbindungen zwischen ehemaligen Kollegen hielten nie sehr lange, sie waren einfach zu schwach. Bei der Arbeit musste man immer mit denjenigen Leuten zurechtkommen, die man dort vorfand. Nicht nur mit ihrem Wortgeplänkel, sondern auch mit ihrem Arbeitsstil. Aber sie waren ein gutes Laborteam gewesen.
Die Leute von der Armee scheuchten sie winkend vom Klippenrand fort. Mitten auf der völlig zertrampelten Rasenfläche hockte ein Mann mit der Aufschrift USGS auf seiner nassen Windjacke vor einem großen Metallkasten. Sie hätten einen Riss im Sandstein entdeckt, rief Brian ihnen ins Ohr. Parallel zum Klippenrand. Irgendjemand hatte offenbar schon ein leichtes Absinken gespürt, und das Messinstrument des Mannes mit dem USGS-Logo registrierte ebenfalls eine Bewegung. Die Klippen würden nachgeben. Die Helfer kippten ihre Felsbrocken aus und manövrierten die Schubkarren eilig zur Neptune Avenue zurück.
Gerade noch rechtzeitig. Mit einem kurzen Rumpeln und einem dumpfen Schlag, den man fast für den Aufprall einer besonders großen Welle halten konnte, sackte ein Stück Steilküste nach unten und verschwand. Die Schreie der Menschenmenge waren selbst über den Sturm hinweg zu hören. Auf einmal hatten sie freien Blick auf einen mehrere hundert Meter entfernten Streifen graues Meer. Der Klippenrand war ihnen soeben viereinhalb Meter nähergerückt.
Äußerst unheimlich. Gemeinsam mit allen anderen Helfern bewegten sich Leo, Brian und Marta vorsichtig auf die Kante zu und spähten in das tosende, dreckige Wasser. Die Abbruchstelle erstreckte sich ungefähr hundert Meter nach Süden und fünfzig nach Norden. Insgesamt gesehen kein großer Verlust, aber genau das passierte jetzt überall entlang der Küste. Ein kleines Abrutschen nach dem anderen. Durch den Sandstein verlief parallel zur Küste eine ganze Reihe Bruchlinien, und wo immer der Fels zu stark vom Meer unterspült war, würden weitere Scheibchen abbrechen. Auf die gleiche Art waren damals auch A, B und C Street verschwunden, innerhalb einer einzigen Nacht. Es konnte immer so weitergehen. Sogar bis zur Schnellstraße.
Unglaublich. Leo konnte nur hoffen, dass Roxannas Mutter ihr Haus auf stabilerem Grund erbaut hatte. Manchmal stieg er auf einer nahegelegenen Treppe zum Strand hinunter und schaute sich die Klippen an. Bisher hatte er immer den Eindruck gehabt, dass das Haus sehr solide auf einer Art Stützpfeiler aus Fels stand. Aber als er jetzt das Anbranden der Wellen beobachtete und die Kraft des Windes spürte, fand er es schwer zu glauben, dass irgendein Küstenabschnitt diesem Ansturm standhalten konnte. Der gesamte Ort mochte zerstört werden. Und in dieser Gegend hatten die Menschen überall nah an den Klippen gebaut. Es würde vielen Siedlungen ähnlich ergehen.
Bei dem Erdrutsch, den sie eben erlebt hatten, war kein Gebäude mitgerissen worden, aber am südlichen Ende hatte ein Haus einen Teil der westlichen Außenmauer verloren, sodass die Räume dahinter ungeschützt dem Wind ausgesetzt waren. Überall standen Menschen, deuteten zur Abbruchkante, schauten sich um, riefen sich Dinge zu, die im Tosen des Sturms untergingen. Liefen hin und her und suchten nach dem Platz mit der besten Aussicht.
Im Augenblick gab es allerdings sonst nichts zu tun. Das Ende ihres Plankenwegs war mit ins Meer gestürzt. Armeeleute und Mitarbeiter des County schafften Sägeböcke und Rollen von orangefarbenem Plastikband herbei; sie würden diesen Abschnitt der Straße sperren und die Arbeit an anderer Stelle fortsetzen, wo es sicherer war.
»Wow.« Leo spürte, wie ihm der Wind den Ausruf von den Lippen riss und Richtung Osten davontrug. »Himmel, was für ein Wind. – Und wir standen eben noch da drüben!«, rief er Marta zu.
»Weg!«, rief Marta zurück. »Verschwunden, wie Torrey Pines Generique!«
Brian und Leo gaben ihr lautstark recht. Ins Wasser mit dem verdammten Laden!
Sie zogen sich in den Windschatten von Martas kleinem Toyota-Pick-up zurück, setzten sich hinter ihm auf den Bordstein und tranken den Espresso, den sie mitgebracht hatte. Trotz der Plastikdeckel auf den Pappbechern war er längst kalt.
»Uns geht schon nicht die Arbeit aus«, sagte Leo.
»Ganz bestimmt nicht.« Aber offensichtlich dachten die zwei dabei an das Bewegen von Felsbrocken. »Südlich von Cardiff soll die Küstenschnellstraße unterbrochen sein«, sagte Brian. »Die ganze Restaurantzeile ist weg. Erst ist die Überführung eingestürzt, und dann hat das Wasser auf beiden Seiten das Straßenbett unterspült.«
»Wow!«
»Das wird noch schlimm werden. Ich wette, an der Flussmündung bei Torrey Pines passiert das Gleiche.«
»An allen großen Lagunen.«
»Kann gut sein.«
Sie nippten an ihrem Espresso.
»Es ist nett, euch zu sehen!«, sagte Leo. »Danke, dass ihr vorbeigekommen seid.«
»Gerne.«
»Das ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte«, sagte Leo.
»Genau.«
»Zu blöd, dass sie uns nicht behalten haben. Anscheinend setzen sie jetzt ganz auf das eine Labor.«
Marta und Brian sahen ihn an. Er fragte sich, mit welcher seiner Bemerkungen sie nicht einverstanden waren. Da sie nicht mehr für ihn arbeiteten, hatte er kein Recht, sie auszufragen. Andererseits hatte er auch keinen Grund, sich zurückzuhalten.
»Was ist?«, fragte er.
»Small Delivery Systems hat mich eingestellt.« Marta musste nach wie vor fast brüllen, um sich über den Sturm hinweg verständlich zu machen. Sie warf Leo einen verlegenen Blick zu. »Eleanor Dufours arbeitet jetzt auch für die Firma, sie hat mich in ihr Team geholt. Wir sollen die Sache mit den Algen weiterverfolgen.«
»Verstehe! Na, das ist doch gut! Schön für dich.«
»Na ja. Atlanta!«
Von den Armeeleuten kam ein lauter Pfiff. Ein ganzer Trupp Freiwilliger marschierte hinter den Soldaten die Neptune Avenue entlang Richtung Süden zu einem anderen Müllwagen, der gerade angekommen war. Es gab weiterhin viel zu tun.
Leo, Marta und Brian folgten ihnen und machten sich erneut an die Arbeit. Manche Leute gingen, dafür kamen andere dazu. Viele machten Aufnahmen mit Telefonen und Kameras. Die Helfer waren schon bald dankbar für die dicken Arbeitshandschuhe, die die Armeeleute ausgaben.
Ungefähr um zwei Uhr nachmittags beschlossen Leo, Brian und Marta, Schluss zu machen. Ihre Handflächen waren wundgescheuert. Leos Oberschenkel und die Muskeln im Kreuz hatten zu zittern begonnen. Außerdem hatte er Hunger. Die Arbeit an den Klippen würde noch eine ganze Weile weitergehen, und solange das stürmische Wetter anhielt, würden sich auch genug Freiwillige finden. Nicht nur weil die Arbeit offensichtlich notwendig war – es machte Spaß, bei diesem Wind im Freien zu sein, und wenn man mithalf, diente es sogar einem praktischen Zweck. Wobei die meisten Leute vermutlich auch sonst gekommen wären, um sich den Aufruhr anzuschauen.
Marta, Brian und Leo standen auf einem Aussichtspunkt etwas nördlich von Swami’s Beach, stemmten sich gegen den Wind und bestaunten das Spektakel. Marta federte ein wenig auf und ab, immer noch aufgekratzt und voller Energie. Anscheinend begeistert und wütend zugleich brüllte sie jede besonders große Welle an, die gegen die trotzigen kleinen Klippen am Pipes Beach schlug. Genau wie Brian und Leo war sie völlig durchnässt, die Locken klebten ihr am Kopf, der Wind presste ihr das T‑Shirt gegen den Körper; sie sah aus wie die Siegerin bei irgendeinem Extremsport-Wettkampf um das nasseste T‑Shirt. Unter dem dünnen Stoff zeichnete sich alles deutlich ab: Brüste, Bauchnabel, Rippen, Schlüsselbeine und Bauchmuskeln. Sie strahlte Kraft aus – eine Göttin der Surfer von San Diego. Wie schön, dass Small Delivery Systems sie engagiert hatte. Leo war stolz auf seine junge Kollegin.
»Das ist echt toll!«, rief er aus. »Viel besser, als im Labor zu arbeiten!«
Brian lachte. »Dafür wirst du aber nicht bezahlt, Leo.«
»Ach, scheiß drauf. Es ist trotzdem besser.«
Dann wollten Brian und Marta aufbrechen. Sie umarmten ihn.
»Lasst uns versuchen, in Verbindung zu bleiben«, sagte Leo sentimental. »Wirklich. Wer weiß, vielleicht arbeiten wir irgendwann alle wieder zusammen.«
»Gute Idee.«
»Ich dürfte verfügbar sein«, sagte Brian.
Marta zuckte mit den Achseln und wandte den Blick ab. »Es passiert, oder es passiert nicht.«
Dann waren sie fort. Leo winkte Martas Pick-up hinterher. Ein plötzlicher Stich – würde er sie je wiedersehen? Die Spiegelung der Rücklichter auf dem nassen Asphalt verschwamm zu zwei roten Linien. Dann Blinklicht rechts, und sie waren verschwunden.
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© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
