von Kim Stanley Robinson
Heutzutage benutzen die Ozeanographen unbemannte Unterwasserfahrzeuge zur Erforschung der Meere, weshalb sie inzwischen über fast ebenso viele Daten verfügen wie die Meteorologen. Unter anderem beobachten sie eine tiefe Schicht aus warmem Wasser, das vom Atlantik ins Nordpolarmeer geströmt ist (ALTEX, das Atlantic Layer Tracking Experiment).
Noch hilfreicher sind jedoch die Wale. Frei lebende Belugawale wurden mit Sensoren bestückt, die Temperatur, Salzgehalt und Nitratgehalt des Wassers messen sowie über einen GPS-Empfänger und einen Tiefenmesser verfügen. Während die Wale also durch die blauen Weiten der Meere schwimmen, mal hinunter bis ins lichtlose Dunkel, dann wieder hinauf zur Oberfläche, liefern sie unablässig Daten: Casper the Friendly Ghost, Whitey Ford, The Woman in White, Moby Dick und viele andere. Getrieben von ihren eigenen Bedürfnissen durchqueren sie, geschmeidig und schnell, unaufhörlich ihr riesiges Territorium, dringen bis in große Tiefe vor, blasse Schemen im blauen Schwarz – und steigen wieder nach oben, um Luft zu holen. Unsere Verwandten. Belugawale helfen uns, die Welt zu verstehen. Und aus den Daten, die sie sammeln, geht klar hervor, dass sich die Schicht aus warmem Atlantikwasser abschwächt. Weshalb der Golfstrom langsamer wird.
* * * * *
Da er bei seiner Rückkehr im Herbst eine Unterkunft brauchen würde, studierte er die Immobilienanzeigen in der Zeitung, aber das Ergebnis war entmutigend. Vermutlich würde er zunächst eine Wohnung mieten und dann in größerer Ruhe nach passenden Kaufangeboten suchen müssen. Ein Haus zu finden, das ihm gefiel und das er sich auch leisten konnte, würde offenbar schwierig sein, wenn nicht sogar unmöglich. Um seine Finanzen stand es nicht allzu gut, und für ein Haus im Norden San Diegos brauchte man heutzutage ein beachtliches Einkommen. Marta und er hatten damals einen Bungalow in Cardiff gekauft, der für zwei Personen ideal war, aber nach der Trennung hatten sie ihn verkauft, was die Spannungen zwischen ihnen noch verschärft hatte. Inzwischen waren die Häuser in der Gegend so teuer, dass ein einfacher Professor sie gar nicht mehr bezahlen konnte. Er würde dringend ein Zusatzeinkommen brauchen.
Also sah er sich einige Mietwohnungen in North County an und verbrachte die Nachmittage in seinem leeren Büro auf dem Campus. Unter anderem traf er sich mit zwei Postdocs, die weiter für ihn arbeiteten, und besprach mit dem Vorsitzenden des Fachbereichs, welche Kurse er im Herbst anbieten sollte. Alles sehr lästig.
Wirklich ärgerlich wurde das Ganze, als er in seinem Postfach am Fachbereich ein Schreiben der universitären Dienststelle für Technologietransfer vorfand. Sofort beschleunigte sich sein Puls. Er riss den Umschlag auf, überflog den Inhalt und griff zum Telefon.
»Hi, Delphina, hier ist Frank Vanderwal. Ich habe gerade einen Brief von Ihrer Finanzaufsicht bekommen, können Sie mir verraten, worum es da geht?«
»Hallo, Dr. Vanderwal. Ich schaue mal nach … Die Einkommensaufsicht für Fakultätsangehörige bittet Sie um Auskunft zu Ihren Einnahmen aus Aktien der Firma Torrey Pines Generique. Alles über zweitausend Dollar im Jahr muss gemeldet werden, und die haben nichts von Ihnen gehört.«
»Weil ich dieses Jahr bei der NSF bin. Meine Aktien liegen in einem Blind Trust, ich habe gar keinen Einblick.«
»Ach, richtig. Eigentlich … Eine Sekunde. Da haben wir es. Eigentlich müssten die das wissen. Ganz sicher bin ich mir aber nicht. Ich sehe mir gerade das entsprechende Memo an … Aha. Die haben erfahren, dass Sie nach Ihrer Rückkehr wieder für Torrey Pines arbeiten wollen, und …«
»Wie bitte? Wie zum Teufel wollen die das erfahren haben?«
»Das weiß ich auch nicht …«
»Es stimmt nämlich nicht! Ich habe mich zwar mit ein paar Bekannten bei Torrey Pines unterhalten, aber das war alles privat. Wie sollen die davon erfahren haben?«
»Wie gesagt, ich weiß es nicht.« Offenbar fand sie seine empörte Reaktion allmählich anstrengend. Vermutlich bekam sie es bei der Arbeit öfter mit aufgebrachten Anrufern zu tun.
»Aber hören Sie mal, Delphina, das haben wir doch alles längst besprochen. Damals, als ich Torrey Pines mitgegründet habe. Ich habe das noch gut im Kopf. Fakultätsmitglieder dürfen bis zu zwanzig Prozent ihrer Arbeitszeit auf externe Beratertätigkeiten verwenden. Was ich dabei verdiene, gehört mir, ich muss es nur melden. Also selbst wenn ich wieder für Torrey Pines arbeiten wollte, was wäre dagegen einzuwenden? Ich würde nicht dem Vorstand angehören und auch nicht mehr als zwanzig Prozent meiner Arbeitszeit darauf verwenden!«
»Das ist gut …«
»Außerdem spielt sich die meiste Arbeit sowieso in meinem Kopf ab, wie wollen Sie da je feststellen können, ob ich nicht doch mehr Stunden investiere? Wollen Sie meine Gedanken lesen?«
Delphina seufzte. »Natürlich nicht. Letzten Endes verlassen wir uns auf Ihr Wort. Selbstverständlich. Aber wenn uns bei den Meldungen etwas auffällt, fragen wir nach. Um die Betreffenden an die Vorschriften zu erinnern.«
»Das war hoffentlich nicht als Andeutung gemeint. Erklären Sie Ihrer Kommission, was mit meinen Aktien los ist, und sagen Sie ihnen, sie sollen sich erst mal informieren, bevor sie die Leute belästigen.«
»Ist gut. Tut mir leid.« Sehr bekümmert schien sie allerdings nicht.
Frank machte einen Spaziergang auf dem Campus. Normalerweise beruhigte ihn das, aber jetzt war er zu aufgebracht. Wer hatte der Finanzaufsicht gesagt, dass er demnächst wieder für Torrey Pines arbeiten würde? Und warum? Ob jemand von Torrey Pines bei der Kommission angerufen hatte? Der Einzige, der wirklich Bescheid wusste, war Derek, und er würde das niemals tun. Vermutlich hatte es sich einfach herumgesprochen. Oder jemand hatte es nach seinem Besuch dort erraten. Seitdem waren zwar erst wenige Tage vergangen, aber für einen Anruf bei der Aufsicht war das Zeit genug. Sam Houston vielleicht? Weil er den Job als wissenschaftlicher Berater behalten wollte?
Oder Marta?
Ein beunruhigender Gedanke, dass solche Machenschaften im Spiel sein könnten. Auf einmal sehnte er sich nach Washington zurück. Was ihn erschreckte, denn in D. C. zählte er normalerweise die Tage, bis er nach San Diego zurückkehren konnte. Zu seinem richtigen Leben. Aber es ließ sich nicht leugnen: Im Augenblick war er in San Diego und sehnte sich nach D. C. Irgendetwas lief hier falsch.
Zum Teil lag es sicherlich daran, dass er noch gar nicht richtig zu seinem gewohnten Leben zurückgekehrt war, sondern nur zu einer Art Vorschau. Er hatte kein Zuhause und war auch nicht in den Unibetrieb eingebunden. Es gab wenig zu tun. Er trödelte viel herum, so wie jetzt. Und das passte nicht zu ihm.
Okay – was würde er mit seiner freien Zeit anfangen, wenn er hier lebte?
Er würde surfen gehen.
Gute Idee. Sein gesamter Besitz war in einem Lagerraum in Encinitas untergestellt. Er fuhr hin, lud seine Surfausrüstung ins Auto und steuerte den Parkplatz bei Cardiff Reef an, am Südende von Cardiff-by-the-Sea. Während er seinen Nassanzug (der ihm allmählich zu eng wurde) anlegte, beobachtete er das Meer. Es war Ebbe, und das Abfließen des Wassers in Verbindung mit einer Südströmung brachte recht gute Wellen hervor, die sich am äußeren Riff brachen. Dort hatte sich bereits ein Grüppchen von Surfern und Bodyboardern versammelt.
Hochzufrieden watete Frank ins Wasser hinaus. Für Hochsommer war es recht kalt. Das sagten alle: So warm wie früher wurde es einfach nicht mehr. Trotzdem fühlte es sich gut an. Er rannte los, tauchte unter der nächsten Welle hindurch und juchzte laut, als er wieder an die Oberfläche kam. Dann setzte er sich ins Wasser, zog die Füßlinge an, befestigte die Brettleine an seinem Knöchel und paddelte los. Das Meerwasser schmeckte nach Heimat.
Cardiff Reef war ihm zutiefst vertraut, und nichts hatte sich verändert. Außer dass er früher oft mit Marta hier gewesen war, aber das spielte keine Rolle. Diese Wellen würde es immer geben, und sie würden sich immer auf diese Weise am Riff brechen, wie ein alter Freund, der stets das Gleiche sagte. Dies war sein Zuhause, es war der eigentliche Grund, weshalb er sich in San Diego heimisch fühlte. Nicht wegen der Menschen oder der Arbeit oder der unbezahlbaren Eigenheime, sondern wegen dieser Stunden draußen im Meer. In seiner Jugend war Surfen für ihn viele Jahre lang das Wichtigste überhaupt gewesen, alles andere war dagegen verblasst. Jedenfalls bis er das Klettern entdeckt hatte.
Während er anpaddelte, ins Gleiten kam, mehrere ekstatische Sekunden lang auf einer der linken Wellen ritt und zum Line-up zurückkehrte, fragte er sich wieder einmal, wie ein Mensch sich in Salzwasser derart wohlfühlen konnte. Diese Freude daran, von einer Welle davongetragen zu werden, musste einen evolutionären Ursprung haben. Aber egal, auf jeden Fall machte es Spaß. Er fühlte sich schon viel besser.
Dann war es Zeit aufzuhören.
Er ritt noch eine letzte Welle, aber lenkte das Brett nicht hinter den Kamm, sobald er langsamer wurde, sondern ließ sich bis zum Ufer tragen.
Dort blieb er im flachen Wasser liegen, wo ihn die zischende, schäumende Brandung umspülte. Vor und zurück, vor und zurück. Das Meer streichelte ihn.
»Alles in Ordnung?«
Er hob ruckartig den Kopf. Marta, offenbar auf dem Weg zum Riff.
»Hi. Ja, alles okay.«
»Was machst du hier? Schleichst du mir nach?«
»Nein.« Und weil ihm bewusst wurde, dass sie vielleicht nicht völlig unrecht hatte: »Nein!«
Sie sahen sich an, beide verärgert.
»Ich war einfach surfen«, sagte er in angespanntem Tonfall. »Es gibt keinen Grund, so etwas zu behaupten.«
»Ach nein? Und warum hast du mich dann neulich zum Essen eingeladen?«
»Das war ein Fehler. Wie man sieht. Ich dachte, es wäre ganz gut, wenn wir uns mal unterhalten.«
»Letztes Jahr vielleicht. Aber da hast du nichts davon wissen wollen. Du hast dich sogar zur NSF verdrückt, nur um nicht mit mir reden zu müssen. Jetzt ist es zu spät. Also lass mich in Ruhe, Frank.«
»Tue ich ja!«
»Lass mich in Ruhe.«
Sie wandte sich ab, rannte in die Brandung hinaus, warf sich aufs Brett und paddelte mit aller Kraft davon. Als sie weit genug draußen war, setzte sie sich auf und balancierte sich aus, den Blick aufs Meer gerichtet.
Frauen sahen in Nassanzügen völlig anders aus, fand Frank. Nicht nur aus den offensichtlichen Gründen; man bemerkte auch sonst viele kleine Unterschiede im Körperbau. Er selbst konnte das Geschlecht eines Surfers noch aus größter Ferne erkennen. Jeder Surfer konnte das.
Und was folgte nun aus dem Ganzen? Dass er einer Frau verfallen war, die ihn verabscheute? Dass er die wichtigste Beziehung seinen Lebens in den Sand gesetzt hatte, seine größte Chance auf erfolgreiche Fortpflanzung? Dass der Sexualdimorphismus bei diesem Drang, sich fortzupflanzen, eine entscheidende Rolle spielte? Dass er ein Sklave seiner Spermien war, und ein Idiot obendrein?
Alles richtig.
Seine gute Laune war jedenfalls ruiniert. Er stand auf, zog die Füßlinge und den Nassanzug aus und trocknete sich beim Mietwagen ab. Dann fuhr er zum Lagerraum, verstaute die Ausrüstung und kehrte ins Hotel zurück. Dort duschte er, checkte aus und fuhr über die Küstenstraße zum Flughafen. Er fühlte sich wie im Exil. Und das in heimischen Gefilden.
Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Er gab den Wagen ab und bestieg das Flugzeug nach Dallas. Während er auf seinen Anschlussflug wartete, schien es ihm, als würde ganz Amerika an ihm vorbeispazieren. Wie konnten diese Leute nur so gelassen vor sich hinleben, während die Welt auf eine globale Umweltkrise zusteuerte? Sie mussten Meister im Verdrängen sein. Meister im Ausfiltern unliebsamer Informationen. Bestimmt gingen viele von ihnen jeden Sonntag in die Kirche. Sie glaubten an Gott, wählten die Republikaner, vertrödelten ihre Zeit mit Einkaufen und Fernsehen. Dabei waren es lauter nette Menschen. Der Erde war nicht zu helfen.
Im Flugzeug spürte er diesen Ärger und Abscheu nur noch deutlicher. Vieles davon richtete sich jetzt gegen die NSF. Die tat schließlich nichts, was irgendwie helfen würde. Er packte den Laptop aus, schaltete ihn ein und legte ein neues Dokument an. Dann fing er an zu schreiben.
Kritik der NSF, erster Entwurf. An Diane Chang, privat.
Die NSF wurde gegründet, um wissenschaftliche Grundlagenforschung zu fördern, und nach allgemeiner Einschätzung erfüllt sie diese Aufgabe sehr gut. Ihr Etat umfasst jedoch nie mehr als zehn Milliarden Dollar pro Jahr, verglichen mit einem Wirtschaftsvolumen von rund zehn Billionen. Beim jetzigen Stand der Dinge ist zu befürchten, dass die NSF einfach zu klein ist, um Wesentliches zu bewirken.
Derweil überschreitet die Menschheit die ökologische Tragfähigkeit unseres Planeten und schädigt die Biosphäre. Einer solchen Herausforderung ist die gegenwärtige neoliberale Wirtschaftsform nicht gewachsen; sie dient im Gegenteil eher dazu, die Situation durch das ungerechtfertigte Auslagern von Kosten zu verschleiern. Die amerikanische Wirtschaft wird sich auch dann noch um ihre vierteljährlichen Gewinn- und Verlustrechnungen sorgen, wenn die Erde mit einem anthropogenen Untergangsszenario konfrontiert ist, was innerhalb der nächsten zwanzig Jahre mit Sicherheit eintreten wird. Die Methoden der Ökonomie eignen sich nicht für den Umgang mit Katastrophen. Doch auch Politik und Wissenschaft liefern keine Lösungsansätze. Vielmehr orientieren sich beide ebenfalls an neoliberalen Grundsätzen, obwohl es sich dabei offensichtlich um eine Pseudowissenschaft handelt. Ebenso gut könnten wir uns von Astrologen leiten lassen. Allen an der NSF ist die Lage bewusst, aber niemand unternimmt etwas. Es gibt weder den Versuch, Maßnahmen zum Schutz der Biosphäre zu initiieren, noch einen Ruf nach Projekten zur Abmilderung der Folgen. Man sitzt einfach da und wartet ab, welche Impulse von außen kommen. Eine lächerlich passive Haltung.
Sie fragen, was der Grund für diese Passivität ist? Feigheit! Die NSF ist ein feiges Huhn, das Vogel Strauß spielt und seinen klugen kleinen Kopf in den Sand steckt. Sie hat Angst davor, sich mit dem Kongress anzulegen, mit der Wirtschaft, mit dem Volk der Vereinigten Staaten von Amerika. Während uns die Fundamentalisten der freien Marktwirtschaft in einen trostlosen, ewig währenden Feudalismus zurückbefördern und dabei alles zerstören. Dabei haben wir längst die technischen Möglichkeiten, jeden auf der Erde mit Nahrung, Obdach, Kleidung, ärztlichem Beistand und Bildung zu versorgen. Wir verfügen über die Fähigkeit, Leid und Elend zu beenden und einen ökologischen Kollaps zu verhindern – aber die NSF verteilt weiter häppchenweise ihre Fördergelder, sie spielt auf der Geige, während Rom in Flammen steht!
Vermutlich denken Sie jetzt: Kann ja sein, aber ist nicht zu ändern; und vielleicht glauben Sie auch, dass der arme Frank Vanderwal in seinem Jahr in den Sümpfen verrückt geworden ist. Was auch stimmt. Aber recht habe ich trotzdem. Die Welt steckt in großen Schwierigkeiten, und die NSF gehört zu den wenigen Organisationen auf der Erde, die ihr helfen könnten, aber sie unternimmt nichts. Sie sollte die globale Wissenschaftspolitik bestimmen, sie sollte den Schutz von Klima und Biosphäre erzwingen, als unverzichtbare Notmaßnahme. Sie müsste den Kongress so gnadenlos bearbeiten, wie es die verdammte National Rifle Association tut, um endlich ein angemessenes Budget zu bekommen, ein viel größeres nämlich, es müsste so groß wie das des Pentagon sein, oder noch besser, das Größenverhältnis sollte umkehrt werden, dann hätten beide endlich, was ihnen zusteht, aber nichts davon wird je passieren, und das ist der Grund, warum ich nicht bleibe und warum niemand bei der NSF bleiben sollte
Das Flugzeug hatte mit dem Sinkflug begonnen.
Nun ja, das Ganze musste natürlich noch überarbeitet werden. Die Metaphern zum Beispiel: Entweder die NSF war ein Huhn, oder sie war ein Strauss, beides zugleich ging nicht. Aber das ließ sich ändern. Immerhin hatte er jetzt einen ersten Entwurf. Er würde ihn später noch einmal gründlich durchgehen und ihn dann Diane Chang übergeben, der Leiterin der NSF. In der schwachen Hoffnung, dass es sie aufrüttelte.
Das Flugzeug zog eine Schleife und steuerte den Ronald Reagan Airport an. Nicht mehr lange, dann war er zurück in seinem öden gegenwärtigen Leben. Zurück im Sumpf.
* * * * *
In Leos Labor fanden unterdessen die ersten Testläufe mit Pierzinskis Algorithmus statt. Zugleich experimentierten sie weiter mit der Methode der »schnellen hydrodynamischen Insertion«, wie sie das Verfahren in den Artikeln, die sie vorbereiteten, neuerdings nannten. Mit dem Problem des Gentransfers waren viele Labors beschäftigt, aber ihr Verfahren galt allgemein als eines der aussichtsreichsten. Ein schlechtes Zeichen.
Jedenfalls waren sie an beiden Forschungsfronten intensiv beschäftigt, sodass sie zunächst kaum Notiz von den Ergebnissen nahmen, die eine Kollegin von Marta mit Pierzinskis Verfahren erzielte. Marta hatte in ihrer Doktorarbeit bestimmte Algenarten untersucht und veröffentlichte auch jetzt noch gelegentlich Artikel dazu, gemeinsam mit einer Postdoc namens Eleanor Dufours. Leo war Eleanor einmal begegnet; danach hatte er ihre Veröffentlichungen gelesen und war beeindruckt gewesen. Eleanor hatte durch Marta von Pierzinskis Algorithmus erfahren und begonnen, mit einer Variante davon zu arbeiten. Wie Marta berichtete, mit gutem Ergebnis. Da Leo hoffte, dass seine Gruppe etwas daraus lernen konnte, lud er Eleanor ein, ihnen bei einem Mittagstreffen davon zu berichten.
»Wir interessieren uns für die Algen in bestimmten Flechtenarten«, sagte Eleanor in ihrem Vortrag. Sie sprach ruhig und eher leise, völlig anders als Marta. »Flechten sind bekanntlich Partnerschaften von Algen und Pilzen, und DNA-Vergleiche haben ergeben, dass manche von ihnen schon sehr alt sind. Bei einer der ältesten, Cornicularia cornuta, haben wir nun die Algenkomponente genetisch verändert. Diese Flechte wächst an Bäumen und dringt dabei erstaunlich tief ins Holz ein. Wir glauben, dass die Flechte den Bäumen nützt, indem sie ihren Hormonhaushalt reguliert und während der Vegetationsperiode den Ligninaufbau fördert.«
Als Nächstes sprach sie die Möglichkeit an, den Metabolismus der Bäume zu beschleunigen. »Dazu haben wir in letzter Zeit auch die Algorithmen eingesetzt, die wir über Marta bekommen haben. Wir versuchen Algen zu erzeugen, die als Symbiont in den Flechten einen schnelleren Ligninaufbau in den Bäumen bewirken.«
Die Evolution steuern, dachte Leo. Natürlich machten sie in seinem Labor letztlich das Gleiche, aber bisher hatte er es selten so betrachtet. Genau dazu brauchte man diesen Blick von außen: um Abstand zur eigenen Arbeit zu gewinnen und besser zu erkennen, was man da eigentlich tat.
»Warum wollt ihr den Ligninaufbau denn beschleunigen?«, fragte Brian. »Wozu wäre das gut?«
»Wir hoffen, dass das Verfahren als Kohlenstoffsenke dienen kann.«
»Inwiefern?«
»Nun, wie Sie alle wissen, wird derzeit viel darüber nachgedacht, wie man der Atmosphäre das CO2, das wir freisetzen, wieder entziehen kann, indem man es in irgendeiner Form von Kohlenstoffsenke einlagert. Aber bisher sieht keine Methode besonders vielversprechend aus. Einer der Vorschläge ist seit Langem, das Wachstum von Pflanzen zu beschleunigen, aber meistens ist dabei von kurzlebigen Pflanzen die Rede, die das CO2 beim Verrotten natürlich gleich wieder freisetzen. Man müsste also schon sehr viele sehr tiefe Torfmoore anlegen. Ansonsten sind kleine Pflanzen als CO2-Speicher einfach nicht gut geeignet.«
Die Zuhörer nickten.
»Bäume dagegen haben seit mehreren hundert Millionen Jahren Übung darin, sich nicht von Mikroben zersetzen und in gasförmige Komponenten zerlegen zu lassen. Eine der Möglichkeiten wäre also, größere Bäume zu züchten, aber das hat sich als gar nicht so einfach erwiesen.« Sie griff nach einem Rotstift und skizzierte auf dem Whiteboard einen Baum mitsamt dem zugehörigen Erdboden. Es sah aus wie die Zeichnung einer Fünfjährigen. »Tut mir leid. Jedenfalls, die meisten Bäume können aus physikalischen Gründen gar nicht größer werden, wegen der Bodenbeschaffenheit oder der Windstärke. Man müsste sie also entweder dicker machen oder dazu bekommen, dass sie dichtere Wurzeln bilden.« Sie zeichnete ihrem Baum mehr Wurzeln. »Aber um das auf direktem Weg zu erreichen, müsste man die Gene der Bäume auf eine Weise verändern, die ihnen in anderer Hinsicht schadet. Außerdem würde sich die Wirkung nur sehr langsam einstellen.«
»Es funktioniert also nicht«, sagte Brian.
»Richtig«, erwiderte sie geduldig. »Aber viele Bäume sind von Flechten besiedelt, und diese Flechten regulieren auch die Ligninproduktion, und diesen Vorgang könnte man durchaus anschubsen. Die Bäume würden dann in ziemlich hohem Tempo CO2 einlagern, und dieses CO2 bliebe der Atmosphäre entzogen, so lange der Baum lebt.
Letzten Endes wollen wir also veränderte Baumflechten erzeugen. Für die Photosynthese der Flechten ist der Algenanteil verantwortlich, und mithilfe von Yanns Algorithmen haben wir Gene gefunden, die den Stoffwechsel beschleunigen. Und jetzt möchten wir die Flechten dazu bewegen, den zu viel erzeugten Zucker in die Wurzeln des Wirtsbaums auszulagern. Es sieht ganz so aus, als könnten wir die Wurzelbildung und das Dickenwachstum der Bäume signifikant verstärken.«
»Und wie viel CO2 ließe sich dadurch speichern?«
»Nun ja, wir haben verschiedene Szenarien durchgerechnet, in denen die Flechten Wälder unterschiedlicher Größe besiedeln, bis hin zu sämtlichen Wäldern der gemäßigten Breiten. In dem Fall würden der Atmosphäre mehrere Milliarden Tonnen CO2 entzogen.«
»Wow.«
»Eben. Noch dazu ziemlich schnell.«
»Passt bloß auf, dass ihr keine Eiszeit auslöst«, sagte Brian im Scherz.
»Stimmt. Aber das wäre ein Problem für später. Und wie man die Erde aufwärmt, wissen wir schließlich. Im Augenblick wäre uns einfach mit jeder Methode der CO2-Speicherung geholfen. Auf uns kommen bekanntlich ein paar schlimme Dinge zu.«
Sie alle betrachteten das Durcheinander aus Buchstaben, Linien und Baumzeichnungen auf dem Whiteboard.
Schließlich brach Leo das Schweigen. »Wow, Eleanor. Das war sehr interessant.«
»Bei eurem Transferproblem hilft es euch allerdings nicht.«
»Stimmt, aber das macht nichts, das war ja nicht deine Aufgabe. Es war trotzdem interessant. Nur eben ein ganz anderes Problem. So was kommt vor. Wirklich klasse! Hast du das schon dem Rektor gezeigt?«
»Nein.« Sie schien überrascht.
»Mach das mal. Für solche Themen kann er sich richtig begeistern, und er hat das wissenschaftliche Arbeiten ja nicht eingestellt. Er hat immer noch sein eigenes Labor, trotz seiner Aufgaben als Rektor.«
Eleanor nickte. »Du hast recht. Er hat uns schon sehr unterstützt.«
»Gut. Und hör zu, ich hoffe, Marta wird weiter mit dir zusammenarbeiten. Vielleicht stoßt ihr ja sogar auf einen Aspekt der Genregulierung, den wir übersehen haben.«
»Da habe ich so meine Zweifel. Aber vielen Dank.«
Wenig später erhielt Leo eine E‑Mail von Derek, in der dieser ihn aufforderte, ihn zu einem Treffen mit dem Vertreter einer Risikokapitalgesellschaft zu begleiten. In den Zeiten, als Torrey Pines noch als spannendes junges Start-up galt, war das öfter geschehen; Leo wusste also, was ihn erwartete. Bei der Vorstellung, erneut bei so etwas mitspielen zu müssen, war ihm gar nicht wohl. Zumal es womöglich um die »schnelle hydrodynamische Insertion« gehen würde. Leo wollte auf keinen Fall in die Rolle geraten, einem Außenseiter gegenüber Dereks unbegründete Behauptungen untermauern zu müssen.
Derek versicherte ihm jedoch, dass er alle »spekulativen« Fragen der Gegenseite selbst beantworten würde. Obwohl ein Risikokapitalgeber doch vermutlich genau solche Fragen stellen musste.
»Und war wäre dann meine Aufgabe?«
»Sie sollen alle technischen Fragen zu dem Verfahren beantworten.«
Na toll.
Kurz vor dem Treffen erhielt Leo eine Kopie der Unterlagen, die Derek vorab an Biocal geschickt hatte, eine Risikokapitalgruppe, die in der Anfangszeit von Torrey Pines schon einmal in die Firma investiert hatte. In der Kurzfassung des Geschäftsplans sowie dem Angebot für Investoren wurde das Potenzial der schnellen hydrodynamischen Transfermethode sehr optimistisch dargestellt. Beim Lesen zog sich Leo immer mehr der Magen zusammen.
Das Treffen fand in den Räumen von Biocal statt. Die Firma hatte ihren Sitz in einem schicken Gebäude im Zentrum von La Jolla, nicht weit von der Prospect Street und dem Point. Aus den Fenstern des Sitzungszimmers hatte man einen weiten Blick die Küste entlang. Jenseits der Klippen konnte man fast die Gebäude von Torrey Pines erkennen.
Ihr Gastgeber Henry Bannet war ein schlanker, sportlicher Mann Mitte vierzig; er wirkte entspannt und freundlich, wie es in San Diego üblich war. Seine Firma nutzte privates Beteiligungskapital für strategische Investitionen in Biotechnologie-Firmen. In einer Größenordnung von mehreren Milliarden, hatte Derek gesagt. Und in den ersten vier bis sechs Jahren – manchmal noch länger – erwarteten sie keinerlei Gewinn. Sie konnten es sich leisten, ihre Planungen an das übliche Tempo des medizinischen Fortschritts anzupassen. Ihr Spezialgebiet waren längerfristige, hochriskante, aber potenziell auch höchst lukrative Geldanlagen. Banken und vergleichbare Geldgeber waren für derartige Investitionen normalerweise nicht zu gewinnen. Sie waren ihnen zu riskant und zahlten sich zu lange nicht aus. Auf so etwas ließen sich nur Risikokapitalgesellschaften ein.
Weshalb sich natürlich sehr viele kleine Biotech-Firmen um die Unterstützung dieser Leute bemühten. Allein in der Gegend von San Diego gab es davon etwa dreihundert, von denen sich nicht wenige nur knapp über Wasser hielten, immer in der Hoffnung auf jenen ersten großen Erfolg, der ihnen entweder genug Geld für die Weiterarbeit oder aber eine Übernahme durch einen Großkonzern bescherte. Risikokapitalgeber konnten sich also aussuchen, wo sie investieren wollten. Viele von ihnen ließen sich dabei von einem bestimmten Interesse oder sogar einer Leidenschaft leiten. Natürlich waren sie auf dem jeweiligen Gebiet dann auch bestens informiert; zur »gebotenen Sorgfalt« bei der Prüfung von Angeboten gehörte für sie neben der finanziellen auch eine wissenschaftliche Analyse. Sie selbst sprachen von »Investition plus«, weil sie viel mehr als nur Geld mitbrachten: Ratschläge, Fachkenntnisse, gute Vernetzung.
Von diesem Bannet hatte Leo den Eindruck, dass er zu den Leidenschaftlichen gehört. Bei aller Freundlichkeit wirkte er sehr konzentriert. Ein Mann, der seine Arbeit ernst nahm. Mit bloßem Gerede würde Derek ihn kaum beeindrucken können.
»Danke, dass Sie sich Zeit für uns nehmen«, sagte Derek.
Bannet winkte ab. »Von Ihnen höre ich immer gern. Ich habe einige Ihrer Veröffentlichungen gelesen und war letztes Jahr auf dem Symposium in L. A. Tolle Ergebnisse.«
»Stimmt, und jetzt sitzen wir an etwas, das die gesamte Gentechnik revolutionieren könnte. Eine Methode, maßgeschneiderte DNA ins Genom kranker Menschen zu praktizieren. Das Verfahren ließe sich für eine ganze Reihe von Therapien verwenden. Schon deswegen sind wir alle völlig begeistert – und wollen unsere Bemühungen natürlich verstärken, damit es schnell vorangeht. Und da Sie uns während der Start-up-Phase so großartig geholfen haben – und sich das für Sie ja auch ausgezahlt hat –, dachte ich mir, ich spreche Sie noch einmal an, beschreibe Ihnen die aktuelle Situation und frage Sie, ob Sie an einer PIPE-Transaktion interessiert sind.«
In Leos Ohren klang das sehr merkwürdig; er musste dabei an Pipeline denken. Bannet zuckte jedoch nicht mit der Wimper, und bald darauf wurde auch Leo klar, dass PIPE für eine bestimmte Form von Investition stand: »Private Investment in Public Equity«, die Ausgabe von Aktien an einen kleinen Kreis privater Investoren. Das Akronym war ausnahmsweise einmal gut gewählt, denn es handelte sich tatsächlich um eine Art Pipeline, durch die Geld aus Bannets gut bestücktem Investitionsfonds direkt in Dereks bettelarme Firma fließen sollte.
Aber Bannet war ein alter Hase, der sofort all die geschickt platzierten kleinen Ungenauigkeiten in Dereks Standardsprüchen für Aktionäre und potenzielle Investoren bemerkte. In der Biotech-Branche endeten ungefähr sechzig Prozent aller Start-ups als Fehlschlag; das Risiko, die eigene Investition ganz oder teilweise durch Insolvenz zu verlieren, war also beachtlich. Mit Hinterlist würde Derek hier nichts erreichen. Sie würden mit offenen Karten spielen und darauf hoffen müssen, dass Bannet sich trotzdem überzeugen ließ.
Nachdem Derek Bannet eine Serie von Tabellen zu den Finanzen der Firma auf seinem Laptop präsentiert hatte, ließ sich das Elend ihrer Lage endgültig nicht mehr verschleiern. Mehr Verlust als Gewinn, Entlassungen, Verkauf von Zusatzverträgen und sogar von einigen Kronjuwelen, den Patenten. Leere Kassen.
»Wir mussten uns auf die Sachen konzentrieren, die uns am wichtigsten erscheinen«, gab Derek zu. »Dadurch arbeiten wir jetzt definitiv effizienter, aber wir haben eben keine Reserven mehr, nichts, was wir noch in das aktuelle Projekt stecken könnten. Dabei hat es so unglaublich viel Potenzial. Deshalb schien es uns an der Zeit, uns um Unterstützung von dritter Seite zu bemühen. Da diese finanzielle Hilfe für uns so entscheidend ist, würden wir einem Investor natürlich sehr attraktive Konditionen bieten.«
»Ah ja.« Worauf sich dieses Ja bezog, war nicht ganz klar. Beim Betrachten der Tabellen hatte Bannet immer wieder ein leises Schnalzen von sich gegeben oder freundlich »Hmmm hmmm, hmmm hmmm« gemurmelt, aber während er jetzt über den Inhalt der Tabellen nachdachte, verriet seine Miene nur noch höchste Konzentration. Dieser Mann war definitiv mit Leidenschaft bei der Sache.
»Erzählen Sie mir mehr über diesen Algorithmus«, bat er schließlich.
Derek sah Leo an, und dieser sagte: »Der Mathematiker, der ihn entwickelt, arbeitet erst seit kurzer Zeit für Torrey Pines. Unser Labor hat gemeinsam mit ihm einen Satz von Rechenoperationen daraufhin überprüft, wie gut sich mit ihnen vorhersagen lässt, welche Proteine mit einem bestimmten Gen assoziiert sind, und wie Sie sehen« – er rief auf seinem Laptop das erste Diagramm seines Arbeitsberichts auf – »ist das Ergebnis unter bestimmten Umständen richtig gut.« Er deutete auf den Bildschirm.
»Wie würde sich das auf Ihr Verfahren zum Gentransfer auswirken?«
»Im Augenblick benutzen wir den Algorithmus, um möglichst gute Liganden für Rezeptoren an den Zellen der Zielorgane zu finden. Außerdem suchen wir mit seiner Hilfe nach Proteinen, die möglichst gut die Zellmembran passieren, wenn wir sie in dem hydrodynamischen Verfahren einsetzen, an dem wir seit einigen Monaten forschen.« Während er sich durch die Diagramme klickte, bis er zu den Ergebnissen der Experimente kam, versuchte er, Brians und Martas Bezeichnungen für das Verfahren aus seinen Gedanken zu verbannen. Auf keinen Fall durfte er es jetzt die Glubschaugen- oder Mäuseplatzmethode nennen. »Wie Sie sehen« – wieder deutete er auf die entsprechenden Ergebnisse –, »haben wir unter bestimmten Bedingungen eine recht gute Sättigung erreicht.« Da das ziemlich schwach klang, fügte er noch hinzu: »Der Algorithmus hat sich auch schon bei einem anderen Projekt als nützlich erwiesen, bei dem wir mit Botanikern von der Uni kooperieren. Dabei geht es um die Entwicklung von Algen.«
»Wo ist da die Verbindung zu Ihrer Arbeit?«
»Nun ja, das ist eher grüne Gentechnik.«
Bannet sah Derek an.
»Bei TPG konzentrieren wir uns auf ein verbessertes Verfahren zum zielgerichteten Gentransfer. Aber die Methode funktioniert offensichtlich sehr gut und kann natürlich in anderen Labors auf zahlreiche andere Probleme angewandt werden.«
Doch es war zu offensichtlich: Ihre bisher besten Ergebnisse stammten aus einem Gebiet, das sich vermutlich nie für die Humanmedizin würde nutzen lassen. Und Torrey Pines Generique war zum Zweck medizinischer Forschung gegründet worden.
»Es sieht vielversprechend aus, oder?«, sagte Derek. »Gut möglich, dass dieser Algorithmus ein Naturgesetz widerspiegelt. Eine Grammatik der Genexpression. Was eine ganze Serie von Patenten zur Folge hätte.«
»Hmm hmm.« Bannet blickte erneut auf Dereks Laptop, dessen Bildschirm noch immer eine Tabelle zu den Finanzen der Firma zeigte. Sie bot wirklich einen jämmerlichen Anblick. Andererseits hatte Bannet bestimmt öfter mit solchen Fällen zu tun, würde also vermutlich nicht mit Entsetzen oder Ablehnung reagieren. Er würde einfach seine Einschätzung der Risiken entsprechend anpassen und sich auf dieser veränderten Basis entscheiden.
»Das sieht alles sehr interessant aus«, sagte er schließlich. »Natürlich bringt es immer eine gewisse Unsicherheit mit sich, wenn eine Firma alles auf eine Karte setzt. Aber manchmal braucht es ja nur die eine Karte. Um ehrlich zu sein, ich bin unentschlossen.«
Derek nickte zögernd. »Nun ja. Wie Sie wissen, sind wir sehr von der Wichtigkeit guter Therapien für besonders schwere Krankheiten überzeugt. Also haben wir uns darauf konzentriert, und nun müssen wir eben die besten Ideen, die sich daraus ergeben haben, weiterverfolgen. Darum arbeiten wir so intensiv an einer Erhöhung des HDL-Spiegels. Verbunden mit dem Verfahren zum zielgerichteten Gentransfer ließen sich damit vermutlich Milliarden verdienen.«
»Und die Erhöhung des HDL-Spiegels …«
»Die Ergebnisse dazu sind noch nicht veröffentlicht. Wir wollen zunächst die Frage der Patentierung klären.«
Leo krampfte sich der Magen zusammen, aber er schaffte es, keine Miene zu verziehen.
Auch Bannets Miene verriet keine Regung. Er wirkte so freundlich und verständnisvoll wie zuvor, aber sein Blick war durchdringend. »Bitte schicken Sie mir den vollständigen Geschäftsplan. Und sämtliche wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema. Mit allen Daten. Ich werde das mit einigen meiner Partner besprechen. Ich möchte hören, was sie dazu sagen. Das ist nichts Ungewöhnliches. So große Vorhaben entscheide ich selten allein. Und einige meiner Kollegen interessieren sich auch für Agro-Pharmakologie.«
»Na klar.« Derek überreichte ihm einen vorbereiteten Hochglanzhefter. »Das verstehe ich natürlich. Wenn Sie möchten, treffen wir uns auch gern noch einmal mit Ihren Kollegen. Um weitere Fragen zu beantworten.«
»Das klingt gut, vielen Dank.« Bannet legte den Hefter auf den Tisch. Nach ein paar letzten Höflichkeiten und einer Runde Händeschütteln wurden Derek und Leo zum Ausgang begleitet.
Leo hätte nicht sagen können, ob das Treffen gut oder schlecht verlaufen war.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
