von Kim Stanley Robinson
Auch wenn Mathematik manchmal den Eindruck erweckt, ein eigenes Universum zu bilden, ist sie tatsächlich aus unserer Beschäftigung mit der Welt entstanden. Offenbar ist sie ein Aspekt dieser Welt, eine Art Grundstruktur oder Bauanleitung.
Im Lauf der Geschichte ist die Menschheit immer tiefer in die verschiedenen Bereiche der Mathematik vorgedrungen, ein kollektives Unterfangen, bei dem jeder Schritt auf früheren aufbaut – ein Wechselgespräch zwischen Mensch und Wirklichkeit. Die Entdeckung der Infinitesimalrechnung. Die Erfindung von Algebra und formaler Logik, zwei Methoden, intuitive Denkabläufe in mathematische Sprache zu fassen und damit in etwas zu verwandeln, das ebenso exakt und verlässlich funktioniert wie ein geometrischer Beweis. Dann die Versuche, all diese Erkenntnisse zu einem schlüssigen Gesamtsystem zusammenzuführen. Die Erfindung der Mengenlehre und die trickreichen Lösungen für die Paradoxien, die entstehen, wenn Mengen auch sich selbst enthalten. Die Entdeckung, dass all diese Systeme unvollständig bleiben müssen. Die Regeln für das schrittweise Abarbeiten von Aufgaben durch neue Rechenmaschinen. Im Zuge dieser Entwicklungen verschmolzen Mathematik und Logik immer mehr miteinander; die oft langen und komplizierten Operationen, die wir Algorithmen nennen, verwenden Symbole und Methoden aus beiden Reichen.
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Zur gleichen Zeit, als die Algorithmen entstanden, machten wir auch in der realen Welt eine wichtige Entdeckung: die Doppelhelix in unseren Zellen. Ein halbes Jahrhundert später war das gesamte menschliche Genom bekannt, Basenpaar für Basenpaar. Aus diesen drei Milliarden Basenpaaren bestehen unsere Gene, die wiederum die Bauanleitungen für unsere Proteine enthalten.
Aber wie genau das Auslesen dieser Instruktionen – das Exprimieren der Gene – funktioniert, bleibt trotzdem rätselhaft. Die spiralförmigen Basenpaarketten aus Cytosin, Guanin, Adenin und Thymin enthalten die Anweisungen für die Entstehung eines Lebewesens: So viel wissen wir. Wir kennen die Grundbausteine, und wir sehen den Organismus vor uns. Aber welcher Code vom einen zum anderen führt, muss noch erforscht werden.
Unterdessen entwickelt sich die Mathematik immer weiter, nach Gesetzmäßigkeiten, die anscheinend nichts mit der übrigen Welt zu tun haben. Trotzdem ist es schon mehrmals vorgekommen, dass sich rein mathematische Entwicklungen im Nachhinein als höchst wirkungsvolle Methoden erwiesen haben, um natürliche Vorgänge zu beschreiben, die zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung noch ganz unbekannt oder jedenfalls unerklärt waren. Eine merkwürdige Tatsache, die wiederum alles infrage stellt, was wir über die Beziehung zwischen Mathematik und Wirklichkeit, zwischen Geist und Kosmos zu wissen glauben.
Gut möglich, dass wir nie eine Erklärung dafür finden werden, warum sich die Natur nach höchst raffinierten mathematischen Gesetzen richtet. Die Algorithmen werden jedenfalls immer komplexer, aber was stellen sie dar? Abbilder der Wirklichkeit? Rezepte? Zaubersprüche? Arbeitet die Realität mit Algorithmen, arbeiten Gene mit Algorithmen? Die Mathematiker wissen es nicht; viele scheint es auch nicht zu kümmern. Sie haben einfach Spaß an ihrer Arbeit.
* * * * *
Leo Mulhouse küsste seine Frau Roxanne und verließ das Schlafzimmer. Die Morgendämmerung hatte gerade erst begonnen. Er trat auf den Balkon hinaus und hörte das Dröhnen der Brandung am Fuß der Klippe. Vor ihm erstreckte sich die weite graue Ebene des Pazifik.
Leo hatte in dieses Haus auf den Klippen hineingeheiratet; Roxanne hatte es von ihrer Mutter geerbt. Die Aussicht gefiel Leo sehr, aber die Rasenfläche unter ihm war keine fünf Meter breit, und danach kamen nur noch Luft und, fünfundzwanzig Meter tiefer, das schäumende graue Meer. Und die Klippe war nicht sonderlich stabil. Er wünschte, das Haus stünde etwas weiter von der Kante entfernt.
Wieder nach drinnen, runter zum Auto. Die Europa Street entlang, am Coffeeshop Pannikin in Leucadia vorbei, rechts abbiegen Richtung Arbeit.
Am frühen Morgen war es wunderschön, den Coast Highway im County San Diego entlangzufahren. Er hatte bei jedem Wetter etwas zu bieten: bei Sonnenschein, wenn das Meer in den verschiedensten Blautönen leuchtete; bei bewölktem Himmel, wenn einzelne flache Sonnenstrahlen durch die niedrige Wolkendecke drangen; sogar bei Regen oder Nebel, wenn alles grau war, monochrom und doch unendlich abwechslungsreich – was in letzter Zeit morgens am häufigsten vorkam, denn das Wetter in der Region war von einem anscheinend nie endenden El Niño geprägt – Hyperniño nannten das die Leute inzwischen. Mediterranes Klima schien es auf der ganzen Welt nicht mehr zu geben, nicht einmal am Mittelmeer. Der Mangel an Sonnenlicht machte die Menschen krank, sie kämpften mit Vitamin-D-Tabletten und Antidepressiva gegen die Folgen – während fünfzehn Kilometer weiter landeinwärts das ganze Jahr hindurch wolkenloses Wüstenklima herrschte.
Leo fuhr jeden Morgen über die Küstenschnellstraße zur Arbeit. Er genoss das Auf und Ab: hinunter zu einer der Lagunen, wieder hinauf nach Cardiff, Solana Beach oder Del Mar. Um diese Uhrzeit zeigten sich die Städte von ihrer besten Seite, menschenleer und wie frisch gewaschen.
Dann den Berg hinauf nach Torrey Pines, am Golfplatz vorbei und rechts zu Torrey Pines Generique abbiegen. Hinein in die Tiefgarage, hinein in das Biotech-Ungeheuer.
Gründliche Sicherheitskontrollen: Metalldetektor, Überprüfen von Hardware und Software, gelangweilte Wachleute und Clyde, der Spürhund vom Frühdienst, der bestimmte charakteristische Moleküle erschnüffeln konnte: Nach mehreren allgemein bekannten Fällen von Industriespionage war so etwas bei Biotech-Firmen inzwischen normal. Vertrauen allein genügte nicht mehr; es stand zu viel auf dem Spiel.
Dann folgte Leo den langen weißen Gängen im Inneren der Anlage. An seinem Schreibtisch schaltete er als Erstes den Bildschirm ein und ging dann wieder hinaus, um nach den laufenden Experimenten zu sehen. Das wichtigste steuerte gerade aufs Ende zu, und Leo war neugierig auf das Ergebnis. Es handelte sich um ein groß angelegtes Screening bestimmter Proteine in der Proteindatenbank der University of California, San Diego, mit dem Ziel, diejenigen ausfindig zu machen, die bestimmte Körperzellen zu einer gesteigerten Produktion von HDL – dem »guten« Cholesterol – anregten. Ein zehnfach höherer HDL-Spiegel könnte vielen Menschen das Leben retten – solchen mit Atherosklerose, Übergewicht, Diabetes, sogar Alzheimer. Jedes Verfahren, das eine dieser Krankheiten linderte (oder gar heilte!), wäre Milliarden wert; eine Therapie für alle zugleich wäre … nun ja. Auf jeden Fall erklärte es die scharfen Sicherheitsmaßnahmen.
Das Experiment lief noch. Leo kehrte in sein Büro zurück und las auf dem Bildschirm die Meldungen auf Bioworld Today. Robotik, künstliche Hormone, Proteom-Analysen – ein ganzer Industriezweig suchte nach Proteinen mit therapeutischer Wirkung und nach Methoden, diese Proteine in den menschlichen Körper zu praktizieren. Diese beiden hartnäckigen Probleme verhinderten bisher, dass aus den vielen biotechnologischen Ideen reale Heilkunst wurde. Wenn sie nicht gelöst wurden, konnte es der Branche so ergehen wie der Atomwirtschaft. Fand sich dagegen eine Lösung, wären die finanziellen Auswirkungen mit jenen im IT-Bereich vergleichbar – ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Auswirkungen natürlich!
Als Leo das nächste Mal ins Labor hinüberging, standen seine beiden Assistenten Marta und Brian in Kittel und Einweghandschuhen am Labortisch und bearbeiteten mit ihren Pipetten die Blöcke von Probenröhrchen, die den gesamten Tisch bedeckten.
»Morgen, Leute.«
»Hallo, Leo.« Marta deutete mit der Pipette auf das kleine Fenster in einem breiten, niedrigen Kühlschrank. »Willst du sie testen?«
»Unbedingt. Kannst du mir helfen?«
»Einen Moment.« Sie bewegte sich ein Stück den Labortisch entlang.
»Hoffen wir, dass es geklappt hat«, sagte Brian. »Derek hat der Presse nämlich gerade erklärt, dass es sich um das vielversprechendste Heilverfahren des Jahrzehnts handelt.«
Leo schrak zusammen. »Das ist nicht dein Ernst.«
»Mein voller Ernst.«
»O nein. Bitte nicht.«
»O doch.«
»Wie konnte er nur?«
»Presseerklärung. Und Anrufe bei seinen Lieblingsjournalisten. Auf seiner Webseite steht es auch. Im Chat diskutieren sie schon über die Auswirkungen. Sie denken, dass wir innerhalb von einem Monat von einem der großen Pharmakonzerne aufgekauft werden.«
»Sag doch nicht so was, Bri.«
»Tut mir leid, aber du kennst ihn ja.« Brian deutete zu den Bildschirmen auf einem anderen Arbeitstisch. »Du kannst es überall nachlesen.«
Leo wandte sich einem der Bildschirme zu. »Auf Bioworld Today stand nichts davon.«
»Dann eben morgen.«
Auf der Website der Firma blinkte die Box Aktuelles. Leo beugte sich vor und tippte darauf. Ja – Spitzenmeldung. HDL- Fabrik. Mögliche Therapie für Übergewicht, Diabetes, Alzheimer, Herzerkrankungen …
»O Gott«, murmelte Leo beim Lesen. »O Gott.« Er war rot im Gesicht. »Warum macht er so was nur?«
»Er will unbedingt, dass es wahr wird.«
»Ja, aber wir wissen es doch noch gar nicht.«
Marta lächelte boshaft. »Du sollst es halt wahrmachen, Leo. Er ist Road Runner, und du bist Wile E. Coyote: Er bringt dich dazu, über den Klippenrand zu rennen, und du musst dann ganz schnell eine Brücke bauen, sonst stürzt du ab.«
»Aber das klappt doch nie! Coyote stürzt immer ab!«
Marta lachte. Sie mochte ihn, aber sie war auch hartnäckig. »Na los, komm. Diesmal schaffen wir es.«
Leo nickte und versuchte sich zu beruhigen. Er wusste Martas Kampfgeist zu schätzen; außerdem hatte er den Vorsatz, in jeder Situation mehr Zuversicht auszustrahlen als alle anderen. Auch wenn ihm das in letzter Zeit schwerfiel. Also rang er sich ein Lächeln ab, sagte: »Ja, stimmt, hast recht«, und zog sich Handschuhe an.
»Weißt du noch, wie er behauptet hat, wir hätten ein Mittel gegen Hämophilie A?«, fragte Brian.
»Bitte nicht.«
»Wie er in einer Presseerklärung behauptet hat, er hätte mit tausend Umdrehungen pro Minute Mäuse geköpft, um zu beweisen, wie gut unsere Therapie funktioniert?«
»Die kreiselnde Guillotine?«
»Bitte«, flehte Leo. »Seid still.«
Er griff nach einer Pipette und versuchte, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Ansaugen, abgeben, ansaugen, abgeben – leider bestand die Arbeit in dieser Phase aus lauter mechanischen Handgriffen, bei denen man problemlos nachdenken konnte. Ob man wollte oder nicht. Nach einer Weile überließ Leo das Pipettieren den anderen und kehrte in sein Büro zurück. Dort sah er seine E‑Mails durch und las dann mit einem Gefühl der Ohnmacht so viel von Dereks Presseerklärung, wie er ertrug. »Warum tut er das? Warum?«
Es war eine rein rhetorische Frage, aber Marta, die jetzt zusammen mit Brian an der offenen Tür stand, antwortete trotzdem gnadenlos: »Das habe ich dir doch gesagt – er denkt, er kann uns zwingen, es hinzubekommen.«
»Das haben wir gar nicht in der Hand«, widersprach Leo. »Die Wirkung hängt an diesem Gen, und solange es keine Methode gibt, das veränderte Gen genau in die richtigen Zellen einzuschleusen, sind wir machtlos.«
»Du musst dir halt etwas einfallen lassen.«
»Nach dem Motto, wenn du es baust, werden sie kommen?«
»Genau. Ich sage es, sie machen es. So denkt Derek.«
Drüben im Labor piepte ein Timer; es klang erschreckend wie das Piep-Piep des Road Runner. Sie gingen zum Inkubator hinüber und studierten die Daten auf dem Papierstreifen, der sich aus dem Messgerät schob wie ein Bankbeleg aus einem Geldautomaten – oder vielmehr wie Geld aus einem Geldautomaten, wie ein ganz dickes Bündel Zwanziger. Vorausgesetzt, die Zahlen stimmten.
Und sie sahen gut aus. Sehr gut sogar. Um sicher zu sein, würden sie alles noch in Diagramme übertragen müssen, aber inzwischen hatten sie diese Experimente so oft durchgeführt, dass sie das Ergebnis auch anhand der Rohdaten einschätzen konnten. Sehr gute Zahlen. Wie Wile E. Coyote standen sie mitten im Nichts und starrten verblüfft ihre Zuschauer an, weil wie durch Zauberhand eine Brücke zur Klippe entstanden war. Eine Brücke, die sie vor dem Absturz bewahrte, den ein öffentliches Zurückziehen der Ankündigung und der darauffolgende Einbruch des Aktienkurses bedeutet hätten.
Allerdings freute sich Wile E. Coyote jedes Mal zu früh. Der Road Runner plante stets schon den nächsten vernichtenden Angriff. Leos Hand zitterte.
»Scheiße«, sagte er. »Wenn Derek nicht wäre, würde ich das so was von feiern. Schaut euch das an« – er zeigte auf ein paar Zahlen – »das ist noch besser als beim letzten Mal.«
»Na seht ihr, Derek hat eben gewusst, dass es so kommt.«
»Den Teufel hat er.«
»Die Zahlen sehen jedenfalls ziemlich gut aus«, sagte Brian grinsend. »Und der Artikel ist praktisch fertig, wir müssen nur noch die neuen Daten einfügen und die Schlussfolgerung schreiben.«
»Die Schlussfolgerung ist einfach«, sagte Marta. »Wenn wir bei der Wahrheit bleiben.«
Leo nickte. »Das Problem ist, dann müssen wir auch zugeben, dass wir trotz allem noch keine Therapie haben, weil uns eine Methode für den zielgerichteten Gentransfer fehlt. Wir haben zwar das Gen, aber wir kriegen es nicht in den menschlichen Körper.«
»Du hast offenbar nicht alles gelesen, was auf der Website steht«, sagte Marta mit grimmigem Lächeln.
»Was soll das heißen?« Leo war nicht in der Stimmung für Spielchen. Sein Magen hatte sich ohnehin schon auf die Größe einer Walnuss zusammengezogen.
Marta lachte – ihre Art, Mitgefühl ausdrücken, ohne es offen zu zeigen. »Er will Urtech kaufen.«
»Was ist Urtech?«
»Eine Firma mit einer funktionierenden Methode zum zielgerichteten Gentransfer.«
»Wovon redest du? Was für eine Methode?«
»Etwas ganz Neues. Sie haben es gerade patentieren lassen.«
»O nein.«
»O doch.«
»O Gott. Es gibt noch keine Bestätigung?«
»Nichts außer dem Patent. Und Dereks Kaufangebot.«
»O Gott. Warum macht er so was?«
»Weil er CEO des größten Pharmakonzerns aller Zeiten werden will. Siehe das Interview in People.«
»Ach ja, richtig.«
Wie die meisten Start-ups der Biotech-Branche litt Torrey Pines Generique an Kapitalmangel und konnte sich nur wenige Einsätze bei diesem Glücksspiel leisten. Mindestens ein Ergebnis musste dann so gut aussehen, dass neues Kapital angelockt wurde und die Firma weiter wachsen konnte. Das war das Ziel, auf das sie in den fünf Jahren seit der Firmengründung hingearbeitet hatten. Jetzt endlich zeichnete sich ein Erfolg ab, aber noch fehlte ihnen eine Methode, ihr maßgeschneidertes Gen in die Zellen der Patienten zu transferieren. Dann würde deren Körper erhöhte Mengen des fragliches Proteins produzieren; den Patienten wäre nicht nur geholfen, sie wären geheilt.
Unglaublich.
Aber – und inzwischen war das ein sehr großes Aber – bisher gab es keine Möglichkeit, die veränderte DNA in die Zellen lebender Menschen einzuschleusen. Schließlich existierte das Immunsystem genau zu dem Zweck, das Eindringen fremder Stoffe zu verhindern. Eine schon bekannte Methode bestand tatsächlich darin, die veränderte DNA in ein Virus zu packen und den Patienten damit zu infizieren – wodurch die veränderte DNA an ihr Ziel gelangte. Das war jedoch keine besonders gute Lösung, denn Virusinfektionen lösten eine Abwehrreaktion des Körpers aus; es wäre also nötig, bei ohnehin schon kranken Menschen das Immunsystem noch zusätzlich zu schwächen.
Also suchten alle in dieser Branche weiter nach dem heiligen Gral der Gentherapie, einer nichtviralen Methode zielgerichteter Genübertragung. Eine Firma, die so etwas entwickelte und patentieren ließ, würde augenblicklich Lizenzen für Dutzende von Anwendungen vergeben können und höchstwahrscheinlich von einem der großen Pharmakonzerne aufgekauft, was alle Angestellten reich machen und oft nicht einmal um ihre Arbeitsplätze bringen würde. Irgendwann würde der Konzern die aufgekaufte Firma zwar auflösen und nur das Verfahren weiter nutzen, aber zu dem Zeitpunkt hätten alle Mitarbeiter schon so viel Geld verdient, dass sie das nicht mehr zu kümmern brauchte – entweder sie verbrachten ihre Tage von nun an mit Surfen, oder aber sie gründeten das nächste Start-up und versuchten erneut ihr Glück. Nur dass es dieses Mal kein mörderischer Kampf ums Überleben mehr wäre, sondern ein menschenfreundliches Hobby.
Hunderte Labors überall auf der Welt machten also Jagd auf eine nichtvirale Methode zielgerichteter Genübertragung. Und eines dieser Labors hatte Derek nun gekauft. Leo starrte auf die Ankündigung auf der Website der Firma. Derek musste sich dabei auf sein Glück verlassen haben, denn wäre das Verfahren gut belegt, hätte er sich den Kauf niemals leisten können. Ein Biotech-Unternehmen namens Urtech – aus Bethesda in Maryland, die Firma schien noch kleiner zu sein als Torrey Pines, Leo hatte noch nie von ihr gehört – musste Derek irgendwie davon überzeugt haben, dass man dort in der Lage war, gentechnisch veränderte DNA in menschliche Körper zu praktizieren. Daraufhin hatte Derek die Firma gekauft, ohne vorher mit seinem Forschungsleiter Leo zu sprechen. Wahrscheinlich hatte er sich stattdessen vom stellvertretenden Direktor der Firma beraten lassen, seinem Freund und Partner Dr. Sam Houston. Einem Mann, der seit zehn Jahren nicht mehr im Labor gearbeitet hatte.
Jedenfalls, es war passiert.
Leo saß am Schreibtisch und versuchte, die verkrampften Muskeln in seiner Magengegend zu lösen. Als Erstes mussten sie sich nun mit dem Verfahren der neuen Firma vertraut machen und es testen. Da es bereits patentiert war, gehörte es im Augenblick nur ihnen – es war eine Art Geschäftsgeheimnis, ein Begriff, mit dem sich viele Wissenschaftler schwertaten. Ein geheimes wissenschaftliches Verfahren? War das nicht ein Widerspruch in sich?
Auf jeden Fall war das Ganze keineswegs eine sichere Bank. In der Fachliteratur fand Leo nur wenig. Ein paar Artikel in Vorbereitung, einer eingereicht, einer akzeptiert – den musste er sich so bald wie möglich anschauen. Und die Patentschrift. Patente wurden oft sehr früh vergeben. Die Belege für das Verfahren bestanden also aus ganzen zwei Veröffentlichungen.
Geheime Wissenschaft. »Verdammt«, sagte Leo in den Raum hinein. Derek hatte die Katze im Sack gekauft. Und Leo sollte nun herausfinden, was wirklich in dem Sack drin war.
Jemand klopfte zögernd an die geöffnete Tür. Leo blickte auf.
»Hallo, Yann, wie geht’s?«
»Alles bestens, Leo, danke. Ich wollte nur kurz auf Wiedersehen sagen. Ich gehe nach Pasadena zurück, mein Vertrag hier ist abgelaufen.«
»Schade. Bei unserer Katze im Sack könnten wir deine Hilfe gebrauchen.«
»Wirklich?«
Yann strahlte wie ein Kind. Er war Vollblutmathematiker, und auch sein Wesen entsprach Leos Bild von einem typischen Mathematiker: klug, schräg, begeisterungsfähig, lauter merkwürdige Ideen im Kopf. Was aber erst auffiel, wenn er in Fahrt geriet. Oder wie Marta es einmal ausgedrückt hatte, für ihre Verhältnisse durchaus freundlich: Wenn er nicht so schnell reden und ständig den Kopf schief halten würde, würde niemand merken, dass er Mathematiker ist. Leo mochte ihn, und sein Beitrag zur Identifikation von Proteinen war interessant und konnte sich als sehr hilfreich erweisen.
»Keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben«, gestand Leo. »Vermutlich eher ein Biologenproblem, aber wer weiß? Bei den Selektionsprotokollen hast du uns jedenfalls sehr geholfen.«
»Danke, das weiß ich zu schätzen. Kann übrigens sein, dass ich bald wieder hier bin. Für ein Projekt mit Sams Mathematikern. Sam sagt, wenn es genehmigt wird, bekomme ich wieder einen Zeitvertrag.«
»Das höre ich gern. Bis dahin viel Spaß in Pasadena.«
»Oh, den werde ich haben. Bis bald.«
Und ihr bester Biomathematiker schlüpfte zur Tür hinaus.
* * * * *
Charlie Quibler war bei Annas Aufbruch nur halb wach geworden. Sein eigener Wecker klingelte eine Stunde später. Mit einiger Mühe bekam er auch Nick wach und fuhr ihn mit dem schlafenden Joe im Kindersitz zur Schule, kehrte nach Hause zurück und döste auf dem Sofa noch einmal ein. In einer Stunde würde Joe sie beide mit lautem Hungergeschrei wecken; damit fing der Tag dann richtig an.
»Joe und Dad!«, sagte Charlie dann meistens. »Los geht’s! Wie wär’s mit Frühstück? Hier – ich setz dich kurz in deinen Laufstall und mache Mamas Milch für dich warm, ja?«
»Nein!«
Bei Nick hatte diese Methode bestens funktioniert, aber Joe verweigerte sich solchem Kinderkram, er betrachtete ihn als Angriff auf seine Würde.
Also nahm Charlie ihn mit in die Küche, wo er entweder zwischen seinen Füßen herumkrabbelte oder aber das Gitter untersuchte, das den Zugang zur Kellertreppe versperrte. Eine menschliche Flipperkugel. »Okay, pass auf, nein, nein! Dein Fläschchen ist in einer Sekunde fertig.«
»Fa!«
»Ja, Flasche!«
Das gefiel ihm, er plumpste direkt vor Charlies Füßen auf den Hintern. Charlie hantierte über seinem Kopf weiter, nahm einen Behälter mit Annas Milch aus dem Gefrierschrank und stellte ihn in einen Topf mit Wasser, das er auf dem Herd erwärmte. Anna füllte ihre Milch in Portionen von hundertzwanzig oder dreihundert Millilitern in hohe oder niedrige wiederverwendbare Plastikzylinder; die braunen Gummisauger waren durch Plastikkappen vor einer Kontamination im Gefrierschrank geschützt. Auf der Arbeitsfläche lag ein Laborbuch, in das Charlie eintragen sollte, wann er Joe wie viel Milch gab. Angeblich wollte Anna das wissen, damit sie bei der Arbeit die richtige Menge Milch abpumpte, aber Charlie war überzeugt, dass sie vor allem Spaß an Messwerten hatte.
Als er gerade die Temperatur der aufgetauten Milch prüfte, indem er kurz am Fläschchen saugte, klingelte sein Telefon. Er setzte das Headset auf und antwortete.
»Hallo, Charlie, hier ist Roy.«
»Hallo, Roy, was gibt’s?«
»Ich habe deinen letzten Entwurf vor mir und will ihn gleich lesen, aber vielleicht sagst du mir vorher, worauf ich achten soll.«
»Klar. Alle wichtigen Änderungen betreffen Abschnitt drei.«
Mit dem Gesetz, das Charlie für Phil ausarbeitete, würden sich die Vereinigten Staaten dazu verpflichten, bestimmte Empfehlungen des Weltklimarats IPCC umzusetzen.
»Hast du die Formulierung, dass wir den Vorgaben des Weltklimarats folgen, auch gut versteckt?«
»So einfach ist das leider nicht. Ich habe versucht, es als unausweichlich hinzustellen. Wir sind Mitglied im IPCC, der Klimawandel ist offensichtlich real, die UNO ist am besten geeignet, globale Problemstellungen anzugehen, folglich ist unsere Mitarbeit zwingend notwendig, wenn die Welt nicht an Überhitzung sterben soll. So in dem Stil.«
»Das hat aber noch nie funktioniert, oder? Komm schon, Charlie, du bist Phils Mann für den Klimawandel. Es geht hier um das eine große Gesetz, das Phil noch vor der nächsten Wahl einbringen will. Wenn er den Entwurf nicht durch den Ausschuss bekommt, haben wir ein riesiges Problem.«
»Ja, ich weiß. Einen Moment.«
Charlie saugte erneut am Fläschchen. Die Milch hatte jetzt fast Körpertemperatur.
»Bisschen früh für Whiskey, Charlie, was trinkst du denn da?«
»Wenn du es unbedingt wissen musst: die Muttermilch meiner Frau.«
»Wie bitte?«
»Ich prüfe die Temperatur von Joes Fläschchen. Die muss genau stimmen, sonst wird er sauer.«
»Du trinkst aus einem Babyfläschchen mit der Milch deiner Frau?«
»Genau.«
»Und, wie schmeckt es?«
»Gut. Dünn, aber süß. Eine sehr gute Mischung aus Eiweiß, Fett und Zucker. Die beste Nahrung überhaupt.«
»Da wette ich drauf.« Roy lachte. »Kriegst du manchmal auch Milch direkt von der Quelle?«
»Ich versuch’s natürlich, wer würde das nicht, aber Anna hält nichts davon. Sie sagt, für sie vermischen sich da zwei sehr verschiedene Dinge, und wenn ich nicht aufpasse, werde ich zusammen mit Joe entwöhnt.«
»Aha. So was muss man natürlich langfristig sehen.«
»Genau. Obwohl, einmal habe ich es trotzdem versucht, als Joe beim Stillen eingeschlafen ist und sie sich nicht bewegen konnte, ohne ihn aufzuwecken. Ich habe wirklich mein Bestes gegeben, obwohl sie mich ständig angezischt hat, aber anscheinend muss man viel kräftiger saugen als – na, du weißt schon, als man es normalerweise tut. Ist wohl irgendein Trick dabei. Jedenfalls hatte ich kein Glück, und dann ist Joe aufgewacht und hat mich ertappt, und Anna und ich waren wie erstarrt, weil wir dachten, jetzt flippt er aus, aber er hat mir nur den Kopf getätschelt.«
»Er hat es verstanden!«
»Ja. Als würde er sagen, das Gefühl kenne ich, Dad, und ich gebe dir gern etwas von diesem wundervollen Zeug ab. Nicht wahr, Joe?« Er reichte Joe das angewärmte Fläschchen und sah lächelnd zu, wie er es einhändig entgegennahm und ankippte. Mit abgespreiztem Ellbogen wie Popeye mit einer Büchse Spinat. Den Gummisauger hatte Charlie so oft mit einer Nadel angestochen, dass Joe das Fläschchen innerhalb von Minuten leeren konnte. Was ihm offenbar sehr gefiel. Vielleicht weil ihn der Zucker berauschte.
»Was du so treibst! Okay, mein Lieber, ganz offensichtlich steckst du tief in einer Welt des häuslichen Glücks, aber trotzdem, wir zählen auf dich. Für Phil ist es das wichtigste Gesetz der ganzen Wahlperiode.«
»Na hör mal, junger Mann, es geht um viel mehr. So viele Chancen haben wir nicht mehr, eine globale Katastrophe abzuwenden, ich meine …«
»Musst du mir nicht erklären, musst du mir nicht erklären!«
»Das will ich auch hoffen.«
»Ganz bestimmt, ganz bestimmt. Okay, ich lese die neue Version und melde mich so schnell wie möglich. Wir müssen allmählich fertig werden. Die Komiteesitzung ist für Dienstag angesetzt.«
»Alles klar, ich habe mein Telefon immer dabei.«
»Klingt gut, du hörst von mir. Aber denk schon mal drüber nach, wie man das mit dem IPCC noch besser verstecken kann.«
»Ja, okay, aber sieh dir erst mal an, was ich schon gemacht habe.«
»Klar doch. Bis dann.«
»Bis dann.«
Charlie nahm das Headset ab und schaltete den Herd aus. Joe leerte das Fläschchen, betrachtete es und warf es weg.
»Mann, bist du schnell«, sagte Charlie, wie jedes Mal. Dass sie an den gemeinsam verbrachten Tagen ständig das Gleiche taten und auch stets das Gleiche dazu sagten, war etwas, das sie beide genossen. Wobei Joe nicht ganz so viel Wert auf feste Muster legte wie Nick; er bevorzugte etwas, das Charlie Abwechslung mit fester Struktur nannte. Freude an der Wiederholung hatte er aber auch.
Jetzt versuchte Joe erst einmal wieder, über das Babygitter zu klettern und sich die Kellertreppe hinunterzustürzen. Charlie zog ihn rasch weg, scheuchte ihn ins Esszimmer und wischte allen lauten Protestrufen zum Trotz die Arbeitsfläche sauber.
»Okay, okay! Ganz ruhig! Hey, lass uns spazieren gehen, spazieren gehen!«
»Nein!«
»Ach, komm schon. Warte, heute ist ja dein Spielgruppentag! Danach in den Park, dann Mittagessen, und dann gehen wir spazieren!«
»NEIN!«
Aber das war nur Joes Art, Ja zu sagen.
Ihn in den Tragerucksack zu bekommen, war ein Kampf. Vor allem musste man dabei Joes Beine festhalten – nicht ganz einfach, denn Joe war stark, ein kräftig gebautes Wesen mit dicken Oberschenkelmuskeln. Schwer zu besiegen, auch wenn er nicht so laut schrie wie Nick in dem Alter.
»Spielgruppe, Joe, das gefällt dir! Und dann spazieren gehen, Kleiner, zu Fuß zum Park!«
Los ging’s.
Erst zur Gymboree-Spielgruppe in einem großen Gebäude an der Wisconsin Avenue. Kinder, die ansonsten allein betreut wurden, hatten hier Gelegenheit, eine Stunde lang mit anderen Kindern zusammen zu sein. Charlie fand es zwar etwas deprimierend, Geld dafür bezahlen zu müssen, dass sein Kind mit anderen spielen konnte, aber so war es nun mal: Ohne Gymboree wären sie alle völlig auf sich gestellt.
Joe verschwand in den Gängen einer großen Plastikspielwelt, die einen Dschungel darstellte. Das Ganze mochte nur ein kommerzieller Ersatz für echtes Gemeinschaftsleben sein, aber davon wusste Joe ja nichts; er sah nur, dass es hier viel zum Spielen und Klettern gab, rannte zwischen den bunten Bauten umher, kroch durch Tunnel und stieg auf Gerüste. Die anderen Kinder ignorierte er entweder oder behandelte sie wie bewegliche Teile der Einrichtung. Was manchmal zu Problemen führte. »Hoppla! Sag: Tut mir leid, Joe! Tut uns leid!«
Schon entwand er sich wieder Charlies Händen und schoss davon. Von Zeitverschwendung hielt er nichts. Ein größerer Gegensatz zu Nick war kaum denkbar. Nick hatte sich in der Spielgruppe selten bewegt. Einmal hatte er einen riesigen roten Ball entdeckt und die ganze Stunde lang mit ihm in den Armen still dagestanden. Die anderen Mütter hatten ihm mitfühlende (oder auch nicht so mitfühlende) Blicke zugeworfen, und Ally, die Betreuerin, hatte sich gemeinsam mit Charlie bemüht, Nicks Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu lenken. Aber Nick hatte seinen zauberhaften roten Ball einfach nicht hergegeben.
So etwas war peinlich. Doch peinliche Situationen war Charlie gewohnt. Und das eigentliche Problem war nicht, dass Nick sich so wenig oder Joe sich so viel bewegte, sondern dass er der einzige Vater im Raum war. Ohne ihn wären die Mütter unter sich gewesen, und das hätte ihnen besser gefallen. Charlies Anwesenheit störte sie. Es war überall das Gleiche, wo es um Kinderbetreuung ging. In ganz D. C. gab es anscheinend keinen zweiten Mann, der die Stunden, in denen normalerweise gearbeitet wurde, mit kleinen Kindern verbrachte. So etwas tat man einfach nicht. Dafür zog man nicht nach D. C. Natürlich war auch Charlie nicht deswegen nach Washington gezogen, aber als Anna und er diese Fragen vor Nicks Geburt besprochen hatten, war ihnen schnell klar geworden, dass sich Charlies Arbeit (jedenfalls in Teilzeit) mit Kinderbetreuung vereinbaren ließ. Den Kontakt zum Büro von Senator Chase konnte er auch über Telefon und E‑Mail halten. Phil Chase hatte seine Arbeit eine Zeit lang selbst aus der Ferne erledigt, weil er – »Senator der ganzen Welt« – ständig unterwegs gewesen war; außerdem war er ein netter Mensch und hatte Charlies Plänen sofort zugestimmt. Während Anna mindestens fünfzig Stunden pro Woche und häufig mehr an ihrem Arbeitsplatz zubringen musste. Also hatte Charlie sich freudig bereit erklärt, die Kinderbetreuung zu übernehmen. Er hatte es als Abenteuer betrachtet.
Und kein Zweifel, ein Abenteuer war es gewesen. Allerdings nur beim ersten Mal. Seit über einem Jahr machte er nun mit Kind Nummer zwei das Gleiche noch einmal, und was vorher faszinierend und aufregend gewesen war, empfand er jetzt als Routine. Die Wiederholung machte ihn allmählich mürbe. Joe machte ihn mürbe.
Nun saß er also mit lauter Müttern und Kindermädchen bei Gymboree herum. Das mochte nett klingen, war aber eine diplomatische Herausforderung höchsten Grades. Er wollte schließlich nicht missverstanden werden. Niemand hier würde es als Zufall betrachten, wenn er sich mit einer besonders attraktiven Frau unterhielt oder überhaupt regelmäßig mit einer bestimmten Frau sprach. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte er die Lage immer im Griff behalten können, aber Joe war schließlich auch noch da. Jetzt zum Beispiel machte er sich an ein kleines dunkelhaariges Mädchen mit den perfekten Gesichtszügen eines Fotomodells heran. Charlie gesellte sich rasch dazu, damit Joe die Kleine nicht herumschubste, was er gerne tat, wenn er ein Mädchen mochte. Und natürlich war die zugehörige Betreuerin ausgesprochen attraktiv, eine junge blonde Au-pair aus Deutschland. Charlie hatte schon vorher einmal mit ihr geredet. Er spürte die Blicke der anderen Frauen. Keine einzige Erwachsene im Raum glaubte an seine Unschuld.
»Hi, Asta.«
»Hallo, Charlie.«
Allmählich zweifelte er selbst an seinen Motiven. Asta war eine dieser lebhaften europäischen Frauen um die zwanzig, bei denen man den Eindruck hatte, dass sie ihren angloamerikanischen Altersgenossinnen in allen Fragen des Erwachsenenlebens um ein Jahrzehnt voraus waren – gar nicht so einfach, wenn man sich die angloamerikanischen Teenager von heute anschaute. Etwas in Charlie bäumte sich auf: Ich laufe den Frauen nicht nach, hätte er gern ausgerufen. Das ist mein Sohn! Der hyperaktive Mädchenschubser! Aber so etwas sagte man natürlich nicht. Und inzwischen betrachtete ihn selbst Asta mit leisem Misstrauen. Vielleicht weil er bei ihrem ersten Gespräch etwas Nettes über die hübschen Haare ihrer Tochter gesagt hatte. Sie hatte den Irrtum korrigiert und dabei überrascht und amüsiert dreingeblickt; als er daran zurückdachte, wurde er wieder rot.
Schließlich erlöste ihn das Liedersingen. Es diente dazu, die Kinder zu beruhigen, bevor sie am Ende der Spielstunde wieder in ihren Kindersitzen festgeschnallt und nach Hause gefahren wurden. Joe verstand die Ankündigung allerdings als Aufforderung, erneut in den Tiefen der Tunnel zu verschwinden. Er würde erst wieder herauskommen, wenn Ally »Ring Around the Rosie« anstimmte, denn dieses Spiel liebte er. Während sie alle gemeinsam im Kreis herumgingen, wich Charlie sämtlichen Blicken aus. Ally sang in kräftigem New-Jersey-Tonfall vor, und am Schluss stimmten Mütter und Kinder zusammen laut ein:
»Eshes, eshes, we all, fall, DOWN!«
Und alle ließen sich fallen.
Danach ging es in den Park. Dabei handelte es sich um eine kleine Grünanlage gleich neben der Wisconsin Avenue, nur wenige Häuserblocks von ihrem Zuhause entfernt: ein schmaler Rasenstreifen mit Sandkasten und Spielgerüsten. Im Süden grenzte er an Tennisplätze, im Osten Richtung Wisconsin Avenue an eine Feuerwache, und im Westen erstreckte sich eine Wiese bis zu einem der kleinen Bäche, die bis heute das Raster der Straßen durchbrachen.
Mittags traf man hier im Sandkasten und auf den Bänken ringsum fast immer auf andere Kleinkinder, Mütter und Kindermädchen. Deutlich mehr Kindermädchen als Mütter; nach Aussehen und Stimmen zu urteilen stammten die meisten aus Westindien. Sie saßen in Grüppchen auf den Bänken, ruhten sich in der feuchten Hitze aus und plauderten. Die Kinder blieben sich selbst überlassen. Manche spielten, manche langweilten sich.
Joe hielt Charlie auf Trab. Nick hatte gern lange Zeit einfach still dagesessen, und wenn er spielte, dann mit übertriebener Vorsicht; auf der niedrigen hölzernen Hängebrücke hatte er sich stets so fest an das Kettengeländer geklammert, dass seine kleinen Fäuste ganz weiß wurden. Joe dagegen hatte sehr schnell die Stelle der Brücke entdeckt, wo er beim Hüpfen am weitesten in die Höhe geschleudert wurde – nicht in der Mitte, sondern ungefähr auf halbem Weg nach unten. Dort stellte er sich dann hin und sprang im Rhythmus der Brückenschwingungen, bis er wirklich weit in die Höhe flog. Auch er wirkte dabei nicht glücklich, aber aus ganz anderen Gründen als Nick: Er war unzufrieden, weil es nicht noch höher hinauf ging. Auch sonst hatte er die Angewohnheit, seinen Körper als eine Art Versuchsobjekt zu behandeln, zum Beispiel indem er direkt vor Kindern auf einer Schaukel vorbeilief. Charlie hatte ihn schon unzählige Mal aus dem Gefahrenbereich zerren müssen, und dass es inzwischen nicht mehr ganz so häufig vorkam, lag nur daran, dass Joe es nicht mochte, wie laut Charlie ihn hinterher anbrüllte: »Du machst mich fertig! Glaubst du denn, du bist aus Stahl?«
Auch jetzt flog Joe an der besten Stelle der Hängebrücke auf und ab. Das traurige kleine Mädchen, dessen Betreuerin oft Stunde um Stunde telefonierte, lief langsam im Kreis um das Karussell. Charlie wich ihrem hoffnungsvollen Blick aus, starrte stattdessen die Betreuerin an und überlegte, ob er dem Mädchen nicht einen Zettel in die Tasche stecken sollte: »Ihre Tochter läuft schon mit zwei Jahren einsam und gelangweilt durch die Welt – eine Schande!«
Während er selbst die Tugend in Person war. Das wäre die eigentliche Botschaft des Zettels gewesen, weshalb er ihn auch nie schrieb. Er war tugendhaft, langweilte sich aber. Nein, das stimmte nicht, das war ein dummes Klischee. Er sollte sich lieber auf seinen eigenen Sohn konzentrieren. Wirklich ungerecht, wie viel weniger Aufmerksamkeit zweitgeborene Kinder bekamen. Sicher, beim ersten musste man mit dem erschreckenden Verlust seiner Freiheit zurechtkommen, aber zugleich nahm einen der eigene Sprössling auch völlig gefangen. Ein reales menschliches Wesen, dessen Gene zu gleichen Teilen von einem selbst und der Partnerin stammten. Kaum zu glauben, dass so eine Methode funktionierte, aber da war es nun, das eigene Kind – eine Art Schoßtier, klein, sprachlos, unendlich faszinierend.
Während es ihm mit dem zweite Kind so ging, wie man es von allen Eltern hörte: Pass einfach auf, dass er nicht aus dem Fressnapf für die Katze isst. Was in Joes Fall nicht immer gelang. Aber keine Sorge. Das überlebten sie schon. Vielleicht wuchsen und gediehen sie ja sogar. Jetzt erst einmal Zeitung lesen.
Aber da Joe und Dad nun einmal im Park waren, machte Charlie das Beste daraus. Und mit Joe war es hier auf jeden Fall unterhaltsamer als damals mit Nick. Mit Joe konnte man stundenlang Fangen spielen und Ringkämpfe austragen; immer wieder kletterte er auf die Rutsche und glitt hinunter, ein Perpetuum mobile. Das alles mitten an einem Maitag in D. C., während das Wetter auf 38 Grad und 100 Prozent zusteuerte und das Sonnenlicht durch die viele Feuchtigkeit in der Luft so stark gestreut wurde, dass es aus einem riesigen leuchtenden Fleck im Zenit niederbrannte. Man schwitzte und keuchte beim Spielen. Aber kein einziger Augenblick, in dem er Joe gut zureden musste. Keine Sekunde Langeweile.
Nach dem nächsten Umherrennen ließen sie sich im Gras nieder, um zu essen. Dieser Teil des Tages gefiel ihnen beiden. Fruchtsaft, löffelweise Babynahrung in Joes kleinen Mund bugsieren, danach Apfelmus und schließlich ein oder zwei Cheerios, mit denen er allein zurechtkam. Er lebte immer noch größtenteils von Muttermilch.
Sobald sie fertig waren, kämpfte Joe sich wieder auf die Füße.
»O Gott, Joe, können wir uns nicht etwas ausruhen?«
»Nein!«
Aber das Essen hatte ihn träge gemacht, er taumelte wie ein Betrunkener. Nicht mehr lange, und er würde umfallen und einschlafen.
Charlies Telefon piepte. Er setzte einen Ohrstöpsel ein, ließ das Kabel unter seinem Gesicht baumeln und meldete sich. »Hallo.«
»Hi, Charlie, wo bist du gerade?«
»Hallo, Roy. Ich bin im Park, wie immer. Was gibt’s?«
»Ich habe deinen neuesten Entwurf gelesen und würde gern ein paar Punkt mit dir durchsprechen, denn als Nächstes geht der Text ans Büro von Senator Winston, damit seine Leute wissen, was auf sie zukommt.«
»Ist das klug?«
»Phil hält es für notwendig.«
»Okay, um welche Punkte geht es?«
Es folgte eine Pause, während Roy nach einer bestimmten Stelle im Entwurf suchte. »Hier. Zitat: ›Der Kongress ist zutiefst besorgt, dass ein zu langsamer Wechsel der amerikanischen Volkswirtschaft von fossiler zu sauberer Energie rasch zu chaotischen Änderungen des Klimas mit tiefgreifenden negativen Folgen für die U. S.-Wirtschaft führen wird‹, Zitatende. Man hat uns wissen lassen, dass Ellington nur besorgt ist, nicht zutiefst besorgt. Sollen wir das ändern?«
»Nein. Wir sind zutiefst besorgt. Ellington auch, er weiß es nur nicht.«
»Okay, dann weiter unten bei den Maßnahmen, Paragraph drei, Zitat: ›Die Vereinigten Staaten werden ihren CO2-Ausstoß um das Doppelte des Werts reduzieren, den China und Indien an Reduktion erreichen, und werden in diesen Ländern sowie in allen, die im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen unter fünf liegen, sämtliche Investitionen in den Bau von Wind- und Gezeitenkraftwerken eins zu eins mitfinanzieren, sofern diese Kraftwerke von einem gemeinsamen Energieunternehmen mit unbefristeter Beteiligung der Vereinigten Staaten betrieben werden; vier, die genannten Maßnahmen verbunden mit der klimaneutralen Energieproduktion …‹«
»Moment, schreib Energieerzeugung.«
»Okay, Energieerzeugung, ›werden derart berücksichtigt, dass sämtliche durch Umweltschutzmaßnahmen in den beteiligten Ländern erzeugten Überschüsse, gemäß Einstufung durch den IPCC, anteilig den Vereinigten Staaten zugerechnet werden und dass von diesen Überschüssen nicht weniger als fünfzig Milliarden Dollar pro Jahr für den Bau weiterer klimaneutraler Kraftwerke reserviert werden; weitere fünfzig Milliarden Dollar pro Jahr werden für die Förderung von Maßnahmen zur CO2-Speicherung reserviert, womit sämtliche umwelttechnischen Projekte zur sicheren Abscheidung und Speicherung von CO2 gemeint sind, sei es in Wäldern, Mooren, Ozeanen oder anderswo …‹«
»Ja, genau, du weißt doch, wie wichtig CO2-Speicher sind. Der Atmosphäre aktiv CO2 zu entziehen, könnte sogar unsere einzige Rettung sein. Vielleicht sollten wir die Reihenfolge der Sätze umkehren. Erst die CO2-Speicher, dann die klimaneutralen Kraftwerke.«
»Meinst du?«
»Ja. Unbedingt. CO2 zu speichern ist möglicherweise der einzige Weg zu verhindern, dass unsere Kinder, überhaupt alle Kinder der nächsten tausend Jahre, auf einem Höllenplaneten leben. In einem Klima wie auf der Venus.«
»Oder auch in Washington, D. C.«
»Roy, bitte.«
»Okay, ich ändere die Reihenfolge. Damit ist der Abschnitt erledigt, hmm, also mit dem Text sind wir jetzt durch. Die nächste Frage ist dann wohl, was wir Winston und seinen Leuten anbieten können, damit sie dem Entwurf zustimmen.«
»Lass dir von Winstons Leuten eine Liste ihrer Zusatzklauseln geben, such dir die zwei harmlosesten aus und sag ihnen, zu mehr können wir Phil auf keinen Fall überreden.«
»Ob sie sich darauf einlassen?«
»Bestimmt nicht, aber – warte mal – Joe?«
Joe war nirgendwo zu sehen. Charlie bückte sich, um unter dem Klettergerüst hindurch zur anderen Seite des Spielplatzes blicken zu können. Kein Joe.
»Hey, Roy, ich ruf dich wieder an, okay? Ich muss Joe suchen, er hat sich aus dem Staub gemacht.«
»Okay, ruf mich an.«
Charlie unterbrach die Verbindung, riss sich den Kopfhörer aus dem Ohr und stopfte ihn sich in die Tasche.
»JOE!«
Er drehte sich zu den westindischen Kindermädchen um – keine von ihnen schaute her, keine erwiderte seinen Blick. Von da war keine Hilfe zu erwarten. Er lief Richtung Süden, bis ihm die Feuerwache nicht mehr den Blick versperrte. Aha! Da war Joe. Er tappte gerade mit Höchstgeschwindigkeit auf die Wisconsin Avenue zu.
»JOE! STOPP!«
Er erkannte sofort, dass Joe ihn gehört hatte, denn das Tempo seiner Windel-Watschel-Schritte verdoppelte sich. Immer noch auf die vielbefahrene Straße zu.
Charlie rannte los. »JOE! STOPP! JOE! BLEIB SOFORT STEHEN!« Natürlich glaube er nicht, dass Joe tatsächlich stehenbleiben würde, aber vielleicht versuchte er, noch schneller zu rennen, und fiel dabei hin.
Leider nicht. Joe rannte munter weiter, wie eine Ente, die einer Gefahr entkommen will, ohne zu fliegen. Er lief jetzt den Gehweg neben der Feuerwache entlang; von da hatte er freie Bahn zur Wisconsin Avenue, wo wie üblich Autos und Lastwagen vorbeischossen.
Charlie holte auf. Als er die Feuerwache passierte, sah er mehrere große Lastwagen auf Joe und sich zukommen; wenn Joe jetzt von der Bordsteinkante hüpfte, geriet er unweigerlich unter die Räder. Bis Charlie ihn einholte, lief er schon so dicht am Rand, dass Charlie ihn hinten am Hemd packen, hochheben und im weiten Kreis durch die Luft wirbeln musste. Er landete auf Charlie, und sie fielen gemeinsam auf den Bürgersteig.
»Aua!«, jaulte Joe.
»WAS MACHST DU DA!«, brüllte Charlie ihn an. »WAS MACHST DU DA? MACH DAS NIE WIEDER!«
Vor lauter Verblüffung hörte Joe kurz auf zu jammern und starrte seinen Vater an. Rot im Gesicht. Gleich darauf heulte er wieder los.
Charlie wechselte in den Schneidersitz und setzte sich seinen weinenden Jungen auf den Schoss. Er zitterte, und sein Herz raste, er spürte das Hämmern in Händen und Brust. Einem alten Reflex folgend legte er einen Daumen aufs andere Handgelenk und sah auf die Armbanduhr, bis fünfzehn Sekunden vorbei waren. Mal vier. Unmöglich. Hundertachtzig Schläge pro Minute. Das konnte nicht stimmen. Sein gesamter Körper war schweißnass. Er schnappte nach Luft.
Zentimeter entfernt rollten Autos und Lastwagen an ihnen vorbei. Die Wisconsin Avenue führte von der Ringautobahn zur Innenstadt, eine wichtige Einfallstraße; die gesamte rechte Fahrspur war eine einzige Kolonne schwerer Lastwagen, die vom Bürgersteig bis zur Mittellinie reichten und mit sechzig Kilometern pro Stunde unterwegs waren.
»Warum machst du so was«, flüsterte Charlie, die Lippen an Joes Haar. Plötzlich empfand er tiefe Angst, vermischt mit Entsetzen oder auch Verzweiflung. »Das ist doch verrückt.«
»Aua«, sagte Joe.
Beide seufzten sie tief und erschauderten.
Charlies Telefon klingelte. Er nahm ab und hielt sich einen Ohrstöpsel ans Ohr.
»Hallo, Liebling.«
»Hallo, Liebes!«
»Was ist passiert?«
»Ach, nichts, gar nichts. Ich bin nur mit Joe umhergerannt. Wir sind im Park.«
»Wow, ihr müsst ja schwitzen. Ist jetzt nicht die wärmste Tageszeit?«
»Ja, fast, aber wir hatten so viel Spaß, da sind wir länger geblieben. Jetzt geht es aber gleich nach Hause.«
»Okay, dann will ich dich nicht aufhalten. Ich wollte nur fragen, ob wir am Wochenende schon etwas vorhaben.«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Gut. Hier ist heute Morgen nämlich etwas Interessantes passiert – ich habe ein paar Leute kennengelernt, die gerade bei uns im Erdgeschoss eingezogen sind. Eigentlich sind es Tibeter, glaube ich, aber sie leben auf einer Insel. Sie haben die Räume gemietet, in denen das Reisebüro war.«
»Wie nett.«
»Ja. Ich gehe mit ihnen Mittagessen, und wenn nichts dagegen spricht, würde ich sie gern irgendwann zum Abendessen einladen. Wenn du einverstanden bist.«
»Ja, gern. Wie du magst, das klingt doch interessant.«
»Wunderbar. Ich treffe mich gleich mit ihnen. Ich erzähle dir dann, wie es war.«
»Okay, gut.«
»Mach’s gut, Liebster.«
»Mach’s gut, mein Herz, bis später.«
Charlie legte auf.
Zehn sehr tiefe Atemzüge später stand er mit Joe in den Armen auf. Joe schmiegte das Gesicht an seinen Hals. Auf zittrigen Beinen kehrte Charlie zum Spielplatz zurück, eine Strecke von fünfzig bis hundert Metern. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Brustkorb und von der Stirn. Er wischte sich mit Joes Hemd die Augen. Joe schwitzte auch. Als sie bei ihren Sachen ankamen, setzte Charlie ihn ins Tragegestell. Ausnahmsweise wehrte er sich nicht. »Weid Daddy«, sagte er und schlief ein, noch während Charlie sich das Gestell auf den Rücken setzte.
Charlie stapfte los. Joes Kopf lehnte an seinem Nacken. Manchmal saugte er sogar an den Sehnen dort, und bisher hatte Charlie diese Nähe immer genossen. Jetzt erschien ihm die Berührung plötzlich von solcher Bedeutung, dass er es kaum ertrug, so stark war die düstere Aura von Liebe und Bedrohung. Er fing an zu weinen, wischte sich die Augen, versuchte das Gefühl abzuschütteln wie einen Albtraum. Es ist nun mal ein Risiko, dachte er. Du heiratest, du bekommst Kinder, plötzlich hast du so viel zu verlieren. Unausweichlich, nicht zu ändern. Das ist der Preis der Liebe. Je verrückter sein Sohn sich benahm, umso mehr liebte er ihn.
Fast eine Stunde lang marschierte er mit schnellen Schritten durch sämtliche Wohnbezirke, die er im Lauf der einsamen Jahre als Mr. Mom kennengelernt hatte. Unter den Bäumen erstreckte sich ein Netzwerk von alten Wegen, den Überbleibseln früherer Daseinsformen: Bahntrassen, Kanäle, Indianerpfade – selbst Wildwechsel ließen sich noch erkennen. Heute wanderte Charlie blind daran vorbei. Alles, was sich biegen konnte, hing in der Hitze schlaff herab. Charlie schwitzte am ganzen Körper.
Nach und nach fand er zu einem Gefühl von Normalität zurück. Joe und Dad. Ein ganz gewöhnlicher Tag.
Die Wohnstraßen von Bethesda und Chevy Chase hatten durchaus ihre Schönheit, was vor allem an den riesigen Bäumen und den Rasenflächen lag. Überall Grün. An einem Wochentag wie heute begegnete man nachmittags fast niemandem. Das leicht hügelige Gelände war für Spaziergänge ideal. Die hohen alten Laubbäume milderten die Hitze; der Himmel darüber war strahlend weiß. Sicherlich gehörten diese Bäume einer zweiten oder sogar dritten Generation an; von den ursprünglichen Wäldern konnte östlich des Mississippi nicht viel übrig geblieben sein. Aber sie waren alt und sehr groß. Als Kalifornier bevorzugte Charlie eigentlich offene Landschaften; die allgegenwärtigen Wälder fand er beklemmend, aber auch fremdartig und faszinierend, manchmal sogar unheimlich. Immer wieder bestaunte er das vielfach übereinandergeschichtete getüpfelte Grün und wie es dem gesamten weiten Raum zwischen Erdboden und Baumwipfeln eine feine Struktur verlieh; weder in seiner Heimat noch in seinen angelesenen Vorstellungen von Wald hatte es etwas Vergleichbares gegeben. Zugleich sehnte er sich nach freiem Blick auf ferne Berge, wie man sich nach frischer Luft sehnt. Heute schien ihm seine Umgebung besonders erdrückend.
Sein Telefon piepte erneut; er zog die Ohrstöpsel aus der Tasche, setzte sie ein und nahm ab.
»Hallo.«
»Hey, Charlie, ich will dich nicht nerven, aber ist bei Joe und dir alles in Ordnung?«
»O ja, danke, Roy. Danke, dass du fragst. Ich habe ganz vergessen, dich anzurufen.«
»Dann hast du ihn also gefunden.«
»Habe ich, aber er wäre fast auf die Straße gerannt, das hat ihn erschreckt, und da habe ich vergessen, dich anzurufen.«
»Hey, das macht doch nichts. Ich wollte nur wissen, ob wir den Entwurf heute zu Ende besprechen können.«
Charlie seufzte. »Ehrlich gesagt, Roy, ich weiß nicht mehr, ob dieses Von-zu-Hause-aus-Arbeiten noch funktioniert.«
»Du machst das doch super. Für Phil bist du der Beste. Aber wenn es jetzt nicht passt …«
»Nein, nein. Joe sitzt im Rucksack und schläft. Es passt schon. Ich bin nur noch etwas neben der Spur.«
»Klar, kann ich mir vorstellen. Hör zu, wir können das auch später erledigen, nur ist es leider so, dass wir das Ganze bald rausgeben müssen, sonst gerät Phil unter Druck. Doktor Seltsam« – ihr Name für den wissenschaftlichen Berater des Präsidenten – »will den Entwurf jetzt auch sehen.«
»Okay. Sag mir, was dich beschäftigt, und wir reden drüber.«
Während Charlie weiter spazieren ging, las Roy ihm einzelne Sätze aus dem Entwurf vor, sie besprachen das Wie und Warum und diskutierten mögliche Änderungen. Seit Wade Norton Washington verlassen hatte und nur noch aus der Ferne als Berater arbeitete, fungierte Roy als Phils Stabschef; da er vorher jahrelang dem Kongress-Komitee für Natürliche Resourcen (das vor der Umbenennung unter Gingrich Umweltkomitee hieß) zugearbeitet hatte, besaß er profunde Sachkenntnis. Scharfsinnig war er außerdem. Charlie mochte ihn. Er selbst steckte inzwischen so tief in der Arbeit am Klimagesetz, dass er den Text im Geist vor sich sah. Die Sätze nur zu hören, erleichterte ihm sogar die Konzentration: Es war, als würde ihm jemand eine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen.
Schließlich kamen sie aber doch zu einer Frage, die sich nicht klären ließ, ohne dass er den Text vor sich hatte. »Tut mir leid. Ich rufe dich an, sobald ich wieder zu Hause bin.«
»Okay, aber vergiss es nicht. Wir müssen fertig werden.«
»Ich denke dran.«
Sie legten auf.
Sein Heimweg verlief am Westrand des Bezirks Bethesda Metro nach Süden. Es war ein urbanes Viertel: Wohnhäuser und Restaurants, und in der Mitte das tiefe Loch in der Erde, aus dem ständig Geld und Menschen sprudelten. Dieses Loch hatte alles verändert: Straßen waren verlegt, Wohnviertel umgestaltet worden, und aus dem Laubdach ragte jetzt ein ganzer Haufen von Wolkenkratzern hervor. In den unendlichen Wäldern war ein weiteres Stück Stadt entstanden.
Charlie sah kurz bei Second Story Books vorbei, dem größten und besten Antiquariat der Gegend. Das war reine Gewohnheit: Er war so oft hier, immer mit dem schlafenden Joe auf dem Rücken, dass er das gesamte Angebot auswendig kannte und höchstens noch die verdeckten Bücher in der zweiten Reihe durchsehen oder die Bände in seinen Lieblingsregalen alphabetisch sortieren konnte. In dem schlampig und voller Hochmut geführten Geschäft kümmerte das niemanden. Es hatte durchaus etwas Beruhigendes.
Am Ende gab er jedoch den Versuch auf, so zu tun, als wäre alles normal, und nahm den Weg am Autohändler vorbei nach Hause. Dort musste er sich entscheiden, ob er das Tragegestell absetzen sollte, in der Hoffnung, dass Joe dabei nicht aufwachte, oder ob er ihn besser auf dem Rücken behielt und an dem Stehpult arbeitete, das er genau zu diesem Zweck neben seinem Schreibtisch aufgebaut hatte. Meistens war ihm die Ruhe wichtiger als die Unbequemlichkeit, und auch heute ließ er Joe auf seinem Rücken weiterschlafen.
Nachdem er seine Dokumente aufgerufen und nachgelesen hatte, welche Zahlen der UN-Bericht zu Kosten und Nutzen von Gezeitenkraftwerken nannte, rief er Roy an, und sie schlossen die Arbeit am Entwurf ab. Als Nächstes würde Phil die überarbeitete Fassung durchsehen, und bei Bedarf konnte sie auch an Senator Winston und Doktor Seltsam weitergereicht werden.
»Danke, Charlie. Das sieht doch gut aus.«
»Mir gefällt der Entwurf auch. Mal sehen, was Phil dazu sagt. Ich frage mich, ob wir ihn nicht auf zu dünnes Eis schicken.«
»Er dürfte einverstanden sein, aber was Winstons Leute dazu sagen?«
»Die kriegen einen Anfall.«
»Stimmt. Die sind schlimmer als Winston. Eine Bande von Intriganten.«
»Ich weiß nicht, ich halte sie eher für ahnungslose Betonköpfe.«
»Stimmt auch wieder. Wir werden es ihnen zeigen.«
»Hoffentlich.«
»Charles, mein Junge, du klingst müde. Und bestimmt wacht Joe gleich auf.«
»Genau.«
»Gnadenlos, oder?«
»Ja.«
»Aber du bist dem gewachsen, du bist der beste Mr. Mom in D. C.«
Charlie lachte. »Und das bei der Konkurrenz.«
Roy lachte auch, offenbar froh, dass er Charlie hatte aufmuntern können. »Auf jeden Fall ist es eine echte Leistung.«
»Nett, dass du das sagst. Den meisten Leuten ist das gar nicht klar. Sie finden es einfach nur seltsam.«
»Sie wissen eben nicht, was alles dazugehört.«
»Genau. Das wissen nur die richtigen Mütter, und für die zähle ich nicht.«
»Gerade die sollten es doch besser wissen.«
»Irgendwo haben sie auch recht. Warum soll es bei mir etwas Besonderes sein. Vielleicht brauche ich einfach ein paar Streicheleinheiten. Es ist schwerer als erwartet. Ein echtes psychologisches Erdbeben.«
»Warum?«
»Na ja, als Nick geboren wurde, war ich achtunddreißig und hatte seit meinem achtzehnten Lebensjahr immer genau das gemacht, was ich wollte. Zwanzig Jahre Freiheit, wie nur weiße angloamerikanische Männer sie kennen – genau das, was du jetzt genießt, junger Mann. Und dann kam Nick. Plötzlich hatte ich einem verrückten Tyrannen zu gehorchen, der nicht sprechen konnte. Ich meine – du kannst heute Abend ausgehen und dich amüsieren, oder?«
»Richtig, ich will zu einer Party von ein paar Neulingen bei Brookings. Das soll eine wilde Feier werden.«
»Reib nicht noch Salz in die Wunde. Denn ich werde den Abend im selben Zimmer verbringen wie praktisch jeden Abend der letzten sieben Jahre.«
»Daran müsstest du doch inzwischen gewöhnt sein?«
»Stimmt auch wieder. Bei Nick war es noch schlimmer, da hatte ich noch nicht vergessen, wie sich Freiheit anfühlt.«
»Du hast dich eben in eine Mutter verwandelt.«
»Ja, aber solche Verwandlungen tun halt weh. Wie in dem X‑Men-Film. Ich weiß noch, am ersten Muttertag nach Nicks Geburt – ich hatte den Schock noch nicht überwunden, und Anna war verreist, warum, weiß ich nicht mehr, vielleicht hat sie ihre Mutter besucht – jedenfalls wollte ich Nick dazu bringen, dass er sein Fläschchen trinkt, und er hat sich wie üblich geweigert. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich für den Rest meines Lebens nie mehr richtig frei sein werde, aber da ich keine Mutter bin, gab es nicht mal einen Tag, an dem ich geehrt werde, Vatertag ist schließlich was anderes, und Nick drehte ständig den Kopf hin und her, obwohl er dringend sein Fläschchen brauchte – ich bin ausgerastet, Roy. Ich bin ausgerastet und habe das Fläschchen auf den Boden geschmissen.«
»Auf den Boden geschmissen?«
»Ja. Ich habe es hingeworfen, und es ist irgendwie schlecht gelandet und explodiert. Es platzte auf, die Milch schoss raus und spritzte durchs ganze Zimmer. Nicht zu fassen, wie viel Milch in so einem Fläschchen drin ist. Ich finde bis heute eingetrocknete kleine Milchspritzer beim Putzen. Auf dem Kaminsims oder dem Fensterbrett. Damit ich meine Muttertagskrise ja nicht vergesse.«
»Ha. Der Moment der Verwandlung. Also, Charlie, du jämmerliches Exemplar eines amerikanischen Mannes mit deiner Sehnsucht nach einer Muttertagskarte – halt weiter durch. Nur noch siebzehn Jahre, dann bist du frei!«
»Oh, vielen Dank. Bis dahin werde ich es mir gar nicht mehr wünschen.«
»Du wünschst es dir doch jetzt schon nicht. Du liebst dein Leben, das weißt du genau. Aber hör zu, ich muss Schluss machen, Phil ist da. Bye.«
* * * * *
Nach dem Telefongespräch mit Charlie hatte Anna sich wieder so weit in ihre Arbeit vertieft, dass sie die Verabredung zum Mittagessen fast vergessen hätte. Da ihr so etwas aber ständig passierte, hatte sie den Wecker an ihrer Armbanduhr gestellt. Als er piepte, speicherte sie die Datei, an der sie gerade arbeitete, und fuhr ins Erdgeschoss. Der junge Mönch und der älteste seiner Gefährten saßen in der neuen Botschaft auf dem Fußboden und inspizierten eine Kiste.
Sie bemerkten sie und blickten neugierig auf. Dann nickte der Jüngere: Er erinnerte sich an sie.
»Haben Sie immer noch Lust auf Pizza?«, fragte Anna. »Falls Sie Pizza überhaupt mögen?«
»O ja«, sagte der junge Mann. Sie standen auf, wobei sich der ältere etwas unbeholfen bewegte; offenbar hatte er ein steifes Bein. »Wir lieben Pizza.« Der alte Mann nickte höflich und sah seinen Assistenten an; dieser sagte etwas in ihrer Sprache.
Während sie das Atrium Richtung Pizzeria Uno durchquerten, fragte Anna unsicher: »Gibt es in Ihrer Heimat Pizza?«
Der junge Mann lächelte. »Nein. Aber in Nepal habe ich manchmal in einer Teestube Pizza gegessen.«
»Sind Sie Vegetarier?«
»Nein. Vegetarismus war nie Teil des tibetischen Buddhismus. Dafür gab es zu wenig Gemüse.«
»Dann sind Sie also Tibeter! Ich dachte, Sie stammen aus einem Inselstaat?«
»Das tun wir auch. Aber ursprünglich sind wir aus Tibet. Die älteren von uns – Rudra Cakrin zum Beispiel – sind ausgewandert, als die Chinesen kamen. Wir anderen sind entweder in Indien oder direkt auf Khembalung geboren.«
Sie betraten das Restaurant und setzten sich in eine der großen Nischen zwischen den hohen hölzernen Trennwänden. Anna nahm den beiden Männern gegenüber Platz.
»Ich heiße Drepung«, sagte der junge Mann, »und dieser Rimpoche, unser Botschafter in Amerika, heißt Gyatso Sonam Rudra Cakrin.«
»Ich bin Anna Quibler.« Sie gab den Männern die Hand. Beide hatten dicke Schwielen.
Die Kellnerin kam, und nach einer kurzen gemurmelten Besprechung fragte Drepung Anna, ob sie etwas empfehlen konnte. Schließlich bestellten sie eine bunt belegte Pizza.
Anna nippte an ihrem Wasser. »Erzählen Sie mir von Khembalung.«
Drepung nickte. »Ich wünschte, Rudra Cakrin könnte Ihnen selbst antworten, aber leider lernt er gerade erst Englisch. Anscheinend geht es nur langsam voran. Wie auch immer, vermutlich wissen Sie, dass Tibet 1950 von China besetzt wurde und der Dalai Lama 1959 nach Indien geflohen ist?«
»Ja, davon habe ich gehört.«
»Genau. Damals und auch später sind viele Tibeter nach Indien ausgewandert, um den Chinesen zu entkommen und dem Dalai Lama näher zu sein. Indien hat uns zunächst sehr gastfreundlich aufgenommen, aber als es dann 1960 zu Grenzstreitigkeiten zwischen der chinesischen und der indischen Regierung kam, wurden wir für die Inder zu einer Belastung. Sie hatten schon genug Probleme mit Pakistan, ein ernster Konflikt mit China wäre zu viel gewesen. Also haben sie verlangt, dass die tibetische Gemeinde in Dharamsala so klein und unwichtig erscheint wie möglich. Der Dalai Lama und seine Regierung haben ihr Bestes getan. Viele Tibeter sind weggezogen, die meisten davon weit in den Süden. Einigen wurde eine Insel in den Sundarbans angeboten, und sie haben sich dort niedergelassen. Seitdem gehört die Insel uns. Sie ist eine Art indisches Protektorat, wie Sikkim, nur nicht ganz so offiziell.«
»Ist Khembalung der ursprünglichen Name der Insel?«
»Nein. Ich glaube, vorher hatte sie gar keinen Namen. Die meisten von uns haben früher einmal im Tal Khembalung gewohnt, und diesen Namen haben wir beibehalten. Auch nachdem wir vom Regierungssitz des Dalai Lama in Dharamsala weggezogen sind.«
Bei den Worten »Dalai Lama« verzog der alte Mönch das Gesicht und sagte etwas auf Tibetisch.
»Der Dalai Lama ist für uns immer noch die Nummer eins«, erklärte Drepung. »Mit seinen Anhängern gibt es allerdings religiöse Meinungsverschiedenheiten. Um die Frage, wie man ihn am besten unterstützt.«
»Und Ihre Insel?«
Die Pizza kam, und Drepung sprach zwischen großen Bissen weiter. »Die Sundarbans sind dünn besiedelt. Unsere Insel war unbewohnt.«
»Haben Sie unbewohnbar gesagt?«
»Wer es sich aussuchen kann, hätte sie vielleicht so bezeichnet. Und möglicherweise wird sie bald tatsächlich unbewohnbar sein. Am besten gefällt es dort den Tigern. Aber uns ist es dort auch gut ergangen. Wir sind zu Tigern geworden. Wir haben eine schöne Stadt erbaut. Schulen, Häuser, ein Krankenhaus. All diese Dinge. Und Deiche. Die ganze Insel ist jetzt von Dämmen umgeben. Viel Arbeit. Harte Arbeit.« Er nickte, als wäre er mit dieser Arbeit persönlich vertraut. »Wir hatten Berater aus den Niederlanden. Sehr nett. Es ist unser Zuhause, wissen Sie? Ein neues Khembalung für ein neues Zeitalter. Aber jetzt …« Er wedelte erneut mit der Hand, nahm sich noch ein Stück Pizza und biss hinein.
»Erderwärmung?«, vermutete Anna. »Anstieg des Meeresspiegels?«
Er nickte und schluckte. »Unsere niederländischen Freunde haben uns geraten, hier eine Botschaft einzurichten und gemeinsam mit ihnen Einfluss auf die amerikanische Politik zu nehmen.«
Anna biss schnell in ihre Pizza, damit man ihr nicht ansah, was ihr dabei durch den Kopf ging: dass die Holländer ziemlich verzweifelt sein mussten, wenn sie sich von diesen Leuten Hilfe erhofften. Während sie kaute, dachte sie darüber nach. »Und da sind Sie nun. Waren Sie vorher schon einmal in Amerika?«
Drepung schüttelte den Kopf. »Keiner von uns.«
»Das muss ziemlich überwältigend sein.«
Er runzelte die Stirn. »Ich war schon in Kalkutta.«
»Oh. Verstehe.«
»Hier ist natürlich vieles anders.«
»Bestimmt.«
Sie mochte ihn: sein klangvolles indisches Englisch, sein rundes Gesicht mit den großen glänzenden Augen, das offene Lächeln. Die beiden Männer waren sehr gegensätzlich: Drepung jung und groß und kindlich rund, Rudra Cakrin alt, klein und verschrumpelt, das Gesicht runzelig, kantig und fleischlos, sodass Wangenknochen und Kinn deutlich hervortraten.
Aber die Runzeln waren Lachfältchen, und die Falten auf der Stirn drückten ständiges Erstaunen aus. Er wirkte fröhlich, und die Pizza aß er mit ebenso viel Begeisterung wie sein junger Assistent. Die geschorenen Köpfe verliehen ihnen eine Art Familienähnlichkeit.
»Der Umzug von Tibet auf eine Tropeninsel war vermutlich eine größere Umstellung als die Reise von der Insel hierher«, sagte Anna.
»Vermutlich. Ich selbst bin in Khembalung geboren, deshalb kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Aber unsere Alten, die wie Rudra den Umzug miterlebt haben, scheinen sich wohlzufühlen. Auf jeden Fall ist es ein Segen, wieder ein Zuhause zu haben.«
Anna nickte. Tatsächlich strahlten beide Männer eine gewisse Ruhe aus. Sie saßen da, als hätten sie es nicht eilig, das Restaurant wieder zu verlassen. Anna war das fremd, sie war eigentlich immer in Eile. Jetzt versuchte sie jedoch, ähnlich gelassen zu wirken. Ganz entspannt. In Arlington, Virginia, nachdem man sein gesamtes Leben auf einer Insel im Mündungsdelta des Ganges verbracht hatte. Gut, zumindest das Klima dürfte ihnen vertraut vorkommen. Aber alles andere musste doch überwältigend fremd sein.
Und bei genauerem Hinschauen merkte sie ihnen durchaus eine gewisse Wachsamkeit an. Die Art, wie Drepung sie anschaute, hatte etwas Zurückhaltendes. Es erinnerte sie an den schmerzlichen Blick, den sie am Vormittag bei ihm bemerkt hatte.
»Wie kommt es eigentlich, dass Sie ausgerechnet in diesem Gebäude Büroräume gemietet haben?«
Drepung dachte überraschend lange über die Frage nach. Rudra sagte etwas zu ihm.
»Man hat uns dazu geraten«, antwortete Drepung schließlich. »Wir werden vom Pew Center on Global Climate Change unterstützt. Deren Büros sind nicht weit entfernt.«
Anna aß weiter und dachte nach. Es war gut zu wissen, dass diese Leute nicht einfach das erstbeste Büro gemietet hatten. Trotzdem, um in Washington etwas zu erreichen, würden sie größere Unterstützung brauchen. »Sie sollten sich mal mit meinem Mann unterhalten«, sagte sie. »Er arbeitet für einen Senator – einen anständigen Mann, der sich für Klimawandel interessiert, Vorsitzender des Komitees für Auswärtige Beziehungen.«
»Senator Chase?«
»Sie haben von ihm gehört?«
»Er war einmal in Khembalung.«
»Wirklich? Das überrascht mich nicht, er war schon über… er hat viele Länder besucht. Jedenfalls, mein Ehemann Charlie ist sein Berater in Umweltfragen. Ein Gespräch mit ihm könnte nützlich sein.«
»Es wäre eine Ehre.«
»So weit würde ich nun nicht gehen. Aber nützlich.«
»Nützlich, ja. Vielleicht dürfen wir Sie zum Abendessen in unsere Residenz einladen.«
»Vielen Dank, das klingt sehr nett. Nur haben wir zwei kleine Kinder, und im Moment sind uns alle Babysitter abhanden gekommen. Ehrlich gesagt wäre es einfacher, wenn Sie und einige Ihrer Kollegen zu uns kämen. Ich habe sogar schon mit Charlie darüber gesprochen, und er freut sich darauf, Sie kennenzulernen. Wir wohnen in Bethesda, gleich außerhalb des District. Es ist nicht weit.«
»Rote Linie.«
»Ja, sehr gut. Rote Linie, Haltestelle Bethesda.«
Sie holte ihren Kalender hervor und blätterte die nächsten Wochen durch. Sehr voll, wie üblich. »Wie wäre es mit Freitag in einer Woche? Freitags geht es bei uns immer etwas entspannter zu.«
»Vielen Dank.« Drepung neigte den Kopf. Rudra Cakrin und er wechselten einige Sätze auf Tibetisch. »Das wäre sehr freundlich. Sogar zu Vollmond.«
»Wirklich? Darauf achte ich leider nie.«
»Wir schon. Wegen der Gezeiten, wissen Sie.«
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2025 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
