4 | Wissenschaft in der Hauptstadt

von Kim Stanley Robinson

Neues aus der Abteilung für uner­freu­li­che Statistiken gefäl­lig?

Artenschwund in den Meeren schnel­ler als an Land. Kollaps der Korallenriffe ver­ur­sacht mas­sen­haf­tes Artensterben; drei­ßig Prozent aller Warmwasserarten gelten als aus­ge­stor­ben.

Fischbestände stark zurück­ge­gan­gen, UN for­dern Reduktion der Fangquoten, um Ausrottung kom­mer­zi­ell rele­van­ter Arten zu ver­hin­dern.

Erosion frucht­ba­rer Böden bei fast vier­tau­send Quadratkilometern pro Jahr. Entwaldung in gemä­ßig­ten Zonen jetzt schnel­ler als in den Tropen. Nur noch 35% Prozent der tro­pi­schen Wälder erhal­ten.

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Ein Inder ver­zehrt im Durchschnitt 200 Kilogramm Getreide im Jahr, ein Amerikaner 800, ein Italiener 400. Bei Herzkreislauferkrankungen gilt die ita­lie­ni­sche Küche als die beste welt­weit.

300 Tonnen waf­fen­fä­hi­ges Uran und Plutonium unauf­find­bar. Hohe Mutationsraten bei Mikroorganismen in der Umgebung von Wiederaufbereitungsanlagen für Atommüll. Antibiotika in Tierfutter ver­min­dern Wirksamkeit von Antibiotika beim Menschen. Umweltbelastung durch Östrogene mög­li­che Ursache für histo­risch nied­rige Spermienkonzentration beim Menschen.

Ausstoß von Kohlendioxid in diesem Jahr bei zwei Milliarden Tonnen. Wieder eines der fünf hei­ße­sten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. US-Notenbank hofft auf vier Prozent Wachstum im letz­ten Quartal.

* * * * *

Anna Quibler saß in ihrem Büro und pumpte Milch ab. Die Tür war geschlos­sen, die Vorhänge (extra für sie ange­bracht) zuge­zo­gen. Die Pumpe gab die gewohnte drei­stu­fige Folge von Geräuschen von sich: leises Seufzen, Schnaufen, Klacken. Beim Schnaufen baute der große Saugnapf an ihrer geschwol­le­nen linken Brust den Unterdruck auf, sodass weiße Milch aus der Spitze tröp­felte und durch einen klaren Plastikschlauch in den eben­falls durch­sich­ti­gen Beutel im schüt­zen­den Plastikzylinder rann. Ein Beutel fasste drei­hun­dert Milliliter.

Das Abpumpen erfor­derte längst keine Aufmerksamkeit mehr, Anna arbei­tete neben­her am Computer. Sie musste nur darauf achten, dass der Beutel nicht zu voll wurde, und bei­zei­ten die Brust wech­seln. Mit den bio­lo­gi­schen und tech­ni­schen Details des Vorgangs hatte sie sich schon vor Längerem gründ­lich befasst; inzwi­schen war ihr das alles ver­traut, es gab nichts Neues mehr zu erfah­ren. Also beschäf­tigte sie sich mit ande­ren Dingen. Anna zog es stän­dig zu neuen Fragestellungen, wes­halb sie auch wei­ter­hin gemein­sam mit Wissenschaftlern der Duke University Artikel in wis­sen­schaft­li­chen Zeitschriften ver­öf­fent­lichte und Mitherausgeberin des Journal of Statistical Biology war. Dabei hatte sie als Leiterin der Bioinformatik-Abteilung der NSF eigent­lich mehr als genug zu tun; aber diese Arbeit – größ­ten­teils Verwaltungsaufgaben – war ihr inzwi­schen auch rundum ver­traut. Neues erfuhr sie nur bei ihren son­sti­gen Projekten.

Im Augenblick suchte sie nach Möglichkeiten, wie die NSF den Khembalis bei­ste­hen könnte. Mit geüb­ter Leichtigkeit arbei­tete sie sich Klick für Klick durch ein Online-Netzwerk wis­sen­schaft­li­cher Institutionen.

Zu den vielen Abteilungen der NSF gehörte auch ein Büro für inter­na­tio­nale wis­sen­schaft­li­che und tech­ni­sche Zusammenarbeit; wie Anna beein­druckt fest­stellte, hatte es sich zehn Prozent vom Gesamtetat der NSF gesi­chert. Das Büro för­derte unter ande­rem inter­na­tio­nale bio­lo­gi­sche Projekte, dar­un­ter eins namens TOGA – Tropical Oceans, Global Atmophere, tro­pi­sche Meere und die Erdatmosphäre. Die Studien, die über TOGA finan­ziert wurden, waren oft mit dem Aufbau von Infrastruktur ver­knüpft. Nach Abschluss der Arbeiten wurden die so ent­stan­de­nen Einrichtungen den gast­ge­ben­den Institutionen über­eig­net.

Anna beschäf­tigte sich bereits aus einem ande­ren Anlass mit NSF-Programmen zum Aufbau von Infrastruktur; sie setzte TOGA auf die ent­spre­chende Liste. Solche Projekte waren der Grund, wes­halb manche Leute wit­zel­ten, das Mobile im Atrium würde in Wirklichkeit Hammer und Sichel dar­stel­len – nur stark ver­frem­det, damit Außenstehende nicht gleich merk­ten, was für eine sozia­li­sti­sche Einrichtung die NSF war: Sie ver­schenkte ihr Geld und tat so, als würde die Welt allen gehö­ren. Anna gefiel diese Haltung, wenn auch nicht aus poli­ti­schen Gründen. Ihr gefiel es, dass die NSF sich eher mit prak­ti­schen Fragen als mit Worten und Theorien befasste. Es ent­sprach ihren eige­nen Vorlieben. Sie bevor­zugte quan­ti­ta­tive Antworten auf quan­ti­fi­zier­bare Fragen.

In diesem Fall dreh­ten sich ihre Fragen um die kleine Insel der Khembalis (ihrer eige­nen Website zufolge zwei­und­fünf­zig Quadratkilometer groß). Deren Lage prä­de­sti­nierte sie gera­dezu dafür, in eine lau­fende Studie zu Überschwemmungen durch Ganges-Hochwasser und Sturmfluten an den Küsten des Indischen Ozeans ein­ge­bun­den zu werden. Die Lesezeichen, die sie wäh­rend der Suche anlegte, wollte sie später per E‑Mail an Drepung schicken sowie in Kopie an das Lehr- und Forschungsinstitut von Khembalung, von dem er ihr erzählt hatte. Wie aus der Website des Instituts her­vor­ging, befasste es sich außer mit medi­zi­ni­schen auch mit reli­giö­sen Studien (was sie sich unter Letzterem vor­zu­stel­len hatte, wollte sie gar nicht wissen). Das scha­dete gar nichts – wenn die Khembalis ihren Antrag klug for­mu­lier­ten, konn­ten die weiter gefass­ten Interessen des Instituts unter »gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auswirkungen« auf­ge­führt und damit in einen Pluspunkt ver­wan­delt werden. Bei der NSF wurden alle Anträge unter den Gesichtspunkten Intellektueller Wert und Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen beur­teilt, wobei Letzteres mit fünf­und­zwan­zig Prozent in die Wertung ein­ging. Der Bezug zur Welt als Ganzem spielte also durch­aus eine Rolle.

Anna setzte ihre Internetsuche fort. USGCRP – US Global Change Research Programm, ein Forschungsprogramm zum glo­ba­len Wandel – zwei Milliarden Dollar pro Jahr. South Asian START Regional Research Centre (SAS-RRC), ange­sie­delt am National Physical Laboratory in Neu-Delhi, Außenstellen in Bangladesh, Nepal und Mauritius … INDOEX, das Indian Ocean Experiment, das sich unter ande­rem mit Aerosolen befasste, sowie dessen Ableger Project Asian Brown Cloud: Beide unter­such­ten die stän­dig dich­ter wer­dende Dunstwolke über Südasien, die mög­li­cher­weise ver­hee­rende Störungen im Rhythmus des Monsun her­vor­rief. Für diese Studie wäre Khembalung ideal gele­gen. Ebenso für ALGAS, Asia Least Cost Greenhouse Gas Abatement Strategy, Strategien zur kosten­gün­sti­gen Reduktion der Treibhausgasemissionen in Asien. Und LOICZ – Land Ocean Interaction In the Coastal Zones, Wechselspiel von Land und Meer in Küstenregionen – das dürfte gera­dezu ein Volltreffer sein, Khembalung wäre dafür der per­fekte Standort. Weiterbildung, Vernetzung, Vermessung bio­geo­che­mi­scher Stoffkreisläufe, Modellierung sozio­öko­no­mi­scher Entwicklungen, Auswirkungen auf die Küstenregionen Südasiens. Lesezeichen anle­gen, in die E‑Mail kopie­ren. Mit einer Forschungsstation an der Mündung des Ganges wäre allen Beteiligten gedient.

»Ach, scheiße.«

Der Milchbehälter war über­ge­lau­fen. Das pas­sierte ihr nicht zum ersten Mal. Sie schal­tete die Pumpe aus und goss etwas Milch aus dem vollen Behälter in einen Hundertzwanzig-Milliliter-Beutel. Sie füllte immer auch einige kleine Beutel für Zwischenmahlzeiten; dass das meist aus Unachtsamkeit geschah, hatte sie Charlie nie gestan­den.

Inzwischen hatte sie selbst Hunger. So ging es ihr nach jedem Abpumpen. Die sechs­hun­dert Milliliter Milch ent­zo­gen ihrem Körper rund tau­send Kalorien – genauer hatte sie es nicht berech­nen können, die Studien, die sie dazu gefun­den hatte, lie­fer­ten nur grobe Anhaltspunkte. Auf jeden Fall konnte sie nun ohne schlech­tes Gewissen (und mit viel Vergnügen) zu der Pizzeria im Erdgeschoss gehen und sich den Magen voll­schla­gen. Tatsächlich sollte sie jetzt schnell etwas essen, sonst wurde ihr flau.

Vorher musste sie aller­dings auch aus der ande­ren Brust noch etwas Milch abpum­pen, denn das Einschießen der Milch wurde in beiden Brüsten aus­ge­löst, und wenn sie das nicht beach­tete, hatte sie später Beschwerden. Also legte sie den Dreihundert-Milliliter-Beutel in ihren klei­nen Kühlschrank und füllte den klei­nen Beutel aus der ande­ren Brust. Währenddessen druckte sie eine Liste der Websites aus, die sie besucht hatte.

Dann rief sie Drepung an.

»Drepung, können wir uns zum Mittagessen tref­fen? Ich habe ein paar Ideen, wie Sie an wis­sen­schaft­li­che Fördermittel kommen können.«

»Ja, danke. Treffen wir uns doch in zwan­zig Minuten in der Food Factory. Ich will nur noch Schuhe für Rudra kaufen.«

»Was für Schuhe soll er denn bekom­men?«

»Joggingschuhe. Die gefal­len ihm bestimmt.«

Als sie ihr Büro ver­ließ, traf sie Frank, der auch zu den Fahrstühlen wollte.

»Was hast du da?«, fragte er und deu­tete auf die Liste in ihrer Hand.

»Ein paar Infos für die Khembalis.«

»Damit sie erfor­schen können, wie man sich an stei­gende Meeresspiegel anpasst?«

Sie run­zelte die Stirn. »Nein, es geht um mehr. Wir können ihnen Fördermittel für die Infrastruktur beschaf­fen.«

»Sehr gut. Nur, weißt du, letzt­lich werden sie etwas ande­res brau­chen. Und um Klimaschutz küm­mert sich die NSF nicht. Sie tut nur, was die Kundschaft ver­langt.«


Franks Bemerkung ließ Anna keine Ruhe. Als sie nach einem netten Mittagessen mit Drepung in ihr Büro zurück­kehrte, rief sie Sophie Harper an, die bei der NSF für die Zusammenarbeit mit dem Kongress zustän­dig war.

»Sophie, gibt es Wege, wie die NSF sozu­sa­gen selbst Themen setzen kann?«

»Na ja, wenn wir den Kongress um Finanzierung bitten, begrün­den wir das immer sehr spe­zi­fisch, und das Geld wird dann auch nur für diese Zwecke bewil­ligt.«

»Also könn­ten wir durch­aus Finanzmittel für bestimmte Anliegen bean­tra­gen?«

»Ja, und das tun wir auch. Bis zu einem gewis­sen Grad legen wir unsere Aufgabenfelder selbst fest. Deshalb sind die Bewilligungskomitees auch nie gut auf uns zu spre­chen.«

»Warum?«

»Weil sie die­je­ni­gen mit dem Geld sind, und die Macht, die ihnen das gibt, ist ihnen sehr wich­tig. Ich hatte schon Senatoren, die die Welt für eine Scheibe halten, aber zu mir gesagt haben: ›Wollen Sie mir etwa erzäh­len, Sie wüss­ten besser als ich, was gut für die Wissenschaft ist?‹

Und natür­lich will ich genau das sagen, denn es stimmt nun mal, aber was soll man da ant­wor­ten? Mit sol­chen Leute bekommt man es immer wieder mal zu tun. Aber selbst den ver­nünf­tig­sten Komiteemitgliedern gefällt es nicht, dass Wissenschaft im Kern auto­nom ist.«

»Aber unser Spielraum bezieht sich nur aufs Forschen.«

»Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.«

Anna seufzte. »Ich auch nicht. Hör zu, Sophie, vielen Dank schon mal. Wenn ich weiß, was ich eigent­lich fragen will, melde ich mich wieder.«

»Immer gerne. Aber sieh dir auch mal die Seiten zur Geschichte der NSF auf unse­rer Website an, da erfährst du ver­mut­lich schon eini­ges.«


Nach dem Auflegen tat Anna genau das.

Es war das erste Mal, dass sie die Seiten zur Geschichte der NFS besuchte; nor­ma­ler­weise inter­es­sierte sie sich nicht für solche Themen. Beim Lesen wurde ihr jedoch bewusst, dass Sophie recht hatte. Anna hatte immer geglaubt, sie wüsste über die NSF Bescheid; schließ­lich arbei­tete sie schon sehr lange hier. Doch sie hatte sich getäuscht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Vannevar Bush – der wäh­rend des Krieges das Office of Science and Technology gelei­tet hatte und für die Koordination der mili­tä­ri­schen Forschung zustän­dig gewe­sen war – für die dau­er­hafte Einrichtung eines Bundesamtes zur Forschungsförderung ein­ge­setzt. Er begrün­dete das damit, dass Amerika den Krieg durch wis­sen­schaft­li­che Errungenschaften gewon­nen hätte (Radar, Penizillin, die Atombombe). Der Kongress ließ sich über­zeu­gen und ver­ab­schie­dete das Gesetz, mit dem die NSF gegrün­det wurde.

Was folgte, war ein stän­di­ger Kampf, bei dem es meist um die Finanzierung ging. Bei vielen Regierungsmitgliedern und Kongressabgeordneten schien Wissenschaft gera­dezu Furcht und Abscheu aus­zu­lö­sen. Sie woll­ten gar nichts Neues erfah­ren; es könnte sie ja bei ihren Geschäften stören.

Für Anna gab es kein grö­ße­res intel­lek­tu­el­les Verbrechen. Etwas nicht wissen zu wollen! Sie fand das unbe­greif­lich. Zumal die glei­chen Leute bestim­men woll­ten, wo es lang­ging. Das war doch ver­rückt. Da konnte ja selbst Joe logi­scher denken. Was ging nur in den Köpfen dieser Leute vor? Wie kamen sie dazu, zwei so unver­ein­bare Dinge zugleich anzu­stre­ben: unwis­send zu blei­ben und Macht aus­zu­üben? War beides Ausdruck der­sel­ben Art von Verrücktheit?

Sie schob diese Gedanken bei­seite und las weiter. Die NSF hatte trotz allem an ihren Zielen und Methoden fest­ge­hal­ten. Sie för­derte die Grundlagenforschung, vergab ihre Gelder auf der Grundlage wis­sen­schaft­li­cher Gutachten und ließ sich nicht von büro­kra­ti­scher Willkür leiten. Sie beschäf­tigte einen festen Stab von erfah­re­nen Wissenschaftlern sowie – jeweils zeit­lich befri­stet – eine Schar von Experten, die an vor­der­ster Forschungsfront tätig waren.

Anna fand das alles rich­tig, und sie war über­zeugt, dass sich der Nutzen auch nach­wei­sen ließe. Fünfzigtausend Anträge pro Jahr, bewer­tet von acht­zig­tau­send Gutachtern. Fördermittel für zehn­tau­send neue und zwan­zig­tau­send lau­fende Projekte. Alles zu dem Zweck, das Feld wis­sen­schaft­li­cher Erkenntnis zu erwei­tern und den Einfluss der Wissenschaft auf die Gesellschaft zu stär­ken.

Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und dachte nach. So viel wich­tige Grundlagenforschung, so viele gute wis­sen­schaft­li­che Arbeit – und doch, wenn man sich den Zustand der Welt anschaute, musste man sagen: Es hatte nicht gereicht. Vielleicht muss­ten sie noch mehr unter­neh­men. Nur was?

* * * * *

Primaten am Steuer. Eigentlich müss­ten sie alle längst tot sein. Massenkarambolagen, blu­tige Gewaltausbrüche. Autos, die ein­an­der mut­wil­lig ramm­ten und gegen­sei­tig zu Schrott fuhren. Eine welt­wei­tes Fest der Vernichtung.

Aber Menschen waren auch soziale Wesen. Ihre Gehirne waren nur des­halb so groß gewor­den, weil sie aus­rech­nen muss­ten, wie man am besten in Gruppen zurecht­kam. Und genau diese Teile des Gehirns waren aktiv, wenn Menschen bei dich­tem Verkehr Auto fuhren. Bei aller Drängelei und Frustration konnte es einem auch die Befriedigung ver­schaf­fen, dass man einen Wettstreit gewann. Oder man genoss die Solidarität, wenn alle zum gegen­sei­ti­gen Nutzen koope­rier­ten. Lass den armen Idioten doch vor, bevor seine Zufahrtsspur zu Ende ist; so geht es für alle schnel­ler voran. Der kleine Primat freute sich.

Jedenfalls wenn alles gut­ging. Allzu oft sah man Leute, die dabei nicht mit­mach­ten. Es war wie ein rie­sige Variante des klas­si­schen Spiels Gefangenendilemma: Zwei Gefangene werden getrennt von­ein­an­der auf­ge­for­dert, den ande­ren zu ver­ra­ten; im Gegenzug wird ihnen die Freilassung ver­spro­chen. In der übli­chen Computerversion des Spiels bekom­men beide Gefangene drei Punkte, wenn sie schwei­gen, also koope­rie­ren; wenn jeder den ande­ren verrät, bekom­men beide einen Punkt; wenn einer zum Verräter wird und der andere nicht, bekommt der Verräter fünf Punkte und der Hereingelegte keinen. Lässt man das Spiel auf der Grundlage dieses Punktesystems wie­der­holt laufen, scheint es auf den ersten Blick so, als würde sich Verrat immer aus­zah­len. Jedenfalls führt diese Strategie in Computersimulationen auf Dauer zur höch­sten Punktzahl – wenn man gegen Fremde spielt, die man anschlie­ßend nie wie­der­sieht. Was aufs Autofahren ja zuzu­tref­fen schien.

Allerdings nur, wenn man die Zukunft aus­blen­dete. Denn man geriet Tag für Tag in den glei­chen Stau, und das letzt­lich immer mit den glei­chen Menschen. Wenn man sich in dem Spiel aber so ver­hielt, als träte man stän­dig gegen den selben Gegner an, sodass beide Kontrahenten Gelegenheit hatten, sich wech­sel­sei­tig ken­nen­zu­ler­nen, dann gab es wirk­sa­mere Strategien als stän­di­gen Verrat. Eine davon hieß »Gleiches mit Gleichem«: Man han­delte jeweils so, wie es der Gegner in der vor­he­ri­gen Runde getan hatte. Damit fuhr man besser als mit aus­nahms­lo­sem Verrat, was man durch­aus als ermu­ti­gend betrach­ten konnte. Ideal war diese Strategie jedoch auch nicht, denn wenn es schlecht lief, konnte das Spiel in einer Dauerfehde enden. Weiteres Experimentieren hatte erfolg­rei­che Varianten des »Gleiches mit Gleichem« her­vor­ge­bracht – eine »groß­zü­gige« zum Beispiel, bei der man dem Gegner einen ersten Verrat durch­ge­hen ließ und es ihm erst beim näch­sten heim­zahlte. Auch dau­er­hafte Großzügigkeit funk­tio­nierte unter bestimm­ten eng umschrie­be­nen Bedingungen gut. Die wir­kungs­voll­ste Strategie, von der Frank wusste, war jedoch eine unzu­ver­läs­sige Großzügigkeit beim »Gleiches mit Gleichem«: Man vergab dem Gegner seinen ersten Verrat nur unge­fähr jedes dritte Mal, und das in unvor­her­seh­ba­rem Rhythmus. So ver­hin­derte man, dass ein weni­ger koope­ra­ti­ver Gegner die eigene Großzügigkeit aus­nutzte, und konnte sich zugleich aus Abwärtsspiralen befreien, die sonst zu Dauerfehden geführt hätten. Wo immer man es stets mit dem selben Gegner zu tun hatte, schien ein unvor­her­seh­ba­res »Hart, aber fair« die beste Strategie zu sein.

Und im Grunde war das gesamte Sozialleben eine ein­zige Folge von Gefangenendilemmas, beim Autofahren, bei der Arbeit, in jeder Form von Beziehung. Wettstreit oder Zusammenarbeit? Selbstsüchtig han­deln oder groß­zü­gig sein? Am schön­sten wäre es natür­lich, wenn man sich darauf ver­las­sen könnte, dass alle immer koope­rier­ten, denn dann könnte man ohne Schaden stets groß­zü­gig sein. Leider stellte sich im wahren Leben mei­stens heraus, dass viele Menschen ein sol­ches Vertrauen nicht ver­dien­ten. Diese Erkenntnis gehörte ver­mut­lich zu den größ­ten Schocks des Erwachsenwerdens; manche muss­ten es trau­ri­ger­weise schon viel früher erfah­ren. Danach lernte man, von Fall zu Fall neu zu ent­schei­den, und welche Strategie man letzt­lich wählte, war eine Frage der eige­nen Vorgeschichte, viel­leicht auch der Persönlichkeit.

Der Autoverkehr bot heute jeden­falls keine gute Gelegenheit, solche Fragen zu klären. Anfahren, brem­sen, anfah­ren, brem­sen. Frank kam kaum schnel­ler voran als zu Fuß. Er hätte gar nicht erst die Ringautobahn nehmen sollen. Hier wurden die mei­sten Autofahrer zu Verrätern. Überhaupt fand Frank die Autofahrer an der Ostküste weni­ger groß­zü­gig als die in Kalifornien. Was viel­leicht nur bewies, dass Kalifornier deut­lich öfter im Stau stan­den. Wenn dort zwei Spuren zu einer zusam­men­lie­fen, wech­sel­ten sich die Autos ab wie die Häkchen auf beiden Seiten eines Reißverschlusses – und wurden dabei nicht einmal viel lang­sa­mer, weil sich alle darauf ver­lie­ßen, dass die ande­ren mit­spiel­ten. Hier auf der Ringautobahn fuhr jeder auf Kosten des ande­ren. Darum gab es auch so viele SUVs: Die Leute waren für Zusammenstöße gerü­stet. SUVs waren Verräterautos. Folglich ging es ganz unnö­tig lang­sam voran. Man hätte schreien mögen.

Ab und zu schrie Frank tat­säch­lich – auch etwas, das Primaten gern taten. Beim Autofahren konnte man laut­hals auf Leute schimp­fen, die keine drei Meter ent­fernt saßen: Sie hörten es nicht. Was das Primatengehirn natür­lich nicht begriff – die Technik lie­ferte ihm wieder einmal einen Grund zum Staunen. Und es war ja wirk­lich wun­der­voll, jeman­den aus so gerin­ger Entfernung wüst und hem­mungs­los beschimp­fen zu können, ohne dass es irgend­wel­che Folgen hatte.

Also schimpfte er und schlich weiter voran. Um diese Uhrzeit war die Ringautobahn völlig über­la­stet. Er würde noch zu spät zur Arbeit kommen, und heute Morgen traf sich seine Gutachtergruppe zur ersten Sitzung! Da musste er unbe­dingt pünkt­lich sein. Die Teilnehmer waren alle­samt bereits in der Stadt, die ersten fanden sich ver­mut­lich jetzt schon in dem Sitzungszimmer im zwei­ten Stock ein. Bestimmt woll­ten sie so früh wie mög­lich anfan­gen, die Zeit würde ohne­hin kaum für alle Anträge rei­chen. Frank hatte die Tagesordnung bewusst voll­ge­packt, damit die Gruppe sich nicht mit jedem Antrag aus­führ­lich befas­sen konnte. Unter diesen Umständen zu spät zu kommen, wäre wirk­lich schlech­ter Stil. Es würde ihm unfreund­li­che Blicke ein­tra­gen. Er würde sich ent­schul­di­gen müssen. Es könnte sogar seinen Plan gefähr­den.

Bei der näch­sten Ausfahrt beschloss er spon­tan, auf die Schnellstraße 66 Richtung Osten zu wech­seln, obwohl dort um diese Uhrzeit nur Autos mit meh­re­ren Insassen erlaubt waren. Normalerweise rich­tete er sich danach, aber jetzt bog er trotz­dem ab. Auf der 66 ging es tat­säch­lich schnel­ler voran. In allen Fahrzeugen saßen min­de­stens zwei Personen. Frank blieb auf der rech­ten Spur und fuhr so unauf­fäl­lig wie mög­lich; er setzte darauf, dass Menschen in Autos meist wenig auf ihre Umgebung ach­te­ten und daher kaum jemand sein Vergehen bemer­ken würde. Natürlich hielt auch die Autobahnpolizei nach Fahrern Ausschau, die gegen die Regel ver­stie­ßen, ein Risiko, das er ungern ein­ging. Aber die Gefahr, nicht pünkt­lich zur Arbeit zu kommen, schien ihm größer.

Angespannt fuhr er weiter, bis er end­lich Fairfax erreichte und den Blinker setzen konnte. Beim Näherkommen sah er jedoch, dass gleich neben der Ausfahrt ein Polizeiauto stand; die Beamten kehr­ten gerade zu ihrem Fahrzeug zurück, nach­dem sie offen­bar einen ande­ren Missetäter abge­fer­tigt hatten. Sie konn­ten ihn jeder­zeit ent­decken.

Direkt vor ihm brem­ste ein großer alter Pick-up, der offen­bar eben­falls abfah­ren wollte. Ohne nach­zu­den­ken trat Frank aufs Gas, zog links an dem Pick-up vorbei, sodass dieser den Polizisten den Blick ver­sperrte, und scherte vor dem Wagen wieder auf die rechte Spur ein. Dabei beschleu­nigte er weiter, um den ande­ren Fahrer nicht zu behin­dern. Jede Menge Platz, und nie­mand hatte etwas gemerkt. Er bog nach rechts in die Ausfahrt ein und brem­ste, denn hinter der Kurve kam eine Ampel.

Plötzlich wurde hinter ihm laut gehupt. Der Kühlergrill des Pick-up füllte den Rückspiegel, die Scheinwerfer waren auf einer Höhe mit dem Dach des Honda. Frank gab wieder Gas, musste aber bald erneut brem­sen, weil er nun ein ande­res Auto vor sich hatte. Plötzlich zog der Pick-up links an ihm vorbei, genau wie er es vorhin getan hatte, nur dass der Pick-up dazu halb über die flache Böschung neben der Ausfahrt fahren musste. Frank blickte hin­über. Der Fahrer beugte sich mit wut­ver­zerr­tem Gesicht zu ihm her und brüllte etwas. Langes sträh­ni­ges Haar, Schnurrbart, rot im Gesicht, außer sich vor Wut.

Frank schaute noch einmal hin­über und zuckte die Achseln, wie um »Was ist denn?« zu sagen. Zugleich brem­ste er, sodass der Pick-up vor ihm ein­sche­ren konnte – zum Glück, denn der Fahrer lenkte seinen Wagen so abrupt auf die Fahrbahn zurück, dass er Franks linken Scheinwerfer nur um Zentimeter ver­fehlte. Wäre Frank nicht lang­sa­mer gewor­den, hätte er ihn mit Sicherheit gestreift. Was für ein Idiot!

Der Typ trat so scharf auf die Bremse, dass Frank ihm fast ins Heck gefah­ren wäre, eine Katastrophe, wenn man bedachte, wie hoch der Pick-up über der Straße lag. Frank wäre mit der Windschutzscheibe in ihn hin­ein­ge­rauscht.

»Scheiße!«, stieß Frank erschrocken hervor. »Du Arschloch! Ich bin dir doch über­haupt nicht nahe­ge­kom­men!«

Der Pick-up hielt an. Mitten auf der Ausfahrt.

»Himmel! Du ver­damm­ter Idiot!«, rief Frank.

Vielleicht war er dem Pick-up doch näher gekom­men, als er dachte. Oder der Typ nahm es ihm übel, dass er ganz allein die Schnellstraße 66 benutzt hatte – obwohl er ja das Gleiche getan hatte. Jedenfalls stieß er die Tür auf, sprang heraus und kam groß­spu­rig auf Frank zu. Er merkte, dass Frank immer noch brüllte, blieb stehen und zeigte mit dem Finger auf ihn. Dann griff er auf die Ladefläche seines Pick-up und holte eine Brechstange hervor.

Frank legte den Rückwärtsgang ein und setzte zurück, brem­ste und schal­tete wieder auf Drive, gab Gas, riss am Lenkrad und fuhr rechts an dem Pick-up vorbei. Hinter ihm hupte jemand, aber die hatten ja keine Ahnung. Während er die leere Ausfahrt hin­ab­ra­ste, rief er dem Verrückten tri­um­phie­rend noch eine Beleidigung zu.

Leider zeigte die Ampel am Ende der Ausfahrt rot, und ein Auto hatte bereits ange­hal­ten. Frank musste brem­sen. Augenblicklich gab es einen Knall, und er wurde nach vorn geschleu­dert. Der Pick-up war ihm ins Heck gefah­ren.

»Du Arschloch!«, schrie Frank erschrocken. Er hatte es wirk­lich mit einem Verrückten zu tun! Der Pick-up setzte zurück, ver­mut­lich um ihn erneut zu rammen. Frank legte den Rückwärtsgang ein und schoss nach hinten, bis sein klei­ner Honda gegen den Pick-up prallte wie gegen eine Wand. Dann schal­tete er erneut, fuhr durch die schmale Lücke rechts neben dem Auto, das vor der Ampel stand, bog rechts ab und beschleu­nigte in eine Lücke zwi­schen den vor­bei­ra­sen­den Autos hinein. Wieder wurde gehupt. Im Rückspiegel sah er, dass die Ampel umge­schal­tet hatte und der Pick-up ihm folgte. Er war nicht weit ent­fernt. »Scheiße!«

Frank beschleu­nigte, bemerkte eine Lücke im Gegenverkehr und bog quer über alle Spuren hinweg nach links in die Glebe Road ein, auch wenn das nicht die Richtung zur NSF war. Dann trat er aufs Gaspedal, schlän­gelte sich ver­zwei­felt zwi­schen den ande­ren Autos hin­durch und blickte immer wieder in den Rückspiegel. In der Ferne sah er den Pick-up mit quiet­schen­den Reifen eben­falls in die Glebe Road ein­bie­gen. Frank fluchte ent­setzt.

Er beschloss, eine Feuerwache anzu­steu­ern, die er einmal am Lee Highway bemerkt hatte. Er bog nach links ab, beschleu­nigte so stark, wie der Brennstoffzellenmotor seines klei­nen Autos es hergab, raste auf den Parkplatz neben der Feuerwache und brem­ste. Sofort sprang er aus dem Auto und eilte auf das Gebäude zu, wobei er immer wieder über die Schulter Richtung Glebe Road blickte.

Aber der Verrückte tauchte nicht auf. Er war weg. Hatte viel­leicht die Spur ver­lo­ren, oder auch das Interesse. Schikanierte lieber jemand ande­ren.

Immer noch flu­chend inspi­zierte Frank das Heck seines Autos. Wundersamerweise war kein Schaden zu erken­nen. Er stieg wieder ein, und wäh­rend er Richtung Süden zur NSF fuhr, lief vor seinem gei­sti­gen Auge der ganze Vorgang noch einmal ab. Eigentlich ver­stand er nicht, was da pas­siert war. Ja, er war um den Pick-up her­um­ge­fah­ren, aber geschnit­ten hatte er ihn nicht, und auch wenn er die 66 nicht hätte benut­zen dürfen, für den Verrückten galt schließ­lich das Gleiche. Das Ganze war ihm uner­klär­lich, und er fragte sich, ob es ange­sichts sol­cher Vorfälle nicht sinn­los war, mensch­li­ches Verhalten mit Hilfe von Modellen wie dem Gefangenendilemma beschrei­ben zu wollen. Menschen han­del­ten nicht ratio­nal. Zumindest nicht die­je­ni­gen unter ihnen, die über­große Pick-ups fuhren. Es war einer von der schmut­zi­gen und zer­beul­ten Sorte gewe­sen, keins der auf­ge­pepp­ten fabrik­neuen Schlachtschiffe, die man hier so häufig sah. Vielleicht hatte das Ganze etwas mit Klassenunterschieden zu tun: die Wut eines Arbeitslosen in einem Benzinfresser auf einen Bürotypen in einem Brennstoffzellenauto. Vergangenheit gegen Zukunft, reak­tio­när gegen pro­gres­siv, arm gegen wohl­ha­bend. Ein Beta-Männchen in einem Alpha-Auto, außer sich vor Wut, weil ein Alpha-Männchen sich offen­sicht­lich für so Alpha hielt, dass er glaubte, er könnte unge­straft in seinem klei­nen Beta-Auto um das Alpha-Auto her­um­dü­sen.

Etwas in der Art. Irgendein dummes Arschloch von Versager, der um sieben Uhr mor­gens schon betrun­ken ran­da­lierte.

Trotz aller Aufregung erreichte Frank die Tiefgarage der NSF früh genug, um es mit dem Fahrstuhl gerade noch recht­zei­tig in den zwei­ten Stock zu schaf­fen. Dort eilte er zur Herrentoilette und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Er musste den häss­li­chen Zwischenfall jetzt augen­blick­lich ver­ges­sen, und das fiel ihm nicht einmal schwer – gerade weil das Ganze so merk­wür­dig und uner­freu­lich gewe­sen war. Unschöne, aber fol­gen­lose Ungereimtheiten lassen sich leicht ver­drän­gen. Zeit, sich auf die Arbeit zu kon­zen­trie­ren. Durch die Entscheidung, wen er zur Gutachtergruppe einlud, hatte er seine Pläne für die Sitzung bereits zemen­tiert. Nach dem Schreck wäh­rend der Herfahrt war er nun erst recht ent­schlos­sen, sie mit kühlem Kopf umzu­set­zen.


Er betrat das Sitzungszimmer, das man ihnen zuge­wie­sen hatte. Das große Fenster zum Atrium bot die gewohnte Aussicht auf sämt­li­che Räumlichkeiten der NSF, und die­je­ni­gen aus der Gutachtergruppe, die zum ersten Mal hier waren, betrach­te­ten die zahl­lo­sen Bürowaben und mach­ten die übli­chen Bemerkungen über Das Fenster zum Hof und Ähnliches. »Eine Art Gemeinschaftsersatz«, sagte einer von ihnen; das musste Nigel Pritchard sein.

»Hält die Leute vom Faulenzen ab, wenn sie sich stän­dig beob­ach­tet fühlen.«

In der Savanne wäre die beste Entsprechung für eine solche Aussicht ein hoher Felsvorsprung, von dem aus die Horde alles im Blick hatte, was in ihrem Leben eine Rolle spielte. Ein siche­rer Ort, wo man schwatzte, sich gegen­sei­tig das Fell kraulte und Konflikte inner­halb der Rangordnung aus­trug. Mit ande­ren Worten: der ideale Schauplatz für eine Sitzung zur Begutachtung von Förderanträgen, bei der schließ­lich eins der älte­sten Themen über­haupt ver­han­delt wurde: Wen lassen wir rein, wen werfen wir raus? Das Ganze auf der Grundlage eines Wirtschaftssystems, in dem es um sozia­len Status sowie den Zugang zu Nahrung und zu Partnern ging, das alles gemes­sen an Handlungen, die als gut oder schlecht ein­ge­stuft wurden – ja, schon wieder ein Gefangenendilemma. Es nahm kein Ende.

Diese Variante des Spiels gefiel Frank aller­dings, denn sie arbei­tete mit unge­wöhn­lich vielen Nuancen und fand als eine von weni­gen in einem Bereich statt, in dem sich nicht alles um Geld drehte. Anonyme Gutachten – unbe­zahlte Arbeit – was für ein Skandal!

Aber in der Wissenschaft galten nun einmal andere Gesetze als im Kapitalismus. Genau da lag das Problem, es war einer der Gründe, wes­halb die Welt so schlecht ein­ge­rich­tet war. Alle Macht lag beim Kapitalismus, aber für den Reichtum, den die Wissenschaft her­vor­brachte, war Geld ein viel zu simp­les und unzu­läng­li­ches Maß. In der Forschung baute man das gesamte Berufsleben hin­durch so etwas wie ein wis­sen­schaft­li­ches Guthaben auf, indem man Arbeit in das System inve­stierte. Auf den ersten Blick mochte das altru­istisch wirken, aber tat­säch­lich wurde jeder Beitrag regi­striert und zahlte sich später auf die eine oder andere Weise aus: Man bekam eine bestimmte Stelle oder sogar ein eige­nes Labor. Für den Einzelnen war es also eine gute Investition; der Form nach war es jedoch ein Geschenk an die Gruppe. Diese Art von Nicht-Nullsummenspiel konnte sich auch beim Gefangenendilemma her­aus­bil­den, wenn alle nach den Strategien »immer groß­zü­gig« oder zumin­dest »hart aber fair« ver­fuh­ren. In der Wissenschaft galt: Wer in die Gemeinschaft auf­ge­nom­men werden wollte, ver­pflich­tete sich dazu, sich stets koope­ra­tiv zu ver­hal­ten und so zum maxi­ma­len gemein­schaft­li­chen Erfolg aller Spieler bei­zu­tra­gen.

Jedenfalls theo­re­tisch. In der Praxis ver­hiel­ten sich Wissenschaftler wie jede Horde von Primaten: Es gab eine Menge »Gleiches mit Gleichem«. Manchmal auch Verrat. Alle begün­stig­ten ihre eige­nen Projekte. Aber wenn man erst einmal so viel ver­diente, dass man mit­samt seiner Familie bequem davon leben konnte, hatte man den best­mög­li­chen Zustand erreicht. Mehr Geld brauchte man nicht, und trotz­dem wei­ter­zu­kämp­fen bedeu­tete gewöhn­lich einen Abstieg in sinn­lose Kleinkriege. Wie immer, wenn man gierig war. In der Wissenschaft gab es genug für alle. Außerdem gab es ein klar umris­se­nes, erreich­ba­res Ziel, was genau den tief im Gehirn ver­wur­zel­ten Wertvorstellungen der Savanne ent­sprach. Wissenschaftler wünsch­ten sich vom Leben das Gleiche wie der Australopithecus. Darum waren sie jetzt hier.

Erfüllt von einem sel­te­nen Glücksgefühl, betrach­tete Frank die Ausschussmitglieder, die sich in klei­nen Gruppen mit­ein­an­der unter­hiel­ten. »Fangen wir an.«


Sie setz­ten sich an den Tisch und stell­ten ihre Laptops und Kaffeetassen neben die ein­ge­bau­ten Computerkonsolen. Über letz­tere hatten sie Zugriff auf einen Satz von Tabellen, in denen für jeden Antrag ein­zeln die Bewertungen und Kommentare aller Gutachter auf­ge­li­stet wurden. Alle in der Gruppe waren mit dem Verfahren ver­traut. Einige kann­ten sich bereits per­sön­lich, und jeder wusste über die Arbeit der ande­ren Bescheid.

Insgesamt saßen sie zu acht um den langen, voll­ge­stell­ten Konferenztisch:

Dr. Frank Vanderwal, Moderator, NSF (frei­ge­stellt von der University of California, San Diego, Fachbereich Bioinformatik)

Dr. Nigel Pritchard, Georgia Institute of Technology, Computerwissenschaften

Dr. Alice Freundlich, Harvard University, Fachbereich Biochemie

Dr. Habib Ndina, University of Virginia, Fachbereich Medizin

Dr. Stuart Thornton, University of Maryland, College Park, Fachbereich Genomik

Dr. Francesca Taolini, Massachusetts Institute of Technology, Zentrum für Bioinformatik

Dr. Jerome Frenkel, University of Pennsylvania, Fachbereich Genomik

Dr. Yao Lee, Cambridge University (Gastwissenschaftler an der George Washington University, Fachbereich Mikrobiologie)

Frank eröff­nete die Sitzung mit den übli­chen ein­lei­ten­den Worten. Dann sagte er: »Diesmal haben wir wirk­lich ein volles Programm. Das tut mir leid, aber es sind ein­fach sehr viele Anträge ein­ge­gan­gen. Wenn wir uns nicht ablen­ken lassen, werden wir das Pensum schon schaf­fen. Ich schlage vor, wir fangen wie gewohnt mit fünf­zehn Minuten pro Hefter an und ver­su­chen, bis zum Mittagessen zwölf oder sogar vier­zehn zu erle­di­gen. Einverstanden?«

Alle nick­ten und tipp­ten, um den ersten Antrag auf­zu­ru­fen.

»Ach ja, und bevor wir anfan­gen, können bitte alle ihr Formular zu den Interessenkonflikten abge­ben? Zur Erinnerung: Ein Interessenkonflikt besteht für Sie als Gutachterin oder Gutachter immer dann, wenn Sie den Erstautor oder die Erstautorin des Antrags einmal bei einer wis­sen­schaft­li­chen Abschlussarbeit betreut haben oder von ihm oder ihr betreut wurden, wenn Sie bei der­sel­ben Institution ange­stellt sind wie der Erstautor oder einer der ande­ren Autoren, wenn Sie wäh­rend der letz­ten vier Jahre mit einem der Autoren zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, sich der­zeit bei irgend­ei­ner Abteilung der Institution des Antragstellers um eine Stelle bewer­ben oder inner­halb des letz­ten Jahres ein Honorar oder eine andere Leistung von der Institution des Antragstellers erhal­ten haben, wenn eine enge per­sön­li­che Beziehung zum Erstautor oder einem der ande­ren Autoren besteht, wenn Sie Anteile an einem Unternehmen besit­zen, das an dem Antrag betei­ligt ist, oder wenn ein Erfolg oder Scheitern des Antrags ander­wei­tig posi­tive oder nega­tive finan­zi­elle Folgen für Sie haben wird.

Haben das alle ver­stan­den? Gut, dann rei­chen Sie die Formulare bitte an mich weiter. Bei dem einen oder ande­ren Antrag werden manche raus­ge­hen, aber in den mei­sten Fällen gibt es keine Probleme, rich­tig?«

»Ich bin beim Esterhaus-Antrag nicht dabei, das habe ich Ihnen ja schon mit­ge­teilt«, sagte Stuart Thornton.

Danach began­nen sie mit den Bewertungen. Dies war das Herzstück ihrer Arbeit in den näch­sten zwei Tagen; es war ein wesent­li­ches Arbeitsmittel der NSF und der Wissenschaft über­haupt. Wechselseitige Begutachtung: eine Jury aus fach­kun­di­gen Kollegen. Frank öff­nete die Tabelle für den ersten Antrag auf seinem Bildschirm. »Sieben Gutachter, vier­und­vier­zig Hefter. Fangen wir mit EIA-02 18599 an, ›Elektromagnetische und infor­ma­ti­ons­tech­ni­sche Aspekte von Biopolymeren‹. Habib, das ist einer von Ihren?«

Habib Ndina nickte und gab eine kurze Zusammenfassung des Antrags. »Die Autoren wollen Cytoskelett-Netzwerke auf Microchips auf­brin­gen und her­aus­fin­den, ob sich Tubulin zum Bau logi­scher Schaltkreisen auf Proteinbasis ver­wen­den lässt. Dazu wollen sie das elek­tri­sche Dipolmoment messen und etwas, das der Erstautor als erwart­bare Kink-Soliton-förmige Wellen von Ladungswechseln beschreibt.«

»Wer erwar­tet die?«

»Der Erstautor.« Habib lächelte. »Außerdem schreibt er, dass sich mit dieser Methode die unter­schied­li­chen quan­ten­phy­si­ka­li­schen Theorien des Bewusstseins über­prü­fen lassen.«

»Hmm.« Die ande­ren lasen sich in den Antrag ein.

»Was meinen Sie?«, fragte Frank nach einer Weile. »Wie ich sehe, hat Habib dem Antrag schon ein Gut gege­ben, Stuart ein Befriedigend und Alice ein Sehr Gut

Damit lag der Antrag im mitt­le­ren Bereich; ihre Notenskala umfasste Ungenügend, Befriedigend, Gut, Sehr Gut und Hervorragend.

Habib ant­wor­tete als Erster. »Ich habe meine Zweifel, ob man solche Biochips zu neu­ro­na­len Netzen zusam­men­fü­gen kann. Inouye hat am MIT etwas Ähnliches ver­sucht, habe ich gele­sen, und dort sind sie auf der Ebene der Chipherstellung stecken­ge­blie­ben.«

Jetzt mel­de­ten sich auch die ande­ren mit ihren Fragen und Einschätzungen. Nach fünf­zehn Minuten unter­brach Frank die Diskussion und bat alle, ihre end­gül­ti­gen Bewertungen in den Kategorien Intellektueller Wert und Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen ein­zu­tra­gen.

Er fasste das Ergebnis zusam­men. »Viermal Gut, zwei­mal Sehr Gut, einmal Befriedigend. Okay, weiter zum näch­sten. Aber wissen Sie was, ich fange mal gleich mit der großen Tafel an.«

In der Ecke neben ihm stand ein Whiteboard, auf dem Tisch lag ein Stapel Klebezettel. Mit einem Stift teilte Frank das Whiteboard in drei Bereiche ein, an deren Kopf er jeweils »Fördern«, »Fördern w. m.« und »Ablehnen« schrieb.

»Den ersten Antrag setze ich vor­läu­fig in die Spalte ›Fördern wenn mög­lich‹. Natürlich kann er später noch raus­ge­wor­fen werden.« Er klebte den Zettel für diesen Antrag in den mitt­le­ren Bereich. »Wir werden im Laufe des Tages noch eini­ges hin- und her­schie­ben, wir müssen ja erst ein Gefühl für die Bandbreite bekom­men.«

Sie wand­ten sich dem näch­sten Antrag zu. »Okay. ›Effiziente Algorithmen zur Dekohärenzkontrolle bei com­pu­ter­ge­stütz­ter Genomkonstruktion‹.«

Diesen Hefter hatte Frank Stuart Thornton zuge­teilt.

Thornton begann mit einem Kopfschütteln. »Der Antrag hat bisher zwei Gut und ein Befriedigend, und mich hat er auch nicht über­mä­ßig beein­druckt. Vielleicht genügt hier eine etwas kür­zere Diskussion. Er zeugt von gerin­gem Verständnis für die Probleme der Codon-Optimierung, und ähn­li­che Arbeiten laufen meines Wissens bereits in Seattle. Die Antragsteller haben sich offen­bar so sehr auf die gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Auswirkungen kon­zen­triert, dass sie keine Zeit mehr für die ein­schlä­gige Fachliteratur hatten. Außerdem kann das gar nicht funk­tio­nie­ren.«

Das brachte alle kurz zum Lachen. Für die­je­ni­gen unter ihnen, die Thornton nicht kann­ten, kam diese hef­tige Geringschätzung über­ra­schend, aber Frank hatte ihn schon öfter in Gutachtergruppen erlebt. Er gehörte zu den Wissenschaftlern, für die Reinheit der Methodik über alles ging, wes­halb sie grund­sätz­lich jeder Behauptung mit Skepsis begeg­ne­ten. Keine Studie war je streng genug kon­zi­piert, kein Ergebnis klar genug. In Franks Augen waren das deut­li­che Anzeichen von Unsicherheit, Manöver eines Beta-Männchens, das die Gruppe davon über­zeu­gen will, dass es auch der Alpha-Rolle gewach­sen wäre.

Das Problem dabei war, dass man Wissenschaftlern ihre intel­lek­tu­el­len Fähigkeiten augen­blick­lich anmerkte. So wie man einem Australopithecus sofort ansah, wie viele Muskeln er hatte. Man konnte nie­man­dem etwas vor­ma­chen. Und wenn man noch so sehr das Fell auf­stellte oder die Zähne bleckte – wie klug man war, zeigte sich in dem, was man sagte. Gewohnheitsmäßige Skepsis war da wie Zähnefletschen: Das konnte jeder. Aus diesem Grund war Thornton eigent­lich kein guter Kandidat für Gutachterausschüsse, denn auch wenn die übri­gen Mitglieder seine Haltung durch­schau­ten und zu igno­rie­ren ver­such­ten, ver­än­derte sein Tonfall trotz­dem die Stimmung. In einer Gruppe, in der es einen Dauerverräter gab, konnte sich nie­mand mehr allzu viel Großzügigkeit lei­sten, wollte er nicht als Verlierer enden.

Genau des­we­gen hatte Frank ihn ein­ge­la­den.

Thornton redete immer noch. »Das Grundproblem ist, dass sie eine fal­sche Vorstellung davon haben, was einen Algorithmus aus­macht. Es ist nicht ein­fach eine Folge von mathe­ma­ti­schen Operationen, die nach­ein­an­der abge­ar­bei­tet werden. Man muss auch eine Grammatik ent­wer­fen, die dafür sorgt, dass sich jeder Rechenschritt an das Ergebnis der vor­he­ri­gen Schritte anpasst. Das erfor­dert eine ganz spe­zi­elle Form von mathe­ma­ti­scher Kodierung, und die sehe ich hier nicht.«

Die ande­ren nick­ten und ver­ga­ben über die Konsolen ihre Noten. Kurz darauf stand der Antrag in der Spalte ›ableh­nen‹, und sie befasste sich mit dem näch­sten.

Schon jetzt konnte Frank mit eini­ger Zuversicht vor­aus­sa­gen, wie der Rest des Tages ver­lau­fen würde. Es hatte sich eine nega­tive Grundhaltung eta­bliert. Die dritte Rednerin, Alice Freundlich von Harvard, ver­suchte sich zwar subtil gegen Thornton abzu­gren­zen, indem sie beim Vorstellen ihres ersten Hefters betonte, wie gut dieser Antrag geschrie­ben war, aber das geschah bereits in einem weni­ger groß­zü­gi­gen Umfeld, und auch ihr Lob fiel nicht über­mä­ßig begei­stert aus. »Sie wollen die Evolution kon­ser­va­ti­ver DNA-Sequenzen mit Hilfe von Kaskadenstudien nach­voll­zie­hen und dazu Simulationen in großen Computernetzwerken ein­set­zen. Auf diese Weise wollen sie Gene iden­ti­fi­zie­ren, die beson­ders anfäl­lig für Mutationen sind.«

Habib Ndina schüt­telte den Kopf. Auch er gehörte zu den gewohn­heits­mä­ßi­gen Skeptikern, nur dass er dabei auf weit grö­ßere Intelligenz zurück­grei­fen konnte als Thornton. Außerdem ging es ihm nicht nur um starke Auftritte, son­dern er dachte tat­säch­lich nach. »Ist die Evolution des Genoms nicht schon ziem­lich gut erforscht?«, wandte er ein. »Müssen wir wirk­lich noch mehr dar­über erfah­ren?«

»Nun ja, wohl eher nicht. Das könnte einen Minuspunkt unter ›gesamt­ge­sell­schaft­li­che Bedeutung‹ erge­ben.«

So ging es den ganzen Tag weiter, und da Frank die nega­tive Stimmung mit unauf­fäl­li­gen Bemerkungen zusätz­lich anheizte (»Haben sie dafür über­haupt genug Laborkapazität?« – »Stimmt das denn?« – »Wie wollen sie das machen?« – »Kann das funk­tio­nie­ren?«), geriet die Gruppe schließ­lich voll­ends in einen Modus, in dem nur noch geschos­sen wurde. Sie verlor ein wenig zu sehr aus den Augen, dass Förderanträge von realen Menschen unter Zeitdruck ver­fasst wurden, und begann sie an ihrem Idealbild einer wis­sen­schaft­li­chen Studie zu messen. In diesem Licht betrach­tet hatten natür­lich alle Kandidaten ihre Schwächen. Jede Arbeit stand auf töner­nen Füßen, jeder Antrag wurde dem­entspre­chend zu einer Tontaube, die nur zu dem Zweck in die Luft gewor­fen wurde, dass alle darauf schie­ßen konn­ten. Nächster Antrag, Peng, Peng, Peng!

Irgendwann sagte jemand tat­säch­lich: »Den hat’s erwischt.«

Natürlich gab es auch Menschen, die sich von sol­chen Stimmungen nicht mit­rei­ßen ließen, die den Kopf schüt­tel­ten oder die Nase rümpf­ten oder sogar gegen die all­ge­meine Haltung auf­be­gehr­ten. Aber von den Standhaften, die Frank kannte, hatte er bewusst keinen ein­ge­la­den. Selbst Alice Freundlich erreichte nur, dass die Stimmung nicht zu uner­freu­lich wurde. Gruppen konn­ten beim gemein­sa­men Dreinschlagen eine erstaun­li­che Dynamik ent­wickeln. In der Savanne hätte die Horde ein Mitglied ver­sto­ßen, sodass es die Nacht hung­rig und allein durch­ste­hen musste. Oder sie hätten gleich jeman­den in Stücke geris­sen.

Ganz so weit wollte Frank es nicht kommen lassen. Er griff ohne­hin nie aus­drück­lich ein, schließ­lich war er nur der Moderator. Bei keinem der Anträge äußerte er offen eine eigene Meinung. Er behielt ledig­lich die Uhr im Auge, wäh­rend sie die Anträge der Reihe nach durch­gin­gen, fragte drei Minuten vor Ablauf der Viertelstunde, ob noch jemand etwas sagen wollte, und ach­tete darauf, dass nach Abschluss der Diskussion alle ihre Bewertungen ein­tru­gen. »Damit haben wir einmal Hervorragend und fünf­mal Sehr Gut. Alice, haben Sie sich auch ent­schie­den?«

In den Diskussionen ging es inzwi­schen recht rau zu.

»Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Das ist absurd!«

»Ich möchte gleich vor­schla­gen, die Diskussion abzu­kür­zen.«

Jetzt begann Frank, die ande­ren vor­sich­tig zu brem­sen. Schließlich wollte er nicht, dass sie ihn für einen schlech­ten Sitzungsleiter hiel­ten.

Trotzdem ver­stärkte sich die aggres­sive Grundhaltung weiter. Paviane, die sich auf ein ver­wun­de­tes Tier stür­zen, Freude an der Zerstörung als Pawlowscher Reflex auf die Belohnung durch erbeu­tete Nahrung. Der Spaß daran, etwas sorg­fäl­tig Erschaffenes zu ver­nich­ten. Das war Frank auch schon früher begeg­net: ein Zimmermann, der mit einem Vorschlaghammer ein Bauwerk zer­trüm­merte, ein Tierarzt, der am Wochenende auf Entenjagd ging … Nicht gerade die klüg­ste Reaktion, wenn man bedachte, wie schlecht es der­zeit um den Planeten stand, aber so waren die Menschen nun einmal. Weshalb sie ver­mut­lich dem Untergang geweiht waren. Da blieb dem Individuum nur die Strategie, die eigene Position best­mög­lich zu stär­ken. Und dafür musste man manch­mal zum Verräter werden.


Zu Yann Pierzinskis Antrag kamen sie erst kurz vor Ende der Sitzung. Wieder war Thornton an der Reihe. Inzwischen waren alle müde.

»Okay, wir sind fast fertig«, sagte Frank. »Machen wir die letz­ten auch noch? Es sind nur zwei. Stu, das ist wieder einer von Ihren. ›Algorithmische Analyse palin­dro­mi­scher Sequenzen zur Vorhersage der von Genen expri­mier­ten Proteine.‹ Mandel und Pierzinski, Caltech.«

Thornton schüt­telte müde den Kopf. »Wie ich sehe, hat der Antrag schon zwei Sehr Gut, aber von mir kommt nur ein Befriedigend. Die Idee ist ganz nett, aber meiner Meinung nach ver­spre­chen die Autoren zu viel. Ich meine, es würde doch völlig rei­chen, wenn sie abge­lei­tet vom Genom das Proteom vor­her­sa­gen könn­ten, aber sie wollen auch noch die Evolution des Genoms klären, feh­ler­to­le­rante Biocomputer bauen … Das ist fast eine Liste aller großen unge­lö­sten Probleme.«

Francesca Taolini fragte ihn, was er von dem Algorithmus hielt, den die Antragsteller ent­wickeln woll­ten.

»Das ist alles viel zu vage! Soweit ich es beur­tei­len kann, beschrei­ben sie da eher ihre eige­nen Hoffnungen. Für so etwas bräuchte man eine voll­stän­dige Software mit einem Satz von Tools und einer eige­nen Sprache, und vor allem bräuchte man eine Grammatik fürs Erfassen der Palindrome, die sie anschei­nend für beson­ders wich­tig halten, wobei ich darin eher Redundanzen und Reparaturhilfen sehe. Genau dazu dient ja die Palindromstruktur. Wie die Verstärkung am unte­ren Ende eines Reißverschlusses. Und daraus wollen sie sämt­li­che Proteine vor­her­sa­gen, die ein Gen pro­du­ziert!«

»Aber wenn es funk­tio­nier­ten sollte, wüsste man auch ohne 2D-Gele, welche Proteine man bekommt«, betonte Francesca. »Das wäre sehr hilf­reich. Ich finde, der Ansatz hat durch­aus Potenzial. Ich kenne ein paar Leute, die an etwas Ähnlichem arbei­ten, es wäre gut, wenn noch jemand dazu­käme. Das ist ein weites Feld. Darum habe ich dem Antrag auch ein Sehr Gut gege­ben. Ich bin nach wie vor dafür, dass wir ihn bewil­li­gen.« Sie hielt den Blick auf den Bildschirm gerich­tet.

»Na ja«, erwi­derte Thornton ver­är­gert, »aber wo wollen sie denn die Biosensoren finden, die ihnen ver­ra­ten, ob sie rich­tig liegen? Das lässt sich doch gar nicht kon­trol­lie­ren.«

»Das können ja andere über­neh­men. Und wenn sich die Vorhersagen als zuver­läs­sig erwei­sen, müsste man sie nicht mehr stän­dig über­prü­fen. Genau darum geht es doch.«

Frank war­tete einen Moment ab. »Noch jemand?«, fragte er dann in neu­tra­lem Tonfall.

Pritchard und Yao Lee mel­de­ten sich zu Wort. Lee hielt die Idee offen­bar auch für gut, zumin­dest in der Theorie. Er begann das Ganze als eine Art Kochbuch zu beschrei­ben, dessen Rezepte sich stän­dig wei­ter­ent­wickel­ten. »Wie würde das denn funk­tio­nie­ren?«, fragte Frank dazwi­schen.

»Eben durch die vielen Iterationsschritte. Der Algorithmus würde einem sagen, wo man anfan­gen soll, in welche Richtung man suchen soll.«

»Der Punkt ist«, unter­brach Francesca, »dass wir dieses Problem ein­fach lösen müssen, denn im Moment ist der Mechanismus der Genexpression eine Black Box. Es ist ein sehr sinn­vol­ler Forschungsansatz.«

»Habib?«, fragte Frank.

»Wenn sie es schaf­fen soll­ten, wäre das natür­lich nett. Aber ein­fach ist es nicht. Den Antrag zu unter­stüt­zen ist reines Glücksspiel.«

Bevor Francesca ihre Gedanken ordnen und ant­wor­ten konnte, sagte Frank: »Gut, dar­über könn­ten wir noch lange hin und her dis­ku­tie­ren, aber die Zeit für den Antrag ist um, und spät ist es auch. Bitte tragen Sie Ihre Wertung ein, soweit Sie das noch nicht getan haben, dann bespre­chen wir noch den letz­ten, das ist einer von Alice, und danach gehen wir essen.«

Da alle hung­rig waren, tipp­ten sie kurz auf ihren Konsolen herum und wand­ten sich dem letz­ten Antrag des Tages zu, »Ribozyme als mole­ku­lare Logikgatter«. Als sie fertig waren, hef­tete Frank den letz­ten Klebezettel ans Whiteboard. Auf jedem der klei­nen Papierquadrate stand die Durchschnittsnote des jewei­li­gen Antrags. Die Ergebnisse lagen eng bei­ein­an­der; der Unterschied zwi­schen 4,63 und 4,70 konnte ent­schei­dend sein. Drei Anträge befan­den sich bereits in der Rubrik »Fördern«, zwei in »Fördern w. m.« und sechs in »Ablehnen«. Alle ande­ren kleb­ten am unte­ren Ende des Whiteboards; sie muss­ten am näch­sten Tag ein­sor­tiert werden. Zu ihnen gehörte auch der von Pierzinski.

Am Abend ging die Gruppe ins Tara, ein nicht weit ent­fern­tes, gutes thai­län­di­sches Restaurant mit wand­gro­ßem Aquarium. Beim Essen unter­hiel­ten sie sich ange­regt über die ver­schie­den­sten Themen; die Stimmung bes­serte sich merk­lich. Einige der Gutachter besuch­ten anschlie­ßend noch die Hotelbar, die übri­gen zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Am näch­sten Morgen um acht Uhr kamen sie im selben Sitzungszimmer wieder zusam­men und mach­ten weiter. Die Diskussion der Anträge ver­lief immer effi­zi­en­ter. Als ein Antrag behan­delt wurde, den jemand von Thorntons Universität gestellt hatte, zog dieser sich aus der Sitzung zurück. Sofort bes­serte sich die Stimmung im Raum, und das hielt auch dann noch vor, als er wieder teil­nahm. Allmählich kann­ten alle die Vorlieben und Schwächen der ande­ren. Manchmal schweif­ten sie in span­nende theo­re­ti­sche Diskussionen ab, aber immer nur für wenige Minuten. Einige Anträge warfen inter­es­sante Fragen auf, und nach­dem sie meh­rere beson­ders gute hin­ter­ein­an­der behan­delt hatten, wurde ihnen bewusst, welche erstaun­li­chen Entwicklungen der­zeit auf dem Gebiet der Bioinformatik statt­fan­den und wel­cher Segen für die Gesundheit aller Menschen es wäre, wenn sich all diese Fortschritte zu wirk­sa­men bio­tech­ni­schen Verfahren bün­deln ließen. Dieser posi­tive Blick in die Zukunft führte zu einer groß­zü­gi­ge­ren Grundhaltung. Alles in allem ver­lief der zweite Tag ange­neh­mer, und der Durchschnitt der Bewertungen war besser.

»Mein Gott«, sagte Alice irgend­wann, den Blick aufs Whiteboard gerich­tet. »Wir werden einige sehr gute Anträge ableh­nen müssen.«

Alle nick­ten. Dieses Gefühl stellte sich am Ende eines Gutachtertreffens häufig ein. Im Durchschnitt wurden nur zehn bis zwan­zig Prozent aller Anträge bewil­ligt.

»Manchmal frage ich mich, was pas­sie­ren würde, wenn wir neun­zig Prozent der Projekte för­dern könn­ten. Nur die nicht, die wir hier kaum dis­ku­tie­ren.«

»Das würde eini­ges beschleu­ni­gen.«

»Es könnte eine Revolution aus­lö­sen.«

»Zurück in die Wirklichkeit«, sagte Frank. »Der letzte Hefter.«

Als sie auch diesen vier­und­vier­zig­sten Hefter beno­tet hatten, wer­tete Frank die Zahlen für sämt­li­che Anträge aus und erstellte eine Rangliste von eins bis vier­und­vier­zig. Es waren viele Gleichstände dar­un­ter.

Das Ergebnis druckte er aus, ein­schließ­lich der jeweils bean­trag­ten Geldsummen. Danach setz­ten sie die Besprechung fort, indem sie die unsor­tier­ten Zettel auf dem Whiteboard einer der drei Spalten zuord­ne­ten.

Pierzinskis Antrag war auf Platz vier­zehn gelan­det. Ohne Francesca wäre das Ergebnis noch schlech­ter aus­ge­fal­len. Auch jetzt drängte sie die ande­ren noch einmal, das Projekt zu för­dern, aber die Gruppe ent­schied, es unter »Fördern wenn mög­lich« zu setzen, mit Sternchen.

Mit unbe­weg­ter Miene klebte Frank den Zettel in die Spalte »Fördern w. m.«. In dieser Rubrik gab es inzwi­schen acht Anträge, in »Fördern« sechs und in »Absagen« zwölf. Achtzehn fehl­ten also noch, aber rein rech­ne­risch ließ sich vor­her­sa­gen, dass davon die mei­sten unter »Absagen«, einige wenige unter »Fördern wenn mög­lich« und höch­sten zwei unter »Fördern« landen würden.

Später würde Frank zu jedem Antrag ein Formular Nr. 7 aus­fül­len müssen. Darin wurden die wich­tig­sten Punkte der Diskussion zusam­men­ge­fasst sowie alle Minderheitenvoten erwähnt, die um mehr als eine ganze Note vom Durchschnitt abwi­chen. Sollte ein Antrag abge­lehnt werden, der min­de­stens ein Hervorragend bekom­men hatte, so wurde diese Entscheidung begrün­det. All das diente dazu, den Prozess für die Antragsteller so trans­pa­rent wie mög­lich zu gestal­ten und zu gewähr­lei­sten, dass alles mit rech­ten Dingen zuging. Die Gutachtergruppen hatten nur bera­tende Funktion, die NSF durfte sich über ihr Urteil hin­weg­set­zen, aber in den aller­mei­sten Fällen hatten ihre Entscheidungen Bestand. Genau darum ging es ja: um wis­sen­schaft­lich objek­tive Einschätzungen.

Im Grunde ein sehr selt­sa­mes Vorgehen. Da holte man sieben höchst sub­jek­tive und oft wider­sprüch­li­che Meinungen ein, wies ihnen einen Zahlenwert zu, errech­nete den Durchschnitt – und hatte etwas Objektives. Eine nume­ri­sche Rangliste, die man gra­phisch dar­stel­len konnte. Vollkommen lächer­lich. Aber besser ging es eben nicht. Was gäbe es denn über­haupt für Alternativen? Ein Algorithmus wäre dem Problem nicht gewach­sen. Dazu brauchte man einen Computer, der aus ver­netz­ten mensch­li­chen Gehirnen bestand – mit ande­ren Worten, eine Jury. Mehr ließ sich nicht errei­chen.

Also dis­ku­tier­ten sie sämt­li­che Anträge noch einmal, sowohl in Hinblick auf ihr wis­sen­schaft­li­ches Potenzial als auch auf ihren mög­li­chen Nutzen für Bildung und Gesellschaft, was unter die Überschrift »gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Auswirkungen« fiel. Zu dem Punkt mach­ten die mei­sten Anträge nur vage Aussagen; unter wis­sen­schaft­li­chen Puristen war er nicht beliebt. Aber wie Frank es jetzt aus­drückte: »Ziel der NSF ist es nicht nur, wis­sen­schaft­li­ches Arbeiten zu för­dern, son­dern auch den Einfluss der Wissenschaft zu stär­ken. Darum geht es bei diesen Kriterien. Was ein Projekt für die Gesellschaft bewirkt.« Was Anna damit anfan­gen kann, hätte er fast gesagt.

Wie aufs Stichwort kam Anna herein und dankte den Gutachtern für ihre Arbeit; sie wirkte etwas erhitzt und drückte sich unge­wohnt steif aus. Nachdem sie wieder gegan­gen war, sagte Frank: »Auch von mir ein herz­li­ches Dankeschön. Wie immer war es anstren­gend, aber sehr pro­duk­tiv. Ich hoffe, ich kann Sie alle irgend­wann wieder hier begrü­ßen, aber allzu bald werde ich Sie nicht belä­sti­gen. Einige von Ihnen müssen heute noch ein Flugzeug errei­chen, also machen wir Schluss – wenn mir der eine oder die andere noch etwas mit­tei­len möchte, können Sie mich ja ein­zeln anspre­chen. Okay, damit sind wir fertig.«

Frank druckte die Endfassung der Tabelle aus. Nach den Geldsummen zu urtei­len würden etwa zehn der vier­und­vier­zig Projekte bewil­ligt werden. Sieben stan­den bereits in der Rubrik »Fördern«, und von denen in der Rubrik »Fördern wenn mög­lich« hatten sechs etwas besser abge­schnit­ten als Yann Pierzinskis. Wenn Frank nichts unter­nahm – was ihm als Mitarbeiter der NSF durch­aus mög­lich gewe­sen wäre –, würde der Antrag abge­lehnt werden.

* * * * *

Ein wei­te­rer Tag für Charlie und Joe. Spätfrühling, vor­mit­tags schon 36 Grad, Tendenz stei­gend, Luftfeuchtigkeit eben­falls hoch.

Sie blie­ben lange zu Hause, wo aus den Deckengittern der Klimaanlage wohl­tu­end kühle Luft auf sie her­ab­sank. Sie mach­ten Ringkämpfe, putz­ten die Zimmer, früh­stück­ten, gönn­ten sich ein zwei­tes Frühstück. Während Joe Dinosaurier ver­prü­gelte, las Charlie in der Washington Post. Eine Meldung über die Dürre in Indien erin­nerte ihn an die Khembalis. Er setzte seinen Ohrstöpsel ein und rief seinen Freund Sridar an.

»Charlie, schön von dir zu hören! Ich habe deine Nachricht schon gele­sen.«

»Oh, gut, darauf hatte ich gehofft. Wie läuft’s denn so bei der Lobbyarbeit?«

»Wir haben gut zu tun. Ein paar inter­es­sante Klienten.«

»Wie immer.«

Sridar arbei­tete bei Branson & Ananda, einer klei­nen, aber ange­se­he­nen Agentur, die meh­rere aus­län­di­sche Regierungen dabei unter­stützte, ihre Interessen gegen­über der US-amerikanischen Regierung zu ver­tre­ten. Bei eini­gen dieser Klienten war es wegen bestimm­ter Sitten oder poli­ti­scher Tendenzen in ihren Heimatländern nicht ganz ein­fach, ihnen beim Kongress Gehör zu ver­schaf­fen.

»Du hast was von einem neuen Land erwähnt?«

»Es geht um ein paar Leute, die ich über Anna ken­nen­ge­lernt habe. Hast du schon mal von Khembalung gehört?«

»Ich glaube ja. Aus der Liga ver­sin­ken­der Staaten?«

»Genau.«

»Ich soll eine sin­kende Insel ver­tre­ten?«

»Die Insel sinkt nicht, der Meeresspiegel steigt.«

»Noch schlim­mer! Was sollen wir da denn aus­rich­ten, den Klimawandel auf­hal­ten?«

»Nun – genau. Darauf läuft es hinaus. Immerhin hättet ihr viele Verbündete.«

»Na ja.«

»Jedenfalls können sie wirk­lich Hilfe gebrau­chen. Und es sind nette Leute. Interessant. Ich glaube, du hät­test Freude an ihnen. Triff dich doch ein­fach mal mit ihnen.«

»Okay, eigent­lich bin ich ziem­lich aus­ge­bucht, aber das kann ich schon machen.«

»Toll. Danke, Sridar, das weiß ich wirk­lich zu schät­zen.«

»Kein Problem. Hey, kann ich viel­leicht auch noch Krakatau haben?«

Danach war Charlie in Gesprächslaune, hatte aber leider keinen Grund, jeman­den anzu­ru­fen. Also spielte er wieder mit Joe. Vor lauter Langeweile schal­tete er sogar den Fernseher ein. Gerade lief ein Expertengespräch. Hilflos hörte er zu. »Das sind solche Speichellecker«, beschwerte er sich bei Joe. »Widerlich.«

»BUMM!«, sagte Joe, den Charlies Stimmung ange­steckt hatte, und warf einen Tyrannosaurus gegen den Heizkörper, dass es knallte.

»Ganz genau«, sagte Charlie. »Sehr gut.«

Er schalte auf ESPN 5 um. Dort lief den ganzen Tag Frauen-Beachvolleyball. Offenbar bestand ein großer Teil des Publikums aus alten Männern in Rente.

Joe dage­gen hatte keine Lust mehr, zu Hause her­um­zu­hocken. »Raus!«, for­derte er und häm­merte mit einem Diplodocus gegen die Haustür. »Raus! Raus! Raus!«

»Okay, okay.«

Joe hatte zwei­fel­los recht: Sie konn­ten nicht den ganzen Tag im Haus ver­brin­gen. »Fahren wir zur National Mall, Joe, da waren wir lange nicht mehr. Zur Mall, Joe! Aber du musst in den Rucksack!«

Joe nickte und ver­suchte augen­blick­lich, in das Tragegestell zu klet­tern, eine kip­pe­lige Angelegenheit. Seinetwegen konnte es sofort los­ge­hen.

»Warte, erst noch die Windel wech­seln.«

»NEIN!«

»Ach, komm schon, Joe. Sag Ja.«

»Nein!«

»Doch.«

Das Windelwechseln wurde zu einem harten Kampf: Sie brüll­ten, knif­fen, schlu­gen um sich, beide gleich skru­pel­los und ent­schlos­sen. Charlie tat, was nötig war.

Endlich waren sie fertig und mach­ten sich schwit­zend und rot im Gesicht auf den Weg in das Dampfbad vor der Haustür. Sie gingen zur Metrostation und fuhren hin­un­ter in die dämm­rige unter­ir­di­sche Welt.

Es wäre schön gewe­sen, wenn Joe die Metro beru­hi­gend gefun­den hätte wie damals Nick, aber ihn belebte sie. Charlie fand das völlig unver­ständ­lich; auf ihn wirkte das kühle Halbdunkel ein­schlä­fernd. Aber Joe wollte unbe­dingt spie­len, und zwar genau an der Kante, neben der die Stromschiene ver­lief. So eine gewal­tige Energiequelle musste ihn natür­lich anzie­hen. Das Hunderttausend-Watt-Kind. Charlie rannte stän­dig hinter ihm her, um ihn von der Kante fern­zu­hal­ten. Endlich kam ein Zug.

Die Wagen der Metro gefie­len Joe auch. Er stand auf dem Sitz neben Charlie, starrte auf die Betonwände, die vor den getön­ten Fenstern vor­bei­husch­ten, oder betrach­tete die leuch­tend rosa- und oran­ge­far­be­nen Sitze, die Werbung, die Menschen, die Bahnhöfe, an denen der Zug hielt.

An einer Station stieg ein junger Schwarzer mit einem heli­um­ge­füll­ten Geburtstagsballon ein und setzte sich ihnen gegen­über. Joe starrte den Ballon ent­zückt an. Für ihn war das offen­bar Zauberwerk. Der junge Mann zog den Ballon an der Schnur nach unten und ließ ihn wieder in die Höhe schnel­len. Joe zuckte zusam­men, dann lachte er los. Sein Lachen klang wie das seiner Mutter, ein leises, bezau­bern­des Glucksen. Mehrere Passagiere began­nen zu lächeln. Der junge Mann zog erneut an der Schnur und ließ den Ballon hüpfen. Joe lachte so sehr, dass er sich hin­set­zen musste. Ein paar Mitreisende konn­ten sich nicht mehr zurück­hal­ten und stimm­ten mit ein. Der junge Mann lächelte schüch­tern. Er wie­der­holte den Trick, und jetzt bra­chen alle im Wagen gemein­sam mit Joe in Gelächter aus. Sie lach­ten, bis der Zug in Metro Central hielt.

Charlie stieg grin­send aus und trug Joe zur Ebene der Linien Blau und Orange. Erstaunlich, wie leicht sich eine ganze Gruppe von einer bestimm­ten Stimmung anstecken ließ. Ein junger Mann und ein klei­nes Kind spiel­ten ein Spiel, und aus frem­den Menschen, die sich nie wieder begeg­nen würden, wurde eine Gemeinschaft. Nur durchs Lachen. Aber viel­leicht war es ja viel selt­sa­mer, dass man seine Mitbürger gewöhn­lich wie einen Teil der Einrichtung behan­delte.

Joe hüpfte in Charlies Armen. Er mochte Metro Center mit seinen weit­läu­fi­gen, geheim­nis­vol­len sich kreu­zen­den Wegen. Den Ballon hatte er schon ver­ges­sen. Mit dem näch­sten Zug fuhren sie bis zur Station Smithsonian. Dort steckte Charlie Joe wieder ins Tragegestell und fuhr mit ihm auf der Rolltreppe zur glut­hei­ßen National Mall hinauf.

Der gesamte Himmel war mil­chig weiß. Man fühlte sich wie in der Sauna. Charlie kämpfte sich zu einem freien Stück Rasen im Schatten des Washington Monument vor, setzte Joe ab und ließ sich neben ihm nieder. Ihm gefiel der weite Blick, der sich hier bot, vom Kapitol auf der einen Seite zum Lincoln Memorial auf der ande­ren. Eine Lichtung im Wald. Als wäre man dem Düsterwald ent­kom­men. In Charlies Augen war das der eigent­li­che Grund, wes­halb die Mall so beliebt war. Die Denkmäler und Museen waren zwar ganz nett, aber letzt­lich nur Beiwerk; in Wirklichkeit ging es darum, dass man sich hier unter freiem Himmel befand. Was im ame­ri­ka­ni­schen Westen völlig normal war, wirkte hier im grünen Sumpfland wie ein Vorgeschmack aufs Paradies.

Charlie liebte die alte Geschichte über die Gründung von Washington. Die drei­zehn ersten Bundesstaaten hatten sich zwar eine Hauptstadt gewünscht, aber keinem Einzelstaat diese Ehre zubil­li­gen wollen. Also hatten sie gefeilscht: Gib du ein Stück Land her, nein, du; bis schließ­lich Virginia zu Maryland gesagt hatte: Hör zu, da, wo der Potomac in den Anacostia mündet, gibt es doch dieses rie­sige, gräss­li­che Sumpfgebiet. Ganz schreck­li­ches Land, wert­los, ver­seucht. Damit könnt ihr doch sowieso nichts anfan­gen.

Stimmt, sagte Maryland. Okay, dieses Land schen­ken wir der Nation. Aber nicht zu viel davon! Nur das aller­schlimm­ste Stück!

Und da waren sie nun. Charlie saß schläf­rig auf dem Rasen. Joe umkrei­ste ihn wie eine Hummel. Im dif­fu­sen Mittagslicht fiel das Atmen schwer. Im Westen türm­ten sich große weiße Wolken, und die Welt schien von innen heraus zu leuch­ten. Alles fühlte sich weich an, alles war viel zu hell. Er sollte wirk­lich daran denken, auf diese Ausflüge eine Sonnenbrille mit­zu­neh­men.

Aber jetzt musste er erst einmal Joe abfül­len, damit der anschlie­ßend schön lange schlief. Charlie kämpfte die eigene Schläfrigkeit nieder, nahm die Tasche mit dem Essen aus dem Fach unten am Tragegestell und winkte damit, bis Joe es sah. Joe tappte zu ihm, die Augenlider auf Halbmast: höch­ste Zeit. Er ließ sich auf Charlies Schoß nieder. Gerade als sein Kopf zur Seite kippen wollte, schob Charlie ihm ein Fläschchen mit Annas Milch in den Mund.

Während Joe sich in den Schlaf nuckelte, saß Charlie vorn­über­ge­beugt da, das Kinn auf der Brust, halb weg­ge­däm­mert. In geist­tö­ten­der Hitze mit einem Kleinkind zu kuscheln – was konnte gemüt­li­cher sein.

Die Wolken über dem Weißen Haus waren so rund, prall und weiß, als schwebte dort oben der Geist ihres streit­lu­sti­gen Präsidenten. Auf der ande­ren Seite hing eine schwarze Wolke, ziem­lich genau über dem Obersten Gerichtshof: neun Ausbuchtungen, die jeder­zeit Blitze schleu­dern konn­ten. Ja, die Mächtigen Washingtons pro­du­zier­ten viel heiße Luft; die stieg auf und bil­dete Wolken, die genau aus­drück­ten, wofür sie stan­den. Und diese Kumulobürokratien – das erkannte er jetzt – waren viel bedeut­sa­mer als die Menschen, die ihnen zeit­weise dien­ten. Es waren trans­hu­mane Geisteswesen mit eige­nem Charakter und eige­ner Biographie, eige­nen Fähigkeiten, Wünschen, Gewohnheiten. Am Himmel über der Hauptstadt kämpf­ten sie um die Vorherrschaft. Die Menschen waren für sie nur die Zellen in ihrem Körper. Körperzellen hiel­ten sich ver­mut­lich auch für bedeut­sam und glaub­ten, sie könn­ten über ihr Leben bestim­men. Aber ihre Körper wuss­ten es besser.

Nur über der weißen Kuppel des Kapitols sah man nichts als schim­mernde Luft. Der Kongress erzeugte so star­ken Aufwind, dass sich dort keine Wolke bilden konnte.


Als das Telefon klin­gelte, schlief er so tief wie Joe. Er ant­wor­tete, noch bevor er wach war.

»Wa.«

»Charlie? Wo bist du gerade? Du wirst hier gebraucht.«

»Ich bin schon hier.«

»Wirklich? Großartig. Charlie?«

»Ja, Roy?«

»Es tut mir echt leid, dass ich dich damit belä­sti­gen muss, aber Phil ist nicht in der Stadt, ich selbst habe in zwan­zig Minuten einen Termin bei Senator Ellington, und eben hat uns das Weiße Haus wissen lassen, dass Doktor Seltsam sich wegen Phils Klimagesetz mit uns tref­fen will. Es scheint fast, als woll­ten sie zuhö­ren. Und viel­leicht drüber reden. Oder sogar etwas aus­han­deln. Wir müssen unbe­dingt jemand hin­schicken.«

»Jetzt gleich?«

»Jetzt gleich. Du musst ein­fach hin­fah­ren.«

»Ich bin ja schon da, aber es geht nicht, Roy. Ich habe Joe dabei. Wo ist Phil noch mal?«

»San Francisco.«

»Müsste Wade nicht inzwi­schen zurück sein?«

»Nein, der ist noch in der Antarktis. Hör zu, Charlie, außer dir haben wir nie­mand, der das über­neh­men kann.«

»Was ist mit Andrea?« Andrea Palmer lei­tete Phils par­la­men­ta­ri­schen Stab und war für all seine Gesetzesvorhaben zustän­dig.

»Sie ist heute in New York. Außerdem bist du bei dem Thema unser Vorreiter, das Gesetz ist zum größ­ten Teil dein Werk, du kennst es in- und aus­wen­dig.«

»Aber ich habe Joe dabei!«

»Nimm ihn doch mit.«

»Ja, klar doch.«

»Warum denn nicht? Ist es nicht sowieso bald Zeit für sein Schläfchen?«

»Er schläft jetzt schon.«

Von seinem Platz aus konnte Charlie die Bäume hinter dem Weißen Haus sehen, gleich jen­seits der Ellipse. Zu Fuß waren das nur zehn Minuten. Theoretisch würde Joe zwei Stunden lang schla­fen. Und es stimmte, sie muss­ten diese Gelegenheit ergrei­fen, denn bisher hatten der Präsident und seine Leute kei­ner­lei Interesse an Verhandlungen gezeigt.

»Hör zu«, drängte Roy, »ich habe schon ganze Mittagspausen mit dir ver­bracht, wäh­rend Joe auf deinem Rücken geschla­fen hat, und glaub mir, man merkt es dir nicht an. Ich meine, du hältst dich natür­lich immer so auf­recht, als wür­dest du die Welt auf den Schultern tragen, aber das war schon so, als Joe noch gar nicht gebo­ren war, er füllt jetzt ein­fach den ent­spre­chen­den Platz aus, sodass du völlig normal wirkst. Ich schwöre es dir. Du warst schon mit ihm auf dem Rücken wählen, du gehst mit ihm ein­kau­fen und duschen, da kannst du ja wohl auch mit dem wis­sen­schaft­li­chen Berater des Präsidenten reden. Doktor Seltsam wird es egal sein.«

»Weil er ein Arschloch ist.«

»Na und? Das da drüben sind alles Arschlöcher, bis auf den Präsidenten, und der ist auch ein Arschloch, nur ein nettes. Und er ist der Präsident der Familien, rich­tig? Er wäre schon aus Prinzip ein­ver­stan­den. Das kannst du Strengloft gern von mir aus­rich­ten. Sag ihm, der Präsident wäre begei­stert. Er würde Joes Kopf signie­ren wie neu­lich diesen Baseball.«

»Ja, klar.«

»Es ist dein Gesetz, Charlie!«

»Okay, okay, okay!« Roy hatte recht. »Ich werde es ver­su­chen.«


Während Charlie sich also Joe auf den Rücken setzte (im Schlaf wog dieses Kind das Doppelte) und Mall und Ellipse über­querte, erle­digte Roy die not­wen­di­gen Anrufe, sodass Charlie am Westeingang zum Weißen Haus bereits erwar­tet wurde. Bei der Sicherheitskontrolle wurde Joe nur ganz behut­sam abge­ta­stet, beson­ders vor­sich­tig im Windelbereich. Dann hatten sie auch das geschafft und wurden rasch zu einem der Sitzungszimmer geführt.

Das Zimmer war leer. Charlie hatte das Weiße Haus zwar schon öfter besucht, aber hier war er noch nie gewe­sen. Joe lastete ihm schwer auf den Schultern.

Gleich darauf trat Dr. Zacharius Strengloft ein, der wis­sen­schaft­li­che Berater des Präsidenten. Auf Umwegen hatte Charlie schon mit ihm zu tun gehabt: Bei Strenglofts Anhörung vor Phils Komitee hatte er Phil unan­ge­nehme Fragen ins Ohr geflü­stert. Direkt hatten sie aber noch nie mit­ein­an­der gespro­chen. Während sie sich die Hand gaben, spähte Strengloft neu­gie­rig über Charlies Schulter. Charlie erklärte Joes Anwesenheit so knapp wie mög­lich, und Strengloft reagierte mit kaltem Wohlwollen, genau wie Charlie erwar­tet hatte. Für ihn war Strengloft ein wich­tig­tue­ri­scher Ex-Akademiker der schlimm­sten Sorte: Die Regierung hatte ihn aus den Tiefen einer zweit­klas­si­gen Denkfabrik gefischt, als ihr erster wis­sen­schaft­li­cher Berater gehen musste, weil er gesagt hatte, die Erderwärmung sei real, und nicht nur das, die Menschheit könne durch­aus etwas dage­gen unter­neh­men. Das ging der Regierung nun wirk­lich zu weit. Sie ver­trat den Standpunkt, Gegenmaßnahmen wären viel zu teuer; besser, man duckte sich weg. Sollte die näch­ste Generation das Problem lösen. Anders aus­ge­drückt: Zum Teufel mit der näch­sten Generation. Es war viel ein­fa­cher, die Welt zu zer­stö­ren, als auch nur das klein­ste biss­chen am Kapitalismus zu ändern.

Seit Strenglofts Ernennung zeigte sich diese Haltung ganz unver­hoh­len. Strengloft hatte die Kandidatenlisten für sämt­li­che wis­sen­schaft­li­chen Beratergremien der Bundesregierung an sich gezo­gen; die Kandidaten wurden jetzt rou­ti­ne­mä­ßig gefragt, für wen sie bei der letz­ten Wahl gestimmt hatten und wie sie über Stammzellenforschung dach­ten, und über Abtreibung, und über die Evolutionslehre. Als Strenglofts Ansichten an die Öffentlichkeit dran­gen und hef­tige Kritik aus­lö­sten, lau­tete seine Entgegnung: »Gute Beratung lebt von einer Vielfalt der Standpunkte.« Anna kochte schon vor Wut, wenn sie nur seinen Namen hörte.

Aber wie dem auch sei, nun stand Charlie ihm gegen­über und musste mit ihm klar­kom­men, und zunächst einmal wirkte er durch­aus freund­lich.

Kaum hatten sie die ein­lei­ten­den Höflichkeiten hinter sich gebracht, betrat der Präsident per­sön­lich den Raum.

Strengloft nickte selbst­ge­fäl­lig, als würde er bei seiner über­aus wich­ti­gen Tätigkeit andau­ernd von dem Strahlemann unter­stützt.

»Oh, hallo, Herr Präsident«, sagte Charlie hilf­los.

»Hallo, Charles.« Der Präsident kam näher und gab ihm die Hand.

Ganz schlecht. Allerdings kei­nes­falls bei­spiel­los, im Grunde nicht einmal über­ra­schend: Der Präsident war dafür bekannt, dass er gern schein­bar zufäl­lig in Sitzungen hin­ein­schneite. Das gehörte zu seinem inzwi­schen legen­dä­ren locke­ren Stil.

Jetzt ent­deckte er den schla­fen­den Joe auf Charlies Rücken und ging um Charlie herum, um ihn besser betrach­ten zu können. »Was ist denn das da? Sie haben Ihr Kind dabei, Charles?«

»Ja, Sir, ich bin ganz kurz­fri­stig ein­ge­sprun­gen, als Dr. Strengloft um ein Treffen gebe­ten hat. Phil und Wade sind leider beide nicht in der Stadt.«

Der Präsident fand das offen­bar lustig. »Ha! Gut gemacht. Süßes Kind. Wenn Sie mir einen Stift geben, signiere ich ihm das Köpfchen.« Auch das war typisch. »Ist es ein Mädchen oder ein Junge?«

»Ein Junge. Joe Quibler.«

»Na, groß­ar­tig. Vor der Schlafenszeit noch rasch die Welt retten, was, Charles?« Lächelnd steu­erte er auf den Stuhl am Fensterende des Tisches zu. Der Mitarbeiter, der ihn hier­her beglei­tet hatte, blieb an der Tür stehen und beob­ach­tete das Geschehen mit aus­drucks­lo­ser Miene.

Charlie fand, dass das Gesicht des Präsidenten in der Realität klei­ner wirkte als im Fernsehen. Dabei war es ganz sicher von normal mensch­li­cher Größe; es schien nur klein, eben weil man es so oft im Fernsehen sah. Zugleich wirkte es unge­heuer solide und pla­stisch. Sozusagen von Echtheit durch­tränkt.

Seine Augen stan­den etwas zu dicht bei­ein­an­der; das war schon vielen auf­ge­fal­len. Abgesehen davon sah er aus wie ein altern­der Filmstar oder ein ehe­ma­li­ges Model. Ein erfolg­rei­cher Geschäftsmann, der sich erst später im Leben der Politik zuge­wandt hatte. Beobachter wiesen oft darauf hin, dass sein Gesicht die Merkmale meh­re­rer frü­he­rer Präsidenten in sich ver­einte. Das Ergebnis war nichts­sa­gend, wirkte aber ver­traut und damit beru­hi­gend. Hinzu kam etwas leicht Altertümliches und ein gewis­ser ner­vö­ser Charme.

Im Augenblick blickte er so gut gelaunt drein wie jeder­manns Lieblingsonkel. »Dann sind Sie also aus dem Stand ver­don­nert worden.« Im näch­sten Moment hob er die Hand, damit nie­mand sprach, und sagte fast flü­sternd: »Tut mir leid – soll ich flü­stern?«

»Nein, Sir, nicht nötig«, ver­si­cherte Charlie ihm in nor­ma­ler Lautstärke. »Er schläft tief und fest. Achten Sie ein­fach gar nicht auf ihn.«

Der Präsident lächelte. »Ein Jedimeister auf dem Rücken, was?«

Charlie nickte und lächelte, um seine Überraschung zu ver­ber­gen. In bestimm­ten Kreisen wurde gern dar­über spe­ku­liert, wie dumm der Präsident wohl wirk­lich war, aber Charlie hatte schon immer zu der klei­nen Minderheit derer gehört, die ihm eine an Genialität gren­zende Durchtriebenheit zubil­lig­ten. Diese per­sön­li­che Begegnung bestä­tigte ihn darin. Der Typ war kein Dummkopf. Und immer­hin so cool, dass er eine Anspielung auf einen Film zustande brachte. Unwillkürlich ent­spannte Charlie sich etwas.

»Das ist nett, Charles«, sagte der Präsident. »Also fangen wir an, ja? Dr. S. hat mich heute Morgen über das geplante Treffen infor­miert, und da dachte ich mir, ich schaue kurz selbst vorbei, denn ich mag Phil Chase wirk­lich sehr. Wenn ich das rich­tig ver­stehe, will er jetzt durch­set­zen, dass wir mit dem Weltklimarat zusam­men­ar­bei­ten. Sein Gesetz würde uns sogar dazu ver­pflich­ten, alles umzu­set­zen, was dieser an Maßnahmen emp­fiehlt, egal, was es ist. Dabei ist das ein Gremium der Vereinten Nationen.«

»Nun ja.« Charlie schal­tete in seinen diplo­ma­tisch­sten Modus. Dabei war ihm nur allzu bewusst, dass er sagen konnte, was er wollte, der abwe­sende Phil würde sich in jedem Fall über ihn ärgern. Denn eigent­lich sollte nur Phil per­sön­lich mit dem Präsidenten über diese Fragen reden. »Ganz so würde ich es nicht aus­drücken, Herr Präsident. Wie Sie wissen, hat das Senatskomitee für aus­wär­tige Beziehungen in diesem Jahr meh­rere Anhörungen durch­ge­führt, und die Aussagen haben Phil davon über­zeugt, dass tat­säch­lich eine glo­bale Veränderung des Klimas statt­fin­det. Und dass das ein ern­stes Problem dar­stellt. Ein sehr ern­stes. Dass es viel­leicht sogar fast zu spät ist.«

Der Präsident blickte zu Strengloft hin­über. »Würden Sie dem zustim­men, Dr. S.?«

»Die beob­ach­tete Erwärmung scheint real zu sein, dar­über besteht offen­bar Konsens. So weit sind wir uns also einig.«

Der Präsident sah wieder Charlie an. »Das ist auf jeden Fall schon mal gut«, sagte dieser. »Wichtig ist aber nun die Frage, was daraus folgt – Sie wissen schon, ob wir ver­su­chen sollen, etwas dage­gen zu unter­neh­men.« Charlie fasste kurz die all­seits bekann­ten Fakten zusam­men. Durchschnittstemperaturen schon um über 3 Grad erhöht. CO2-Gehalt der Atmosphäre bei über 600 ppm, ver­gli­chen mit 280 ppm vor der indu­stri­el­len Revolution; inner­halb der näch­sten zehn Jahre wurde ein Anstieg auf 1000 erwar­tet, der höch­ste Wert der letz­ten sieb­zig Millionen Jahre. Dazu die lange Lebensdauer der Treibhausgase, in der Größenordnung von meh­re­ren tau­send Jahren.

Ganz kurz erwähnte er noch das Absterben der Korallenriffe mit seinen schwer­wie­gen­den Konsequenzen für die Ökosysteme der Meere. »Noch ein wich­ti­ger Punkt ist, dass sich das Klima durch­aus plötz­lich ändern kann, Herr Präsident. In man­chen Szenarien bewirkt die all­ge­meine Erwärmung eine starke Abkühlung auf der Nordhalbkugel, beson­ders in Europa. Wenn das pas­siert, könnte Europa zu einer Art Yukon Asiens werden.«

»Wirklich!«, sagte der Präsident. »Und wäre das so schlimm? Nur ein Scherz natür­lich.«

»Natürlich. Haha.«

Der Präsident blickte ihn gespielt ver­är­gert an. »Gut, Charles, das mag ja alles zutref­fen, aber es steht doch gar nicht fest, dass diese Dinge durch mensch­li­chen Einfluss ver­ur­sacht werden. Habe ich nicht recht?«

»Nein, Sir«, wider­sprach Charlie hart­näckig. »Der Kohlenstoff, den wir ver­bren­nen, unter­schei­det sich von dem, der vorher schon da war. Also steht es durch­aus fest. Natürlich kann man auch sagen, es steht nicht völlig fest, dass morgen die Sonne auf­geht, und in sehr ein­ge­schränk­tem Sinn wäre das wahr, aber ich wette mit Ihnen, dass sie sehr wohl auf­ge­hen wird.«

»Verführen Sie mich jetzt nicht zum Glücksspiel.«

»Und außer­dem, Herr Präsident: Wenn es darum geht, eine Katastrophe zu ver­hin­dern, zögert man die ent­schei­den­den Maßnahmen nicht nur des­halb hinaus, weil man nicht zu hun­dert Prozent sicher ist, ob es wirk­lich zur Katastrophe kommen wird. Denn zu hun­dert Prozent ist man nie sicher, und einige der mög­li­chen Folgen sind ein­fach zu ernst, um noch länger abzu­war­ten.«

Der Präsident run­zelte die Stirn, und Strengloft warf ein: »Charlie, Sie wissen genau, dass das Vorsorgeprinzip aus der Versicherungsmathematik hier über­haupt nicht anwend­bar ist, weil sich weder das Risiko noch die Höhe der Prämien berech­nen lassen. Schon darum haben wir uns bei den Gesprächen im Rahmen der UN immer allen Beiträgen ver­wei­gert, die auf diesem Prinzip beru­hen. Wenn ihr über das Vorsorgeprinzip oder öko­lo­gi­sche Fußabdrücke reden wollt, haben wir gesagt, nehmen wir gar nicht erst teil. Und zwar aus gutem Grund. Diese Begriffe sind ein­fach nicht wis­sen­schaft­lich fun­diert.«

Der Präsident nickte auf eine Art, die »Das war’s dann« besagte, ein Nicken, das Charlie aus vielen Pressekonferenzen ver­traut war. »Ein Fußabdruck ist doch sowieso ein ziem­lich simp­les Maß für derart kom­plexe Dinge«, sagte er.

»Das ist ja nur der Name, Herr Präsident«, ent­geg­nete Charlie. »Für einen sehr sinn­vol­len öko­no­mi­schen Index. Unser Ressourcenverbrauch wird umge­rech­net auf die Landfläche, die nötig wäre, um diese Ressourcen zu erzeu­gen. Das Ganze ist sogar ziem­lich lehr­reich«, und er erklärte schnell, wie die Berechnung funk­tio­nierte. »Diese Zahlen sind ein­fach nütz­lich. So wie es gut ist, über den eige­nen Kontostand Bescheid zu wissen. Und es verrät uns, dass Amerika die Ressourcen einer zehn­mal grö­ße­ren Landfläche ver­braucht. Mit ande­ren Worten, wenn jeder auf der Welt so leben wollte wie wir, und wenn man bedenkt, dass die Bevölkerungsdichte vie­ler­orts höher ist als bei uns, bräuch­ten wir vier­zehn Erden, um uns alle zu ver­sor­gen.«

»Na, hören Sie mal, Charlie«, wider­sprach Dr. Strengloft. »Als Nächstes ver­lan­gen Sie noch, dass wir das Bhutan’sche Bruttonationalglück ein­füh­ren. Das ist doch etwas für kleine Länder. Bei uns würde es nie funk­tio­nie­ren. Wir sind schließ­lich die Hypermacht. Und die CO2-Gegner haben auch nur ihre eige­nen Interessen im Sinn. Sie mögen ja auf deren Argumente her­ein­fal­len, aber CO2 ist kein Gift, son­dern ein natür­li­cher Bestandteil der Atmosphäre. Pflanzen brau­chen es sogar. Als der CO2-Gehalt das letzte Mal gestie­gen ist, hat die Landwirtschaft eine Blütezeit erlebt. Die Norweger haben Grönland besie­delt, und die all­ge­meine Lebenserwartung ist gestie­gen.«

»Vermutlich weil die Pest vorbei war«, sagte Charlie.

»Na, viel­leicht ging die Pest ja zu Ende, weil der CO2-Gehalt gestie­gen war.«

Charlie merkte, dass ihm die Kinnlade her­un­ter­fiel.

»CO2, das sind die Bläschen in meinem Sodawasser«, erklärte ihm der Präsident freund­lich.

»Stimmt.« Charlie riss sich zusam­men. »Aber ein Treibhausgas ist es trotz­dem. Es hält Wärme zurück, die sonst ins Weltall ent­wei­chen würde. Und wir pumpen jedes Jahr zwei Milliarden Tonnen mehr in die Atmosphäre. Das ist so, als würden Sie etwas in Ihren Auspuff stop­fen, Sir. Ihr Auto würde sich dann auch auf­hei­zen. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass dieses CO2 eine signi­fi­kante Erderwärmung ver­ur­sa­chen wird. Schon ver­ur­sacht hat.«

»Unseren Modellen zufolge liegen die Temperaturänderungen der letz­ten Zeit im Rahmen der natür­li­chen Schwankungsbreite«, erwi­derte Dr. Strengloft. »In der Stratosphäre ist die Temperatur sogar gesun­ken, und die durch­schnitt­li­che Lufttemperatur ist acht­zehn Jahre lang unver­än­dert geblie­ben. Das ist alles sehr kom­plex. Aber wir behal­ten es natür­lich im Auge, und wir werden auf die best­mög­li­che und kosten­ef­fi­zi­en­te­ste Weise darauf reagie­ren. Übrigens haben wir schon sehr effek­tive Vorsichtsmaßnahmen beschlos­sen. Der Präsident hat die ame­ri­ka­ni­sche Wirtschaft auf­ge­for­dert, die Zunahme des CO2-Ausstoßes auf ein Drittel des Wirtschaftswachstums zu beschrän­ken.«

»Aber dieses Verhältnis von Emission zu Wachstum haben wir doch jetzt schon.«

»Ja, aber der Präsident ist noch einen Schritt weiter gegan­gen. Er hat die ame­ri­ka­ni­sche Wirtschaft gebe­ten, diese Rate inner­halb der näch­sten zehn Jahre um acht­zehn Prozent zu senken. Ein sol­cher wachs­tums­ba­sier­ter Ansatz för­dert die Entwicklung neuer Technologien und zugleich die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern, auf die wir beim Klimaschutz schließ­lich ange­wie­sen sind.«

Während der Präsident ihn erwar­tungs­voll ansah, um zu hören, was er auf diesen Blödsinn ant­wor­ten würde, spürte Charlie, wie sich Joe auf seinem Rücken regte. Als wäre die Lage nicht schon kom­pli­ziert genug. Der Präsident und sein wis­sen­schaft­li­cher Berater hatten offen­bar gar nicht vor, sich mit den Details von Phils Gesetzentwurf zu befas­sen; statt­des­sen stell­ten sie dessen Grundgedanken infrage. Charlie ver­ab­schie­dete sich von der Hoffnung, der Präsident wäre zu ihnen gesto­ßen, um in echte Verhandlungen ein­zu­stei­gen.

Und Joe wurde defi­ni­tiv unru­hig. Wie üblich lehnte sein Gesicht seit­lich an Charlies Nacken; nun schloss er die Lippen um eine der Sehnen dort, wie er es im Schlaf manch­mal tat, und begann rhyth­misch daran zu saugen. Als hätte er einen Schnuller im Mund. Normalerweise fand Charlie das herz­er­wär­mend, es waren beson­ders müt­ter­li­che Momente in seinem Leben als Mr. Mom. Jetzt musste er diese Gefühle ver­drän­gen und ver­su­chen, trotz­dem wei­ter­zu­re­den.

»Wir soll­ten sehr genau darauf achten, auf welche Wissenschaftler wir in diesen Fragen hören«, sagte der Präsident gerade.

Joe traf eine beson­ders kitz­lige Stelle. Charlie musste lächeln, verzog aber sofort das Gesicht, damit es nicht so aussah, als fände er diese zwei­schnei­dige Aussage amü­sant.

»Das stimmt selbst­ver­ständ­lich, Herr Präsident. Aber inzwi­schen spricht sich ein brei­tes Spektrum wis­sen­schaft­li­cher Organisationen für ent­schlos­se­nes Handeln aus. Ganz abge­se­hen von den vielen Regierungen, den Vereinten Nationen, den NGOs, den Universitäten. Insgesamt sind es rund sie­ben­und­neun­zig Prozent aller Wissenschaftler, die sich je zu dem Thema geäu­ßert haben.« Alle außer denen in den Denkfabriken und Expertengruppen der äußer­sten Rechten, hätte er gern ergänzt, alle außer den pseu­do­wis­sen­schaft­li­chen Speichelleckern wie dein Dr. Strengloft, der für Geld alles sagen würde – aber er biss sich auf die Zunge und ver­suchte es erneut. »Stellen Sie sich die Erde einmal als einen Ballon vor, Herr Präsident. Und die Hülle des Ballons ist die Atmosphäre. Damit diese Hülle im glei­chen Größenverhältnis zum Ballon steht wie die Atmosphäre zur Erde, müsste der Ballon so groß sein wie eine Basketball.« In dem Moment klang das nicht einmal in seinen eige­nen Ohren ein­leuch­tend; dabei war es eigent­lich eine gute Analogie. »Worauf ich hinaus will, Sir: Die Atmosphäre ist wirk­lich sehr, sehr dünn. Wir wären durch­aus fähig, ihre Zusammensetzung stark zu ver­än­dern.«

»Das bestrei­tet ja nie­mand, Charles. Aber haben Sie nicht eben selbst gesagt, dass das CO2 ganze sechs­hun­dert Teilchen von einer Million aus­macht? Also ange­nom­men, die Hülle Ihres Ballons steht für dieses CO2 und die Luft im Innern für den Rest der Atmosphäre, dann müsste der Ballon schon ein ganzes Stück größer sein als ein Basketball, rich­tig? Eher so groß wie der Mond, oder?«

Strengloft schnaubte beglückt und ging zu dem Computer, der auf einem Schreibtisch in der Ecke stand; ganz sicher wollte er aus­rech­nen, wie groß der Ballon im Vergleich des Präsidenten nun ganz genau sein müsste. Charlie wurde plötz­lich klar, dass Strengloft selbst nie auf dieses Gegenargument gekom­men wäre – und auf einmal ver­stand er eine ganze Reihe von Menschen, die ihm früher Rätsel auf­ge­ge­ben hatten. Ganz offen­sicht­lich konn­ten intel­li­gente Menschen unge­heuer beschränkt sein, und angeb­lich beschränkte aus­ge­spro­chen scharf­sin­nig.

»Zugegeben, Sir, sehr gut«, sagte er. »Aber nun stel­len Sie sich diese CO2-Hülle als eine Art Glasschicht vor, die zwar Licht durch­lässt, aber Wärme im Inneren fest­hält. Denn genau das tut sie. Und diese Eigenschaft ist ent­schei­den­der als die Dicke der Schicht.«

»Dann macht es ja viel­leicht gar nicht so viel aus, wenn sie noch dicker wird«, erwi­derte der Präsident freund­lich. »Wissen Sie, Charles, solche phan­ta­sie­vol­len Vergleiche sind ja schön und gut, aber Tatsache ist doch, dass wir die Zunahme der Emissionen erst einmal abbrem­sen müssen, bevor wir sie zum Stillstand brin­gen oder gar den Trend umkeh­ren können.«

Genau das Gleiche hatte der Präsident kürz­lich auf einer Pressekonferenz gesagt. Strengloft nickte strah­lend; viel­leicht stammte der Satz von ihm. Dass man tat­säch­lich so absurd stolz darauf sein konnte, einem auf­ge­weck­ten Präsidenten dumme Sätze zu lie­fern, kam Charlie plötz­lich nur noch komisch vor. Er war froh, dass Anna nicht bei ihm war, denn in sol­chen Momenten konn­ten sie beim klein­sten Blickwechsel wie Kinder in lautes Gelächter aus­bre­chen. Schon die Vorstellung hätte ihn fast zum Lachen gebracht.

Rasch ver­bannte er jeden Gedanken an seine Frau und ihren wun­der­vol­len Sinn für Humor aus seinem Kopf. Ganz kurz hatte er auch noch ein absur­des Bild vor Augen, in dem sein Nacken zu einer ihrer Brüste wurde, denn Joe saugte jetzt immer gie­ri­ger daran. Es wurde höch­ste Zeit für sein Fläschchen.

Trotzdem bemühte Charlie sich weiter. »Das Ganze ist ein­fach jetzt schon sehr drin­gend, Sir. Und es hat nur Vorteile, wenn wir eine Führungsrolle über­neh­men. In öko­no­mi­scher Hinsicht wäre es unge­heuer nütz­lich, bei Klimaschutz und bio­di­ver­si­täts­freund­li­cher Infrastruktur an vor­der­ster Front mit­zu­spie­len. Das sind Wachstumsbranchen mit unge­ahn­tem Potenzial. Es sind die Technologien der Zukunft.«

Joe saugte sich voll­ends an seinem Nacken fest. Charlie frö­stelte. Keine Frage, da hatte jemand Hunger. Wenn Joe beim Aufwachen nicht gleich ein Fläschchen Muttermilch oder Babynahrung bekam, würde er ver­rückt spie­len. Charlie konnte ihn jetzt unmög­lich wecken, ohne eine Katastrophe aus­zu­lö­sen. Leider tat das Saugen all­mäh­lich weh. Er vergaß, was er sagen wollte, und bewegte unwill­kür­lich die Schulter. Ein leises Schnauben ent­wich ihm, beglei­tet von einem Kichern. Schnell ver­suchte er, beides als erstick­tes Husten zu tarnen.

»Was ist los, Charles, wird der Kleine wach?«

»Nein, nein, Sir, der schläft noch. Nur ein biss­chen unru­hig … aah! Die Sache ist die: Wenn wir diese Probleme nicht augen­blick­lich ange­hen, wird alles andere bald keine Rolle mehr spie­len. Es wird dann über­haupt keine guten Lösungen mehr geben.«

»Das klingt mir aber sehr nach Panikmache«, sagte der Präsident mit onkel­haf­ter Miene. »Immer schön ruhig blei­ben. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist nun mal der Schlüssel zu öko­lo­gi­schem Fortschritt. Das dürfen wir nicht aus den Augen ver­lie­ren.«

»Nachhaltig – ah!«

»Wie bitte?«

Charlie unter­drückte erneut ein Kichern. »Nachhaltig! Sir. Genau!«

»Wir müssen die Kräfte des Marktes nutzen«, sagte Strengloft und schwatzte im gewohn­ten Stil drauf­los, offen­bar ohne etwas von Charlies Problem zu bemer­ken. Der Präsident dage­gen beob­ach­tete ihn genau. Kräftiges Kauen. Charlie lief ein Schauder über den Rücken. Er zwang sich, seinen Sohn nicht weg­zu­schub­sen, wie er eine lästige Mücke ver­scheucht hätte. Die Finger seiner rech­ten Hand began­nen zu krib­beln. Er ver­suchte Joe abzu­schüt­teln, indem er vor­sich­tig die Schulter hob. Hartnäckig wie ein Blutegel. Anna musste ihm manch­mal die Nase zuhal­ten, damit er ihre Brust frei­gab. Jetzt bloß nicht daran denken.

»Wenn wir mit unse­ren Maßnahmen zu weit gehen«, sagte der Präsident, »saugen wir der Wirtschaft das Leben aus, Charles. Vielleicht soll­ten Sie mal darauf her­um­kauen. Wir blei­ben ja dran. Bissen für Bissen. Ich bin da wie der sprich­wört­li­che Hund mit dem Knochen! Die Leute von der Umweltlobby führen sich auf wie Schweine am Trog. Aber wir werden sie ent­wöh­nen, auch wenn es ihnen nicht gefällt, denn sie müssen nun einmal lernen, dass man sich nicht immer den Magen voll­schla­gen …«

Charlie brach in schal­len­des Gelächter aus.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel