von Kim Stanley Robinson
Das Wasser der Ozeane bewegt sich in stabilen, wiederkehrenden Bahnen, die durch die Corioliskraft und die heutige Lage der Kontinente bestimmt sind. Oft verlaufen Oberflächenströmungen und Tiefenströmungen in entgegengesetzte Richtungen, wodurch riesige Förderbänder für Wasser entstehen. Das größte davon ist seit Langem berühmt, zumindest in Teilen: Der Golfstrom ist ein Abschnitt einer warmen Oberflächenströmung, die sich in nördlicher Richtung durch den gesamten Atlantik bis nach Norwegen und Grönland zieht. Dort kühlt das Wasser ab, sinkt nach unten und beginnt seine lange Reise am Boden des Atlantik entlang Richtung Süden bis zum Kap der Guten Hoffnung, von dort ostwärts nach Australien und in den Pazifik, wo das Wasser wieder nach oben steigt, der Oberflächenströmung nach Westen in den Atlantik folgt und sich dann auf den langen Weg nach Norden macht. Für die gesamte Rundreise braucht ein Wassermolekül ungefähr tausend Jahre.
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Salzwasser sinkt beim Abkühlen schneller ab als Süßwasser. Wenn die Wolken, die über dem Golf von Mexiko entstehen, vom Passat über Mittelamerika hinweg zum Pazifik geweht werden und erst dort abregnen, erhöht sich im Atlantik der Salzgehalt des Wassers. Im Nordatlantik sinkt das abgekühlte Wasser also recht schnell, und das stärkt den Golfstrom. Sollte der Salzgehalt im Oberflächenwasser des Nordatlantik rasch abnehmen, würde es weniger schnell sinken, und das Förderband geriete ins Stocken. Der Golfstrom würde langsamer fließen und sich weiter nach Süden verlagern. Das Wetter auf der gesamten Nordhalbkugel würde sich ändern, es würde trockener und windiger und an manchen Orten auch kälter werden, insbesondere in Europa.
Dass der Salzgehalt im Nordatlantik plötzlich abnimmt, mag unwahrscheinlich klingen, aber es ist schon vorgekommen. Am Ende der letzten Eiszeit zum Beispiel entstanden beim Abschmelzen der polaren Eiskappen riesige flache Seen, die irgendwann die letzten Eiswälle durchbrachen und sich in die Meere ergossen. Einige der Narben, die diese katastrophalen Flutwellen in Nordamerika hinterlassen haben, sind bis heute zu erkennen: der Mississippi, der Hudson, der Sankt-Lorenz-Strom. Durch die Wassermassen geriet das Förderband der Meeresströmungen ins Stocken, und in der Folge änderte sich das Klima auf der ganzen Welt, zum Teil innerhalb von nur drei Jahren.
Heute schmilzt das grönländische Eisschild in raschem Tempo, und das arktische Packeis zerbricht in Eisberge. Wird dieser Zustrom von Süßwasser in den Nordatlantik dazu führen, dass der Golfstrom erneut zum Stillstand kommt?
* * * * *
Frank Vanderwal hatte das leicht makabre Hobby, in Sachen Klimawandel auf dem Laufenden bleiben zu wollen. Sein Freund Kenzo Hayakawa, ein ehemaliger Wohngenosse aus Studienzeiten, hatte eine Zeit lang bei der NOAA gearbeitet, der Bundesbehörde, die für Wettervorhersagen zuständig war, bevor er zu dem Meteorologenteam im achten Stock der NSF gestoßen war. Frank schaute ab und zu bei ihm vorbei, sagte Hallo und fragte ihn, was es Neues gab. In der Welt da draußen ging es wild zu. Extremwetterereignisse traten immer häufiger auf, die kurzen und heftigen fast täglich, die chronischen so dicht gedrängt, dass kaum ein Tag ohne Meldung verging. Hyperniño, schwere Dürren in Indien und in Peru, Waldbrände durch Blitzeinschlag in Malaysia; dazu mal ein Taifun, der fast ganz Mindanao zerstörte, mal ein Frosteinbruch, der überall in Texas Rohre platzen und die Pflanzen auf den Feldern erfrieren ließ, und dergleichen mehr. Jeden Tag etwas anderes.
Wie viele Klimatologen, die Frank kannte, listete auch Kenzo diese Meldungen mit unterschwelligem Besitzerstolz auf, als wäre er persönlich für das Wetter zuständig. Er hatte eine Vorliebe fürs Extreme und freute sich, wenn es wieder etwas zu berichten gab – natürlich besonders dann, wenn es seine Theorie bestätigte, dass sich der Monsunrhythmus aufgrund der menschengemachten Erwärmung der Atmosphäre bereits unwiderruflich verändert hatte, mit Folgen für die gesamte Erde; was eigentlich immer zutraf. Diese Woche zum Beispiel verkündete er, dass Tornados nicht mehr nur in Nordamerika auftraten – wo sie durch sehr spezielle topographische Gegebenheiten in bestimmten Breiten des Kontinents begünstigt wurden –, sondern neuerdings auch in Ostafrika und Zentralasien. Letzte Woche war es die Entdeckung, dass die weltweiten großräumigen Meeresströmungen auch im Indischen Ozean schwächer wurden.
Frank sagte daraufhin meist: »Unglaublich.«
»Ich weiß. Verrückt, oder?«
Bei einer anderen Nachrichtenquelle schaute Frank meist am Feierabend auf dem Weg nach Hause vorbei: einem kleinen Raum voller Aktenschränke und Kopiergeräte, der inoffiziell als »Abteilung für unerfreuliche Statistiken« bekannt war. Irgendjemand hatte einmal damit begonnen, dort zurückgebliebene Kopien interessanter Statistiken oder anderer aktueller Forschungsergebnisse an die Wände zu kleben. Wer die Tradition begründet hatte, wusste niemand; mittlerweile beteiligten sich jedenfalls viele daran.
Auf den ältesten Aushängen waren vor allem Schlagzeilen zu sehen, zum Beispiel:
WELTBANKPRÄSIDENT: VIER MILLIARDEN LEBEN VON WENIGER ALS ZWEI DOLLAR AM TAG
oder
AMERIKA: ZWEI PROZENT DER WELTBEVÖLKERUNG, SIEBZIG PROZENT DER UNTERNEHMENSANTEILE
Später waren Grafiken oder Tabellen aus wissenschaftlichen Zeitschriften hinzugekommen, manchmal auch kurze Artikel.
Als Frank an diesem Tag vorbeischaute, stand wieder einmal Edgardo neben der Kaffeemaschine und betrachtete den neuesten Aushang. Es war eine Schlagzeile:
KANADISCHES ERNÄHRUNGSPROGRAMM: DIE 352 REICHSTEN MENSCHEN BESITZEN GENAUSO VIEL WIE DIE ZWEI MILLIARDEN ÄRMSTEN
»Das kann nicht stimmen«, meinte Edgardo.
»Warum nicht?«, fragte Frank.
»Die zwei Milliarden Ärmsten besitzen gar nichts, den dreihundertzweiundfünfzig Reichsten gehört ein hoher Prozentsatz des weltweiten Kapitals. Um da heranzureichen, bräuchte es eher vier Milliarden Arme.«
Während er sprach, kam Anna herein und ging zum Kopierer. Dabei rümpfte sie ein wenig die Nase; wie Frank bereits wusste, mochte sie diese Art von Gesprächen nicht. Vermutlich störte es sie, wenn ständig offensichtliche Tatsachen wiederholt wurden. Oder aber sie traute den Daten nicht. Vielleicht stammte der Aushang von ihr, auf dem nur ein kurzes Zitat zu lesen war: »72,8 % Prozent aller Statistiken sind frei erfunden.«
Um sie ein wenig zu ärgern, fragte Frank: »Was sagst du dazu, Anna?«
»Wozu?«
Edgardo deutete auf die Schlagzeile und erklärte, was er einzuwenden hatte.
»Ich weiß nicht«, sagte Anna. »Sieben Größenordnungen sind eine Menge. Vielleicht kommt man ja doch auf den gleichen Wert wie für die reichsten Dreihundert, wenn man zwei Milliarden kleine Haushalte zusammenzählt.«
»Nicht bei diesen dreihundert. Hast du dir mal die letzte Forbes-Liste angeschaut?«
Anna schüttelte ungeduldig den Kopf, als wollte sie sagen: Natürlich nicht, warum sollte ich darauf meine Zeit verschwenden. Aber Edgardo war ein eingefleischter Beobachter der Börsenkurse und der ganzen Finanzwelt. Er tippte auf einen anderen Aushang. »Jeder amerikanische Arbeiter erzeugt im Durchschnitt einen Mehrwert von dreiunddreißig Dollar pro Stunde.«
»Ich frage mich, wie dieser Mehrwert definiert ist«, sagte Anna.
»Gewinn«, meinte Frank.
Edgardo schüttelte den Kopf. »Gewinn kann man durch kreative Buchführung aus der Welt schaffen, aber der Mehrwert ändert sich dabei nicht. Es ist der durch Arbeit produzierte Wert, der über die Arbeitskosten hinausgeht.«
»Hier hing mal eine Statistik, nach der amerikanische Arbeiter im Durchschnitt 1950 Stunden pro Jahr arbeiten«, sagte Anna. »Das kam mir auch fragwürdig vor, es wären neunundvierzig Wochen lang vierzig Stunden pro Woche.«
»Drei Wochen Urlaub im Jahr«, sagte Frank. »Das ist doch normal.«
»Ja, aber im Durchschnitt? Was ist mit all den Leuten, die in Teilzeit arbeiten?«
»Vermutlich gibt es entsprechend viele, die Überstunden machen.«
»Kann das sein? Ich dachte, Überstunden gehören der Vergangenheit an.«
»Du machst doch ständig Überstunden.«
»Ja, aber die kriege ich nicht bezahlt!«
Die Männer lachten.
»Sie hätten den Median benutzen sollen«, sagte Anna. »Mit dem Mittelwert als Lagemaß bekommt man oft ein verzerrtes Bild. Jedenfalls, danach würde ein durchschnittlicher Arbeiter pro Jahr« – im Kopfrechnen war Anna sehr gut – »vierundsechzigtausenddreihundertfünfzig Dollar Mehrwert erwirtschaften. Falls man den Zahlen trauen kann.«
»Wie hoch ist das Durchschnittseinkommen?«, fragte Edgardo. »Dreißigtausend?«
»Könnte noch weniger sein«, sagte Frank.
»Wissen wir einfach nicht«, sagte Anna.
»Sagen wir dreißig, und wie viel Steuern zahlen die Leute im Durchschnitt?«
»Ungefähr zehn? Oder weniger?«
»Sagen wir zehn«, meinte Edgardo. »Mal sehen. Von drei lausigen Wochen abgesehen arbeitest du das ganze Jahr. Dabei erzeugst du einen Wert von hunderttausend Dollar. Zwei Drittel davon nimmt sich dein Boss, ein Drittel bekommst du, und von deinem Anteil geht ein Drittel an den Staat. Der Staat finanziert davon sämtliche Straßen und Schulen und Polizisten und Pensionen. Dein Boss baut sich von seinem viel größeren Anteil einen Palast auf irgendeiner Insel. Aber du beschwerst dich natürlich über den völlig aufgeblähten und ineffizienten Big-Brother-Staat, und bei Wahlen stimmst du für die Partei der Bosse.« Er grinste Frank und Anna an. »Wie blöd kann man eigentlich sein?«
Anna schüttelte den Kopf. »So sehen es die Leute nun mal nicht.«
»Aber die Statistik beweist es!«
»Die Zahlen werden selten so miteinander verglichen. Und die Hälfte davon hast du gerade erfunden.«
»Die sind gut genug, sodass man das Prinzip erkennt! Aber die Leute haben eben nie gelernt, darüber nachzudenken. Im Gegenteil, sie haben gelernt, nicht nachzudenken! Außerdem sind die meisten sowieso dumm.«
So weit mochte nicht einmal Frank gehen. »Es hängt doch alles daran, was für dich sichtbar ist. Deinen Boss kannst du sehen, er zahlt dir deinen Lohn, und den siehst du auch. Kaum hast du den in der Hand, kommt der Staat und nimmt dir einen Teil davon wieder weg. Von dem Mehrwert dagegen erfährst du erst gar nicht, der wird gleich zum Verschwinden gebracht. In den Bilanzen versteckt.«
»Aber über die Reichen wird ständig berichtet! Dass die mehr besitzen, als sie sich erarbeitet haben, sieht doch jeder – so viel kann man sich ja gar nicht erarbeiten.«
»Menschen verstehen nur die Dinge, die sie sinnlich wahrnehmen können«, beharrte Frank. »Unser Verstand ist an das Leben in der Savanne angepasst. Jemand gibt dir Fleisch: Der ist dein Freund. Jemand nimmt dir dein Fleisch weg: Der ist dein Feind. Abstrakte Begriffe wie Mehrwert oder die Frage, wie viel ein Jahr Arbeit wert ist – das alles ist einfach weniger real als das, was du sehen und anfassen kannst. Die Menschen kommen nur mit dem zurecht, was sich ihnen über ihre Sinne erschließt. So hat uns die Evolution nun mal erschaffen.«
»Genau das sage ich doch«, erwiderte Edgardo munter. »Wir sind dumm!«
»Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte Anna und ging. Solche Gespräche lagen ihr wirklich nicht.
Frank verließ den Raum gleich nach ihr und machte sich auf den Heimweg. In seinem kleinen Brennstoffzellen-Honda fuhr er auf dem verstopften Old Dominion Drive stadtauswärts, dann über die Ringautobahn und schließlich zu einem Wohnblock mit dem Namen Swink’s New Mill, in dem er für sein Jahr bei der NSF eine Wohnung gemietet hatte.
Er parkte in der Tiefgarage der Anlage und fuhr mit dem Fahrstuhl in den dreizehnten Stock. Von seiner Wohnung hatte man einen weiten Blick in Richtung Potomac; auch sonst war es eine nette Wohnung, Frank hatte sie von einem jungen Mann gemietet, der zur Zeit fürs Außenministerium in Brasilien war. Die sparsame Ausstattung ließ vermuten, dass der Eigentümer sie nicht allzu oft nutzte. Aber die Küche war in Ordnung, der Rest funktional und pflegeleicht, und da Frank hauptsächlich zum Schlafen herkam, kümmerte ihn die Einrichtung wenig.
Bei der Arbeit hatte er eine der kostenlosen Zeitungen eingesteckt, die dort auslagen. Jetzt sah er die Kontaktanzeigen durch, eine schlechte Angewohnheit, der er schon seit Jahren anhing, fasziniert von diesem Einblick in eine Welt, in der die sexuelle Diversität radikale Blüten trieb. Gab es das alles wirklich, oder spiegelten sich in den Anzeigen nur die Phantasien von Menschen, die so einsam waren wie er? Besonders eindrucksvoll fand er die Sektion für Leute, die eine LTR suchten, was für long-term relationship, also Langzeitbeziehung stand. Suche LTR. Die Spezies Mensch hatte sich in Richtung Monogamie entwickelt. Diese Neigung war im Gehirn fest verdrahtet, keine kulturelle Vorliebe, sondern ein biologischer Instinkt. Man könnte ebenso gut ein Storch sein.
Schon deshalb antwortete er nie auf eine der Anzeigen. Er war schließlich nur für ein Jahr hier. Da wäre es sinnlos gewesen, an dieser Front aktiv zu werden. Außerdem fand er viele Anzeigen schlicht abschreckend.
Ehemann gesucht: WWS, Krankenschwester, sucht arbeitsamen gutaussehenden MWS für LTR. Nur gläubige Zeugen Jehovas.
MSS, 163, schüchtern, etwas ernst, sucht Frau, Alter egal. Bin nicht reich oder gutaussehend, aber nett. Liebe ausländische Filme, Oper, Theater, Musik, Bücher, stille Abende.
Die beiden würden sicherlich nicht viele Antworten bekommen. Den Urtext solcher Anzeigen hätte Frank aus dem Stand verfassen können; tatsächlich hatte er es einmal getan und das Ergebnis auch abgeschickt, zum Scherz natürlich – ein paar Leute würde es schon zum Lachen bringen. Und wenn eine Frau es witzig genug gefunden hätte, um anzurufen – nun, so wäre das ein Wink des Schicksals gewesen.
Männlicher Homo sapiens wünscht sich Zusammensein mit weiblichem Homo sapiens zwecks Gespräch und gegenseitiger Fellpflege, ggf. auch Paarung und Fortpflanzung. Muss gute Laune haben und schnell laufen können.
Aber es hatte niemand geantwortet.
Er öffnete die Tür zum französischen Balkon und trat hinaus in den schwülen Nachmittag. Noch zwei Monate, dann ging es nach Hause, zurück zu seinem wahren Leben. Der Gedanke erinnerte ihn an den Förderantrag von Yann Pierzinski.
Er kehrte zu seinem Laptop zurück und googelte Yann, um herauszufinden, was dieser in letzter Zeit gemacht hatte. Dann öffnete er noch einmal den Antrag. Rekursion in der Nähe des Randes … Interessant.
Schließlich rief er Derek Gaspar von Torrey Pines Generique an.
»Was gibt’s denn?«, fragte Derek nach den üblichen Vorreden.
»Ich habe gerade einen Förderantrag von einem deiner Leute bekommen und frage mich, ob du mir mehr dazu sagen kannst.«
»Einer meiner Leute? Wer denn?«
»Yann Pierzinski. Kennst du ihn?«
»Nie gehört. Du sagst, er arbeitet hier?«
»Er war nur auf Zeit bei euch, in Simpsons Gruppe. Ein Postdoc von Caltech.«
»Ah, da haben wir ihn ja. Mathematiker, ein Artikel über Algorithmen in Biomathematics.«
»Ja, das ist bei mir auch der erste Google-Treffer.«
»Na ja, du kannst nicht erwarten, dass ich jeden kenne, der mal für uns gearbeitet hat. Das sind Hunderte, das weißt du doch.«
»Sicher, sicher.«
»Und, worum geht es in dem Antrag? Willst du ihn bewilligen?«
»Das habe ich nicht zu entscheiden. Warten wir ab, was die Jury sagt. Aber du solltest dir die Idee schon mal ansehen.«
»Aha, sie gefällt dir also.«
»Sie könnte interessant sein. Schwer zu sagen. Aber setz den Mann nicht vor die Tür.«
»Laut unseren Unterlagen ist er schon wieder in Pasadena. Wie du schon sagtest, er war nur auf Zeit hier.«
»Ah ja. Mann, ihr habt eure Forschungsabteilung aber wirklich zusammengestutzt.«
»So schlimm ist es nicht, Frank. Obwohl, auf einigen Gebieten geht es schon ans Eingemachte. Ein Grund mehr, warum ich froh sein werde, wenn du wieder da bist.«
»Ich arbeite aber nicht mehr für Torrey Pines.«
»Das kann sich ja ändern, wenn du wieder hier wohnst.«
»Schon möglich. Falls du neues Kapital auftreibst.«
»Glaub mir, ich arbeite daran. Deshalb hätte ich dich auch so gern wieder an Bord.«
»Warten wir ab. In zwei Wochen fliege ich zu euch rüber, um mir eine Wohnung zu suchen. Dann schaue ich vorbei.«
»Gut, lass dir von Susan einen Termin geben.«
Frank legte auf, lehnte sich zurück und dachte nach. Derek war typisch für die erste Generation von CEOs in den Start-ups der Biotech-Branche. Er hatte ursprünglich dem Fachbereich Biologie der University of California San Diego angehört und sich seinen Geschäftssinn erst erarbeiten müssen. Manchen gelang das, anderen nicht, aber allen war gemeinsam, dass sie dabei auf wissenschaftlichem Gebiet ins Hintertreffen gerieten. Bei der Frage, was in einem Labor tatsächlich machbar war, mussten sie sich auf andere verlassen. Auch Derek brauchte offenbar guten Rat, was die Firmenstrategie betraf.
Frank wandte sich erneut dem Förderantrag zu. Wie allgemein üblich, waren manche Teile des Algorithmus ausgespart, aber welches Potenzial der Ansatz hatte, war trotzdem zu erkennen. Vorhin war ihm schon eine Idee gekommen, wie man eine der Lücken in Pierzinskis Antrag schließen könnte …
»Hmmm.«
Da müsste sich doch etwas arrangieren lassen. Wenn er erst wieder in San Diego war. Natürlich gab es auch Hürden. Die NSF behielt sich bei allen bewilligten Anträgen das Recht vor, der Öffentlichkeit Zugriff zu gewähren. Das begrenzte den Nutzen, den die Antragsteller aus den Ergebnissen ihrer Arbeit ziehen konnten. Eine Entdeckung unter Verschluss zu halten, war nur möglich, wenn sie ohne staatliche Fördermittel entstanden war.
Außerdem wurde in dem Antrag Pierzinskis Betreuer am Caltech als Erstautor genannte; was dessen übliche Methode war, von der Arbeit seiner Studierenden zu schmarotzen. Die Rechte an allem, was aus dem Projekt hervorging, würden somit bei diesem Erstautor und bei Caltech liegen, und zwar auch dann, wenn Pierzinski den Arbeitsplatz wechselte. Angenommen, Pierzinski kehrte tatsächlich zu Torrey Pines Generique zurück: Für die Firma wäre es dann am besten, wenn der Förderantrag abgelehnt wurde. Denn in dem Fall gingen, sollte der Algorithmus funktionieren und patentiert werden, alle Gewinne an Torrey Pines. Und ein solches Patent konnte Milliarden einbringen.
Diese Überlegungen machten Frank nervös; er sprang auf und marschierte zwischen Balkon und Laptop hin und her. Dann fiel ihm ein, dass er eigentlich sowieso zu den Wasserfällen wollte. Er holte seine Kletterausrüstung aus dem Schrank, zog sich um und fuhr wieder zum Auto hinunter.
Die Great Falls of the Potomac waren eine lange, unübersichtliche Folge von Wasserfällen und Stromschnellen mit ein paar eingestreuten Inseln. Die Wolke aus feinem Sprühwasser, die ständig über den Fällen hing, schien Wasserdampf zu binden; der Boden war zwar nass und bemoost, aber die Luftfeuchtigkeit war paradoxerweise niedriger als anderswo.
Frank marschierte am Rand der Schlucht entlang flussabwärts. Die Mathers Gorge begann unterhalb der Stromschnellen, wo das Wasser wieder ruhiger floss; sie war ein tiefer Einschnitt mit einer steilen Südwand, die viele Kletterer anzog. Man seilte sich von oben zum Fluss hinunter ab und kletterte dann wieder hinauf, mit dem oben befestigten Seil als Sicherung. Franks Lieblingsstelle war Carter Rock.
Hier gab es etwa genauso viele Einzelkletterer wie Zweierteams. Einige kletterten sogar Free Solo, ohne jede Sicherung. Da war Frank schon etwas vorsichtiger.
Die wenigen begehbaren Routen erkannte man schon an den Resten des weißen Puders, das die Kletterer hinterließen. Über dem Fluss und der Schlucht erstreckte sich ein Streifen freier Himmel, in D. C. eine Seltenheit. Schon deswegen war dies in Franks Augen ein schöner Ort: eine Kletterwand, gleich daneben Wasser und darüber der Himmel. Die klaustrophobischen Laubwälder gehörten zu den Dingen, die Frank an der Ostküste nicht leiden konnte. Er sehnte sich hier oft nach freiem Blick über offene Landschaft.
Während er sich zu dem Häuflein großer Felsbrocken am Fuß der Klippe abseilte, die Hände mit Chalk einrieb und an dem feinkörnigen Schiefergestein hinaufzuklettern begann, besserte sich seine Stimmung. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt jetzt seiner Umgebung. Diesen Zustand erreichte er nur beim Klettern; mathematische Arbeit kam dem zwar nahe, führte ihn aber weg von allen realen Orten. Jetzt dagegen war er genau hier, an dieser Felswand.
Seine heutige Route kam nur an einer Schlüsselstelle auf 5,8 bis 5,9, anderswo lag sie deutlich darunter. Wirklich schwierige Abschnitte waren hier selten, aber darauf kam es gar nicht an. Auch das unaufhörliche Dröhnen und der Sprühnebel waren nebensächlich. Wichtig war nur das Klettern.
Den Großteil der Arbeit leisteten seine Beine. Tritte finden, die Füße in den Kletterschuhen in Ritzen schieben oder auf Vorsprünge setzen, nach Griffen suchen. Klettern schenkte einem das Glück völliger Konzentration, es war fast wie eine Andachtsübung oder ein Gebet. Oder eben eine Tätigkeit, bei der man auf die unübertroffenen Fähigkeiten zurückgriff, die im Kleinhirn eines jeden Primaten gespeichert waren.
Inzwischen war es Abend, ein schwüler Sommerabend kurz vor Sonnenuntergang, die Luft schimmerte gelblich. Frank kam oben an und setzte sich auf die Kante. Der Schweiß auf seinem Gesicht wollte nicht verdunsten.
Auf dem Fluss fuhr jemand Kajak. Eine Frau, vermutete er, auch wenn sie einen Helm trug und breite Schultern und eine flache Brust hatte. Sie paddelte geschmeidig flussaufwärts bis zu der Stelle, wo das zischende Schäumen wieder zu Wasser wurde. Gleich darüber begann eine steile Stromschnelle.
Mit kräftigen Paddelschlägen arbeitete sich die Kajakfahrerin in den aufgewühlten Bereich vor, hielt ihre Position gegen die Strömung und betrachtete die Stromschnelle. Dann paddelte sie ein glattes Stück Fluss hinauf, das wie eine Rampe mitten durch den Aufruhr zu einem ebenen Absatz aus schäumendem Weiß führte. Dort ruhte sie sich erneut aus, hielt nur ihre Höhe, sammelte wie ein wandernder Lachs ihre Kraft für den nächsten Anstieg.
Abrupt verließ sie den flachen Bereich, arbeitete sich eine weitere Schräge hinauf und erreichte eine größere Ebene aus halbwegs ruhigem Wasser. Dort schien sie erst in einer Sackgasse zu stecken, aber plötzlich stürzte sie sich erneut in die Strömung und kämpfte sich mit schnellen, wilden Schlägen scheinbar durch bloße Willenskraft die nächste Schräge hinauf. Nach fünf oder sechs schwierigen Sekunden war sie wieder im Waagrechten, in einer winzigen schützenden Bucht. Wenige Sekunden später machte sie schon weiter; ihre Hände bewegten sich so schnell wie die eines Boxers, das Kajak lag unmöglich schräg, es schien wie ein Wunder – bis der Fluss es doch nach unten riss und sie ganz schnell wenden musste und in einem wilden Ritt auf einer anderen, steileren Route flussabwärts jagte; in wenigen Sekunden verlor sie alles an Höhe, was sie sich im Laufe von Minuten erarbeitet hatte.
»Wow«, sagte Frank tief beeindruckt.
Sie war fast wieder in dem schäumenden, ebenen Bereich direkt unter ihm angekommen. Er spürte den Drang, ihr zuzuwinken oder aufzuspringen und zu applaudieren, aber er hielt sich zurück. Eine Sportlerin, die derart in ihr eigenes Tun vertieft war, störte man nicht. Außerdem ging gerade die Sonne unter, in den glatten Bereichen des Flusses spiegelte sich blasses Orange. Zeit, nach Hause zu fahren und möglichst bald zu schlafen.
»Gesucht: Kajakfahrerin, die in Great Falls stromaufwärts gefahren ist. Tolle Leistung, ich liebe dich, bitte melde dich.«
Er hatte nicht vor, das an irgendeine Zeitung zu schicken, sondern sagte es nur leise vor sich hin. Eine Art Gebet zum Sonnenuntergang. Unter ihm paddelte die Kajakfahrerin erneut flussaufwärts.
* * * * *
Wissenschaft ist langweilig, könnte man sagen, vielleicht sogar: Wissenschaft will unbedingt langweilig sein – in dem Sinne, dass sie jeden Disput zu überwinden versucht. Sie möchte für die Phänomene der Welt Erklärungen finden, denen jeder zustimmen kann; sie möchte nur solche Behauptungen aufstellen, die jedes vernunftbegabte Wesen nach entsprechender Überprüfung als wahr anerkennen würde. Vollkommene Einigkeit, eine gültige Beschreibung der Welt – so ausgedrückt klingt es schon interessanter.
Und es ist interessant. Allerdings können die praktischen Details der mühseligen tagtäglichen Forschungsarbeit trotzdem lästig sein, auch für die Wissenschaftler selbst. Wie in vielen Berufen der Welt hat man es auch hier oft mit Zeitverschwendung, falschen Spuren, Sackgassen, technischen Pannen, unzuverlässigen Methoden, unbrauchbaren Daten und einer riesigen Menge Kleinarbeit zu tun. Erst in dem Artikel, der die Ergebnisse zur Veröffentlichung zusammenfasst, wird daraus ein Bericht, in dem – wie bei einem Beweis von Euklid – alles bis ins Kleinste sorgfältig beschriebene und reproduzierbare Detail genau so funktioniert, wie es soll. Dieses Stadium ist das höchst artifizielle Produkt einer langen Phase von Plackerei.
Leos Labor zum Beispiel mühte sich noch immer mit der nichtviralen Methode zur zielgerichteten Genübertragung aus Maryland ab. Sein Team hatte bereits einige hundert Arbeitsstunden und noch deutlich mehr Rechenzeit auf den Versuch verwendet, ein Experiment zu wiederholen, das in dem einen entscheidenden Artikel beschrieben war: »In Vivo Insertion of cDNA 1568rr Into CBA/H, BALB/c, and C57BL/6 Mice.« Ein bestimmtes Stück künstlich hergestellter DNA war ins Genom lebender Labormäuse aus drei verschiedenen Zuchtlinien eingefügt worden.
Schließlich sah sich Leo in dem bestätigt, was er gleich beim ersten Lesen des Artikels vermutet hatte: »Das ist ein gottverdammtes Artefakt.«
Marta und Brian starrten auf die ausgedruckten Daten. Um zu beweisen, dass Leos Verdacht stimmte, hatte Marta rund zweihundert erstklassige Mäuse der Firma Jackson Labs umbringen müssen; entsprechend bedrohlich war ihre Miene. An Tagen, an denen Marta Mäuse opferte, sollte man ihr nicht in die Quere kommen. Am besten sprach man sie gar nicht an.
Brian seufzte.
»Es funktioniert nur, wenn man die Mäuse so mit dem Zeug vollpumpt, dass sie fast explodieren«, sagte Leo. »Ich meine, seht sie euch an. Wie Meerschweinchen. Die Äuglein quellen ihnen fast aus den Köpfen.«
»Kein Wunder«, sagte Brian. »Eine Maus hat nur zwei Milliliter Blut, und wir injizieren ihnen einen.«
Leo schüttelte den Kopf. »Wie sind sie bloß damit durchgekommen?«
»CBA-Mäuse sind von sich aus rund und flauschig.«
»Was willst du damit sagen – dass sie gezüchtet wurden, um Artefakte zu vertuschen?«
»Nein.«
»Aber es ist ein Artefakt!«
»Auf jeden Fall ist es unbrauchbar.«
Ein Artefakt war ein Versuchsergebnis, das durch die Begleitumstände des Experiments und der verwendeten Verfahren verursacht wurde und darüber hinaus nichts besagte. Eine Art Panne also, in einigen berühmten Fällen auch Teil eines Täuschungsmanövers.
Brian schien den Begriff jedoch nicht verwenden zu wollen. Und vielleicht handelte es sich ja tatsächlich um einen echten Effekt, der aber für ihre Zwecke unbrauchbar war. Auch das kam vor, wenn man aus biologischen Erkenntnissen medizinische Verfahren abzuleiten versuchte.
In der medizinischen Forschung dauerte es gewöhnlich zwei bis zehn Jahre, bis man etwas Verwertbares in der Hand hatte, und es kostete bis zu 500 Millionen Dollar. In diesem Fall hatte Derek Gaspar das fragliche Verfahren allerdings für 51 Millionen Dollar auf Verdacht eingekauft. Und nun stellte sich heraus, dass die Methode es nie auch nur zu einer klinischen Studie der Phase I bringen würde.
»Kein Mensch lässt sich so zu einem Ballon aufblasen! Die Nieren wären völlig überfordert. Oder man stirbt an einem Ödem.«
»Wir müssen das Derek beibringen.«
»Es wird ihm nicht gefallen.«
»Nicht gefallen! Einundfünfzig Millionen Dollar? Er wird außer sich sein.«
»So viel Geld zu verschwenden. Er ist ein Idiot.«
»Was ist schlimmer: ein Chef, der Wissenschaftler ist, aber ein schlechter Geschäftsmann, oder einer, der Geschäftsmann ist, aber ein schlechter Wissenschaftler?«
»Oder jemand, der beides ist?«
Sie saßen am Labortisch, vor ihnen die Mäusekäfige und die Rollen Endlospapier mit ihren Daten. Am Ende der Laborbank baumelte ein schlecht festgeklebter Dilbert-Comic; er schien sie zu verspotten. Es verriet einiges über ihr Labor, dass hier Dilbert an den Wänden hing und nicht etwa The Far Side.
»Um ihm das mitzuteilen, ist von einem persönlichen Treffen abzuraten«, meinte Brian.
»Was du nicht sagst«, erwiderte Leo.
Marta schnaubte. »Den kriegt man doch sowieso nie persönlich zu fassen.«
»Haha.« Aber für jemanden, der bei Torrey Pines Generique so wenig zu sagen hatte wie Leo, war es tatsächlich schwierig, einen Termin bei Derek zu erhalten.
»Das ist so«, beharrte Marta.
»Und es ist dumm«, sagte Brian. »Alles in dieser Firma hängt am Labor.«
»Nicht alles«, widersprach Leo.
»Doch! Aber das lernt man nicht im Studium. Für diese Wirtschaftsleute ist ihr Labor nur eins von vielen Gliedern in der Produktionskette. Und was die Firma produziert, bestimmt die Geschäftsleitung. Input aus der Produktion ist nicht erwünscht.«
»Da könnten ja gleich die Leute in der Montagehalle entscheiden, was sie zusammenbauen«, sagte Marta.
»Genau. So idiotisch ist Wirtschaftslehre heutzutage.«
»Ich schicke ihm eine E‑Mail«, sagte Leo.
Also informierte Leo Derek in einer E‑Mail über das Problem mit den explodierenden Mäusen, wie Brian und Marta es weiterhin nannten. Woraufhin Derek (so wurde ihnen später berichtet) ebenso stark anschwoll wie ihre Versuchstiere, ganz so, als hätte man ihm eine Infusion mit zwei Litern gentechnisch hergestellter gerechter Empörung verpasst.
»Das Verfahren ist belegt!«, sollte er seinen Vizepräsidenten für Forschung und Entwicklung Dr. Sam Houston angebrüllt haben. »Es stand im Journal of Immunology, zwei Veröffentlichungen, von Gutachtern abgesegnet, und dazu das Patent! Ich war persönlich in Maryland und habe alles überprüft! Da hat es funktioniert, verdammt noch mal. Sorg dafür, dass es hier auch funktioniert!«
»Sorg dafür?«, wiederholte Marta, als sie das hörte. »Siehst du, was ich meine?«
»Na ja«, erwiderte Leo grimmig, »man nennt es schließlich auch Biotechnologie, richtig?«
»Hmmm«, machte Brian, widerwillig interessiert.
Veränderungen an Genen und Zellen dienten letzten Endes nie nur dem Erkenntnisgewinn. Es ging immer darum, etwas Bestimmtes zu bewirken, erst in einzelnen Zellen, später im lebenden Körper. Biotechnologie, bio techno logos: die Wörter, die beschreiben, wie man ein Werkzeug in ein Lebewesen hineinpraktiziert. Beim genetic engineering versuchte man, der DNA eines Lebewesens etwas Neues hinzuzufügen und so eine Veränderung im Stoffwechsel zu erreichen.
Mit der Genetik waren sie fertig; es wurde Zeit für die Ingenieurskunst.
Leo, Brian, Marta und alle anderen im Labor machten sich an die Arbeit. Abends, wenn die tief stehende Sonne über dem Meer zwischen dichten Wolken hindurch ihre matten Strahlen durch die getönten Laborfenster schickte, berichteten sie reihum von ihren neusten Ergebnissen und versuchten, das Problem besser zu durchschauen. Manchmal stand einer von ihnen auf, ging zum Whiteboard und erklärte anhand einer Zeichnung, wie er oder sie sich die Prozesse vorstellte, die da weit unterhalb der Wahrnehmungsgrenze ihrer Sinne abliefen. Die anderen kommentierten es, tranken Kaffee, dachten nach.
»Wir müssten die DNA mit irgendeinem Liganden zusammenpacken, der ganz spezifisch an die Zielzellen bindet. Wenn wir unter allen infrage kommenden Proteinen das eine finden könnten, das für diese Zellen spezifisch ist – ohne dass wir unendlich herumprobieren müssen …«
»Zu dumm, dass wir Pierzinski nicht mehr dabei haben! Er könnte die Kandidaten durch seinen Algorithmus jagen.«
»Wir könnten ihn anrufen und fragen, ob er es macht.«
»Wer hat denn für so was schon Zeit?«
»Er ist immer noch an der Uni und arbeitet mit Eleanor an einer Veröffentlichung«, sagte Marta. »Wenn ich ihn sehe, frage ich ihn.«
Die Versammlung löste sich auf; die einen fuhren nach Hause, die anderen kehrten an ihre Schreibtische oder Laborplätze zurück und dachten über die nächsten Experimente nach. Mäuse bestellen, Zeit an den Apparaten buchen, Gene sequenzieren, Abläufe planen; in der Forschung flogen die Stunden nur so dahin, und die Tage, und die Wochen. Dieses Gefühl kannten sie alle: Die Zeit reichte nie. War das in anderen Berufen auch so? Leos To-do-Liste wuchs und schrumpfte, wuchs und schrumpfte, wuchs und weigerte sich zu schrumpfen. Er verbrachte viel weniger Zeit zu Hause, als ihm lieb war. Roxanne hatte dafür Verständnis, aber ihn störte es sehr.
Er rief bei Jackson Labs an und bestellte neue Mäuse, diesmal von anderen Stämmen – jeder Stamm hatte seine eigene Nummer, seinen eigenen Barcode, sein eigenes Genom. Er stellte Zeitpläne für die Apparate in seinem Labor auf und teilte den Laborassistenten ihre Aufgaben zu, entschied, was als Erstes zu erledigen war und was später, immer in dem Wissen, dass die Zeit drängte.
An bestimmten Tagen betrat er das Labor mit den Mäusekäfigen, öffnete einen davon und nahm eine Maus heraus. Ein kleines weißes Wesen, das sich in seiner Hand bewegte und alles beschnupperte und mit den Tasthaaren untersuchte, wie Mäuse das eben taten. Rasch wechselte er den Griff, sodass er die Maus nun mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände am Hals hielt. Einmal scharf drehen, und das Genick war gebrochen. Kurz darauf war die Maus tot.
Sie war nicht die einzige. Für die aktuelle Serie von Experimenten würden er, Brian, Marta und die anderen im Labor ungefähr dreihundert Mäusen verwenden; sie würden ihnen ein Präparat spritzen, ihnen Blut abnehmen, sie später töten, aufbereiten und analysieren. Über diesen Teil der Arbeit redete niemand, nicht einmal Brian. Vor allem Marta sah man dabei den Abscheu an – schlechter gelaunt, als wenn sie ihre Tage bekam, hatte Brian einmal (und nie wieder) gespöttelt. Sie trug dann den ganzen Tag Kopfhörer und stellte die Musik so laut, dass auch die anderen im Labor sie hörten. Dreckigster Hip-Hop. Wer nichts hört, kann auch nichts fühlen, witzelte Brian, während die ahnungslose Marta direkt neben ihm stand, bebend vor Wut.
Aber es war nicht komisch. Auch wenn die Mäuse ausschließlich für den Tod im Labor gezüchtet wurden, auch wenn es ein gnädiger Tod war und sie meistens wenige Monate später ohnehin gestorben wären – auch wenn es also gar keinen Grund gab, Skrupel zu haben, man machte darüber keine Witze. Selbst Brian machte sich zwar über Marta lustig (solange sie ihn nicht hören konnte), aber nicht über das Töten der Mäuse. Tatsächlich benutzte er beharrlich das Wort Töten statt Begriffe wie Verwenden, auch in geschriebenen und zur Veröffentlichung bestimmten Texten, damit alle wussten, wovon die Rede war. Meist wurde den Mäusen das Genick gebrochen; sie mit einer Injektion einzuschläfern, kam nicht in Frage, es hätte die Gewebeproben kontaminiert. Also brach man ihnen das Genick, wie ein Tiger es bei einem Beutetier täte. Wenn man es richtig machte, waren sie sofort gelähmt und starben schnell und ohne Schmerzen. Hoffte man jedenfalls. Schnell ging es definitiv, und unterhalb des Nackens konnten sie dann eigentlich nichts mehr spüren, hörten auf zu atmen, verloren augenblicklich ihr Mäusebewusstsein. Sodass nur die Täter noch Gelegenheit hatten, sich Gedanken zu machen. Meist fand das Töten gleich am Vormittag statt, damit genug Zeit für die Analyse der Proben blieb; wenn man abends nach Hause fuhr, war das Erlebnis schon halb vergessen, die Wirkung verblasst. Nur Leute wie Marta betäubten sich an solchen Tagen daheim mit Drogen – das behauptete sie jedenfalls – und möglichst aggressiver Musik, 110 Dezibel Vergessen. Oder sie gingen surfen. Und redeten nicht darüber.
Ihre guten Resultate zu den HDL produzierenden »Zellfabriken« hatten sie unterdessen in den Artikel eingearbeitet, in dem sie das Verfahren beschrieben; den fertigen Text hatten sie an die Rechtsabteilung von Torrey Pines weitergeleitet. Und dort steckte er fest. Leo bekam auf seine Nachfragen per E‑Mail stets die gleiche Antwort: Nicht veröffentlichen, wir prüfen noch.
»Sie überlegen, was sich davon patentieren lässt«, sagte Brian.
»Veröffentlichen dürfen wir es erst, wenn es erstens patentiert ist und wir zweitens eine Transfermethode haben«, sagte Marta voraus.
»Aber dazu kommt es ja vielleicht nie!«, rief Leo aus. »Der Artikel ist interessant, unsere Resultate sind gut, sie könnten zu einem echten Durchbruch beitragen!«
»Genau das wollen sie doch nicht«, sagte Brian.
»Einen Durchbruch wollen sie nur, wenn es unser Durchbruch ist.«
»Scheiße.«
An diesen Aspekt seiner Arbeit hatte Leo sich bis heute nicht gewöhnt. Wissenschaftliche Ergebnisse zurückhalten, in privatem Interesse im Geheimen forschen – das ging ihm gegen den Strich. Wissenschaft bedeutete für ihn auch, dass man die eigenen Erkenntnisse allen zugänglich machte, sodass andere sie überprüfen konnten, kritisieren, anwenden.
Aber für sie war Geheimhaltung inzwischen zum Normalfall geworden. Die Sicherheitsvorkehrungen blieben streng; selbst E‑Mails wurden überprüft, bevor sie die Firma verließen, von Laptops, Aktentaschen und Kartons ganz zu schweigen. Oder wie Brian es ausdrückte: »Bitte geben Sie Ihr Gehirn ab, bevor Sie gehen.«
»Nichts dagegen«, sagte Marta.
»Ich will es aber veröffentlichen«, sagte Leo grimmig.
»Dann finde mal schnell eine Methode zur zielgerichteten Genübertragung, Leo.«
Also arbeiteten sie weiter an dem Verfahren von Urtech. Nach und nach trafen die Ergebnisse der neuen Experimente ein. Offenbar gab es auf allen Seiten scharfe Grenzen, was Dosis und Volumen betraf. Das Verfahren war und blieb ein Artefakt.
Inzwischen war jedoch genug Zeit vergangen, dass Derek so tun konnte, als hätte der Urtech-Kauf nie stattgefunden. Ein neues Geschäftsquartal hatte begonnen; es gab Wichtigeres zu bedenken, und noch ließ sich die Illusion aufrechterhalten, dass das Ganze kein völliger Fehlschlag war, sondern ein Arbeitsprojekt mit offenem Ausgang. Andere Labore hatten schließlich auch noch keine Lösung für das Problem der nichtviralen zielgerichteten Genübertragung gefunden. Es war eben schwierig. Das konnte Derek wahrheitsgemäß behaupten, was er auch tat, wann immer jemand taktlos genug war, das Thema anzusprechen. Die Quengler im Chat auf der Website der Firma ignorierte er sowieso.
Nicht so leicht zu ignorieren waren die Analysten an der Wall Street, in den großen Pharmakonzernen und bei den einschlägigen Risikokapitalgesellschaften. Und auch wenn diese Leute sich nie direkt äußerten, ihre Investitionen flossen zunehmend in andere Richtungen. Der Aktienkurs von Torrey Pines sank, und weil er sank, sank er noch mehr, und noch mehr. Biotechnologie war ein Spiel mit dem Zufall, und Torrey Pines hatte bisher nichts hervorgebracht, was guten Umsatz versprach. Es war und blieb ein Start-up. Die einundfünfzig Millionen Dollar waren zwar unter den Teppich gekehrt worden, aber sie erzeugten dort eine Beule, die jeder, der die Geschichte nicht ganz vergessen hatte, zu deuten verstand. Nein, Torrey Pines Generique steckte in Schwierigkeiten.
Die Leute in Leos Labor hatten getan, was sie konnten. Sie hatten den Auftrag gehabt, die Zellen bestimmter Zelllinien in unnatürlich produktive Proteinfabriken zu verwandeln, und das hatten sie erreicht. Für die Übertragung dieser Veränderung auf lebende Organismen waren sie nie zuständig gewesen. Sie waren keine Physiologen, ihnen fehlten die Voraussetzungen, um diesen Teil der Aufgabe zu erfüllen. Das war ein völlig anderer Wissenschaftszweig, für den Torrey Pines eine ganz neue Abteilung hätte aufbauen müssen. Ein solches Fachwissen konnte man nicht einfach für 51 Millionen Dollar kaufen. Oder vielleicht ging das sogar, nur hatte Derek fehlerhaftes Wissen gekauft. Das Verfahren, das ihm viele Milliarden hätte einbringen sollen, war an der Schwelle zum Durchbruch steckengeblieben, und das gefährdete die gesamte Firma.
Leo konnte das nicht ändern. Und er durfte nicht einmal seine Resultate veröffentlichen.
* * * * *
Das kleine Haus der Quiblers lag am Ende einer Straße, die von ähnlich nichtssagenden Häusern gesäumt war. Überall waren die Jalousien heruntergelassen; wer hier lebte, war nicht zu erkennen. Von außen wirkten die Häuser beinahe unbewohnt, wie die von Mauern umschlossenen Anlagen in Saudi-Arabien, in denen sich alles Leben gegen die Wüste abgeschirmt im Innern abspielte.
Charlie schüttelte darüber den Kopf, während er mit Joe auf dem Rücken die Straße entlang zum Lebensmittelladen marschierte. Vermutlich wohnten in diesen Häusern hauptsächlich Menschen, die in D. C. arbeiteten und ihre Tage entweder im Büro oder im Urlaub zubrachten. Zu Hause schliefen sie nur. Er hatte es schließlich genauso gemacht, bevor seine beiden Söhne geboren wurden. So war Bethesda eben.
»Wie in einer Geisterstadt, Joe«, sagte er im Gehen, »wie in einer Folge von Twilight Zone. Wir sind die einzigen, die auf der Erde noch leben.«
Dann bogen sie um die Ecke, und der Gedanke an eine Geisterstadt erwies sich als lächerlich. Vor ihnen lag das Einkaufszentrum. Sie betraten einen riesigen Lebensmittelladen. Joe fand das immer sehr aufregend; er stand in der Babytrage auf, stützte die Knie auf Charlies Schultern und klatschte Charlie auf die Ohren, als müsste er einen Elefanten dirigieren. Charlie hob ihn herunter, stopfte ihn in den Kindersitz am Einkaufswagen und schnallte ihn mit dem zugehörigen kleinen roten Sicherheitsgurt fest. Eine sehr nützliche Vorrichtung.
Okay. Buddhisten zum Abendessen. Er hatte keine Ahnung, was er kochen sollte. Vermutlich waren sie Vegetarier. Es kam öfter vor, dass Anna Leute von der NSF zum Abendessen einlud, aber keine Ahnung hatte, was sie ihnen auftischen sollten. Charlie störte das nicht. Er kochte gern, wenn auch nicht sehr gut.
Jetzt beschloss er, ein altes Rezept aus seiner Studentenzeit wiederzubeleben: Spaghetti mit Oliven- und Basilikumsoße. Ein Freund hatte das einmal in Italien für sie gekocht. Charlie suchte die vertrauten Regale nach den Zutaten ab. Seine Angewohnheit, auch in der Öffentlichkeit mit sich selbst zu reden, fiel dank Joe nicht weiter auf. »Okay. Geschälte Tomaten, Kalamates ohne Stein, kalt gepreestes Olivenöl Extra Vergine, erste Preesung, das ist wieschtig«, unwillkürlich ahmte er den Akzent ihres italienischen Freundes nach, »aber niescht die Spaghetti duuschbreschen, mein Gott! Ach ja, und Brot. Und Wein, aber nur so viel, wie wir tragen können, was, Joe?«
Mit Tragetaschen in beiden Händen und weiteren Einkäufen in dem Rucksackfach unter Joes Hintern kehrten sie durch die leere Straße nach Hause zurück. Diese endete in einem baumbestandenen kleinen Dreieck kurz vor der Woodmont Avenue, einer stark befahrenen Straße, die weiter südlich in die Wisconsin Avenue mündete. Gleich hinter ihrem Grundstück stand ein alter vierstöckiger Wohnblock, der wie eine riesige Schallschutzmauer wirkte. Mit seinen vielen Fenstern bot er ihnen zudem Hunderte von Livestreams auf einmal, alle gleich langweilig, denn es gab nur Bruchstückhaftes und Alltägliches zu sehen. Kein Fenster zum Hof. Gott sei Dank. Nur Kleinfamilien in ihrem Zuhause, jede in ihrem eigenen winzigen Universum. Davon gab es Millionen, über die Oberfläche des Planeten verstreut wie die Lichtpunkte auf nächtlichen Satellitenbildern.
Die Blase rund um das Zuhause der Quiblers wurde an diesem Abend jedoch durchbrochen. Besucher, Fremde! Fast hätten sie den Ton der Türklingel nicht erkannt.
Anna war oben mit Joes Windel beschäftigt, daher eilte Charlie aus der Küche zur Haustür. Davor standen vier Männer in cremeweißen Baumwollhosen und ‑hemden. Sie hätten aus Kalkutta stammen können, wären ihre Westen nicht Weinrot gewesen, was Charlie mit tibetischen Mönchen verband. Joe war augenblicklich zur Treppe gerannt, hielt sich oben am Geländer fest und starrte gebannt hinunter. Nick, plötzlich schüchtern, blieb im Wohnzimmer und versteckte sich hinter seinem Buch; als die Fremden hereinkamen, warf er ihnen trotzdem neugierige Blicke zu. Charlie bot ihnen etwas zu trinken an. Sie entschieden sich für Bier, und als er mit den Getränken zurückkam, hatten Anna und Joe sich bereits ins Getümmel gemischt. Zwei der Besucher – der älteste und der jüngste – winkten lachend ab, als Anna ihnen ein kleines Sofa anbot, setzten sich auf den Fußboden und lehnten sich an den Heizkörper. Die Bierflaschen stellten sie auf den Couchtisch.
Im Sitzen befanden sie sich auf einer Höhe mit Joe, und schon bald waren sie mit seiner riesigen Sammlung Bauklötze beschäftigt, großen Haufen von naturfarbenen und bunt lackierten Holzwürfeln, schiefen Quadern, Zylindern und Polygonen aller Art. Schnell fingen sie an, daraus Mauern und Türme zu errichten, ohne sich von Joes Godzilla-artigen Eingriffen stören zu lassen.
Der Jüngste, Drepung, antwortete einerseits auf Annas Fragen und übersetzte zugleich für den Ältesten, Rudra Cakrin, der zwar offizieller Botschafter von Khembalung war, aber anscheinend überhaupt kein Englisch sprach. Seine zwei Begleiter mittleren Alters – Sucandra und Padma Sambhava – beherrschten die Sprache dagegen recht gut, wenn auch nicht so gut wie Drepung.
Diese beiden folgten Charlie in die Küche und unterhielten sich im Stehen mit ihm, während er kochte, die Bierflaschen in der Hand. Nebenher rührten sie im Nudeltopf, damit das Wasser nicht überschäumte, sahen die Gewürze im Gewürzregal durch, steckten ihre Nasen in den Topf mit der Sauce und schnupperten freudig interessiert. Charlie fand es erstaunlich einfach, sich mit ihnen zu unterhalten. Sie waren ungefähr in seinem Alter und in Tibet geboren. Wie so viele buddhistische Mönche Tibets hatten sie mehrere Jahre in chinesischen Gefängnissen verbracht; wie viele genau, sagten sie nicht. Im Gefängnis hatten sie sich auch kennengelernt. Nach der Entlassung waren sie durch die Bergwelt des Himalaya aus Tibet geflohen und hatten sich nach und nach bis Khembalung durchgeschlagen.
»Unglaublich«, sagte Charlie zwischendurch immer wieder. Unwillkürlich verglich er ihre Geschichten mit seinem eigenen halbwegs geradlinigen Lebensweg. »Und jetzt wird Ihr Land auch noch überflutet?«
»Sehr oft«, sagten sie im Chor. Padma schnupperte erneut an Charlies Sauce, als wäre es das reinste Ambrosia; zugleich erklärte er: »Ist früher nur alle achtzehn Jahre passiert, ungefähr. Die Mondbahn, wissen Sie. Wir konnten vorausplanen und uns vorbereiten. Aber jetzt: bei jedem starken Monsun.«
»Und jeden Monat, wenn Springflut ist«, ergänzte Sucandra. »Bestimmt drei, vier Mal im Jahr. So kann man auf Dauer nicht leben. Wenn es noch schlimmer wird, ist die Insel unbewohnbar. Darum sind wir hier.«
Charlie schüttelte den Kopf und versuchte es mit einem Scherz: »D. C. liegt womöglich noch tiefer als Ihre Insel.«
Sie lachten höflich: kein besonders guter Witz.
»Apropos Meereshöhe, haben Sie schon Kontakt zu anderen tiefliegenden Ländern aufgenommen?«
»O ja«, sagte Padma, »selbstverständlich. Wir sind in der Liga versinkender Staaten. Eingetragenes Mitglied.«
»Hauptquartier in Den Haag, nicht weit vom Internationalen Gerichtshof.«
»Sehr passend«, sagte Charlie. »Und jetzt eröffnen Sie hier eine Botschaft …«
»Um unsere Interessen zu vertreten, genau.«
»Mit der Hypermacht reden«, sagte Sucandra, und beide Männer lächelten fröhlich.
»Na, das ist ja sehr interessant.« Charlie überprüfte, ob die Spaghetti fertig waren. »Ich habe auch mit Klimafragen zu tun. Für Senator Chase. Ich kann versuchen, ein Treffen mit ihm zu organisieren. Außerdem sollten Sie unbedingt einen guten Lobbyisten engagieren.«
Sie sahen ihn interessiert an. »Das halten Sie für sinnvoll?«
»Ja. Auf jeden Fall. Schließlich wollen Sie auf die US-Regierung einwirken. In Washington lässt man sich bei so etwas von professionellen Lobbyisten unterstützen. Ein guter Freund von mir arbeitet für eine der besseren Agenturen. Ich kann Sie mit ihm bekanntmachen.«
Charlie streifte Ofenhandschuhe über, trug den Nudeltopf zum Ausguss und kippte Spaghetti ins Kochsieb, bis es überquoll. Immer das Gleiche mit dem kleinen Sieb; er vergaß einfach ständig, ein neues zu kaufen – bis er wieder daran erinnert wurde.
»Ich glaube, seine Agentur vertritt auch die Niederlande – hoppla –, also müsste man dort mit Ihren Problemen vertraut sein. Das passt doch gut.«
Sie nickten. »Vielen Dank. Es wird uns freuen.«
Sie trugen die Töpfe in das kleine Esszimmer, einer Art Ausbuchtung in dem Gang von der Küche zum Wohnzimmer. Mit viel Hin- und Hergerücke passten alle gerade so an den Tisch. Joe ließ sich in einen Kindersitz stecken, sodass sein Kopf ungefähr auf Tischhöhe war; dort saß er, schaufelte sich fleißig Babybrei in den Mund oder auch auf den Fußboden und redete dabei unentwegt in seiner eigenen Sprache. Sucandra und Rudra Cakrin, die links und rechts von ihm saßen, hatten offenbar ihre Freude daran; man hätte fast denken können, dass sie sein Geplapper für Wörter einer echten Sprache hielten. Ihre Art zu essen war der von Joe gar nicht unähnlich, fand Charlie: Zufrieden und ganz in ihre Tun vertieft schaufelten sie Nudeln in sich hinein. Die Soße kam bei allen sehr gut an; nur Nick aß seine Spaghetti ohne alles.
Als Anna den Salat holen ging, stand Charlie ebenfalls auf und folgte ihr in die Küche. »Ich wette, der alte Mönch spricht auch Englisch«, sagte er leise.
»Was?«
»Wie in dem Film von Ang Lee, weißt du noch? Wo der alte Mann so tut, als könnte er kein Englisch, dabei versteht er jedes Wort? Ich wette, es ist genau das Gleiche.«
Anna schüttelte den Kopf. »Warum sollte er das tun? Die Übersetzerei ist doch lästig. Er hätte keinen Vorteil davon.«
»Das weißt du ja gar nicht! Achte mal auf seine Augen. Er bekommt alles mit.«
»Sei nicht albern. Er passt einfach gut auf.«
»Du wirst schon sehen.« Charlie beugte sich verschwörerisch vor. »Vielleicht hat er ja in einem früheren Leben Englisch gelernt.«
»Hör auf!«, sagte sie mit leisem Lachen. »Lern du erst mal, so gut aufzupassen.«
»Dann glaubst du mir auch, dass ich Englisch verstehe, ja?«
»Genau.«
Lachend kehrten sie ins Esszimmer zurück. Dort hielt Joe inzwischen Vorträge in einer Sprache, die jeder verstand: fordernde Gesten und befehlende Blicke, in der festen Überzeugung, dass die Welt zu gehorchen hatte. Was bei ihnen bestens funktionierte, auch wenn die Worte nur Geplapper waren.
Nach dem Salat kehrten sie ins Wohnzimmer zurück und ließen sich erneut rund um den Couchtisch nieder. Anna servierte Tee und Kekse. »Nächstes Mal müssen wir tibetischen Tee trinken«, sagte sie.
Die Khembalis nickten unsicher.
»Daran muss man sich erst gewöhnen«, erklärte Drepung. »Es ist eigentlich gar kein Tee.«
»Bitter«, sagte Padma genüsslich.
»Kann als Gerinnungsmittel verwendet werden«, sagte Sucandra.
»Außerdem rühren wir Yak-Butter hinein«, ergänzte Drepung. »Alte, die schon etwas ranzig ist.«
»Die Butter muss ranzig sein?«
»Traditionell ja.«
»Wie fermentiert«, erklärte Sucandra.
»Also, das müssen wir unbedingt mal trinken. Nick wird begeistert sein.«
Nick verzog gespielt ärgerlich das Gesicht: Klar doch, Dad.
Rudra Cakrin saß wieder bei Joe auf dem Fußboden und errichtete mit dessen Bauklötzen hohe Türme. Wann immer sie zu schwanken begannen, beugte Joe sich vor und schlug sie kaputt. Das Klackern von buntem Holz, blitzartiger Einsturz: Beide legten sie dann den Kopf in den Nacken und lachten, genau auf die gleiche Art.
Die anderen schauten zu. Drepung, der jetzt auf dem Sofa saß, lächelte voller Zuneigung, während er den alten Mann beobachtete, aber Charlie glaubte auch etwas von dem Gesichtsausdruck zu erkennen, den Anna zu beschreiben versucht hatte, als sie erklären wollte, weshalb sie sich überhaupt auf eine Begegnung mit den Mönchen eingelassen hatte: eine Art Sorge, die vielleicht sehr starker Liebe entsprang. Das Gefühl kannte Charlie. Es war eine gute Idee gewesen, die Khembalis einzuladen. Erst hatte er gestöhnt, als Anna ihm davon erzählte, er hatte doch wirklich genug um die Ohren. Das hatte er jedenfalls geglaubt; dabei vermisste er oft die Gesellschaft anderer Erwachsener. Und jetzt genoss er es zuzusehen, wie Rudra Cakrin und Joe auf dem Fußboden saßen und spielten, als gäbe es kein Morgen.
Anna war in eine Gespräch mit Sucandra vertieft. »Wir geben den Patienten kleine Mengen«, hörte Charlie ihn sagen, »wir schreiben alles auf, natürlich, und beobachten die Wirkung. In der Medizin spielen immer persönliche Faktoren mit, das wissen Sie. Die Menschen sagen uns, wie es ihnen geht. Man kann Mittelwerte bilden, Sie tun das, ich weiß, aber das subjektive Empfinden ist auch wichtig.«
Anna nickte zwar, aber Charlie wusste genau, dass sie diesen Aspekt der Medizin lästig fand. Eben deshalb hielt sie sich vermutlich lieber ans Quantitative: Weil man dabei alles Subjektive mied.
»Würden Sie auch eine Studie von dritter Seite unterstützen?«, fragte sie jetzt.
»Natürlich. In der Hinsicht unterscheidet sich die buddhistische Wissenschaft kaum von der des Westens.«
Anna nickte, aber runzelte die Stirn. Was sie unter Wissenschaft verstand, war eng umrissen. »Eine reproduzierbare Studie?«
»Ja, genau das bedeutet Buddhismus.«
Zwischen Annas Augenbrauen zeigte sich eine tiefe Kerbe, die die horizontalen Furchen weiter oben auf ihrer Stirn kreuzte. »Ich dachte, im Buddhismus geht es mehr um Empfindungen – Sie wissen schon, Meditation, Mitgefühl und dergleichen?«
»Jetzt sprechen Sie vom Ziel. Was man durchs Forschen erreichen will. Wie bei Ihnen, ja? Warum betreiben Sie Wissenschaft?«
»Na, um die Dinge besser zu verstehen, würde ich sagen.«
Über so etwas dachte Anna sonst nicht nach. Ebenso gut hätte man sie fragen können, warum sie atmete.
»Und warum?«, beharrte Sucandra, ohne sie aus den Augen zu lassen.
»Na ja – darum.«
»Aus Neugier.«
»Vermutlich, ja.«
»Aber wenn diese Neugier nun ein Luxus wäre?«
»Wieso?«
»Zunächst einmal muss man einen vollen Bauch haben. Gesund sein, über etwas Muße verfügen, über etwas Gelassenheit. Keine Schmerzen haben. Nur so kann man neugierig sein.«
Anna nickte nachdenklich.
»Wenn Neugier also etwas Wertvolles ist«, fuhr Sucandra fort, »etwas, das man schätzt – eine Form der Kontemplation, des Gebets –, dann muss man zunächst das Leiden verringern, weil man nur dann diesen Zustand erreichen kann. Im Buddhismus dient Verstehen also dazu, Leiden zu mindern und so zu Erkenntnis zu gelangen. Genau wie in der Wissenschaft.«
Anna runzelte die Stirn. Charlie beobachtete sie fasziniert. Hier ging es um einen ganz wesentlichen Teil ihrer Persönlichkeit, über den sie jedoch kaum nachdachte. Sie definierte sich über ihre Tätigkeit. Sie war Wissenschaftlerin, und Wissenschaft war eben Wissenschaft und mit nichts zu vergleichen.
Rudra Cakrin lehnte sich vor und sagte etwas zu Sucandra. Der hörte ihm zu und fragte ihn dann etwas auf Tibetisch. Rudra antwortete und deutete auf Anna.
Charlie warf ihr einen Blick zu – siehst du, er bekommt alles mit! Der Beweis!
Rudra Cakrin sagte noch etwas zu Sucandra, mit Nachdruck, woraufhin Sucandra sich an Anna wandte. »Rudra möchte sagen: Woran glauben Sie?«
»Ich?«
»Ja. ›Woran glauben Sie?‹, sagt er.«
»Ich weiß nicht«, antwortete sie überrascht. »Ich glaube an Doppelblindversuche.«
Charlie lachte, er konnte nicht anders. Anna wurde rot und schlug ihm auf den Arm. »Hör auf! Das stimmt!«
»Weiß ich doch!« Charlie lachte noch lauter. Schließlich stimmte sie mit ein, und alle anderen ebenfalls. Die Khembalis wirkten sehr zufrieden – nur Joe wurde wütend und stampfte mit dem Fuß, weil er wollte, dass sie aufhörten. Was sie erst recht zum Lachen brachte. Am Ende hörten sie nur auf, damit er keinen Wutanfall bekam.
Seine gute Laune kehrte jedoch schnell zurück, als Rudra Cakrin sich erneut den Bauklötzen zuwandte. Bald waren sie halb unter Holzblöcken begraben und völlig in ihr Spiel vertieft. Aufeinanderstapeln. Umstoßen. Diese beiden sprachen definitiv die selbe Sprache.
Die anderen sahen von den Sofas aus zu, tranken Tee und boten ihnen ab zu bestimmte Bauklötze an. Nebenher unterhielten sich Sucandra, Padma, Anna, Charlie und Nick über Khembalung und Washington und die vielen Ähnlichkeiten zwischen den beiden Orten.
Einer der Türme aus Würfeln und Balken blieb länger stehen als alle anderen. Rudra Cakrin hatte ihn mit großer Sorgfalt errichtet, in einer hübschen Abfolge von Farben: blau, rot, gelb, grün, blau, gelb, rot, grün, blau, rot, grün, rot. Der Turm war so hoch, dass Joe ihn normalerweise längst umgestoßen hätte, aber dieser schien ihm zu gefallen, denn er starrte ihn mit offenem Mund an. Allzu intelligent wirkte er dabei nicht.
Rudra Cakrin sah Sucandra an und sagte etwas. Sucandra antwortete sofort, er schien verärgert, was Charlie überraschte. Drepung und Padma merkten ebenfalls auf. Rudra Cakrin griff nach einem gelben Würfel, zeigte ihn Sucandra und sagte noch etwas. Dann legte er den Würfel auf die Spitze des Turms.
»Oooh«, sagte Joe. Den Blick auf den Turm gerichtet, neigte er den Kopf erst zur einen Seite, dann zur andern.
»Der gefällt ihm«, bemerkte Charlie.
Einen Moment lang antwortete niemand. Dann sagte Drepung: »Das ist ein altes tibetisches Muster. Man findet es oft in Mandalas.« Er sah Sucandra an, der jetzt etwas in scharfem Tonfall auf Tibetisch sagte. Rudra Cakrin antwortete gelassen. Zugleich bewegte er sich leicht; sein Knie stieß gegen den Turm und ließ ihn einstürzen. Joe fuhr zusammen, als hätte ihn ein Geräusch draußen auf der Straße erschreckt.
»Ah ga«, verkündete er.
Die Tibeter wandten sich wieder ihren Gastgebern zu. Nick erklärte Padma den Unterschied zwischen Walen und Delfinen. Sucandra folgte Charlie in die Küche und half ihm ein wenig beim Aufräumen; schließlich scheuchte Charlie ihn jedoch hinaus, weil es ihm peinlich wurde, wie gründlich Sucandra die Töpfe mit dem Topfkratzer bearbeitete, den er unter der Spüle gefunden hatte: Sie waren jetzt sauberer als vor dem Kochen.
Ungefähr um halb zehn verabschiedeten sich die Khemablis. Anna bot ihnen an, ein Taxi zu rufen, aber sie wollten lieber Metro fahren. Den Weg zur Station würden sie auch ohne Hilfe finden: »Ganz einfach. Und interessant. Viele schöne Teppiche in den Schaufenstern.«
Charlie überlegte kurz, ob er ihnen erklären sollte, dass das an den Iranern lag, die es nach dem Sturz des Schah hierher verschlagen hatte. Dann überlegte er es sich anders. Keine schöne Geschichte.
Stattdessen sagte er zu Sucandra: »Ich werde meinen Freund Sridar bitten, sich mit Ihnen zu treffen. Er wird Ihnen bestimmt helfen können, auch wenn Sie seine Agentur letztlich nicht engagieren.«
»Ganz sicher. Vielen Dank.« Und sie gingen hinaus in die laue Nacht.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
