von Kim Stanley Robinson
»Geld ist die Muttermilch der Politik.« Das hat Jesse Unruh vor langer Zeit einmal gesagt, aber ebenso gut könnte der Spruch von einer Keilschrifttafel aus Ur stammen. Geld bedeutet Macht, Politik ist ein Kampf um Macht, und Politiker brauchen Geld, wenn sie im Amt bleiben wollen. Das alles gerinnt zu festen Strukturen. Einflussnahme ist die saure Milch der Politik.
Wahlkampfspenden fallen unter das im ersten Verfassungszusatz garantierte Recht auf freie Meinungsäußerung, sind also legal. Das hat auch der Oberste Gerichtshof unter John Roberts noch einmal bestätigt. Was bedeutet, dass reiche Leute besonders laute Stimmen haben. Das fiel auch Phil Chase auf, wann immer er Termine zum Spendenwerben wahrnahm. Was im Durchschnitt zweimal täglich geschah. An manchen Tagen ließen seine Mitarbeiter ihn eine Veranstaltung schwänzen oder fanden einfach nichts Geeignetes; an anderen musste er dafür gleich an einem halben Dutzend teilnehmen, zeitlich genau geplant und mit der Präzision einer militärischen Kommandoaktion durchgeführt. Dem Kapital Geld aus dem Herzen schneiden. Phil nannte das seine Charme-Raubzüge, allerdings nur im Kreis seiner engsten Vertrauten. Die darüber lachten und sagten: Na los, mach schon.
Phils Privatvermögen war sehr viel kleiner als das der meisten Senatoren. Seinen ersten Wahlkampf hatte er bekanntermaßen damit finanziert, dass er seine Unterstützer bat, ihm das Kleingeld zu schicken, das bei ihnen zu Hause in Schubladen oder auf Kommoden herumlag. »Sie freuen sich doch, wenn Sie es los sind«, hatte er gesagt. »Aber bitte übernehmen Sie auch die Versandkosten, sonst gebe ich mehr für Porto aus, als ich von Ihnen bekomme.« Was stimmte, aber zum Glück zahlten die meisten tatsächlich auch für den Versand. Es kamen Tonnen von Kleingeld herein. Phil Chase in einem brusthohen Berg von Münzen wurde ein beliebtes Fotomotiv.
Inzwischen war alles anders. Frühstückstermine, Mittagessen, Cocktailpartys, Kennenlernpartys, Seminare, Konferenzen, Abendgesellschaften – und immer nahmen alle Beteiligten ihre Veranstaltung wichtig. Also zog sich Phil entsprechend an und absolvierte seinen Auftritt, war dabei, war präsent. Zum Glück hatte er Spaß daran. Darum machte er seine Sache auch so gut: weil er seine Rolle gern spielte, gern mit Menschen sprach. Er glaubte, bei passender Gelegenheit jeden von seinem Standpunkt überzeugen zu können. Die meisten Menschen lernen aus Erfahrung, dass das nicht stimmt. Aber Phil war eben ein sturer Kopf.
Lehrerverband, Handelskammer, Umweltinitiative, liberale Denkfabrik, ein Grüppchen Schwergewichte (er war mit mehreren Großspendern befreundet) – alles an einem Tag. Mittwochs zum Beispiel. »Wir werden Ihre Spende gut verwenden«, sagte er dann etwa und sah seinem Gegenüber in die Augen. »Sie wissen, wofür ich stehe, und ich werde meine Grundsätze nie verraten, das verspreche ich Ihnen.« Er glaubte fest, dass es sich auszahlte, wenn er selbst um Spenden bat. Die Leute in seinem Stab, deren Aufgabe es eigentlich war, Kontakte zu Geldgebern aufzubauen, waren in dieser Hinsicht nicht ganz seiner Meinung, aber schließlich war er der Chef. Und es kam durchaus Geld herein. Zwei Veranstaltungen pro Tag, das sind 700 in einem Jahr, 4200 in der Amtszeit eines Senators. Geld steht für freie Rede, jeder Mensch redet gern, und laute Menschen haben besonders viel zu sagen. Die Zahl ihrer Ansichten wächst mit ihrem Reichtum. Phil gab ihnen mit Freude Gelegenheit, sich durch ihn zu Wort zu melden.
Nur wenn er sich spät abends durch die große dunkle Hauptstadt nach Hause fahren ließ, lehnte er sich manchmal müde zurück und sagte leise: »Eine Reform der Wahlkampffinanzierung. Schauen Sie sich das Thema noch mal an, ja, Roy?«
»Na klar, Chef.«
»Was steht morgen an?«
»Frühstück mit der Finance Reform Investment Group.«
»Wirklich? Frühstück?«
»Phil, die verspeisen Sie doch mit einem Bissen.«
»Stimmt schon. Aber danach habe ich einen fiesen Geschmack im Mund. Eine Reform der Wahlkampffinanzierung, Roy. Schreiben Sie mir einen Gesetzentwurf. Legen Sie mir die Akte raus.«
»Na klar, Chef.«
»Und wen gibt’s zum Mittagessen?«
»Das wollen Sie doch gar nicht wissen.«
* * * * *
Anna segelte durch einen weiteren Arbeitstag. Aufstehen, aus dem Haus gehen, mit der Metro zur NSF; auf der Tastatur herumhämmern. Bei der Arbeit an einer Statistik vergingen die Stunden wie Minuten. In der Mittagspause abpumpen und anschließend am Schreibtisch etwas essen (gleich beim Abpumpen zu essen fühlte sich einfach zu merkwürdig an), während sie weiter mit Daten jonglierte. Dann eine E‑Mail von Drepung und Sucandra, in der es um ihre Förderanträge ging.
Anna hatte ihnen gleich bei mehreren Anträgen geholfen. Das war nicht weiter anstrengend gewesen, denn die eigentliche Arbeit hatten die Khembalis übernommen. Sie hatte nur das Expertenwissen beigesteuert, das sie sich erworben hatte, während sie rund zehntausend Anträge prüfte. Sie wusste ganz genau, wie man Informationen am besten anordnete, was man dabei betonen musste, welche Formulierungen man verwenden sollte, wie man argumentierte, welche Unterlagen man beifügte. Bei jedem Wort, jedem Satzzeichen konnte sie sagen, ob es für den Antrag das Richtige war. Es hatte Spaß gemacht, dieses Können für die Anliegen der Khembalis einzusetzen.
Nun gab es erneut Grund zur Freude: Zu drei Anträgen hatten sie bereits eine Rückmeldung erhalten, davon zwei positiv. Die NSF hatte ihnen eine Anschubfinanzierung für die Teilnahme an »Tropical Oceans, Global Atmosphere« bewilligt, und die INDOEX-Länder hatten dem Bau einer neuen Beobachtungsstation auf Khembalung zugestimmt. Das bedeutete einen mehrjährigen Zustrom von Geldern in der Höhe von insgesamt über zehn Millionen Dollar. Dazu neue Infrastruktur und bessere Beziehungen zu den Nachbarstaaten.
»Sehr gut«, sagte Anna. Sie leitete die Nachricht an Charlie weiter, gratulierte Drepung und wandte sich erneut ihrer Tabelle zu.
Nach einer Weile fiel ihr ein, dass sie vorhin mehrere Seiten ausgedruckt hatte, und ging zur Abteilung für unerfreuliche Statistiken hinüber. Dort traf sie Frank. Er schüttelte gerade den Kopf über den neuesten Aushang.
»Hast du das schon gesehen?« Er deutete mit der Nase auf das Blatt Papier.
»Ich glaube nicht.«
»Das sind die aktuellen Gini-Zahlen. Sagt dir das was?«
»Nein.«
»Damit wird die Einkommensverteilung innerhalb der Bevölkerung eines Landes gemessen, es zeigt den Abstand zwischen Arm und Reich. In den meisten demokratischen Industrieländern liegt der Wert zwischen 25 und 35. Bei uns lag er in den 1950ern auch noch in dem Bereich – da siehst du es –, aber seit den 1980ern ist der Wert ständig gestiegen, und inzwischen ist es bei uns schlimmer als in den schlimmsten Dritte-Welt-Ländern. Alles über 40 gilt als sehr ungleich, und wir sind bei 52, Tendenz steigend.«
Anna warf einen kurzen Blick auf die Graphik; die statistische Methode interessierte sie. In einer Lorenzkurve war dargestellt, wie weit die reale Einkommensverteilung vom Ideal der völligen Gleichverteilung – einer geraden Linie im Winkel von 45 Grad – abwich.
»Interessant … Und das bezieht sich aufs Jahreseinkommen?«
»Genau.«
»Wenn man es stattdessen auf Kapitalbesitz anwenden würde …«
»Sähe es noch schlimmer aus.« Frank schüttelte angewidert den Kopf. Seit seiner Rückkehr aus San Diego hatte er ständig schlechte Laune. Vermutlich konnte er es nicht erwarten, endlich mit der Arbeit bei der NSF fertig zu werden und wieder nach Hause zu dürfen.
»Den Khembalis sind zwei Anträge bewilligt worden«, sagte Anna.
»Sehr gut! War das dein Werk?«
»Ich habe ihnen nur ein paar Hinweise gegeben, an wen sie sich wenden könnten. Sie haben das hervorragend umgesetzt. Und ich habe Drepung beim Überarbeiten der Anträge geholfen. Du weißt ja, wie es ist. Nach ein paar Jahren in diesem Laden weiß man genau, wie man Anträge schreibt.«
»Wohl wahr. Gute Arbeit. Schön zu sehen, dass jemand mal etwas unternimmt.«
Anna kehrte in ihr Arbeitszimmer zurück und sah ihm nach, während er seinen Verschlag betrat. In letzter Zeit wirkte er ständig gereizt. Unzufrieden, zynisch und scharfzüngig war er allerdings schon immer gewesen; es fiel ihr schwer, ihn nicht mit den Khembalis zu vergleichen. Nicht mehr lange, und er würde zu einem der besten Fachbereiche an einer der besten Universitäten in einer der angenehmsten Städte im reichsten Land der Erde zurückkehren, und er war trotzdem unglücklich. Während die Khembalis, diese Gruppe von Exilanten mehrerer Generationen, auf einer Sandbank im Meer ein Leben an der Armutsgrenze führten und dabei glücklich waren.
Oder jedenfalls guter Dinge. Natürlich wollte sie ihre Probleme nicht kleinreden, aber der traurige Blick, den sie bei ihrer ersten Begegnung an Drepung bemerkt hatte, war ihr seitdem nicht mehr aufgefallen. Nein, sie waren guter Dinge. Das war nicht das Gleiche, wie glücklich zu sein, es war eher eine Haltung als ein Gefühl. Wofür man sie aber erst recht bewundern sollte.
Nun ja, die Menschen waren eben verschieden. Sie wandte sich erneut dem mühseligen Kampf mit den Daten zu. Dann rief Drepung an, und sie freuten sich noch einmal gemeinsam über die Bewilligung der Förderanträge. Nachdem sie einige Einzelheiten besprochen hatten, sagte Drepung: »Das verdanken wir dir, Anna. Also vielen Dank.«
»Gern geschehen, aber eigentlich sollte der Dank nicht an mich gehen, sondern an die NSF.«
»Aber du hast uns gezeigt, wo es langgeht. Wir sind dir ganz dick etwas schuldig.«
Anna musste lachen.
»Was ist?«
»Nichts, du redest nur plötzlich wie Charlie. Als würdest du dir ständig Sportsendungen anschauen.«
»Ich sehe mir wirklich gern Basketball an.«
»Kein Problem. Fang nur nicht an, Rap zu hören, ja?«
»Du kennst mich doch. Ich mag eher Bollywood. Jedenfalls, du musst uns erlauben, dir zu danken. Wir würden euch gern zum Abendessen einladen.«
»Das wäre nett.«
»Und vielleicht möchtet ihr auch dabei sein, wenn unsere Tiger ankommen. Bei einer Überschwemmung sind vor Kurzem zwei Königstiger in der Nähe von Khembalung aus dem Wasser gerettet worden. Die Zeitungen in Indien nennen sie ›die schwimmenden Tiger‹. Demnächst werden sie vom National Zoo in Washington aufgenommen. Bei ihrer Ankunft wollen wir eine kleine Zeremonie abhalten.«
»Das klingt großartig. Die Jungs werden begeistert sein. Und außerdem …« Ihr war etwas eingefallen.
»Ja?«
»Vielleicht mögt ihr ja einmal die NSF besuchen und bei einem unserer Mittagstreffen einen Vortrag halten. Damit tätet ihr uns einen Gefallen. Auf die Art könnten wir mehr über die Lage in Khembalung erfahren. Und über eure Einstellung zur Wissenschaft und zum Leben insgesamt und so. Etwas in der Art jedenfalls. Glaubst du, wir könnten Rudra dafür gewinnen?«
»Ganz sicher. Es wäre schließlich eine großartige Gelegenheit.«
»Nun ja, das auch wieder nicht. Es ist Teil einer Serie von formlosen Vorträgen, die Aleesha organisiert. Aber ich stelle es mir interessant vor. Ich glaube, ein bisschen was von eurer Grundhaltung würde uns auch ganz guttun. Und ihr könntet uns von den Förderprogrammen berichten.«
»Ich bespreche es mit dem Rimpoche.«
»Gut! Ich sage Aleesha, sie soll sich bei euch melden.«
Danach arbeitete Anna weiter an ihrer Statistik. Bis sie sah, wie viel Uhr es war, und ihr einfiel, dass heute einer ihrer regelmäßigen Besuche in Nicks Mathekurs an der Schule anstand. »Ach, Scheiße.« Arbeitsunterlagen einpacken, Computer ausschalten, die Schultertasche mit den gekühlten Milchfläschchen greifen, und los. Runter in die Metro, im Sitzen noch etwas arbeiten, im vollen Zug der Roten Linie Richtung Shady Grove dann stehen; aussteigen, nach oben fahren und ein Taxi nehmen, damit sie es noch rechtzeitig schaffte.
Sie kam trotzdem ein wenig zu spät, stellte rasch ihre Sachen ab und widmete sich augenblicklich den Kindern. Nick war jetzt in der dritten Klasse, nahm in Mathematik aber an einem Kurs für Fortgeschrittene teil. Die Themen, die dort behandelt wurden, fand Anna für Kinder dieses Alters erstaunlich anspruchsvoll. Sie arbeitete gern mit ihnen. Dem Kurs gehörten achtundzwanzig Schüler an; die Lehrerin Mrs. Wilkins war dankbar für Annas Beistand.
Anna schlenderte von Gruppe zu Gruppe und half bei den mehrteiligen Rechenaufgaben aus Multiplikation, Division und Rundung. Als sie zu Nicks Gruppe kam, setzte sie sich neben ihm auf einen der kleinen Stühle, und einen Moment lang kämpften sie im Scherz um Ellbogenraum auf dem niedrigen runden Tisch.
»Also gut, Schluss jetzt, Nick. Zeig den anderen mal, wie du die nächste Aufgabe lösen willst.«
»Okay.« Er runzelte die Stirn auf eine Art, die ihren eigenen Gesichtsmuskeln sehr vertraut schien. »Neununddreißig geteilt durch zwei ergibt … neunzehneinhalb … auf zwanzig aufrunden …«
»Nein, nicht mittendrin runden.«
»Ach, komm schon, Mom.«
»Das macht man nicht.«
»Mom, du bist ein Pingelkopf!«
Ein alter Vorwurf, der alle in der Gruppe zum Kichern brachte.
»Das ist keine Pingelei«, widersprach Anna hartnäckig. »Der Unterschied ist wichtig.«
»Was, der zwischen neunzehneinhalb und zwanzig?
»Ja.« Über das allgemeine Gegacker hinweg. »Weil man nie mitten im Rechnen runden sollte, sonst werden die Ungenauigkeit bei den nächsten Schritten größer! Das ist eine ganz wichtige Regel!«
»Pingelkopf, Pingelkopf!«
Anna gab nach und setzte ihren bösen Blick auf, das eine Auge zugekniffen, das andere ganz schmal: ein Gesichtsausdruck, den sie einstudiert hatte, als sie auf der Highschool die Lady Bracknell in The Importance of Being Ernest gespielt hatte. Es brachte die Kinder unweigerlich zum Lachen. »Ich bin kein Pingelkopf«, knurrte sie. Schließlich kam Mrs. Wilkins herüber, lachte erst mit und mahnte sie dann zur Ruhe.
Nach der Schule gingen Anna und Nick zu Fuß nach Hause. Der halbstündige Heimweg gehörte zu den Alltagsritualen, die sie beide liebten – es war die einzige Zeit in der Woche, die sie zu zweit verbrachten. Am Schwimmbad vorbei, am Lebensmittelladen, ihre ruhige Nebenstraße entlang. Natürlich war es sehr warm, aber im Schatten ließ es sich aushalten. Sie plauderten über alles, was ihnen in den Sinn kam.
Schließlich betraten sie das Haus und damit die kühlere, aber auch wildere Welt von Joe und Charlie. Charlie war in der Küche und sang aus Leibeskräften, während er kochte, eine schräge Arie ohne Worte. Joe war im Wohnzimmer und ermordete Dinosaurier. Als sie hereinkamen, erstarrte er und dachte sichtlich darüber nach, wie er seinen Ärger über die lange Abwesenheit der treulosen Anna zum Ausdruck bringen sollte. Früher einmal war das ein echtes Gefühl gewesen; manchmal war er in Tränen ausgebrochen, sobald sie zur Tür hereinkam. Jetzt war es bloße Berechnung und beeindruckte Anna nicht im Geringsten.
Er schlug sich mit einem Compsognathus gegen die Stirn und ließ sich bäuchlings auf den Teppich fallen.
»Ach, komm schon, Joe«, sagte Anna, »stell dich nicht so an.« Sie knöpfte die Bluse auf. »Sonst kriegst du nichts zu trinken.«
Joe sprang augenblicklich auf, rannte zu ihr und umarmte sie.
»Na bitte«, sagte Anna. »Erpressung wirkt doch immer. Hi, Liebster!«, rief sie Charlie zu.
»Hi, Süße.« Charlie kam aus der Küche und gab ihr einen Kuss. Einen Moment lang hingen all ihre Jungs zugleich an ihr. Dann saugte Joe sich an ihrer Brust fest, und Charlie und Nick verschwanden in die Küche. Ab und zu rief Charlie ihr etwas zu, aber sie konnte nicht zurückrufen, ohne Joe zu verärgern, der sie dann vermutlich gebissen hätte. Also wartete sie, bis er satt war, und ging dann ebenfalls in die Küche.
»Wie war’s bei der Arbeit?«, fragte Charlie.
»Ich habe den ganzen Tag damit verbracht, einen Fehler in einer Statistik zu beheben.«
»Das ist doch nett.«
Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. »Ich hatte das gar nicht vor, aber ich konnte es einfach nicht ignorieren.«
»Das glaube ich gern.«
Er sagte es völlig ernst, aber sie boxte ihm trotzdem gegen den Arm. »Schlaumeier. Ist Bier im Kühlschrank?«
»Ich glaube, ja.«
Sie machte sich auf die Suche. »Es gab ein paar gute Neuigkeiten, hast du gesehen? Ich habe die Mail an dich weitergeleitet. Zwei Förderanträge der Khembalis sind bewilligt worden.«
»Wirklich? Das ist ja toll!« Er schnupperte an dem gelben Curry, das in der Pfanne köchelte.
»Ein neues Rezept?«
»Ja, aus der Zeitung.«
»Du bist aber vorsichtig, oder?«
Er grinste. »Ja, kein schwarzer Rotbarsch.«
»Schwarzer Rotbarsch?«, wiederholte Nick erschrocken.
»Keine Sorge, den würde selbst ich dir nicht zumuten.«
»Er will ja nicht, dass du Feuer fängst.«
»Hey, es stand so im Rezept. Genau so!«
»Ja und? Je ein Esslöffel schwarzer Pfeffer, weißer Pfeffer, Cayennepfeffer und Chilipulver?«
»Woher sollte ich wissen, wie das schmeckt?«
»Das fragst du noch? Du weißt doch wohl, wie ein Esslöffel schwarzer Pfeffer schmeckt, und das war ja noch die mildeste Zutat.«
»Ich wusste aber nicht, dass das alles am Fisch kleben würde.«
Nick war entsetzt. »Das hätte ich nie gegessen.«
»Ganz bestimmt nicht.« Anna lachte. »Ein Tropfen auf deiner Zunge, und du wärst in Flammen aufgegangen.«
»Das war aus einem Kochbuch.«
»Selbst am nächsten Tag haben mir noch die Augen gebrannt, wenn ich nur die Küche betreten habe.«
Charlie lachte und hielt Nick den Kochlöffel vor die Nase, nur um ihn zu erschrecken. In Wirklichkeit würzte er inzwischen recht sparsam. Das Curry würde bestimmt allen schmecken. Anna überließ ihn seinen Töpfen und kehrte zu Joe zurück.
Sie setzte sich entspannt aufs Sofa. Joe fing sofort an, ihr mit Bauklötzen auf die Knie zu klopfen und energisch zu plappern. Gleichzeitig redete Nick auf sie ein und erzählte ihr alles Mögliche. Sie musste ihm fast grob ins Wort fallen, um ihm von den »schwimmenden Tigern« zu berichten. Er nickte nur und redete weiter. Anna seufzte zufrieden und trank einen Schluck Bier. Wieder war ein Tag wie im Traum verflogen.
* * * * *
Eine neue Hitzewelle, die bisher schlimmste. Die Leute hatten auch vorher schon gedacht, es sei heiß, aber jetzt im Juli stieg die Temperatur in der Hauptstadt auf 40,5 Grad, bei einer Luftfeuchtigkeit von neunzig Prozent. Die Inder in Washington redeten voll Heimweh von Uttar Pradesh kurz vor dem Monsun. »Ja, genau so ist es in Delhi, oder vielmehr, so müsste es in Delhi sein, das wäre gut, viel besser, als was sie jetzt haben, sie warten verzweifelt auf den Monsun.«
In einem Artikel in der Washington Post las Charlie, dass aus der Schelfeisplatte im Rossmeer ein Stück herausgebrochen war. Es war halb so groß wie Frankreich. Die Meldung versteckte sich auf der letzten Seite der internationalen Nachrichten. Sie hatte einfach keinen Neuigkeitswert mehr: In der Antarktis lösten sich ständig irgendwelche Eisbrocken.
Nur war der Eisberg diesmal riesengroß. Ein paar Forscher hatten im Scherz behauptet, sie wollten sich auf ihm niederlassen und einen unabhängigen Staat ausrufen. In dem Eis war mehr Süßwasser gespeichert als in allen Großen Seen Nordamerikas zusammen. Und außerdem, erklärten die Forscher, konnte sich in dem betroffenen Bereich nun das schnell fließende Eis des Westantarktischen Eisschilds ungehindert vorwärtsbewegen. Dieser schnellere Zustrom von Eis würde gewaltige Auswirkungen haben. Der Westantarktische Eisschild war um vieles größer als die Schelfeisplatte im Rossmeer. Wenn dieses Eis ebenfalls abbrach, würde der Meeresspiegel möglicherweise in kurzer Zeit um mehrere Meter steigen.
Charlie konnte kaum glauben, dass so etwas auf einer der letzten Seiten der Washington Post berichtet wurde. Wie schnell würde das alles passieren? Das schienen die Forscher auch nicht zu wissen. Charlie suchte im Netz nach weiteren Informationen und stieß auf ein Video, in dem drei Wissenschaftler erklärten, dass sich der Vorgang beschleunigen könnte – wobei sie selbst auch immer schneller sprachen, wie um zu illustrieren, was sie meinten. Offenbar konnte es sehr schnell gehen.
In den Stimmen der Forscher schwang etwas von der unterdrückten Erregung mit, die Charlie auch von Anna kannte, wenn sie über irgendein außergewöhnliches statistisches Phänomen sprach, das er nicht einmal in Ansätzen begriff. Aber was diese Forscher sagen wollten, begriff er. Es bestand die reale Möglichkeit, dass der gesamte Westantarktische Eisschild in Stücke brechen und davonschwimmen würde. Jeder einzelne dieser gewaltigen Eisberge würde dabei Wasser verdrängen – so viel, dass der Meeresspiegel weltweit um bis zu sieben Meter ansteigen konnte. Die genaue Höhe hing von mehreren Variablen in ihren Modellrechnungen ab … immer weiter ging es, wie Wissenschaftler eben redeten.
Und das stand in der Zeitung auf der letzten Seite der internationalen Nachrichten! Sie schrieben darüber wie über jede andere Katastrophe. Für sie schien es bei solchen Bedrohungen keinerlei Abstufungen zu geben. Wenn es passierte, passierte es eben. So gingen die Leute damit um. Wobei sich die Khembalis sicherlich die allergrößten Sorgen machten. Und auch die anderen Länder, die der Liga versinkender Staaten angehörten. Eigentlich sollten sich alle Länder Sorgen machen. Ganz plötzlich hatte er ein klares Bild vor Augen, und was er sah, erschreckte ihn. Zwanzig Prozent der Menschheit lebte an den Küsten der Meere. Es fühlte sich an wie damals, als er im Winter eine Kurve zu schnell genommen hatte, weil er das Eis auf der Fahrbahn nicht bemerkt hatte. Von Reibung und Schwerkraft befreit hatte sich der Wagen vom Boden gelöst und war mit ihm davongeflogen, als würde er in eine andere Realität hinübergleiten …
Aber es wurde Zeit, in die Stadt zu fahren. Heute wollte er mit Joe ins Büro. Charlie riss sich zusammen und holte den Buggy hervor; so würden sie sich wenigstens nicht noch gegenseitig aufwärmen. Und das Leben musste schließlich weitergehen. Was sollte er auch sonst tun?
Also wagten sie sich ins Dampfbad hinaus. So viel heißer als in anderen Sommern kam es Charlie gar nicht vor; vielleicht nahm man Temperaturen oberhalb einer bestimmten Grenze nur noch ungenau wahr. Joe war im Buggy festgeschnallt wie ein NASCAR-Fahrer, damit er nicht im ungünstigsten Moment heraushüpfte. Ihm gefiel das natürlich überhaupt nicht, weshalb er den Buggy nicht leiden konnte, aber Charlie hatte die vordere Querstange mit Armaturen wie in einem Cockpit bestückt, was ihn halbwegs versöhnte. Jedenfalls hörte er bald auf zu brüllen und versuchte auch nicht mehr zu entkommen.
Sie fuhren mit der Metro zur National Mall und gingen von dort zu Fuß zu Phils Büro. Eine ausgemachte Dummheit: Die Luft über der Mall schien zu kochen. Wie üblich kommentierte Charlie das extreme Wetter im Stillen mit grimmiger Genugtuung: »Hab ich’s nicht gesagt?«
In Phils Büro fuhren sie zunächst von Zimmer zu Zimmer und suchten nach einer Stelle, wo sie möglichst viel von der kühlen Luft abbekamen, die aus den Deckengittern der Klimaanlage strömte. Alle anderen taten das Gleiche. Es war ein wenig wie in einem Technikmuseum im Experimentierfeld zur Corioliskraft.
Charlie gab Joe bei Evelyn ab, die ihn sehr liebte, und setzte sich an Phils Änderungswünsche zum Klimagesetz. Eigentlich genau der richtige Zeitpunkt für das neue Gesetz. Mehr Geld für Maßnahmen zur CO2-Reduktion. Neue Richtlinien zur Brennstoffeffizienz und genug Geld, um Detroit bei der Umstellung auf Wasserstoffantrieb, andere neue Brennstoffe und alternative Energiequellen zu unterstützen. Methoden zur CO2-Speicherung, Identifikation und Bereitstellung von CO2-Senken. Fördermittel und Austauschprämien für Techniken zur Wasserstoffgewinnung aus Kohlenwasserstoffen und Kohlenhydraten, für Geothermie, Gezeitenkraftwerke, Wellenkraftwerke. Geld für klimatologische Grundlagenforschung. Geld für EGRESS – Extreme Global Research in Emergency Salvation Strategies, ein weltweites Projekt zur Entwicklung von Rettungsmaßnahmen in extremen Notlagen – und Geld für GDIN – Global Disaster Information Network, ein globales Meldenetzwerk für Katastrophen. Eine stetig steigende CO2-Steuer. Und so weiter und so fort. Es war eine Grabbelkiste unterschiedlichster Förderprogramme, von denen man einigen deutlich ansah, dass sie dem Gesetz zusätzliche Stimmen einbringen sollten, aber Charlie hatte viel Mühe darauf verwendet, das Ganze zu strukturieren und ihm eine möglichst überzeugende Form zu geben: die eines Narrativs, das die nahe Zukunft beschrieb.
In Phils Büro waren viele der Meinung, dass es ein Fehler war, einen so umfassenden Gesetzentwurf durchbringen zu wollen, statt die Vorhaben einzeln oder in kleinen zusammengehörigen Gruppen bewilligen zu lassen. Aber Phil hatte sich für die Strategie des Gesamtpakets entschieden, und Charlie fand, dass er recht hatte. Er fügte die Änderungen ein, die Phil sich wünschte; alle betonten das Bild eines einheitlichen Ganzen. Sie mussten endlich richtig zuschlagen.
Irgendwann hörte er, wie Joe in Evelyns Zimmer zu toben begann: Der Knall, mit dem Dinosaurier gegen Wände prallten, war unverkennbar. Nun, all diese Sätze würden später ohnehin wieder zerhackt werden. Trotzdem wollte er sie so gut wie möglich gegen Angriffe absichern. Gesetzestexte funktionierten wie Korbleger beim Basketball: schnelle, unspektakuläre, unaufhaltsame Bewegungen in Richtung Ziel.
Er beendete sein Werk so rasch wie möglich. Mit dem überarbeiteten Entwurf in der Hand schob er Joe im Buggy in Phils Arbeitszimmer. Der Senator saß mit dem Rücken direkt vor einem Auslass der Klimaanlage.
»Himmel, Phil, wird Ihnen da nicht zu kalt?«
»Man muss nur darauf achten, dass man noch nicht verschwitzt ist, wenn man sich davorsetzt.« Er sah Charlies Neufassung durch und diskutierte mit ihm über mehrere Änderungen. Mittendrin blickte er auf. »Stimmt etwas nicht?« Er sah Joe an. »Joe geht es doch bestens.«
»Ich ärgere mich auch nicht über Joe, sondern über Sie. Über den gesamten Senat. Weil in dieser Situation etwas nötig wäre, das über das Übliche hinausgeht. Und das macht mir Sorgen, denn im Senat läuft immer nur das Übliche.«
»Nun ja …« Phil lächelte. »Wir nennen das Demokratie, mein Junge. Letzten Endes ist es etwas Gutes. Ein bisschen Geben und Nehmen, und schließlich einigen wir uns, wie es weitergehen soll. Sollen wir darauf etwa verzichten? Wenn Sie eine bessere Möglichkeit wissen, können Sie es mir gerne sagen. Aber bitte keine ›Wenn ich ein König wär‹-Phantasien. Wir haben keinen König, wir sind selbst zuständig. Also lassen Sie uns die Endversion so wasserdicht wie möglich gestalten.«
»Okay.«
Sie erledigten ihre Aufgabe mit der Schnelligkeit und Effizienz alter Teamgefährten. Manchmal machte die Zusammenarbeit wirklich Spaß; manchmal war es eher so, dass jeder seine Hälfte bearbeitete und beide Hälften zusammen dann etwas ergaben, das größer war als beide Teile.
Schließlich wurde Joe unruhig, und die einzige Methode, ihn im Buggy zu halten, war ein schneller Aufbruch und ein Spaziergang durch die Straßen. »Ich mache das noch fertig«, sagte Phil.
Und wieder hinaus in die überwältigende Hitze. Charlie war deutlich schneller geschafft als Joe. Die Welt ringsum schien zu schmelzen. Schlaff auf den Buggy gestützt schlurfte er dahin wie Gumby. Mit der Rolltreppe hinunter zur Metro. Klimaanlage, Gott sein Dank. Auf einen rosafarbenen Sitz fallen lassen. Während der Fahrt nach Norden, in sich zusammengesunken und mit dem Zug schwankend, unterhielt er Joe schläfrig damit, dass er Spielzeugfiguren aus dem Buggy fischte und sie Joe eine nach der anderen zeigte. »Die Schildkröte hier, das ist unsere Gesundheitsbehörde. Dein Frankenstein ist die FDA, für Essen und Arzneien und Drogen zuständig – sehr schlecht konstruiert, siehst du? Der kleine Maulwurf da ist Moms NSF. Die zwei hier sehen aus wie der Typ auf dem Monopoly-Karton, das müssen die beiden Kongresskammern sein, ja, genau, typisch korrupte Politiker. Wie bist du nur an die gekommen. Dein Gigant aus dem All ist natürlich das Pentagon, und die gelbe Planierraupe ist das Ingenieurskorps der Armee. Die Lupe ist der Rechnungshof, und das, was ist das denn, Barbie? Das kann nur das Amt für Haushaltswesen sein, dieser Club von dummen Tussen. Oder die sind Pinocchio. Und der Cowboy auf dem Pferd ist natürlich der Präsident, er ist dein Freund, er ist dein Freund.«
Inzwischen standen sie beide kurz davor einzuschlafen. Joe schubste die Spielzeugfiguren zu einem Haufen zusammen.
»Sei lieber vorsichtig, Joe. Oh, da ist ja dein Tiger. Das ist natürlich die Presse, es ist nämlich ein Zirkustiger, siehst du? Er hat ein Halsband. Vor dem muss niemand Angst haben. Obwohl, manchmal darf er schon jemanden fressen.«
Phil brachte das Klimagesetz erneut ins Komitee für Auswärtige Beziehungen ein, und das eigentliche Durcharbeiten begann. Wobei »Durcharbeiten« es völlig unzureichend beschrieb. »Tranchieren«, »Umschreiben«, »Zerlegen«, »Zerstückeln«, »Zertrampeln« – all das hätte es in Charlies Augen besser getroffen. Er durfte mitverfolgen, wie der Text des Gesetzes nach und nach auseinandergenommen wurde, bis nur noch eine Art gedankliche Wurst übrig blieb.
Ganze Teile des Gesetzes gingen bei diesem Kampf verloren. Winston stritt um jede einzelne Formulierung; ohne gewisse Zugeständnisse an ihn hätte sich überhaupt nichts mehr bewegt. Also keine Steigerung der Brennstoffeffizienz, keine Einführung von Vergleichsmaßstäben wie dem ökologischen Fußabdruck. Phil gab in diesen Punkten nach, weil Winston im Gegenzug versprach, er könne die Republikaner im Repräsentantenhaus dazu bewegen, der neuen Version zuzustimmen, und das Weiße Haus werde ihn ebenfalls unterstützen. Ein ganzer Satz von Messverfahren wurde somit für unzulässig erklärt; Anna würde verrückt werden. Noch so ein Fall, in dem Wissenschaft und Kapital aufeinanderprallen, dachte Charlie. Der Wissenschaft erging es dabei wie dem glücklosen Beaker aus der Muppet-Show, wenn er es mit dem rundköpfigen Zylinderträger vom Monopoly-Karton zu tun bekäme. Er bezog ständig Prügel.
Zwei Tage später las Charlie das Ergebnis in der Washington Post:
KOMITEE SPALTET KLIMA-SUPERGESETZ AUF
»Wie bitte?« Diese Möglichkeit war nie auch nur erwähnt worden. Sofort befahl er seinem Telefon, Roy anzurufen, während er zugleich den Artikel überflog:
Befürworter des Gesetzes erklärten, der Entwurf bleibe trotz der Kompromisse ein wirksames Instrument … Der Präsident hatte durchblicken lassen, dass er gegen das Gesamtpaket sein Veto einlegen würde … Teilgesetze werde er nach Einzelfallprüfung unterzeichnen …
»O Scheiße. Scheiße. Verdammt!«
»Das kannst nur du sein, Charlie.«
»Roy, was ist das denn für ein Mist, wann ist das passiert?«
»Gestern Abend. Hat es dir noch niemand gesagt?«
»Nein! Wie konnte Phil sich nur darauf einlassen!«
»Wir haben die Stimmen gezählt. Das Gesamtpaket hätte es nicht mal durchs Komitee geschafft. Und wenn doch, wäre es im Repräsentantenhaus gescheitert. Winston hat seine Zusage nicht einhalten können. Oder nicht einhalten wollen. Daraufhin hat Phil beschlossen, Ellingtons Gesetz zu alternativen Brennstoffen zu unterstützen und noch ein paar andere Ideen von Ellington im ersten Schwung der Teilgesetze unterzubringen.«
»Weil Ellington auf der Grundlage zustimmen wird.«
»Genau.«
»Ein Kuhhandel.«
»Das Gesamtpaket wäre durchgefallen.«
»Das könnt ihr doch gar nicht wissen! Sie hatten doch auch Speck auf ihrer Seite, sie hätten es zur Parteilinie erklären können! Wen interessiert es schon, was für eine Art Treibstoff wir verbrennen, wenn es auf der Welt sowieso längst zu heiß ist? Das wäre wichtig gewesen, Roy!«
»Es hätte nicht genug Stimmen bekommen«, erwiderte Roy, wobei er jedes Wort einzeln betonte. »Wir haben nachgezählt. Eine hätte gefehlt. Nachdem das einmal klar war, haben wir versucht, trotzdem möglichst viel zu erreichen. Du kennst doch Phil. Er ist ein Macher.«
»Solange es nicht zu schwierig wird.«
»Du bist anscheinend immer noch sauer. Dann rede selbst mit ihm, vielleicht erreichst du ja, dass er es beim nächsten Mal anders macht. Ich muss zu einer Sitzung.«
»Okay, vielleicht mache ich das wirklich.«
Und da er ohnehin wieder mit Joe in die Stadt wollte, hatte er auch Gelegenheit dazu. Während er in der Metro saß und Joes Schläge abwehrte, dachte er noch einmal gründlich nach, und sobald er den Buggy im zweiten Stock des Bürogebäudes aus dem Fahrstuhl manövriert hatte, begab er sich geradewegs zu Phil. Der saß heute, heiter und ungerührt, an einem Schreibtisch im vorderen Konferenzraum und hielt Hof.
Charlie ging mit der zusammengerollten Zeitung auf ihn los, woraufhin Phil theatralisch zusammenzuckte und abwehrend eine Hand hob. »Okay! Machen Sie mich fertig! Gleich hier auf der Stelle! Aber man hat mich dazu gezwungen!«
Offenbar sollte wieder einmal ein Streitgespräch vor vollem Haus daraus werden. Also feuerte Charlie ebenfalls aus allen Rohren. »Wie bitte? Sie sind eingeknickt, Phil! Sie haben alles hergeschenkt!«
Phil schüttelte heftig den Kopf. »Ich habe mehr gewonnen als verloren. Die Reduktion der CO2-Emissionen war sowieso schon beschlossene Sache, mehr hätten wir auf dem Gebiet …«
»Was soll denn das heißen!«
Jetzt kamen auch Andrea und einige andere aus ihren Zimmern. Selbst Evelyn schaute kurz vorbei, wenn auch mehr, um Joe zu begrüßen. Es war eine ihrer Standardnummern: Charlie warf Phil vor, dass er zu viele Kompromisse einging; Phil gab alles zu und versuchte zugleich, Charlie noch mehr zu reizen. Charlie, der das Muster natürlich erkannte, war trotzdem entschlossen, seine Argumente vorzubringen. Selbst wenn er dazu seine übliche Rolle spielen musste. Phil würde er nicht überzeugen können, aber vielleicht würden ihn seine Mitarbeiter beim nächsten Mal etwas stärker unter Druck setzen …
Er schlug mit der Washington Post nach Phil. »Wir hätten der Atmosphäre Milliarden Tonnen CO2 entziehen können, wenn Sie nicht die Flinte ins Korn geworfen hätten!«
Phil verzog das Gesicht. »Ich hätte die Flinte ja gern behalten, Charlie, aber dann hätten mir die anderen aus unserer wundervollen Partei damit ins Knie geschossen. Das Repräsentantenhaus hatten wir auch nicht an Bord. So haben wir wenigstens das Bestmögliche erreicht. Wir haben es durchs Komitee geschafft, verdammt! Das ist keine Kleinigkeit. Wir haben den Baustopp für Straßen in Waldgebieten durchbekommen, das Schutzgebiet in der Arktis und das Verbot der Offshore-Ölförderung. Alle drei. Der Präsident hat bereits versprochen, die Gesetze zu unterzeichnen.«
»Da hätten sie doch sowieso zugestimmt. Um das nicht durchzubekommen, hätten Sie schon sterben müssen. Aber in den wirklich wichtigen Punkten haben Sie nachgegeben.«
»Habe ich nicht.«
»Doch.«
»Nein.«
»Doch!«
Ja, auf diesem Niveau wurde hier diskutiert, im Büro eines der bedeutendsten Senatoren des Landes. Am Ende lief es zwischen ihnen immer auf das Gleiche hinaus.
Nur dass Charlie dieses Mal keinen Spaß daran hatte. »Wo haben Sie denn nicht nachgegeben«, sagte er frustriert.
»Bei den Wäldern, den Flüssen und dem Erdöl Nordamerikas!«
Das Grüppchen Zuhörer lachte. Für sie war das hier nur ein weiterer Debattierclub. Phil leckte seinen Zeigefinger an und markierte in der Luft einen Punkt für sich. Dann lächelte er Charlie an. Es war ein echtes Chase-Lächeln, frech und charmant.
Charlie blieb unversöhnlich. »Lassen Sie sich lieber noch ein paar U‑Boote bewilligen, sonst nützen Ihnen die Erfolge gar nichts.«
Auch das brachte die Zuhörer zum Lachen. Und Phil, immer noch lächelnd, markierte für Charlie ebenfalls einen Punkt.
Als Charlie mit Joe das Gebäude verließ, fluchte er noch einmal bitterlich. Joe reagierte auf seinen Tonfall, indem er sich ganz auf seine Umgebung und seine Dinosaurier konzentrierte. Je länger Charlie schwitzend den Buggy schob, desto mutloser fühlte er sich. Er wusste, dass er das Ganze zu ernst nahm, dass es einfach zu Phils Arbeitsstil gehörte, so zu tun, als wäre alles ein Spiel, bei dem es nicht schlimm war, wenn man einmal verlor. Aber er konnte nicht anders. Ihm war zumute, als hätte ihm jemand einen Tritt in die Magengrube verpasst.
Das kam nicht oft vor. Rückschläge gehörten in der Politik nun einmal zum Alltag, und meist fand er einen Weg, sich darüber hinwegzutrösten. Das Gute im Schlechten, der Silberstreifen am Horizont, wir werden uns rächen – irgendetwas half immer. Irgendein Tagtraum, in dem alles gut ausging. Aber wenn ihn doch einmal die Mutlosigkeit überfiel, traf sie ihn mit ungewohnter Kraft. Dann erfasste sie alles, und er fand nicht wieder heraus. Er sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, konnte nirgendwo noch etwas Gutes erkennen, der Himmel war bis zum Horizont pechschwarz. Alles war schlecht! Schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht.
Er schob den Buggy in den Fahrstuhl zur Metro und fuhr mit Joe nach unten. Stieg mit ihm ein, fuhr nach Bethesda, stieg mit ihm aus, alles so teilnahmslos wie ein Zombie. Schlecht, schlecht, schlecht. Der Sartre’sche Ekel, ausgelöst durch einen plötzlichen Blick auf die Wirklichkeit: Wie furchtbar, dass das wahre Gesicht der Realität so schrecklich anzusehen war. Die heiße Luft im Fahrstuhl ließ sich kaum atmen. Alles war viel zu schwer.
Raus aus dem Fahrstuhl, auf die Wisconsin Avenue. Wie trist Bethesda doch war. Eine beliebige Ansammlung von Bürogebäuden und Wohnhäusern, so ausgerichtet, dass der Verkehr ungehindert hindurchdonnern konnte. Eine Autopie. Menschenfeindlich und lächerlich. Man könnte meinen, man wäre in Orange County.
Er schleppte sich den Gehweg entlang nach Hause. Öffnete die Vordertür. Die Fliegengittertür fiel mit einem vertrauten Klacken hinter ihm zu.
Aus der Küche: »Hallo, Schatz!«
»Hi, Dad!«
Es war der Wochentag, an dem Anna und Nick zusammen von der Schule nach Hause kamen.
»Mama Mama Mama!«
»Hi, Joe!«
Zuflucht. »Hallo, Leute«, sagte Charlie. »Wir brauchen ein Ruderboot. Wir stellen es in die Garage.«
»Cool!«
Anna hörte ihm an, dass etwas nicht stimmte. Sie kam aus der Küche, einen Schneebesen in der Hand, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Hmm«, machte er. Es war fast ein Schnurren.
»Was ist los, Schatz?«
»Ach, einfach alles.«
»Du Ärmster.«
Charlie fühlte sich schon etwas besser. Er befreite Joe aus dem Buggy, und sie folgten Anna in die Küche. Während Anna Joe hochhob, ihn sich auf die Hüfte setzte und sich dann wieder dem Kochen zuwandte, ordnete Charlie seine Gedanken. Er wollte ihr die Geschichte mit aller gebührenden Dramatik erzählen.
Nachdem er zu Ende berichtet und noch etwas geschimpft und dabei ein Bier getrunken hatte, sagte Anna: »Ihr müsstet einen Weg finden, den politischen Entscheidungsprozess zu umgehen.«
»Wow, Mädchen. Ich weiß gar nicht, ob ich hören will, was du damit meinst.«
»Ich weiß ja selbst nicht, was ich meine.«
»Eine Revolution, ja?«
»Ganz bestimmt nicht.«
»Eine vollkommen gewaltlose, erfolgreiche, positive Revolution?«
»Das klingt gut.«
Nick erschien in der offenen Tür. »Hey, Dad, hast du Lust auf Baseball?«
»Klar doch. Gute Idee.«
Dieser Vorschlag kam gewöhnlich eher von Charlie als von Nick. Was bedeutete, dass Nick seinem Vater etwas Gutes tun wollte, und allein dadurch schon besserte sich seine Stimmung. Sie gingen in den schwülwarmen Garten hinter dem Haus und spielten unter den blicklosen Augen der Menschen in dem vielfenstrigen Wohnblock Baseball. Nick stand vor der Hauswand und schlug mit einem langen Plastikschläger nach den Wifflebällen, die Charlie ihm zuwarf. Charlie versuchte die Bälle wieder zu fangen. Sie hatten ungefähr ein Dutzend davon. Wenn alle auf dem abschüssigen Rasen verstreut lagen, sammelten sie sie wieder ein und fingen von vorn an. Oder aber sie tauschten die Rollen. Wifflebälle waren super: Sie gaben ein sehr befriedigendes Surren von sich, wenn sie nach dem Zuschlagen davonflogen, aber wenn man von einem getroffen wurde – was Charlie oft passierte –, tat es nicht weh. Hin und her, schwitzend und lachend, während es allmählich dunkel wurde. Einen Wiffleball geradeaus zu werfen, war gar nicht so einfach.
Charlie zog sich das Hemd aus. »Okay, nächster Wurf. Sandy Koufax in der Windup-Position, Rainbow-Curveball! Hey, wieso schlägst du nicht?«
»Ball, Dad. Er ist vor mir aufgeprallt.«
»Okay, neuer Versuch. O Himmel.«
»Warum sagst du ›Himmel‹, Dad?«
»Lange Geschichte. Okay, der nächste. Wieso schlägst du nicht?«
»Ball!«
»Aber nur ganz knapp. Mit Walks allein kommst du nicht weit, Mann.«
»Das Klebeband da an der Hauswand markiert die Strike-Zone, Dad. Wirf einfach so, dass du sie triffst, dann schlag ich auch.«
»Das war ein blöder Einfall. Okay, los geht’s. Oooh, sehr schön. Und der nächste. He, schlag doch endlich mal!«
»Der war hinter meinem Rücken.«
»Beidhändig schlagen sollte jeder können.«
»Wirf einfach Strikes!«
»Versuch ich ja. Okay, hier kommt einer, Bumm! Sehr gut. Homerun. Super. Oh oh, hast du gesehen? Der ist im Baum hängen geblieben.«
»Wir haben auch so genug.«
»Stimmt, aber warte mal. Wenn ich auf den Ast da steige … Gib mir mal kurz deinen Schläger. Ich hole ihn schnell runter, bevor wir vergessen, wo er geblieben ist.«
Charlie kletterte ein kleines Stück den Baum hinauf, fand sein Gleichgewicht, schob Laub zur Seite, schlang den freien Arm um den Stamm und stieß den Ball mit Nicks Schläger aus dem Baum.
»Da hast du ihn!«
»Hey, Dad, was ist denn das für eine Kletterpflanze da im Baum? Ist das nicht Giftsumach?«
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
