5 | Die Athene des Pazifik

von Kim Stanley Robinson

Kalifornien ist etwas Besonderes.

Goldsucher zog es nach Westen bis an die Küste des Ozeans, in ein schö­nes, ent­le­ge­nes Land, das durch Gebirge und Wüste, Prärie und Meer von der übri­gen Welt getrennt war. Dort ging es nicht weiter, und sie erkann­ten, dass sie sich ein neues Leben auf­bauen muss­ten.

Eine zivile Gesellschaft, die erst nach dem Bürgerkrieg ent­stand. Eine bunte Schar von Argonauten, geprägt vom Goldfieber und dem Sendungsbewusstsein der Pioniere, aber auch von Emerson und Thoreau, Lincoln und Twain und dem Kalifornier John Muir. Hier endet unser Weg, sagten sie zuein­an­der, des­halb muss hier alles anders sein. Sonst war die gesamte Geschichte der Menschheit sinn­los.

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Was dann folgte, war teils gut und teils schlecht. Am Ende war es wie über­all, wenn auch viel­leicht etwas extre­mer.

Aber zu den guten Dingen, die gescha­hen, gehörte die Gründung – durch Lincoln ange­regt – einer öffent­li­chen Universität. Berkeley 1867, die Farm in Davis 1905. Weitere Standorte folg­ten; auch in den 1960er Jahren schos­sen noch einmal neue aus dem Boden wie Blumen auf einer Wiese. Die University of California. Eine mäch­tige Institution.

Auch ein ozea­no­gra­phi­sches Institut in La Jolla wünschte sich in den 1960ern einen Campus in seiner Nähe. Gleich nebenan befand sich ein Schießplatz des U. S. Marine Corps; also baten die Ozeanographen die Marines, ihnen das Gelände zu über­las­sen. Die Marines stimm­ten zu. Geschenktes Land, genau wie Washington, nur dass es sich hier um einen Eukalyptushain auf hohen Klippen über dem Pazifik han­delte.

University of California, San Diego.

Zu der Zeit war Kalifornien bereits zu einem Drehkreuz gewor­den, San Francisco zu einer Großstadt, Hollywood zu einer Traummaschine. Und die UCSD, eine Kopfgeburt wie Athene, der hohen Stirn des Staates ent­sprun­gen, wurde zum Glückskind dieser Zeit. Bedeutende Wissenschaftler kamen von über­all­her, um in medi­ter­ra­ner Umgebung am Rand der Welt etwas Neues auf­zu­bauen.

Sie grün­de­ten nicht nur eine Universität, son­dern erfan­den auch etwas Neues: die Biotechnologie. Athenes Geschenk an die Menschheit. Eine Universität, die zugleich lehrt und heilt, die dem Volk gehört und sich nicht am Profit ori­en­tiert. Eine öffent­li­che Institution in einer Welt, die immer stär­ker von Privatinteressen geprägt wird. Zäh und ent­schlos­sen, dem Allgemeinwohl ver­pflich­tet, sehr fokus­siert. Was wird sie uns noch besche­ren?

* * * * *

Zunächst hatte Frank vor, in Yann Pierzinskis Formular Nr. 7 eine Bemerkung ein­zu­fü­gen, in der er ihm vor­schlug, sich bei Torrey Pines Generique um Unterstützung zu bemü­hen. Dann beschloss er jedoch, lieber den Weg über Derek Gaspar zu nehmen. Das konnte er per­sön­lich erle­di­gen, wenn er nach San Diego flog, um seine Rückkehr aus Washington vor­zu­be­rei­ten.

Eine Woche später war es so weit. In Dallas umstei­gen, gleich nach dem zwei­ten Start wieder ein­schla­fen. Er wachte auf, als er spürte, wie das Flugzeug in den Sinkflug ging. Da befan­den sie sich noch über Arizona, und unter ihnen zogen rie­sige aus­ge­dörrte Gesteinsformationen vorbei. Der Anblick weckte etwas in ihm, das nicht erst seit weni­gen Stunden schlief. Dies war seine Heimat. Wirklich erstaun­lich, wie sehr sich der ame­ri­ka­ni­sche Westen von der Ostküste unter­schied. Frank lehnte die Stirn gegen das Kabinenfenster und blickte dem näch­sten son­nen­ver­brann­ten Höhenzug ent­ge­gen. Ich muss unbe­dingt surfen gehen, sagte er sich.

Die hellen Brauntöne der Mojave mach­ten dem hohen busch­be­stan­de­nen Küstengebirge Südkaliforniens Platz. Dann scho­ben sich die ersten Vororte ins Blickfeld. Auf ein­ge­eb­ne­ten Hügeln und auf­ge­schüt­te­ten Tälern erstreck­ten sie sich Richtung Osten; San Diego dehnte sich immer weiter aus. Bulldozer pla­nier­ten Bauflächen für wei­tere Siedlungen. Auf den Schnellstraßen glit­zerte dich­ter Autoverkehr.

Das Flugzeug sank tiefer. Links sah er jetzt die glä­ser­nen Hochhäuser der Innenstadt; sie schie­nen bis zu ihrer Flughöhe auf­zu­ra­gen. Für Frank waren sie wie ein frü­he­res Zuhause, denn als junger Mann hatte er dort einmal ein Jahr gear­bei­tet. Er wusste noch genau, an wel­chen Häusern er damals her­um­ge­klet­tert war; sie hatten sich ihm ins Gedächtnis ein­ge­prägt. Es war ein gutes Jahr gewe­sen, in der Zeit, als er sein Graduiertenstudium aus Ärger über seinen Betreuer vor­über­ge­hend unter­bro­chen hatte. Zuerst war er zum Klettern in den Yosemite-Nationalpark gefah­ren und hatte den Sommer in Camp 4 ver­bracht. Als ihm das Geld aus­ging, hatte er beschlos­sen, sich einen Job zu suchen, bei dem nicht sein gei­sti­ges, son­dern sein kör­per­li­ches Können gefragt war – der typi­sche Fehler eines jungen Menschen. Immerhin hatte er sich nicht ein­ge­bil­det, er könnte sich seinen Lebensunterhalt als pro­fes­sio­nel­ler Industriekletterer ver­die­nen. Aber für die Wartung der Hochhausfenster waren ähn­li­che Fähigkeiten not­wen­dig. Außer dem Säubern der Glasflächen gehör­ten auch Reparatur- und Austauscharbeiten dazu. Es war ein selt­sa­mer, aber wun­der­vol­ler Beruf: sich von den Dächern der Wolkenkratzer absei­len, Fenster putzen, Fugen abdich­ten und Bleche repa­rie­ren, gesprun­gene Scheiben erset­zen und vieles mehr. Das Klettern selbst war nicht weiter schwie­rig; meist konnte man bequem von einer Plattform aus arbei­ten, und Sicherungsgeräte, T‑Träger, Aufhängungen und alle ande­ren Teile der Ausrüstung waren bom­ben­si­cher. Wie bei allem, was mit Klettern zu tun hatte, waren seine Kollegen eine bunt gemischte Truppe gewe­sen – von Cowboys, die kaum lesen konn­ten, bis zu exzen­tri­schen Nietzsche- oder Adam-Smith-Kennern. An den Fenstern zu arbei­ten, hatte etwas merk­wür­dig Befriedigendes. Der Nietzsche-Experte nannte es die Apotheose klein­kind­li­cher Fähigkeiten: alte Dichtungen her­aus­schnei­den, heiße Dichtungsmasse hin­ein­pres­sen, Schrauben lösen, Schrauben fest­zie­hen, rie­sige Saugnäpfe gegen Glasscheiben drücken, die Scheiben her­aus­he­beln und mit­hilfe einer Winde auf die Plattform oder hinauf zum Dach beför­dern – das alles dicht unter den Wolken, umweht von kühler Meeresluft; bei Sonnenschein warm, im Wolkenschatten kalt. Und unter ihm die gesamte Innenstadt von San Diego, sodass er in den Arbeitspausen immer Unterhaltung hatte. Wenn er um sich blickte, spürte er manch­mal ein plötz­li­ches Aufwallen von Glück, etwas, das er sonst selten erlebte.

Irgendwann hatte ihn die ein­tö­nige Arbeit jedoch gelang­weilt, und er hatte auf­ge­hört und war auf Reisen gegan­gen, bis seine Ersparnisse auf­ge­braucht waren. Schließlich war er in die Welt der Akademiker zurück­ge­kehrt, zunächst nur ver­suchs­weise, in einem ande­ren Labor, bei einem ande­ren Betreuer, an einer ande­ren Universität. Dort war es ihm besser ergan­gen. Letzten Endes hatte es ihn aber wieder an die Uni in San Diego ver­schla­gen. Er war in San Diego auf­ge­wach­sen; nir­gendwo sonst auf der Welt fühlte er sich so gut.

Auch jetzt stellte sich ein woh­li­ges Gefühl ein, als er die ver­gla­ste Fußgängerbrücke ver­ließ, die vor dem Flughafen über die Straße führte, und im Außenfahrstuhl zu den Shuttlebussen der Mietwagenfirmen hin­un­ter­fuhr. Ein Primat auf hei­mi­schem Boden. Alles war hier ver­traut: der Winkel, in dem die Sonnenstrahlen ein­fie­len, die Form der Hügel, vor allem aber die Art, wie sich die Luft auf der Haut anfühlte, dieses ganz spe­zi­elle Zusammenspiel von Temperatur, Feuchtigkeit und Salzgehalt, das es nur in San Diego gab. Als würde er nach einem Jahr im Smoking end­lich wieder die alt­ver­traute Kleidung tragen.

Er holte seinen Mietwagen ab und fuhr los. Auf der Schnellstraße nach Norden war der Verkehr dicht, aber nicht uner­träg­lich, und die Fahrer nahmen sich ein Beispiel an den Staren und befolg­ten die zwei Grundregeln aller Vogelschwärme: Möglichst großen Abstand halten und Möglichst selten die Geschwindigkeit ändern. Die besten Autofahrer der Welt. Mission Bay und Mount Soledad links liegen lassen und weiter in die Gegend, wo jede ein­zelne Ausfahrt eine wich­tige Rolle in seinem Leben gespielt hatte. Am Gilman Drive abbie­gen und durch die enge Schlucht zwi­schen den Wohnblöcken, vorbei an einem Haus, in dem er einmal eine Nacht mit einer Frau ver­bracht hatte. Ach ja, damals war ihm so etwas noch pas­siert.

Dann die Uni. Sein Basislager. Der Eukalyptushain auf dem Campusgelände gefiel ihm immer noch, selbst nach einem Jahr in den großen Laubwäldern der Ostküste. Diese Bäume fand er bezau­bernd, sogar tröst­lich. Ursprünglich hatten sie Schwellen für den Eisenbahnbau lie­fern sollen, aber das Holz hatte sich als unbrauch­bar erwie­sen. Jetzt bil­de­ten sie eine Art Koordinatengitter für den Raum, in dem die Colleges mit ihren unter­schied­li­chen Baustilen lagen.

Nach einem Nachmittag, der mit Fakultätsterminen gespickt war, blie­ben ihm noch ein­ein­halb Stunden bis zu seinem Treffen mit Derek. Auf dem Unigelände einen Parkplatz zu finden, war immer ein Albtraum gewe­sen, aber dies­mal hatte ihm Rosario einen der Stellplätze der Abteilung zuge­teilt, und da Torrey Pines nur wenige hun­dert Meter ent­fernt lag, beschloss Frank, zu Fuß zu gehen. Dann kam ihm die Idee, die Kletterroute zu benut­zen, die er einmal zusam­men mit ein paar Wohngenossen aus dem Revelle College ent­deckt hatte. Das wäre eine nette Art, die Wartezeit zu füllen.

Also folgte er zunächst dem La Jolla Shores Drive und dann der La Jolla Farms Road bis zu der Freifläche am Oberrand der Klippen. Das Plateau gehörte noch zum Unigelände; es war fast qua­dra­tisch und endete auf zwei Seiten an Schluchten, die zum Strand hin­un­ter­führ­ten. Die dritte Seite bil­de­ten die Klippen. Das Land war nie bebaut worden, und da man auf ihm alte Grabstätten ent­deckt hatte, die auf sie­ben­tau­send Jahre vor unse­rer Zeitrechnung datiert wurden, würde das ver­mut­lich auch dau­er­haft so blei­ben. Von dem Plateau aus hatte man einen groß­ar­ti­gen Ausblick; es gehörte zu Franks Lieblingsorten. Eine Zeit lang hatte er prak­tisch hier gewohnt und jede Nacht im Freien geschla­fen. Mit Frauen hatte er sich hier auch getrof­fen – o Mann, rich­tig –, und immer wieder war er auf dem stei­len Surferpfad bei Blacks Canyon zum Strand hin­un­ter­ge­stie­gen.

Am Klippenrand stieß er auf ein Warnschild: Der Weg war wegen Küstenerosion gesperrt. Tatsächlich führte jetzt statt des Pfades eine Art Wasserrinne nach unten. Dennoch wollte er sein Vorhaben nicht auf­ge­ben. Er folgte dem Klippenrand nach Süden. Der Seewind zerrte an ihm; der Blick war trotz der grauen Wolkendecke atem­be­rau­bend. Wie so oft bei bewölk­tem Himmel wirkte der Abstand zum Horizont noch größer; die zwei Flächen – Meer und Himmel – kamen ein­an­der unend­lich lang­sam näher. Kalifornien als vor­der­ste Front der Menschheitsentwicklung: eine bescheu­erte Idee, aber in einer ein­zi­gen Hinsicht traf sie zu: Man stand hier wirk­lich am Rand der Welt.

Umwerfend. Und durch die schma­lere Schlucht am Südrand der Freifläche führte ein Weg nach unten, dem Frank allen Verboten zum Trotz zu folgen gedachte. In seiner Studienzeit hatten ihn nur ein paar seiner eng­sten Kumpels benutzt, denn der erste Abstieg führte über einen beäng­sti­gend langen und schma­len Vorsprung zwi­schen zwei Rinnen, die sich tief in den kör­ni­gen Sandstein gegra­ben hatten. Der Trick bestand darin, schnell und mutig hin­un­ter­zu­stei­gen, also tat er genau das, glitt aber am Fuß des Vorsprungs aus und rutschte auf der Seite lie­gend weiter nach unten. An der ande­ren Wand der Rinne konnte er den Sturz schließ­lich abbrem­sen. Von dort hüpfte er ohne wei­tere Zwischenfälle ganz hin­un­ter.

Dann war er am Strand. Aufgrund der Klippen in seinem Rücken dröhnte die Brandung hier noch lauter als anderswo. Frank folgte dem Strand Richtung Norden. Auch dies war ein sehr ver­trau­tet Ort: Blacks Beach, die zweite Heimat aller Surfer an der Uni.

Der Aufstieg nach Torrey Pines Generique bot genau die umge­kehr­ten Schwierigkeiten wie der Abstieg: der steil­ste Abschnitt begann gleich unten am Strand. Eine fast senk­rechte Wasserrinne führte zu einem sta­bi­len Sims in etwa zwölf Metern Höhe; er musste gleich rechts neben der grünen Algenspur frei­hän­dig am Fels hin­auf­klet­tern. Danach stieg er ein­fach weiter das Bachbett hinauf und erreichte nicht weit vom Startplatz der Drachenflieger den Oberrand der Klippen. Dort ent­deckte Frank ein wei­te­res Warnschild: Auch sein Aufstieg hatte gegen die Vorschriften ver­sto­ßen.

Nun ja. Es hatte trotz­dem Spaß gemacht. Er fühlte sich erfrischt und zum ersten Mal seit Wochen rich­tig wach. So war das eben, wenn man wieder zu Hause war. Jetzt nur schnell die etwas schweiß­feuch­ten und von Gischt benetz­ten Haare glatt­strei­chen, dann rein ins Gebäude und schauen, was ihn dort erwar­tete.


Frank betrat das park­ähn­li­che Gelände von Torrey Pines Generique und pas­sierte das Tor, das noch stren­ger gesi­chert war als früher. Wie aus­ge­stor­ben, dachte er, als er den langen Fluren zu Dereks Büro folgte. Sie müssen wirk­lich eine Menge Leute ent­las­sen haben.

Eine Sekretärin gelei­tete ihn ins Büro. Derek erhob sich hinter seinem brei­ten Schreibtisch und gab ihm die Hand. Seit Franks letz­tem Besuch hatte sich hier nichts ver­än­dert: weiter Blick auf den Pazifik, gerahm­ter Artikel aus U. S. News & World Report mit einer Porträtaufnahme von Derek, Fotos vom Skifahren.

»Und, was gibt’s Neues bei den Wissenschaftsbürokraten?«

»Sie nennen sich Technokraten.«

»Bestimmt ein rie­si­ger Unterschied.« Derek schüt­telte den Kopf. »Ich werde nie begrei­fen, warum du da hin­ge­gan­gen bist. Aber ver­mut­lich hast du die Zeit gut genutzt.«

»Ja.«

»Und jetzt bist du fast schon wieder hier.«

»Ja, das Jahr ist bald um.« Frank zögerte kurz. »Ich habe es schon am Telefon erwähnt: Mir ist da etwas Interessantes unter­ge­kom­men. Von jemand, der hier gear­bei­tet hat.«

»Richtig. Ich habe es mir mal ange­schaut: Wir könn­ten ihn ver­mut­lich auf eine Vollzeitstelle setzen. Bei Caltech wird er nur aus Projektmitteln bezahlt.«

»Gut. Ich fand seine Idee näm­lich wirk­lich inter­es­sant.«

»Dann wird die NSF das Projekt also för­dern?«

»Nein, die Gutachter war nicht so beein­druckt. Vielleicht haben sie sogar recht – es ist alles noch etwas halb­gar. Aber wenn es funk­tio­nie­ren sollte, könn­tet ihr eure Gene durch eine Computersimulation schicken und dann nach­se­hen, ob die gesuch­ten Proteine dabei sind. Das würde den Vorgang erheb­lich beschleu­ni­gen.«

Derek sah ihn scharf an. »Eigentlich haben wir kein Geld für neue Leute, das weißt du doch.«

»Ja, das weiß ich. Aber der Typ ist Postdoc, oder? Und Mathematiker. Bei der NSF hat er prak­tisch nur Geld für Rechenzeit bean­tragt. Ihr könn­tet ihn zum Anfängergehalt ein­stel­len, das kostet fast nichts. Ich meine, wenn selbst das schon zu teuer wäre …«

»Was meinst du denn mit inter­es­sant?«

»Das habe ich dir doch gerade erklärt. Gib ihm eine volle Stelle und lass ihn den übli­chen Vertrag unter­schrei­ben, ein­schließ­lich der Klauseln zum gei­sti­gen Eigentum. Achte drauf, dass die wirk­lich was­ser­dicht sind.«

»Schon ver­stan­den, aber was ist daran inter­es­sant?«

Frank seufzte. »Es schafft even­tu­ell euer Problem mit dem ziel­ge­rich­te­ten Gentransfer aus der Welt. Falls das Verfahren funk­tio­niert und du es paten­tie­ren lässt, könnt ihr mit der Lizenzvergabe ver­mut­lich eine Menge Geld ver­die­nen.«

Derek schwieg. Er wusste, dass Frank wusste, dass die Firma prak­tisch im Koma lag. Mit Banalitäten würde Frank ihn also gar nicht erst behel­li­gen. Auch nicht mit groß­ar­ti­gen Plänen, für die man Zeit und Kapital brauchte. Was er da vor­schlug, musste also etwas sein, das ihnen tat­säch­lich helfen konnte.

»Warum hat er denn Geld bei der NSF bean­tragt?«

»Keine Ahnung. Vielleicht weil er es bei euch nicht bekom­men hat. Oder sein Betreuer hat ihm dazu gera­ten. Aber ein paar von deinen Leuten arbei­ten doch jetzt schon an dem Transferproblem. Setz die darauf an. Sobald du ihn ein­ge­stellt hast.«

»Warum redest du nicht selbst mit ihnen? Geh zu Leo Mulhouse, sprich ihn darauf an.«

»Na ja …« Frank dachte dar­über nach. »Okay. Ich schau mir an, wie es bei ihnen so läuft, und du holst Pierzinski an Bord. Danach sehen wir weiter.«

Derek nickte, aber er wirkte immer noch unzu­frie­den. »Weißt du, Frank, was wir wirk­lich brau­chen, bist du. Seit du hier auf­ge­hört hast, ist nichts mehr wie früher. Vielleicht können wir dich ja auch enga­gie­ren, sobald du wieder in Kalifornien bist. Nur in dem Umfang, wie die Uni es zulässt.«

»Ich denke, für neue Leute habt ihr kein Geld.«

»Das stimmt schon, aber für dich würden wir schon eine Lösung finden. Oder?«

»Kann sein. Aber lass uns dar­über später reden. Erst einmal muss ich bei der NSF fertig sein. Und nach­se­hen, was aus meinem Blind Trust gewor­den ist. Irgendwann hatte ich auch mal Aktienoptionen von euch.«

»Aber klar doch. Mit denen können wir dich zuschüt­ten, Frank.«

»Das wäre nett.«

Aktienoptionen zu ver­ge­ben kostete das Unternehmen gar nichts. Es war vor allem eine nette Geste; Geld brachte es nur ein, wenn mit dem Unternehmen und den Aktienmärkten alles gut lief. Und da der NASDAQ schon so lange im Keller war, galten Optionen inzwi­schen kaum noch als echte Vergütung. Eher als eine Art Lotterielos. Daher mun­terte es Derek ein Stück weit auf, dass Frank offen­sicht­lich noch an Optionen inter­es­siert war. Es war ein Zeichen, dass er nach wie vor an die Firma glaubte.

Draußen auf dem Gang seufzte Frank erst einmal. Torrey Pines Generique machte wirk­lich keinen gesun­den Eindruck. Aber man konnte nie wissen. Meistens schaffte Derek es ganz gut, sich über Wasser zu halten. Leider war Sam Houston nur eine Belastung. Den Job des wis­sen­schaft­li­chen Beraters müsste er selbst über­neh­men. Als freier Mitarbeiter, wegen seiner Stelle an der Uni. Wenn sie dann auch noch Pierzinski ein­stell­ten, wen­dete sich viel­leicht doch noch alles zum Guten. Denn seine Idee hatte Potenzial. Riesiges Potenzial.


Frank schlen­derte zu Leos Labor hin­über. Hier ging es deut­lich leb­haf­ter zu als auf dem übri­gen Gelände – Menschen haste­ten umher, Apparate surr­ten, es roch nach Lösungsmittel. Und Leben bedeu­tete Hoffnung. Es sei denn, die Leute mach­ten ein­fach blind immer weiter, wie die Musikkapelle auf der Titanic.

Frank betrat den Laborraum und plau­derte ein wenig mit Leo und seinen Mitarbeitern. Dabei erwähnte er, dass Derek ihn her­ge­schickt hatte, um mit ihnen über die aktu­elle Lage zu reden. Woraufhin Leo unver­bind­lich nickte und ihm einen kurzen Überblick lie­ferte. Beim Zuhören dachte Frank: Endlich ein Wissenschaftler, der wirk­lich im Labor arbei­tet. Und zwar unter opti­ma­len Bedingungen. Er hat sein eige­nes Labor, er hat ein Problem, das ihn völlig in Anspruch nimmt, und er arbei­tet mit voller Kraft. Eigentlich müsste er glück­lich sein, aber ganz offen­sicht­lich ist er nicht glück­lich. Und das kann nicht daran liegen, dass er eine harte Nuss zu knacken hatte. Im Labor hat man es stän­dig mit harten Nüssen zu tun.

Also lag es an etwas ande­rem. Vermutlich daran, dass er wusste, wie es um die Firma stand – denn das musste ihm ein­fach klar sein. Vermutlich fühlte er sich des­halb so unwohl. Die Musiker auf der Titanic konn­ten auch spüren, wie sich das Deck unter ihnen zur Seite neigte. In dem Fall hatte es gera­dezu etwas Heroisches, dass sie trotz­dem wei­ter­spiel­ten.

Aber etwas daran ärgerte ihn auch. All diese Leute blie­ben auf ihren aus­ge­tre­te­nen Pfaden. Sie hiel­ten sich an ihren Plan, selbst wenn dieser Plan nichts taugte. Normale Wissenschaft, im Kuhn’schen, aber auch im all­täg­li­chen Sinn. Alles ganz normal, das System würde schon funk­tio­nie­ren – selbst wenn für alle offen­sicht­lich war, dass es erstens schlecht kon­stru­iert und zwei­tens defekt war. Wieso mach­ten sie trotz­dem weiter? Warum waren sie so blind, so wild ent­schlos­sen, so schwer von Begriff?

Er brachte seinen inhalt­li­chen Vorschlag an. »Vielleicht wäre es ja mög­lich, die Gene in Computersimulationen zu testen und auf dem Weg die gesuch­ten Proteine zu finden.«

Leo schien ver­wirrt. »Dazu bräuchte man aber, also, min­de­stens doch eine Theorie, wie die Genexpression in der DNA kodiert ist.«

»Stimmt.«

»Das wäre natür­lich nett, aber ich wüsste nicht, wo es so etwas gibt.«

»Nein, aber wenn man es hätte … Hat George nicht an etwas in der Richtung gear­bei­tet? Oder einer seiner Zeitvertragsleute? Pierzinski?«

»Ja, rich­tig. Yann hatte ein paar wirk­lich inter­es­sante Ideen. Aber er arbei­tet nicht mehr hier.«

»Ich glaube, Derek will ihn wieder ein­stel­len.«

»Gute Idee.«

In dem Augenblick betrat Marta das Labor. Als sie Frank bemerkte, blieb sie über­rascht stehen.

»Hi, Marta.«

»Hi, Frank. Ich wusste gar nicht, dass du vor­bei­kommst.«

»Ich auch nicht.«

»Nicht? Na dann …« Sie zögerte und wandte sich ab. Sie hätte wenig­stens noch etwas sagen sollen, fand Frank. Wenn sie schon so schnell wieder ver­schwin­den musste. »Nett, dich wie­der­zu­se­hen«, zum Beispiel. Aber sie sagte nur: »Ich muss an die Arbeit, ich bin spät dran.«

Schon war sie zur Tür hinaus.

Erst als Frank später an diese Situation zurück­dachte, wurde ihm klar, dass er das Gespräch mit Leo abrupt abge­bro­chen hatte, um ihr zu folgen, und dass das wohl nie­mand ent­gan­gen war. Er lief bereits auf dem Gang hinter ihr her, bevor er sich dessen über­haupt bewusst war.

Sie drehte sich um und bemerkte ihn. »Was ist?«, fragte sie scharf und sah ihn an, als wollte sie ihn zum Stehenbleiben zwin­gen.

»Hi, ich wollte nur wissen, wie es dir geht. Wir haben uns ja länger nicht gese­hen, da dachte ich, ich frage mal. Hättest du Lust, sollen wir viel­leicht irgendwo essen gehen und ein biss­chen schwat­zen?«

Sie betrach­tete ihn von Kopf bis Fuß. »Lieber nicht. Das wäre keine gute Idee. Wir soll­ten gar nicht erst damit anfan­gen. Wozu soll das gut sein?«

»Ich weiß nicht, ich würde ein­fach gern hören, wie es dir geht, mehr ist nicht.«

»Ja, ich weiß, ich weiß, was du meinst. Aber manch­mal will man eben Dinge hören, die einem nie­mand mehr erzäh­len wird, oder?«

»Äh, ja.«

Er spitzte die Lippen und sah sie an. Sie sah gut aus. Sie war die stärk­ste und wil­de­ste Frau, die ihm je begeg­net war. Trotzdem war es zwi­schen ihnen irgend­wie schief­ge­lau­fen.

Doch er ver­stand, was sie meinte. Wie ihr heu­ti­ges Leben wirk­lich aussah, würde er nie mehr her­aus­fin­den. Weil er vor­ein­ge­nom­men war, genau wie sie. Die weni­gen Informationen, die sie aus­tau­schen könn­ten, wären völlig unzu­ver­läs­sig. Ein zwei­stün­di­ges Gespräch würde daran nichts ändern. Dabei würden nur schlechte Erinnerungen an die Oberfläche gespült. In zehn Jahren viel­leicht. Oder auch nie.

Marta musste ihm diese Gedanken vom Gesicht abge­le­sen haben, denn sie nickte unge­dul­dig, wandte sich ab und ging davon.

* * * * *

Wenige Tage nach Franks Besuch fand Leo bei der Ankunft im Labor eine E‑Mail von Derek vor. Er öff­nete sie, las sie, las dann auch das Dokument im Anhang. Dann lei­tete er die Mail an Brian und Marta weiter. Als Marta unge­fähr eine Stunde später her­ein­schaute, hatte sie sich bereits damit beschäf­tigt.

»Hey, Brian«, rief sie an der Tür zu Leos Zimmer. »Komm, sieh dir das an. Derek hat uns eine neue Veröffentlichung von diesem Yann Pierzinski geschickt, der mal eine Zeit lang hier war. Witziger Typ. Es ist eine neuere Version von dem, woran er hier gear­bei­tet hat. Ziemlich inter­es­sant.«

Während sie das alles erklärte, gesellte Brian sich zu ihnen. Marta deu­tete auf ver­schie­dene Stellen in dem Diagramm auf Leos Bildschirm. »Verstehst du, was ich meine?«

»Nun – ja! Das wäre natür­lich groß­ar­tig. Wenn es denn funk­tio­niert … Vielleicht, wenn man sie immer wieder durch das Programm jagt, bis sich Treffer wie­der­ho­len, falls sich welche wie­der­ho­len … und dann testet man die mit den besten Liganden, die che­misch gese­hen am mei­sten über­zeu­gen.«

»Und Pierzinski fängt wieder hier an!«

»Wirklich?«

»Ja, er kommt zurück. Derek sagt, wir können ganz über ihn ver­fü­gen.«

»Cool.«

Leo sah im Mitarbeiterverzeichnis nach. »Da ist er. Diese Woche neu ein­ge­stellt. Frank Vanderwal hat ihn erwähnt, als er hier war, er muss auch mit Derek über ihn gespro­chen haben. Gut, Vanderwal sollte das beur­tei­len können, es ist sein Fachgebiet.«

»Meins auch«, sagte Marta scharf.

»Natürlich, stimmt, ich wollte nur sagen, dass Frank even­tu­ell, na, ihr wisst schon. Gut, wir werden Yann mal bitten, sich unser Problem anzu­schauen. Falls sein Verfahren funk­tio­niert …«

»Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert«, sagte Brian. »Ziemlich inter­es­sant.« Er goo­gelte Yann, Leo blickte ihm über die Schulter.

»Derek will offen­bar, dass wir sofort mit ihm reden.«

»Anscheinend hat er ihn extra für uns ein­ge­stellt.«

»Das sehe ich auch so. Also schnap­pen wir ihn uns, bevor er mit etwas ande­rem anfängt. Wir sind bestimmt nicht das ein­zige Labor, das sich über einen Biomathematiker freuen würde.«

»Stimmt, aber so viele Labors gibt es hier gar nicht mehr. Wir werden ihn ganz für uns haben. Übrigens, was meint ihr, was Derek damit sagen will: ›Geben Sie mir schnell eine schrift­li­che Einschätzung des Potenzials‹?«

»Vermutlich, dass er mög­lichst bald ver­su­chen will, auf der Grundlage dieser Idee an fri­sches Geld zu kommen.«

»Scheiße. Ja, das dürfte stim­men. Unglaublich. Okay, lassen wir das ver­dammte Thema erst mal bei­seite. Ich rufe Yann an.«


Das Gespräch mit Yann Pierzinski erwies sich tat­säch­lich als sehr inter­es­sant. Nur wenige Tage später schaute er per­sön­lich in ihrem Labor vorbei, freund­lich wie immer und offen­bar sehr glück­lich dar­über, dass er nun dau­er­haft bei Torrey Pines arbei­ten würde. Offiziell gehörte er zu Georges Gruppe von Mathematikern, berich­tete er, aber Derek hatte ihm bereits erklärt, dass er viel mit Leos Labor zu tun haben würde. Er wirkte neu­gie­rig und aus­ge­spro­chen moti­viert.

Leo freute sich, ihn wie­der­zu­se­hen. Yann neigte immer noch dazu, sehr schnell zu reden, wenn er auf­ge­regt war, und beim Nachdenken legte er nach wie vor den Kopf schräg. Sein Satz von Algorithmen befinde sich noch in der Entwicklung, erklärte er ihnen, und manche Teile seien noch ganz unfer­tig, vor allem auch der, den Leo, Marta und Brian brauch­ten, also die gene­ti­sche Grammatik. Leo fand das aber nicht weiter schlimm: Bei dem Aspekt konn­ten sie ihm helfen, so wie er ihnen helfen würde. Sie konn­ten gemein­sam daran arbei­ten. Yann war ein scharf­sin­ni­ger Denker. Leos Stärke war die Arbeit im Labor, die Planung und Durchführung von Experimenten. Die selt­same Mischung aus Mathematik, for­ma­ler Logik und Computerprogrammierung, mit der sich Biomathematiker befass­ten, gab ihm Rätsel auf. Folglich sah er es gern, dass Yann sich gleich vor seinen Computer setzte und seinen Laptop damit ver­band.

In den dar­auf­fol­gen­den Tagen teste­ten sie seine Algorithmen an den Genen ihrer HDL-Zellfabrik: Yann pro­bierte unter­schied­li­che Prozeduren für die letz­ten Schritte seiner Rechenoperationen durch, prüfte, was die Computersimulation jeweils ergab, und wählte Kandidaten für ihre Zellkulturexperimente aus. Es dau­erte nicht lange, dann hatten sie eine Version der Algorithmen gefun­den, die mit gleich­blei­bend hoher Wahrscheinlichkeit die­je­ni­gen Proteine vor­her­sagte, die zum jewei­li­gen Zelltyp pass­ten – Schlüssel für ihre Schlösser gewis­ser­ma­ßen. »Darauf habe ich das ganze letzte Jahr hin­ge­ar­bei­tet!«, sagte Yann nach einer erfolg­rei­chen Versuchsreihe glück­lich.

Nebenbei erzählte er ihnen ein wenig dar­über, wie seine Idee ent­stan­den war und dass sie an bestimmte Überlegungen seines Betreuers am Caltech anknüpfte. Marta und Brian frag­ten ihn, an welche Anwendungen er bei der Entwicklung gedacht hatte. Yann zuckte mit den Achseln. Eigentlich an gar keine, sagte er.

»Aber Yann, siehst du denn nicht, was sich damit alles anfan­gen lässt?«

»Stimmt ver­mut­lich. Aber Pharmakologie hat mich noch nie inter­es­siert.«

Leo, Brian und Marta starr­ten ihn an. Natürlich kann­ten sie ihn noch nicht allzu gut, aber auf sie hatte er immer recht normal gewirkt. Wie jemand, der die Welt um sich herum durch­aus wahr­nahm. Aber offen­bar nicht in jeder Hinsicht.

»Lasst uns Mittagessen gehen«, sagte Leo. »Yann, du bist ein­ge­la­den. Ich würde dir gern etwas genauer erklä­ren, was du zu unse­rer Arbeit bei­tra­gen kannst.«

* * * * *

Die Büros der Lobbyagentur Branson & Ananda lagen an der Pennsylvania Avenue, nicht weit von der Kreuzung von C Street und Indiana Street, mit Blick auf den Marktplatz. Charlies Freund Sridar war­tete gleich am Eingang auf sie. Zunächst stellte er sie dem alten Branson vor, dann führte er sie in ein Sitzungszimmer mit einem langen Konferenztisch. Nachdem die Khembalis Platz genom­men hatten, bot Sridar ihnen Kaffee oder Tee an; alle ent­schie­den sich für Tee. Charlie blieb an der Tür stehen und hüpfte vor­sich­tig auf und ab, damit Joe auf seinem Rücken schön wei­ter­schlief. Notfalls wollte er schnell nach drau­ßen ver­schwin­den.

»Dann sind Sie also seit 1960 unab­hän­gig?«, fragte Sridar.

»Unser Verhältnis zu Indien ist etwas … kom­pli­zier­ter. Unabhängig in dem Sinn, wie Sie es meinen, sind wir erst seit 1993.« Drepung gab ihm einen kurzen Abriss der Geschichte Khembalungs, und Sridar machte sich Notizen.

»Also – fünf Meter über dem Meeresspiegel bei Flut«, sagte Sridar, als Drepung seinen Vortrag been­det hatte. »Wissen Sie – eins muss ich gleich vorweg sagen: Was den ganzen Aspekt der Erderwärmung angeht, werden wir Ihnen nicht groß helfen können. Der Kongress hat da weit­ge­hend auf­ge­ge­ben …« Er blickte kurz zu Charlie hin­über. »Tut mir leid, Charlie. Vielleicht nicht direkt auf­ge­ge­ben. Aber sie haben es unter den Teppich gekehrt.«

Ohne es zu wollen, machte Charlie ein fin­ste­res Gesicht. »Senator Chase hat nicht auf­ge­ge­ben. Und ein paar andere ver­schlie­ßen auch nicht die Augen. Wir berei­ten gerade ein wich­ti­ges Gesetz vor …«

»Ja, ja, stimmt.« Sridar hob eine Hand, um ihn zu brem­sen, bevor er sich in Rage reden konnte. »Ihr tut, was ihr könnt. Aber eine ganze Reihe von Kongressabgeordneten ist der Meinung, dass es für Gegenmaßnahmen sowieso schon zu spät ist.«

»Besser spät als nie!«, ver­kün­dete Charlie. Fast hätte er damit Joe auf­ge­weckt.

Drepung blickte kurz Rudra an, dann sagte er zu Sridar: »Das ist uns bewusst. Wir würden nichts Unrealistisches von Ihnen erwar­ten. Wir wün­schen uns ein­fach Hilfe von jeman­dem, der mit der übli­chen Vorgehensweise ver­traut ist. Für den Inhalt unse­rer Appelle an diese zöger­li­chen Institutionen wären wir selbst zustän­dig.«

Sridars Miene blieb unbe­wegt, aber Charlie wusste genau, was er dachte. »Wir bemü­hen uns immer, unsere Klienten mit Sachkenntnis und Erfahrung best­mög­lich zu unter­stüt­zen. Ich möchte nur darauf hin­wei­sen, dass wir keine Wunder bewir­ken können.«

»Die Wunder fallen auch in unsere Zuständigkeit«, sagte Drepung.

Witzbolde unter sich, dachte Charlie. Die zwei soll­ten sich eigent­lich gut ver­ste­hen.

Sie bespra­chen, was jede Seite von der ande­ren erwar­tete, und Sridar setzte einen Vertrag auf. Dabei über­nahm er ganze Passagen aus der Anfrage der Khembalis, woge­gen sie nichts ein­zu­wen­den hatten. »Eine schlaue Methode, ein faires Abkommen zu ver­schrift­li­chen«, bemerkte Sridar.

Später am selben Tag mel­dete Sridar sich noch einmal tele­fo­nisch bei Charlie. Zu dem Zeitpunkt saß Charlie gerade auf einer Bank am Dupont Circle, gab Joe ein Fläschchen und sah neben­her zwei Schachspielern zu. Ihre Züge folg­ten so schnell auf­ein­an­der, dass Charlie nicht mitkam.

»Hör zu, Charlie, das klingt jetzt alles ein biss­chen nach Inzucht, schließ­lich sind diese Leute über dich bei mir gelan­det, aber ganz ehr­lich: Wenn die Lamas mit jemand reden soll­ten, dann mit deinem Senator. Das Komitee für aus­wär­tige Beziehungen ist unser wich­tig­ster Ansatzpunkt, und damit sind wir bei Chase. Kannst du viel­leicht ein biss­chen von seiner kost­ba­ren Zeit für uns abzwei­gen?«

»Mit etwas Vorlauf sollte das gehen.« Charlie ließ sich Phils Terminkalender auf dem Display seiner Uhr anzei­gen. »Wie wäre es mit näch­sten Donnerstag?«

»Perfekt.«


Nach zwei­ein­halb Amtszeiten in Washington kannte Senator Phil Chase sich hier bestens aus, und auf­grund seines hohen Dienstalters war sein Einfluss inzwi­schen recht groß. Außerdem war er sehr beschäf­tigt. Sein Tagesablauf war von sechs Uhr mor­gens bis Mitternacht in Zwanzig-Minuten-Abschnitte unter­teilt. Da war es auf den ersten Blick kaum zu erklä­ren, dass er trotz­dem nie seine umgäng­li­che Art und das ent­spannte Auftreten verlor. Zum Teil lag es daran, dass er sich nicht in Details ver­biss. Er konnte dele­gie­ren, und er konnte los­las­sen, etwas, das er mit vielen guten Politikern gemein­sam hatte. Manche Senatoren ver­geu­de­ten alle Kraft auf den Versuch, immer alles ganz genau zu durch­schauen. Andere wuss­ten über fast nichts Bescheid und fun­gier­ten letzt­lich nur als lebende Werbeplakate. Phils Arbeitsstil lag irgendwo dazwi­schen. Und er wusste seine Mitarbeiter zu nutzen – als exter­nes Gedächtnis, als Ratgeber, als Gestalter, manch­mal sogar als Quelle von Weisheit.

Da sich beide Parteien bei der Besetzung von Ämtern strikt an die vor­ge­ge­be­nen Regeln hiel­ten und Phil dem Senat schon seit so vielen Jahren ange­hörte, war er nun auch Vorsitzender des Komitees für aus­wär­tige Beziehungen gewor­den; außer­dem hatte er einen Sitz im Komitee für Umwelt und öffent­li­che Aufgaben. Beide spiel­ten in der ersten Liga, in ihnen fielen wich­tige Entscheidungen. Im Senat hatten die Demokraten seit der letz­ten Wahl eine Mehrheit von einer Stimme, im Repräsentantenhaus waren sie um zwei Stimmen in der Minderheit, und der Präsident war Republikaner. Damit ent­spra­chen die Machtverhältnisse der lang­jäh­ri­gen ame­ri­ka­ni­schen Tradition, bei Wahlen ein mög­lichst per­fek­tes Patt in Washington her­bei­zu­füh­ren. Vermutlich in der Hoffnung, dass von nun an nichts mehr beschlos­sen wurde und die Zeit ein­fach still­stand. Ein uner­reich­ba­res Ziel – als wollte man mitten im Sturm ein Kartenhaus bauen –, aber immer­hin sorgte es für viel Dramatik und poli­ti­sche Hochspannung.

Auf jeden Fall war Phil inzwi­schen ein viel­be­schäf­tig­ter Mann, zumal er der­zeit auf seine Wiederwahl hin­ar­bei­tete. Sein frü­he­rer Stabschef Wade Norton war auf Reisen, und auch wenn Phil ihn nach wie vor sehr schätzte und als exter­nen Berater wei­ter­be­schäf­tigte, so wurden seine all­täg­li­chen Pflichten inzwi­schen von Roy und Andrea erle­digt. Für alle Umweltfragen war Charlie zustän­dig, wobei auch er nur in Teilzeit und meist von zu Hause aus arbei­tete.

Wenn er doch einmal vor Ort war, wirk­ten die Abläufe in den Büros immer etwas chao­tisch auf ihn. Was er schon seit Langem vor allem Phil zuschrieb. Phil hatte die Angewohnheit, in den weni­gen Minuten zwi­schen zwei Terminen von einem Zimmer zum ande­ren zu schlen­dern und Leute zu pie­sacken. »Heute geht’s um die ganz großen Themen!«, rief er dann zum Beispiel und trat nur zum Spaß eine Debatte los. Seine Mitarbeiter genos­sen das. Wer für Kongressabgeordnete arbei­tete, war fast immer ein Politikjunkie, der Typ Mensch, der sich auf der Highschool frei­wil­lig einem Debattierklub anschloss. Diese Leute lieb­ten es, mit Phil zu fach­sim­peln. Und seine Begeisterung war ansteckend, sein Grinsen wirkte wie ein dop­pel­ter Espresso. Sein Lächeln erweckte stets den Eindruck, dass er sich tat­säch­lich freute; bei seinem Gegenüber löste es warme Gefühle aus. Charlie war sogar fest über­zeugt, dass Phil beim ersten Mal nur wegen dieses Lächelns gewählt worden war – viel­leicht sogar jedes Mal. Das Schöne daran war, dass es immer echt war. Er lächelte nur, wenn ihm danach war, aber ihm war halt sehr oft danach. Und das merkte man. Genau darum wirkte es.

Seit Wades Abreise war Charlie sein wich­tig­ster Berater in Klimafragen. Genauer gesagt wech­sel­ten sich Charlie und Wade in der Rolle des Fernberaters ab. Beide arbei­te­ten in Teilzeit; Charlie rief täg­lich an und schaute einmal pro Woche vorbei, Wade mel­dete sich wöchent­lich und kam einmal im Monat ins Büro. Das funk­tio­nierte auch des­halb, weil Phil beim Thema Umwelt nicht durch­gän­gig auf ihren Rat ange­wie­sen war. »Ihr habt mir eine Menge bei­gebracht«, sagte er dann. »Mit der Frage komme ich allein klar. Also keine Sorge, blei­ben Sie am Südpol, blei­ben Sie in Bethesda. Ich erzähl Ihnen dann, wie es gelau­fen ist.«

Dagegen hätte Charlie über­haupt nichts ein­zu­wen­den gehabt – wenn Phil sich immer an ihre Ratschläge gehal­ten hätte. Aber Phil war von vielen Seiten star­kem Druck aus­ge­setzt, und eine eigene Meinung hatte er auch. Folglich kam es manch­mal zu Abweichungen. Wie die mei­sten Kongressabgeordneten war auch Phil der Ansicht, dass er es im Zweifelsfall besser wusste als seine Mitarbeiter, und da nicht sie abzu­stim­men hatten, son­dern er, behielt er damit letz­ten Endes auch recht.


Der Zwanzig-Minuten-Termin der Khembalis war für Donnerstagvormittag um zehn Uhr ange­setzt. Charlie war sehr gespannt, wie es aus­ge­hen würde, musste aber zunächst zu einer Pressekonferenz im Washington Press Club. Dort trat ein Wissenschaftler von der Heritage Foundation auf, der behaup­tete, die rasch stei­gen­den Temperaturen seien gut für die Landwirtschaft. Die Pseudoargumente sol­cher Leute aus­ein­an­der­zu­neh­men war wich­tig, und nor­ma­ler­weise hatte Charlie auch seine Freude daran, aber heute wollte er gern in der Nähe sein, wenn das Treffen zwi­schen Phil und den Khembalis statt­fand. Also eilte er davon, sobald die Pressekonferenz zu Ende und sein ganzes Pulver ver­schos­sen war, und kam genau um 10:20 an. Sofort fuhr er zu Phils Büros im zwei­ten Stock hinauf. Um 10:23 ver­ließ Phil gemein­sam mit den Khembalis sein Arbeitszimmer, wobei er munter mit ihnen plau­derte. »Ja, vielen Dank, natür­lich, sehr gern – machen Sie doch bitte bei Evelyn einen Termin aus.«

Die Khembalis wirk­ten zufrie­den. Sridar wirkte gelas­sen, aber wie üblich auch leicht belu­stigt.

Als Phil gerade gehen wollte, bemerkte er Charlie und blieb stehen. »Charlie! Schön, dass wir uns end­lich sehen!«

Mit brei­tem Grinsen kam er auf seinen errö­ten­den Mitarbeiter zu und drückte ihm die Hand. »Sie haben dem Präsidenten also ins Gesicht gelacht!« Er wandte sich an die Khembalis. »Dieser Mann hat dem Präsidenten ins Gesicht gelacht! Das wollte ich schon immer mal tun!«

Die Khembalis nick­ten unver­bind­lich.

»Wie hat sich das ange­fühlt?«, fragte Phil Charlie. »Und wie hat er es auf­ge­nom­men?«

»Ehrlich gesagt, es ist ein­fach so pas­siert«, sagte Charlie, immer noch rot im Gesicht. »Wie wenn man niesen muss. Joe hatte mich gekit­zelt. Und ich glaube, der Präsident hat es ganz gut auf­ge­nom­men. Er wirkte zufrie­den. Schließlich hatte er ja ver­sucht, mich zum Lachen zu brin­gen, und dann hat er mit­ge­lacht.«

»Ja, kann ich mir vor­stel­len, denn damit hatte er gewon­nen.«

»Stimmt. Na, jeden­falls hat er gelacht, und dann ist Joe auf­ge­wacht, und wir muss­ten ihm ganz schnell ein Fläschchen geben, bevor der Secret Service die Nerven verlor.«

Phil lachte. Dann schüt­telte er den Kopf und wurde ernst. »Tja, das ist schlecht. Aber was soll­ten Sie auch machen. Er hat Sie über­fal­len. Das tut er gern. Hoffen wir, dass es uns nicht zu sehr scha­det. Vielleicht nützt es uns ja sogar. Aber ich muss los, ich bin spät dran. Nicht unter­krie­gen lassen!« Er legte Charlie eine Hand auf den Arm, ver­ab­schie­dete sich noch einmal von den Khembalis und eilte zur Tür hinaus.

Die Khembalis ver­sam­mel­ten sich um Charlie. Sie schie­nen guter Stimmung zu sein. »Wo ist denn Joe? Warum haben Sie ihn nicht dabei?«

»Zu meinem letz­ten Termin hätte ich ihn unmög­lich mit­neh­men können. Asta küm­mert sich um ihn, eine Freundin aus der Spielgruppe. Ich muss ihn aller­dings bald abho­len.« Er sah auf die Uhr. »Aber kommen Sie erst einmal mit, ich möchte hören, wie es gelau­fen ist.«

Sie folg­ten Charlie zu seinem win­zi­gen Arbeitszimmer gleich neben der Treppe. Der Raum füllte sich mit ihren wein­ro­ten Gewändern (Phil zu Ehren trugen sie for­melle Kleidung) und ihren aus­drucks­vol­len brau­nen Gesichtern. Sie wirk­ten immer noch sehr zufrie­den.

»Und?«, fragte Charlie.

»Es ist sehr gut ver­lau­fen«, sagte Drepung und nickte froh. »Er hat uns zahl­rei­che Fragen zu Khembalung gestellt. Er war vor sieben Jahren selbst einmal dort, dabei hat er Padma und meh­rere andere ken­nen­ge­lernt. Er war sehr inter­es­siert, sehr wohl­wol­lend. Und das Beste ist, er hat gesagt, dass er uns helfen will.«

»Wirklich? Das ist ja groß­ar­tig! Was hat er denn genau gesagt?«

Drepung kniff die Augen zusam­men und ver­suchte sich zu erin­nern. »Er hat gesagt: ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«

Sucandra und Padma nick­ten zustim­mend.

»Das hat er wört­lich so gesagt?«, fragte Charlie.

»Ja. ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«

Charlie und Sridar sahen sich an. Wer sollte es ihnen erklä­ren?

»Genau das«, sagte Sridar vor­sich­tig, »waren seine Worte.« Damit war der Ball bei Charlie.

Charlie seufzte.

»Was ist?«, fragte Drepung.

»Nun ja …« Charlie sah noch einmal Sridar an.

»Erklär du es ihnen«, sagte Sridar.

»Sie dürfen nicht ver­ges­sen«, fing Charlie an, »dass Kongressabgeordnete nicht gern nein sagen.«

»Nicht?«

»Nein.«

»Sie sagen nie­mals nein«, stellte Sridar klar.

»Nie?«

»Nie.«

»Sie sagen lieber ja«, erklärte Charlie. »Ständig kommen Leute zu ihnen, die irgend­et­was von ihnen wollen – einen Gefallen, ihre Zustimmung zu einem Gesetz – etwas, wovon diese Leute sich einen Nutzen ver­spre­chen. Wenn die Abgeordneten ja sagen, sind sie zufrie­den. Alle sind dann zufrie­den.«

»Stimmen«, führte Sridar aus. »Jedes Ja bringt ihnen Stimmen ein. Bis zu fünf­zig­tau­send Stimmen für ein ein­zi­ges Ja. Also sagen sie ein­fach immer ja.«

»Das ist rich­tig«, gab Charlie zu. »Manche von ihnen sagen ja, ob sie es ernst meinen oder nicht. Andere sind da ehr­li­cher. Unser Senator Chase zum Beispiel.«

»Aber auch die sagen nie aus­drück­lich nein«, ergänzte Sridar.

»Im Endeffekt beant­wor­ten sie nur solche Anfragen, zu denen sie ja sagen können. Allen ande­ren wei­chen sie aus.«

»Verstehe«, sagte Drepung. »Aber er hat gesagt …«

»Er hat gesagt: ›Ich werde sehen, was ich tun kann.‹«

Drepung run­zelte die Stirn. »Und das heißt nein?«

»Nun ja, wissen Sie, wenn sie einer Frage auf keine andere Art aus­wei­chen können …«

»Ja!«, unter­brach Sridar. »Es heißt nein.«

»Also …«, fing Charlie an.

»Komm schon, Charlie.« Sridar schüt­telte den Kopf. »Es heißt nein, das weißt du genau. Sie machen es alle so. ›Ja‹ heißt viel­leicht. ›Ich werde sehen, was ich tun kann‹ heißt nein. Es heißt: Auf gar keinen Fall. Es heißt: Ich kann nicht glau­ben, dass Sie mich über­haupt darum bitten, aber da Sie es nun einmal getan haben, sage ich hier­mit auf meine Art nein.«

»Er wird uns also nicht helfen?«, fragte Drepung.

»Doch«, behaup­tete Charlie. »Sobald er eine Möglichkeit dazu sieht. Ich werde ihn immer wieder daran erin­nern.«

»Sie werden sehen, was Sie tun können«, sagte Drepung.

»Ja – aber im Ernst.«

Sein offen­sicht­li­ches Unbehagen ent­lockte Sridar ein spöt­ti­sches Lächeln. »Und Phil ist schon der Senator mit dem stärk­sten Umweltbewusstsein, nicht wahr, Charlie?«

»Nun – ja. Das ist wahr.«

Die Khembalis blick­ten nach­denk­lich drein. Drepung hatte die Stirn gerun­zelt.

»Auch wir werden sehen, was wir tun können«, sagte er.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel