1 | Die Ankunft des Buddha

von Kim Stanley Robinson

Die Erde ist in eine Flut von Sonnenlicht getaucht, von Photonen gera­dezu über­schwemmt – im Durchschnitt 342 Joule pro Quadratmeter in einer Sekunde. 4185 Joule (eine Kalorie) genü­gen, um ein Kilogramm Wasser um ein Grad Celsius zu erwär­men. Würde die Erdatmosphäre alle her­ein­strö­mende Energie spei­chern, würde ihre Temperatur an einem Tag um zehn Grad stei­gen.

Zum Glück wird das meiste davon wieder ins Weltall abge­strahlt. Wie viel, hängt von der Albedo und der che­mi­schen Zusammensetzung der Atmosphäre ab. Beides ist varia­bel.

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Die Albedo der Erde, also ihr Rückstrahlungsvermögen, basiert zu einem großen Teil auf den Eiskappen an den Polen. Sollten die Eis- und Schneedecken dort wesent­lich schrump­fen, würde mehr Sonnenenergie auf der Erde ver­blei­ben. Sonnenlicht würde die­je­ni­gen Bereiche der Ozeane durch­drin­gen, die bisher von Eis bedeckt waren, und das Wasser erwär­men. Diese zusätz­li­che Wärme wie­derum würde noch mehr Eis schmel­zen lassen. Eine posi­tive Rückkopplung.

Allein das Packeis im Nordpolarmeer strahlt meh­rere Prozent der gesam­ten jähr­li­chen Sonneneinstrahlung ins Weltall zurück. Als diese Eisschicht in den 1950er Jahren zum ersten Mal von Atom-U-Booten ver­mes­sen wurde, war sie im Winter durch­schnitt­lich neun Meter dick. Am Ende des Jahrhunderts waren es noch vier­ein­halb. Eines Tages zer­brach das Eis im August in große tafel­för­mige Eisberge. Sie trie­ben frei umher, und die brei­ten Wasserkanäle zwi­schen ihnen waren der pau­sen­lo­sen Sonneneinstrahlung eines ark­ti­schen Sommers aus­ge­setzt. Im näch­sten Jahr begann das Auseinanderbrechen schon im Juli; zeit­weise bestand die Hälfte der Fläche im Polarmeer aus offe­nem Wasser. Im drit­ten Jahr begann das Auseinanderbrechen im Mai.

Das war letz­tes Jahr.

* * * * *

Alle Arbeitstage begin­nen gleich. Der Wecker klin­gelt und reißt dich aus Träumen, die du sofort ver­gisst. Es fängt gerade erst an zu däm­mern, im Zimmer ist es noch dunkel. Du tappst ins Bad und unter die Dusche und ver­suchst wach zu werden. Heißes Wasser im Nacken. Ein Traumfetzen, irgend­eine schwie­rige Situation, der du ent­kom­men musst; die Einzelheiten ver­flüch­ti­gen sich, kurz darauf ist die Erinnerung ganz weg. Träume wollen gar nicht, dass du sie im Gedächtnis behältst.

Wie sie geschla­fen hat? Nicht beson­ders gut. Anna Quibler war jetzt schon erschöpft. Joe hatte zwei­mal geweint, und auch wenn nicht sie, son­dern Charlie auf­ge­stan­den war, um ihn zu besänf­ti­gen – Joe sollte lernen, dass seine Mom nachts nicht mehr zu ihm kommen würde –, war Anna natür­lich eben­falls auf­ge­wacht. Undeutlich hatte sie Charlies beru­hi­gende Worte gehört: »Hey. Joe. Was ist denn los. Schlaf weiter, Junge, vor morgen früh pas­siert hier gar nichts, völlig sinn­los, dieses Gejammer, gute Nacht, ver­dammt noch mal.«

Danach hatte sie sich im Bett her­um­ge­wälzt und ver­sucht, nicht an die Arbeit zu denken. Aber Annas Gedanken wurden nun einmal von einem Tropismus bestimmt, der sie in Richtung Arbeit lenkte. Auch letzte Nacht.

Drei Minuten nach dem Duschen war sie abge­trock­net und ange­zo­gen. Im Erdgeschoss füllte sie die Lunchbox für ihren älte­ren Sohn, wie gewünscht mit den glei­chen Dingen wie immer: ein Sandwich mit Erdnussbutter, fünf Karotten, ein Apfel, Kakao, Joghurt, zusam­men­ge­rollte Scheibe Wurst, Käsestange, Keks. Als sie den Kühlbeutel aus dem Gefrierschrank nahm, fiel ihr Blick auf die ordent­li­chen Reihen von Plastikflaschen mit der ein­ge­fro­re­nen Muttermilch, die Charlie später am Tag auf­tauen würde, um Joe zu füt­tern. Es erin­nerte sie daran, dass sie den Kleinen noch stil­len musste, bevor sie los­ging – nicht dass sie den Anstoß gebraucht hätte, ihre Brüste fühl­ten sich bereits sehr voll an. Sie stapfte wieder nach oben, hob Joe aus seinem Bettchen und setzte sich mit ihm auf die Couch. »Hallo, mein Liebster, hier kommt deine schläf­rige Amme.«

Joe dockte bei ihr an, ohne rich­tig wach zu werden. Mit geschlos­se­nen Augen sah er aus wie ein Engel. Obwohl er schon recht groß war, konnte sie ihn noch gut auf den Armen halten, und er schmiegte sich an sie wie ein Neugeborenes. Dabei wurde er bald zwei und tat ihr oft weh, ein wildes, anstren­gen­des Kind. Aber nicht in diesem Augenblick. Die warmen Gefühle, die das Stillen aus­lö­ste, ließen sie erneut schläf­rig werden; gei­stig war sie jedoch schon halb bei der Arbeit. Also hielt sie sich an den Zeitplan, löste Joe von der einen Brust und legte ihn noch vier Minuten an die andere. Danach würde er zufrie­den wei­ter­schla­fen. Ungefähr bis neun, sagte Charlie.

Sie legte ihn wieder ins Bettchen, knöpfte ihre Bluse zu und gab ihren Jungs allen einen Kuss auf die Stirn. »Ruf an, pass auf dich auf«, mur­melte Charlie. Gleich darauf war sie unten zur Tür hinaus, die große Arbeitstasche über der Schulter.

In der kühlen Luft wachte sie zum ersten Mal an diesem Tag rich­tig auf. Es war zwar schon Mai, aber mor­gens immer noch frisch, ein Genuss ange­sichts der feuch­ten Hitze später. Auf der Straße don­ner­ten Lastwagen Richtung Süden. An den Hochhäusern rund um die Metrostation Bethesda blitzte Sonnenlicht in den bläu­li­chen Fenstern.

Anna ging am Fahrstuhlhäuschen der Metro vorbei, weil das ihren Fußweg um fünf­zig Meter ver­län­gerte, bog um die Ecke und stieg die Treppe zur Bushaltestelle hinab. Von dort führte eine Rolltreppe in die weite, dämm­rige gerippte Betonröhre hin­un­ter. Karte ans Drehkreuz halten, das Klacken, mit dem die drei­ecki­gen Sperren zurück­wi­chen, Rolltreppe, Bahnsteig. Kein Zug im Bahnhof, meh­rere Minuten bis zum näch­sten, also setzte sie sich auf eine Betonbank, öff­nete ihr Tablet und nahm sich einen der Hefter vor, wie sie die Förderanträge noch immer nann­ten; fünf­zig­tau­send davon gingen all­jähr­lich bei der National Science Foundation ein. »Algorithmische Analyse palin­dro­mi­scher Sequenzen zur Vorhersage der von Genen expri­mier­ten Proteine.« Der Algorithmus, um den es ging, war offen­bar in der Lage, mit einer gewis­sen Zuverlässigkeit vor­her­zu­sa­gen, wel­ches Protein ein bestimm­tes Gen expri­mierte. Eine sehr nütz­li­che Neuerung, da die Gene in jedem Lebewesen eine rie­sige Menge unter­schied­li­cher Proteine her­vor­brach­ten. Anna blieb jedoch skep­tisch. Genomik war aller­dings auch nicht ihr Fachgebiet; der Antrag war etwas für Frank Vanderwal. Sie machte sich eine ent­spre­chende Notiz und ver­schob den Antrag in eine Weiterleitungsmail an Frank.

Ein Zug kam. Einsteigen, Sitzplatz suchen, in Metro Center umstei­gen, in Ballston (Arlington, Virginia) aus­stei­gen: All das geschah ohne ihr bewuss­tes Zutun, wäh­rend sie weiter Anträge las. Der erste erschien ihr nach wie vor am inter­es­san­te­sten. Sie war neu­gie­rig, was Frank dazu sagen würde.


Ausgänge von Metrostationen sind über­all gleich: Auf einer langen Rolltreppe fährt man einem Oval aus grauem Himmel und warmer Luft ent­ge­gen. Und findet sich unver­mit­telt in geschäf­ti­gem Stadtleben wieder.

Das Besondere an der Metrostation Ballston war, dass die Rolltreppe in einem Vorraum endete, von dem aus Glastüren in ein Gebäude führ­ten. Anna betrat das Gebäude, ging zu dem Verkaufsstand, an dem man Sandwiches und Gebäck bekam, und deckte sich für ihren mit­täg­li­chen Imbiss am Schreibtisch ein. Dann kehrte sie ins Freie zurück und ging zu Starbucks.

Die hie­sige Starbucks-Filiale war mit Mitarbeitern geseg­net, die sich hin­ge­bungs­voll um Tempo und Genauigkeit bemüh­ten. Anna sah ihnen gern dabei zu; an effi­zi­en­ten Arbeitsabläufen hatte sie schon immer ihre Freude, und mit den Jahren war diese Vorliebe nur stär­ker gewor­den. Sie fand es bewun­derns­wert, wie diese jungen Leute eine poten­zi­ell lang­wei­lige Aufgabe in eine sport­li­che Herausforderung ver­wan­del­ten. Auch jetzt hob es ihre Stimmung, dass sich die lange Schlange schnell vor­wärts­be­wegte und dass die Frau an der Kasse sie schon bemerkte, als noch zwei Kunden vor ihr waren, und ihren Teamkameraden zurief: »Großer Latte, halb kof­fe­in­frei, fett­arm, ohne Schaum!«, sodass sie, als Anna vorn ange­kom­men war, nur noch fragen musste, ob sie heute noch einen Wunsch hatte. Da fiel es leicht, beim Kopfschütteln zu lächeln.

Dann wieder nach drau­ßen und um die Ecke zum Gebäude der NSF. Drinnen zeigte sie den Wachen ihren Ausweis und ging zu den Fahrstühlen.

Anna mochte das NSF-Gebäude. Es war um einen Hohlraum herum kon­stru­iert, ein rie­si­ges acht­ecki­ges Atrium, das vom Erdgeschoss bis zum Glasdach zwölf Stockwerke hin­auf­reichte. Die Wände dieses leeren Raums – der größer war als so man­ches Haus – bil­de­ten die Innenfenster der NSF-Büros. Weit oben hing ein großes Mobile aus geschwun­ge­nen, in den Grundfarben lackier­ten Metallstäben. Im Erdgeschoss befan­den sich kleine Geschäfte, die vom Atrium aus erreich­bar waren: eine Pizzeria, ein Friseur, ein Reisebüro, eine Bankfiliale.

Anna bemerkte eine gewisse Unruhe auf der ande­ren Seite des Atriums: eine Ansammlung von Weinrot, ein Aufblitzen von Messing, und dann erklang ein tiefer hal­len­der Ton, ein vibrie­ren­des Blaaa, das den weiten Raum erfüllte, als wäre das Atrium ein ein­zi­ger rie­si­ger Schalltrichter.

Offenbar ein Trupp von Tibetern, Männer und Frauen in gegür­te­ten wein­ro­ten Gewändern und gelben Mützen mit Ohrenklappen. Einige spiel­ten auf langen gera­den Blasinstrumenten, andere trom­mel­ten oder schwenk­ten Gefäße, aus denen Schwaden von Sandelholzrauch stie­gen. Singend und tan­zend, aber lang­sam und in maje­stä­ti­scher Würde durch­quer­ten sie das Atrium.

Sie beweg­ten sich auf das Reisebüro zu, und Anna fragte sich kurz, ob sie ihren Heimflug buchen woll­ten. Dann bemerkte sie, dass die Schaufenster des Reisebüros leer waren. Die tibe­ti­schen Sänger und Tänzer ver­sam­mel­ten sich am Eingang, Gesang und Blasmusik schwol­len an, die unglaub­lich tiefen Töne ließen die Luft vibrie­ren. In der Mitte der Feiernden stand ein alter Mann, dessen brau­nes Gesicht von tiefen Runzeln durch­zo­gen war. Er hob lächelnd die rechte Hand, und die Musik endete unor­dent­lich in einem Hyperbasston, den Anna in der Magengegend spürte.

Der alte Mann löste sich aus der Gruppe und ver­neigte sich in alle vier Richtungen; dann senkte er das Kinn und begann zu singen. Der Gesang war zwei­stim­mig, ein klarer Bass und dar­über ein deut­lich hör­ba­rer, klang­vol­ler Kopfton – ein Effekt, den man einem so schmäch­ti­gen Mann kaum zuge­traut hätte. Beim Singen ging er auf den Eingang des Reisebüros zu, berührte beide Türpfosten und rief jedes Mal mit schar­fer Stimme: »Rig yal ba! Chos min gon pa!«

»Jetsun Gyatso!«, riefen die ande­ren.

Der alte Mann ver­neigte sich vor ihnen.

Dann riefen alle zusam­men »Om!« und betra­ten nach­ein­an­der das kleine Geschäft; die Bläser muss­ten ihre langen Instrumente schräg halten, damit sie durch die Tür pass­ten.

Ein junger Mönch kam wieder heraus. Er zog ein klei­nes recht­ecki­ges Schild aus dem weiten Ärmel seiner Kutte, ent­fernte die Schutzfolie von der Rückseite und befe­stigte das Schild neben der Tür am Fenster. Dann ver­schwand er wieder nach drin­nen.

Anna trat näher ans Fenster heran. Auf dem Schild stand:

BOTSCHAFT VON KHEMBALUNG

Eine Botschaft! Von diesem Land hatte sie noch nie gehört. Ein selt­sa­mer Standort für eine Botschaft, weit weg von der Diplomatenzeile an der Massachusetts Avenue mit ihren aus­ge­fal­le­nen Bauwerken, unbe­kann­ten Fahnen und auf­wen­dig gestal­te­ten Außenanlagen; weit weg auch von Georgetown, Dupont Circle, Adams Morgan, Foggy Bottom, dem Osten von Capitol Hill oder jedem ande­ren Ort, an dem man eine acht­bare Botschaft ver­mu­ten würde. In Arlington, und dann auch noch im Gebäude der NSF!

Vielleicht ein wis­sen­schaft­lich gepräg­tes Land.

Der Gedanke gefiel Anna. Sie trat noch etwas näher heran.

Der junge Mann, der das Schild befe­stigt hatte, kam wieder heraus. Er hatte ein rundes Gesicht, einen kahl­ge­scho­re­nen Kopf und einen beweg­li­chen klei­nen Mund.

Er sah sie aus aus­drucks­vol­len dunk­len Augen an. »Kann ich Ihnen helfen?« Sein Akzent klang in ihren Ohren fast indisch.

»Ja. Ich habe bei Ihrer Zeremonie zuge­schaut und frage mich jetzt, woher Sie kommen.«

»Vielen Dank für Ihr Interesse«, ant­wor­tete der junge Mann höf­lich und neigte lächelnd den Kopf. »Wir sind aus Khembalung.«

»Ja, aber …«

»Ah. Unser Land ist ein Inselstaat im Golf vom Bengalen, nicht weit von der Mündung des Ganges.«

»Verstehe«, sagte Anna über­rascht; sie hatte erwar­tet, dass die Fremden aus der Himalayaregion stamm­ten. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

»Es ist keine große Insel. Und wir sind erst vor Kurzem zu einem Staat gewor­den. Darum rich­ten wir auch erst jetzt eine diplo­ma­ti­sche Vertretung ein.«

»Eine gute Idee. Allerdings hat es mich ehr­lich gesagt über­rascht, dass hier eine Botschaft ein­zieht. Ich hätte das nicht für einen geeig­ne­ten Standort gehal­ten.«

»Wir haben den Ort sehr sorg­fäl­tig gewählt«, sagte der junge Mönch.

Sie sahen sich an.

»Sehr inter­es­sant«, sagte Anna. »Gutes Gelingen für den Einzug. Es ist schön, dass Sie da sind.«

»Danke.« Er nickte wieder.

Anna wandte sich zum Gehen, blickte aber aus irgend­ei­nem Grund noch einmal zurück. Der junge Mönch stand am Eingang der Botschaft und schaute zur Pizzeria hin­über. Er verzog kaum merk­lich das Gesicht, was ihr ver­riet, dass er unglück­lich war.

Diesen Gesichtsausdruck kannte Anna. Ihr älte­rer Sohn Nick war nach der Geburt zunächst von Charlie, ihr und diver­sen Babysittern betreut worden, aber nach eini­ger Zeit hatten sie ihn in einer Kindertagesstätte nicht weit von der Metrostation in Bethesda unter­ge­bracht. Anfangs hatte Nick heftig geweint, wann immer sie ihn dort abgab, eine gräss­li­che Erfahrung; schließ­lich schien er sich jedoch daran zu gewöh­nen. Genau wie sie – solche schmerz­li­chen täg­li­chen Trennungen gehör­ten nun einmal dazu.

Eines Morgens dann, als Nick beim Abschied in der Kindertagesstätte nicht mehr weinte und ihr Weggehen kaum zu bemer­ken schien, war sie drau­ßen aus irgend­ei­nem Grund noch einmal ste­hen­ge­blie­ben und hatte durchs Fenster hin­ein­ge­schaut. Und hatte auf seinem Gesicht einen Ausdruck trau­ri­ger, stoi­scher Entschlossenheit ent­deckt – den festen Vorsatz, nicht zu weinen und diesen end­lo­sen, ein­sa­men, lang­wei­li­gen Tag hinter sich zu brin­gen. Bei einem Kleinkind war das herz­zer­rei­ßend. Es hatte sie bis ins Mark getrof­fen, sie hatte unwill­kür­lich auf­ge­schrien und wäre fast wieder hin­ein­ge­rannt, um ihn in die Arme zu nehmen und zu trö­sten. Dann hatte sie sich gefragt, wie er sich erst nach einem wei­te­ren Abschiednehmen fühlen würde, und war gegan­gen, mit einem schreck­li­chen Gefühl von Zerrissenheit und Verzweiflung über den Lauf der Welt.

Und genau der glei­che Ausdruck lag jetzt auf dem Gesicht dieses jungen Mannes! Wieder ver­setzte es ihr einen Stich, und sie blieb unwill­kür­lich stehen. Aus wel­chen Gründen moch­ten diese Menschen um die halbe Welt gereist sein? Was hatten sie zurück­ge­las­sen?

Sie ging wieder zu ihm.

Er bemerkte sie, und aber­mals drückte sein Gesicht nur Ruhe aus. »Ja?«

»Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gele­gent­lich zeigen, wo man hier in der Gegend gut zu Mittag isst.«

»Oh, danke. Das wäre aus­ge­spro­chen freund­lich.«

»An wel­chem Tag würde es denn beson­ders gut passen?«

»Nun ja – Hunger bekom­men wir sicher heute schon.« Er lächelte. Es war ein äußerst nettes Lächeln, das sie an Nick erin­nerte.

Erfreut lächelte sie zurück. »Dann komme ich um ein Uhr vorbei, ja?«

»Das wäre sehr will­kom­men. Sehr freund­lich.«

Sie nickte. »Also bis eins.« Im Geist arran­gierte sie bereits ihre Pläne für den Tag um. Ihr Lunchpaket konnte sie in den klei­nen Kühlschrank in ihrem Büro legen.

Sie ging zu den Fahrstühlen auf der Südseite des Gebäudes. Während sie war­tete, gesellte sich Frank Vanderwal zu ihr, einer der Fachvertreter in ihrer Abteilung. Sie begrüß­ten sich, dann sagte sie: »Ich habe einen inter­es­san­ten Hefter für dich.«

Theatralisch ver­drehte er die Augen. »Gibt es das über­haupt? Für einen so aus­ge­brann­ten Typen wie mich?«

»Ach, ich denke schon.« Sie deu­tete Richtung Atrium. »Hast du unsere neuen Nachbarn bemerkt? Das Reisebüro ist weg, dafür haben wir jetzt eine Botschaft.«

»Eine Botschaft? Hier?«

»Ich fürchte, sie kennen sich in Washington nicht aus.«

»Aha.« Frank grin­ste schief. Mit dem Lächeln des jungen Mönchs hatte dieses Grinsen wenig gemein­sam. »Gesandte aus Shangri-La, was?« Einer der Aufwärts-Pfeile leuch­tete auf, und die Fahrstuhltür dar­un­ter öff­nete sich. »Die können wir hier gut gebrau­chen.«

* * * * *

Primaten in Fahrstühlen. Wie üblich stan­den alle schwei­gend da und blick­ten zu den Leuchtziffern der Anzeige hinauf.

Frank Vanderval nahm das zum Anlass, im gewohn­ten Modus des Soziobiologen über die mensch­li­che Spezies nach­zu­den­ken. Menschen waren Säugetiere, gesel­lige Primaten: so etwas wie Schimpansen ohne Fell. Der heu­tige Zustand ihres Körpers, ihres Gehirns, ihres Verstandes und ihrer Gesellschaft hatte sich im Verlauf von rund zwei Millionen Jahren in Ostafrika ent­wickelt, als der Wald dort auf­grund von Veränderungen im Klima offe­nen Savannen wich.

Was eini­ges erklärte. Natürlich fühl­ten sie sich in klei­nen beweg­li­chen Kisten nicht wohl. In der Savanne gab es so etwas nicht. Am ehe­sten ließe sich das mit dem Einstieg in eine Höhle ver­glei­chen. Im Gefolge eines fackel­tra­gen­den Schamanen, voller Ehrfurcht und höchst­wahr­schein­lich unter dem Einfluss psy­cho­tro­per Drogen und reli­giö­ser Rituale. Ein Erdbeben bei einem sol­chen Höhlenbesuch: Das wäre die ein­zige Erklärung, die der Verstand eines Savannenbewohners für eine Fahrt in einem moder­nen Fahrstuhl anzu­bie­ten hätte. Kein Wunder, dass unbe­hag­li­ches Schweigen herrschte. Man befand sich an einem hei­li­gen Ort. Für die Evolution neuer Denkmuster waren zehn­tau­send Jahre Zivilisation nicht annä­hernd lang genug. Die Menschen kamen nach wie vor nur mit Dingen gut zurecht, die sie noch aus der Savanne kann­ten.

Anna Quibler durch­brach jedoch das Sprechverbot; das geschah manch­mal, wenn alle Mitreisenden zur selben Kohorte gehör­ten. Sie setzte ihren Bericht fort: »Ich bin hin­ge­gan­gen und habe mich vor­ge­stellt. Sie kommen von einer Insel im Golf von Bengalen.«

»Haben sie gesagt, warum sie aus­ge­rech­net hier Räume ange­mie­tet haben?«

»Nur dass sie den Ort sorg­fäl­tig gewählt haben.«

»Nach wel­chen Kriterien?«

»Das habe ich sie nicht gefragt. Wegen der Nähe zur NSF, sollte man meinen.«

Frank schnaubte. »Das ist wie in dem Witz mit dem Filmsternchen und dem Drehbuchautor, oder?«

Anna rümpfte die Nase, was Frank über­raschte; sie war zwar immer kor­rekt, aber eigent­lich nicht prüde. Dann begriff er: Ihre Missbilligung galt nicht dem Witz, son­dern der Vorstellung, dass die Neuankömmlinge der­ma­ßen ahnungs­los sein könn­ten. »Ich glaube, das werden inter­es­sante Nachbarn«, sagte sie.

Homo Sapiens gehörte zu den Arten mit Geschlechtsdimorphismus. Das betraf nicht nur kör­per­li­che Aspekte – archäo­lo­gi­sche Befunde ließen in Franks Augen darauf schlie­ßen, dass sich die gesell­schaft­li­chen Rollen beider Geschlechter schon früh aus­ein­an­der­ent­wickelt hatten. Unterschiedliche Rollen zogen unter­schied­li­che Denkmuster nach sich, woraus man plau­si­bel ablei­ten konnte, dass sogar bei Tätigkeiten wie der Wissenschaft, die auf den ersten Blick nicht geschlechts­spe­zi­fisch waren, ver­schie­dene Herangehensweisen exi­stier­ten. Mit ande­ren Worten: Möglicherweise gab es eine männ­li­che und eine weib­li­che Form wis­sen­schaft­li­chen Arbeitens, und diese unter­schie­den sich grund­le­gend von­ein­an­der.

Solche Gedanken gingen Frank durch den Kopf, wäh­rend der Fahrstuhl hielt und Anna und er den Korridor ent­lang zu ihren Büros gingen. Anna war genauso groß wie er und hatte eine gute Figur, aber dieser Dimorphismus, der zu unter­schied­li­chen Denkmustern und Verhaltensweisen führte, bewirkte auch, dass er sich in ihrer Gegenwart immer etwas unbe­hag­lich fühlte. Nicht dass das sein Verhältnis zu ihr voll­stän­dig beschrieb – aber ihren wis­sen­schaft­li­chen Stil fand er durch­aus irri­tie­rend. Dabei war sie nicht etwa gefühl­voll und unge­nau, wie es weib­li­chem Denken oft nach­ge­sagt wurde – im Gegenteil, ihre wis­sen­schaft­li­chen Arbeiten (trotz ihrer Aufgaben in der Verwaltung ver­öf­fent­lichte sie nach wie vor Artikel im Fachbereich Statistik) waren oft von pedan­ti­schem Perfektionismus geprägt. Sie war eine sorg­fäl­tig arbei­tende, erst­klas­sige Statistikerin, klug und schnell, kannte sich in meh­re­ren Fachgebieten gut aus und gehörte in mehr als einem zu den Besten. Für die Leitung der Bioinformatik-Abteilung der NSF ließ sich kaum eine bes­sere Wahl denken.

Aber sie war mit sol­cher Intensität bei der Sache! Eine wis­sen­schaft­li­che Puritanerin, ratio­nal bis zum Extrem. Und genau wie bei den Puritanern frü­he­rer Zeiten war das natür­lich reine Fassade; par­al­lel zu diesem Hang zum Hyperrationalen besaß sie auch emo­tio­nale Offenheit, Hingabe und Wandelbarkeit, Eigenschaften, die dem anglo­ame­ri­ka­ni­schen Leitbild weib­li­chen Verhaltens und der sozia­len Rolle der Frau ent­spra­chen. Jede weib­li­che Wissenschaftlerin folgte dem Beispiel von Mr. Spock, sie stellte ihre ratio­nale Seite in den Vordergrund und ver­leug­nete die emo­tio­nale.

Vor diesem Hintergrund betrach­tet musste Frank aller­dings zuge­ben, dass dieser Zwiespalt Anna deut­lich weni­ger anzu­mer­ken war als vielen ande­ren Wissenschaftlerinnen, die er kannte. Eigentlich wirkte sie ziem­lich mit sich im Reinen. Im Laufe des letz­ten Jahres hatte er viele Stunden mit ihr zusam­men­ge­ar­bei­tet und inter­es­sante Gespräche mit ihr geführt. Er mochte sie. Sein Unbehagen hatte nichts mit ihren lästi­gen Angewohnheiten zu tun, nicht einmal mit der Pingeligkeit und Haarspalterei, die so gut zu ihrem Nachnamen Quib(b)ler – Wortklauber – pass­ten (auch wenn nie jemand wagte, in ihrer Hörweite dar­über Witze zu machen). Nein, eher lag es daran, dass ihre Verbindung von hyper­wis­sen­schaft­li­cher Einstellung und lei­den­schaft­li­cher weib­li­cher Ausdrucksfähigkeit in ihm eine Vorstellung davon wach­rief, wie eine voll­kom­mene Wissenschaft aus­se­hen könnte, viel­leicht sogar eine voll­kom­mene Menschheit.

Tatsächlich erin­nerte sie Frank manch­mal an sich selbst. Natürlich nicht an das Selbst, das er ande­ren zeigte, son­dern an die Art und Weise, wie er die Welt erlebte. Auch in ihm steck­ten extreme Formen von Rationalität und Emotionalität. Deshalb fühlte er sich in Annas Gegenwart unwohl: Sie war ihm zu ähn­lich. Sie erin­nerte ihn an Seiten von sich, über die er lieber nicht nach­dachte. Nur dass sich diese Gedankengänge stän­dig auf­dräng­ten. Schwierig.

Nach einem Fußmarsch halb um den fünf­ten Stock herum erreich­ten sie ihre Büros. Frank ver­fügte nur über eine von vielen Waben in einem offe­nen Arbeitsbereich; Anna hatte gleich gegen­über ein rich­ti­ges Zimmer mit einem Vorraum für ihre Sekretärin Aleesha. Wie alles in diesem ver­win­kel­ten Labyrinth waren auch ihre Räume mit Computern, Aktenschränken und über­vol­len Bücherregalen zuge­stellt, der typi­schen Einrichtung der Arbeitszimmer von Wissenschaftlern über­all auf der Welt. Die vor­herr­schende Farbe war beige, was wohl die Reinheit der Wissenschaft sym­bo­li­sie­ren sollte.

Dass die Räume trotz­dem mensch­lich und sogar ein­la­dend wirk­ten, lag an den großen Fenstern zum Innenhof, durch die man alle ande­ren Büros rund um das zen­trale Atrium sehen konnte. Diese Weite ver­bun­den mit dem Ausblick auf fünf­zig bis hun­dert andere Menschen ver­lieh den Büros einen Hauch von Savanne. Zumindest auf der Primatenebene fühl­ten sich die Leute hier wohl. Frank glaubte zwar nicht im Mindesten, dass der Architekt diesen Effekt bewusst geplant hatte, aber offen­bar hatte er instink­tiv erkannt, mit wel­chen Mitteln sich die Menschen in diesen Räumen zu best­mög­li­cher Leistung anspor­nen ließen.

Frank setzte sich an seinen Schreibtisch und schaute ins Atrium hinaus. Sein ein­jäh­ri­ger Aufenthalt an der NSF näherte sich dem Ende; die Arbeit erschien ihm immer unwich­ti­ger. Auf jeder waag­rech­ten Fläche sta­pel­ten sich Fachartikel, in seinem Computer war­te­ten hun­derte Anträge darauf, begut­ach­tet zu werden. Es gab viel zu tun. Aber er schaute lieber aus dem Fenster.

Das bunte Mobile im oberen Teil des Atriums war ein furcht­bar simp­les Gebilde, ein­fa­che Formen in unver­misch­ten Farben, wie etwas, das ein Kindergartenkind hin­ge­krit­zelt hatte. Frank, der in seiner Freizeit gern klet­tern ging, hatte sich schon oft aus­ge­malt, wie er an diesem Mobile hin­auf­stei­gen würde. Ein paar Abschnitte wären schwie­rig, aber es würde bestimmt Spaß machen.

Am Mobile vorbei konnte er in hun­dert­acht Räume blicken (er hatte sie gezählt). Dort saßen Menschen tip­pend vor Bildschirmen, unter­hiel­ten sich, tele­fo­nier­ten, lasen oder saßen in Seminarräumen, sahen sich pro­ji­zierte Fotos an und rede­ten. Vor allem rede­ten sie. Müsste man anhand dieses Gebäudes beur­tei­len, was wis­sen­schaft­li­ches Arbeiten aus­machte, würde man sagen: Gerede.

Was natür­lich nicht einmal ansatz­weise stimmte. Genau des­we­gen lang­weilte Frank sich hier. Echte Wissenschaft fand da statt, wo expe­ri­men­tiert wurde, in Labors und anderswo. Hier spielte sich etwas ande­res ab, eine Art Metawissenschaft mit dem Zweck, wis­sen­schaft­li­ches Arbeiten zu finan­zie­ren, zu koor­di­nie­ren, mit ande­ren mensch­li­chen Aktivitäten zu ver­knüp­fen.

Aus Annas Büro nebenan wehte der Duft ihres Latte her­über. Er konnte hören, dass sie bereits tele­fo­nierte; auch sie ver­brachte viel Zeit mit Reden. »Das weiß ich auch nicht, keine Ahnung, wie groß die ande­ren Stichproben sind … Nein, es ist nicht sta­ti­stisch insi­gni­fi­kant, das würde ja heißen, dass die Werte unter der Standardabweichung liegen. Es ist ein­fach sta­ti­stisch bedeu­tungs­los.«

Annas Assistentin Aleesha tele­fo­niert der­weil eben­falls; mit klang­vol­ler Altstimme und Washingtoner Akzent sprach sie gedul­dig auf jeman­den ein. Klärte ver­mut­lich ein Missverständnis auf. Ein Großteil der täg­li­chen Arbeit bei der NSF wurde von ein­hei­mi­schen afro­ame­ri­ka­ni­schen Frauen erle­digt – eine offen­sicht­li­che Tatsache, die kaum jemals erwähnt wurde –, und diese Frauen waren oft ent­schie­den weni­ger von der welt­be­we­gen­den Bedeutung ihrer Arbeit über­zeugt als ihre größ­ten­teils weißen Vorgesetzten. Aleesha zum Beispiel strahlte eine so starke höf­li­che Skepsis aus, wie Frank es selten erlebt hatte.

Jetzt tauchte Anna im Eingang zu seiner Zelle auf. Wie üblich tat sie so, als wäre sein Arbeitsplatz ein echtes Büro, indem sie an die Trennwand klopfte. »Frank, ich habe den Hefter an dich wei­ter­ge­lei­tet. Den zu diesem Algorithmus.«

»Mal sehen, ob er ange­kom­men ist.« Er über­prüfte sein Postfach; es zeigte eine neue Mail von aquibler@nsf.gov. »Da ist er. Schaue ich mir an.«

»Danke.« Sie zögerte. »Wann kehrst du an die Uni in San Diego zurück?«

»Entweder Ende Juli oder Ende August.«

»Das ist sehr schade. Ich weiß, in Kalifornien lebt es sich gut, aber wir würden uns freuen, wenn du ein zwei­tes Jahr bleibst. Oder sogar auf Dauer, falls du dir das vor­stel­len kannst. Wobei du sicher­lich viele Eisen im Feuer hast.«

»Stimmt«, sagte Frank unver­bind­lich. Länger als das eine Jahr zu blei­ben kam über­haupt nicht in Frage. »Es ist nett von dir, das vor­zu­schla­gen. Mir hat es hier gefal­len, aber ver­mut­lich werde ich schon nach Hause zurück­keh­ren. Aber ich denke drüber nach.«

»Danke. Wir hätten dich gern länger hier.«

Ein großer Teil der Arbeit der NSF wurde von Wissenschaftlern erle­digt, die für ein oder zwei Jahre von ihren Heimatinstituten frei­ge­stellt waren und in dieser Zeit die Förderprogramme auf ihren Fachgebieten betreu­ten. Bei der NFS gingen Tausende von Anträgen ein. Fachvertreter wie Frank lasen und sor­tier­ten sie, stell­ten Ausschüsse von exter­nen Gutachtern zusam­men und lei­te­ten die Sitzungen, in denen alle Anträge zu einem bestimm­ten Spezialgebiet bewer­tet wurden. Es war der Inbegriff eines Peer-Review-Verfahrens, einer Methode, mit der Frank völlig ein­ver­stan­den war. Jedenfalls im Prinzip. Ein Jahr war genug. Mehr als genug.

Anna war sein Gesichtsausdruck nicht ent­gan­gen. »Es ist schon ein ziem­li­ches Hamsterrad«, sagte sie.

»Na ja, nicht mehr als anderswo. Zu Hause wäre es ver­mut­lich noch schlim­mer.«

Sie lach­ten beide.

»Und dazu deine Arbeit für die Zeitschriften.«

»Richtig.« Mit einer fah­ri­gen Geste deu­tete Frank auf die Stapel von Manuskripten: drei für Review of Bioinformatics, zwei für The Journal of Sociobiology. »Ich bin stän­dig im Rückstand. Zum Glück halten die ande­ren Herausgeber ihre Termine besser ein.«

Anna nickte. Herausgeber einer Zeitschrift zu sein war eine Ehre, wurde aber nicht bezahlt – oft musste man die Zeitschrift sogar abon­nie­ren, wollte man einen Beleg seiner eige­nen Arbeit erhal­ten. Das war nur eine von vielen unbe­zahl­ten Tätigkeiten in den Wissenschaften, Teil eines Wirtschaftssystem auf der Basis von Sozialkredit.

»Okay«, sagte Anna. »Ich wollte ein­fach mal sehen, ob wir bei dir Chancen haben.. So arbei­ten wir näm­lich. Die beson­ders guten Gastwissenschaftler ver­su­chen wir zu halten.«

»Natürlich.« Frank nickte beklom­men; gegen seinen Willen fühlte er sich geschmei­chelt. Annas Meinung war ihm wich­tig. Er rollte den Stuhl näher zum Bildschirm, als wollte er mit der Arbeit anfan­gen. Anna wandte sich ab und ging.

Frank klickte auf den Hefter, den Anna an ihn wei­ter­ge­lei­tet hatte. Sofort erkannte er einen der Namen.

»Anna?«, rief er.

»Ja?«

»Ich kenne einen der Antragsteller. Erstautor ist jemand vom Caltech, aber die eigent­li­che Arbeit stammt von einem seiner Studenten.«

»Ja?« Das war nicht unge­wöhn­lich: Junge Forschende nutz­ten oft die Bekanntheit ihrer Betreuer, wenn sie ein Projekt vor­schlu­gen.

»Diesen Studenten kenne ich. Ich war vor ein paar Jahren exter­ner Prüfer bei seiner Promotion.«

»Das allein ergibt keinen Interessenkonflikt.«

Frank nickte. »Aber er hat auch einen Zeitvertrag bei Torrey Pines Generique. Das ist eine Firma in San Diego. Die habe ich mit gegrün­det.«

»Bis du noch finan­zi­ell betei­ligt?«

»Nein. Das heißt, im Moment liegen meine Aktien in einem Blind Trust, darum kann ich es nicht beschwö­ren, aber ich glaube nicht.«

»Du gehörst also nicht zum Aufsichtsrat und hast auch keinen Beratervertrag?«

»Nein. Und wie es aus­sieht, läuft sein Vertrag dort gerade aus.«

»Dann ist alles in Ordnung. Du kannst das bear­bei­ten.«

In der Wissenschaft durfte man nicht zu wäh­le­risch sein, was Interessenkonflikte anging, sonst fand man nie einen Gutachter. Wegen der immer stär­ke­ren Spezialisierung waren die ein­zel­nen Arbeitsgebiete inzwi­schen so klein, dass jeder jeden kannte. Solange es keine aktu­el­len finan­zi­el­len oder insti­tu­tio­nel­len Verbindungen zu den Betroffenen gab, kam man als Prüfer im Peer-Review-Verfahren infrage.

Trotzdem hatte sich Frank rück­ver­si­chern wollen. Yann Pierzinski war ein äußerst scharf­sin­ni­ger junger Biomathematiker, einer von den Doktoranden, die man im Auge behält, weil man bestimmt noch einmal von ihnen hören wird. Und nun mel­dete er sich tat­säch­lich zu Wort, noch dazu mit einem Thema, das Frank ganz beson­ders inter­es­sierte.

»Okay«, sagte er zu Anna, »ich nehme es mir vor.«

Er fing an zu lesen. »Algorithmische Analyse palin­dro­mi­scher Sequenzen zur Vorhersage der von Genen expri­mier­ten Proteine.« Ein Antrag auf Förderung wei­te­rer Arbeit an einem Algorithmus, der vor­her­sa­gen sollte, welche Proteine ein bestimm­tes Gen her­vor­brachte.

Sehr inter­es­sant. Da wurde eine grund­le­gende Frage ange­gan­gen, ein unge­lö­stes Rätsel, das bisher jedem echten bio­tech­no­lo­gi­schen Fortschritt im Wege stand. Die drei Milliarden Basenpaare des mensch­li­chen Genoms bil­de­ten den Code für gut hun­dert­tau­send Gene; die mei­sten dieser Gene ent­hiel­ten den Bauplan für min­de­stens ein Protein; diese Proteine wie­derum waren die Bausteine, auf denen alle Lebensprozesse beruh­ten. Aber wel­ches Gen wel­ches Protein her­vor­brachte und wie das genau ablief und warum manche Gene je nach Situation unter­schied­li­che Proteine erzeug­ten – dar­über wusste man bisher fast nichts. Weshalb bio­tech­no­lo­gi­sche Forschung im Moment auf zeit­rau­ben­dem und teurem Ausprobieren beruhte. Jeder Schlüssel zu einem Teil dieses Rätsels konnte sich als wert­voll erwei­sen. Im Sinne von lukra­tiv.

Routiniert blät­terte Frank zum Ende des Antrags. Yann Pierzinski, Ph. D. bio­math, Caltech. Also immer noch Postdoc bei seinem dor­ti­gen Betreuer, einem Mann, der jeden Erfolg für sich in Anspruch nahm. Aber inter­es­sant, dass Pierzinski für befri­stete Zeit bei Torrey Pines gear­bei­tet hatte, unter einem Biomathematiker, den Frank nicht kannte. Vielleicht war das ein Versuch, seinem Betreuer zu ent­kom­men.

Frank wandte sich dem eigent­li­chen Inhalt des Antrags zu. Es ging darin um einen Algorithmus, an dem Pierzinski schon für seine Dissertation gear­bei­tet hatte. Ausgangspunkt war die Annahme, dass die che­mi­schen Abläufe bei der Entstehung eines Proteins selbst eine Art natür­li­chen Algorithmus dar­stell­ten. Frank ging die Überlegungen Schritt für Schritt durch; dies war sein eigent­li­ches Fachgebiet – das Thema beschäf­tigte ihn, seit er als Kind begon­nen hatte, ein­fa­che Chiffren zu ent­rät­seln. Heutzutage liebte er diese Arbeit mehr denn je, weil sie ihm Selbstvergessenheit bescherte. Warum er sich danach sehnte, war ihm nicht klar; fest stand nur, dass er sich nach einer sol­chen Phase der Konzentration erfrischt fühlte wie nach einem Ausflug an einen schö­nen Ort.

Außerdem mochte er es, wenn in einer schein­bar vom Zufall bestimm­ten Welt Muster sicht­bar wurden. Deshalb inter­es­sierte er sich neu­er­dings auch für Soziobiologie; er hoffte, dort auf Algorithmen zu stoßen, mit denen sich mensch­li­ches Verhalten ent­schlüs­seln ließ. Bisher aller­dings mit wenig Erfolg: Da Experimente hier kaum mög­lich waren, konnte man Theorien nur schwer über­prü­fen. Wirklich schade. Auf dem Gebiet hätte er drin­gend mehr Klarheit gebraucht.

Auf der Ebene der vier Genbausteine dage­gen – im langen Reigen von Cytosin, Adenin, Guanin und Thymin – war die Welt viel eher der Mathematik zugäng­lich. Und dem Experiment und dem Weitergeben von Ergebnissen, sodass andere Wissenschaftler daran anknüp­fen konn­ten. Mit ande­ren Worten, Pierzinskis Ideen ließen sich über­prü­fen. Man konnte her­aus­fin­den, ob sie funk­tio­nier­ten.


Als Frank aus seinem Trancezustand erwachte, war er sich sicher, dass dieser Forschungsansatz echtes Potenzial besaß. Außerdem hatte ihn der Antrag auf Ideen gebracht – zum Teil sehr merk­wür­dige Ideen …

Steif und hung­rig stand er auf. Es war schon Nachmittag. Wenn er jetzt auf­brach, konnte er es trotz des Verkehrs noch bis Great Falls schaf­fen, dem ein­zi­gen halb­wegs natur­be­las­se­nen Ort in der Umgebung von Washington. Um diese Uhrzeit war es dort nicht mehr so heiß, und die Kletterwände in der Schlucht würden fast leer sein. Er könnte bis Sonnenuntergang klet­tern und gleich­zei­tig über diesen Algorithmus nach­den­ken.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2025 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel