2 | Die Hypermacht

von Kim Stanley Robinson

Auch wenn Mathematik manch­mal den Eindruck erweckt, ein eige­nes Universum zu bilden, ist sie tat­säch­lich aus unse­rer Beschäftigung mit der Welt ent­stan­den. Offenbar ist sie ein Aspekt dieser Welt, eine Art Grundstruktur oder Bauanleitung.

Im Lauf der Geschichte ist die Menschheit immer tiefer in die ver­schie­de­nen Bereiche der Mathematik vor­ge­drun­gen, ein kol­lek­ti­ves Unterfangen, bei dem jeder Schritt auf frü­he­ren auf­baut – ein Wechselgespräch zwi­schen Mensch und Wirklichkeit. Die Entdeckung der Infinitesimalrechnung. Die Erfindung von Algebra und for­ma­ler Logik, zwei Methoden, intui­tive Denkabläufe in mathe­ma­ti­sche Sprache zu fassen und damit in etwas zu ver­wan­deln, das ebenso exakt und ver­läss­lich funk­tio­niert wie ein geo­me­tri­scher Beweis. Dann die Versuche, all diese Erkenntnisse zu einem schlüs­si­gen Gesamtsystem zusam­men­zu­füh­ren. Die Erfindung der Mengenlehre und die trick­rei­chen Lösungen für die Paradoxien, die ent­ste­hen, wenn Mengen auch sich selbst ent­hal­ten. Die Entdeckung, dass all diese Systeme unvoll­stän­dig blei­ben müssen. Die Regeln für das schritt­weise Abarbeiten von Aufgaben durch neue Rechenmaschinen. Im Zuge dieser Entwicklungen ver­schmol­zen Mathematik und Logik immer mehr mit­ein­an­der; die oft langen und kom­pli­zier­ten Operationen, die wir Algorithmen nennen, ver­wen­den Symbole und Methoden aus beiden Reichen.

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Zur glei­chen Zeit, als die Algorithmen ent­stan­den, mach­ten wir auch in der realen Welt eine wich­tige Entdeckung: die Doppelhelix in unse­ren Zellen. Ein halbes Jahrhundert später war das gesamte mensch­li­che Genom bekannt, Basenpaar für Basenpaar. Aus diesen drei Milliarden Basenpaaren bestehen unsere Gene, die wie­derum die Bauanleitungen für unsere Proteine ent­hal­ten.

Aber wie genau das Auslesen dieser Instruktionen – das Exprimieren der Gene – funk­tio­niert, bleibt trotz­dem rät­sel­haft. Die spi­ral­för­mi­gen Basenpaarketten aus Cytosin, Guanin, Adenin und Thymin ent­hal­ten die Anweisungen für die Entstehung eines Lebewesens: So viel wissen wir. Wir kennen die Grundbausteine, und wir sehen den Organismus vor uns. Aber wel­cher Code vom einen zum ande­ren führt, muss noch erforscht werden.

Unterdessen ent­wickelt sich die Mathematik immer weiter, nach Gesetzmäßigkeiten, die anschei­nend nichts mit der übri­gen Welt zu tun haben. Trotzdem ist es schon mehr­mals vor­ge­kom­men, dass sich rein mathe­ma­ti­sche Entwicklungen im Nachhinein als höchst wir­kungs­volle Methoden erwie­sen haben, um natür­li­che Vorgänge zu beschrei­ben, die zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung noch ganz unbe­kannt oder jeden­falls uner­klärt waren. Eine merk­wür­dige Tatsache, die wie­derum alles infrage stellt, was wir über die Beziehung zwi­schen Mathematik und Wirklichkeit, zwi­schen Geist und Kosmos zu wissen glau­ben.

Gut mög­lich, dass wir nie eine Erklärung dafür finden werden, warum sich die Natur nach höchst raf­fi­nier­ten mathe­ma­ti­schen Gesetzen rich­tet. Die Algorithmen werden jeden­falls immer kom­ple­xer, aber was stel­len sie dar? Abbilder der Wirklichkeit? Rezepte? Zaubersprüche? Arbeitet die Realität mit Algorithmen, arbei­ten Gene mit Algorithmen? Die Mathematiker wissen es nicht; viele scheint es auch nicht zu küm­mern. Sie haben ein­fach Spaß an ihrer Arbeit.

* * * * *

Leo Mulhouse küsste seine Frau Roxanne und ver­ließ das Schlafzimmer. Die Morgendämmerung hatte gerade erst begon­nen. Er trat auf den Balkon hinaus und hörte das Dröhnen der Brandung am Fuß der Klippe. Vor ihm erstreckte sich die weite graue Ebene des Pazifik.

Leo hatte in dieses Haus auf den Klippen hin­ein­ge­hei­ra­tet; Roxanne hatte es von ihrer Mutter geerbt. Die Aussicht gefiel Leo sehr, aber die Rasenfläche unter ihm war keine fünf Meter breit, und danach kamen nur noch Luft und, fünf­und­zwan­zig Meter tiefer, das schäu­mende graue Meer. Und die Klippe war nicht son­der­lich stabil. Er wünschte, das Haus stünde etwas weiter von der Kante ent­fernt.

Wieder nach drin­nen, runter zum Auto. Die Europa Street ent­lang, am Coffeeshop Pannikin in Leucadia vorbei, rechts abbie­gen Richtung Arbeit.

Am frühen Morgen war es wun­der­schön, den Coast Highway im County San Diego ent­lang­zu­fah­ren. Er hatte bei jedem Wetter etwas zu bieten: bei Sonnenschein, wenn das Meer in den ver­schie­den­sten Blautönen leuch­tete; bei bewölk­tem Himmel, wenn ein­zelne flache Sonnenstrahlen durch die nied­rige Wolkendecke dran­gen; sogar bei Regen oder Nebel, wenn alles grau war, mono­chrom und doch unend­lich abwechs­lungs­reich – was in letz­ter Zeit mor­gens am häu­fig­sten vorkam, denn das Wetter in der Region war von einem anschei­nend nie enden­den El Niño geprägt – Hyperniño nann­ten das die Leute inzwi­schen. Mediterranes Klima schien es auf der ganzen Welt nicht mehr zu geben, nicht einmal am Mittelmeer. Der Mangel an Sonnenlicht machte die Menschen krank, sie kämpf­ten mit Vitamin-D-Tabletten und Antidepressiva gegen die Folgen – wäh­rend fünf­zehn Kilometer weiter land­ein­wärts das ganze Jahr hin­durch wol­ken­lo­ses Wüstenklima herrschte.

Leo fuhr jeden Morgen über die Küstenschnellstraße zur Arbeit. Er genoss das Auf und Ab: hin­un­ter zu einer der Lagunen, wieder hinauf nach Cardiff, Solana Beach oder Del Mar. Um diese Uhrzeit zeig­ten sich die Städte von ihrer besten Seite, men­schen­leer und wie frisch gewa­schen.

Dann den Berg hinauf nach Torrey Pines, am Golfplatz vorbei und rechts zu Torrey Pines Generique abbie­gen. Hinein in die Tiefgarage, hinein in das Biotech-Ungeheuer.

Gründliche Sicherheitskontrollen: Metalldetektor, Überprüfen von Hardware und Software, gelang­weilte Wachleute und Clyde, der Spürhund vom Frühdienst, der bestimmte cha­rak­te­ri­sti­sche Moleküle erschnüf­feln konnte: Nach meh­re­ren all­ge­mein bekann­ten Fällen von Industriespionage war so etwas bei Biotech-Firmen inzwi­schen normal. Vertrauen allein genügte nicht mehr; es stand zu viel auf dem Spiel.

Dann folgte Leo den langen weißen Gängen im Inneren der Anlage. An seinem Schreibtisch schal­tete er als Erstes den Bildschirm ein und ging dann wieder hinaus, um nach den lau­fen­den Experimenten zu sehen. Das wich­tig­ste steu­erte gerade aufs Ende zu, und Leo war neu­gie­rig auf das Ergebnis. Es han­delte sich um ein groß ange­leg­tes Screening bestimm­ter Proteine in der Proteindatenbank der University of California, San Diego, mit dem Ziel, die­je­ni­gen aus­fin­dig zu machen, die bestimmte Körperzellen zu einer gestei­ger­ten Produktion von HDL – dem »guten« Cholesterol – anreg­ten. Ein zehn­fach höhe­rer HDL-Spiegel könnte vielen Menschen das Leben retten – sol­chen mit Atherosklerose, Übergewicht, Diabetes, sogar Alzheimer. Jedes Verfahren, das eine dieser Krankheiten lin­derte (oder gar heilte!), wäre Milliarden wert; eine Therapie für alle zugleich wäre … nun ja. Auf jeden Fall erklärte es die schar­fen Sicherheitsmaßnahmen.

Das Experiment lief noch. Leo kehrte in sein Büro zurück und las auf dem Bildschirm die Meldungen auf Bioworld Today. Robotik, künst­li­che Hormone, Proteom-Analysen – ein ganzer Industriezweig suchte nach Proteinen mit the­ra­peu­ti­scher Wirkung und nach Methoden, diese Proteine in den mensch­li­chen Körper zu prak­ti­zie­ren. Diese beiden hart­näcki­gen Probleme ver­hin­der­ten bisher, dass aus den vielen bio­tech­no­lo­gi­schen Ideen reale Heilkunst wurde. Wenn sie nicht gelöst wurden, konnte es der Branche so erge­hen wie der Atomwirtschaft. Fand sich dage­gen eine Lösung, wären die finan­zi­el­len Auswirkungen mit jenen im IT-Bereich ver­gleich­bar – ganz zu schwei­gen von den gesund­heit­li­chen Auswirkungen natür­lich!

Als Leo das näch­ste Mal ins Labor hin­über­ging, stan­den seine beiden Assistenten Marta und Brian in Kittel und Einweghandschuhen am Labortisch und bear­bei­te­ten mit ihren Pipetten die Blöcke von Probenröhrchen, die den gesam­ten Tisch bedeck­ten.

»Morgen, Leute.«

»Hallo, Leo.« Marta deu­tete mit der Pipette auf das kleine Fenster in einem brei­ten, nied­ri­gen Kühlschrank. »Willst du sie testen?«

»Unbedingt. Kannst du mir helfen?«

»Einen Moment.« Sie bewegte sich ein Stück den Labortisch ent­lang.

»Hoffen wir, dass es geklappt hat«, sagte Brian. »Derek hat der Presse näm­lich gerade erklärt, dass es sich um das viel­ver­spre­chend­ste Heilverfahren des Jahrzehnts han­delt.«

Leo schrak zusam­men. »Das ist nicht dein Ernst.«

»Mein voller Ernst.«

»O nein. Bitte nicht.«

»O doch.«

»Wie konnte er nur?«

»Presseerklärung. Und Anrufe bei seinen Lieblingsjournalisten. Auf seiner Webseite steht es auch. Im Chat dis­ku­tie­ren sie schon über die Auswirkungen. Sie denken, dass wir inner­halb von einem Monat von einem der großen Pharmakonzerne auf­ge­kauft werden.«

»Sag doch nicht so was, Bri.«

»Tut mir leid, aber du kennst ihn ja.« Brian deu­tete zu den Bildschirmen auf einem ande­ren Arbeitstisch. »Du kannst es über­all nach­le­sen.«

Leo wandte sich einem der Bildschirme zu. »Auf Bioworld Today stand nichts davon.«

»Dann eben morgen.«

Auf der Website der Firma blinkte die Box Aktuelles. Leo beugte sich vor und tippte darauf. Ja – Spitzenmeldung. HDL- Fabrik. Mögliche Therapie für Übergewicht, Diabetes, Alzheimer, Herzerkrankungen …

»O Gott«, mur­melte Leo beim Lesen. »O Gott.« Er war rot im Gesicht. »Warum macht er so was nur?«

»Er will unbe­dingt, dass es wahr wird.«

»Ja, aber wir wissen es doch noch gar nicht.«

Marta lächelte bos­haft. »Du sollst es halt wahr­ma­chen, Leo. Er ist Road Runner, und du bist Wile E. Coyote: Er bringt dich dazu, über den Klippenrand zu rennen, und du musst dann ganz schnell eine Brücke bauen, sonst stürzt du ab.«

»Aber das klappt doch nie! Coyote stürzt immer ab!«

Marta lachte. Sie mochte ihn, aber sie war auch hart­näckig. »Na los, komm. Diesmal schaf­fen wir es.«

Leo nickte und ver­suchte sich zu beru­hi­gen. Er wusste Martas Kampfgeist zu schät­zen; außer­dem hatte er den Vorsatz, in jeder Situation mehr Zuversicht aus­zu­strah­len als alle ande­ren. Auch wenn ihm das in letz­ter Zeit schwer­fiel. Also rang er sich ein Lächeln ab, sagte: »Ja, stimmt, hast recht«, und zog sich Handschuhe an.

»Weißt du noch, wie er behaup­tet hat, wir hätten ein Mittel gegen Hämophilie A?«, fragte Brian.

»Bitte nicht.«

»Wie er in einer Presseerklärung behaup­tet hat, er hätte mit tau­send Umdrehungen pro Minute Mäuse geköpft, um zu bewei­sen, wie gut unsere Therapie funk­tio­niert?«

»Die krei­selnde Guillotine?«

»Bitte«, flehte Leo. »Seid still.«

Er griff nach einer Pipette und ver­suchte, sich auf die Arbeit zu kon­zen­trie­ren. Ansaugen, abge­ben, ansau­gen, abge­ben – leider bestand die Arbeit in dieser Phase aus lauter mecha­ni­schen Handgriffen, bei denen man pro­blem­los nach­den­ken konnte. Ob man wollte oder nicht. Nach einer Weile über­ließ Leo das Pipettieren den ande­ren und kehrte in sein Büro zurück. Dort sah er seine E‑Mails durch und las dann mit einem Gefühl der Ohnmacht so viel von Dereks Presseerklärung, wie er ertrug. »Warum tut er das? Warum?«

Es war eine rein rhe­to­ri­sche Frage, aber Marta, die jetzt zusam­men mit Brian an der offe­nen Tür stand, ant­wor­tete trotz­dem gna­den­los: »Das habe ich dir doch gesagt – er denkt, er kann uns zwin­gen, es hin­zu­be­kom­men.«

»Das haben wir gar nicht in der Hand«, wider­sprach Leo. »Die Wirkung hängt an diesem Gen, und solange es keine Methode gibt, das ver­än­derte Gen genau in die rich­ti­gen Zellen ein­zu­schleu­sen, sind wir macht­los.«

»Du musst dir halt etwas ein­fal­len lassen.«

»Nach dem Motto, wenn du es baust, werden sie kommen?«

»Genau. Ich sage es, sie machen es. So denkt Derek.«

Drüben im Labor piepte ein Timer; es klang erschreckend wie das Piep-Piep des Road Runner. Sie gingen zum Inkubator hin­über und stu­dier­ten die Daten auf dem Papierstreifen, der sich aus dem Messgerät schob wie ein Bankbeleg aus einem Geldautomaten – oder viel­mehr wie Geld aus einem Geldautomaten, wie ein ganz dickes Bündel Zwanziger. Vorausgesetzt, die Zahlen stimm­ten.

Und sie sahen gut aus. Sehr gut sogar. Um sicher zu sein, würden sie alles noch in Diagramme über­tra­gen müssen, aber inzwi­schen hatten sie diese Experimente so oft durch­ge­führt, dass sie das Ergebnis auch anhand der Rohdaten ein­schät­zen konn­ten. Sehr gute Zahlen. Wie Wile E. Coyote stan­den sie mitten im Nichts und starr­ten ver­blüfft ihre Zuschauer an, weil wie durch Zauberhand eine Brücke zur Klippe ent­stan­den war. Eine Brücke, die sie vor dem Absturz bewahrte, den ein öffent­li­ches Zurückziehen der Ankündigung und der dar­auf­fol­gende Einbruch des Aktienkurses bedeu­tet hätten.

Allerdings freute sich Wile E. Coyote jedes Mal zu früh. Der Road Runner plante stets schon den näch­sten ver­nich­ten­den Angriff. Leos Hand zit­terte.

»Scheiße«, sagte er. »Wenn Derek nicht wäre, würde ich das so was von feiern. Schaut euch das an« – er zeigte auf ein paar Zahlen – »das ist noch besser als beim letz­ten Mal.«

»Na seht ihr, Derek hat eben gewusst, dass es so kommt.«

»Den Teufel hat er.«

»Die Zahlen sehen jeden­falls ziem­lich gut aus«, sagte Brian grin­send. »Und der Artikel ist prak­tisch fertig, wir müssen nur noch die neuen Daten ein­fü­gen und die Schlussfolgerung schrei­ben.«

»Die Schlussfolgerung ist ein­fach«, sagte Marta. »Wenn wir bei der Wahrheit blei­ben.«

Leo nickte. »Das Problem ist, dann müssen wir auch zuge­ben, dass wir trotz allem noch keine Therapie haben, weil uns eine Methode für den ziel­ge­rich­te­ten Gentransfer fehlt. Wir haben zwar das Gen, aber wir krie­gen es nicht in den mensch­li­chen Körper.«

»Du hast offen­bar nicht alles gele­sen, was auf der Website steht«, sagte Marta mit grim­mi­gem Lächeln.

»Was soll das heißen?« Leo war nicht in der Stimmung für Spielchen. Sein Magen hatte sich ohne­hin schon auf die Größe einer Walnuss zusam­men­ge­zo­gen.

Marta lachte – ihre Art, Mitgefühl aus­drücken, ohne es offen zu zeigen. »Er will Urtech kaufen.«

»Was ist Urtech?«

»Eine Firma mit einer funk­tio­nie­ren­den Methode zum ziel­ge­rich­te­ten Gentransfer.«

»Wovon redest du? Was für eine Methode?«

»Etwas ganz Neues. Sie haben es gerade paten­tie­ren lassen.«

»O nein.«

»O doch.«

»O Gott. Es gibt noch keine Bestätigung?«

»Nichts außer dem Patent. Und Dereks Kaufangebot.«

»O Gott. Warum macht er so was?«

»Weil er CEO des größ­ten Pharmakonzerns aller Zeiten werden will. Siehe das Interview in People

»Ach ja, rich­tig.«

Wie die mei­sten Start-ups der Biotech-Branche litt Torrey Pines Generique an Kapitalmangel und konnte sich nur wenige Einsätze bei diesem Glücksspiel lei­sten. Mindestens ein Ergebnis musste dann so gut aus­se­hen, dass neues Kapital ange­lockt wurde und die Firma weiter wach­sen konnte. Das war das Ziel, auf das sie in den fünf Jahren seit der Firmengründung hin­ge­ar­bei­tet hatten. Jetzt end­lich zeich­nete sich ein Erfolg ab, aber noch fehlte ihnen eine Methode, ihr maß­ge­schnei­der­tes Gen in die Zellen der Patienten zu trans­fe­rie­ren. Dann würde deren Körper erhöhte Mengen des frag­li­ches Proteins pro­du­zie­ren; den Patienten wäre nicht nur gehol­fen, sie wären geheilt.

Unglaublich.

Aber – und inzwi­schen war das ein sehr großes Aber – bisher gab es keine Möglichkeit, die ver­än­derte DNA in die Zellen leben­der Menschen ein­zu­schleu­sen. Schließlich exi­stierte das Immunsystem genau zu dem Zweck, das Eindringen frem­der Stoffe zu ver­hin­dern. Eine schon bekannte Methode bestand tat­säch­lich darin, die ver­än­derte DNA in ein Virus zu packen und den Patienten damit zu infi­zie­ren – wodurch die ver­än­derte DNA an ihr Ziel gelangte. Das war jedoch keine beson­ders gute Lösung, denn Virusinfektionen lösten eine Abwehrreaktion des Körpers aus; es wäre also nötig, bei ohne­hin schon kran­ken Menschen das Immunsystem noch zusätz­lich zu schwä­chen.

Also such­ten alle in dieser Branche weiter nach dem hei­li­gen Gral der Gentherapie, einer nicht­vi­ra­len Methode ziel­ge­rich­te­ter Genübertragung. Eine Firma, die so etwas ent­wickelte und paten­tie­ren ließ, würde augen­blick­lich Lizenzen für Dutzende von Anwendungen ver­ge­ben können und höchst­wahr­schein­lich von einem der großen Pharmakonzerne auf­ge­kauft, was alle Angestellten reich machen und oft nicht einmal um ihre Arbeitsplätze brin­gen würde. Irgendwann würde der Konzern die auf­ge­kaufte Firma zwar auf­lö­sen und nur das Verfahren weiter nutzen, aber zu dem Zeitpunkt hätten alle Mitarbeiter schon so viel Geld ver­dient, dass sie das nicht mehr zu küm­mern brauchte – ent­we­der sie ver­brach­ten ihre Tage von nun an mit Surfen, oder aber sie grün­de­ten das näch­ste Start-up und ver­such­ten erneut ihr Glück. Nur dass es dieses Mal kein mör­de­ri­scher Kampf ums Überleben mehr wäre, son­dern ein men­schen­freund­li­ches Hobby.

Hunderte Labors über­all auf der Welt mach­ten also Jagd auf eine nicht­vi­rale Methode ziel­ge­rich­te­ter Genübertragung. Und eines dieser Labors hatte Derek nun gekauft. Leo starrte auf die Ankündigung auf der Website der Firma. Derek musste sich dabei auf sein Glück ver­las­sen haben, denn wäre das Verfahren gut belegt, hätte er sich den Kauf nie­mals lei­sten können. Ein Biotech-Unternehmen namens Urtech – aus Bethesda in Maryland, die Firma schien noch klei­ner zu sein als Torrey Pines, Leo hatte noch nie von ihr gehört – musste Derek irgend­wie davon über­zeugt haben, dass man dort in der Lage war, gen­tech­nisch ver­än­derte DNA in mensch­li­che Körper zu prak­ti­zie­ren. Daraufhin hatte Derek die Firma gekauft, ohne vorher mit seinem Forschungsleiter Leo zu spre­chen. Wahrscheinlich hatte er sich statt­des­sen vom stell­ver­tre­ten­den Direktor der Firma bera­ten lassen, seinem Freund und Partner Dr. Sam Houston. Einem Mann, der seit zehn Jahren nicht mehr im Labor gear­bei­tet hatte.

Jedenfalls, es war pas­siert.

Leo saß am Schreibtisch und ver­suchte, die ver­krampf­ten Muskeln in seiner Magengegend zu lösen. Als Erstes muss­ten sie sich nun mit dem Verfahren der neuen Firma ver­traut machen und es testen. Da es bereits paten­tiert war, gehörte es im Augenblick nur ihnen – es war eine Art Geschäftsgeheimnis, ein Begriff, mit dem sich viele Wissenschaftler schwert­a­ten. Ein gehei­mes wis­sen­schaft­li­ches Verfahren? War das nicht ein Widerspruch in sich?

Auf jeden Fall war das Ganze kei­nes­wegs eine sichere Bank. In der Fachliteratur fand Leo nur wenig. Ein paar Artikel in Vorbereitung, einer ein­ge­reicht, einer akzep­tiert – den musste er sich so bald wie mög­lich anschauen. Und die Patentschrift. Patente wurden oft sehr früh ver­ge­ben. Die Belege für das Verfahren bestan­den also aus ganzen zwei Veröffentlichungen.

Geheime Wissenschaft. »Verdammt«, sagte Leo in den Raum hinein. Derek hatte die Katze im Sack gekauft. Und Leo sollte nun her­aus­fin­den, was wirk­lich in dem Sack drin war.


Jemand klopfte zögernd an die geöff­nete Tür. Leo blickte auf.

»Hallo, Yann, wie geht’s?«

»Alles bestens, Leo, danke. Ich wollte nur kurz auf Wiedersehen sagen. Ich gehe nach Pasadena zurück, mein Vertrag hier ist abge­lau­fen.«

»Schade. Bei unse­rer Katze im Sack könn­ten wir deine Hilfe gebrau­chen.«

»Wirklich?«

Yann strahlte wie ein Kind. Er war Vollblutmathematiker, und auch sein Wesen ent­sprach Leos Bild von einem typi­schen Mathematiker: klug, schräg, begei­ste­rungs­fä­hig, lauter merk­wür­dige Ideen im Kopf. Was aber erst auf­fiel, wenn er in Fahrt geriet. Oder wie Marta es einmal aus­ge­drückt hatte, für ihre Verhältnisse durch­aus freund­lich: Wenn er nicht so schnell reden und stän­dig den Kopf schief halten würde, würde nie­mand merken, dass er Mathematiker ist. Leo mochte ihn, und sein Beitrag zur Identifikation von Proteinen war inter­es­sant und konnte sich als sehr hilf­reich erwei­sen.

»Keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben«, gestand Leo. »Vermutlich eher ein Biologenproblem, aber wer weiß? Bei den Selektionsprotokollen hast du uns jeden­falls sehr gehol­fen.«

»Danke, das weiß ich zu schät­zen. Kann übri­gens sein, dass ich bald wieder hier bin. Für ein Projekt mit Sams Mathematikern. Sam sagt, wenn es geneh­migt wird, bekomme ich wieder einen Zeitvertrag.«

»Das höre ich gern. Bis dahin viel Spaß in Pasadena.«

»Oh, den werde ich haben. Bis bald.«

Und ihr bester Biomathematiker schlüpfte zur Tür hinaus.

* * * * *

Charlie Quibler war bei Annas Aufbruch nur halb wach gewor­den. Sein eige­ner Wecker klin­gelte eine Stunde später. Mit eini­ger Mühe bekam er auch Nick wach und fuhr ihn mit dem schla­fen­den Joe im Kindersitz zur Schule, kehrte nach Hause zurück und döste auf dem Sofa noch einmal ein. In einer Stunde würde Joe sie beide mit lautem Hungergeschrei wecken; damit fing der Tag dann rich­tig an.

»Joe und Dad!«, sagte Charlie dann mei­stens. »Los geht’s! Wie wär’s mit Frühstück? Hier – ich setz dich kurz in deinen Laufstall und mache Mamas Milch für dich warm, ja?«

»Nein!«

Bei Nick hatte diese Methode bestens funk­tio­niert, aber Joe ver­wei­gerte sich sol­chem Kinderkram, er betrach­tete ihn als Angriff auf seine Würde.

Also nahm Charlie ihn mit in die Küche, wo er ent­we­der zwi­schen seinen Füßen her­um­krab­belte oder aber das Gitter unter­suchte, das den Zugang zur Kellertreppe ver­sperrte. Eine mensch­li­che Flipperkugel. »Okay, pass auf, nein, nein! Dein Fläschchen ist in einer Sekunde fertig.«

»Fa!«

»Ja, Flasche!«

Das gefiel ihm, er plump­ste direkt vor Charlies Füßen auf den Hintern. Charlie han­tierte über seinem Kopf weiter, nahm einen Behälter mit Annas Milch aus dem Gefrierschrank und stellte ihn in einen Topf mit Wasser, das er auf dem Herd erwärmte. Anna füllte ihre Milch in Portionen von hun­dert­zwan­zig oder drei­hun­dert Millilitern in hohe oder nied­rige wie­der­ver­wend­bare Plastikzylinder; die brau­nen Gummisauger waren durch Plastikkappen vor einer Kontamination im Gefrierschrank geschützt. Auf der Arbeitsfläche lag ein Laborbuch, in das Charlie ein­tra­gen sollte, wann er Joe wie viel Milch gab. Angeblich wollte Anna das wissen, damit sie bei der Arbeit die rich­tige Menge Milch abpumpte, aber Charlie war über­zeugt, dass sie vor allem Spaß an Messwerten hatte.

Als er gerade die Temperatur der auf­ge­tau­ten Milch prüfte, indem er kurz am Fläschchen saugte, klin­gelte sein Telefon. Er setzte das Headset auf und ant­wor­tete.

»Hallo, Charlie, hier ist Roy.«

»Hallo, Roy, was gibt’s?«

»Ich habe deinen letz­ten Entwurf vor mir und will ihn gleich lesen, aber viel­leicht sagst du mir vorher, worauf ich achten soll.«

»Klar. Alle wich­ti­gen Änderungen betref­fen Abschnitt drei.«

Mit dem Gesetz, das Charlie für Phil aus­ar­bei­tete, würden sich die Vereinigten Staaten dazu ver­pflich­ten, bestimmte Empfehlungen des Weltklimarats IPCC umzu­set­zen.

»Hast du die Formulierung, dass wir den Vorgaben des Weltklimarats folgen, auch gut ver­steckt?«

»So ein­fach ist das leider nicht. Ich habe ver­sucht, es als unaus­weich­lich hin­zu­stel­len. Wir sind Mitglied im IPCC, der Klimawandel ist offen­sicht­lich real, die UNO ist am besten geeig­net, glo­bale Problemstellungen anzu­ge­hen, folg­lich ist unsere Mitarbeit zwin­gend not­wen­dig, wenn die Welt nicht an Überhitzung ster­ben soll. So in dem Stil.«

»Das hat aber noch nie funk­tio­niert, oder? Komm schon, Charlie, du bist Phils Mann für den Klimawandel. Es geht hier um das eine große Gesetz, das Phil noch vor der näch­sten Wahl ein­brin­gen will. Wenn er den Entwurf nicht durch den Ausschuss bekommt, haben wir ein rie­si­ges Problem.«

»Ja, ich weiß. Einen Moment.«

Charlie saugte erneut am Fläschchen. Die Milch hatte jetzt fast Körpertemperatur.

»Bisschen früh für Whiskey, Charlie, was trinkst du denn da?«

»Wenn du es unbe­dingt wissen musst: die Muttermilch meiner Frau.«

»Wie bitte?«

»Ich prüfe die Temperatur von Joes Fläschchen. Die muss genau stim­men, sonst wird er sauer.«

»Du trinkst aus einem Babyfläschchen mit der Milch deiner Frau?«

»Genau.«

»Und, wie schmeckt es?«

»Gut. Dünn, aber süß. Eine sehr gute Mischung aus Eiweiß, Fett und Zucker. Die beste Nahrung über­haupt.«

»Da wette ich drauf.« Roy lachte. »Kriegst du manch­mal auch Milch direkt von der Quelle?«

»Ich versuch’s natür­lich, wer würde das nicht, aber Anna hält nichts davon. Sie sagt, für sie ver­mi­schen sich da zwei sehr ver­schie­dene Dinge, und wenn ich nicht auf­passe, werde ich zusam­men mit Joe ent­wöhnt.«

»Aha. So was muss man natür­lich lang­fri­stig sehen.«

»Genau. Obwohl, einmal habe ich es trotz­dem ver­sucht, als Joe beim Stillen ein­ge­schla­fen ist und sie sich nicht bewe­gen konnte, ohne ihn auf­zu­wecken. Ich habe wirk­lich mein Bestes gege­ben, obwohl sie mich stän­dig ange­zischt hat, aber anschei­nend muss man viel kräf­ti­ger saugen als – na, du weißt schon, als man es nor­ma­ler­weise tut. Ist wohl irgend­ein Trick dabei. Jedenfalls hatte ich kein Glück, und dann ist Joe auf­ge­wacht und hat mich ertappt, und Anna und ich waren wie erstarrt, weil wir dach­ten, jetzt flippt er aus, aber er hat mir nur den Kopf getät­schelt.«

»Er hat es ver­stan­den!«

»Ja. Als würde er sagen, das Gefühl kenne ich, Dad, und ich gebe dir gern etwas von diesem wun­der­vol­len Zeug ab. Nicht wahr, Joe?« Er reichte Joe das ange­wärmte Fläschchen und sah lächelnd zu, wie er es ein­hän­dig ent­ge­gen­nahm und ankippte. Mit abge­spreiz­tem Ellbogen wie Popeye mit einer Büchse Spinat. Den Gummisauger hatte Charlie so oft mit einer Nadel ange­sto­chen, dass Joe das Fläschchen inner­halb von Minuten leeren konnte. Was ihm offen­bar sehr gefiel. Vielleicht weil ihn der Zucker berauschte.

»Was du so treibst! Okay, mein Lieber, ganz offen­sicht­lich steckst du tief in einer Welt des häus­li­chen Glücks, aber trotz­dem, wir zählen auf dich. Für Phil ist es das wich­tig­ste Gesetz der ganzen Wahlperiode.«

»Na hör mal, junger Mann, es geht um viel mehr. So viele Chancen haben wir nicht mehr, eine glo­bale Katastrophe abzu­wen­den, ich meine …«

»Musst du mir nicht erklä­ren, musst du mir nicht erklä­ren!«

»Das will ich auch hoffen.«

»Ganz bestimmt, ganz bestimmt. Okay, ich lese die neue Version und melde mich so schnell wie mög­lich. Wir müssen all­mäh­lich fertig werden. Die Komiteesitzung ist für Dienstag ange­setzt.«

»Alles klar, ich habe mein Telefon immer dabei.«

»Klingt gut, du hörst von mir. Aber denk schon mal drüber nach, wie man das mit dem IPCC noch besser ver­stecken kann.«

»Ja, okay, aber sieh dir erst mal an, was ich schon gemacht habe.«

»Klar doch. Bis dann.«

»Bis dann.«

Charlie nahm das Headset ab und schal­tete den Herd aus. Joe leerte das Fläschchen, betrach­tete es und warf es weg.

»Mann, bist du schnell«, sagte Charlie, wie jedes Mal. Dass sie an den gemein­sam ver­brach­ten Tagen stän­dig das Gleiche taten und auch stets das Gleiche dazu sagten, war etwas, das sie beide genos­sen. Wobei Joe nicht ganz so viel Wert auf feste Muster legte wie Nick; er bevor­zugte etwas, das Charlie Abwechslung mit fester Struktur nannte. Freude an der Wiederholung hatte er aber auch.

Jetzt ver­suchte Joe erst einmal wieder, über das Babygitter zu klet­tern und sich die Kellertreppe hin­un­ter­zu­stür­zen. Charlie zog ihn rasch weg, scheuchte ihn ins Esszimmer und wischte allen lauten Protestrufen zum Trotz die Arbeitsfläche sauber.

»Okay, okay! Ganz ruhig! Hey, lass uns spa­zie­ren gehen, spa­zie­ren gehen!«

»Nein!«

»Ach, komm schon. Warte, heute ist ja dein Spielgruppentag! Danach in den Park, dann Mittagessen, und dann gehen wir spa­zie­ren!«

»NEIN!«

Aber das war nur Joes Art, Ja zu sagen.

Ihn in den Tragerucksack zu bekom­men, war ein Kampf. Vor allem musste man dabei Joes Beine fest­hal­ten – nicht ganz ein­fach, denn Joe war stark, ein kräf­tig gebau­tes Wesen mit dicken Oberschenkelmuskeln. Schwer zu besie­gen, auch wenn er nicht so laut schrie wie Nick in dem Alter.

»Spielgruppe, Joe, das gefällt dir! Und dann spa­zie­ren gehen, Kleiner, zu Fuß zum Park!«

Los ging’s.

Erst zur Gymboree-Spielgruppe in einem großen Gebäude an der Wisconsin Avenue. Kinder, die anson­sten allein betreut wurden, hatten hier Gelegenheit, eine Stunde lang mit ande­ren Kindern zusam­men zu sein. Charlie fand es zwar etwas depri­mie­rend, Geld dafür bezah­len zu müssen, dass sein Kind mit ande­ren spie­len konnte, aber so war es nun mal: Ohne Gymboree wären sie alle völlig auf sich gestellt.

Joe ver­schwand in den Gängen einer großen Plastikspielwelt, die einen Dschungel dar­stellte. Das Ganze mochte nur ein kom­mer­zi­el­ler Ersatz für echtes Gemeinschaftsleben sein, aber davon wusste Joe ja nichts; er sah nur, dass es hier viel zum Spielen und Klettern gab, rannte zwi­schen den bunten Bauten umher, kroch durch Tunnel und stieg auf Gerüste. Die ande­ren Kinder igno­rierte er ent­we­der oder behan­delte sie wie beweg­li­che Teile der Einrichtung. Was manch­mal zu Problemen führte. »Hoppla! Sag: Tut mir leid, Joe! Tut uns leid!«

Schon ent­wand er sich wieder Charlies Händen und schoss davon. Von Zeitverschwendung hielt er nichts. Ein grö­ße­rer Gegensatz zu Nick war kaum denk­bar. Nick hatte sich in der Spielgruppe selten bewegt. Einmal hatte er einen rie­si­gen roten Ball ent­deckt und die ganze Stunde lang mit ihm in den Armen still dage­stan­den. Die ande­ren Mütter hatten ihm mit­füh­lende (oder auch nicht so mit­füh­lende) Blicke zuge­wor­fen, und Ally, die Betreuerin, hatte sich gemein­sam mit Charlie bemüht, Nicks Aufmerksamkeit auf etwas ande­res zu lenken. Aber Nick hatte seinen zau­ber­haf­ten roten Ball ein­fach nicht her­ge­ge­ben.

So etwas war pein­lich. Doch pein­li­che Situationen war Charlie gewohnt. Und das eigent­li­che Problem war nicht, dass Nick sich so wenig oder Joe sich so viel bewegte, son­dern dass er der ein­zige Vater im Raum war. Ohne ihn wären die Mütter unter sich gewe­sen, und das hätte ihnen besser gefal­len. Charlies Anwesenheit störte sie. Es war über­all das Gleiche, wo es um Kinderbetreuung ging. In ganz D. C. gab es anschei­nend keinen zwei­ten Mann, der die Stunden, in denen nor­ma­ler­weise gear­bei­tet wurde, mit klei­nen Kindern ver­brachte. So etwas tat man ein­fach nicht. Dafür zog man nicht nach D. C. Natürlich war auch Charlie nicht des­we­gen nach Washington gezo­gen, aber als Anna und er diese Fragen vor Nicks Geburt bespro­chen hatten, war ihnen schnell klar gewor­den, dass sich Charlies Arbeit (jeden­falls in Teilzeit) mit Kinderbetreuung ver­ein­ba­ren ließ. Den Kontakt zum Büro von Senator Chase konnte er auch über Telefon und E‑Mail halten. Phil Chase hatte seine Arbeit eine Zeit lang selbst aus der Ferne erle­digt, weil er – »Senator der ganzen Welt« – stän­dig unter­wegs gewe­sen war; außer­dem war er ein netter Mensch und hatte Charlies Plänen sofort zuge­stimmt. Während Anna min­de­stens fünf­zig Stunden pro Woche und häufig mehr an ihrem Arbeitsplatz zubrin­gen musste. Also hatte Charlie sich freu­dig bereit erklärt, die Kinderbetreuung zu über­neh­men. Er hatte es als Abenteuer betrach­tet.

Und kein Zweifel, ein Abenteuer war es gewe­sen. Allerdings nur beim ersten Mal. Seit über einem Jahr machte er nun mit Kind Nummer zwei das Gleiche noch einmal, und was vorher fas­zi­nie­rend und auf­re­gend gewe­sen war, emp­fand er jetzt als Routine. Die Wiederholung machte ihn all­mäh­lich mürbe. Joe machte ihn mürbe.

Nun saß er also mit lauter Müttern und Kindermädchen bei Gymboree herum. Das mochte nett klin­gen, war aber eine diplo­ma­ti­sche Herausforderung höch­sten Grades. Er wollte schließ­lich nicht miss­ver­stan­den werden. Niemand hier würde es als Zufall betrach­ten, wenn er sich mit einer beson­ders attrak­ti­ven Frau unter­hielt oder über­haupt regel­mä­ßig mit einer bestimm­ten Frau sprach. Was nicht weiter schlimm gewe­sen wäre, hätte er die Lage immer im Griff behal­ten können, aber Joe war schließ­lich auch noch da. Jetzt zum Beispiel machte er sich an ein klei­nes dun­kel­haa­ri­ges Mädchen mit den per­fek­ten Gesichtszügen eines Fotomodells heran. Charlie gesellte sich rasch dazu, damit Joe die Kleine nicht her­um­schub­ste, was er gerne tat, wenn er ein Mädchen mochte. Und natür­lich war die zuge­hö­rige Betreuerin aus­ge­spro­chen attrak­tiv, eine junge blonde Au-pair aus Deutschland. Charlie hatte schon vorher einmal mit ihr gere­det. Er spürte die Blicke der ande­ren Frauen. Keine ein­zige Erwachsene im Raum glaubte an seine Unschuld.

»Hi, Asta.«

»Hallo, Charlie.«

Allmählich zwei­felte er selbst an seinen Motiven. Asta war eine dieser leb­haf­ten euro­päi­schen Frauen um die zwan­zig, bei denen man den Eindruck hatte, dass sie ihren anglo­ame­ri­ka­ni­schen Altersgenossinnen in allen Fragen des Erwachsenenlebens um ein Jahrzehnt voraus waren – gar nicht so ein­fach, wenn man sich die anglo­ame­ri­ka­ni­schen Teenager von heute anschaute. Etwas in Charlie bäumte sich auf: Ich laufe den Frauen nicht nach, hätte er gern aus­ge­ru­fen. Das ist mein Sohn! Der hyper­ak­tive Mädchenschubser! Aber so etwas sagte man natür­lich nicht. Und inzwi­schen betrach­tete ihn selbst Asta mit leisem Misstrauen. Vielleicht weil er bei ihrem ersten Gespräch etwas Nettes über die hüb­schen Haare ihrer Tochter gesagt hatte. Sie hatte den Irrtum kor­ri­giert und dabei über­rascht und amü­siert drein­ge­blickt; als er daran zurück­dachte, wurde er wieder rot.

Schließlich erlö­ste ihn das Liedersingen. Es diente dazu, die Kinder zu beru­hi­gen, bevor sie am Ende der Spielstunde wieder in ihren Kindersitzen fest­ge­schnallt und nach Hause gefah­ren wurden. Joe ver­stand die Ankündigung aller­dings als Aufforderung, erneut in den Tiefen der Tunnel zu ver­schwin­den. Er würde erst wieder her­aus­kom­men, wenn Ally »Ring Around the Rosie« anstimmte, denn dieses Spiel liebte er. Während sie alle gemein­sam im Kreis her­um­gin­gen, wich Charlie sämt­li­chen Blicken aus. Ally sang in kräf­ti­gem New-Jersey-Tonfall vor, und am Schluss stimm­ten Mütter und Kinder zusam­men laut ein:

»Eshes, eshes, we all, fall, DOWN!«

Und alle ließen sich fallen.


Danach ging es in den Park. Dabei han­delte es sich um eine kleine Grünanlage gleich neben der Wisconsin Avenue, nur wenige Häuserblocks von ihrem Zuhause ent­fernt: ein schma­ler Rasenstreifen mit Sandkasten und Spielgerüsten. Im Süden grenzte er an Tennisplätze, im Osten Richtung Wisconsin Avenue an eine Feuerwache, und im Westen erstreckte sich eine Wiese bis zu einem der klei­nen Bäche, die bis heute das Raster der Straßen durch­bra­chen.

Mittags traf man hier im Sandkasten und auf den Bänken ringsum fast immer auf andere Kleinkinder, Mütter und Kindermädchen. Deutlich mehr Kindermädchen als Mütter; nach Aussehen und Stimmen zu urtei­len stamm­ten die mei­sten aus Westindien. Sie saßen in Grüppchen auf den Bänken, ruhten sich in der feuch­ten Hitze aus und plau­der­ten. Die Kinder blie­ben sich selbst über­las­sen. Manche spiel­ten, manche lang­weil­ten sich.

Joe hielt Charlie auf Trab. Nick hatte gern lange Zeit ein­fach still dage­ses­sen, und wenn er spielte, dann mit über­trie­be­ner Vorsicht; auf der nied­ri­gen höl­zer­nen Hängebrücke hatte er sich stets so fest an das Kettengeländer geklam­mert, dass seine klei­nen Fäuste ganz weiß wurden. Joe dage­gen hatte sehr schnell die Stelle der Brücke ent­deckt, wo er beim Hüpfen am wei­te­sten in die Höhe geschleu­dert wurde – nicht in der Mitte, son­dern unge­fähr auf halbem Weg nach unten. Dort stellte er sich dann hin und sprang im Rhythmus der Brückenschwingungen, bis er wirk­lich weit in die Höhe flog. Auch er wirkte dabei nicht glück­lich, aber aus ganz ande­ren Gründen als Nick: Er war unzu­frie­den, weil es nicht noch höher hinauf ging. Auch sonst hatte er die Angewohnheit, seinen Körper als eine Art Versuchsobjekt zu behan­deln, zum Beispiel indem er direkt vor Kindern auf einer Schaukel vor­bei­lief. Charlie hatte ihn schon unzäh­lige Mal aus dem Gefahrenbereich zerren müssen, und dass es inzwi­schen nicht mehr ganz so häufig vorkam, lag nur daran, dass Joe es nicht mochte, wie laut Charlie ihn hin­ter­her anbrüllte: »Du machst mich fertig! Glaubst du denn, du bist aus Stahl?«

Auch jetzt flog Joe an der besten Stelle der Hängebrücke auf und ab. Das trau­rige kleine Mädchen, dessen Betreuerin oft Stunde um Stunde tele­fo­nierte, lief lang­sam im Kreis um das Karussell. Charlie wich ihrem hoff­nungs­vol­len Blick aus, starrte statt­des­sen die Betreuerin an und über­legte, ob er dem Mädchen nicht einen Zettel in die Tasche stecken sollte: »Ihre Tochter läuft schon mit zwei Jahren einsam und gelang­weilt durch die Welt – eine Schande!«

Während er selbst die Tugend in Person war. Das wäre die eigent­li­che Botschaft des Zettels gewe­sen, wes­halb er ihn auch nie schrieb. Er war tugend­haft, lang­weilte sich aber. Nein, das stimmte nicht, das war ein dummes Klischee. Er sollte sich lieber auf seinen eige­nen Sohn kon­zen­trie­ren. Wirklich unge­recht, wie viel weni­ger Aufmerksamkeit zweit­ge­bo­rene Kinder beka­men. Sicher, beim ersten musste man mit dem erschrecken­den Verlust seiner Freiheit zurecht­kom­men, aber zugleich nahm einen der eigene Sprössling auch völlig gefan­gen. Ein reales mensch­li­ches Wesen, dessen Gene zu glei­chen Teilen von einem selbst und der Partnerin stamm­ten. Kaum zu glau­ben, dass so eine Methode funk­tio­nierte, aber da war es nun, das eigene Kind – eine Art Schoßtier, klein, sprach­los, unend­lich fas­zi­nie­rend.

Während es ihm mit dem zweite Kind so ging, wie man es von allen Eltern hörte: Pass ein­fach auf, dass er nicht aus dem Fressnapf für die Katze isst. Was in Joes Fall nicht immer gelang. Aber keine Sorge. Das über­leb­ten sie schon. Vielleicht wuch­sen und gedie­hen sie ja sogar. Jetzt erst einmal Zeitung lesen.

Aber da Joe und Dad nun einmal im Park waren, machte Charlie das Beste daraus. Und mit Joe war es hier auf jeden Fall unter­halt­sa­mer als damals mit Nick. Mit Joe konnte man stun­den­lang Fangen spie­len und Ringkämpfe aus­tra­gen; immer wieder klet­terte er auf die Rutsche und glitt hin­un­ter, ein Perpetuum mobile. Das alles mitten an einem Maitag in D. C., wäh­rend das Wetter auf 38 Grad und 100 Prozent zusteu­erte und das Sonnenlicht durch die viele Feuchtigkeit in der Luft so stark gestreut wurde, dass es aus einem rie­si­gen leuch­ten­den Fleck im Zenit nie­der­brannte. Man schwitzte und keuchte beim Spielen. Aber kein ein­zi­ger Augenblick, in dem er Joe gut zure­den musste. Keine Sekunde Langeweile.

Nach dem näch­sten Umherrennen ließen sie sich im Gras nieder, um zu essen. Dieser Teil des Tages gefiel ihnen beiden. Fruchtsaft, löf­fel­weise Babynahrung in Joes klei­nen Mund bug­sie­ren, danach Apfelmus und schließ­lich ein oder zwei Cheerios, mit denen er allein zurecht­kam. Er lebte immer noch größ­ten­teils von Muttermilch.

Sobald sie fertig waren, kämpfte Joe sich wieder auf die Füße.

»O Gott, Joe, können wir uns nicht etwas aus­ru­hen?«

»Nein!«

Aber das Essen hatte ihn träge gemacht, er tau­melte wie ein Betrunkener. Nicht mehr lange, und er würde umfal­len und ein­schla­fen.

Charlies Telefon piepte. Er setzte einen Ohrstöpsel ein, ließ das Kabel unter seinem Gesicht bau­meln und mel­dete sich. »Hallo.«

»Hi, Charlie, wo bist du gerade?«

»Hallo, Roy. Ich bin im Park, wie immer. Was gibt’s?«

»Ich habe deinen neue­sten Entwurf gele­sen und würde gern ein paar Punkt mit dir durch­spre­chen, denn als Nächstes geht der Text ans Büro von Senator Winston, damit seine Leute wissen, was auf sie zukommt.«

»Ist das klug?«

»Phil hält es für not­wen­dig.«

»Okay, um welche Punkte geht es?«

Es folgte eine Pause, wäh­rend Roy nach einer bestimm­ten Stelle im Entwurf suchte. »Hier. Zitat: ›Der Kongress ist zutiefst besorgt, dass ein zu lang­sa­mer Wechsel der ame­ri­ka­ni­schen Volkswirtschaft von fos­si­ler zu sau­be­rer Energie rasch zu chao­ti­schen Änderungen des Klimas mit tief­grei­fen­den nega­ti­ven Folgen für die U. S.-Wirtschaft führen wird‹, Zitatende. Man hat uns wissen lassen, dass Ellington nur besorgt ist, nicht zutiefst besorgt. Sollen wir das ändern?«

»Nein. Wir sind zutiefst besorgt. Ellington auch, er weiß es nur nicht.«

»Okay, dann weiter unten bei den Maßnahmen, Paragraph drei, Zitat: ›Die Vereinigten Staaten werden ihren CO2-Ausstoß um das Doppelte des Werts redu­zie­ren, den China und Indien an Reduktion errei­chen, und werden in diesen Ländern sowie in allen, die im Index der mensch­li­chen Entwicklung der Vereinten Nationen unter fünf liegen, sämt­li­che Investitionen in den Bau von Wind- und Gezeitenkraftwerken eins zu eins mit­fi­nan­zie­ren, sofern diese Kraftwerke von einem gemein­sa­men Energieunternehmen mit unbe­fri­ste­ter Beteiligung der Vereinigten Staaten betrie­ben werden; vier, die genann­ten Maßnahmen ver­bun­den mit der kli­ma­neu­tra­len Energieproduktion …‹«

»Moment, schreib Energieerzeugung.«

»Okay, Energieerzeugung, ›werden derart berück­sich­tigt, dass sämt­li­che durch Umweltschutzmaßnahmen in den betei­lig­ten Ländern erzeug­ten Überschüsse, gemäß Einstufung durch den IPCC, antei­lig den Vereinigten Staaten zuge­rech­net werden und dass von diesen Überschüssen nicht weni­ger als fünf­zig Milliarden Dollar pro Jahr für den Bau wei­te­rer kli­ma­neu­tra­ler Kraftwerke reser­viert werden; wei­tere fünf­zig Milliarden Dollar pro Jahr werden für die Förderung von Maßnahmen zur CO2-Speicherung reser­viert, womit sämt­li­che umwelt­tech­ni­schen Projekte zur siche­ren Abscheidung und Speicherung von CO2 gemeint sind, sei es in Wäldern, Mooren, Ozeanen oder anderswo …‹«

»Ja, genau, du weißt doch, wie wich­tig CO2-Speicher sind. Der Atmosphäre aktiv CO2 zu ent­zie­hen, könnte sogar unsere ein­zige Rettung sein. Vielleicht soll­ten wir die Reihenfolge der Sätze umkeh­ren. Erst die CO2-Speicher, dann die kli­ma­neu­tra­len Kraftwerke.«

»Meinst du?«

»Ja. Unbedingt. CO2 zu spei­chern ist mög­li­cher­weise der ein­zige Weg zu ver­hin­dern, dass unsere Kinder, über­haupt alle Kinder der näch­sten tau­send Jahre, auf einem Höllenplaneten leben. In einem Klima wie auf der Venus.«

»Oder auch in Washington, D. C.«

»Roy, bitte.«

»Okay, ich ändere die Reihenfolge. Damit ist der Abschnitt erle­digt, hmm, also mit dem Text sind wir jetzt durch. Die näch­ste Frage ist dann wohl, was wir Winston und seinen Leuten anbie­ten können, damit sie dem Entwurf zustim­men.«

»Lass dir von Winstons Leuten eine Liste ihrer Zusatzklauseln geben, such dir die zwei harm­lo­se­sten aus und sag ihnen, zu mehr können wir Phil auf keinen Fall über­re­den.«

»Ob sie sich darauf ein­las­sen?«

»Bestimmt nicht, aber – warte mal – Joe?«

Joe war nir­gendwo zu sehen. Charlie bückte sich, um unter dem Klettergerüst hin­durch zur ande­ren Seite des Spielplatzes blicken zu können. Kein Joe.

»Hey, Roy, ich ruf dich wieder an, okay? Ich muss Joe suchen, er hat sich aus dem Staub gemacht.«

»Okay, ruf mich an.«

Charlie unter­brach die Verbindung, riss sich den Kopfhörer aus dem Ohr und stopfte ihn sich in die Tasche.

»JOE!«

Er drehte sich zu den west­in­di­schen Kindermädchen um – keine von ihnen schaute her, keine erwi­derte seinen Blick. Von da war keine Hilfe zu erwar­ten. Er lief Richtung Süden, bis ihm die Feuerwache nicht mehr den Blick ver­sperrte. Aha! Da war Joe. Er tappte gerade mit Höchstgeschwindigkeit auf die Wisconsin Avenue zu.

»JOE! STOPP!«

Er erkannte sofort, dass Joe ihn gehört hatte, denn das Tempo seiner Windel-Watschel-Schritte ver­dop­pelte sich. Immer noch auf die viel­be­fah­rene Straße zu.

Charlie rannte los. »JOE! STOPP! JOE! BLEIB SOFORT STEHEN!« Natürlich glaube er nicht, dass Joe tat­säch­lich ste­hen­blei­ben würde, aber viel­leicht ver­suchte er, noch schnel­ler zu rennen, und fiel dabei hin.

Leider nicht. Joe rannte munter weiter, wie eine Ente, die einer Gefahr ent­kom­men will, ohne zu flie­gen. Er lief jetzt den Gehweg neben der Feuerwache ent­lang; von da hatte er freie Bahn zur Wisconsin Avenue, wo wie üblich Autos und Lastwagen vor­bei­schos­sen.

Charlie holte auf. Als er die Feuerwache pas­sierte, sah er meh­rere große Lastwagen auf Joe und sich zukom­men; wenn Joe jetzt von der Bordsteinkante hüpfte, geriet er unwei­ger­lich unter die Räder. Bis Charlie ihn ein­holte, lief er schon so dicht am Rand, dass Charlie ihn hinten am Hemd packen, hoch­he­ben und im weiten Kreis durch die Luft wir­beln musste. Er lan­dete auf Charlie, und sie fielen gemein­sam auf den Bürgersteig.

»Aua!«, jaulte Joe.

»WAS MACHST DU DA!«, brüllte Charlie ihn an. »WAS MACHST DU DA? MACH DAS NIE WIEDER!«

Vor lauter Verblüffung hörte Joe kurz auf zu jam­mern und starrte seinen Vater an. Rot im Gesicht. Gleich darauf heulte er wieder los.

Charlie wech­selte in den Schneidersitz und setzte sich seinen wei­nen­den Jungen auf den Schoss. Er zit­terte, und sein Herz raste, er spürte das Hämmern in Händen und Brust. Einem alten Reflex fol­gend legte er einen Daumen aufs andere Handgelenk und sah auf die Armbanduhr, bis fünf­zehn Sekunden vorbei waren. Mal vier. Unmöglich. Hundertachtzig Schläge pro Minute. Das konnte nicht stim­men. Sein gesam­ter Körper war schweiß­nass. Er schnappte nach Luft.

Zentimeter ent­fernt roll­ten Autos und Lastwagen an ihnen vorbei. Die Wisconsin Avenue führte von der Ringautobahn zur Innenstadt, eine wich­tige Einfallstraße; die gesamte rechte Fahrspur war eine ein­zige Kolonne schwe­rer Lastwagen, die vom Bürgersteig bis zur Mittellinie reich­ten und mit sech­zig Kilometern pro Stunde unter­wegs waren.

»Warum machst du so was«, flü­sterte Charlie, die Lippen an Joes Haar. Plötzlich emp­fand er tiefe Angst, ver­mischt mit Entsetzen oder auch Verzweiflung. »Das ist doch ver­rückt.«

»Aua«, sagte Joe.

Beide seufz­ten sie tief und erschau­der­ten.

Charlies Telefon klin­gelte. Er nahm ab und hielt sich einen Ohrstöpsel ans Ohr.

»Hallo, Liebling.«

»Hallo, Liebes!«

»Was ist pas­siert?«

»Ach, nichts, gar nichts. Ich bin nur mit Joe umher­ge­rannt. Wir sind im Park.«

»Wow, ihr müsst ja schwit­zen. Ist jetzt nicht die wärm­ste Tageszeit?«

»Ja, fast, aber wir hatten so viel Spaß, da sind wir länger geblie­ben. Jetzt geht es aber gleich nach Hause.«

»Okay, dann will ich dich nicht auf­hal­ten. Ich wollte nur fragen, ob wir am Wochenende schon etwas vor­ha­ben.«

»Nicht dass ich wüsste.«

»Gut. Hier ist heute Morgen näm­lich etwas Interessantes pas­siert – ich habe ein paar Leute ken­nen­ge­lernt, die gerade bei uns im Erdgeschoss ein­ge­zo­gen sind. Eigentlich sind es Tibeter, glaube ich, aber sie leben auf einer Insel. Sie haben die Räume gemie­tet, in denen das Reisebüro war.«

»Wie nett.«

»Ja. Ich gehe mit ihnen Mittagessen, und wenn nichts dage­gen spricht, würde ich sie gern irgend­wann zum Abendessen ein­la­den. Wenn du ein­ver­stan­den bist.«

»Ja, gern. Wie du magst, das klingt doch inter­es­sant.«

»Wunderbar. Ich treffe mich gleich mit ihnen. Ich erzähle dir dann, wie es war.«

»Okay, gut.«

»Mach’s gut, Liebster.«

»Mach’s gut, mein Herz, bis später.«

Charlie legte auf.

Zehn sehr tiefe Atemzüge später stand er mit Joe in den Armen auf. Joe schmiegte das Gesicht an seinen Hals. Auf zitt­ri­gen Beinen kehrte Charlie zum Spielplatz zurück, eine Strecke von fünf­zig bis hun­dert Metern. Der Schweiß rann ihm in Strömen über den Brustkorb und von der Stirn. Er wischte sich mit Joes Hemd die Augen. Joe schwitzte auch. Als sie bei ihren Sachen anka­men, setzte Charlie ihn ins Tragegestell. Ausnahmsweise wehrte er sich nicht. »Weid Daddy«, sagte er und schlief ein, noch wäh­rend Charlie sich das Gestell auf den Rücken setzte.

Charlie stapfte los. Joes Kopf lehnte an seinem Nacken. Manchmal saugte er sogar an den Sehnen dort, und bisher hatte Charlie diese Nähe immer genos­sen. Jetzt erschien ihm die Berührung plötz­lich von sol­cher Bedeutung, dass er es kaum ertrug, so stark war die düstere Aura von Liebe und Bedrohung. Er fing an zu weinen, wischte sich die Augen, ver­suchte das Gefühl abzu­schüt­teln wie einen Albtraum. Es ist nun mal ein Risiko, dachte er. Du hei­ra­test, du bekommst Kinder, plötz­lich hast du so viel zu ver­lie­ren. Unausweichlich, nicht zu ändern. Das ist der Preis der Liebe. Je ver­rück­ter sein Sohn sich benahm, umso mehr liebte er ihn.

Fast eine Stunde lang mar­schierte er mit schnel­len Schritten durch sämt­li­che Wohnbezirke, die er im Lauf der ein­sa­men Jahre als Mr. Mom ken­nen­ge­lernt hatte. Unter den Bäumen erstreckte sich ein Netzwerk von alten Wegen, den Überbleibseln frü­he­rer Daseinsformen: Bahntrassen, Kanäle, Indianerpfade – selbst Wildwechsel ließen sich noch erken­nen. Heute wan­derte Charlie blind daran vorbei. Alles, was sich biegen konnte, hing in der Hitze schlaff herab. Charlie schwitzte am ganzen Körper.

Nach und nach fand er zu einem Gefühl von Normalität zurück. Joe und Dad. Ein ganz gewöhn­li­cher Tag.

Die Wohnstraßen von Bethesda und Chevy Chase hatten durch­aus ihre Schönheit, was vor allem an den rie­si­gen Bäumen und den Rasenflächen lag. Überall Grün. An einem Wochentag wie heute begeg­nete man nach­mit­tags fast nie­man­dem. Das leicht hüge­lige Gelände war für Spaziergänge ideal. Die hohen alten Laubbäume mil­der­ten die Hitze; der Himmel dar­über war strah­lend weiß. Sicherlich gehör­ten diese Bäume einer zwei­ten oder sogar drit­ten Generation an; von den ursprüng­li­chen Wäldern konnte öst­lich des Mississippi nicht viel übrig geblie­ben sein. Aber sie waren alt und sehr groß. Als Kalifornier bevor­zugte Charlie eigent­lich offene Landschaften; die all­ge­gen­wär­ti­gen Wälder fand er beklem­mend, aber auch fremd­ar­tig und fas­zi­nie­rend, manch­mal sogar unheim­lich. Immer wieder bestaunte er das viel­fach über­ein­an­der­ge­schich­tete getüp­felte Grün und wie es dem gesam­ten weiten Raum zwi­schen Erdboden und Baumwipfeln eine feine Struktur ver­lieh; weder in seiner Heimat noch in seinen ange­le­se­nen Vorstellungen von Wald hatte es etwas Vergleichbares gege­ben. Zugleich sehnte er sich nach freiem Blick auf ferne Berge, wie man sich nach fri­scher Luft sehnt. Heute schien ihm seine Umgebung beson­ders erdrückend.

Sein Telefon piepte erneut; er zog die Ohrstöpsel aus der Tasche, setzte sie ein und nahm ab.

»Hallo.«

»Hey, Charlie, ich will dich nicht nerven, aber ist bei Joe und dir alles in Ordnung?«

»O ja, danke, Roy. Danke, dass du fragst. Ich habe ganz ver­ges­sen, dich anzu­ru­fen.«

»Dann hast du ihn also gefun­den.«

»Habe ich, aber er wäre fast auf die Straße gerannt, das hat ihn erschreckt, und da habe ich ver­ges­sen, dich anzu­ru­fen.«

»Hey, das macht doch nichts. Ich wollte nur wissen, ob wir den Entwurf heute zu Ende bespre­chen können.«

Charlie seufzte. »Ehrlich gesagt, Roy, ich weiß nicht mehr, ob dieses Von-zu-Hause-aus-Arbeiten noch funk­tio­niert.«

»Du machst das doch super. Für Phil bist du der Beste. Aber wenn es jetzt nicht passt …«

»Nein, nein. Joe sitzt im Rucksack und schläft. Es passt schon. Ich bin nur noch etwas neben der Spur.«

»Klar, kann ich mir vor­stel­len. Hör zu, wir können das auch später erle­di­gen, nur ist es leider so, dass wir das Ganze bald raus­ge­ben müssen, sonst gerät Phil unter Druck. Doktor Seltsam« – ihr Name für den wis­sen­schaft­li­chen Berater des Präsidenten – »will den Entwurf jetzt auch sehen.«

»Okay. Sag mir, was dich beschäf­tigt, und wir reden drüber.«

Während Charlie weiter spa­zie­ren ging, las Roy ihm ein­zelne Sätze aus dem Entwurf vor, sie bespra­chen das Wie und Warum und dis­ku­tier­ten mög­li­che Änderungen. Seit Wade Norton Washington ver­las­sen hatte und nur noch aus der Ferne als Berater arbei­tete, fun­gierte Roy als Phils Stabschef; da er vorher jah­re­lang dem Kongress-Komitee für Natürliche Resourcen (das vor der Umbenennung unter Gingrich Umweltkomitee hieß) zuge­ar­bei­tet hatte, besaß er pro­funde Sachkenntnis. Scharfsinnig war er außer­dem. Charlie mochte ihn. Er selbst steckte inzwi­schen so tief in der Arbeit am Klimagesetz, dass er den Text im Geist vor sich sah. Die Sätze nur zu hören, erleich­terte ihm sogar die Konzentration: Es war, als würde ihm jemand eine Gute-Nacht-Geschichte vor­le­sen.

Schließlich kamen sie aber doch zu einer Frage, die sich nicht klären ließ, ohne dass er den Text vor sich hatte. »Tut mir leid. Ich rufe dich an, sobald ich wieder zu Hause bin.«

»Okay, aber ver­giss es nicht. Wir müssen fertig werden.«

»Ich denke dran.«

Sie legten auf.

Sein Heimweg ver­lief am Westrand des Bezirks Bethesda Metro nach Süden. Es war ein urba­nes Viertel: Wohnhäuser und Restaurants, und in der Mitte das tiefe Loch in der Erde, aus dem stän­dig Geld und Menschen spru­del­ten. Dieses Loch hatte alles ver­än­dert: Straßen waren ver­legt, Wohnviertel umge­stal­tet worden, und aus dem Laubdach ragte jetzt ein ganzer Haufen von Wolkenkratzern hervor. In den unend­li­chen Wäldern war ein wei­te­res Stück Stadt ent­stan­den.

Charlie sah kurz bei Second Story Books vorbei, dem größ­ten und besten Antiquariat der Gegend. Das war reine Gewohnheit: Er war so oft hier, immer mit dem schla­fen­den Joe auf dem Rücken, dass er das gesamte Angebot aus­wen­dig kannte und höch­stens noch die ver­deck­ten Bücher in der zwei­ten Reihe durch­se­hen oder die Bände in seinen Lieblingsregalen alpha­be­tisch sor­tie­ren konnte. In dem schlam­pig und voller Hochmut geführ­ten Geschäft küm­merte das nie­man­den. Es hatte durch­aus etwas Beruhigendes.

Am Ende gab er jedoch den Versuch auf, so zu tun, als wäre alles normal, und nahm den Weg am Autohändler vorbei nach Hause. Dort musste er sich ent­schei­den, ob er das Tragegestell abset­zen sollte, in der Hoffnung, dass Joe dabei nicht auf­wachte, oder ob er ihn besser auf dem Rücken behielt und an dem Stehpult arbei­tete, das er genau zu diesem Zweck neben seinem Schreibtisch auf­ge­baut hatte. Meistens war ihm die Ruhe wich­ti­ger als die Unbequemlichkeit, und auch heute ließ er Joe auf seinem Rücken wei­ter­schla­fen.

Nachdem er seine Dokumente auf­ge­ru­fen und nach­ge­le­sen hatte, welche Zahlen der UN-Bericht zu Kosten und Nutzen von Gezeitenkraftwerken nannte, rief er Roy an, und sie schlos­sen die Arbeit am Entwurf ab. Als Nächstes würde Phil die über­ar­bei­tete Fassung durch­se­hen, und bei Bedarf konnte sie auch an Senator Winston und Doktor Seltsam wei­ter­ge­reicht werden.

»Danke, Charlie. Das sieht doch gut aus.«

»Mir gefällt der Entwurf auch. Mal sehen, was Phil dazu sagt. Ich frage mich, ob wir ihn nicht auf zu dünnes Eis schicken.«

»Er dürfte ein­ver­stan­den sein, aber was Winstons Leute dazu sagen?«

»Die krie­gen einen Anfall.«

»Stimmt. Die sind schlim­mer als Winston. Eine Bande von Intriganten.«

»Ich weiß nicht, ich halte sie eher für ahnungs­lose Betonköpfe.«

»Stimmt auch wieder. Wir werden es ihnen zeigen.«

»Hoffentlich.«

»Charles, mein Junge, du klingst müde. Und bestimmt wacht Joe gleich auf.«

»Genau.«

»Gnadenlos, oder?«

»Ja.«

»Aber du bist dem gewach­sen, du bist der beste Mr. Mom in D. C.«

Charlie lachte. »Und das bei der Konkurrenz.«

Roy lachte auch, offen­bar froh, dass er Charlie hatte auf­mun­tern können. »Auf jeden Fall ist es eine echte Leistung.«

»Nett, dass du das sagst. Den mei­sten Leuten ist das gar nicht klar. Sie finden es ein­fach nur selt­sam.«

»Sie wissen eben nicht, was alles dazu­ge­hört.«

»Genau. Das wissen nur die rich­ti­gen Mütter, und für die zähle ich nicht.«

»Gerade die soll­ten es doch besser wissen.«

»Irgendwo haben sie auch recht. Warum soll es bei mir etwas Besonderes sein. Vielleicht brau­che ich ein­fach ein paar Streicheleinheiten. Es ist schwe­rer als erwar­tet. Ein echtes psy­cho­lo­gi­sches Erdbeben.«

»Warum?«

»Na ja, als Nick gebo­ren wurde, war ich acht­und­drei­ßig und hatte seit meinem acht­zehn­ten Lebensjahr immer genau das gemacht, was ich wollte. Zwanzig Jahre Freiheit, wie nur weiße anglo­ame­ri­ka­ni­sche Männer sie kennen – genau das, was du jetzt genießt, junger Mann. Und dann kam Nick. Plötzlich hatte ich einem ver­rück­ten Tyrannen zu gehor­chen, der nicht spre­chen konnte. Ich meine – du kannst heute Abend aus­ge­hen und dich amü­sie­ren, oder?«

»Richtig, ich will zu einer Party von ein paar Neulingen bei Brookings. Das soll eine wilde Feier werden.«

»Reib nicht noch Salz in die Wunde. Denn ich werde den Abend im selben Zimmer ver­brin­gen wie prak­tisch jeden Abend der letz­ten sieben Jahre.«

»Daran müss­test du doch inzwi­schen gewöhnt sein?«

»Stimmt auch wieder. Bei Nick war es noch schlim­mer, da hatte ich noch nicht ver­ges­sen, wie sich Freiheit anfühlt.«

»Du hast dich eben in eine Mutter ver­wan­delt.«

»Ja, aber solche Verwandlungen tun halt weh. Wie in dem X‑Men-Film. Ich weiß noch, am ersten Muttertag nach Nicks Geburt – ich hatte den Schock noch nicht über­wun­den, und Anna war ver­reist, warum, weiß ich nicht mehr, viel­leicht hat sie ihre Mutter besucht – jeden­falls wollte ich Nick dazu brin­gen, dass er sein Fläschchen trinkt, und er hat sich wie üblich gewei­gert. Und plötz­lich wurde mir klar, dass ich für den Rest meines Lebens nie mehr rich­tig frei sein werde, aber da ich keine Mutter bin, gab es nicht mal einen Tag, an dem ich geehrt werde, Vatertag ist schließ­lich was ande­res, und Nick drehte stän­dig den Kopf hin und her, obwohl er drin­gend sein Fläschchen brauchte – ich bin aus­ge­ra­stet, Roy. Ich bin aus­ge­ra­stet und habe das Fläschchen auf den Boden geschmis­sen.«

»Auf den Boden geschmis­sen?«

»Ja. Ich habe es hin­ge­wor­fen, und es ist irgend­wie schlecht gelan­det und explo­diert. Es platzte auf, die Milch schoss raus und spritzte durchs ganze Zimmer. Nicht zu fassen, wie viel Milch in so einem Fläschchen drin ist. Ich finde bis heute ein­ge­trock­nete kleine Milchspritzer beim Putzen. Auf dem Kaminsims oder dem Fensterbrett. Damit ich meine Muttertagskrise ja nicht ver­gesse.«

»Ha. Der Moment der Verwandlung. Also, Charlie, du jäm­mer­li­ches Exemplar eines ame­ri­ka­ni­schen Mannes mit deiner Sehnsucht nach einer Muttertagskarte – halt weiter durch. Nur noch sieb­zehn Jahre, dann bist du frei!«

»Oh, vielen Dank. Bis dahin werde ich es mir gar nicht mehr wün­schen.«

»Du wünschst es dir doch jetzt schon nicht. Du liebst dein Leben, das weißt du genau. Aber hör zu, ich muss Schluss machen, Phil ist da. Bye.«

* * * * *

Nach dem Telefongespräch mit Charlie hatte Anna sich wieder so weit in ihre Arbeit ver­tieft, dass sie die Verabredung zum Mittagessen fast ver­ges­sen hätte. Da ihr so etwas aber stän­dig pas­sierte, hatte sie den Wecker an ihrer Armbanduhr gestellt. Als er piepte, spei­cherte sie die Datei, an der sie gerade arbei­tete, und fuhr ins Erdgeschoss. Der junge Mönch und der älte­ste seiner Gefährten saßen in der neuen Botschaft auf dem Fußboden und inspi­zier­ten eine Kiste.

Sie bemerk­ten sie und blick­ten neu­gie­rig auf. Dann nickte der Jüngere: Er erin­nerte sich an sie.

»Haben Sie immer noch Lust auf Pizza?«, fragte Anna. »Falls Sie Pizza über­haupt mögen?«

»O ja«, sagte der junge Mann. Sie stan­den auf, wobei sich der ältere etwas unbe­hol­fen bewegte; offen­bar hatte er ein stei­fes Bein. »Wir lieben Pizza.« Der alte Mann nickte höf­lich und sah seinen Assistenten an; dieser sagte etwas in ihrer Sprache.

Während sie das Atrium Richtung Pizzeria Uno durch­quer­ten, fragte Anna unsi­cher: »Gibt es in Ihrer Heimat Pizza?«

Der junge Mann lächelte. »Nein. Aber in Nepal habe ich manch­mal in einer Teestube Pizza geges­sen.«

»Sind Sie Vegetarier?«

»Nein. Vegetarismus war nie Teil des tibe­ti­schen Buddhismus. Dafür gab es zu wenig Gemüse.«

»Dann sind Sie also Tibeter! Ich dachte, Sie stam­men aus einem Inselstaat?«

»Das tun wir auch. Aber ursprüng­lich sind wir aus Tibet. Die älte­ren von uns – Rudra Cakrin zum Beispiel – sind aus­ge­wan­dert, als die Chinesen kamen. Wir ande­ren sind ent­we­der in Indien oder direkt auf Khembalung gebo­ren.«

Sie betra­ten das Restaurant und setz­ten sich in eine der großen Nischen zwi­schen den hohen höl­zer­nen Trennwänden. Anna nahm den beiden Männern gegen­über Platz.

»Ich heiße Drepung«, sagte der junge Mann, »und dieser Rimpoche, unser Botschafter in Amerika, heißt Gyatso Sonam Rudra Cakrin.«

»Ich bin Anna Quibler.« Sie gab den Männern die Hand. Beide hatten dicke Schwielen.

Die Kellnerin kam, und nach einer kurzen gemur­mel­ten Besprechung fragte Drepung Anna, ob sie etwas emp­feh­len konnte. Schließlich bestell­ten sie eine bunt belegte Pizza.

Anna nippte an ihrem Wasser. »Erzählen Sie mir von Khembalung.«

Drepung nickte. »Ich wünschte, Rudra Cakrin könnte Ihnen selbst ant­wor­ten, aber leider lernt er gerade erst Englisch. Anscheinend geht es nur lang­sam voran. Wie auch immer, ver­mut­lich wissen Sie, dass Tibet 1950 von China besetzt wurde und der Dalai Lama 1959 nach Indien geflo­hen ist?«

»Ja, davon habe ich gehört.«

»Genau. Damals und auch später sind viele Tibeter nach Indien aus­ge­wan­dert, um den Chinesen zu ent­kom­men und dem Dalai Lama näher zu sein. Indien hat uns zunächst sehr gast­freund­lich auf­ge­nom­men, aber als es dann 1960 zu Grenzstreitigkeiten zwi­schen der chi­ne­si­schen und der indi­schen Regierung kam, wurden wir für die Inder zu einer Belastung. Sie hatten schon genug Probleme mit Pakistan, ein ern­ster Konflikt mit China wäre zu viel gewe­sen. Also haben sie ver­langt, dass die tibe­ti­sche Gemeinde in Dharamsala so klein und unwich­tig erscheint wie mög­lich. Der Dalai Lama und seine Regierung haben ihr Bestes getan. Viele Tibeter sind weg­ge­zo­gen, die mei­sten davon weit in den Süden. Einigen wurde eine Insel in den Sundarbans ange­bo­ten, und sie haben sich dort nie­der­ge­las­sen. Seitdem gehört die Insel uns. Sie ist eine Art indi­sches Protektorat, wie Sikkim, nur nicht ganz so offi­zi­ell.«

»Ist Khembalung der ursprüng­li­chen Name der Insel?«

»Nein. Ich glaube, vorher hatte sie gar keinen Namen. Die mei­sten von uns haben früher einmal im Tal Khembalung gewohnt, und diesen Namen haben wir bei­be­hal­ten. Auch nach­dem wir vom Regierungssitz des Dalai Lama in Dharamsala weg­ge­zo­gen sind.«

Bei den Worten »Dalai Lama« verzog der alte Mönch das Gesicht und sagte etwas auf Tibetisch.

»Der Dalai Lama ist für uns immer noch die Nummer eins«, erklärte Drepung. »Mit seinen Anhängern gibt es aller­dings reli­giöse Meinungsverschiedenheiten. Um die Frage, wie man ihn am besten unter­stützt.«

»Und Ihre Insel?«

Die Pizza kam, und Drepung sprach zwi­schen großen Bissen weiter. »Die Sundarbans sind dünn besie­delt. Unsere Insel war unbe­wohnt.«

»Haben Sie unbe­wohn­bar gesagt?«

»Wer es sich aus­su­chen kann, hätte sie viel­leicht so bezeich­net. Und mög­li­cher­weise wird sie bald tat­säch­lich unbe­wohn­bar sein. Am besten gefällt es dort den Tigern. Aber uns ist es dort auch gut ergan­gen. Wir sind zu Tigern gewor­den. Wir haben eine schöne Stadt erbaut. Schulen, Häuser, ein Krankenhaus. All diese Dinge. Und Deiche. Die ganze Insel ist jetzt von Dämmen umge­ben. Viel Arbeit. Harte Arbeit.« Er nickte, als wäre er mit dieser Arbeit per­sön­lich ver­traut. »Wir hatten Berater aus den Niederlanden. Sehr nett. Es ist unser Zuhause, wissen Sie? Ein neues Khembalung für ein neues Zeitalter. Aber jetzt …« Er wedelte erneut mit der Hand, nahm sich noch ein Stück Pizza und biss hinein.

»Erderwärmung?«, ver­mu­tete Anna. »Anstieg des Meeresspiegels?«

Er nickte und schluckte. »Unsere nie­der­län­di­schen Freunde haben uns gera­ten, hier eine Botschaft ein­zu­rich­ten und gemein­sam mit ihnen Einfluss auf die ame­ri­ka­ni­sche Politik zu nehmen.«

Anna biss schnell in ihre Pizza, damit man ihr nicht ansah, was ihr dabei durch den Kopf ging: dass die Holländer ziem­lich ver­zwei­felt sein muss­ten, wenn sie sich von diesen Leuten Hilfe erhoff­ten. Während sie kaute, dachte sie dar­über nach. »Und da sind Sie nun. Waren Sie vorher schon einmal in Amerika?«

Drepung schüt­telte den Kopf. »Keiner von uns.«

»Das muss ziem­lich über­wäl­ti­gend sein.«

Er run­zelte die Stirn. »Ich war schon in Kalkutta.«

»Oh. Verstehe.«

»Hier ist natür­lich vieles anders.«

»Bestimmt.«

Sie mochte ihn: sein klang­vol­les indi­sches Englisch, sein rundes Gesicht mit den großen glän­zen­den Augen, das offene Lächeln. Die beiden Männer waren sehr gegen­sätz­lich: Drepung jung und groß und kind­lich rund, Rudra Cakrin alt, klein und ver­schrum­pelt, das Gesicht run­ze­lig, kantig und fleisch­los, sodass Wangenknochen und Kinn deut­lich her­vor­tra­ten.

Aber die Runzeln waren Lachfältchen, und die Falten auf der Stirn drück­ten stän­di­ges Erstaunen aus. Er wirkte fröh­lich, und die Pizza aß er mit ebenso viel Begeisterung wie sein junger Assistent. Die gescho­re­nen Köpfe ver­lie­hen ihnen eine Art Familienähnlichkeit.

»Der Umzug von Tibet auf eine Tropeninsel war ver­mut­lich eine grö­ßere Umstellung als die Reise von der Insel hier­her«, sagte Anna.

»Vermutlich. Ich selbst bin in Khembalung gebo­ren, des­halb kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Aber unsere Alten, die wie Rudra den Umzug mit­er­lebt haben, schei­nen sich wohl­zu­füh­len. Auf jeden Fall ist es ein Segen, wieder ein Zuhause zu haben.«

Anna nickte. Tatsächlich strahl­ten beide Männer eine gewisse Ruhe aus. Sie saßen da, als hätten sie es nicht eilig, das Restaurant wieder zu ver­las­sen. Anna war das fremd, sie war eigent­lich immer in Eile. Jetzt ver­suchte sie jedoch, ähn­lich gelas­sen zu wirken. Ganz ent­spannt. In Arlington, Virginia, nach­dem man sein gesam­tes Leben auf einer Insel im Mündungsdelta des Ganges ver­bracht hatte. Gut, zumin­dest das Klima dürfte ihnen ver­traut vor­kom­men. Aber alles andere musste doch über­wäl­ti­gend fremd sein.

Und bei genaue­rem Hinschauen merkte sie ihnen durch­aus eine gewisse Wachsamkeit an. Die Art, wie Drepung sie anschaute, hatte etwas Zurückhaltendes. Es erin­nerte sie an den schmerz­li­chen Blick, den sie am Vormittag bei ihm bemerkt hatte.

»Wie kommt es eigent­lich, dass Sie aus­ge­rech­net in diesem Gebäude Büroräume gemie­tet haben?«

Drepung dachte über­ra­schend lange über die Frage nach. Rudra sagte etwas zu ihm.

»Man hat uns dazu gera­ten«, ant­wor­tete Drepung schließ­lich. »Wir werden vom Pew Center on Global Climate Change unter­stützt. Deren Büros sind nicht weit ent­fernt.«

Anna aß weiter und dachte nach. Es war gut zu wissen, dass diese Leute nicht ein­fach das erst­be­ste Büro gemie­tet hatten. Trotzdem, um in Washington etwas zu errei­chen, würden sie grö­ßere Unterstützung brau­chen. »Sie soll­ten sich mal mit meinem Mann unter­hal­ten«, sagte sie. »Er arbei­tet für einen Senator – einen anstän­di­gen Mann, der sich für Klimawandel inter­es­siert, Vorsitzender des Komitees für Auswärtige Beziehungen.«

»Senator Chase?«

»Sie haben von ihm gehört?«

»Er war einmal in Khembalung.«

»Wirklich? Das über­rascht mich nicht, er war schon über… er hat viele Länder besucht. Jedenfalls, mein Ehemann Charlie ist sein Berater in Umweltfragen. Ein Gespräch mit ihm könnte nütz­lich sein.«

»Es wäre eine Ehre.«

»So weit würde ich nun nicht gehen. Aber nütz­lich.«

»Nützlich, ja. Vielleicht dürfen wir Sie zum Abendessen in unsere Residenz ein­la­den.«

»Vielen Dank, das klingt sehr nett. Nur haben wir zwei kleine Kinder, und im Moment sind uns alle Babysitter abhan­den gekom­men. Ehrlich gesagt wäre es ein­fa­cher, wenn Sie und einige Ihrer Kollegen zu uns kämen. Ich habe sogar schon mit Charlie dar­über gespro­chen, und er freut sich darauf, Sie ken­nen­zu­ler­nen. Wir wohnen in Bethesda, gleich außer­halb des District. Es ist nicht weit.«

»Rote Linie.«

»Ja, sehr gut. Rote Linie, Haltestelle Bethesda.«

Sie holte ihren Kalender hervor und blät­terte die näch­sten Wochen durch. Sehr voll, wie üblich. »Wie wäre es mit Freitag in einer Woche? Freitags geht es bei uns immer etwas ent­spann­ter zu.«

»Vielen Dank.« Drepung neigte den Kopf. Rudra Cakrin und er wech­sel­ten einige Sätze auf Tibetisch. »Das wäre sehr freund­lich. Sogar zu Vollmond.«

»Wirklich? Darauf achte ich leider nie.«

»Wir schon. Wegen der Gezeiten, wissen Sie.«


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2025 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel