von Kim Stanley Robinson
Kalifornien ist etwas Besonderes.
Goldsucher zog es nach Westen bis an die Küste des Ozeans, in ein schönes, entlegenes Land, das durch Gebirge und Wüste, Prärie und Meer von der übrigen Welt getrennt war. Dort ging es nicht weiter, und sie erkannten, dass sie sich ein neues Leben aufbauen mussten.
Eine zivile Gesellschaft, die erst nach dem Bürgerkrieg entstand. Eine bunte Schar von Argonauten, geprägt vom Goldfieber und dem Sendungsbewusstsein der Pioniere, aber auch von Emerson und Thoreau, Lincoln und Twain und dem Kalifornier John Muir. Hier endet unser Weg, sagten sie zueinander, deshalb muss hier alles anders sein. Sonst war die gesamte Geschichte der Menschheit sinnlos.
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Was dann folgte, war teils gut und teils schlecht. Am Ende war es wie überall, wenn auch vielleicht etwas extremer.
Aber zu den guten Dingen, die geschahen, gehörte die Gründung – durch Lincoln angeregt – einer öffentlichen Universität. Berkeley 1867, die Farm in Davis 1905. Weitere Standorte folgten; auch in den 1960er Jahren schossen noch einmal neue aus dem Boden wie Blumen auf einer Wiese. Die University of California. Eine mächtige Institution.
Auch ein ozeanographisches Institut in La Jolla wünschte sich in den 1960ern einen Campus in seiner Nähe. Gleich nebenan befand sich ein Schießplatz des U. S. Marine Corps; also baten die Ozeanographen die Marines, ihnen das Gelände zu überlassen. Die Marines stimmten zu. Geschenktes Land, genau wie Washington, nur dass es sich hier um einen Eukalyptushain auf hohen Klippen über dem Pazifik handelte.
University of California, San Diego.
Zu der Zeit war Kalifornien bereits zu einem Drehkreuz geworden, San Francisco zu einer Großstadt, Hollywood zu einer Traummaschine. Und die UCSD, eine Kopfgeburt wie Athene, der hohen Stirn des Staates entsprungen, wurde zum Glückskind dieser Zeit. Bedeutende Wissenschaftler kamen von überallher, um in mediterraner Umgebung am Rand der Welt etwas Neues aufzubauen.
Sie gründeten nicht nur eine Universität, sondern erfanden auch etwas Neues: die Biotechnologie. Athenes Geschenk an die Menschheit. Eine Universität, die zugleich lehrt und heilt, die dem Volk gehört und sich nicht am Profit orientiert. Eine öffentliche Institution in einer Welt, die immer stärker von Privatinteressen geprägt wird. Zäh und entschlossen, dem Allgemeinwohl verpflichtet, sehr fokussiert. Was wird sie uns noch bescheren?
* * * * *
Zunächst hatte Frank vor, in Yann Pierzinskis Formular Nr. 7 eine Bemerkung einzufügen, in der er ihm vorschlug, sich bei Torrey Pines Generique um Unterstützung zu bemühen. Dann beschloss er jedoch, lieber den Weg über Derek Gaspar zu nehmen. Das konnte er persönlich erledigen, wenn er nach San Diego flog, um seine Rückkehr aus Washington vorzubereiten.
Eine Woche später war es so weit. In Dallas umsteigen, gleich nach dem zweiten Start wieder einschlafen. Er wachte auf, als er spürte, wie das Flugzeug in den Sinkflug ging. Da befanden sie sich noch über Arizona, und unter ihnen zogen riesige ausgedörrte Gesteinsformationen vorbei. Der Anblick weckte etwas in ihm, das nicht erst seit wenigen Stunden schlief. Dies war seine Heimat. Wirklich erstaunlich, wie sehr sich der amerikanische Westen von der Ostküste unterschied. Frank lehnte die Stirn gegen das Kabinenfenster und blickte dem nächsten sonnenverbrannten Höhenzug entgegen. Ich muss unbedingt surfen gehen, sagte er sich.
Die hellen Brauntöne der Mojave machten dem hohen buschbestandenen Küstengebirge Südkaliforniens Platz. Dann schoben sich die ersten Vororte ins Blickfeld. Auf eingeebneten Hügeln und aufgeschütteten Tälern erstreckten sie sich Richtung Osten; San Diego dehnte sich immer weiter aus. Bulldozer planierten Bauflächen für weitere Siedlungen. Auf den Schnellstraßen glitzerte dichter Autoverkehr.
Das Flugzeug sank tiefer. Links sah er jetzt die gläsernen Hochhäuser der Innenstadt; sie schienen bis zu ihrer Flughöhe aufzuragen. Für Frank waren sie wie ein früheres Zuhause, denn als junger Mann hatte er dort einmal ein Jahr gearbeitet. Er wusste noch genau, an welchen Häusern er damals herumgeklettert war; sie hatten sich ihm ins Gedächtnis eingeprägt. Es war ein gutes Jahr gewesen, in der Zeit, als er sein Graduiertenstudium aus Ärger über seinen Betreuer vorübergehend unterbrochen hatte. Zuerst war er zum Klettern in den Yosemite-Nationalpark gefahren und hatte den Sommer in Camp 4 verbracht. Als ihm das Geld ausging, hatte er beschlossen, sich einen Job zu suchen, bei dem nicht sein geistiges, sondern sein körperliches Können gefragt war – der typische Fehler eines jungen Menschen. Immerhin hatte er sich nicht eingebildet, er könnte sich seinen Lebensunterhalt als professioneller Industriekletterer verdienen. Aber für die Wartung der Hochhausfenster waren ähnliche Fähigkeiten notwendig. Außer dem Säubern der Glasflächen gehörten auch Reparatur- und Austauscharbeiten dazu. Es war ein seltsamer, aber wundervoller Beruf: sich von den Dächern der Wolkenkratzer abseilen, Fenster putzen, Fugen abdichten und Bleche reparieren, gesprungene Scheiben ersetzen und vieles mehr. Das Klettern selbst war nicht weiter schwierig; meist konnte man bequem von einer Plattform aus arbeiten, und Sicherungsgeräte, T‑Träger, Aufhängungen und alle anderen Teile der Ausrüstung waren bombensicher. Wie bei allem, was mit Klettern zu tun hatte, waren seine Kollegen eine bunt gemischte Truppe gewesen – von Cowboys, die kaum lesen konnten, bis zu exzentrischen Nietzsche- oder Adam-Smith-Kennern. An den Fenstern zu arbeiten, hatte etwas merkwürdig Befriedigendes. Der Nietzsche-Experte nannte es die Apotheose kleinkindlicher Fähigkeiten: alte Dichtungen herausschneiden, heiße Dichtungsmasse hineinpressen, Schrauben lösen, Schrauben festziehen, riesige Saugnäpfe gegen Glasscheiben drücken, die Scheiben heraushebeln und mithilfe einer Winde auf die Plattform oder hinauf zum Dach befördern – das alles dicht unter den Wolken, umweht von kühler Meeresluft; bei Sonnenschein warm, im Wolkenschatten kalt. Und unter ihm die gesamte Innenstadt von San Diego, sodass er in den Arbeitspausen immer Unterhaltung hatte. Wenn er um sich blickte, spürte er manchmal ein plötzliches Aufwallen von Glück, etwas, das er sonst selten erlebte.
Irgendwann hatte ihn die eintönige Arbeit jedoch gelangweilt, und er hatte aufgehört und war auf Reisen gegangen, bis seine Ersparnisse aufgebraucht waren. Schließlich war er in die Welt der Akademiker zurückgekehrt, zunächst nur versuchsweise, in einem anderen Labor, bei einem anderen Betreuer, an einer anderen Universität. Dort war es ihm besser ergangen. Letzten Endes hatte es ihn aber wieder an die Uni in San Diego verschlagen. Er war in San Diego aufgewachsen; nirgendwo sonst auf der Welt fühlte er sich so gut.
Auch jetzt stellte sich ein wohliges Gefühl ein, als er die verglaste Fußgängerbrücke verließ, die vor dem Flughafen über die Straße führte, und im Außenfahrstuhl zu den Shuttlebussen der Mietwagenfirmen hinunterfuhr. Ein Primat auf heimischem Boden. Alles war hier vertraut: der Winkel, in dem die Sonnenstrahlen einfielen, die Form der Hügel, vor allem aber die Art, wie sich die Luft auf der Haut anfühlte, dieses ganz spezielle Zusammenspiel von Temperatur, Feuchtigkeit und Salzgehalt, das es nur in San Diego gab. Als würde er nach einem Jahr im Smoking endlich wieder die altvertraute Kleidung tragen.
Er holte seinen Mietwagen ab und fuhr los. Auf der Schnellstraße nach Norden war der Verkehr dicht, aber nicht unerträglich, und die Fahrer nahmen sich ein Beispiel an den Staren und befolgten die zwei Grundregeln aller Vogelschwärme: Möglichst großen Abstand halten und Möglichst selten die Geschwindigkeit ändern. Die besten Autofahrer der Welt. Mission Bay und Mount Soledad links liegen lassen und weiter in die Gegend, wo jede einzelne Ausfahrt eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hatte. Am Gilman Drive abbiegen und durch die enge Schlucht zwischen den Wohnblöcken, vorbei an einem Haus, in dem er einmal eine Nacht mit einer Frau verbracht hatte. Ach ja, damals war ihm so etwas noch passiert.
Dann die Uni. Sein Basislager. Der Eukalyptushain auf dem Campusgelände gefiel ihm immer noch, selbst nach einem Jahr in den großen Laubwäldern der Ostküste. Diese Bäume fand er bezaubernd, sogar tröstlich. Ursprünglich hatten sie Schwellen für den Eisenbahnbau liefern sollen, aber das Holz hatte sich als unbrauchbar erwiesen. Jetzt bildeten sie eine Art Koordinatengitter für den Raum, in dem die Colleges mit ihren unterschiedlichen Baustilen lagen.
Nach einem Nachmittag, der mit Fakultätsterminen gespickt war, blieben ihm noch eineinhalb Stunden bis zu seinem Treffen mit Derek. Auf dem Unigelände einen Parkplatz zu finden, war immer ein Albtraum gewesen, aber diesmal hatte ihm Rosario einen der Stellplätze der Abteilung zugeteilt, und da Torrey Pines nur wenige hundert Meter entfernt lag, beschloss Frank, zu Fuß zu gehen. Dann kam ihm die Idee, die Kletterroute zu benutzen, die er einmal zusammen mit ein paar Wohngenossen aus dem Revelle College entdeckt hatte. Das wäre eine nette Art, die Wartezeit zu füllen.
Also folgte er zunächst dem La Jolla Shores Drive und dann der La Jolla Farms Road bis zu der Freifläche am Oberrand der Klippen. Das Plateau gehörte noch zum Unigelände; es war fast quadratisch und endete auf zwei Seiten an Schluchten, die zum Strand hinunterführten. Die dritte Seite bildeten die Klippen. Das Land war nie bebaut worden, und da man auf ihm alte Grabstätten entdeckt hatte, die auf siebentausend Jahre vor unserer Zeitrechnung datiert wurden, würde das vermutlich auch dauerhaft so bleiben. Von dem Plateau aus hatte man einen großartigen Ausblick; es gehörte zu Franks Lieblingsorten. Eine Zeit lang hatte er praktisch hier gewohnt und jede Nacht im Freien geschlafen. Mit Frauen hatte er sich hier auch getroffen – o Mann, richtig –, und immer wieder war er auf dem steilen Surferpfad bei Blacks Canyon zum Strand hinuntergestiegen.
Am Klippenrand stieß er auf ein Warnschild: Der Weg war wegen Küstenerosion gesperrt. Tatsächlich führte jetzt statt des Pfades eine Art Wasserrinne nach unten. Dennoch wollte er sein Vorhaben nicht aufgeben. Er folgte dem Klippenrand nach Süden. Der Seewind zerrte an ihm; der Blick war trotz der grauen Wolkendecke atemberaubend. Wie so oft bei bewölktem Himmel wirkte der Abstand zum Horizont noch größer; die zwei Flächen – Meer und Himmel – kamen einander unendlich langsam näher. Kalifornien als vorderste Front der Menschheitsentwicklung: eine bescheuerte Idee, aber in einer einzigen Hinsicht traf sie zu: Man stand hier wirklich am Rand der Welt.
Umwerfend. Und durch die schmalere Schlucht am Südrand der Freifläche führte ein Weg nach unten, dem Frank allen Verboten zum Trotz zu folgen gedachte. In seiner Studienzeit hatten ihn nur ein paar seiner engsten Kumpels benutzt, denn der erste Abstieg führte über einen beängstigend langen und schmalen Vorsprung zwischen zwei Rinnen, die sich tief in den körnigen Sandstein gegraben hatten. Der Trick bestand darin, schnell und mutig hinunterzusteigen, also tat er genau das, glitt aber am Fuß des Vorsprungs aus und rutschte auf der Seite liegend weiter nach unten. An der anderen Wand der Rinne konnte er den Sturz schließlich abbremsen. Von dort hüpfte er ohne weitere Zwischenfälle ganz hinunter.
Dann war er am Strand. Aufgrund der Klippen in seinem Rücken dröhnte die Brandung hier noch lauter als anderswo. Frank folgte dem Strand Richtung Norden. Auch dies war ein sehr vertrautet Ort: Blacks Beach, die zweite Heimat aller Surfer an der Uni.
Der Aufstieg nach Torrey Pines Generique bot genau die umgekehrten Schwierigkeiten wie der Abstieg: der steilste Abschnitt begann gleich unten am Strand. Eine fast senkrechte Wasserrinne führte zu einem stabilen Sims in etwa zwölf Metern Höhe; er musste gleich rechts neben der grünen Algenspur freihändig am Fels hinaufklettern. Danach stieg er einfach weiter das Bachbett hinauf und erreichte nicht weit vom Startplatz der Drachenflieger den Oberrand der Klippen. Dort entdeckte Frank ein weiteres Warnschild: Auch sein Aufstieg hatte gegen die Vorschriften verstoßen.
Nun ja. Es hatte trotzdem Spaß gemacht. Er fühlte sich erfrischt und zum ersten Mal seit Wochen richtig wach. So war das eben, wenn man wieder zu Hause war. Jetzt nur schnell die etwas schweißfeuchten und von Gischt benetzten Haare glattstreichen, dann rein ins Gebäude und schauen, was ihn dort erwartete.
Frank betrat das parkähnliche Gelände von Torrey Pines Generique und passierte das Tor, das noch strenger gesichert war als früher. Wie ausgestorben, dachte er, als er den langen Fluren zu Dereks Büro folgte. Sie müssen wirklich eine Menge Leute entlassen haben.
Eine Sekretärin geleitete ihn ins Büro. Derek erhob sich hinter seinem breiten Schreibtisch und gab ihm die Hand. Seit Franks letztem Besuch hatte sich hier nichts verändert: weiter Blick auf den Pazifik, gerahmter Artikel aus U. S. News & World Report mit einer Porträtaufnahme von Derek, Fotos vom Skifahren.
»Und, was gibt’s Neues bei den Wissenschaftsbürokraten?«
»Sie nennen sich Technokraten.«
»Bestimmt ein riesiger Unterschied.« Derek schüttelte den Kopf. »Ich werde nie begreifen, warum du da hingegangen bist. Aber vermutlich hast du die Zeit gut genutzt.«
»Ja.«
»Und jetzt bist du fast schon wieder hier.«
»Ja, das Jahr ist bald um.« Frank zögerte kurz. »Ich habe es schon am Telefon erwähnt: Mir ist da etwas Interessantes untergekommen. Von jemand, der hier gearbeitet hat.«
»Richtig. Ich habe es mir mal angeschaut: Wir könnten ihn vermutlich auf eine Vollzeitstelle setzen. Bei Caltech wird er nur aus Projektmitteln bezahlt.«
»Gut. Ich fand seine Idee nämlich wirklich interessant.«
»Dann wird die NSF das Projekt also fördern?«
»Nein, die Gutachter war nicht so beeindruckt. Vielleicht haben sie sogar recht – es ist alles noch etwas halbgar. Aber wenn es funktionieren sollte, könntet ihr eure Gene durch eine Computersimulation schicken und dann nachsehen, ob die gesuchten Proteine dabei sind. Das würde den Vorgang erheblich beschleunigen.«
Derek sah ihn scharf an. »Eigentlich haben wir kein Geld für neue Leute, das weißt du doch.«
»Ja, das weiß ich. Aber der Typ ist Postdoc, oder? Und Mathematiker. Bei der NSF hat er praktisch nur Geld für Rechenzeit beantragt. Ihr könntet ihn zum Anfängergehalt einstellen, das kostet fast nichts. Ich meine, wenn selbst das schon zu teuer wäre …«
»Was meinst du denn mit interessant?«
»Das habe ich dir doch gerade erklärt. Gib ihm eine volle Stelle und lass ihn den üblichen Vertrag unterschreiben, einschließlich der Klauseln zum geistigen Eigentum. Achte drauf, dass die wirklich wasserdicht sind.«
»Schon verstanden, aber was ist daran interessant?«
Frank seufzte. »Es schafft eventuell euer Problem mit dem zielgerichteten Gentransfer aus der Welt. Falls das Verfahren funktioniert und du es patentieren lässt, könnt ihr mit der Lizenzvergabe vermutlich eine Menge Geld verdienen.«
Derek schwieg. Er wusste, dass Frank wusste, dass die Firma praktisch im Koma lag. Mit Banalitäten würde Frank ihn also gar nicht erst behelligen. Auch nicht mit großartigen Plänen, für die man Zeit und Kapital brauchte. Was er da vorschlug, musste also etwas sein, das ihnen tatsächlich helfen konnte.
»Warum hat er denn Geld bei der NSF beantragt?«
»Keine Ahnung. Vielleicht weil er es bei euch nicht bekommen hat. Oder sein Betreuer hat ihm dazu geraten. Aber ein paar von deinen Leuten arbeiten doch jetzt schon an dem Transferproblem. Setz die darauf an. Sobald du ihn eingestellt hast.«
»Warum redest du nicht selbst mit ihnen? Geh zu Leo Mulhouse, sprich ihn darauf an.«
»Na ja …« Frank dachte darüber nach. »Okay. Ich schau mir an, wie es bei ihnen so läuft, und du holst Pierzinski an Bord. Danach sehen wir weiter.«
Derek nickte, aber er wirkte immer noch unzufrieden. »Weißt du, Frank, was wir wirklich brauchen, bist du. Seit du hier aufgehört hast, ist nichts mehr wie früher. Vielleicht können wir dich ja auch engagieren, sobald du wieder in Kalifornien bist. Nur in dem Umfang, wie die Uni es zulässt.«
»Ich denke, für neue Leute habt ihr kein Geld.«
»Das stimmt schon, aber für dich würden wir schon eine Lösung finden. Oder?«
»Kann sein. Aber lass uns darüber später reden. Erst einmal muss ich bei der NSF fertig sein. Und nachsehen, was aus meinem Blind Trust geworden ist. Irgendwann hatte ich auch mal Aktienoptionen von euch.«
»Aber klar doch. Mit denen können wir dich zuschütten, Frank.«
»Das wäre nett.«
Aktienoptionen zu vergeben kostete das Unternehmen gar nichts. Es war vor allem eine nette Geste; Geld brachte es nur ein, wenn mit dem Unternehmen und den Aktienmärkten alles gut lief. Und da der NASDAQ schon so lange im Keller war, galten Optionen inzwischen kaum noch als echte Vergütung. Eher als eine Art Lotterielos. Daher munterte es Derek ein Stück weit auf, dass Frank offensichtlich noch an Optionen interessiert war. Es war ein Zeichen, dass er nach wie vor an die Firma glaubte.
Draußen auf dem Gang seufzte Frank erst einmal. Torrey Pines Generique machte wirklich keinen gesunden Eindruck. Aber man konnte nie wissen. Meistens schaffte Derek es ganz gut, sich über Wasser zu halten. Leider war Sam Houston nur eine Belastung. Den Job des wissenschaftlichen Beraters müsste er selbst übernehmen. Als freier Mitarbeiter, wegen seiner Stelle an der Uni. Wenn sie dann auch noch Pierzinski einstellten, wendete sich vielleicht doch noch alles zum Guten. Denn seine Idee hatte Potenzial. Riesiges Potenzial.
Frank schlenderte zu Leos Labor hinüber. Hier ging es deutlich lebhafter zu als auf dem übrigen Gelände – Menschen hasteten umher, Apparate surrten, es roch nach Lösungsmittel. Und Leben bedeutete Hoffnung. Es sei denn, die Leute machten einfach blind immer weiter, wie die Musikkapelle auf der Titanic.
Frank betrat den Laborraum und plauderte ein wenig mit Leo und seinen Mitarbeitern. Dabei erwähnte er, dass Derek ihn hergeschickt hatte, um mit ihnen über die aktuelle Lage zu reden. Woraufhin Leo unverbindlich nickte und ihm einen kurzen Überblick lieferte. Beim Zuhören dachte Frank: Endlich ein Wissenschaftler, der wirklich im Labor arbeitet. Und zwar unter optimalen Bedingungen. Er hat sein eigenes Labor, er hat ein Problem, das ihn völlig in Anspruch nimmt, und er arbeitet mit voller Kraft. Eigentlich müsste er glücklich sein, aber ganz offensichtlich ist er nicht glücklich. Und das kann nicht daran liegen, dass er eine harte Nuss zu knacken hatte. Im Labor hat man es ständig mit harten Nüssen zu tun.
Also lag es an etwas anderem. Vermutlich daran, dass er wusste, wie es um die Firma stand – denn das musste ihm einfach klar sein. Vermutlich fühlte er sich deshalb so unwohl. Die Musiker auf der Titanic konnten auch spüren, wie sich das Deck unter ihnen zur Seite neigte. In dem Fall hatte es geradezu etwas Heroisches, dass sie trotzdem weiterspielten.
Aber etwas daran ärgerte ihn auch. All diese Leute blieben auf ihren ausgetretenen Pfaden. Sie hielten sich an ihren Plan, selbst wenn dieser Plan nichts taugte. Normale Wissenschaft, im Kuhn’schen, aber auch im alltäglichen Sinn. Alles ganz normal, das System würde schon funktionieren – selbst wenn für alle offensichtlich war, dass es erstens schlecht konstruiert und zweitens defekt war. Wieso machten sie trotzdem weiter? Warum waren sie so blind, so wild entschlossen, so schwer von Begriff?
Er brachte seinen inhaltlichen Vorschlag an. »Vielleicht wäre es ja möglich, die Gene in Computersimulationen zu testen und auf dem Weg die gesuchten Proteine zu finden.«
Leo schien verwirrt. »Dazu bräuchte man aber, also, mindestens doch eine Theorie, wie die Genexpression in der DNA kodiert ist.«
»Stimmt.«
»Das wäre natürlich nett, aber ich wüsste nicht, wo es so etwas gibt.«
»Nein, aber wenn man es hätte … Hat George nicht an etwas in der Richtung gearbeitet? Oder einer seiner Zeitvertragsleute? Pierzinski?«
»Ja, richtig. Yann hatte ein paar wirklich interessante Ideen. Aber er arbeitet nicht mehr hier.«
»Ich glaube, Derek will ihn wieder einstellen.«
»Gute Idee.«
In dem Augenblick betrat Marta das Labor. Als sie Frank bemerkte, blieb sie überrascht stehen.
»Hi, Marta.«
»Hi, Frank. Ich wusste gar nicht, dass du vorbeikommst.«
»Ich auch nicht.«
»Nicht? Na dann …« Sie zögerte und wandte sich ab. Sie hätte wenigstens noch etwas sagen sollen, fand Frank. Wenn sie schon so schnell wieder verschwinden musste. »Nett, dich wiederzusehen«, zum Beispiel. Aber sie sagte nur: »Ich muss an die Arbeit, ich bin spät dran.«
Schon war sie zur Tür hinaus.
Erst als Frank später an diese Situation zurückdachte, wurde ihm klar, dass er das Gespräch mit Leo abrupt abgebrochen hatte, um ihr zu folgen, und dass das wohl niemand entgangen war. Er lief bereits auf dem Gang hinter ihr her, bevor er sich dessen überhaupt bewusst war.
Sie drehte sich um und bemerkte ihn. »Was ist?«, fragte sie scharf und sah ihn an, als wollte sie ihn zum Stehenbleiben zwingen.
»Hi, ich wollte nur wissen, wie es dir geht. Wir haben uns ja länger nicht gesehen, da dachte ich, ich frage mal. Hättest du Lust, sollen wir vielleicht irgendwo essen gehen und ein bisschen schwatzen?«
Sie betrachtete ihn von Kopf bis Fuß. »Lieber nicht. Das wäre keine gute Idee. Wir sollten gar nicht erst damit anfangen. Wozu soll das gut sein?«
»Ich weiß nicht, ich würde einfach gern hören, wie es dir geht, mehr ist nicht.«
»Ja, ich weiß, ich weiß, was du meinst. Aber manchmal will man eben Dinge hören, die einem niemand mehr erzählen wird, oder?«
»Äh, ja.«
Er spitzte die Lippen und sah sie an. Sie sah gut aus. Sie war die stärkste und wildeste Frau, die ihm je begegnet war. Trotzdem war es zwischen ihnen irgendwie schiefgelaufen.
Doch er verstand, was sie meinte. Wie ihr heutiges Leben wirklich aussah, würde er nie mehr herausfinden. Weil er voreingenommen war, genau wie sie. Die wenigen Informationen, die sie austauschen könnten, wären völlig unzuverlässig. Ein zweistündiges Gespräch würde daran nichts ändern. Dabei würden nur schlechte Erinnerungen an die Oberfläche gespült. In zehn Jahren vielleicht. Oder auch nie.
Marta musste ihm diese Gedanken vom Gesicht abgelesen haben, denn sie nickte ungeduldig, wandte sich ab und ging davon.
* * * * *
Wenige Tage nach Franks Besuch fand Leo bei der Ankunft im Labor eine E‑Mail von Derek vor. Er öffnete sie, las sie, las dann auch das Dokument im Anhang. Dann leitete er die Mail an Brian und Marta weiter. Als Marta ungefähr eine Stunde später hereinschaute, hatte sie sich bereits damit beschäftigt.
»Hey, Brian«, rief sie an der Tür zu Leos Zimmer. »Komm, sieh dir das an. Derek hat uns eine neue Veröffentlichung von diesem Yann Pierzinski geschickt, der mal eine Zeit lang hier war. Witziger Typ. Es ist eine neuere Version von dem, woran er hier gearbeitet hat. Ziemlich interessant.«
Während sie das alles erklärte, gesellte Brian sich zu ihnen. Marta deutete auf verschiedene Stellen in dem Diagramm auf Leos Bildschirm. »Verstehst du, was ich meine?«
»Nun – ja! Das wäre natürlich großartig. Wenn es denn funktioniert … Vielleicht, wenn man sie immer wieder durch das Programm jagt, bis sich Treffer wiederholen, falls sich welche wiederholen … und dann testet man die mit den besten Liganden, die chemisch gesehen am meisten überzeugen.«
»Und Pierzinski fängt wieder hier an!«
»Wirklich?«
»Ja, er kommt zurück. Derek sagt, wir können ganz über ihn verfügen.«
»Cool.«
Leo sah im Mitarbeiterverzeichnis nach. »Da ist er. Diese Woche neu eingestellt. Frank Vanderwal hat ihn erwähnt, als er hier war, er muss auch mit Derek über ihn gesprochen haben. Gut, Vanderwal sollte das beurteilen können, es ist sein Fachgebiet.«
»Meins auch«, sagte Marta scharf.
»Natürlich, stimmt, ich wollte nur sagen, dass Frank eventuell, na, ihr wisst schon. Gut, wir werden Yann mal bitten, sich unser Problem anzuschauen. Falls sein Verfahren funktioniert …«
»Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert«, sagte Brian. »Ziemlich interessant.« Er googelte Yann, Leo blickte ihm über die Schulter.
»Derek will offenbar, dass wir sofort mit ihm reden.«
»Anscheinend hat er ihn extra für uns eingestellt.«
»Das sehe ich auch so. Also schnappen wir ihn uns, bevor er mit etwas anderem anfängt. Wir sind bestimmt nicht das einzige Labor, das sich über einen Biomathematiker freuen würde.«
»Stimmt, aber so viele Labors gibt es hier gar nicht mehr. Wir werden ihn ganz für uns haben. Übrigens, was meint ihr, was Derek damit sagen will: ›Geben Sie mir schnell eine schriftliche Einschätzung des Potenzials‹?«
»Vermutlich, dass er möglichst bald versuchen will, auf der Grundlage dieser Idee an frisches Geld zu kommen.«
»Scheiße. Ja, das dürfte stimmen. Unglaublich. Okay, lassen wir das verdammte Thema erst mal beiseite. Ich rufe Yann an.«
Das Gespräch mit Yann Pierzinski erwies sich tatsächlich als sehr interessant. Nur wenige Tage später schaute er persönlich in ihrem Labor vorbei, freundlich wie immer und offenbar sehr glücklich darüber, dass er nun dauerhaft bei Torrey Pines arbeiten würde. Offiziell gehörte er zu Georges Gruppe von Mathematikern, berichtete er, aber Derek hatte ihm bereits erklärt, dass er viel mit Leos Labor zu tun haben würde. Er wirkte neugierig und ausgesprochen motiviert.
Leo freute sich, ihn wiederzusehen. Yann neigte immer noch dazu, sehr schnell zu reden, wenn er aufgeregt war, und beim Nachdenken legte er nach wie vor den Kopf schräg. Sein Satz von Algorithmen befinde sich noch in der Entwicklung, erklärte er ihnen, und manche Teile seien noch ganz unfertig, vor allem auch der, den Leo, Marta und Brian brauchten, also die genetische Grammatik. Leo fand das aber nicht weiter schlimm: Bei dem Aspekt konnten sie ihm helfen, so wie er ihnen helfen würde. Sie konnten gemeinsam daran arbeiten. Yann war ein scharfsinniger Denker. Leos Stärke war die Arbeit im Labor, die Planung und Durchführung von Experimenten. Die seltsame Mischung aus Mathematik, formaler Logik und Computerprogrammierung, mit der sich Biomathematiker befassten, gab ihm Rätsel auf. Folglich sah er es gern, dass Yann sich gleich vor seinen Computer setzte und seinen Laptop damit verband.
In den darauffolgenden Tagen testeten sie seine Algorithmen an den Genen ihrer HDL-Zellfabrik: Yann probierte unterschiedliche Prozeduren für die letzten Schritte seiner Rechenoperationen durch, prüfte, was die Computersimulation jeweils ergab, und wählte Kandidaten für ihre Zellkulturexperimente aus. Es dauerte nicht lange, dann hatten sie eine Version der Algorithmen gefunden, die mit gleichbleibend hoher Wahrscheinlichkeit diejenigen Proteine vorhersagte, die zum jeweiligen Zelltyp passten – Schlüssel für ihre Schlösser gewissermaßen. »Darauf habe ich das ganze letzte Jahr hingearbeitet!«, sagte Yann nach einer erfolgreichen Versuchsreihe glücklich.
Nebenbei erzählte er ihnen ein wenig darüber, wie seine Idee entstanden war und dass sie an bestimmte Überlegungen seines Betreuers am Caltech anknüpfte. Marta und Brian fragten ihn, an welche Anwendungen er bei der Entwicklung gedacht hatte. Yann zuckte mit den Achseln. Eigentlich an gar keine, sagte er.
»Aber Yann, siehst du denn nicht, was sich damit alles anfangen lässt?«
»Stimmt vermutlich. Aber Pharmakologie hat mich noch nie interessiert.«
Leo, Brian und Marta starrten ihn an. Natürlich kannten sie ihn noch nicht allzu gut, aber auf sie hatte er immer recht normal gewirkt. Wie jemand, der die Welt um sich herum durchaus wahrnahm. Aber offenbar nicht in jeder Hinsicht.
»Lasst uns Mittagessen gehen«, sagte Leo. »Yann, du bist eingeladen. Ich würde dir gern etwas genauer erklären, was du zu unserer Arbeit beitragen kannst.«
* * * * *
Die Büros der Lobbyagentur Branson & Ananda lagen an der Pennsylvania Avenue, nicht weit von der Kreuzung von C Street und Indiana Street, mit Blick auf den Marktplatz. Charlies Freund Sridar wartete gleich am Eingang auf sie. Zunächst stellte er sie dem alten Branson vor, dann führte er sie in ein Sitzungszimmer mit einem langen Konferenztisch. Nachdem die Khembalis Platz genommen hatten, bot Sridar ihnen Kaffee oder Tee an; alle entschieden sich für Tee. Charlie blieb an der Tür stehen und hüpfte vorsichtig auf und ab, damit Joe auf seinem Rücken schön weiterschlief. Notfalls wollte er schnell nach draußen verschwinden.
»Dann sind Sie also seit 1960 unabhängig?«, fragte Sridar.
»Unser Verhältnis zu Indien ist etwas … komplizierter. Unabhängig in dem Sinn, wie Sie es meinen, sind wir erst seit 1993.« Drepung gab ihm einen kurzen Abriss der Geschichte Khembalungs, und Sridar machte sich Notizen.
»Also – fünf Meter über dem Meeresspiegel bei Flut«, sagte Sridar, als Drepung seinen Vortrag beendet hatte. »Wissen Sie – eins muss ich gleich vorweg sagen: Was den ganzen Aspekt der Erderwärmung angeht, werden wir Ihnen nicht groß helfen können. Der Kongress hat da weitgehend aufgegeben …« Er blickte kurz zu Charlie hinüber. »Tut mir leid, Charlie. Vielleicht nicht direkt aufgegeben. Aber sie haben es unter den Teppich gekehrt.«
Ohne es zu wollen, machte Charlie ein finsteres Gesicht. »Senator Chase hat nicht aufgegeben. Und ein paar andere verschließen auch nicht die Augen. Wir bereiten gerade ein wichtiges Gesetz vor …«
»Ja, ja, stimmt.« Sridar hob eine Hand, um ihn zu bremsen, bevor er sich in Rage reden konnte. »Ihr tut, was ihr könnt. Aber eine ganze Reihe von Kongressabgeordneten ist der Meinung, dass es für Gegenmaßnahmen sowieso schon zu spät ist.«
»Besser spät als nie!«, verkündete Charlie. Fast hätte er damit Joe aufgeweckt.
Drepung blickte kurz Rudra an, dann sagte er zu Sridar: »Das ist uns bewusst. Wir würden nichts Unrealistisches von Ihnen erwarten. Wir wünschen uns einfach Hilfe von jemandem, der mit der üblichen Vorgehensweise vertraut ist. Für den Inhalt unserer Appelle an diese zögerlichen Institutionen wären wir selbst zuständig.«
Sridars Miene blieb unbewegt, aber Charlie wusste genau, was er dachte. »Wir bemühen uns immer, unsere Klienten mit Sachkenntnis und Erfahrung bestmöglich zu unterstützen. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass wir keine Wunder bewirken können.«
»Die Wunder fallen auch in unsere Zuständigkeit«, sagte Drepung.
Witzbolde unter sich, dachte Charlie. Die zwei sollten sich eigentlich gut verstehen.
Sie besprachen, was jede Seite von der anderen erwartete, und Sridar setzte einen Vertrag auf. Dabei übernahm er ganze Passagen aus der Anfrage der Khembalis, wogegen sie nichts einzuwenden hatten. »Eine schlaue Methode, ein faires Abkommen zu verschriftlichen«, bemerkte Sridar.
Später am selben Tag meldete Sridar sich noch einmal telefonisch bei Charlie. Zu dem Zeitpunkt saß Charlie gerade auf einer Bank am Dupont Circle, gab Joe ein Fläschchen und sah nebenher zwei Schachspielern zu. Ihre Züge folgten so schnell aufeinander, dass Charlie nicht mitkam.
»Hör zu, Charlie, das klingt jetzt alles ein bisschen nach Inzucht, schließlich sind diese Leute über dich bei mir gelandet, aber ganz ehrlich: Wenn die Lamas mit jemand reden sollten, dann mit deinem Senator. Das Komitee für auswärtige Beziehungen ist unser wichtigster Ansatzpunkt, und damit sind wir bei Chase. Kannst du vielleicht ein bisschen von seiner kostbaren Zeit für uns abzweigen?«
»Mit etwas Vorlauf sollte das gehen.« Charlie ließ sich Phils Terminkalender auf dem Display seiner Uhr anzeigen. »Wie wäre es mit nächsten Donnerstag?«
»Perfekt.«
Nach zweieinhalb Amtszeiten in Washington kannte Senator Phil Chase sich hier bestens aus, und aufgrund seines hohen Dienstalters war sein Einfluss inzwischen recht groß. Außerdem war er sehr beschäftigt. Sein Tagesablauf war von sechs Uhr morgens bis Mitternacht in Zwanzig-Minuten-Abschnitte unterteilt. Da war es auf den ersten Blick kaum zu erklären, dass er trotzdem nie seine umgängliche Art und das entspannte Auftreten verlor. Zum Teil lag es daran, dass er sich nicht in Details verbiss. Er konnte delegieren, und er konnte loslassen, etwas, das er mit vielen guten Politikern gemeinsam hatte. Manche Senatoren vergeudeten alle Kraft auf den Versuch, immer alles ganz genau zu durchschauen. Andere wussten über fast nichts Bescheid und fungierten letztlich nur als lebende Werbeplakate. Phils Arbeitsstil lag irgendwo dazwischen. Und er wusste seine Mitarbeiter zu nutzen – als externes Gedächtnis, als Ratgeber, als Gestalter, manchmal sogar als Quelle von Weisheit.
Da sich beide Parteien bei der Besetzung von Ämtern strikt an die vorgegebenen Regeln hielten und Phil dem Senat schon seit so vielen Jahren angehörte, war er nun auch Vorsitzender des Komitees für auswärtige Beziehungen geworden; außerdem hatte er einen Sitz im Komitee für Umwelt und öffentliche Aufgaben. Beide spielten in der ersten Liga, in ihnen fielen wichtige Entscheidungen. Im Senat hatten die Demokraten seit der letzten Wahl eine Mehrheit von einer Stimme, im Repräsentantenhaus waren sie um zwei Stimmen in der Minderheit, und der Präsident war Republikaner. Damit entsprachen die Machtverhältnisse der langjährigen amerikanischen Tradition, bei Wahlen ein möglichst perfektes Patt in Washington herbeizuführen. Vermutlich in der Hoffnung, dass von nun an nichts mehr beschlossen wurde und die Zeit einfach stillstand. Ein unerreichbares Ziel – als wollte man mitten im Sturm ein Kartenhaus bauen –, aber immerhin sorgte es für viel Dramatik und politische Hochspannung.
Auf jeden Fall war Phil inzwischen ein vielbeschäftigter Mann, zumal er derzeit auf seine Wiederwahl hinarbeitete. Sein früherer Stabschef Wade Norton war auf Reisen, und auch wenn Phil ihn nach wie vor sehr schätzte und als externen Berater weiterbeschäftigte, so wurden seine alltäglichen Pflichten inzwischen von Roy und Andrea erledigt. Für alle Umweltfragen war Charlie zuständig, wobei auch er nur in Teilzeit und meist von zu Hause aus arbeitete.
Wenn er doch einmal vor Ort war, wirkten die Abläufe in den Büros immer etwas chaotisch auf ihn. Was er schon seit Langem vor allem Phil zuschrieb. Phil hatte die Angewohnheit, in den wenigen Minuten zwischen zwei Terminen von einem Zimmer zum anderen zu schlendern und Leute zu piesacken. »Heute geht’s um die ganz großen Themen!«, rief er dann zum Beispiel und trat nur zum Spaß eine Debatte los. Seine Mitarbeiter genossen das. Wer für Kongressabgeordnete arbeitete, war fast immer ein Politikjunkie, der Typ Mensch, der sich auf der Highschool freiwillig einem Debattierklub anschloss. Diese Leute liebten es, mit Phil zu fachsimpeln. Und seine Begeisterung war ansteckend, sein Grinsen wirkte wie ein doppelter Espresso. Sein Lächeln erweckte stets den Eindruck, dass er sich tatsächlich freute; bei seinem Gegenüber löste es warme Gefühle aus. Charlie war sogar fest überzeugt, dass Phil beim ersten Mal nur wegen dieses Lächelns gewählt worden war – vielleicht sogar jedes Mal. Das Schöne daran war, dass es immer echt war. Er lächelte nur, wenn ihm danach war, aber ihm war halt sehr oft danach. Und das merkte man. Genau darum wirkte es.
Seit Wades Abreise war Charlie sein wichtigster Berater in Klimafragen. Genauer gesagt wechselten sich Charlie und Wade in der Rolle des Fernberaters ab. Beide arbeiteten in Teilzeit; Charlie rief täglich an und schaute einmal pro Woche vorbei, Wade meldete sich wöchentlich und kam einmal im Monat ins Büro. Das funktionierte auch deshalb, weil Phil beim Thema Umwelt nicht durchgängig auf ihren Rat angewiesen war. »Ihr habt mir eine Menge beigebracht«, sagte er dann. »Mit der Frage komme ich allein klar. Also keine Sorge, bleiben Sie am Südpol, bleiben Sie in Bethesda. Ich erzähl Ihnen dann, wie es gelaufen ist.«
Dagegen hätte Charlie überhaupt nichts einzuwenden gehabt – wenn Phil sich immer an ihre Ratschläge gehalten hätte. Aber Phil war von vielen Seiten starkem Druck ausgesetzt, und eine eigene Meinung hatte er auch. Folglich kam es manchmal zu Abweichungen. Wie die meisten Kongressabgeordneten war auch Phil der Ansicht, dass er es im Zweifelsfall besser wusste als seine Mitarbeiter, und da nicht sie abzustimmen hatten, sondern er, behielt er damit letzten Endes auch recht.
Der Zwanzig-Minuten-Termin der Khembalis war für Donnerstagvormittag um zehn Uhr angesetzt. Charlie war sehr gespannt, wie es ausgehen würde, musste aber zunächst zu einer Pressekonferenz im Washington Press Club. Dort trat ein Wissenschaftler von der Heritage Foundation auf, der behauptete, die rasch steigenden Temperaturen seien gut für die Landwirtschaft. Die Pseudoargumente solcher Leute auseinanderzunehmen war wichtig, und normalerweise hatte Charlie auch seine Freude daran, aber heute wollte er gern in der Nähe sein, wenn das Treffen zwischen Phil und den Khembalis stattfand. Also eilte er davon, sobald die Pressekonferenz zu Ende und sein ganzes Pulver verschossen war, und kam genau um 10:20 an. Sofort fuhr er zu Phils Büros im zweiten Stock hinauf. Um 10:23 verließ Phil gemeinsam mit den Khembalis sein Arbeitszimmer, wobei er munter mit ihnen plauderte. »Ja, vielen Dank, natürlich, sehr gern – machen Sie doch bitte bei Evelyn einen Termin aus.«
Die Khembalis wirkten zufrieden. Sridar wirkte gelassen, aber wie üblich auch leicht belustigt.
Als Phil gerade gehen wollte, bemerkte er Charlie und blieb stehen. »Charlie! Schön, dass wir uns endlich sehen!«
Mit breitem Grinsen kam er auf seinen errötenden Mitarbeiter zu und drückte ihm die Hand. »Sie haben dem Präsidenten also ins Gesicht gelacht!« Er wandte sich an die Khembalis. »Dieser Mann hat dem Präsidenten ins Gesicht gelacht! Das wollte ich schon immer mal tun!«
Die Khembalis nickten unverbindlich.
»Wie hat sich das angefühlt?«, fragte Phil Charlie. »Und wie hat er es aufgenommen?«
»Ehrlich gesagt, es ist einfach so passiert«, sagte Charlie, immer noch rot im Gesicht. »Wie wenn man niesen muss. Joe hatte mich gekitzelt. Und ich glaube, der Präsident hat es ganz gut aufgenommen. Er wirkte zufrieden. Schließlich hatte er ja versucht, mich zum Lachen zu bringen, und dann hat er mitgelacht.«
»Ja, kann ich mir vorstellen, denn damit hatte er gewonnen.«
»Stimmt. Na, jedenfalls hat er gelacht, und dann ist Joe aufgewacht, und wir mussten ihm ganz schnell ein Fläschchen geben, bevor der Secret Service die Nerven verlor.«
Phil lachte. Dann schüttelte er den Kopf und wurde ernst. »Tja, das ist schlecht. Aber was sollten Sie auch machen. Er hat Sie überfallen. Das tut er gern. Hoffen wir, dass es uns nicht zu sehr schadet. Vielleicht nützt es uns ja sogar. Aber ich muss los, ich bin spät dran. Nicht unterkriegen lassen!« Er legte Charlie eine Hand auf den Arm, verabschiedete sich noch einmal von den Khembalis und eilte zur Tür hinaus.
Die Khembalis versammelten sich um Charlie. Sie schienen guter Stimmung zu sein. »Wo ist denn Joe? Warum haben Sie ihn nicht dabei?«
»Zu meinem letzten Termin hätte ich ihn unmöglich mitnehmen können. Asta kümmert sich um ihn, eine Freundin aus der Spielgruppe. Ich muss ihn allerdings bald abholen.« Er sah auf die Uhr. »Aber kommen Sie erst einmal mit, ich möchte hören, wie es gelaufen ist.«
Sie folgten Charlie zu seinem winzigen Arbeitszimmer gleich neben der Treppe. Der Raum füllte sich mit ihren weinroten Gewändern (Phil zu Ehren trugen sie formelle Kleidung) und ihren ausdrucksvollen braunen Gesichtern. Sie wirkten immer noch sehr zufrieden.
»Und?«, fragte Charlie.
»Es ist sehr gut verlaufen«, sagte Drepung und nickte froh. »Er hat uns zahlreiche Fragen zu Khembalung gestellt. Er war vor sieben Jahren selbst einmal dort, dabei hat er Padma und mehrere andere kennengelernt. Er war sehr interessiert, sehr wohlwollend. Und das Beste ist, er hat gesagt, dass er uns helfen will.«
»Wirklich? Das ist ja großartig! Was hat er denn genau gesagt?«
Drepung kniff die Augen zusammen und versuchte sich zu erinnern. »Er hat gesagt: ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«
Sucandra und Padma nickten zustimmend.
»Das hat er wörtlich so gesagt?«, fragte Charlie.
»Ja. ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«
Charlie und Sridar sahen sich an. Wer sollte es ihnen erklären?
»Genau das«, sagte Sridar vorsichtig, »waren seine Worte.« Damit war der Ball bei Charlie.
Charlie seufzte.
»Was ist?«, fragte Drepung.
»Nun ja …« Charlie sah noch einmal Sridar an.
»Erklär du es ihnen«, sagte Sridar.
»Sie dürfen nicht vergessen«, fing Charlie an, »dass Kongressabgeordnete nicht gern nein sagen.«
»Nicht?«
»Nein.«
»Sie sagen niemals nein«, stellte Sridar klar.
»Nie?«
»Nie.«
»Sie sagen lieber ja«, erklärte Charlie. »Ständig kommen Leute zu ihnen, die irgendetwas von ihnen wollen – einen Gefallen, ihre Zustimmung zu einem Gesetz – etwas, wovon diese Leute sich einen Nutzen versprechen. Wenn die Abgeordneten ja sagen, sind sie zufrieden. Alle sind dann zufrieden.«
»Stimmen«, führte Sridar aus. »Jedes Ja bringt ihnen Stimmen ein. Bis zu fünfzigtausend Stimmen für ein einziges Ja. Also sagen sie einfach immer ja.«
»Das ist richtig«, gab Charlie zu. »Manche von ihnen sagen ja, ob sie es ernst meinen oder nicht. Andere sind da ehrlicher. Unser Senator Chase zum Beispiel.«
»Aber auch die sagen nie ausdrücklich nein«, ergänzte Sridar.
»Im Endeffekt beantworten sie nur solche Anfragen, zu denen sie ja sagen können. Allen anderen weichen sie aus.«
»Verstehe«, sagte Drepung. »Aber er hat gesagt …«
»Er hat gesagt: ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«
Drepung runzelte die Stirn. »Und das heißt nein?«
»Nun ja, wissen Sie, wenn sie einer Frage auf keine andere Art ausweichen können …«
»Ja!«, unterbrach Sridar. »Es heißt nein.«
»Also …«, fing Charlie an.
»Komm schon, Charlie.« Sridar schüttelte den Kopf. »Es heißt nein, das weißt du genau. Sie machen es alle so. ›Ja‹ heißt vielleicht. ›Ich werde sehen, was ich tun kann‹ heißt nein. Es heißt: Auf gar keinen Fall. Es heißt: Ich kann nicht glauben, dass Sie mich überhaupt darum bitten, aber da Sie es nun einmal getan haben, sage ich hiermit auf meine Art nein.«
»Er wird uns also nicht helfen?«, fragte Drepung.
»Doch«, behauptete Charlie. »Sobald er eine Möglichkeit dazu sieht. Ich werde ihn immer wieder daran erinnern.«
»Sie werden sehen, was Sie tun können«, sagte Drepung.
»Ja – aber im Ernst.«
Sein offensichtliches Unbehagen entlockte Sridar ein spöttisches Lächeln. »Und Phil ist schon der Senator mit dem stärksten Umweltbewusstsein, nicht wahr, Charlie?«
»Nun – ja. Das ist wahr.«
Die Khembalis blickten nachdenklich drein. Drepung hatte die Stirn gerunzelt.
»Auch wir werden sehen, was wir tun können«, sagte er.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
