6 | Wissenschaft und Kapital

von Kim Stanley Robinson

Heutzutage benut­zen die Ozeanographen unbe­mannte Unterwasserfahrzeuge zur Erforschung der Meere, wes­halb sie inzwi­schen über fast ebenso viele Daten ver­fü­gen wie die Meteorologen. Unter ande­rem beob­ach­ten sie eine tiefe Schicht aus warmem Wasser, das vom Atlantik ins Nordpolarmeer geströmt ist (ALTEX, das Atlantic Layer Tracking Experiment).

Noch hilf­rei­cher sind jedoch die Wale. Frei lebende Belugawale wurden mit Sensoren bestückt, die Temperatur, Salzgehalt und Nitratgehalt des Wassers messen sowie über einen GPS-Empfänger und einen Tiefenmesser ver­fü­gen. Während die Wale also durch die blauen Weiten der Meere schwim­men, mal hin­un­ter bis ins licht­lose Dunkel, dann wieder hinauf zur Oberfläche, lie­fern sie unab­läs­sig Daten: Casper the Friendly Ghost, Whitey Ford, The Woman in White, Moby Dick und viele andere. Getrieben von ihren eige­nen Bedürfnissen durch­que­ren sie, geschmei­dig und schnell, unauf­hör­lich ihr rie­si­ges Territorium, drin­gen bis in große Tiefe vor, blasse Schemen im blauen Schwarz – und stei­gen wieder nach oben, um Luft zu holen. Unsere Verwandten. Belugawale helfen uns, die Welt zu ver­ste­hen. Und aus den Daten, die sie sam­meln, geht klar hervor, dass sich die Schicht aus warmem Atlantikwasser abschwächt. Weshalb der Golfstrom lang­sa­mer wird.

* * * * *

Da er bei seiner Rückkehr im Herbst eine Unterkunft brau­chen würde, stu­dierte er die Immobilienanzeigen in der Zeitung, aber das Ergebnis war ent­mu­ti­gend. Vermutlich würde er zunächst eine Wohnung mieten und dann in grö­ße­rer Ruhe nach pas­sen­den Kaufangeboten suchen müssen. Ein Haus zu finden, das ihm gefiel und das er sich auch lei­sten konnte, würde offen­bar schwie­rig sein, wenn nicht sogar unmög­lich. Um seine Finanzen stand es nicht allzu gut, und für ein Haus im Norden San Diegos brauchte man heut­zu­tage ein beacht­li­ches Einkommen. Marta und er hatten damals einen Bungalow in Cardiff gekauft, der für zwei Personen ideal war, aber nach der Trennung hatten sie ihn ver­kauft, was die Spannungen zwi­schen ihnen noch ver­schärft hatte. Inzwischen waren die Häuser in der Gegend so teuer, dass ein ein­fa­cher Professor sie gar nicht mehr bezah­len konnte. Er würde drin­gend ein Zusatzeinkommen brau­chen.

Also sah er sich einige Mietwohnungen in North County an und ver­brachte die Nachmittage in seinem leeren Büro auf dem Campus. Unter ande­rem traf er sich mit zwei Postdocs, die weiter für ihn arbei­te­ten, und besprach mit dem Vorsitzenden des Fachbereichs, welche Kurse er im Herbst anbie­ten sollte. Alles sehr lästig.

Wirklich ärger­lich wurde das Ganze, als er in seinem Postfach am Fachbereich ein Schreiben der uni­ver­si­tä­ren Dienststelle für Technologietransfer vor­fand. Sofort beschleu­nigte sich sein Puls. Er riss den Umschlag auf, über­flog den Inhalt und griff zum Telefon.

»Hi, Delphina, hier ist Frank Vanderwal. Ich habe gerade einen Brief von Ihrer Finanzaufsicht bekom­men, können Sie mir ver­ra­ten, worum es da geht?«

»Hallo, Dr. Vanderwal. Ich schaue mal nach … Die Einkommensaufsicht für Fakultätsangehörige bittet Sie um Auskunft zu Ihren Einnahmen aus Aktien der Firma Torrey Pines Generique. Alles über zwei­tau­send Dollar im Jahr muss gemel­det werden, und die haben nichts von Ihnen gehört.«

»Weil ich dieses Jahr bei der NSF bin. Meine Aktien liegen in einem Blind Trust, ich habe gar keinen Einblick.«

»Ach, rich­tig. Eigentlich … Eine Sekunde. Da haben wir es. Eigentlich müss­ten die das wissen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Ich sehe mir gerade das ent­spre­chende Memo an … Aha. Die haben erfah­ren, dass Sie nach Ihrer Rückkehr wieder für Torrey Pines arbei­ten wollen, und …«

»Wie bitte? Wie zum Teufel wollen die das erfah­ren haben?«

»Das weiß ich auch nicht …«

»Es stimmt näm­lich nicht! Ich habe mich zwar mit ein paar Bekannten bei Torrey Pines unter­hal­ten, aber das war alles privat. Wie sollen die davon erfah­ren haben?«

»Wie gesagt, ich weiß es nicht.« Offenbar fand sie seine empörte Reaktion all­mäh­lich anstren­gend. Vermutlich bekam sie es bei der Arbeit öfter mit auf­ge­brach­ten Anrufern zu tun.

»Aber hören Sie mal, Delphina, das haben wir doch alles längst bespro­chen. Damals, als ich Torrey Pines mit­ge­grün­det habe. Ich habe das noch gut im Kopf. Fakultätsmitglieder dürfen bis zu zwan­zig Prozent ihrer Arbeitszeit auf externe Beratertätigkeiten ver­wen­den. Was ich dabei ver­diene, gehört mir, ich muss es nur melden. Also selbst wenn ich wieder für Torrey Pines arbei­ten wollte, was wäre dage­gen ein­zu­wen­den? Ich würde nicht dem Vorstand ange­hö­ren und auch nicht mehr als zwan­zig Prozent meiner Arbeitszeit darauf ver­wen­den!«

»Das ist gut …«

»Außerdem spielt sich die meiste Arbeit sowieso in meinem Kopf ab, wie wollen Sie da je fest­stel­len können, ob ich nicht doch mehr Stunden inve­stiere? Wollen Sie meine Gedanken lesen?«

Delphina seufzte. »Natürlich nicht. Letzten Endes ver­las­sen wir uns auf Ihr Wort. Selbstverständlich. Aber wenn uns bei den Meldungen etwas auf­fällt, fragen wir nach. Um die Betreffenden an die Vorschriften zu erin­nern.«

»Das war hof­fent­lich nicht als Andeutung gemeint. Erklären Sie Ihrer Kommission, was mit meinen Aktien los ist, und sagen Sie ihnen, sie sollen sich erst mal infor­mie­ren, bevor sie die Leute belä­sti­gen.«

»Ist gut. Tut mir leid.« Sehr beküm­mert schien sie aller­dings nicht.

Frank machte einen Spaziergang auf dem Campus. Normalerweise beru­higte ihn das, aber jetzt war er zu auf­ge­bracht. Wer hatte der Finanzaufsicht gesagt, dass er dem­nächst wieder für Torrey Pines arbei­ten würde? Und warum? Ob jemand von Torrey Pines bei der Kommission ange­ru­fen hatte? Der Einzige, der wirk­lich Bescheid wusste, war Derek, und er würde das nie­mals tun. Vermutlich hatte es sich ein­fach her­um­ge­spro­chen. Oder jemand hatte es nach seinem Besuch dort erra­ten. Seitdem waren zwar erst wenige Tage ver­gan­gen, aber für einen Anruf bei der Aufsicht war das Zeit genug. Sam Houston viel­leicht? Weil er den Job als wis­sen­schaft­li­cher Berater behal­ten wollte?

Oder Marta?

Ein beun­ru­hi­gen­der Gedanke, dass solche Machenschaften im Spiel sein könn­ten. Auf einmal sehnte er sich nach Washington zurück. Was ihn erschreckte, denn in D. C. zählte er nor­ma­ler­weise die Tage, bis er nach San Diego zurück­keh­ren konnte. Zu seinem rich­ti­gen Leben. Aber es ließ sich nicht leug­nen: Im Augenblick war er in San Diego und sehnte sich nach D. C. Irgendetwas lief hier falsch.

Zum Teil lag es sicher­lich daran, dass er noch gar nicht rich­tig zu seinem gewohn­ten Leben zurück­ge­kehrt war, son­dern nur zu einer Art Vorschau. Er hatte kein Zuhause und war auch nicht in den Unibetrieb ein­ge­bun­den. Es gab wenig zu tun. Er trö­delte viel herum, so wie jetzt. Und das passte nicht zu ihm.

Okay – was würde er mit seiner freien Zeit anfan­gen, wenn er hier lebte?

Er würde surfen gehen.

Gute Idee. Sein gesam­ter Besitz war in einem Lagerraum in Encinitas unter­ge­stellt. Er fuhr hin, lud seine Surfausrüstung ins Auto und steu­erte den Parkplatz bei Cardiff Reef an, am Südende von Cardiff-by-the-Sea. Während er seinen Nassanzug (der ihm all­mäh­lich zu eng wurde) anlegte, beob­ach­tete er das Meer. Es war Ebbe, und das Abfließen des Wassers in Verbindung mit einer Südströmung brachte recht gute Wellen hervor, die sich am äuße­ren Riff bra­chen. Dort hatte sich bereits ein Grüppchen von Surfern und Bodyboardern ver­sam­melt.

Hochzufrieden watete Frank ins Wasser hinaus. Für Hochsommer war es recht kalt. Das sagten alle: So warm wie früher wurde es ein­fach nicht mehr. Trotzdem fühlte es sich gut an. Er rannte los, tauchte unter der näch­sten Welle hin­durch und juchzte laut, als er wieder an die Oberfläche kam. Dann setzte er sich ins Wasser, zog die Füßlinge an, befe­stigte die Brettleine an seinem Knöchel und pad­delte los. Das Meerwasser schmeckte nach Heimat.

Cardiff Reef war ihm zutiefst ver­traut, und nichts hatte sich ver­än­dert. Außer dass er früher oft mit Marta hier gewe­sen war, aber das spielte keine Rolle. Diese Wellen würde es immer geben, und sie würden sich immer auf diese Weise am Riff bre­chen, wie ein alter Freund, der stets das Gleiche sagte. Dies war sein Zuhause, es war der eigent­li­che Grund, wes­halb er sich in San Diego hei­misch fühlte. Nicht wegen der Menschen oder der Arbeit oder der unbe­zahl­ba­ren Eigenheime, son­dern wegen dieser Stunden drau­ßen im Meer. In seiner Jugend war Surfen für ihn viele Jahre lang das Wichtigste über­haupt gewe­sen, alles andere war dage­gen ver­blasst. Jedenfalls bis er das Klettern ent­deckt hatte.

Während er anpad­delte, ins Gleiten kam, meh­rere eksta­ti­sche Sekunden lang auf einer der linken Wellen ritt und zum Line-up zurück­kehrte, fragte er sich wieder einmal, wie ein Mensch sich in Salzwasser derart wohl­füh­len konnte. Diese Freude daran, von einer Welle davon­ge­tra­gen zu werden, musste einen evo­lu­tio­nä­ren Ursprung haben. Aber egal, auf jeden Fall machte es Spaß. Er fühlte sich schon viel besser.

Dann war es Zeit auf­zu­hö­ren.

Er ritt noch eine letzte Welle, aber lenkte das Brett nicht hinter den Kamm, sobald er lang­sa­mer wurde, son­dern ließ sich bis zum Ufer tragen.

Dort blieb er im fla­chen Wasser liegen, wo ihn die zischende, schäu­mende Brandung umspülte. Vor und zurück, vor und zurück. Das Meer strei­chelte ihn.

»Alles in Ordnung?«

Er hob ruck­ar­tig den Kopf. Marta, offen­bar auf dem Weg zum Riff.

»Hi. Ja, alles okay.«

»Was machst du hier? Schleichst du mir nach?«

»Nein.« Und weil ihm bewusst wurde, dass sie viel­leicht nicht völlig unrecht hatte: »Nein!«

Sie sahen sich an, beide ver­är­gert.

»Ich war ein­fach surfen«, sagte er in ange­spann­tem Tonfall. »Es gibt keinen Grund, so etwas zu behaup­ten.«

»Ach nein? Und warum hast du mich dann neu­lich zum Essen ein­ge­la­den?«

»Das war ein Fehler. Wie man sieht. Ich dachte, es wäre ganz gut, wenn wir uns mal unter­hal­ten.«

»Letztes Jahr viel­leicht. Aber da hast du nichts davon wissen wollen. Du hast dich sogar zur NSF ver­drückt, nur um nicht mit mir reden zu müssen. Jetzt ist es zu spät. Also lass mich in Ruhe, Frank.«

»Tue ich ja!«

»Lass mich in Ruhe.«

Sie wandte sich ab, rannte in die Brandung hinaus, warf sich aufs Brett und pad­delte mit aller Kraft davon. Als sie weit genug drau­ßen war, setzte sie sich auf und balan­cierte sich aus, den Blick aufs Meer gerich­tet.

Frauen sahen in Nassanzügen völlig anders aus, fand Frank. Nicht nur aus den offen­sicht­li­chen Gründen; man bemerkte auch sonst viele kleine Unterschiede im Körperbau. Er selbst konnte das Geschlecht eines Surfers noch aus größ­ter Ferne erken­nen. Jeder Surfer konnte das.

Und was folgte nun aus dem Ganzen? Dass er einer Frau ver­fal­len war, die ihn ver­ab­scheute? Dass er die wich­tig­ste Beziehung seinen Lebens in den Sand gesetzt hatte, seine größte Chance auf erfolg­rei­che Fortpflanzung? Dass der Sexualdimorphismus bei diesem Drang, sich fort­zu­pflan­zen, eine ent­schei­dende Rolle spielte? Dass er ein Sklave seiner Spermien war, und ein Idiot oben­drein?

Alles rich­tig.

Seine gute Laune war jeden­falls rui­niert. Er stand auf, zog die Füßlinge und den Nassanzug aus und trock­nete sich beim Mietwagen ab. Dann fuhr er zum Lagerraum, ver­staute die Ausrüstung und kehrte ins Hotel zurück. Dort duschte er, checkte aus und fuhr über die Küstenstraße zum Flughafen. Er fühlte sich wie im Exil. Und das in hei­mi­schen Gefilden.

Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Er gab den Wagen ab und bestieg das Flugzeug nach Dallas. Während er auf seinen Anschlussflug war­tete, schien es ihm, als würde ganz Amerika an ihm vor­bei­spa­zie­ren. Wie konn­ten diese Leute nur so gelas­sen vor sich hin­le­ben, wäh­rend die Welt auf eine glo­bale Umweltkrise zusteu­erte? Sie muss­ten Meister im Verdrängen sein. Meister im Ausfiltern unlieb­sa­mer Informationen. Bestimmt gingen viele von ihnen jeden Sonntag in die Kirche. Sie glaub­ten an Gott, wähl­ten die Republikaner, ver­trö­del­ten ihre Zeit mit Einkaufen und Fernsehen. Dabei waren es lauter nette Menschen. Der Erde war nicht zu helfen.

Im Flugzeug spürte er diesen Ärger und Abscheu nur noch deut­li­cher. Vieles davon rich­tete sich jetzt gegen die NSF. Die tat schließ­lich nichts, was irgend­wie helfen würde. Er packte den Laptop aus, schal­tete ihn ein und legte ein neues Dokument an. Dann fing er an zu schrei­ben.

Kritik der NSF, erster Entwurf. An Diane Chang, privat.

Die NSF wurde gegrün­det, um wis­sen­schaft­li­che Grundlagenforschung zu för­dern, und nach all­ge­mei­ner Einschätzung erfüllt sie diese Aufgabe sehr gut. Ihr Etat umfasst jedoch nie mehr als zehn Milliarden Dollar pro Jahr, ver­gli­chen mit einem Wirtschaftsvolumen von rund zehn Billionen. Beim jet­zi­gen Stand der Dinge ist zu befürch­ten, dass die NSF ein­fach zu klein ist, um Wesentliches zu bewir­ken.

Derweil über­schrei­tet die Menschheit die öko­lo­gi­sche Tragfähigkeit unse­res Planeten und schä­digt die Biosphäre. Einer sol­chen Herausforderung ist die gegen­wär­tige neo­li­be­rale Wirtschaftsform nicht gewach­sen; sie dient im Gegenteil eher dazu, die Situation durch das unge­recht­fer­tigte Auslagern von Kosten zu ver­schlei­ern. Die ame­ri­ka­ni­sche Wirtschaft wird sich auch dann noch um ihre vier­tel­jähr­li­chen Gewinn- und Verlustrechnungen sorgen, wenn die Erde mit einem anthro­po­ge­nen Untergangsszenario kon­fron­tiert ist, was inner­halb der näch­sten zwan­zig Jahre mit Sicherheit ein­tre­ten wird. Die Methoden der Ökonomie eignen sich nicht für den Umgang mit Katastrophen. Doch auch Politik und Wissenschaft lie­fern keine Lösungsansätze. Vielmehr ori­en­tie­ren sich beide eben­falls an neo­li­be­ra­len Grundsätzen, obwohl es sich dabei offen­sicht­lich um eine Pseudowissenschaft han­delt. Ebenso gut könn­ten wir uns von Astrologen leiten lassen. Allen an der NSF ist die Lage bewusst, aber nie­mand unter­nimmt etwas. Es gibt weder den Versuch, Maßnahmen zum Schutz der Biosphäre zu initi­ie­ren, noch einen Ruf nach Projekten zur Abmilderung der Folgen. Man sitzt ein­fach da und wartet ab, welche Impulse von außen kommen. Eine lächer­lich pas­sive Haltung.

Sie fragen, was der Grund für diese Passivität ist? Feigheit! Die NSF ist ein feiges Huhn, das Vogel Strauß spielt und seinen klugen klei­nen Kopf in den Sand steckt. Sie hat Angst davor, sich mit dem Kongress anzu­le­gen, mit der Wirtschaft, mit dem Volk der Vereinigten Staaten von Amerika. Während uns die Fundamentalisten der freien Marktwirtschaft in einen trost­lo­sen, ewig wäh­ren­den Feudalismus zurück­be­för­dern und dabei alles zer­stö­ren. Dabei haben wir längst die tech­ni­schen Möglichkeiten, jeden auf der Erde mit Nahrung, Obdach, Kleidung, ärzt­li­chem Beistand und Bildung zu ver­sor­gen. Wir ver­fü­gen über die Fähigkeit, Leid und Elend zu been­den und einen öko­lo­gi­schen Kollaps zu ver­hin­dern – aber die NSF ver­teilt weiter häpp­chen­weise ihre Fördergelder, sie spielt auf der Geige, wäh­rend Rom in Flammen steht!

Vermutlich denken Sie jetzt: Kann ja sein, aber ist nicht zu ändern; und viel­leicht glau­ben Sie auch, dass der arme Frank Vanderwal in seinem Jahr in den Sümpfen ver­rückt gewor­den ist. Was auch stimmt. Aber recht habe ich trotz­dem. Die Welt steckt in großen Schwierigkeiten, und die NSF gehört zu den weni­gen Organisationen auf der Erde, die ihr helfen könn­ten, aber sie unter­nimmt nichts. Sie sollte die glo­bale Wissenschaftspolitik bestim­men, sie sollte den Schutz von Klima und Biosphäre erzwin­gen, als unver­zicht­bare Notmaßnahme. Sie müsste den Kongress so gna­den­los bear­bei­ten, wie es die ver­dammte National Rifle Association tut, um end­lich ein ange­mes­se­nes Budget zu bekom­men, ein viel grö­ße­res näm­lich, es müsste so groß wie das des Pentagon sein, oder noch besser, das Größenverhältnis sollte umkehrt werden, dann hätten beide end­lich, was ihnen zusteht, aber nichts davon wird je pas­sie­ren, und das ist der Grund, warum ich nicht bleibe und warum nie­mand bei der NSF blei­ben sollte

Das Flugzeug hatte mit dem Sinkflug begon­nen.

Nun ja, das Ganze musste natür­lich noch über­ar­bei­tet werden. Die Metaphern zum Beispiel: Entweder die NSF war ein Huhn, oder sie war ein Strauss, beides zugleich ging nicht. Aber das ließ sich ändern. Immerhin hatte er jetzt einen ersten Entwurf. Er würde ihn später noch einmal gründ­lich durch­ge­hen und ihn dann Diane Chang über­ge­ben, der Leiterin der NSF. In der schwa­chen Hoffnung, dass es sie auf­rüt­telte.

Das Flugzeug zog eine Schleife und steu­erte den Ronald Reagan Airport an. Nicht mehr lange, dann war er zurück in seinem öden gegen­wär­ti­gen Leben. Zurück im Sumpf.

* * * * *

In Leos Labor fanden unter­des­sen die ersten Testläufe mit Pierzinskis Algorithmus statt. Zugleich expe­ri­men­tier­ten sie weiter mit der Methode der »schnel­len hydro­dy­na­mi­schen Insertion«, wie sie das Verfahren in den Artikeln, die sie vor­be­rei­te­ten, neu­er­dings nann­ten. Mit dem Problem des Gentransfers waren viele Labors beschäf­tigt, aber ihr Verfahren galt all­ge­mein als eines der aus­sichts­reich­sten. Ein schlech­tes Zeichen.

Jedenfalls waren sie an beiden Forschungsfronten inten­siv beschäf­tigt, sodass sie zunächst kaum Notiz von den Ergebnissen nahmen, die eine Kollegin von Marta mit Pierzinskis Verfahren erzielte. Marta hatte in ihrer Doktorarbeit bestimmte Algenarten unter­sucht und ver­öf­fent­lichte auch jetzt noch gele­gent­lich Artikel dazu, gemein­sam mit einer Postdoc namens Eleanor Dufours. Leo war Eleanor einmal begeg­net; danach hatte er ihre Veröffentlichungen gele­sen und war beein­druckt gewe­sen. Eleanor hatte durch Marta von Pierzinskis Algorithmus erfah­ren und begon­nen, mit einer Variante davon zu arbei­ten. Wie Marta berich­tete, mit gutem Ergebnis. Da Leo hoffte, dass seine Gruppe etwas daraus lernen konnte, lud er Eleanor ein, ihnen bei einem Mittagstreffen davon zu berich­ten.

»Wir inter­es­sie­ren uns für die Algen in bestimm­ten Flechtenarten«, sagte Eleanor in ihrem Vortrag. Sie sprach ruhig und eher leise, völlig anders als Marta. »Flechten sind bekannt­lich Partnerschaften von Algen und Pilzen, und DNA-Vergleiche haben erge­ben, dass manche von ihnen schon sehr alt sind. Bei einer der älte­sten, Cornicularia cor­nuta, haben wir nun die Algenkomponente gene­tisch ver­än­dert. Diese Flechte wächst an Bäumen und dringt dabei erstaun­lich tief ins Holz ein. Wir glau­ben, dass die Flechte den Bäumen nützt, indem sie ihren Hormonhaushalt regu­liert und wäh­rend der Vegetationsperiode den Ligninaufbau för­dert.«

Als Nächstes sprach sie die Möglichkeit an, den Metabolismus der Bäume zu beschleu­ni­gen. »Dazu haben wir in letz­ter Zeit auch die Algorithmen ein­ge­setzt, die wir über Marta bekom­men haben. Wir ver­su­chen Algen zu erzeu­gen, die als Symbiont in den Flechten einen schnel­le­ren Ligninaufbau in den Bäumen bewir­ken.«

Die Evolution steu­ern, dachte Leo. Natürlich mach­ten sie in seinem Labor letzt­lich das Gleiche, aber bisher hatte er es selten so betrach­tet. Genau dazu brauchte man diesen Blick von außen: um Abstand zur eige­nen Arbeit zu gewin­nen und besser zu erken­nen, was man da eigent­lich tat.

»Warum wollt ihr den Ligninaufbau denn beschleu­ni­gen?«, fragte Brian. »Wozu wäre das gut?«

»Wir hoffen, dass das Verfahren als Kohlenstoffsenke dienen kann.«

»Inwiefern?«

»Nun, wie Sie alle wissen, wird der­zeit viel dar­über nach­ge­dacht, wie man der Atmosphäre das CO2, das wir frei­set­zen, wieder ent­zie­hen kann, indem man es in irgend­ei­ner Form von Kohlenstoffsenke ein­la­gert. Aber bisher sieht keine Methode beson­ders viel­ver­spre­chend aus. Einer der Vorschläge ist seit Langem, das Wachstum von Pflanzen zu beschleu­ni­gen, aber mei­stens ist dabei von kurz­le­bi­gen Pflanzen die Rede, die das CO2 beim Verrotten natür­lich gleich wieder frei­set­zen. Man müsste also schon sehr viele sehr tiefe Torfmoore anle­gen. Ansonsten sind kleine Pflanzen als CO2-Speicher ein­fach nicht gut geeig­net.«

Die Zuhörer nick­ten.

»Bäume dage­gen haben seit meh­re­ren hun­dert Millionen Jahren Übung darin, sich nicht von Mikroben zer­set­zen und in gas­för­mige Komponenten zer­le­gen zu lassen. Eine der Möglichkeiten wäre also, grö­ßere Bäume zu züch­ten, aber das hat sich als gar nicht so ein­fach erwie­sen.« Sie griff nach einem Rotstift und skiz­zierte auf dem Whiteboard einen Baum mit­samt dem zuge­hö­ri­gen Erdboden. Es sah aus wie die Zeichnung einer Fünfjährigen. »Tut mir leid. Jedenfalls, die mei­sten Bäume können aus phy­si­ka­li­schen Gründen gar nicht größer werden, wegen der Bodenbeschaffenheit oder der Windstärke. Man müsste sie also ent­we­der dicker machen oder dazu bekom­men, dass sie dich­tere Wurzeln bilden.« Sie zeich­nete ihrem Baum mehr Wurzeln. »Aber um das auf direk­tem Weg zu errei­chen, müsste man die Gene der Bäume auf eine Weise ver­än­dern, die ihnen in ande­rer Hinsicht scha­det. Außerdem würde sich die Wirkung nur sehr lang­sam ein­stel­len.«

»Es funk­tio­niert also nicht«, sagte Brian.

»Richtig«, erwi­derte sie gedul­dig. »Aber viele Bäume sind von Flechten besie­delt, und diese Flechten regu­lie­ren auch die Ligninproduktion, und diesen Vorgang könnte man durch­aus anschub­sen. Die Bäume würden dann in ziem­lich hohem Tempo CO2 ein­la­gern, und dieses CO2 bliebe der Atmosphäre ent­zo­gen, so lange der Baum lebt.

Letzten Endes wollen wir also ver­än­derte Baumflechten erzeu­gen. Für die Photosynthese der Flechten ist der Algenanteil ver­ant­wort­lich, und mit­hilfe von Yanns Algorithmen haben wir Gene gefun­den, die den Stoffwechsel beschleu­ni­gen. Und jetzt möch­ten wir die Flechten dazu bewe­gen, den zu viel erzeug­ten Zucker in die Wurzeln des Wirtsbaums aus­zu­la­gern. Es sieht ganz so aus, als könn­ten wir die Wurzelbildung und das Dickenwachstum der Bäume signi­fi­kant ver­stär­ken.«

»Und wie viel CO2 ließe sich dadurch spei­chern?«

»Nun ja, wir haben ver­schie­dene Szenarien durch­ge­rech­net, in denen die Flechten Wälder unter­schied­li­cher Größe besie­deln, bis hin zu sämt­li­chen Wäldern der gemä­ßig­ten Breiten. In dem Fall würden der Atmosphäre meh­rere Milliarden Tonnen CO2 ent­zo­gen.«

»Wow.«

»Eben. Noch dazu ziem­lich schnell.«

»Passt bloß auf, dass ihr keine Eiszeit aus­löst«, sagte Brian im Scherz.

»Stimmt. Aber das wäre ein Problem für später. Und wie man die Erde auf­wärmt, wissen wir schließ­lich. Im Augenblick wäre uns ein­fach mit jeder Methode der CO2-Speicherung gehol­fen. Auf uns kommen bekannt­lich ein paar schlimme Dinge zu.«

Sie alle betrach­te­ten das Durcheinander aus Buchstaben, Linien und Baumzeichnungen auf dem Whiteboard.

Schließlich brach Leo das Schweigen. »Wow, Eleanor. Das war sehr inter­es­sant.«

»Bei eurem Transferproblem hilft es euch aller­dings nicht.«

»Stimmt, aber das macht nichts, das war ja nicht deine Aufgabe. Es war trotz­dem inter­es­sant. Nur eben ein ganz ande­res Problem. So was kommt vor. Wirklich klasse! Hast du das schon dem Rektor gezeigt?«

»Nein.« Sie schien über­rascht.

»Mach das mal. Für solche Themen kann er sich rich­tig begei­stern, und er hat das wis­sen­schaft­li­che Arbeiten ja nicht ein­ge­stellt. Er hat immer noch sein eige­nes Labor, trotz seiner Aufgaben als Rektor.«

Eleanor nickte. »Du hast recht. Er hat uns schon sehr unter­stützt.«

»Gut. Und hör zu, ich hoffe, Marta wird weiter mit dir zusam­men­ar­bei­ten. Vielleicht stoßt ihr ja sogar auf einen Aspekt der Genregulierung, den wir über­se­hen haben.«

»Da habe ich so meine Zweifel. Aber vielen Dank.«


Wenig später erhielt Leo eine E‑Mail von Derek, in der dieser ihn auf­for­derte, ihn zu einem Treffen mit dem Vertreter einer Risikokapitalgesellschaft zu beglei­ten. In den Zeiten, als Torrey Pines noch als span­nen­des junges Start-up galt, war das öfter gesche­hen; Leo wusste also, was ihn erwar­tete. Bei der Vorstellung, erneut bei so etwas mit­spie­len zu müssen, war ihm gar nicht wohl. Zumal es womög­lich um die »schnelle hydro­dy­na­mi­sche Insertion« gehen würde. Leo wollte auf keinen Fall in die Rolle gera­ten, einem Außenseiter gegen­über Dereks unbe­grün­dete Behauptungen unter­mau­ern zu müssen.

Derek ver­si­cherte ihm jedoch, dass er alle »spe­ku­la­ti­ven« Fragen der Gegenseite selbst beant­wor­ten würde. Obwohl ein Risikokapitalgeber doch ver­mut­lich genau solche Fragen stel­len musste.

»Und war wäre dann meine Aufgabe?«

»Sie sollen alle tech­ni­schen Fragen zu dem Verfahren beant­wor­ten.«

Na toll.

Kurz vor dem Treffen erhielt Leo eine Kopie der Unterlagen, die Derek vorab an Biocal geschickt hatte, eine Risikokapitalgruppe, die in der Anfangszeit von Torrey Pines schon einmal in die Firma inve­stiert hatte. In der Kurzfassung des Geschäftsplans sowie dem Angebot für Investoren wurde das Potenzial der schnel­len hydro­dy­na­mi­schen Transfermethode sehr opti­mi­stisch dar­ge­stellt. Beim Lesen zog sich Leo immer mehr der Magen zusam­men.

Das Treffen fand in den Räumen von Biocal statt. Die Firma hatte ihren Sitz in einem schicken Gebäude im Zentrum von La Jolla, nicht weit von der Prospect Street und dem Point. Aus den Fenstern des Sitzungszimmers hatte man einen weiten Blick die Küste ent­lang. Jenseits der Klippen konnte man fast die Gebäude von Torrey Pines erken­nen.

Ihr Gastgeber Henry Bannet war ein schlan­ker, sport­li­cher Mann Mitte vier­zig; er wirkte ent­spannt und freund­lich, wie es in San Diego üblich war. Seine Firma nutzte pri­va­tes Beteiligungskapital für stra­te­gi­sche Investitionen in Biotechnologie-Firmen. In einer Größenordnung von meh­re­ren Milliarden, hatte Derek gesagt. Und in den ersten vier bis sechs Jahren – manch­mal noch länger – erwar­te­ten sie kei­ner­lei Gewinn. Sie konn­ten es sich lei­sten, ihre Planungen an das übli­che Tempo des medi­zi­ni­schen Fortschritts anzu­pas­sen. Ihr Spezialgebiet waren län­ger­fri­stige, hoch­ris­kante, aber poten­zi­ell auch höchst lukra­tive Geldanlagen. Banken und ver­gleich­bare Geldgeber waren für der­ar­tige Investitionen nor­ma­ler­weise nicht zu gewin­nen. Sie waren ihnen zu ris­kant und zahl­ten sich zu lange nicht aus. Auf so etwas ließen sich nur Risikokapitalgesellschaften ein.

Weshalb sich natür­lich sehr viele kleine Biotech-Firmen um die Unterstützung dieser Leute bemüh­ten. Allein in der Gegend von San Diego gab es davon etwa drei­hun­dert, von denen sich nicht wenige nur knapp über Wasser hiel­ten, immer in der Hoffnung auf jenen ersten großen Erfolg, der ihnen ent­we­der genug Geld für die Weiterarbeit oder aber eine Übernahme durch einen Großkonzern bescherte. Risikokapitalgeber konn­ten sich also aus­su­chen, wo sie inve­stie­ren woll­ten. Viele von ihnen ließen sich dabei von einem bestimm­ten Interesse oder sogar einer Leidenschaft leiten. Natürlich waren sie auf dem jewei­li­gen Gebiet dann auch bestens infor­miert; zur »gebo­te­nen Sorgfalt« bei der Prüfung von Angeboten gehörte für sie neben der finan­zi­el­len auch eine wis­sen­schaft­li­che Analyse. Sie selbst spra­chen von »Investition plus«, weil sie viel mehr als nur Geld mit­brach­ten: Ratschläge, Fachkenntnisse, gute Vernetzung.

Von diesem Bannet hatte Leo den Eindruck, dass er zu den Leidenschaftlichen gehört. Bei aller Freundlichkeit wirkte er sehr kon­zen­triert. Ein Mann, der seine Arbeit ernst nahm. Mit bloßem Gerede würde Derek ihn kaum beein­drucken können.

»Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen«, sagte Derek.

Bannet winkte ab. »Von Ihnen höre ich immer gern. Ich habe einige Ihrer Veröffentlichungen gele­sen und war letz­tes Jahr auf dem Symposium in L. A. Tolle Ergebnisse.«

»Stimmt, und jetzt sitzen wir an etwas, das die gesamte Gentechnik revo­lu­tio­nie­ren könnte. Eine Methode, maß­ge­schnei­derte DNA ins Genom kran­ker Menschen zu prak­ti­zie­ren. Das Verfahren ließe sich für eine ganze Reihe von Therapien ver­wen­den. Schon des­we­gen sind wir alle völlig begei­stert – und wollen unsere Bemühungen natür­lich ver­stär­ken, damit es schnell vor­an­geht. Und da Sie uns wäh­rend der Start-up-Phase so groß­ar­tig gehol­fen haben – und sich das für Sie ja auch aus­ge­zahlt hat –, dachte ich mir, ich spre­che Sie noch einmal an, beschreibe Ihnen die aktu­elle Situation und frage Sie, ob Sie an einer PIPE-Transaktion inter­es­siert sind.«

In Leos Ohren klang das sehr merk­wür­dig; er musste dabei an Pipeline denken. Bannet zuckte jedoch nicht mit der Wimper, und bald darauf wurde auch Leo klar, dass PIPE für eine bestimmte Form von Investition stand: »Private Investment in Public Equity«, die Ausgabe von Aktien an einen klei­nen Kreis pri­va­ter Investoren. Das Akronym war aus­nahms­weise einmal gut gewählt, denn es han­delte sich tat­säch­lich um eine Art Pipeline, durch die Geld aus Bannets gut bestück­tem Investitionsfonds direkt in Dereks bet­tel­arme Firma flie­ßen sollte.

Aber Bannet war ein alter Hase, der sofort all die geschickt plat­zier­ten klei­nen Ungenauigkeiten in Dereks Standardsprüchen für Aktionäre und poten­zi­elle Investoren bemerkte. In der Biotech-Branche ende­ten unge­fähr sech­zig Prozent aller Start-ups als Fehlschlag; das Risiko, die eigene Investition ganz oder teil­weise durch Insolvenz zu ver­lie­ren, war also beacht­lich. Mit Hinterlist würde Derek hier nichts errei­chen. Sie würden mit offe­nen Karten spie­len und darauf hoffen müssen, dass Bannet sich trotz­dem über­zeu­gen ließ.

Nachdem Derek Bannet eine Serie von Tabellen zu den Finanzen der Firma auf seinem Laptop prä­sen­tiert hatte, ließ sich das Elend ihrer Lage end­gül­tig nicht mehr ver­schlei­ern. Mehr Verlust als Gewinn, Entlassungen, Verkauf von Zusatzverträgen und sogar von eini­gen Kronjuwelen, den Patenten. Leere Kassen.

»Wir muss­ten uns auf die Sachen kon­zen­trie­ren, die uns am wich­tig­sten erschei­nen«, gab Derek zu. »Dadurch arbei­ten wir jetzt defi­ni­tiv effi­zi­en­ter, aber wir haben eben keine Reserven mehr, nichts, was wir noch in das aktu­elle Projekt stecken könn­ten. Dabei hat es so unglaub­lich viel Potenzial. Deshalb schien es uns an der Zeit, uns um Unterstützung von drit­ter Seite zu bemü­hen. Da diese finan­zi­elle Hilfe für uns so ent­schei­dend ist, würden wir einem Investor natür­lich sehr attrak­tive Konditionen bieten.«

»Ah ja.« Worauf sich dieses Ja bezog, war nicht ganz klar. Beim Betrachten der Tabellen hatte Bannet immer wieder ein leises Schnalzen von sich gege­ben oder freund­lich »Hmmm hmmm, hmmm hmmm« gemur­melt, aber wäh­rend er jetzt über den Inhalt der Tabellen nach­dachte, ver­riet seine Miene nur noch höch­ste Konzentration. Dieser Mann war defi­ni­tiv mit Leidenschaft bei der Sache.

»Erzählen Sie mir mehr über diesen Algorithmus«, bat er schließ­lich.

Derek sah Leo an, und dieser sagte: »Der Mathematiker, der ihn ent­wickelt, arbei­tet erst seit kurzer Zeit für Torrey Pines. Unser Labor hat gemein­sam mit ihm einen Satz von Rechenoperationen dar­auf­hin über­prüft, wie gut sich mit ihnen vor­her­sa­gen lässt, welche Proteine mit einem bestimm­ten Gen asso­zi­iert sind, und wie Sie sehen« – er rief auf seinem Laptop das erste Diagramm seines Arbeitsberichts auf – »ist das Ergebnis unter bestimm­ten Umständen rich­tig gut.« Er deu­tete auf den Bildschirm.

»Wie würde sich das auf Ihr Verfahren zum Gentransfer aus­wir­ken?«

»Im Augenblick benut­zen wir den Algorithmus, um mög­lichst gute Liganden für Rezeptoren an den Zellen der Zielorgane zu finden. Außerdem suchen wir mit seiner Hilfe nach Proteinen, die mög­lichst gut die Zellmembran pas­sie­ren, wenn wir sie in dem hydro­dy­na­mi­schen Verfahren ein­set­zen, an dem wir seit eini­gen Monaten for­schen.« Während er sich durch die Diagramme klickte, bis er zu den Ergebnissen der Experimente kam, ver­suchte er, Brians und Martas Bezeichnungen für das Verfahren aus seinen Gedanken zu ver­ban­nen. Auf keinen Fall durfte er es jetzt die Glubschaugen- oder Mäuseplatzmethode nennen. »Wie Sie sehen« – wieder deu­tete er auf die ent­spre­chen­den Ergebnisse –, »haben wir unter bestimm­ten Bedingungen eine recht gute Sättigung erreicht.« Da das ziem­lich schwach klang, fügte er noch hinzu: »Der Algorithmus hat sich auch schon bei einem ande­ren Projekt als nütz­lich erwie­sen, bei dem wir mit Botanikern von der Uni koope­rie­ren. Dabei geht es um die Entwicklung von Algen.«

»Wo ist da die Verbindung zu Ihrer Arbeit?«

»Nun ja, das ist eher grüne Gentechnik.«

Bannet sah Derek an.

»Bei TPG kon­zen­trie­ren wir uns auf ein ver­bes­ser­tes Verfahren zum ziel­ge­rich­te­ten Gentransfer. Aber die Methode funk­tio­niert offen­sicht­lich sehr gut und kann natür­lich in ande­ren Labors auf zahl­rei­che andere Probleme ange­wandt werden.«

Doch es war zu offen­sicht­lich: Ihre bisher besten Ergebnisse stamm­ten aus einem Gebiet, das sich ver­mut­lich nie für die Humanmedizin würde nutzen lassen. Und Torrey Pines Generique war zum Zweck medi­zi­ni­scher Forschung gegrün­det worden.

»Es sieht viel­ver­spre­chend aus, oder?«, sagte Derek. »Gut mög­lich, dass dieser Algorithmus ein Naturgesetz wider­spie­gelt. Eine Grammatik der Genexpression. Was eine ganze Serie von Patenten zur Folge hätte.«

»Hmm hmm.« Bannet blickte erneut auf Dereks Laptop, dessen Bildschirm noch immer eine Tabelle zu den Finanzen der Firma zeigte. Sie bot wirk­lich einen jäm­mer­li­chen Anblick. Andererseits hatte Bannet bestimmt öfter mit sol­chen Fällen zu tun, würde also ver­mut­lich nicht mit Entsetzen oder Ablehnung reagie­ren. Er würde ein­fach seine Einschätzung der Risiken ent­spre­chend anpas­sen und sich auf dieser ver­än­der­ten Basis ent­schei­den.

»Das sieht alles sehr inter­es­sant aus«, sagte er schließ­lich. »Natürlich bringt es immer eine gewisse Unsicherheit mit sich, wenn eine Firma alles auf eine Karte setzt. Aber manch­mal braucht es ja nur die eine Karte. Um ehr­lich zu sein, ich bin unent­schlos­sen.«

Derek nickte zögernd. »Nun ja. Wie Sie wissen, sind wir sehr von der Wichtigkeit guter Therapien für beson­ders schwere Krankheiten über­zeugt. Also haben wir uns darauf kon­zen­triert, und nun müssen wir eben die besten Ideen, die sich daraus erge­ben haben, wei­ter­ver­fol­gen. Darum arbei­ten wir so inten­siv an einer Erhöhung des HDL-Spiegels. Verbunden mit dem Verfahren zum ziel­ge­rich­te­ten Gentransfer ließen sich damit ver­mut­lich Milliarden ver­die­nen.«

»Und die Erhöhung des HDL-Spiegels …«

»Die Ergebnisse dazu sind noch nicht ver­öf­fent­licht. Wir wollen zunächst die Frage der Patentierung klären.«

Leo krampfte sich der Magen zusam­men, aber er schaffte es, keine Miene zu ver­zie­hen.

Auch Bannets Miene ver­riet keine Regung. Er wirkte so freund­lich und ver­ständ­nis­voll wie zuvor, aber sein Blick war durch­drin­gend. »Bitte schicken Sie mir den voll­stän­di­gen Geschäftsplan. Und sämt­li­che wis­sen­schaft­li­che Veröffentlichungen zum Thema. Mit allen Daten. Ich werde das mit eini­gen meiner Partner bespre­chen. Ich möchte hören, was sie dazu sagen. Das ist nichts Ungewöhnliches. So große Vorhaben ent­scheide ich selten allein. Und einige meiner Kollegen inter­es­sie­ren sich auch für Agro-Pharmakologie.«

»Na klar.« Derek über­reichte ihm einen vor­be­rei­te­ten Hochglanzhefter. »Das ver­stehe ich natür­lich. Wenn Sie möch­ten, tref­fen wir uns auch gern noch einmal mit Ihren Kollegen. Um wei­tere Fragen zu beant­wor­ten.«

»Das klingt gut, vielen Dank.« Bannet legte den Hefter auf den Tisch. Nach ein paar letz­ten Höflichkeiten und einer Runde Händeschütteln wurden Derek und Leo zum Ausgang beglei­tet.

Leo hätte nicht sagen können, ob das Treffen gut oder schlecht ver­lau­fen war.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel