von Kim Stanley Robinson
Die Erde ist in eine Flut von Sonnenlicht getaucht, von Photonen geradezu überschwemmt – im Durchschnitt 342 Joule pro Quadratmeter in einer Sekunde. 4185 Joule (eine Kalorie) genügen, um ein Kilogramm Wasser um ein Grad Celsius zu erwärmen. Würde die Erdatmosphäre alle hereinströmende Energie speichern, würde ihre Temperatur an einem Tag um zehn Grad steigen.
Zum Glück wird das meiste davon wieder ins Weltall abgestrahlt. Wie viel, hängt von der Albedo und der chemischen Zusammensetzung der Atmosphäre ab. Beides ist variabel.
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Die Albedo der Erde, also ihr Rückstrahlungsvermögen, basiert zu einem großen Teil auf den Eiskappen an den Polen. Sollten die Eis- und Schneedecken dort wesentlich schrumpfen, würde mehr Sonnenenergie auf der Erde verbleiben. Sonnenlicht würde diejenigen Bereiche der Ozeane durchdringen, die bisher von Eis bedeckt waren, und das Wasser erwärmen. Diese zusätzliche Wärme wiederum würde noch mehr Eis schmelzen lassen. Eine positive Rückkopplung.
Allein das Packeis im Nordpolarmeer strahlt mehrere Prozent der gesamten jährlichen Sonneneinstrahlung ins Weltall zurück. Als diese Eisschicht in den 1950er Jahren zum ersten Mal von Atom-U-Booten vermessen wurde, war sie im Winter durchschnittlich neun Meter dick. Am Ende des Jahrhunderts waren es noch viereinhalb. Eines Tages zerbrach das Eis im August in große tafelförmige Eisberge. Sie trieben frei umher, und die breiten Wasserkanäle zwischen ihnen waren der pausenlosen Sonneneinstrahlung eines arktischen Sommers ausgesetzt. Im nächsten Jahr begann das Auseinanderbrechen schon im Juli; zeitweise bestand die Hälfte der Fläche im Polarmeer aus offenem Wasser. Im dritten Jahr begann das Auseinanderbrechen im Mai.
Das war letztes Jahr.
* * * * *
Alle Arbeitstage beginnen gleich. Der Wecker klingelt und reißt dich aus Träumen, die du sofort vergisst. Es fängt gerade erst an zu dämmern, im Zimmer ist es noch dunkel. Du tappst ins Bad und unter die Dusche und versuchst wach zu werden. Heißes Wasser im Nacken. Ein Traumfetzen, irgendeine schwierige Situation, der du entkommen musst; die Einzelheiten verflüchtigen sich, kurz darauf ist die Erinnerung ganz weg. Träume wollen gar nicht, dass du sie im Gedächtnis behältst.
Wie sie geschlafen hat? Nicht besonders gut. Anna Quibler war jetzt schon erschöpft. Joe hatte zweimal geweint, und auch wenn nicht sie, sondern Charlie aufgestanden war, um ihn zu besänftigen – Joe sollte lernen, dass seine Mom nachts nicht mehr zu ihm kommen würde –, war Anna natürlich ebenfalls aufgewacht. Undeutlich hatte sie Charlies beruhigende Worte gehört: »Hey. Joe. Was ist denn los. Schlaf weiter, Junge, vor morgen früh passiert hier gar nichts, völlig sinnlos, dieses Gejammer, gute Nacht, verdammt noch mal.«
Danach hatte sie sich im Bett herumgewälzt und versucht, nicht an die Arbeit zu denken. Aber Annas Gedanken wurden nun einmal von einem Tropismus bestimmt, der sie in Richtung Arbeit lenkte. Auch letzte Nacht.
Drei Minuten nach dem Duschen war sie abgetrocknet und angezogen. Im Erdgeschoss füllte sie die Lunchbox für ihren älteren Sohn, wie gewünscht mit den gleichen Dingen wie immer: ein Sandwich mit Erdnussbutter, fünf Karotten, ein Apfel, Kakao, Joghurt, zusammengerollte Scheibe Wurst, Käsestange, Keks. Als sie den Kühlbeutel aus dem Gefrierschrank nahm, fiel ihr Blick auf die ordentlichen Reihen von Plastikflaschen mit der eingefrorenen Muttermilch, die Charlie später am Tag auftauen würde, um Joe zu füttern. Es erinnerte sie daran, dass sie den Kleinen noch stillen musste, bevor sie losging – nicht dass sie den Anstoß gebraucht hätte, ihre Brüste fühlten sich bereits sehr voll an. Sie stapfte wieder nach oben, hob Joe aus seinem Bettchen und setzte sich mit ihm auf die Couch. »Hallo, mein Liebster, hier kommt deine schläfrige Amme.«
Joe dockte bei ihr an, ohne richtig wach zu werden. Mit geschlossenen Augen sah er aus wie ein Engel. Obwohl er schon recht groß war, konnte sie ihn noch gut auf den Armen halten, und er schmiegte sich an sie wie ein Neugeborenes. Dabei wurde er bald zwei und tat ihr oft weh, ein wildes, anstrengendes Kind. Aber nicht in diesem Augenblick. Die warmen Gefühle, die das Stillen auslöste, ließen sie erneut schläfrig werden; geistig war sie jedoch schon halb bei der Arbeit. Also hielt sie sich an den Zeitplan, löste Joe von der einen Brust und legte ihn noch vier Minuten an die andere. Danach würde er zufrieden weiterschlafen. Ungefähr bis neun, sagte Charlie.
Sie legte ihn wieder ins Bettchen, knöpfte ihre Bluse zu und gab ihren Jungs allen einen Kuss auf die Stirn. »Ruf an, pass auf dich auf«, murmelte Charlie. Gleich darauf war sie unten zur Tür hinaus, die große Arbeitstasche über der Schulter.
In der kühlen Luft wachte sie zum ersten Mal an diesem Tag richtig auf. Es war zwar schon Mai, aber morgens immer noch frisch, ein Genuss angesichts der feuchten Hitze später. Auf der Straße donnerten Lastwagen Richtung Süden. An den Hochhäusern rund um die Metrostation Bethesda blitzte Sonnenlicht in den bläulichen Fenstern.
Anna ging am Fahrstuhlhäuschen der Metro vorbei, weil das ihren Fußweg um fünfzig Meter verlängerte, bog um die Ecke und stieg die Treppe zur Bushaltestelle hinab. Von dort führte eine Rolltreppe in die weite, dämmrige gerippte Betonröhre hinunter. Karte ans Drehkreuz halten, das Klacken, mit dem die dreieckigen Sperren zurückwichen, Rolltreppe, Bahnsteig. Kein Zug im Bahnhof, mehrere Minuten bis zum nächsten, also setzte sie sich auf eine Betonbank, öffnete ihr Tablet und nahm sich einen der Hefter vor, wie sie die Förderanträge noch immer nannten; fünfzigtausend davon gingen alljährlich bei der National Science Foundation ein. »Algorithmische Analyse palindromischer Sequenzen zur Vorhersage der von Genen exprimierten Proteine.« Der Algorithmus, um den es ging, war offenbar in der Lage, mit einer gewissen Zuverlässigkeit vorherzusagen, welches Protein ein bestimmtes Gen exprimierte. Eine sehr nützliche Neuerung, da die Gene in jedem Lebewesen eine riesige Menge unterschiedlicher Proteine hervorbrachten. Anna blieb jedoch skeptisch. Genomik war allerdings auch nicht ihr Fachgebiet; der Antrag war etwas für Frank Vanderwal. Sie machte sich eine entsprechende Notiz und verschob den Antrag in eine Weiterleitungsmail an Frank.
Ein Zug kam. Einsteigen, Sitzplatz suchen, in Metro Center umsteigen, in Ballston (Arlington, Virginia) aussteigen: All das geschah ohne ihr bewusstes Zutun, während sie weiter Anträge las. Der erste erschien ihr nach wie vor am interessantesten. Sie war neugierig, was Frank dazu sagen würde.
Ausgänge von Metrostationen sind überall gleich: Auf einer langen Rolltreppe fährt man einem Oval aus grauem Himmel und warmer Luft entgegen. Und findet sich unvermittelt in geschäftigem Stadtleben wieder.
Das Besondere an der Metrostation Ballston war, dass die Rolltreppe in einem Vorraum endete, von dem aus Glastüren in ein Gebäude führten. Anna betrat das Gebäude, ging zu dem Verkaufsstand, an dem man Sandwiches und Gebäck bekam, und deckte sich für ihren mittäglichen Imbiss am Schreibtisch ein. Dann kehrte sie ins Freie zurück und ging zu Starbucks.
Die hiesige Starbucks-Filiale war mit Mitarbeitern gesegnet, die sich hingebungsvoll um Tempo und Genauigkeit bemühten. Anna sah ihnen gern dabei zu; an effizienten Arbeitsabläufen hatte sie schon immer ihre Freude, und mit den Jahren war diese Vorliebe nur stärker geworden. Sie fand es bewundernswert, wie diese jungen Leute eine potenziell langweilige Aufgabe in eine sportliche Herausforderung verwandelten. Auch jetzt hob es ihre Stimmung, dass sich die lange Schlange schnell vorwärtsbewegte und dass die Frau an der Kasse sie schon bemerkte, als noch zwei Kunden vor ihr waren, und ihren Teamkameraden zurief: »Großer Latte, halb koffeinfrei, fettarm, ohne Schaum!«, sodass sie, als Anna vorn angekommen war, nur noch fragen musste, ob sie heute noch einen Wunsch hatte. Da fiel es leicht, beim Kopfschütteln zu lächeln.
Dann wieder nach draußen und um die Ecke zum Gebäude der NSF. Drinnen zeigte sie den Wachen ihren Ausweis und ging zu den Fahrstühlen.
Anna mochte das NSF-Gebäude. Es war um einen Hohlraum herum konstruiert, ein riesiges achteckiges Atrium, das vom Erdgeschoss bis zum Glasdach zwölf Stockwerke hinaufreichte. Die Wände dieses leeren Raums – der größer war als so manches Haus – bildeten die Innenfenster der NSF-Büros. Weit oben hing ein großes Mobile aus geschwungenen, in den Grundfarben lackierten Metallstäben. Im Erdgeschoss befanden sich kleine Geschäfte, die vom Atrium aus erreichbar waren: eine Pizzeria, ein Friseur, ein Reisebüro, eine Bankfiliale.
Anna bemerkte eine gewisse Unruhe auf der anderen Seite des Atriums: eine Ansammlung von Weinrot, ein Aufblitzen von Messing, und dann erklang ein tiefer hallender Ton, ein vibrierendes Blaaa, das den weiten Raum erfüllte, als wäre das Atrium ein einziger riesiger Schalltrichter.
Offenbar ein Trupp von Tibetern, Männer und Frauen in gegürteten weinroten Gewändern und gelben Mützen mit Ohrenklappen. Einige spielten auf langen geraden Blasinstrumenten, andere trommelten oder schwenkten Gefäße, aus denen Schwaden von Sandelholzrauch stiegen. Singend und tanzend, aber langsam und in majestätischer Würde durchquerten sie das Atrium.
Sie bewegten sich auf das Reisebüro zu, und Anna fragte sich kurz, ob sie ihren Heimflug buchen wollten. Dann bemerkte sie, dass die Schaufenster des Reisebüros leer waren. Die tibetischen Sänger und Tänzer versammelten sich am Eingang, Gesang und Blasmusik schwollen an, die unglaublich tiefen Töne ließen die Luft vibrieren. In der Mitte der Feiernden stand ein alter Mann, dessen braunes Gesicht von tiefen Runzeln durchzogen war. Er hob lächelnd die rechte Hand, und die Musik endete unordentlich in einem Hyperbasston, den Anna in der Magengegend spürte.
Der alte Mann löste sich aus der Gruppe und verneigte sich in alle vier Richtungen; dann senkte er das Kinn und begann zu singen. Der Gesang war zweistimmig, ein klarer Bass und darüber ein deutlich hörbarer, klangvoller Kopfton – ein Effekt, den man einem so schmächtigen Mann kaum zugetraut hätte. Beim Singen ging er auf den Eingang des Reisebüros zu, berührte beide Türpfosten und rief jedes Mal mit scharfer Stimme: »Rig yal ba! Chos min gon pa!«
»Jetsun Gyatso!«, riefen die anderen.
Der alte Mann verneigte sich vor ihnen.
Dann riefen alle zusammen »Om!« und betraten nacheinander das kleine Geschäft; die Bläser mussten ihre langen Instrumente schräg halten, damit sie durch die Tür passten.
Ein junger Mönch kam wieder heraus. Er zog ein kleines rechteckiges Schild aus dem weiten Ärmel seiner Kutte, entfernte die Schutzfolie von der Rückseite und befestigte das Schild neben der Tür am Fenster. Dann verschwand er wieder nach drinnen.
Anna trat näher ans Fenster heran. Auf dem Schild stand:
BOTSCHAFT VON KHEMBALUNG
Eine Botschaft! Von diesem Land hatte sie noch nie gehört. Ein seltsamer Standort für eine Botschaft, weit weg von der Diplomatenzeile an der Massachusetts Avenue mit ihren ausgefallenen Bauwerken, unbekannten Fahnen und aufwendig gestalteten Außenanlagen; weit weg auch von Georgetown, Dupont Circle, Adams Morgan, Foggy Bottom, dem Osten von Capitol Hill oder jedem anderen Ort, an dem man eine achtbare Botschaft vermuten würde. In Arlington, und dann auch noch im Gebäude der NSF!
Vielleicht ein wissenschaftlich geprägtes Land.
Der Gedanke gefiel Anna. Sie trat noch etwas näher heran.
Der junge Mann, der das Schild befestigt hatte, kam wieder heraus. Er hatte ein rundes Gesicht, einen kahlgeschorenen Kopf und einen beweglichen kleinen Mund.
Er sah sie aus ausdrucksvollen dunklen Augen an. »Kann ich Ihnen helfen?« Sein Akzent klang in ihren Ohren fast indisch.
»Ja. Ich habe bei Ihrer Zeremonie zugeschaut und frage mich jetzt, woher Sie kommen.«
»Vielen Dank für Ihr Interesse«, antwortete der junge Mann höflich und neigte lächelnd den Kopf. »Wir sind aus Khembalung.«
»Ja, aber …«
»Ah. Unser Land ist ein Inselstaat im Golf vom Bengalen, nicht weit von der Mündung des Ganges.«
»Verstehe«, sagte Anna überrascht; sie hatte erwartet, dass die Fremden aus der Himalayaregion stammten. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«
»Es ist keine große Insel. Und wir sind erst vor Kurzem zu einem Staat geworden. Darum richten wir auch erst jetzt eine diplomatische Vertretung ein.«
»Eine gute Idee. Allerdings hat es mich ehrlich gesagt überrascht, dass hier eine Botschaft einzieht. Ich hätte das nicht für einen geeigneten Standort gehalten.«
»Wir haben den Ort sehr sorgfältig gewählt«, sagte der junge Mönch.
Sie sahen sich an.
»Sehr interessant«, sagte Anna. »Gutes Gelingen für den Einzug. Es ist schön, dass Sie da sind.«
»Danke.« Er nickte wieder.
Anna wandte sich zum Gehen, blickte aber aus irgendeinem Grund noch einmal zurück. Der junge Mönch stand am Eingang der Botschaft und schaute zur Pizzeria hinüber. Er verzog kaum merklich das Gesicht, was ihr verriet, dass er unglücklich war.
Diesen Gesichtsausdruck kannte Anna. Ihr älterer Sohn Nick war nach der Geburt zunächst von Charlie, ihr und diversen Babysittern betreut worden, aber nach einiger Zeit hatten sie ihn in einer Kindertagesstätte nicht weit von der Metrostation in Bethesda untergebracht. Anfangs hatte Nick heftig geweint, wann immer sie ihn dort abgab, eine grässliche Erfahrung; schließlich schien er sich jedoch daran zu gewöhnen. Genau wie sie – solche schmerzlichen täglichen Trennungen gehörten nun einmal dazu.
Eines Morgens dann, als Nick beim Abschied in der Kindertagesstätte nicht mehr weinte und ihr Weggehen kaum zu bemerken schien, war sie draußen aus irgendeinem Grund noch einmal stehengeblieben und hatte durchs Fenster hineingeschaut. Und hatte auf seinem Gesicht einen Ausdruck trauriger, stoischer Entschlossenheit entdeckt – den festen Vorsatz, nicht zu weinen und diesen endlosen, einsamen, langweiligen Tag hinter sich zu bringen. Bei einem Kleinkind war das herzzerreißend. Es hatte sie bis ins Mark getroffen, sie hatte unwillkürlich aufgeschrien und wäre fast wieder hineingerannt, um ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten. Dann hatte sie sich gefragt, wie er sich erst nach einem weiteren Abschiednehmen fühlen würde, und war gegangen, mit einem schrecklichen Gefühl von Zerrissenheit und Verzweiflung über den Lauf der Welt.
Und genau der gleiche Ausdruck lag jetzt auf dem Gesicht dieses jungen Mannes! Wieder versetzte es ihr einen Stich, und sie blieb unwillkürlich stehen. Aus welchen Gründen mochten diese Menschen um die halbe Welt gereist sein? Was hatten sie zurückgelassen?
Sie ging wieder zu ihm.
Er bemerkte sie, und abermals drückte sein Gesicht nur Ruhe aus. »Ja?«
»Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen gelegentlich zeigen, wo man hier in der Gegend gut zu Mittag isst.«
»Oh, danke. Das wäre ausgesprochen freundlich.«
»An welchem Tag würde es denn besonders gut passen?«
»Nun ja – Hunger bekommen wir sicher heute schon.« Er lächelte. Es war ein äußerst nettes Lächeln, das sie an Nick erinnerte.
Erfreut lächelte sie zurück. »Dann komme ich um ein Uhr vorbei, ja?«
»Das wäre sehr willkommen. Sehr freundlich.«
Sie nickte. »Also bis eins.« Im Geist arrangierte sie bereits ihre Pläne für den Tag um. Ihr Lunchpaket konnte sie in den kleinen Kühlschrank in ihrem Büro legen.
Sie ging zu den Fahrstühlen auf der Südseite des Gebäudes. Während sie wartete, gesellte sich Frank Vanderwal zu ihr, einer der Fachvertreter in ihrer Abteilung. Sie begrüßten sich, dann sagte sie: »Ich habe einen interessanten Hefter für dich.«
Theatralisch verdrehte er die Augen. »Gibt es das überhaupt? Für einen so ausgebrannten Typen wie mich?«
»Ach, ich denke schon.« Sie deutete Richtung Atrium. »Hast du unsere neuen Nachbarn bemerkt? Das Reisebüro ist weg, dafür haben wir jetzt eine Botschaft.«
»Eine Botschaft? Hier?«
»Ich fürchte, sie kennen sich in Washington nicht aus.«
»Aha.« Frank grinste schief. Mit dem Lächeln des jungen Mönchs hatte dieses Grinsen wenig gemeinsam. »Gesandte aus Shangri-La, was?« Einer der Aufwärts-Pfeile leuchtete auf, und die Fahrstuhltür darunter öffnete sich. »Die können wir hier gut gebrauchen.«
* * * * *
Primaten in Fahrstühlen. Wie üblich standen alle schweigend da und blickten zu den Leuchtziffern der Anzeige hinauf.
Frank Vanderval nahm das zum Anlass, im gewohnten Modus des Soziobiologen über die menschliche Spezies nachzudenken. Menschen waren Säugetiere, gesellige Primaten: so etwas wie Schimpansen ohne Fell. Der heutige Zustand ihres Körpers, ihres Gehirns, ihres Verstandes und ihrer Gesellschaft hatte sich im Verlauf von rund zwei Millionen Jahren in Ostafrika entwickelt, als der Wald dort aufgrund von Veränderungen im Klima offenen Savannen wich.
Was einiges erklärte. Natürlich fühlten sie sich in kleinen beweglichen Kisten nicht wohl. In der Savanne gab es so etwas nicht. Am ehesten ließe sich das mit dem Einstieg in eine Höhle vergleichen. Im Gefolge eines fackeltragenden Schamanen, voller Ehrfurcht und höchstwahrscheinlich unter dem Einfluss psychotroper Drogen und religiöser Rituale. Ein Erdbeben bei einem solchen Höhlenbesuch: Das wäre die einzige Erklärung, die der Verstand eines Savannenbewohners für eine Fahrt in einem modernen Fahrstuhl anzubieten hätte. Kein Wunder, dass unbehagliches Schweigen herrschte. Man befand sich an einem heiligen Ort. Für die Evolution neuer Denkmuster waren zehntausend Jahre Zivilisation nicht annähernd lang genug. Die Menschen kamen nach wie vor nur mit Dingen gut zurecht, die sie noch aus der Savanne kannten.
Anna Quibler durchbrach jedoch das Sprechverbot; das geschah manchmal, wenn alle Mitreisenden zur selben Kohorte gehörten. Sie setzte ihren Bericht fort: »Ich bin hingegangen und habe mich vorgestellt. Sie kommen von einer Insel im Golf von Bengalen.«
»Haben sie gesagt, warum sie ausgerechnet hier Räume angemietet haben?«
»Nur dass sie den Ort sorgfältig gewählt haben.«
»Nach welchen Kriterien?«
»Das habe ich sie nicht gefragt. Wegen der Nähe zur NSF, sollte man meinen.«
Frank schnaubte. »Das ist wie in dem Witz mit dem Filmsternchen und dem Drehbuchautor, oder?«
Anna rümpfte die Nase, was Frank überraschte; sie war zwar immer korrekt, aber eigentlich nicht prüde. Dann begriff er: Ihre Missbilligung galt nicht dem Witz, sondern der Vorstellung, dass die Neuankömmlinge dermaßen ahnungslos sein könnten. »Ich glaube, das werden interessante Nachbarn«, sagte sie.
Homo Sapiens gehörte zu den Arten mit Geschlechtsdimorphismus. Das betraf nicht nur körperliche Aspekte – archäologische Befunde ließen in Franks Augen darauf schließen, dass sich die gesellschaftlichen Rollen beider Geschlechter schon früh auseinanderentwickelt hatten. Unterschiedliche Rollen zogen unterschiedliche Denkmuster nach sich, woraus man plausibel ableiten konnte, dass sogar bei Tätigkeiten wie der Wissenschaft, die auf den ersten Blick nicht geschlechtsspezifisch waren, verschiedene Herangehensweisen existierten. Mit anderen Worten: Möglicherweise gab es eine männliche und eine weibliche Form wissenschaftlichen Arbeitens, und diese unterschieden sich grundlegend voneinander.
Solche Gedanken gingen Frank durch den Kopf, während der Fahrstuhl hielt und Anna und er den Korridor entlang zu ihren Büros gingen. Anna war genauso groß wie er und hatte eine gute Figur, aber dieser Dimorphismus, der zu unterschiedlichen Denkmustern und Verhaltensweisen führte, bewirkte auch, dass er sich in ihrer Gegenwart immer etwas unbehaglich fühlte. Nicht dass das sein Verhältnis zu ihr vollständig beschrieb – aber ihren wissenschaftlichen Stil fand er durchaus irritierend. Dabei war sie nicht etwa gefühlvoll und ungenau, wie es weiblichem Denken oft nachgesagt wurde – im Gegenteil, ihre wissenschaftlichen Arbeiten (trotz ihrer Aufgaben in der Verwaltung veröffentlichte sie nach wie vor Artikel im Fachbereich Statistik) waren oft von pedantischem Perfektionismus geprägt. Sie war eine sorgfältig arbeitende, erstklassige Statistikerin, klug und schnell, kannte sich in mehreren Fachgebieten gut aus und gehörte in mehr als einem zu den Besten. Für die Leitung der Bioinformatik-Abteilung der NSF ließ sich kaum eine bessere Wahl denken.
Aber sie war mit solcher Intensität bei der Sache! Eine wissenschaftliche Puritanerin, rational bis zum Extrem. Und genau wie bei den Puritanern früherer Zeiten war das natürlich reine Fassade; parallel zu diesem Hang zum Hyperrationalen besaß sie auch emotionale Offenheit, Hingabe und Wandelbarkeit, Eigenschaften, die dem angloamerikanischen Leitbild weiblichen Verhaltens und der sozialen Rolle der Frau entsprachen. Jede weibliche Wissenschaftlerin folgte dem Beispiel von Mr. Spock, sie stellte ihre rationale Seite in den Vordergrund und verleugnete die emotionale.
Vor diesem Hintergrund betrachtet musste Frank allerdings zugeben, dass dieser Zwiespalt Anna deutlich weniger anzumerken war als vielen anderen Wissenschaftlerinnen, die er kannte. Eigentlich wirkte sie ziemlich mit sich im Reinen. Im Laufe des letzten Jahres hatte er viele Stunden mit ihr zusammengearbeitet und interessante Gespräche mit ihr geführt. Er mochte sie. Sein Unbehagen hatte nichts mit ihren lästigen Angewohnheiten zu tun, nicht einmal mit der Pingeligkeit und Haarspalterei, die so gut zu ihrem Nachnamen Quib(b)ler – Wortklauber – passten (auch wenn nie jemand wagte, in ihrer Hörweite darüber Witze zu machen). Nein, eher lag es daran, dass ihre Verbindung von hyperwissenschaftlicher Einstellung und leidenschaftlicher weiblicher Ausdrucksfähigkeit in ihm eine Vorstellung davon wachrief, wie eine vollkommene Wissenschaft aussehen könnte, vielleicht sogar eine vollkommene Menschheit.
Tatsächlich erinnerte sie Frank manchmal an sich selbst. Natürlich nicht an das Selbst, das er anderen zeigte, sondern an die Art und Weise, wie er die Welt erlebte. Auch in ihm steckten extreme Formen von Rationalität und Emotionalität. Deshalb fühlte er sich in Annas Gegenwart unwohl: Sie war ihm zu ähnlich. Sie erinnerte ihn an Seiten von sich, über die er lieber nicht nachdachte. Nur dass sich diese Gedankengänge ständig aufdrängten. Schwierig.
Nach einem Fußmarsch halb um den fünften Stock herum erreichten sie ihre Büros. Frank verfügte nur über eine von vielen Waben in einem offenen Arbeitsbereich; Anna hatte gleich gegenüber ein richtiges Zimmer mit einem Vorraum für ihre Sekretärin Aleesha. Wie alles in diesem verwinkelten Labyrinth waren auch ihre Räume mit Computern, Aktenschränken und übervollen Bücherregalen zugestellt, der typischen Einrichtung der Arbeitszimmer von Wissenschaftlern überall auf der Welt. Die vorherrschende Farbe war beige, was wohl die Reinheit der Wissenschaft symbolisieren sollte.
Dass die Räume trotzdem menschlich und sogar einladend wirkten, lag an den großen Fenstern zum Innenhof, durch die man alle anderen Büros rund um das zentrale Atrium sehen konnte. Diese Weite verbunden mit dem Ausblick auf fünfzig bis hundert andere Menschen verlieh den Büros einen Hauch von Savanne. Zumindest auf der Primatenebene fühlten sich die Leute hier wohl. Frank glaubte zwar nicht im Mindesten, dass der Architekt diesen Effekt bewusst geplant hatte, aber offenbar hatte er instinktiv erkannt, mit welchen Mitteln sich die Menschen in diesen Räumen zu bestmöglicher Leistung anspornen ließen.
Frank setzte sich an seinen Schreibtisch und schaute ins Atrium hinaus. Sein einjähriger Aufenthalt an der NSF näherte sich dem Ende; die Arbeit erschien ihm immer unwichtiger. Auf jeder waagrechten Fläche stapelten sich Fachartikel, in seinem Computer warteten hunderte Anträge darauf, begutachtet zu werden. Es gab viel zu tun. Aber er schaute lieber aus dem Fenster.
Das bunte Mobile im oberen Teil des Atriums war ein furchtbar simples Gebilde, einfache Formen in unvermischten Farben, wie etwas, das ein Kindergartenkind hingekritzelt hatte. Frank, der in seiner Freizeit gern klettern ging, hatte sich schon oft ausgemalt, wie er an diesem Mobile hinaufsteigen würde. Ein paar Abschnitte wären schwierig, aber es würde bestimmt Spaß machen.
Am Mobile vorbei konnte er in hundertacht Räume blicken (er hatte sie gezählt). Dort saßen Menschen tippend vor Bildschirmen, unterhielten sich, telefonierten, lasen oder saßen in Seminarräumen, sahen sich projizierte Fotos an und redeten. Vor allem redeten sie. Müsste man anhand dieses Gebäudes beurteilen, was wissenschaftliches Arbeiten ausmachte, würde man sagen: Gerede.
Was natürlich nicht einmal ansatzweise stimmte. Genau deswegen langweilte Frank sich hier. Echte Wissenschaft fand da statt, wo experimentiert wurde, in Labors und anderswo. Hier spielte sich etwas anderes ab, eine Art Metawissenschaft mit dem Zweck, wissenschaftliches Arbeiten zu finanzieren, zu koordinieren, mit anderen menschlichen Aktivitäten zu verknüpfen.
Aus Annas Büro nebenan wehte der Duft ihres Latte herüber. Er konnte hören, dass sie bereits telefonierte; auch sie verbrachte viel Zeit mit Reden. »Das weiß ich auch nicht, keine Ahnung, wie groß die anderen Stichproben sind … Nein, es ist nicht statistisch insignifikant, das würde ja heißen, dass die Werte unter der Standardabweichung liegen. Es ist einfach statistisch bedeutungslos.«
Annas Assistentin Aleesha telefoniert derweil ebenfalls; mit klangvoller Altstimme und Washingtoner Akzent sprach sie geduldig auf jemanden ein. Klärte vermutlich ein Missverständnis auf. Ein Großteil der täglichen Arbeit bei der NSF wurde von einheimischen afroamerikanischen Frauen erledigt – eine offensichtliche Tatsache, die kaum jemals erwähnt wurde –, und diese Frauen waren oft entschieden weniger von der weltbewegenden Bedeutung ihrer Arbeit überzeugt als ihre größtenteils weißen Vorgesetzten. Aleesha zum Beispiel strahlte eine so starke höfliche Skepsis aus, wie Frank es selten erlebt hatte.
Jetzt tauchte Anna im Eingang zu seiner Zelle auf. Wie üblich tat sie so, als wäre sein Arbeitsplatz ein echtes Büro, indem sie an die Trennwand klopfte. »Frank, ich habe den Hefter an dich weitergeleitet. Den zu diesem Algorithmus.«
»Mal sehen, ob er angekommen ist.« Er überprüfte sein Postfach; es zeigte eine neue Mail von aquibler@nsf.gov. »Da ist er. Schaue ich mir an.«
»Danke.« Sie zögerte. »Wann kehrst du an die Uni in San Diego zurück?«
»Entweder Ende Juli oder Ende August.«
»Das ist sehr schade. Ich weiß, in Kalifornien lebt es sich gut, aber wir würden uns freuen, wenn du ein zweites Jahr bleibst. Oder sogar auf Dauer, falls du dir das vorstellen kannst. Wobei du sicherlich viele Eisen im Feuer hast.«
»Stimmt«, sagte Frank unverbindlich. Länger als das eine Jahr zu bleiben kam überhaupt nicht in Frage. »Es ist nett von dir, das vorzuschlagen. Mir hat es hier gefallen, aber vermutlich werde ich schon nach Hause zurückkehren. Aber ich denke drüber nach.«
»Danke. Wir hätten dich gern länger hier.«
Ein großer Teil der Arbeit der NSF wurde von Wissenschaftlern erledigt, die für ein oder zwei Jahre von ihren Heimatinstituten freigestellt waren und in dieser Zeit die Förderprogramme auf ihren Fachgebieten betreuten. Bei der NFS gingen Tausende von Anträgen ein. Fachvertreter wie Frank lasen und sortierten sie, stellten Ausschüsse von externen Gutachtern zusammen und leiteten die Sitzungen, in denen alle Anträge zu einem bestimmten Spezialgebiet bewertet wurden. Es war der Inbegriff eines Peer-Review-Verfahrens, einer Methode, mit der Frank völlig einverstanden war. Jedenfalls im Prinzip. Ein Jahr war genug. Mehr als genug.
Anna war sein Gesichtsausdruck nicht entgangen. »Es ist schon ein ziemliches Hamsterrad«, sagte sie.
»Na ja, nicht mehr als anderswo. Zu Hause wäre es vermutlich noch schlimmer.«
Sie lachten beide.
»Und dazu deine Arbeit für die Zeitschriften.«
»Richtig.« Mit einer fahrigen Geste deutete Frank auf die Stapel von Manuskripten: drei für Review of Bioinformatics, zwei für The Journal of Sociobiology. »Ich bin ständig im Rückstand. Zum Glück halten die anderen Herausgeber ihre Termine besser ein.«
Anna nickte. Herausgeber einer Zeitschrift zu sein war eine Ehre, wurde aber nicht bezahlt – oft musste man die Zeitschrift sogar abonnieren, wollte man einen Beleg seiner eigenen Arbeit erhalten. Das war nur eine von vielen unbezahlten Tätigkeiten in den Wissenschaften, Teil eines Wirtschaftssystem auf der Basis von Sozialkredit.
»Okay«, sagte Anna. »Ich wollte einfach mal sehen, ob wir bei dir Chancen haben.. So arbeiten wir nämlich. Die besonders guten Gastwissenschaftler versuchen wir zu halten.«
»Natürlich.« Frank nickte beklommen; gegen seinen Willen fühlte er sich geschmeichelt. Annas Meinung war ihm wichtig. Er rollte den Stuhl näher zum Bildschirm, als wollte er mit der Arbeit anfangen. Anna wandte sich ab und ging.
Frank klickte auf den Hefter, den Anna an ihn weitergeleitet hatte. Sofort erkannte er einen der Namen.
»Anna?«, rief er.
»Ja?«
»Ich kenne einen der Antragsteller. Erstautor ist jemand vom Caltech, aber die eigentliche Arbeit stammt von einem seiner Studenten.«
»Ja?« Das war nicht ungewöhnlich: Junge Forschende nutzten oft die Bekanntheit ihrer Betreuer, wenn sie ein Projekt vorschlugen.
»Diesen Studenten kenne ich. Ich war vor ein paar Jahren externer Prüfer bei seiner Promotion.«
»Das allein ergibt keinen Interessenkonflikt.«
Frank nickte. »Aber er hat auch einen Zeitvertrag bei Torrey Pines Generique. Das ist eine Firma in San Diego. Die habe ich mit gegründet.«
»Bis du noch finanziell beteiligt?«
»Nein. Das heißt, im Moment liegen meine Aktien in einem Blind Trust, darum kann ich es nicht beschwören, aber ich glaube nicht.«
»Du gehörst also nicht zum Aufsichtsrat und hast auch keinen Beratervertrag?«
»Nein. Und wie es aussieht, läuft sein Vertrag dort gerade aus.«
»Dann ist alles in Ordnung. Du kannst das bearbeiten.«
In der Wissenschaft durfte man nicht zu wählerisch sein, was Interessenkonflikte anging, sonst fand man nie einen Gutachter. Wegen der immer stärkeren Spezialisierung waren die einzelnen Arbeitsgebiete inzwischen so klein, dass jeder jeden kannte. Solange es keine aktuellen finanziellen oder institutionellen Verbindungen zu den Betroffenen gab, kam man als Prüfer im Peer-Review-Verfahren infrage.
Trotzdem hatte sich Frank rückversichern wollen. Yann Pierzinski war ein äußerst scharfsinniger junger Biomathematiker, einer von den Doktoranden, die man im Auge behält, weil man bestimmt noch einmal von ihnen hören wird. Und nun meldete er sich tatsächlich zu Wort, noch dazu mit einem Thema, das Frank ganz besonders interessierte.
»Okay«, sagte er zu Anna, »ich nehme es mir vor.«
Er fing an zu lesen. »Algorithmische Analyse palindromischer Sequenzen zur Vorhersage der von Genen exprimierten Proteine.« Ein Antrag auf Förderung weiterer Arbeit an einem Algorithmus, der vorhersagen sollte, welche Proteine ein bestimmtes Gen hervorbrachte.
Sehr interessant. Da wurde eine grundlegende Frage angegangen, ein ungelöstes Rätsel, das bisher jedem echten biotechnologischen Fortschritt im Wege stand. Die drei Milliarden Basenpaare des menschlichen Genoms bildeten den Code für gut hunderttausend Gene; die meisten dieser Gene enthielten den Bauplan für mindestens ein Protein; diese Proteine wiederum waren die Bausteine, auf denen alle Lebensprozesse beruhten. Aber welches Gen welches Protein hervorbrachte und wie das genau ablief und warum manche Gene je nach Situation unterschiedliche Proteine erzeugten – darüber wusste man bisher fast nichts. Weshalb biotechnologische Forschung im Moment auf zeitraubendem und teurem Ausprobieren beruhte. Jeder Schlüssel zu einem Teil dieses Rätsels konnte sich als wertvoll erweisen. Im Sinne von lukrativ.
Routiniert blätterte Frank zum Ende des Antrags. Yann Pierzinski, Ph. D. biomath, Caltech. Also immer noch Postdoc bei seinem dortigen Betreuer, einem Mann, der jeden Erfolg für sich in Anspruch nahm. Aber interessant, dass Pierzinski für befristete Zeit bei Torrey Pines gearbeitet hatte, unter einem Biomathematiker, den Frank nicht kannte. Vielleicht war das ein Versuch, seinem Betreuer zu entkommen.
Frank wandte sich dem eigentlichen Inhalt des Antrags zu. Es ging darin um einen Algorithmus, an dem Pierzinski schon für seine Dissertation gearbeitet hatte. Ausgangspunkt war die Annahme, dass die chemischen Abläufe bei der Entstehung eines Proteins selbst eine Art natürlichen Algorithmus darstellten. Frank ging die Überlegungen Schritt für Schritt durch; dies war sein eigentliches Fachgebiet – das Thema beschäftigte ihn, seit er als Kind begonnen hatte, einfache Chiffren zu enträtseln. Heutzutage liebte er diese Arbeit mehr denn je, weil sie ihm Selbstvergessenheit bescherte. Warum er sich danach sehnte, war ihm nicht klar; fest stand nur, dass er sich nach einer solchen Phase der Konzentration erfrischt fühlte wie nach einem Ausflug an einen schönen Ort.
Außerdem mochte er es, wenn in einer scheinbar vom Zufall bestimmten Welt Muster sichtbar wurden. Deshalb interessierte er sich neuerdings auch für Soziobiologie; er hoffte, dort auf Algorithmen zu stoßen, mit denen sich menschliches Verhalten entschlüsseln ließ. Bisher allerdings mit wenig Erfolg: Da Experimente hier kaum möglich waren, konnte man Theorien nur schwer überprüfen. Wirklich schade. Auf dem Gebiet hätte er dringend mehr Klarheit gebraucht.
Auf der Ebene der vier Genbausteine dagegen – im langen Reigen von Cytosin, Adenin, Guanin und Thymin – war die Welt viel eher der Mathematik zugänglich. Und dem Experiment und dem Weitergeben von Ergebnissen, sodass andere Wissenschaftler daran anknüpfen konnten. Mit anderen Worten, Pierzinskis Ideen ließen sich überprüfen. Man konnte herausfinden, ob sie funktionierten.
Als Frank aus seinem Trancezustand erwachte, war er sich sicher, dass dieser Forschungsansatz echtes Potenzial besaß. Außerdem hatte ihn der Antrag auf Ideen gebracht – zum Teil sehr merkwürdige Ideen …
Steif und hungrig stand er auf. Es war schon Nachmittag. Wenn er jetzt aufbrach, konnte er es trotz des Verkehrs noch bis Great Falls schaffen, dem einzigen halbwegs naturbelassenen Ort in der Umgebung von Washington. Um diese Uhrzeit war es dort nicht mehr so heiß, und die Kletterwände in der Schlucht würden fast leer sein. Er könnte bis Sonnenuntergang klettern und gleichzeitig über diesen Algorithmus nachdenken.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2025 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
