9 | Auslösendes Ereignis

von Kim Stanley Robinson

Ministerium für Innere Sicherheit

VERTRAULICH

Mitschrift NSF 3957396584

Apparate 645d/922a

922a: Willst du das Neuste hören, Frank?

645d: Was denn, Kenzo?

922a: Casper the Friendly Ghost hat letzte Woche den Island-Färöer-Rücken über­quert, und sie hat nir­gendwo einen Salzgehalt über 34 gemes­sen.

645d: Wow. Wie tief unten war sie?

922a: Oberflächenwasser, Mittelbereich, obere Schicht des Tiefenwassers. Und nir­gends über 34. Im Europäischen Nordmeer an der Oberfläche nur noch 33,8.

645d: Wow. Und die Temperaturen?

922a: An der Oberfläche 0,9 Grad, in drei­hun­dert Metern Tiefe 0,75. Im Osten etwas wärmer, aber nicht viel.

645d: O Gott. Das heißt, es wird nicht absin­ken.

922a: Genau.

645d: Und was pas­siert dann?

922a: Das weiß ich nicht. Vielleicht ist es schon der end­gül­tige Stillstand.

645d: Da muss doch etwas unter­nom­men werden!

922a: Na, viel Erfolg, mein Bester! Ich glaube, das wird noch lustig. Sehr lustig. Für die näch­sten tau­send Jahre.

* * * * *

Anna arbei­tete bei geöff­ne­ter Tür, sodass sie wieder einmal mit­hörte, was Frank am Telefon sagte. Anscheinend fiel einem das Lauschen beim zwei­ten Mal leich­ter.

Was aber wirk­lich ihre Aufmerksamkeit erregte, war auch dies­mal Franks ange­spann­ter Tonfall. Ganz zu schwei­gen von eini­gen beson­ders lauten Sätzen, zum Beispiel: »Was? Warum das denn?«

Dann Stille, in der nur das Quietschen von Franks Stuhl und ein kurzes Fingertrommeln zu hören war.

»Ja, stimmt. Gut, was soll ich dazu sagen. Es ist wirk­lich blöd. Echt schlimm … Stimmt. Aber weißt du, für dich geht es doch in jedem Fall gut aus. Schwierig wird es für deine Leute … Nein. Nein, das ver­stehe ich. Du hast getan, was du konn­test. Wenn die Firma einmal ver­kauft ist, hast du keinen Einfluss mehr. Es war nicht deine Entscheidung, Derek … Ja, ich weiß. Sie finden bestimmt anderswo Arbeit. Es ist ja nicht so, als gäbe es bei euch sonst keine Biotech-Firmen, San Diego ist die Biotech-Hauptstadt der Welt, oder? … Ja klar. Sag mir Bescheid, wenn du es sicher weißt … Okay, ich auch. Mach’s gut.«

Er knallte das Telefon auf den Tisch und fluchte leise.

Anna blickte zur geöff­ne­ten Tür. »Stimmt etwas nicht?«

»Und ob.«

Sie stand auf und ging zur Tür. Frank blickte zu Boden und schüt­telte ange­wi­dert den Kopf.

Dann hob er den Kopf und sah sie an. »Small Delivery Systems hat Torrey Pines Generique dicht­ge­macht. Sie haben fast alle ent­las­sen.«

»Wirklich! Haben sie die Firma nicht eben erst gekauft?«

»Ja. Aber an den Leuten waren sie nicht inter­es­siert.« Er verzog das Gesicht. »Es ging ihnen offen­bar um etwas ande­res. Vielleicht um eins der Patente. Oder um einen der weni­gen Mitarbeiter, die sie behal­ten. Einigen haben sie näm­lich Stellen in ihrem Labor in Atlanta ange­bo­ten. Diesem Mathematiker zum Beispiel, von dem ich dir erzählt habe. Der den Förderantrag bei uns ein­ge­reicht hat. Den habe ich doch erwähnt?«

»Einer von den Anträgen, die abge­lehnt wurden?«

»Genau.«

»Wenn ich das rich­tig in Erinnerung habe, waren die Leute in deinem Gutachterausschuss nicht so beein­druckt.«

»Ja, das stimmt, aber ich weiß nicht – ich glaube, sie lagen falsch.« Er zog eine Grimasse und zuckte mit den Achseln. »Das war ein Fehler. Die neue Firma wird ihm einen Vertrag geben, in dem er alle Rechte an seinen Entwicklungen an die Firma abtritt. Die kann sie dann paten­tie­ren lassen oder als Geschäftsgeheimnis für sich behal­ten oder sogar beer­di­gen, wenn sie einem ihrer ande­ren Produkte scha­den. Was immer nach Meinung ihrer Rechtsabteilung am mei­sten ein­bringt.«

Anna sah ihm eine Weile beim Grübeln zu. Schließlich sagte sie: »Nun ja.«

Er warf ihr einen Blick zu. »So jemand gehört an die NSF.«

Anna hob eine Augenbraue. Sie wusste genau, dass Franks eigene Haltung zur NSF zwie­späl­tig, wenn nicht sogar nega­tiv war. Das hatte er oft genug durch­blicken lassen.

Frank schien zu erra­ten, was sie dachte. »Wenn er für euch arbei­ten würde, könn­tet ihr ihn auf bestimmte Themen anset­zen. Wie einen Spürhund.«

»Ich glaube, die Art Forschungsprogramm gibt es hier nicht.«

»Sollte es aber. Genau darauf will ich hinaus.«

»Du kannst es ja erwäh­nen, wenn du heute Nachmittag deinen Vortrag vor dem Stiftungsrat hältst.« Dann dachte sie selbst dar­über nach. Eine Art mensch­li­che Suchmaschine, die mathe­ma­tisch fun­dierte Lösungen auf­spürte …

Frank schien den Vorschlag nicht witzig zu finden. »Ich lehne mich auch so schon weit genug aus dem Fenster«, mur­melte er. »Wenn ich nur wüsste, warum Diane mich über­haupt um einen Vortrag gebe­ten hat.«

»Sie will zum Abschied noch einmal von deiner Weisheit pro­fi­tie­ren.«

»Ja, klar.« Er warf einen Blick auf einen großen hell­gel­ben Block voll hin­ge­krit­zel­ter Notizen.

Anna beob­ach­tete ihn nach­denk­lich. In diesem Moment emp­fand sie die glei­che leicht genervte Zuneigung für ihn wie neu­lich bei der Party für die Khembalis. Er würde ihr fehlen. »Kommst du mit nach unten, Kaffee holen?«

»Gern.« Er stand zögernd auf, offen­bar noch tief in Gedanken, und streckte die Hand aus, um das Programm auf seinem Computer zu been­den.

»He, was ist denn mit deiner Hand?«

»Ach, das. Eine Verbrennung. Ich bin beim Klettern abge­stürzt und habe nach dem Seil gegrif­fen.«

»Großer Gott, Frank!«

»Ich war gut gesi­chert, es war nur ein Reflex.«

»Das sieht aber ziem­lich schmerz­haft aus.«

»Nur wenn ich die Finger krümme.«

Sie ver­lie­ßen ihre Büros und gingen zu den Fahrstühlen. »Wie geht’s Charlie mit dem Giftsumach?«

»Noch ziem­lich elend. Die mei­sten Blasen sind abge­heilt, aber ein paar Stellen reißen immer wieder auf. Nachts wird er des­we­gen stän­dig wach – ich glaube, das ist inzwi­schen das Schlimmste. Seit das Ganze pas­siert ist, bekommt er nicht mehr viel Schlaf. Dazu dann noch Joe … Es macht ihn ver­rückt.«

Als sie bei Starbucks anka­men, sagte sie: »Und, hast du alles für deinen Vortrag vor­be­rei­tet?«

»Nein. Oder doch. So weit das mög­lich ist. Wie gesagt, ich ver­stehe nicht, warum Diane mich darum gebe­ten hat.«

»Bestimmt, weil du dem­nächst weg­gehst. Sie möchte hören, wie du deinen Aufenthalt hier ein­schätzt. Das macht sie bei Gastwissenschaftlern öfter. Es bedeu­tet, dass sie an deiner Sicht der Dinge inter­es­siert ist.«

»Aber woher will sie die denn kennen?«

»Keine Ahnung. Von mir jeden­falls nicht. Ich hätte natür­lich nur Gutes über dich gesagt, aber sie hat mich gar nicht gefragt.«

Er strich mit einem Finger über die ver­brannte Stelle an seiner Handfläche. »Sag mal, hast du je gehört, dass Leute einen Bericht zuge­sandt bekom­men und ihn ein­fach abhef­ten? Du weißt schon: nichts unter­neh­men?«

»Das pas­siert stän­dig.«

»Wirklich?«

»Na klar. Manchmal ist es das Beste, was man machen kann.«

»Hmm.«

Da sie inzwi­schen am Kopf der Schlange ange­kom­men waren, unter­bra­chen sie ihr Gespräch, um zu bestel­len und auf ihre Getränke zu warten. Frank wirkte immer noch nach­denk­lich. Seine Stimmung erin­nerte Anna an den Abend, als er trie­fend nass zu ihrer Party erschie­nen war. »Sag mal, hast du eigent­lich diese Frau wie­der­ge­fun­den, mit der du im Fahrstuhl fest­ge­ses­sen hast?«

»Nein. Das wollte ich dir gerade erzäh­len. Ich bin deinem Rat gefolgt und habe mich an die Wartungsabteilung der Metro gewandt. Ich habe darum gebe­ten, dass sie auf dem Berichtsformular der Frau nach­se­hen und mir ihren Namen sagen. Weil ich das angeb­lich für meine Versicherung brau­che.«

»Wirklich! Und?«

»Der Mensch bei der Metro hat mir sofort alle Infos gege­ben. Gar kein Problem. Hat mir alles vor­ge­le­sen, was sie ein­ge­tra­gen hat. Aber es stimmte nicht.«

»Stimmte nicht?«

Sie ver­lie­ßen Starbucks und kehr­ten ins NSF-Gebäude zurück.

»Die Adresse war falsch. Da wohnt nie­mand. Und als Namen hatte sie Jane Smith ein­ge­tra­gen. Sie muss alles erfun­den haben.«

»Das ist ja merk­wür­dig! Haben euch die Metro-Leute denn nicht nach irgend­ei­nem Ausweis gefragt?«

»Nein.«

»Das hätte ich jetzt doch erwar­tet.«

»Wer gerade aus einem Fahrstuhl befreit wurde, hat ver­mut­lich selten Lust, als Nächstes einen Ausweis her­vor­zu­kra­men.«

»Stimmt, ver­mut­lich nicht.« Ein Fahrstuhl kam, sie stie­gen ein. »Deine Freundin ja auch nicht.«

»Genau.«

»Ich frage mich aber schon, wes­halb sie fal­sche Angaben gemacht hat.«

»Ich auch.«

»Was ist mit den Sachen, die sie dir erzählt hat – irgend­et­was mit einem Fahrradclub, rich­tig?«

»Habe ich auch ver­sucht. Keiner der hie­si­gen Clubs rückt Mitgliederlisten heraus. Bei einem Club in Bethesda habe ich mich ins System gehackt, aber eine Jane Smith gab es da nicht.«

»Wow. Du hast wirk­lich alles ver­sucht.«

»Ja.«

»Vielleicht ist sie Geheimagentin. Hmm. Du könn­test natür­lich bei sämt­li­chen Fahrradclubs min­de­stens ein Treffen besu­chen. Oder dich einem anschlie­ßen, mit­fah­ren und nach ihr Ausschau halten. Ein Bild von ihr her­um­zei­gen.«

»Was für ein Bild?«

»Beschaff dir eins dieser Programme, mit denen man Phantombilder erzeugt.«

»Gute Idee. Obwohl« – er seufzte – »sehr ähn­lich würde ihr das nicht sehen.«

»Stimmt, das tun sie nie.«

»Ich müsste lernen, besser Rad zu fahren.«

»Wenigstens ist sie keine Fallschirmspringerin.«

Er lachte. »Da hast du recht. Ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Danke, Anna.«


Später am Nachmittag trafen sie sich erneut, dies­mal auf dem Weg zur Sitzung des National Science Board, des Gremiums, das die Leitlinien für die Arbeit der NSF fest­legte. Sie fuhren in den elften Stock und folg­ten dem Gang zum Konferenzraum. Durch die Außenfenster sah man nied­rige dunkle Wolken, die dicht gedrängt Richtung Atlantik rasten. Es reg­nete in Strömen.

Im Konferenzraum rück­ten Laveta und einige andere Mitarbeiter unter Dianes Anleitung gerade ein Whiteboard und einen Bildschirm für PowerPoint-Präsentationen zurecht. Sonst war noch nie­mand da.

»Nur herein«, sagte Diane. Sie war mit dem Bildschirm beschäf­tigt und wandte Frank den Rücken zu.

Nach und nach trafen auch die übri­gen Teilnehmer ein. Dem Stiftungsrat gehör­ten vier­und­zwan­zig Personen an – wobei fast immer ein, zwei Positionen gerade nicht besetzt waren. Sie alle waren ein­fluss­rei­che Wissenschaftler. Kandidaten für den Rat wurden von der NSF und der Akademie der Wissenschaften vor­ge­schla­gen und vom Präsidenten für jeweils vier Jahre ernannt.

Sie sahen recht nass und zer­zaust aus, wie sie da ein­zeln oder zu zweit den Raum betra­ten. Einige Abteilungsleiter der NSF – Kollegen von Anna – kamen eben­falls herein. Schließlich saßen fünf­zehn oder sech­zehn Personen um den langen Tisch, dar­un­ter auch Sophie Harper, die Kontaktperson zum Kongress. Draußen blitzte es, aber wegen der dich­ten Regenschleier auf dem Außenfenster war im Konferenzraum nur ein dif­fu­ses Aufleuchten im Grau zu bemer­ken. Es war, als blickte man in ein Aquarium.

Diane begrüßte die Anwesenden und han­delte zügig den Tagesordnungspunkt »Einleitung« ab. Anschließend ging sie eine Liste großer Projekte durch, die der Stiftungsrat vor einem Jahr ange­regt oder dis­ku­tiert hatte, und bat die jeweils zustän­di­gen Mitglieder des Rats um einen kurzen Bericht. Auf der Liste stan­den auch einige Klimaschutzprojekte; die mei­sten von ihnen waren hoch­spe­ku­la­tiv, und alle waren extrem teuer. Beim Thema CO2-Speicherung wurden unter ande­rem Aufforstungsprogramme erwähnt, die zugleich dem Küstenschutz dien­ten. Hier machte Anna sich eine Notiz, weil sie den Khembalis davon erzäh­len wollte.

Aber nichts von dem, was hier dis­ku­tiert wurde, konnte global wirk­lich etwas aus­rich­ten. Dazu war das Problem zu massiv, der Auftrag der NSF zu eng umris­sen und ihr Budget viel zu klein. Ganze zehn Milliarden Dollar. Selbst mit den fünf­zig Milliarden, die für sämt­li­che Projekte auf der Liste not­wen­dig wären, ließen sich nur kleine Teilprobleme ange­hen.

In Momenten wie diesem musste Anna unwei­ger­lich daran denken, wie Charlie beim Spielen mit Joes Dinosauriern einmal ein klei­nes, mäu­se­ar­ti­ges rosa Ding in die Höhe gehal­ten hatte, das aller­er­ste Säugetier, und geru­fen hatte: »Hey, das ist die NSF!«

Er hatte es als Kompliment gemeint: weil die NSF sich so gut in der großen weiten Welt behaup­tete, viel­leicht auch, weil sie für die Zukunft stand. Aber leider hatte der Vergleich auch in Bezug auf die Größe gestimmt. Sie stram­pel­ten sich ab, um zu über­le­ben, wäh­rend ringsum die Dinosaurier star­ben – die sie eigent­lich retten woll­ten, was alles noch schlim­mer machte. Woher soll­ten sie die Mittel dafür nehmen? Oder wie Frank es aus­drücken würde: Wie sollte das funk­tio­nie­ren?

Dann schob sie diese Gedanken bei­seite und trug kurz vor, was ihre Recherchen zu diver­sen Programmen zum Aufbau von Infrastruktur erge­ben hatten. Auf diesem Gebiet hatte sich in den letz­ten zehn Jahren eini­ges getan. Annas Fazit lau­tete, dass die Programme sich als erfolg­reich erwie­sen hatten und erwei­tert werden soll­ten, eine Schlussfolgerung, der alle am Tisch zustimm­ten. Allerdings würde das teuer werden.

Darauf folgte eine nach­denk­li­che Pause.

Schließlich wandte Diane sich an Frank. »Sind Sie so weit, Frank?«

Frank stand auf. Er wirkte weni­ger gelas­sen als sonst. Er ging zum Whiteboard, griff nach einem Rotstift und spielte damit herum. Sein Gesicht war leicht gerö­tet.

»Alle Programme, die bisher bespro­chen wurden, dienen dem Sammeln von Daten, aber um ehr­lich zu sein: Daten haben wir genug. Das Klima ver­än­dert sich bereits welt­weit. Im Nordpolarmeer schmilzt das Packeis, dadurch gelangt sehr viel Süßwasser in die obere Schicht des Nordatlantik, und wie die neue­sten Daten erken­nen lassen, sinkt dieses Oberflächenwasser nicht mehr nach unten. Wodurch die rie­si­gen Strömungskreisläufe im Atlantik zum Stillstand kommen. Ein sol­cher Stillstand gilt inzwi­schen auch bei ande­ren Klimaänderungen in der Erdgeschichte als wich­ti­ger Auslöser. Wir stehen also höchst­wahr­schein­lich am Beginn eines plötz­li­chen Klimawechsels.«

Er schürzte die Lippen und blickte aufs Whiteboard. »Die Frage ist: Was machen wir jetzt? Ein ›Weiter so‹ genügt nicht. Sie alle soll­ten sich viel­mehr bemü­hen, der NSF grö­ße­ren Einfluss zu ver­schaf­fen.«

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte ein Mitglied des Sitzungsrats etwas pikiert, ein Mann in den Sechzigern mit einem grauen Bart wie Abraham Lincoln; Anna kannte ihn nicht. »Wie unter­schei­det sich das von dem, was wir sowieso stän­dig machen? Seit ich Mitglied in diesem Rat bin, dis­ku­tie­ren wir das bei jeder Sitzung. Wir fragen uns immer, wie die NSF mit ihrem Geld mehr bewir­ken kann.«

»Das mag ja sein«, sagte Frank, »aber es hat offen­bar nicht funk­tio­niert.«

»Worauf wollen Sie hinaus, Frank?«, fragte Diane. »Was könn­ten wir sonst noch tun?«

Frank räus­perte sich. Diane und er schau­ten sich lange an, als würden sie irgend­ei­nen Konflikt aus­tra­gen.

Dann zuckte Frank die Achseln, trat ans Whiteboard und zog die Kappe von seinem Rotstift. »Ich mache mal eine Liste.«

Er schrieb eine 1 ans Whiteboard und krei­ste sie ein.

»Erstens. Alles mit­ein­an­der ver­knüp­fen.« Er schrieb: »Synergien inner­halb der NSF.«

»Damit meine ich, dass Sie Kooperationen inner­halb der NSF ansto­ßen soll­ten, sodass alle quer durch die Disziplinen gemein­sam an diesem Problem arbei­ten. Als Nächstes« – er schrieb eine 2 an die Tafel und krei­ste sie ein – »soll­ten Sie bei der Förderung von Grundlagenforschung immer die Anwendungsmöglichkeiten im Blick haben. Sie soll­ten Leute ein­stel­len, deren ein­zige Aufgabe es ist, nach sol­chen Anwendungen Ausschau zu halten. Ein inter­nes Team von Experten für Strategie und Innovation.«

Das wäre dann wohl dieser Mathematiker, dachte Anna.

Sie hatte Frank noch nie so ernst erlebt. Von der zyni­schen Selbstsicherheit, die er sonst wie eine Maske trug, war nichts zu merken; er tat nicht mehr so, als wäre alles nur ein Spiel, bei dem er gnä­di­ger­weise mit­machte, obwohl die ande­ren längst ver­lo­ren hatten. Stattdessen wirkte er ernst, gera­dezu wütend. Und zwar auf Diane, aus wel­chen Gründen auch immer. Er sah sie nicht an und auch sonst nie­man­den, son­dern hielt den Blick auf die rot hin­ge­krit­zel­ten Wörter auf dem Whiteboard gerich­tet.

»Drittens: Sie soll­ten nicht immer nur abwar­ten, welche Anträge und Fördermöglichkeiten von außen an Sie her­an­ge­tra­gen werden, son­dern die not­wen­di­gen Forschungsprojekte selbst in Auftrag geben. Eine rein pas­sive Haltung können Sie sich ein­fach nicht mehr lei­sten. Viertens soll­ten Sie jeweils bis zu fünf­zig Prozent Ihres Jahresetats dem aktu­ell größ­ten unge­lö­sten Problem widmen. Im Moment wäre das der Klimawandel. Sie soll­ten die Anstrengungen aller Wissenschaftler gezielt in diese Richtung lenken. Im öffent­li­chen wie im pri­va­ten Sektor – den gesam­ten Betrieb. Das könnte ähn­lich orga­ni­siert sein wie die Max-Planck-Institute in Deutschland: staat­lich finan­zierte Einrichtungen, die sich jeweils mit einem ganz bestimm­ten Problem befas­sen. Davon gibt es unge­fähr ein Dutzend. Die Institute bestehen nur so lange, wie sie gebraucht werden, danach löst man sie auf. Ein gutes Modell.

Fünftens soll­ten Sie sich stär­ker darum bemü­hen, den poli­ti­schen Einfluss der Wissenschaft zu erhö­hen. Gründen Sie einen Dachverband, dem alle wis­sen­schaft­li­chen Institutionen der Welt ange­hö­ren. Eine Art Vereinte Nationen der Wissenschaft. Dann können all diese Organisationen gemein­sam an den drän­gend­sten Fragen unse­rer Zeit arbei­ten und auch gemein­sam für eine aus­rei­chende Finanzierung kämp­fen. Zum Segen zukünf­ti­ger Generationen.«

Er ver­stummte, betrach­tete das Whiteboard und schüt­telte den Kopf. »Das klingt ver­mut­lich alles ziem­lich … ich weiß nicht. Großspurig. Oder über­grif­fig. Antidemokratisch oder elitär oder so – jeden­falls nach etwas, das wir so von der Wissenschaft bisher nicht kennen.«

»Einen Staatsstreich werden wir ganz bestimmt nicht anzet­teln«, sagte der Mann, der auch vorhin schon wider­spro­chen hatte.

Frank schüt­telte unge­dul­dig den Kopf. »Betrachten Sie es einmal im Sinn des Kuhn’schen Paradigmenmodells. Wie Kuhn es in Die Struktur wis­sen­schaft­li­cher Revolutionen beschreibt.«

Der Bärtige nickte: So weit konnte er offen­bar folgen.

»Laut Kuhn herrscht gewöhn­lich all­ge­mei­nes Einvernehmen dar­über, auf wel­chen Grundannahmen eine Theorie basie­ren sollte. Er nennt das ein Paradigma, und wis­sen­schaft­li­che Arbeiten, die dem gül­ti­gen Paradigma folgen, bezeich­net er als ›nor­male Wissenschaft‹. Kuhn bezieht das vor allem auf natur­wis­sen­schaft­li­che Erklärungsmodelle, aber wenden wir es einmal auf die gesell­schaft­li­che Rolle der Wissenschaft an. Im Moment betrei­ben wir nor­male Wissenschaft. Aber wie Kuhn beschreibt, treten dabei ab und zu Anomalien auf. Es ereig­nen sich Dinge, die nicht von der Hand zu weisen sind, sich aber nicht in das alte Paradigma ein­fü­gen lassen. Anfangs ver­su­chen die Wissenschaftler, die Anomalien doch irgend­wie im Paradigma unter­zu­brin­gen. Aber wenn es zu viele Abweichungen gibt, fällt das Paradigma in sich zusam­men. Weil es dann irgend­wann so absurd wirkt wie das astro­no­mi­sche Modell von Ptolemäus.

Genau an dem Punkt befin­den wir uns jetzt. Wir haben die Universitäten und die NSF und all das, aber das System ist zu kom­pli­ziert, es bewegt sich in zu viele Richtungen gleich­zei­tig. Es bekommt die Abweichungen nicht mehr in den Griff.«

Frank blickte kurz zu dem Mann hin­über, der ihm eben wider­spro­chen hatte. »Früher oder später schlägt jemand dann ein neues Paradigma vor, das die Anomalien mit berück­sich­tigt. Sie besser in den Griff bekommt. Und nach einer gewis­sen Phase der Verwirrung und der Kontroversen fangen die Leute an, auf dem Boden des neuen Paradigmas nor­male Wissenschaft zu betrei­ben.«

Der Mann nickte. »Und Sie meinen, wir brau­chen einen Paradigmenwechsel, was das Zusammenspiel von Wissenschaft und Gesellschaft betrifft.«

»Ja, genau.«

»Aber wie sieht das neue Paradigma denn aus? Mir scheint, da stecken wir noch tief in der Phase der Verwirrung.«

»Richtig. Aber solange wir noch keine klare Vorstellung von dem neuen Paradigma haben – und die haben wir nicht, da gebe ich Ihnen recht –, solange ist es unsere Aufgabe als Wissenschaftler, die Veränderung vor­an­zu­trei­ben, indem wir unsere Ressourcen plan­voll ein­set­zen. Sodass wir die Phase der Verwirrung schnel­ler über­win­den. Und als Werkzeug müssen wir das Budget und den insti­tu­tio­nel­len Einfluss nutzen, den die NSF seit ihrer Gründung auf­ge­baut hat. Das heißt, wir dürfen unsere Zuwendungsempfänger nicht länger als Kunden betrach­ten, deren Wünsche wir zu erfül­len haben. Wir müssen auf­hö­ren, mit dem Hut in der Hand zum Kongress zu gehen, um Veränderungen zu bet­teln und dann doch die Politiker ent­schei­den zu lassen, wofür wir das Geld aus­ge­ben.«

»Wow, Augenblick mal«, wider­sprach Sophie Harper. »Das Recht, Bundesmittel zu ver­tei­len, liegt nun mal beim Kongress, und der wacht sehr eifer­süch­tig dar­über, das können Sie mir glau­ben.«

»Klar tut er das. Es ist die Basis seiner Macht. Und natür­lich sind das unsere gewähl­ten Repräsentanten. Das bestreite ich gar nicht. Aber wir könn­ten auch zu ihnen gehen und sagen: Leute, die Party ist vorbei. Wenn ihr nicht wollt, dass unsere Zivilisation für Jahrzehnte den Bach run­ter­geht, müsst ihr fol­gende Projekte finan­zie­ren. Und ihnen erklä­ren, dass sie nicht eine Billion Dollar pro Jahr fürs Militär aus­ge­ben, aber die Rettung und den Wiederaufbau der Welt dem Zufall und ihrer Heilslehre von der freien Marktwirtschaft über­las­sen können. Weil das nicht funk­tio­niert. Die Wissenschaft ist der ein­zige Ausweg.«

»Sie meinen damit die wis­sen­schaft­lich fun­dierte Lenkung aller Anstrengungen«, sagte Diane.

»Ja, mei­net­we­gen«, fuhr Frank sie an. Dann hielt er blin­zelnd inne, als käme ihm Dianes Formulierung plötz­lich bekannt vor, und errö­tete noch mehr.

»Ich weiß nicht«, sagte ein ande­res Mitglied des Stiftungsrats. »Das haben wir doch alles schon ver­sucht. Mehr Angebote zur Zusammenarbeit mit dem Kongress, mehr Lobbyarbeit. Ich sehe nicht ganz, wie das die großen Veränderungen bewir­ken soll, die Sie hier beschrei­ben.«

Frank nickte. »Ich auch nicht. Aber mehr ist mir bisher nicht ein­ge­fal­len. In der Richtung ist sicher­lich noch Arbeit nötig.«

»So groß ist die NSF nun auch wieder nicht«, sagte jemand ande­res.

»Stimmt eben­falls. Aber stel­len Sie sich das Ganze einmal wie eine Lawine vor. Wenn sich die gesamte NSF eine Zeit lang auf dieses eine Projekt kon­zen­triert, werden sich die Auswirkungen mit etwas Glück bald selbst ver­stär­ken. Weil dann eine Kettenreaktion ent­steht. Mathematisch gese­hen ist das eine Frage von Wahrscheinlichkeiten. Wenn der Hang eines Hügels den kri­ti­schen Neigungswinkel erreicht oder sogar über­schrit­ten hat, und man ver­schiebt genü­gend Elemente gleich­zei­tig, und es sind die rich­ti­gen Elemente – Bumm. Eine Lawine. Ein Paradigmenwechsel. Konzentration auf die großen Probleme, die vor uns liegen.«

Die Zuhörer dach­ten nach.

Diane ließ Frank nicht aus den Augen. »Ich frage mich, ob wir wirk­lich schon so nah am Rand der Klippe stehen, dass die Leute auf uns hören werden und wir tat­säch­lich eine Lawine aus­lö­sen.«

»Das weiß ich auch nicht«, erwi­derte Frank. »Aber über den kri­ti­schen Punkt sind wir defi­ni­tiv hinaus. Der Strömungskreislauf im Atlantik steht still. Wir steu­ern auf eine Phase abrup­ter Klimaveränderungen zu. Angesichts dieser Probleme wird nor­male Wissenschaft ohne­hin nicht mehr mög­lich sein.«

Diane lächelte dünn. »Mit ande­ren Worten, wir sollen die Welt retten, um weiter Wissenschaft betrei­ben zu können?«

»Wenn Sie es so aus­drücken wollen, ja. Wenn Ihnen kein bes­se­rer Grund ein­fällt.«

Diane sah ihn gekränkt an. Ungerührt erwi­derte er ihren Blick.

Anna saß nach vorn gebeugt da und beob­ach­tete die beiden. Irgendetwas ging da vor, aber sie hatte keine Ahnung, was es war. Um die Anspannung zu lösen, schrieb sie auf ihren Notizblock: »Die Welt retten, um weiter Wissenschaft betrei­ben zu können.« Charlie sollte das später »Das Frank’sche Prinzip« taufen.

Schließlich löste Diane sich aus der Erstarrung. »Gut. Was sagen die ande­ren dazu?«

Damit begann die Diskussion, und es kam eine ganze Reihe von Ideen hinzu. Ein inof­fi­zi­el­les Gremium zur wis­sen­schaft­li­chen Beratung des Kongresses grün­den, als Ersatz für das frü­here Office of Technology Assessment. Sich dafür ein­set­zen, dass der wis­sen­schaft­li­che Berater des Präsidenten Kabinettsmitglied wurde. Jemand schlug sogar vor, die natio­nale Akademie der Wissenschaften durch einen neuen Verfassungszusatz in ein Staatsorgan umzu­wan­deln. Alle Einfälle wurden aus­führ­lich bespro­chen, anfangs noch etwas zöger­lich, dann mit wach­sen­der Begeisterung, weil den Anwesenden offen­bar immer stär­ker bewusst wurde, dass sie alle längst ähn­li­che Ideen mit sich her­um­tru­gen: Vorstellungen von der Zukunft, die sie ande­ren Wissenschaftlern gegen­über nor­ma­ler­weise nicht aus­spra­chen, weil sie ihnen zu groß oder zu aus­ge­fal­len erschie­nen. »Ziemlich wilde Ideen«, wie eine von ihnen es aus­drückte.

Frank hatte alle Einfälle auf dem Whiteboard notiert. »Die Sache ist die«, sagte er. »Im Augenblick hält sich die Wissenschaft aus poli­ti­schen Entscheidungsprozessen heraus. So wie sich das Militär aus Fragen des Zivillebens her­aus­hält. Das geht auf die Zeit wäh­rend des Zweiten Weltkriegs zurück, als die Wissenschaft dem Militär unter­stellt war. Da lag die Entscheidungsgewalt auch nicht bei den Wissenschaftlern. Nach dem Krieg wurden sie dann sozu­sa­gen direkt unter zivile Kontrolle gestellt.

Aber wenn Sie mich fragen: zum Teufel damit! Wissenschaftler sind keine Militärs, sie sind Teil der Lösung, nicht des Problems. Und in dieser Rolle müssen sie sich jetzt behaup­ten. Das ist es ja, was uns an diesen Vorschlägen so aben­teu­er­lich erscheint: Dass Wissenschaftler einen Standpunkt ver­tre­ten und in poli­ti­sche Entscheidungsprozesse ein­grei­fen sollen. Wenn solche Ideen von den Leuten im Pentagon kämen, würde ich mir auch Sorgen machen – wobei die sich ja stän­dig in die Politik ein­mi­schen. Worauf ich hinaus will: Bei uns ist dieser Schritt nicht nur not­wen­dig, son­dern auch legi­tim, denn wir sind keine Militärs, son­dern Zivilisten, und wir ver­fü­gen als Einzige über die Mittel, mit den glo­ba­len Umweltproblemen fertig zu werden.«

Eine Weile herrschte nach­denk­li­ches Schweigen. Über die Fensterscheiben strömte mon­s­un­ar­ti­ger Regen und bil­dete eine unend­li­che Folge von Deltamustern. Die Wolken waren noch dunk­ler gewor­den, das Licht schwä­cher. Der Konferenzraum schien in wäss­ri­gem Grau zu schwe­ben wie ein hell erleuch­te­ter Würfel.

Annas Notizblock war mit ein­zel­nen Wörtern und ver­schlun­ge­nen Linien bedeckt. Viele der Lösungsvorschläge waren unvoll­stän­dig oder undurch­führ­bar oder beides. Niemand konnte behaup­ten, sie hätten jetzt schon eine echte Strategie ent­wickelt. Sophie Harper sah aus, als würde sie gleich explo­die­ren. Vielleicht emp­fand sie Franks Vortrag als Kritik an ihrer bis­he­ri­gen Arbeit – und ver­mut­lich, dachte Anna, konnte man das tat­säch­lich so sehen, auch wenn es Frank um etwas ganz ande­res ging.

Schließlich deu­tete Diane mit einer Handbewegung an, dass sie die Diskussion gern been­den wollte. »Frank«, sagte sie, wobei sie seinen Namen in die Länge zog, »Fraaaank – dieses Thema haben Sie auf­ge­bracht, und offen­bar sind Sie auch der Ansicht, an der Situation ließe sich etwas ändern. Also soll­ten Sie auch das Komitee leiten, das sich weiter damit befasst. Sprich, das die Liste der Handlungsmöglichkeiten aus­ar­bei­tet und das Ergebnis dem Stiftungsrat vor­legt. Die grund­le­gende Idee dabei könnte sein, dass Ihr Komitee einem neuen Paradigma den Weg bahnt.«

Frank stand da und betrach­tete all die Wörter, die er in roter Schrift hek­tisch aufs Whiteboard gekrit­zelt hatte. Er rührte sich lange nicht; seine Miene war grim­mig. Viele seiner Zuhörer wuss­ten, dass er eigent­lich nach San Diego zurück­keh­ren wollte, aber alle waren auch mit Dianes direk­tem, offe­nen Führungsstil ver­traut. Ihre Entscheidungen hatten oft etwas Herausforderndes, sogar Konfrontatives. Wenn sich jemand stark für eine bestimmte Handlungsweise ein­setzte, erwi­derte sie häufig: Dann tu’s doch. Wenn es dir so wich­tig ist, über­nimm die Verantwortung.

Endlich drehte Frank sich um und sah ihr in die Augen. »Ja, klar«, sagte er. »Sehr gern. Ich werde mein Bestes geben.«

Einen ganz kurzen Augenblick sah man Diane die Siegesfreude an. Als junges Mädchen hatte Anna einmal zuge­schaut, wie ein Schachmeister simul­tan gegen einen Raum voller Gegner gespielt hatte. Nur einer dieser Gegner hatte ihm Schwierigkeiten berei­tet, und als der Meister ihn schach­matt setzte und zum näch­sten Brett wech­selte, hatte Anna an ihm das glei­che kurze Aufblitzen von Befriedigung beob­ach­tet.

Und Diane ging nun eben­falls zum näch­sten Tagesordnungspunkt über.

* * * * *

Nach der Sitzung ver­sam­melte sich die Bioinformatikgruppe in Annas und Franks Büros im fünf­ten Stock, nippte an kaltem Kaffee und schaute ins Atrium hinaus.

Edgardo gesellte sich zu ihnen. »Die Sitzung soll ja reine Zeitverschwendung gewe­sen sein«, sagte er munter.

»Nein«, fuhr Anna ihn an.

Edgardo lachte. »Diane krem­pelt die NSF um?«

»Nein.«

Sonst reagierte nie­mand. Edgardo holte sich einen Kaffee.

»Habe ich das rich­tig ver­stan­den?«, sagte Anna zu Frank. »Hast du Diane wirk­lich ver­spro­chen, noch ein Jahr zu blei­ben?«

»Ja.«

In dem Moment kam Edgardo wieder herein. Er war völlig ver­blüfft. »Es gesche­hen noch Zeichen und Wunder! Hoffentlich hast du deine Wohnung noch nicht gekün­digt!«

»Doch.«

»O nein! So ein Mist!«

Frank wedelte mit der ver­brann­ten Hand. »Der Besitzer kommt sowieso dem­nächst zurück.«

Anna sah ihn auf­merk­sam an. »Du hast also wirk­lich deine Meinung geän­dert.«

»Na ja …«

Das Licht ging aus. Die Computer eben­falls.

»Scheiße.«

Stromausfall. Ganz sicher eine Folge des Gewitters.

Im Atrium war es jetzt voll­stän­dig dunkel, in den Büros leuch­te­ten nur noch die grünen »Notausgang«-Schilder. NOTAUSGANG. Der Schatten der Zukunft.

Dann sprang das Notstromaggregat an. Das Brummen war im gesam­ten Gebäude zu hören. Computer piep­ten und summ­ten. Sie hatten wieder Strom.

Anna ver­ließ das Büro und ging zu dem Außenfenster an der Nordecke des Gangs. Ganz Arlington war dunkel, bis hin zum regen­ver­han­ge­nen Horizont. In eini­gen ande­ren Gebäuden waren aller­dings eben­falls die Generatoren ange­sprun­gen, und wäh­rend sie hin­aus­schaute, kamen immer mehr dazu. Die Lichter im reg­ne­ri­schen Dunkel ließen sie an kleine Lagerfeuer denken. Über dem Pentagon fing sich ihr Widerschein in schwar­zen Wolken.

Frank kam hinzu und blickte ihr über die Schulter. »So wird es dem­nächst stän­dig aus­se­hen«, pro­phe­zeite er düster. »Wir soll­ten uns schon mal daran gewöh­nen.«

»Wie soll das funk­tio­nie­ren?«, fragte Anna.

Er lächelte flüch­tig, aber es war ein echtes Lächeln, ein schwa­cher Abglanz dessen, was Anna bei sich zu Hause an ihm erlebt hatte. »Das darfst du mich nicht fragen.« Er blickte durchs Fenster auf die dunkle Stadt hinaus. In das leise Trommeln des Regens mischte sich, irgendwo weit unter ihnen, das gedämpfte Heulen einer Sirene.

* * * * *

Der Hyperniño – inzwi­schen zwei­und­vier­zig Monate alt – hatte über dem Ostpazifik wieder einmal ein tro­pi­sches Sturmtief her­vor­ge­bracht, das nun breit und regen­schwer nach Nordosten Richtung Kalifornien zog. Es war das vierte hin­ter­ein­an­der, das dem Pineapple Express folgte, einem unge­wöhn­lich schnel­len atmo­sphä­ri­schen Fluss, der vom glo­ba­len Jetstream ange­trie­ben wurde und gera­de­wegs auf den Norden von San Diego County zulief. In sech­zehn Kilometern Höhe betrug die Windgeschwindigkeit 270 Kilometer pro Stunde. Die Luft in tie­fe­ren Schichten wurde davon mit­ge­ris­sen und fegte mit rund 100 Kilometern pro Stunde über die Erdoberfläche. Sie bil­dete Wirbel und Nebenströmungen, sackte nach unten und ver­dich­tete sich, und sobald sie auf Land traf, gab sie die gesamte mit­ge­brachte Feuchtigkeit frei. Ganz beson­ders hart traf es die Steilküsten in La Jolla, Blacks, Torrey Pines, Del Mar, Solana Beach, Cardiff-by-the-Sea, Encinitas und Leucadia. Der Sandsteinboden dort wurde von oben durch­weicht und von unten durch die Brandung ange­nagt. Er gab an vielen Stellen nach.

Leo und Roxanne Mulhouse saßen dabei natür­lich in der ersten Reihe, schließ­lich stand ihr Haus in Leucadia direkt am Rand der Klippen. Seit Leo arbeits­los war, ver­brachte er oft Stunden vor dem Westfenster oder stand sogar drau­ßen auf dem Balkon und schaute zu, wie der näch­ste Sturm her­an­zog und auf die Küste prallte. Es war ein erstaun­li­cher Anblick. Die Wolken erschie­nen über dem Horizont im Südwesten und rasten auf ihn zu, wäh­rend Häuser und Klippen ein­fach still­stan­den; die auf­ge­staute Luft fiel heu­lend, don­nernd und brül­lend über sie her.

An diesem Vormittag war es schlim­mer denn je. Der Wind zerrte heftig an den Ästen der Bäume; drüben an der Neptune Avenue waren schon drei Eukalyptusbäume umge­stürzt. Und das Meer hatte Leo noch nie so auf­ge­wühlt erlebt. Bis hinaus zu den dunk­len Regengüssen, die den Blick zum Horizont ver­sperr­ten, war es eine ein­zige rie­sige, wild wogende Fläche. Millionen schaum­ge­krön­ter Wellen roll­ten gischt­sprü­hend land­wärts und bra­chen sich auf einer weiten Fläche aus grauem, vom Wind gepeitsch­tem Wasser. Schauer rasten an ihm vorbei, manche kamen auch direkt auf ihn zu. Aus schwar­zen Wolken pras­selte Regen gegen die Westfassade des Hauses. Zwischendurch schos­sen ein­zelne Lanzen von Sonnenlicht durch kleine Wolkenlücken, aber anders als sonst brach­ten sie das Meer nicht zum Leuchten. Die Wasseroberfläche war zu rau, die grauen Strahlen wurden von der Gischt ver­schluckt.

Überall ent­lang der Neptune Avenue gaben die Klippen all­mäh­lich nach, in plötz­li­chen, regel­lo­sen Felsabbrüchen unter­schied­li­cher Größe, mal am Oberrand des Steilhangs, mal an seinem Fuß, mal irgendwo in der Mitte.

Diese Form der Erosion war natür­lich nichts Neues. Die Steilküste von San Diego war immer insta­bil gewe­sen, ver­mut­lich schon Jahrhunderte bevor sich die ersten Siedler hier nie­der­ge­las­sen hatten. Auf den Küstenabschnitten nörd­lich und süd­lich von Moonlight Beach hatte man trotz­dem nah am Klippenrand gebaut, weil die Landvermesser nur geringe Veränderungen der Küstenlinie fest­ge­stellt hatten, als sie vor Baubeginn Fotos aus den Jahren zwi­schen 1928 und 1965 ver­gli­chen hatten. Von dem Sturm am 12. Oktober 1889 hatte ihnen nie­mand erzählt. Damals waren in Encinitas inner­halb von acht Stunden 183 Millimeter Regen gefal­len und die Straßen A, B und C der neu erbau­ten Stadt durch eine Flutwelle und das Abrutschen der Klippen im Meer ver­sun­ken. Die Straßenzählung der Stadt begann zu der Zeit also mit D Street, aber nach dem Grund dafür hatten die Landvermesser nicht gefragt. Sie begrif­fen auch nicht, dass es das natür­li­che Ablaufmuster des Regenwassers – näm­lich Richtung Inland – stören musste, wenn das Gelände pla­niert und das Wasser in Kanälen zum Klippenrand gelei­tet wurde. Also baute man dort Eigenheime und Wohnblöcke mit wun­der­schö­ner Aussicht und ver­wen­dete anschlie­ßend Jahr um Jahr viel Mühe darauf, die Klippen zu sta­bi­li­sie­ren.

Im Laufe der Zeit war dabei so eini­ges aus­pro­biert worden: Sperrwände aus Beton und Metall, begrünte Dämme, Abdeckungen aus Holz, Steinwälle, Betonstützen. Dank dieser Maßnahmen waren die Hänge an vielen Stellen inzwi­schen unna­tür­lich steil – wäh­rend zugleich immer weni­ger Sand aus den Lagunen im Norden an die Strände gespült wurde, weil das Gelände, aus dem sich das Wasser der Lagunen spei­ste, eben­falls bebaut worden war, die Zuflüsse also viel weni­ger Sand mit sich führ­ten. Die Strände waren nach und nach ver­schwun­den, sodass die Wellen unge­bremst gegen die immer stei­le­ren Klippen bran­de­ten. Der kri­ti­sche Neigungswinkel war längst über­schrit­ten.

Während der hef­ti­gen Stürme des Hyperniño rächte sich das. Sie mach­ten die Anstrengungen eines ganzen Jahrhunderts zunichte. Ein Stück süd­lich vom Haus der Mulhouses war gestern ein drei­ßig Meter brei­ter und vier­ein­halb Meter tiefer Streifen Land abge­rutscht und hatte einen beto­nier­ten Deich am Fuß der Klippen unter sich begra­ben. Zwei Stunden später war unmit­tel­bar nörd­lich von ihnen ein zwölf Meter tiefes halb­kreis­för­mi­ges Stück Land ins Meer gestürzt und hatte genau zwi­schen zwei Wohnblöcken einen Abgrund hin­ter­las­sen – ein Einschnitt, in dem bald darauf eine Lawine aus grob­kör­ni­gem Schlamm nach unten strömte und das auf­ge­wühlte Wasser viele hun­dert Meter weit aufs Meer hinaus braun färbte. Normalerweise ver­lief dort drau­ßen eine Strömung in süd­li­cher Richtung, aber durch den Sturm wurde das Meerwasser nord­wärts gedrückt, sodass ein ein­zi­ges Durcheinander ent­stand: kreuz und quer lau­fende Strömungen, Sand und Schlamm aus den Mündungen der plötz­lich rei­ßen­den Flüsse, der Rückstrom rie­si­ger Brecher, wehende Gischt. Kein Surfer wagte sich hinaus.

Im Laufe des düste­ren Vormittags gingen immer mehr Anwohner der Neptune Avenue ins Freie und inspi­zier­ten ihren Abschnitt der Steilküste. Mitarbeiter der unter­schied­lich­sten Behörden fanden sich ein, und die schma­len Nebenstraßen, die zur Schnellstraße führ­ten, füll­ten sich mit Neugierigen. Viele Anwohner hatten sich am Vorabend einen Vortrag in der Stadtbücherei ange­hört, bei dem ihnen Leute vom Ingenieurskorps der Armee erklärt hatten, dass sie die Klippen in den beson­ders gefähr­de­ten Abschnitten durch pro­vi­so­ri­sche Steindämme zu schüt­zen gedach­ten, indem sie Felsbrocken vom Oberrand der Klippen hin­un­ter­kipp­ten. Was bedeu­tete, dass der ohne­hin schmale Strand an vielen Stellen ganz unter einem Wall aus Steinen ver­schwin­den würde – es würde aus­se­hen wie die Böschung einer Mole oder wie ein beson­ders fel­si­ger Küstenstrich. Einige Zuhörer beschwer­ten sich, dass dadurch ein Wahrzeichen der Gegend ver­nich­tet würde. In den 1920er Jahren war der Strand vier­hun­dert Meter breit gewe­sen, und auch jetzt noch machte er San Diego zu dem, was es war. In den Augen dieser Leute war der Strand mehr wert als die Häuser am Rand der Klippen. Sollten die doch abstür­zen!

Aber die Besitzer der Häuser hiel­ten ihnen ent­ge­gen, dass nie­mand vor­her­sa­gen konnte, ob wirk­lich nur die Häuser direkt am Klippenrand ver­lo­ren­ge­hen würden. Die Geschichte von den Straßennamen in Encinitas kannte inzwi­schen jeder. Letzten Endes stand doch die gesamte Stadt am Rand einer Sandsteinklippe. So ein plötz­li­ches, weit­räu­mi­ges Abbrechen konnte sich durch­aus wie­der­ho­len. Und ein Blick auf das tosende Wasser der Pazifik genügte, um jeden Zweifler zu über­zeu­gen.


Daher fand Leo sich an diesem Vormittag am süd­li­chen Ende von Leucadia wieder, wo er auf einer brei­ten Spur von Holzplanken eine Schubkarre Richtung Klippenrand schob, wäh­rend ihm der Wind Regenjacke und Hose gegen den Körper presste. Roxanne besuchte ihre Schwester weiter im Inland; er hatte also Zeit und war froh, etwas tun zu können. In der Europe Street stand ein Wagen der ört­li­chen Müllabfuhr, der­zeit im Dienst des Ingenieurskorps. Dort luden meh­rere Männer mit Hilfe eines klei­nen Flaschenzugs Granitbrocken vom Wagen in die Schubkarren. Es wim­melte von frei­wil­li­gen Helfern. Angeleitet wurden sie von Mitarbeitern der Verwaltung und von Armeeangehörigen; diese legten die Holzplanken aus und diri­gier­ten die Freiwilligen zu den Stellen am Klippenrand, wo sie die Felsen ins Meer kippen soll­ten.

Hunderte Schaulustige hatten sich ein­ge­fun­den und sahen zu, wie die Felsbrocken aus den Schubkarren die Steilküste hin­ab­hüpf­ten und ins Wasser krach­ten. Das Ganze war bereits zum Spektakel gewor­den, zu einer neuen Form von Extremsport. Manche Felsbrocken flogen beson­ders weit oder dreh­ten sich beson­ders schnell, blie­ben im Gegenteil so still wie ein Knuckleball oder lösten eine beson­ders große Spritzfontäne aus. Vor allem die Surfer unter den untä­ti­gen Zuschauern (die Zahl der Freiwilligen, die gleich­zei­tig arbei­ten konn­ten, war begrenzt) beju­bel­ten jeden beson­ders dra­ma­ti­schen Absturz. Sämtliche Surfer im County waren zur Stelle, vom Sturm ange­zo­gen wie Motten vom Lampenlicht. Sie alle sehn­ten sich ins­ge­heim danach, da drau­ßen zu sein, aber das war schlicht unmög­lich. Das Meer war zu auf­ge­wühlt. Bei jedem großen Brecher, der gegen die Klippen krachte, schos­sen rie­sige Wassermengen in die Höhe, zer­fie­len in weißen Schaum und Gischt, hingen einen Moment lang wie schwe­re­los in der Luft, fielen dann in sich zusam­men und kämpf­ten sich zurück Richtung Meer. Wo ihnen bereits der näch­ste Brecher ent­ge­gen­kam, sodass in dem brau­nen Streifen fla­chen Wassers ein dich­tes Durcheinander hüp­fen­der Wellen ent­stand, durch das schon die näch­ste Welle Richtung Land rollte.

Und die ganze Zeit heulte der Wind, riss an ihnen, jagte zwi­schen ihnen hin­durch. Obwohl die Klippen in dieser Gegend längst nicht so hoch waren wie bei Torrey Pines, nur etwa 25 anstatt 100 Meter, brem­sten sie den unge­heuer star­ken Wind vom Meer und lenk­ten ihn senk­recht nach oben, sodass es ein klei­nes Stück land­ein­wärts fast wind­still war, man aber am Klippenrand in einer mäch­ti­gen Aufwärtsströmung stand, die immer wieder zu noch stär­ke­ren Windstößen anschwoll, Aufwärtshaken einer unsicht­ba­ren Faust. Leo hatte das Gefühl, er müsste sich mit aus­ge­brei­te­ten Arm schräg über den Abgrund lehnen können, und der Wind würde ihn tragen – und wenn er von der Klippe spränge, würde er sanft nach unten schwe­ben. Nicht mehr lange, und die ersten jun­gend­li­chen Windsurfer würden genau das aus­pro­bie­ren, und ein paar Leute würden viel­leicht sogar ihre Nassanzüge nach dem Vorbild der Gleithörnchen umge­stal­ten. Nicht dass es eine gute Idee wäre, sich jetzt dort unten im Wasser auf­zu­hal­ten. Allein die Höhe der Brecher am Fuß der Klippen war ein­drucks­voll, ja erschreckend. Wenn sie gegen die Steilküste prall­ten, schoss die Gischt weit herauf und flog bis zu den Häusern und den Menschen.

Leo erreichte das Ende seines Plankenwegs. Dort war­te­ten meh­rere Leute, die die Griffe seiner Schubkarre pack­ten und ihm halfen, den Felsbrocken an der rich­ti­gen Stelle aus­zu­kip­pen. Danach räumte er den Platz und sah eine Weile den ande­ren zu. Die Arbeit würde noch Tage dauern, denn an den beson­ders gefähr­de­ten Stellen durfte sich immer nur eine begrenzte Anzahl von Menschen auf­hal­ten. Im Augenblick ver­schwan­den die Felsbrocken ein­fach im Wasser, eine Wirkung war nicht zu erken­nen. »Als würde man Steine ins Meer werfen«, sagte Leo leise vor sich hin. Der Wind war so laut wie die Düsen eines Flugzeugs direkt vor dem Start, unter­bro­chen von unsicht­ba­ren Schlägen aufs Ohr. Dass jemand seine Selbstgespräche hörte, war also nicht zu befürch­ten. Seine Augen trän­ten, aber der Wind wehte die Tränen fort, sodass er zwi­schen­durch immer wieder klar sah.

Die Tränen waren eine rein kör­per­li­che Reaktion auf den Sturm, denn eigent­lich war er froh, hier zu sein. Froh, dass ihn etwas von seinen Sorgen ablenkte. Ein all­ge­mei­nes Unglück, ein Naturereignis – da saßen alle im selben Boot. In gewis­ser Weise fand er das Ganze sogar inspi­rie­rend. Und nicht nur die Reaktionen der Menschen, auch der Sturm selbst hatte etwas Erhebendes. Als würde ihn der Wind aus seinem gewohn­ten Leben hin­aus­tra­gen.

Auf jeden Fall änderte so ein Sturm den eige­nen Blick auf die Dinge. Er hatte seinen Job ver­lo­ren – na und? Was spielte das für eine Rolle? Die Welt war riesig und über­mäch­tig, dage­gen waren sie selbst so klein wie Flöhe, mit Problemen, über die sich nur Flöhe auf­re­gen konn­ten.

Er kehrte zum Müllwagen zurück, ließ sich einen wei­te­ren Felsbrocken in die Schubkarre laden und kon­zen­trierte sich ganz darauf, die Last am Vorderende aus­zu­ba­lan­cie­ren, die Karre zu wenden und gegen den Wind über die Spur aus bieg­sa­men Holzplanken zu manö­vrie­ren. Einen Stein ins Meer werfen. Toll eigent­lich.

Als er die leere Karre zur Straße zurück­schob, ent­deckte er Marta und Brian. Sie stie­gen gerade am Ende der Straße aus Martas Pick-up. »Hey!« Das war ja eine nette Überraschung. Die zwei waren kein Paar, nicht einmal Freunde, soweit Leo wusste, und er hatte befürch­tet, dass er keinen von beiden nach der Schließung des Labors je wie­der­se­hen würde.

»Marta!«, brüllte er glück­lich. »Bri-man!«

»LEO!«

Sie freu­ten sich auch, ihn zu sehen. Sie rann­ten auf ihn zu und umarm­ten ihn.

»Wie geht’s?« – »Wie geht’s?«

Sie waren beide auf­ge­kratzt: durch den Sturm und weil es hier etwas zu tun gab. Die letz­ten zwei Wochen waren ihnen ver­mut­lich auch sehr lang vor­ge­kom­men, keine Arbeit, keine Beschäftigung. Gut, ver­mut­lich waren sie surfen gegan­gen oder hatten sonst etwas unter­nom­men. Aber jetzt waren sie hier. Leo war froh dar­über.

Sie fügten sich schnell in die Arbeitsabläufe ein und karr­ten eben­falls Felsen zum Klippenrand. Einmal lief Leo direkt hinter Marta über den Pfad aus Holzplanken, und beim Anblick ihrer ange­spann­ten Schultern und der regen­nas­sen schwar­zen Locken wurde er von einer Woge der Freundschaft und Bewunderung erfasst. Sie war eine echte Surferin, schmale Hüften, breite Schultern; hoch erho­be­nen Hauptes trotzte sie dem Wind. Sie würde ihm fehlen. Brian auch. Es war nett von ihnen, dass sie ein­fach so vor­bei­ge­kom­men waren, aber wie die Dinge lagen, würden sie alle bald irgendwo wieder Arbeit finden und sich aus den Augen ver­lie­ren. Die Verbindungen zwi­schen ehe­ma­li­gen Kollegen hiel­ten nie sehr lange, sie waren ein­fach zu schwach. Bei der Arbeit musste man immer mit den­je­ni­gen Leuten zurecht­kom­men, die man dort vor­fand. Nicht nur mit ihrem Wortgeplänkel, son­dern auch mit ihrem Arbeitsstil. Aber sie waren ein gutes Laborteam gewe­sen.

Die Leute von der Armee scheuch­ten sie win­kend vom Klippenrand fort. Mitten auf der völlig zer­tram­pel­ten Rasenfläche hockte ein Mann mit der Aufschrift USGS auf seiner nassen Windjacke vor einem großen Metallkasten. Sie hätten einen Riss im Sandstein ent­deckt, rief Brian ihnen ins Ohr. Parallel zum Klippenrand. Irgendjemand hatte offen­bar schon ein leich­tes Absinken gespürt, und das Messinstrument des Mannes mit dem USGS-Logo regi­strierte eben­falls eine Bewegung. Die Klippen würden nach­ge­ben. Die Helfer kipp­ten ihre Felsbrocken aus und manö­vrier­ten die Schubkarren eilig zur Neptune Avenue zurück.

Gerade noch recht­zei­tig. Mit einem kurzen Rumpeln und einem dump­fen Schlag, den man fast für den Aufprall einer beson­ders großen Welle halten konnte, sackte ein Stück Steilküste nach unten und ver­schwand. Die Schreie der Menschenmenge waren selbst über den Sturm hinweg zu hören. Auf einmal hatten sie freien Blick auf einen meh­rere hun­dert Meter ent­fern­ten Streifen graues Meer. Der Klippenrand war ihnen soeben vier­ein­halb Meter näher­ge­rückt.

Äußerst unheim­lich. Gemeinsam mit allen ande­ren Helfern beweg­ten sich Leo, Brian und Marta vor­sich­tig auf die Kante zu und späh­ten in das tosende, dreckige Wasser. Die Abbruchstelle erstreckte sich unge­fähr hun­dert Meter nach Süden und fünf­zig nach Norden. Insgesamt gese­hen kein großer Verlust, aber genau das pas­sierte jetzt über­all ent­lang der Küste. Ein klei­nes Abrutschen nach dem ande­ren. Durch den Sandstein ver­lief par­al­lel zur Küste eine ganze Reihe Bruchlinien, und wo immer der Fels zu stark vom Meer unter­spült war, würden wei­tere Scheibchen abbre­chen. Auf die glei­che Art waren damals auch A, B und C Street ver­schwun­den, inner­halb einer ein­zi­gen Nacht. Es konnte immer so wei­ter­ge­hen. Sogar bis zur Schnellstraße.

Unglaublich. Leo konnte nur hoffen, dass Roxannas Mutter ihr Haus auf sta­bi­le­rem Grund erbaut hatte. Manchmal stieg er auf einer nahe­ge­le­ge­nen Treppe zum Strand hin­un­ter und schaute sich die Klippen an. Bisher hatte er immer den Eindruck gehabt, dass das Haus sehr solide auf einer Art Stützpfeiler aus Fels stand. Aber als er jetzt das Anbranden der Wellen beob­ach­tete und die Kraft des Windes spürte, fand er es schwer zu glau­ben, dass irgend­ein Küstenabschnitt diesem Ansturm stand­hal­ten konnte. Der gesamte Ort mochte zer­stört werden. Und in dieser Gegend hatten die Menschen über­all nah an den Klippen gebaut. Es würde vielen Siedlungen ähn­lich erge­hen.

Bei dem Erdrutsch, den sie eben erlebt hatten, war kein Gebäude mit­ge­ris­sen worden, aber am süd­li­chen Ende hatte ein Haus einen Teil der west­li­chen Außenmauer ver­lo­ren, sodass die Räume dahin­ter unge­schützt dem Wind aus­ge­setzt waren. Überall stan­den Menschen, deu­te­ten zur Abbruchkante, schau­ten sich um, riefen sich Dinge zu, die im Tosen des Sturms unter­gin­gen. Liefen hin und her und such­ten nach dem Platz mit der besten Aussicht.

Im Augenblick gab es aller­dings sonst nichts zu tun. Das Ende ihres Plankenwegs war mit ins Meer gestürzt. Armeeleute und Mitarbeiter des County schaff­ten Sägeböcke und Rollen von oran­ge­far­be­nem Plastikband herbei; sie würden diesen Abschnitt der Straße sper­ren und die Arbeit an ande­rer Stelle fort­set­zen, wo es siche­rer war.

»Wow.« Leo spürte, wie ihm der Wind den Ausruf von den Lippen riss und Richtung Osten davon­trug. »Himmel, was für ein Wind. – Und wir stan­den eben noch da drüben!«, rief er Marta zu.

»Weg!«, rief Marta zurück. »Verschwunden, wie Torrey Pines Generique!«

Brian und Leo gaben ihr laut­stark recht. Ins Wasser mit dem ver­damm­ten Laden!

Sie zogen sich in den Windschatten von Martas klei­nem Toyota-Pick-up zurück, setz­ten sich hinter ihm auf den Bordstein und tran­ken den Espresso, den sie mit­ge­bracht hatte. Trotz der Plastikdeckel auf den Pappbechern war er längst kalt.

»Uns geht schon nicht die Arbeit aus«, sagte Leo.

»Ganz bestimmt nicht.« Aber offen­sicht­lich dach­ten die zwei dabei an das Bewegen von Felsbrocken. »Südlich von Cardiff soll die Küstenschnellstraße unter­bro­chen sein«, sagte Brian. »Die ganze Restaurantzeile ist weg. Erst ist die Überführung ein­ge­stürzt, und dann hat das Wasser auf beiden Seiten das Straßenbett unter­spült.«

»Wow!«

»Das wird noch schlimm werden. Ich wette, an der Flussmündung bei Torrey Pines pas­siert das Gleiche.«

»An allen großen Lagunen.«

»Kann gut sein.«

Sie nipp­ten an ihrem Espresso.

»Es ist nett, euch zu sehen!«, sagte Leo. »Danke, dass ihr vor­bei­ge­kom­men seid.«

»Gerne.«

»Das ist das Schlimmste an der ganzen Geschichte«, sagte Leo.

»Genau.«

»Zu blöd, dass sie uns nicht behal­ten haben. Anscheinend setzen sie jetzt ganz auf das eine Labor.«

Marta und Brian sahen ihn an. Er fragte sich, mit wel­cher seiner Bemerkungen sie nicht ein­ver­stan­den waren. Da sie nicht mehr für ihn arbei­te­ten, hatte er kein Recht, sie aus­zu­fra­gen. Andererseits hatte er auch keinen Grund, sich zurück­zu­hal­ten.

»Was ist?«, fragte er.

»Small Delivery Systems hat mich ein­ge­stellt.« Marta musste nach wie vor fast brül­len, um sich über den Sturm hinweg ver­ständ­lich zu machen. Sie warf Leo einen ver­le­ge­nen Blick zu. »Eleanor Dufours arbei­tet jetzt auch für die Firma, sie hat mich in ihr Team geholt. Wir sollen die Sache mit den Algen wei­ter­ver­fol­gen.«

»Verstehe! Na, das ist doch gut! Schön für dich.«

»Na ja. Atlanta!«

Von den Armeeleuten kam ein lauter Pfiff. Ein ganzer Trupp Freiwilliger mar­schierte hinter den Soldaten die Neptune Avenue ent­lang Richtung Süden zu einem ande­ren Müllwagen, der gerade ange­kom­men war. Es gab wei­ter­hin viel zu tun.

Leo, Marta und Brian folg­ten ihnen und mach­ten sich erneut an die Arbeit. Manche Leute gingen, dafür kamen andere dazu. Viele mach­ten Aufnahmen mit Telefonen und Kameras. Die Helfer waren schon bald dank­bar für die dicken Arbeitshandschuhe, die die Armeeleute aus­ga­ben.

Ungefähr um zwei Uhr nach­mit­tags beschlos­sen Leo, Brian und Marta, Schluss zu machen. Ihre Handflächen waren wund­ge­scheu­ert. Leos Oberschenkel und die Muskeln im Kreuz hatten zu zit­tern begon­nen. Außerdem hatte er Hunger. Die Arbeit an den Klippen würde noch eine ganze Weile wei­ter­ge­hen, und solange das stür­mi­sche Wetter anhielt, würden sich auch genug Freiwillige finden. Nicht nur weil die Arbeit offen­sicht­lich not­wen­dig war – es machte Spaß, bei diesem Wind im Freien zu sein, und wenn man mit­half, diente es sogar einem prak­ti­schen Zweck. Wobei die mei­sten Leute ver­mut­lich auch sonst gekom­men wären, um sich den Aufruhr anzu­schauen.

Marta, Brian und Leo stan­den auf einem Aussichtspunkt etwas nörd­lich von Swami’s Beach, stemm­ten sich gegen den Wind und bestaun­ten das Spektakel. Marta federte ein wenig auf und ab, immer noch auf­ge­kratzt und voller Energie. Anscheinend begei­stert und wütend zugleich brüllte sie jede beson­ders große Welle an, die gegen die trot­zi­gen klei­nen Klippen am Pipes Beach schlug. Genau wie Brian und Leo war sie völlig durch­nässt, die Locken kleb­ten ihr am Kopf, der Wind presste ihr das T‑Shirt gegen den Körper; sie sah aus wie die Siegerin bei irgend­ei­nem Extremsport-Wettkampf um das nas­se­ste T‑Shirt. Unter dem dünnen Stoff zeich­nete sich alles deut­lich ab: Brüste, Bauchnabel, Rippen, Schlüsselbeine und Bauchmuskeln. Sie strahlte Kraft aus – eine Göttin der Surfer von San Diego. Wie schön, dass Small Delivery Systems sie enga­giert hatte. Leo war stolz auf seine junge Kollegin.

»Das ist echt toll!«, rief er aus. »Viel besser, als im Labor zu arbei­ten!«

Brian lachte. »Dafür wirst du aber nicht bezahlt, Leo.«

»Ach, scheiß drauf. Es ist trotz­dem besser.«

Dann woll­ten Brian und Marta auf­bre­chen. Sie umarm­ten ihn.

»Lasst uns ver­su­chen, in Verbindung zu blei­ben«, sagte Leo sen­ti­men­tal. »Wirklich. Wer weiß, viel­leicht arbei­ten wir irgend­wann alle wieder zusam­men.«

»Gute Idee.«

»Ich dürfte ver­füg­bar sein«, sagte Brian.

Marta zuckte mit den Achseln und wandte den Blick ab. »Es pas­siert, oder es pas­siert nicht.«

Dann waren sie fort. Leo winkte Martas Pick-up hin­ter­her. Ein plötz­li­cher Stich – würde er sie je wie­der­se­hen? Die Spiegelung der Rücklichter auf dem nassen Asphalt ver­schwamm zu zwei roten Linien. Dann Blinklicht rechts, und sie waren ver­schwun­den.

* * * * *

© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel