8 | Ein Paradigmenwechsel

von Kim Stanley Robinson

Gehen wir noch einmal durch, was wir über uns selbst wissen.

Wir sind Primaten, enge Verwandte der Schimpansen und ande­rer Menschenaffen. Unsere Vorfahren haben vor unge­fähr fünf Millionen Jahren eine eigene, von den übri­gen Affen getrennte Art her­aus­ge­bil­det und sich von da an in meh­re­ren par­al­le­len Linien und sich über­lap­pen­den Unterarten wei­ter­ent­wickelt, bis etwa zwei Millionen Jahre vor unse­rer Zeit Homo habi­lis in Erscheinung trat.

Das Klima in Ostafrika wurde damals immer trocke­ner. Die Wälder wichen Savannen, offe­nem Grasland mit ver­ein­zel­ten Baumgruppen. Wir pass­ten uns dieser Entwicklung an: durch den Verlust des Fells, den auf­rech­ten Gang, die Ausbildung von Schweißdrüsen und andere kör­per­li­che Merkmale. So konn­ten wir auch in Äquatornähe bei vollem Sonnenlicht weite Strecken laufen. Laufen gehörte für uns zum Leben, es erschloss uns große Areale. Wir jagten wilde Tiere, indem wir ihnen nach­rann­ten, bis sie erschöpft waren, was manch­mal Tage dau­erte.

Während diese Lebensweise über Generationen stabil blieb, ver­grö­ßerte sich das urmensch­li­che Gehirn im Laufe vieler Jahrtausende von rund 300 auf etwa 1200 Kubikzentimeter. Was erstaun­lich ist, da sich anson­sten wenig ver­än­derte. Es deutet darauf hin, dass grö­ßere Gehirne bei unse­rer dama­li­gen Art zu leben von unge­heu­rem Vorteil waren. Als mög­li­cher Grund sind schon die unter­schied­lich­sten Dinge ins Spiel gebracht worden – von der Notwendigkeit, beim Werfen eines Steins dessen genaue Flugbahn zu berech­nen, bis zur Fähigkeit zu träu­men. Aber zu den wich­tig­sten Ursachen gehör­ten sicher­lich die Erfindung der Sprache und die Weiterentwicklung des sozia­len Miteinander. Wir rede­ten mit­ein­an­der, und wir kamen mit­ein­an­der aus: Beides ist schwie­rig und erfor­dert eini­ges Nachdenken. Und gleich­gül­tig wie man evo­lu­tio­nä­ren Erfolg defi­niert, eine gelun­gene Fortpflanzung gehört auf jeden Fall dazu. Mit der eige­nen Gruppe und dem ande­ren Geschlecht aus­zu­kom­men, ist somit eine der wich­tig­sten Anpassungsleistungen über­haupt; ganz sicher hat diese Notwendigkeit auch die Vergrößerung des Gehirns vor­an­ge­trie­ben. Inzwischen sind unsere Köpfe so groß, dass sie kaum noch durch den Geburtskanal passen. All das, nur um andere Menschen und das andere Geschlecht zu ver­ste­hen. Und wie weit sind wir damit gekom­men?

* * * * *

Anna freute sich, dass Frank wieder da war, auch wenn er kurz ange­bun­den war und mür­risch wirkte. Mit ihm in der Nähe war das Büroleben inter­es­san­ter. Eine Schimpftirade über zu große Pick-ups konnte naht­los in eine Erklärung von allem und jeden über­ge­hen, in der es nur noch Ja und Nein gab. Oder in ein Gespräch über die soziale Intelligenz von Gibbons oder eine Berechnung der effek­tiv­sten Arbeitsteilung in einem Labor. Man wusste nie, was er als Nächstes sagen würde. Jeder Satz konnte ver­nünf­tig begin­nen und abge­dreht enden. Oder umge­kehrt. Anna gefiel das.

Leider nahm er die Spieltheorie viel zu wich­tig. »Und wenn diese Zahlen gar nicht den Verhältnissen in der Realität ent­spre­chen?«, fragte sie ihn. »Wenn man dafür, dass man als Einziger zum Verräter wird, kei­nes­wegs fünf Punkte bekommt? Wenn das ganze Punktesystem nicht stimmt, viel­leicht sogar anders­herum funk­tio­niert? Dann ist das Ganze doch nur ein Computerspiel, oder?«

»Na ja …« Frank schien ver­blüfft. Ein sel­te­ner Anblick. Sofort fing er an nach­zu­den­ken. Auch das mochte Anna an ihm: Er dachte wirk­lich über ihre Worte nach.

Annas Telefon klin­gelte. Sie mel­dete sich.

»Charlie! O mein Täubchen, wie geht es dir?«

»Ich schreie vor Schmerzen.«

»Ach, Liebster. Hast du die Tabletten genom­men?«

»Habe ich. Völlig wir­kungs­los. Ich fange an, Dinge zu sehen. Krabbeltiere. Immer nur aus den Augenwinkeln. Ich glaube, inzwi­schen juckt sogar mein Gehirn. Ich werde ver­rückt.«

»Halte durch. Es dauert ein paar Tage, bis die Steroide wirken. Nimm sie weiter. Ist Joe wenig­stens fried­lich?«

»Nein. Er will stän­dig Ringkämpfe machen.«

»Bloß nicht! Ich weiß, der Arzt hat gesagt, es ist nicht ansteckend, aber …«

»Keine Sorge. Ringkämpfe kommen über­haupt nicht infrage.«

»Du fasst ihn nicht an?«

»Und er fasst mich nicht an. Allmählich ist er des­we­gen ziem­lich sauer.«

»Und zum Windelwechseln ziehst du Plastikhandschuhe an?«

»Ja, ja, ja, unter Höllenqualen, denn wenn ich sie wieder aus­ziehe, geht die Haut mit ab, und es blutet und suppt und juckt ein­fach mör­de­risch.«

»Du Ärmster. Versuch, mög­lichst wenig zu tun.«

Dann musste er Joe aus der Küche scheu­chen. Anna legte auf.

»Giftsumach?«, fragte Frank.

»Ja. Er ist in einen Baum geklet­tert, an dem Sumach hoch­rankt. Er hatte kein Hemd an.«

»O nein.«

»Es hat ihn ziem­lich heftig erwischt. Nick hat die Pflanze erkannt, des­halb sind wir sofort zur Notaufnahme gefah­ren, und der Arzt hat ihm irgend­et­was gespritzt und ihm Steroide ver­schrie­ben, noch bevor sich die ersten Bläschen gebil­det haben. Aber er ist trotz­dem weit­ge­hend außer Gefecht gesetzt.«

»Das tut mir leid.«

»Nun ja, wenig­stens betrifft es nur die Haut.«

Da klin­gelte Franks Telefon. Er kehrte in seine Büronische zurück, bevor er sich mel­dete, aber Anna hörte trotz­dem, was er sagte, zumal er im Laufe des Gesprächs mehr als einmal die Stimme hob. Irgendwann sagte er vier­mal hin­ter­ein­an­der: »Das ist nicht dein Ernst«, und jedes Mal klang es fas­sungs­lo­ser. Danach hörte er eine ganze Weile nur zu, wobei er mit den Fingern laut auf dem Schreibtisch trom­melte.

Schließlich sagte er: »Ich weiß auch nicht, was da pas­siert ist, Derek. Das müss­test doch am ehe­sten du in Erfahrung brin­gen können … Ja, das stimmt. Sie werden ihre Gründe haben … Na, aber du kommst doch gut dabei weg, oder? Du hast deine Anteile … Optionen hat jeder, da wird oft nichts draus, mach dir mal dar­über keine Gedanken … He, immer­hin ist das ein gewon­ne­nes Endspiel. Pleite, Börsengang oder auf­ge­kauft werden. Also herz­li­chen Glückwunsch … Ja klar, das wird span­nend. Natürlich. Stimmt, das ist blöd. Okay, gut. Ruf mich später noch mal an, wenn ich nicht mehr bei der Arbeit bin, dann kannst du es mir aus­führ­lich erzäh­len. Ja, mach’s gut.«

Er legte auf. In seiner Arbeitsnische kehrte Stille ein.

Schließlich quietschte sein Schreibtischstuhl: Er war auf­ge­stan­den. Anna drehte sich um, und da stand er schon in der geöff­ne­ten Tür und war­tete darauf, dass sie ihn ansah.

Er zog eine Grimasse. »Das war Derek Gaspar, aus San Diego. Seine Firma Torrey Pines Generique ist auf­ge­kauft worden.«

»Wirklich! Ist das die Firma, die du mit gegrün­det hast?«

»Genau.«

»Na, dann herz­li­chen Glückwunsch. Wer hat sie denn gekauft?«

»Eine andere Biotech-Firma. Small Delivery Systems. Hast du von denen schon mal gehört?«

»Nein.«

»Ich auch nicht. Kein großer Pharmakonzern, bei Weitem nicht. Eher mit­tel­groß, sagt Derek. Eigentlich mehr auf dem Gebiet Agro-Pharmakologie aktiv. Aber sie haben ihn von sich aus ange­spro­chen und ihm ein Angebot gemacht. Er weiß selbst nicht warum.«

»Dazu müssen sie doch irgend­et­was gesagt haben?«

»Anscheinend nicht. Jedenfalls sind ihm die Gründe wei­ter­hin schlei­er­haft.«

»Eine gute Nachricht ist es aber trotz­dem, oder? Ich dachte, genau das erhof­fen sich Start-ups.«

»Stimmt schon …«

»Irgendwie siehst du nicht so aus, als wärst du gerade Millionär gewor­den.«

Das wischte er mit einer Handbewegung bei­seite. »Darum geht es nicht, auf die Art bin ich gar nicht invol­viert. Ich war Berater, mehr nicht. Die Uni in San Diego lässt Nebentätigkeiten nur in klei­nem Rahmen zu, und als ich zur NSF gewech­selt bin, war selbst damit Schluss. Man kann schließ­lich nicht gleich­zei­tig für den Staat und ein Privatunternehmen arbei­ten.«

»Richtig.«

»Mein Geld liegt jetzt in einem Blind Trust. In Torrey Pines hatte ich nie viel inve­stiert, und es kann gut sein, dass der Fonds diese Anteile längst ver­kauft hat. Ich habe mal so etwas läuten hören. Ich an ihrer Stelle hätte es jeden­falls getan.«

»Na, das ist ja doof.«

»Wohl wahr.« Er run­zelte die Stirn. »Aber das ist nicht das Problem.«

Er blickte aus dem Fenster zu den Büros auf der ande­ren Seite des Atriums hin­über, mit einem Gesichtsausdruck, den Anna noch nie an ihm gese­hen hatte. Verdrossenheit? Sie konnte es nicht recht ein­ord­nen. Erschütterung?

»Was dann?«

»Ich weiß nicht«, sagte er leise, und dann: »Das System ist völlig ver­korkst.«

»Du soll­test zu dem Treffen morgen in der Mittagspause kommen. Der Botschafter von Khembalung, Rudra Cakrin, hält einen Vortrag über die bud­dhi­sti­schen Vorstellungen von Wissenschaft. Nein, wirk­lich. Du redest manch­mal genau wie die Khembalis.«

Er run­zelte die Stirn, als hätte sie ihn kri­ti­siert.

»Ach, komm. Du fin­dest es bestimmt inter­es­sant.«

»Okay. Vielleicht. Falls ich bis dahin mit dem Brief fertig bin, an dem ich gerade schreibe.«

Er kehrte in seine Arbeitsnische zurück und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. »Verdammter Mist«, hörte Anna ihn sagen.

Dann fing er an zu tippen. Es war, als könnte sie ihm beim Denken zuhö­ren, rasend schnel­les Klacken unter­bro­chen von harten, dump­fen Schlägen, wenn er mit dem Daumen auf die Leertaste hieb. Seine Tastatur musste manch­mal eini­ges aus­hal­ten.

Frank tippte noch, als Annas Blick auf die Zeitanzeige fiel und sie hastig auf­brach, um es recht­zei­tig nach Hause zu schaf­fen.

* * * * *

Als Frank am näch­sten Morgen zur Arbeit fuhr, hatte er einen Umschlag mit seinem Abschiedsbrief in der Tasche. Er hatte beschlos­sen, beim Schreiben weiter aus­zu­ho­len und eine aus­führ­lich begrün­dete, ver­nich­tende Anklageschrift gegen die NSF zu ver­fas­sen, einen Text, der Veränderungen her­bei­füh­ren konnte. Wenn man ihn ernst nahm. Er wollte ihn Diane Chang über­ge­ben, der Direktorin der NSF. In Papierform, an sie per­sön­lich adres­siert. Auf die Art konnte sie ihn in Ruhe lesen, still für sich dar­über nach­den­ken und dann ent­schei­den, ob sie etwas unter­neh­men wollte. Aber egal was sie tat, er würde seinen Beitrag dazu gelei­stet haben, dass sich bei der NSF etwas änderte, und guten Gewissens dahin zurück­keh­ren können, wo wahre Forschung statt­fand. Ein ver­söhn­li­cher Abschied. Bei dem er zumin­dest einen Teil seines Ärgers hinter sich lassen würde. Hoffte er jeden­falls.

Zu diesem Zweck hatte er den ersten Entwurf, der auf dem Rückflug von San Diego ent­stan­den war, grund­le­gend umge­schrie­ben. Er hatte die Begründungen aus­führ­li­cher for­mu­liert, die Kritikpunkte genauer gefasst und durch kon­krete Verbesserungsvorschläge ergänzt. Die Vorwürfe waren nach wie vor massiv, ori­en­tier­ten sich im Tonfall jetzt aber an wis­sen­schaft­li­chen Veröffentlichungen. Keine blu­mige Sprache, keine Wut. Keine Hühner und kein Vogel Strauß. Trotz rigo­ro­sem Kürzen waren es fünf Seiten gewor­den, in ein­zei­li­gem Abstand. Ein Tritt in den Hintern. Den konnte die NSF drin­gend gebrau­chen.

Im Büro las er den Text ein letz­tes Mal durch. Dann saß er da, klopfte sich mit dem Umschlag gedan­ken­ver­lo­ren aufs Bein und blickte ins Atrium hinaus, ohne etwas zu sehen. Unter ande­rem beschäf­tigte ihn die Frage, was bei Torrey Pines Generique wirk­lich vor­ge­fal­len war. Ob es etwas damit zu tun hatte, dass Derek Yann Pierzinski ein­ge­stellt hatte.

Unvermittelt sprang er auf und ging zu den Fahrstühlen, den brau­nen Umschlag mit dem Brief in der Hand. Er fuhr in den elften Stock und betrat das Vorzimmer zu Dianes Büro. Dort nickte er Dianes Sekretärin Laveta zu und legte den Umschlag in Dianes Eingangskorb.

»Sie kommt heute nicht mehr ins Büro«, sagte Laveta.

»Macht nichts. Sagen Sie ihr ein­fach, dass hier ein Brief von mir liegt, wenn sie morgen kommt, ja? Er ist für sie per­sön­lich.«

»In Ordnung.«

Und zurück in den fünf­ten Stock. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Es war pas­siert.

Er konnte Anna in ihrem Büro tippen hören. Ihm fiel ein, dass heute das Mittagstreffen statt­fand, zu dem sie ihn mit­neh­men wollte. Offenbar ging es auf ihre Initiative zurück, dass der Botschafter von Khembalung zu dem Vortrag ein­ge­la­den worden war. Den Titel hatte Frank einem Aushang neben den Fahrstühlen ent­nom­men, auf dem alle Vorträge der Reihe auf­ge­li­stet waren:

»Der Sinn der Wissenschaft aus bud­dhi­sti­scher Sicht.«

Für ihn klang das nicht eben viel­ver­spre­chend. Esoterisches Gerede ver­mut­lich, wenn nicht Schlimmeres. Was bei diesen Mittagstreffen aller­dings nichts Ungewöhnliches war, die Themen waren immer eine bunte Mischung. Von Vorträgen der übli­chen Art hatten die Leute an der NSF die Nase voll; darauf würden sie ihre Mittagspause ganz sicher nicht ver­wen­den. Bei dieser Reihe spielte daher der Unterhaltungswert eine große Rolle. Frank erin­nerte sich an Titel wie »Ein neues Utopia in der Antarktis«, »Ganzkörperbilder als Kunst« oder »Nützliche Folgen der Erderwärmung«. Je durch­ge­knall­ter das Thema, desto größer der Andrang.

Heute würde es bestimmt voll werden.

Annas Tür ging auf, offen­bar war es Zeit für den Vortrag.

»Kommst du mit?«, fragte sie.

»Na klar.«

Sie wirkte erfreut. Auf dem Weg zu den Fahrstühlen schüt­telte er über sie beide den Kopf. In den neun­ten Stock hinauf und zum Konferenzraum. Er fasste unge­fähr zwei­hun­dert Personen. Bis die Khembalis ein­tra­fen, war jeder Platz besetzt.


Frank setzte sich weit nach hinten und tat so, als arbei­tete er auf seinem Tablet. Aus der Klimaanlage strömte wohl­tu­end kühle Luft. Die mei­sten saßen grüpp­chen­weise zusam­men und unter­hiel­ten sich über alles Mögliche. Die Khembalis stan­den beim Vortragspult. Der Älteste, Botschafter Rudra Cakrin, trug eine wein­rote Robe, seine Begleiter waren in creme­weiße Baumwollhemden und ‑hosen geklei­det, wie sie in Indien weit­ver­brei­tet waren. Rudra Cakrins Mikrophon war zu hoch; sein junger Assistent half ihm, es zu ver­stel­len, und rich­tete dann auch sein eige­nes Mikrophon. Ein Dolmetscher. Wie lästig. Frank stöhnte unhör­bar.

Sie teste­ten die Mikrophone, und im Saal wurde es stil­ler. Durchgeknalltes Thema hin oder her, Frank fand es beein­druckend, wie voll der Raum war. Die Leute hier hatten immer noch genug Interesse an neuen Gedanken, um sich in ihrer Mittagspause einen Vortrag über Wissenschaftstheorie anzu­hö­ren. Freizeit und Energie auf­wen­den, um die eigene Neugier zu befrie­di­gen: eine wesent­li­che Eigenschaft der Hominiden. Und zugleich die Eigenschaft, die Menschen dazu bewegte, Wissenschaftler zu werden und trotz der vielen geist­tö­ten­den Tätigkeiten, die damit ver­bun­den waren, bei der Stange zu blei­ben. Er selbst war schließ­lich auch her­ge­kom­men. Noch aus­ge­brann­ter als er konnte man kaum sein, und trotz­dem war er diesem Tropismus gegen­über hilf­los, wandte sich offe­nen Fragen zu wie eine Sonnenblume der Sonne.

Der alte Mann dort vorn am Pult wirkte ziem­lich fehl am Platz. So wis­sens­dur­stig seine Zuhörerschaft auch sein mochte, sie bestand aus hart­ge­sot­te­nen Technokraten. Nicht gerade das ideale Publikum für diesen ver­hut­zel­ten Mann im Mönchsgewand. Er sah aus, als gehörte er in ein ande­res Jahrhundert.

Und doch stand er dort, und sie saßen hier. Irgendetwas hatte sie alle her­ge­lockt, und das war nicht nur die Klimaanlage. Sie waren höf­lich, auf­merk­sam, offen für neue Ideen. Frank spürte einen leisen Anflug von Stolz. Genau so hatte es einmal ange­fan­gen. Damals bei den Sitzungen der Royal Society im London der 1660er Jahre hatten die Mitglieder auch höf­lich dage­ses­sen und zuge­hört, wäh­rend ihnen irgend­eine merk­wür­dige Person, zwangs­läu­fig Autodidakt, einen Vortrag hielt. Sie hatten höf­lich Fragen gestellt und sich gemein­sam nach den Regeln der Vernunft mit dem Thema aus­ein­an­der­ge­setzt. Die Übereinkunft, in allen Dingen ratio­nal vor­zu­ge­hen: Damit hatte es begon­nen.

Der alte Mann blickte wohl­wol­lend ins Publikum. Er schien sie mit der glei­chen Aufmerksamkeit zu betrach­ten wie sie ihn.

»Guten Morgen!«, sagte er und deu­tete mit einer Geste an, dass sein eng­li­scher Wortschatz damit erschöpft war, vom näch­sten Wort abge­se­hen: »Danke!«

Dann mel­dete sich sein junger Assistent zu Wort. »Rimpoche Rudra Cakrin, der Botschafter Khembalungs in den Vereinigten Staaten, dankt Ihnen dafür, dass Sie her­ge­kom­men sind und ihm zuhö­ren wollen.«

Ein biss­chen red­un­dant. Aber nun begann der alte Mann, in seiner eige­nen Sprache zu reden – auf Tibetisch, hatte Anna gesagt, eine tiefe, keh­lige Lautfolge. Dann hielt er inne, und der junge Mann, Annas Freund Drepung, über­setzte:

»Der Rimpoche sagt: Im Buddhismus beginnt alles mit per­sön­li­cher Erfahrung. Man beob­ach­tet die eigene Umgebung und die eige­nen Reaktionen und die eige­nen Gedanken. Alles hat eine wis­sen­schaft­li­che … Grundlage. Jetzt fügt er hinzu: Falls ich rich­tig ver­stehe, was Sie im Westen meinen, wenn Sie von Wissenschaft reden. Jetzt sagt er: Ich hoffe, Sie sagen es mir, wenn ich mich irre. Aber mir scheint, in der Wissenschaft geht es darum, auf welche Geschehnisse wir uns eini­gen können.«

Rudra Cakrin unter­brach ihn mit einer Frage. Drepung nickte und fuhr fort: »Es geht um gesi­cherte Feststellungen. Um Behauptungen, denen jeder von Ihnen zustim­men wird, wenn Sie sich mit ihnen befas­sen. Denen auch alle ande­ren zustim­men würden.«

Einige im Publikum nick­ten.

Jetzt sprach wieder der alte Mann.

»Es gibt jedoch nur wenige und meist recht all­ge­meine Dinge, auf die wir uns eini­gen können«, sagte Drepung. »Und je näher wir der Zeit des Buddha kommen, desto all­ge­mei­ner werden sie. Seitdem sind zwei­tau­send­fünf­hun­dert Jahre ver­gan­gen, in etwa, und nun leben wir im Zeitalter der Mikroskope, der Teleskope und der … mathe­ma­ti­schen Beschreibungen der Wirklichkeit. Zu diesen Bereichen haben wir keinen direk­ten Zugang über unsere Sinne. Trotzdem können wir uns auf Aussagen über diese Bereiche eini­gen. Weil sie über lange mathe­ma­ti­sche Ketten von Ursache und Wirkung mit dem ver­knüpft sind, was wir sehen können.«

Rudra Cakrin lächelte kurz und redete weiter. Allmählich gewann Frank den Eindruck, dass Drepungs Übersetzungen sehr viel länger aus­fie­len als das, was der alte Mann von sich gab. War Tibetisch eine so ver­dich­tete Sprache?

»Dieses Netzwerk ist eine große Errungenschaft«, sagte Drepung.

Rudra Cakrin begann zu singen, mit einer tiefen rauen Stimme, die an Louis Armstrong erin­nerte, nur dass sie noch eine Oktave tiefer lag.

Drepung dekla­mierte:

Willst du die Bedeutung der Buddha-Natur ver­ste­hen,

musst du auf die rechte Zeit und auf die Kausalketten schauen.

Wahres Leben beruht auf Ursache und Wirkung.

Es folg­ten meh­rere leb­hafte Sätze von Rudra Cakrin.

Drepung über­setzte: »Hier geht es nicht mehr um die Natur an sich, son­dern um die Buddha-Natur. Worin liegt der Unterschied? Buddha-Natur bezeich­net die ange­mes­sene … Haltung gegen­über der Natur. Die Antwort des Beobachters. Die bud­dhi­sti­sche Philosophie weist den Weg, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Und dann …«

Rudra Cakrin sprach ein­dring­lich weiter.

»Und dann kommt der Augenblick … in dem wir ant­wor­ten, reagie­ren … Der Augenblick des Menschen … was wir sagen und tun und denken. Das führt uns zurück zu der Frage, was sich aus­drücken lässt. Die Natur der Wirklichkeit … Je tiefer wir vor­drin­gen, desto weiter ent­fer­nen wir uns von der Sprache. Selbst Mathematik ist irgend­wann nicht mehr von Belang. Aber …«

Der alte Mann sprach noch eine ganze Weile weiter. Schließlich glaubte Frank zu bemer­ken, wie Drepung ihm mit einem Blick oder einer Bewegung der Augenlider ein Zeichen gab, wor­auf­hin Rudra Cakrin sofort ver­stummte.

»Aber sobald wir uns der Frage zuwen­den, was wir tun sollen, genü­gen wieder ganz ein­fach Worte. Mitgefühl. Rechtes Handeln. Anderen helfen. Es bleibt bei diesen ein­fa­chen Antworten. Das Leiden lin­dern. Das hat etwas … Beruhigendes. Allergrößte Komplexität in dem, was ist, aller­größte Einfachheit in dem, was wir tun sollen. Sehr viel besser, als wenn es umge­kehrt wäre.«

Rudra Cakrin sprach jetzt deut­lich gelas­se­ner.

»Auch hier über­schnei­den sich die beiden Herangehensweisen«, sagte Drepung, »und werden zu einer. Wissenschaft ent­stand aus dem Wunsch nach Nahrung, Behaglichkeit, Gesundheit. Wir woll­ten lernen, wie die Dinge funk­tio­nie­ren, um sie besser beherr­schen zu können. Um unser Leiden zu lin­dern. In der bud­dhi­sti­schen Welt wurden die damit ver­bun­de­nen Methoden, das Beobachten und Ausprobieren, vor allem für die Medizin genutzt. Das geschah über viele Jahrhunderte. Bei Ihnen im Westen haben die Ärzte das Gleiche getan und sind dabei zu Wissenschaftlern gewor­den. In Asien waren die Ärzte bud­dhi­sti­sche Mönche, und sie haben die Methoden des Beobachtens und Ausprobierens eben­falls ver­fei­nert, um her­aus­zu­fin­den, ob sie ihre Erfolge … repro­du­zie­ren können.«

Rudra Cakrin nickte, legte Drepung eine Hand auf den Arm und sagte kurz etwas zu ihm. »Beide Forschungsrichtungen ver­lau­fen heute par­al­lel«, sagte Drepung. »Auf der einen Seite die Wissenschaft, die sich beim Beobachten der Natur immer weiter spe­zia­li­siert hat: Sie will mit Hilfe von Mathematik und Technik Tatsachen fest­stel­len und neue Werkzeuge ent­wickeln. Auf der ande­ren Seite der Buddhismus, der sich auf die Beobachtung des Menschen spe­zia­li­siert hat: Er will her­aus­fin­den … wie man etwas wird. Wie man sich ver­hal­ten soll. Was man tun soll. Was uns wei­ter­führt. Ich möchte sagen, die beiden sind wie die zwei Augen im Kopf. Um gut zu sehen, brau­chen wir beide. Oder aber … Es heißt doch: Augen sehen, Füße gehen. Wir könn­ten also sagen, die Augen sind die Wissenschaft und die Füße der Buddhismus.«

Frank hörte mit wach­sen­der Gereiztheit zu. Dieser alte Mann ver­trat ein System von Ideen, das seit zwei­ein­halb­tau­send Jahren nichts Neues mehr zum Wissen über die Welt bei­getra­gen hatte, aber er besaß die Frechheit, es auf eine Stufe mit der Wissenschaft zu stel­len, die ihrem gesam­mel­ten Vorrat an Erkenntnissen täg­lich meh­rere Millionen neue Fakten hin­zu­fügte. Wie absurd!

Trotzdem mischte sich auch Unbehagen in seinen Ärger. Denn in vielem, was der junge Dolmetscher sagte, glaubte Frank einen merk­wür­di­gen Widerhall seiner eige­nen Gedanken zu ent­decken. Manches schien Fragen zu beant­wor­ten, die ihn genau in diesem Moment beschäf­tig­ten. Zum Beispiel hatte er eben gedacht: Wie geht das alles mit der Tatsache zusam­men, dass wir Primaten sind, die erst seit ganz kurzer Zeit nicht mehr in der Savanne leben, dass unsere Gehirne an unser dor­ti­ges Leben als Jäger und Sammler ange­passt sind – ergibt es vor diesem Hintergrund über­haupt Sinn? Und im selben Moment beant­wor­tete der alte Mann eine Frage aus dem Publikum (offen­bar waren sie ohne for­melle Ankündigung zum Frage-und-Antwort-Teil des Vortrags über­ge­gan­gen), und Drepung dol­metschte:

»Wir sind Tiere. Tiere, die genug an Weisheit gewon­nen haben, um zu wissen, dass wir nicht ewig leben. Dass wir ster­ben werden. Wir wissen es seit Tausenden von Jahren, aber wir ver­wen­den einen großen Teil unse­rer gei­sti­gen Energie darauf, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wir denken nicht gern daran. Dabei ist uns durch­aus bekannt, dass selbst der Kosmos nicht ewig exi­stiert. Die gesamte Wirklichkeit ist ver­gäng­lich. Alles ändert sich, unauf­hör­lich. Nichts bleibt lange gleich. Nichts lässt sich fest­hal­ten. Somit lautet die eigent­li­che Frage: Was tun wir mit unse­rem Wissen? Wie leben wir damit? Wie ver­lei­hen wir ihm einen Sinn?«

Ganz genau! Ungehalten beugte Frank sich vor. Und was kam jetzt? Diese tiefe, raue Stimme mit ihren unver­ständ­li­chen Lauten – eine merk­wür­dige Vorstellung, dass sie solche Gedanken her­vor­brachte. Plötzlich wollte er unbe­dingt wissen, was der alte Mann gerade sagte.

»Ein wis­sen­schaft­li­cher Ausdruck für Mitgefühl lautet« – Drepung blickte zur Decke, wie auf der Suche nach dem rich­ti­gen Wort – »Altruismus. Es ist eins der Themen bei Ihren Untersuchungen an Tieren. Gibt es echten Altruismus über­haupt, und ist es ein guter Weg, sich an die Welt anzu­pas­sen? Mit ande­ren Worten, ist Altruismus sinn­voll? Einige Ihrer Studien zeigen, dass Altruismus vom Standpunkt der Gruppe betrach­tet die beste Strategie ist. Dadurch wird er zu … einer Ermahnung. Zeigt Mitgefühl, wenn ihr in der Evolution erfolg­reich sein wollt – und das von Ihrer Wissenschaft, die für sich in Anspruch nimmt, die Dinge nur zu beschrei­ben! Die nur beschreibt, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Im Buddhismus hat es schon immer gehei­ßen: Wenn du jeman­dem helfen willst, zeige Mitgefühl. Wenn du dir selbst helfen willst, zeige Mitgefühl. Und die Wissenschaft fügt nun hinzu: Wenn du deiner Spezies helfen willst, zeige Mitgefühl!«

Das trug ihm einige Lacher ein; auch Frank lachte leise. Zugleich fing er an, das Gesagte in die Begriffe des Gefangenendilemmas zu über­tra­gen. Es ent­sprach der Aufforderung, sich stets an die Strategie »immer groß­zü­gig« zu halten, weil das sowohl der Gruppe als auch dem Einzelnen die mei­sten Punkte ein­brachte … Was Drepung als Nächstes sagte, ent­ging ihm, weil ihn jetzt etwas gefan­gen nahm, das eher ein Gefühl war als ein Gedanke: Wenn ich doch an etwas glau­ben könnte, es würde so vieles ein­fa­cher machen. All sein ratio­na­les Denken, all sein bei­ßen­der Skeptizismus – plötz­lich drängte sich ihm der Eindruck auf, dass darin etwas Ungesundes lag.

Im selben Moment blickte Rudra Cakrin ihn an, ihn allein unter allen Zuhörern, und Drepung sagte: »Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit.«

Frank fuhr auf. Wie hatte die zuge­hö­rige Frage gelau­tet? Er suchte in seinem Kurzzeitgedächtnis, fand jedoch nichts.

Und schon verlor er erneut den Faden. Sein gesam­ter Körper hatte zu krib­beln begon­nen, als wäre er eine Glocke, die jemand ange­schla­gen hatte.

»Die Erleuchtung kann sehr plötz­lich ein­tre­ten.«

Das hörte er nicht mehr, jeden­falls nicht bewusst.

»Manchmal fügen sich die ver­streu­ten Teile des Bewusstseins auf einen Schlag zu einem Ganzen zusam­men.«

Auch das hörte er nicht. Er war tief in Gedanken ver­sun­ken. All seine Gewissheiten waren erschüt­tert.

Er dachte: Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit – das ist die Geschichte meines Lebens! Und der alte Mann hat es gewusst!


Er merkte, dass er auf­ge­stan­den war. Wie alle ande­ren auch. Offenbar war die Veranstaltung zu Ende. Die Leute ver­lie­ßen den Saal und ver­sam­mel­ten sich vor den Fahrstühlen. Jemand fragte ihn: »Und, was meinst du dazu?«, anschei­nend in der Erwartung, dass er etwas Bissiges, Abfälliges, eben Frank-Typisches von sich geben würde. Tatsächlich fing sein Mund bereits an, die Worte »Etwas wenig für zwei­ein­halb Jahrtausende harter Forschung« zu formen, aber er sagte nur »Etwas« und ver­stummte, von seinen eige­nen Angewohnheiten abge­sto­ßen. Er konnte ein sol­ches Arschloch sein.

Die sich öff­nende Fahrstuhltür ret­tete ihn. Er folgte dem Menschenstrom hinein und rieb sich die Oberarme, als wäre ihm in dem ein­drucks­voll kli­ma­ti­sier­ten Konferenzraum kalt gewor­den. Zu den Leuten, die ihn immer noch fra­gend anschau­ten, sagte er: »Interessant.«

Sie nick­ten, aber lächel­ten auch leise. Denn selbst dieses eine Wort – in Wissenschaftlerkreisen oft ein Ausdruck von höch­stem Lob – passte schon nicht zu ihm. Er machte sich lächer­lich. Seine Gruppe erwar­tete, dass er sich seiner Rolle ent­spre­chend benahm. So funk­tio­nier­ten Gruppen nun einmal. Überraschendes Verhalten kam selten vor und war eher nicht will­kom­men. Oder? Manchmal bezahl­ten die Leute sogar dafür, dass man sie über­raschte: durch Komik, durch Kunst. Das ließ sich über­prü­fen. Im Augenblick schien ihm gar nichts gewiss.

»… die Aufmerksamkeit der realen Welt gilt«, sagte jemand.

»Eine schwa­che Form von Empirismus«, sagte jemand ande­res.

»Was meinst du damit«, fragte die erste Person.

Die Fahrstuhltür öff­nete sich. Es war Franks Etage. Er stieg aus und kehrte zu seinem Arbeitsplatz zurück. Dort stand er lange am Eingang zu seiner Nische und betrach­tete den ganzen Kram, der darauf war­tete, bear­bei­tet oder ver­packt zu werden. Stapel von Büchern, Zeitschriften, Ausdrucken. Sein aus­ge­la­ger­tes Gedächtnis, der papie­rene Nachweis seines Lebens. Ein Übermaß an Rationalität.


Er saß da und dachte nach.

Anna kam herein. »Hallo, Frank. Wie hat dir der Vortrag gefal­len?«

»Er war inter­es­sant.«

Sie sah ihn auf­merk­sam an. »Das fand ich auch. Hör zu, Charlie und ich geben nach­her eine Party für die Khembalis. Bei uns zu Hause. Eine kleine Feier. Wenn du magst, komm doch vorbei.«

»Danke«, sagte er. »Vielleicht komme ich wirk­lich.«

»Das wäre schön. Ich muss jetzt los, alles vor­be­rei­ten.«

»Okay. Dann bis nach­her viel­leicht.«

»Okay.« Nach einem letz­ten fra­gen­den Blick ging sie hinaus.


Manchmal setzen sich ein­zelne Bilder oder Wörter, Ideen oder Sätze, Lieder oder Bruchstücke von Melodien im Kopf fest und kehren stän­dig wieder. Wenn diese Wiederholungsschleifen zu lang sind und zu oft auf­tre­ten, kann das zu einem echten Problem werden. Bei den mei­sten Menschen sprin­gen die Gedanken jedoch häufig genug zu neuen Ideen, neuen Schleifen weiter; bei eini­gen geschieht das sogar erschreckend schnell, was eben­falls zum Problem werden kann, dem Gegenstück der Endlosschleife.

Frank hatte sich in dieser Hinsicht immer als insta­bil ein­ge­schätzt, weil er mal zum einen Extrem, mal zum ande­ren ten­dierte. Der Wechsel von der Zwangsstörung zum Aufmerksamkeitsdefizit geschah manch­mal so schnell, dass man fast von einer ganz neuen Form von Bipolarität spre­chen konnte.

Kein Übermaß an Rationalität jeden­falls!

Oder aber genau das war die Ursache. Ein Versuch, alles unter Kontrolle zu halten. Der alte Mönch hatte ihm jeden­falls gera­de­wegs in die Augen geblickt. Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit. Vielleicht war dieses Beharren auf Rationalität seine Methode, inner­lich im Gleichgewicht zu blei­ben? Wer wusste das schon?

Möglicherweise hatte er es hier mit etwas zu tun, das die Buddhisten »Koan« nann­ten, ein unlös­ba­res Rätsel, über das man so lange nach­dachte, bis der Verstand rebel­lierte und das Denken ein­stellte. Das Denken ein­stel­len! Das war nun wirk­lich ver­rückt. Trotzdem, viel­leicht hatten die Sinneseindrücke dann freie Bahn. Und man erlebte das Jetzt in einer Weise, die nicht durch Sprache ver­mit­telt wurde. Die sich folg­lich auch nicht beschrei­ben ließ. Etwas, das man nur spürte oder mental ganz anders wahr­nahm, ohne Sprache, jen­seits der Sprache. Einfach anders.

Diese Art von Mystizismus war Frank zuwi­der. Aber die zuge­hö­rige Erfahrung liebte er. Wie jeder Mensch, der einmal einen Moment sprach­lo­ser Versenkung erlebt hatte, betrach­tete er das Erlebnis im Nachhinein als etwas Segensreiches. Wie damals, als er an einem Seil hän­gend Fenster geputzt und dabei gesun­gen hatte: »What’s my line, I’m happy clea­ning win­dows.« Klettern, Surfen … Der Kopf konnte viel schnel­ler arbei­ten als das, was in Form von ver­sprach­lich­ten Gedanken in ihm statt­fand, und auch das Gestöber von Sinneseindrücken und Gedanken, über das man die Welt wahr­nahm, bewegte sich so schnell, dass das Bewusstsein unmög­lich mit­hal­ten konnte. Was einem bewusst wurde, bil­dete nur einen klei­nen Teil des Ganzen.

Er ver­ließ das NSF-Gebäude und ging hinaus in den feucht­war­men Nachmittag. Der Anblick des Straßenverkehrs stieß ihn aus irgend­ei­nem Grund ab. Er konnte jetzt nicht Auto fahren. Stattdessen lief er zu Fuß durch das leicht schä­bige, von Autos domi­nierte Geschäftsviertel rings um die Metrostation Ballston. In seinem Kopf über­schlu­gen sich die Gedanken, aber da war noch etwas ande­res. Er hatte das Gefühl, dass er gerade etwas Neues lernte. Etwas, das sich noch nicht in Worte fassen ließ. Aber es war real. Er nahm es wahr. Es war real.

Ein Übermaß an Rationalität. Nun gut, er hatte sich tat­säch­lich immer bemüht, ratio­nal zu denken. Sehr sogar. Es war seine Art zu leben. Etwas, das er stets als hilf­reich emp­fun­den hatte. Er war ein lei­den­schafts­lo­ses, ver­nünf­ti­ges, ruhi­ges, ratio­na­les Wesen. Eine Denkmaschine – als Junge hatte er solche Geschichten geliebt. Aber genau das war ein Wissenschaftler schließ­lich, diese Eigenschaften mach­ten ihn zu einem guten Wissenschaftler. Deshalb fand er Anna ja so irri­tie­rend: Weil sie ohne Zweifel eben­falls eine gute Wissenschaftlerin war, aber zugleich mit Leidenschaft an die Sache her­an­ging, sich förm­lich in ihre Arbeit stürzte und für ihre Ideen kämpfte. Weil sie stets auch emo­tio­nal betei­ligt war. Ihr war es wich­tig, welche Theorie sich als rich­tig erwies. Das war ein Fehler, aber da sie so klug war, funk­tio­nierte es trotz­dem. Bei ihr jeden­falls. Vermutete er. Aber Wissenschaft konnte man es eigent­lich nicht nennen. Es ver­fälschte die Resultate, wenn einem das Ergebnis einer Untersuchung so viel bedeu­tete. Gefühle hatten da nichts ver­lo­ren. Wissenschaft diente nur dazu, sich best­mög­lich an die Umgebung anzu­pas­sen, in die sie alle hin­ein­ge­bo­ren wurden. Weil die eige­nen Gene auch in der näch­sten Generation wei­ter­exi­stie­ren woll­ten. Außerdem war es eine inter­es­sante Beschäftigung, und man ver­diente damit Geld. Alle ande­ren Tätigkeiten waren tri­vial und von Gier bestimmt. Soziale Primaten in einem selbst­ge­schaf­fe­nen Technokosmos: Da war Wissenschaft die ein­zige Möglichkeit, das Terrain gut genug zu erkun­den, um ent­schei­den zu können, wohin die Reise gehen sollte. Wo sich etwas Neues erschaf­fen ließ, das allen nützte. Eine ratio­nal begrün­dete Wahl. Leidenschaft wurde da nicht gebraucht.

Aber wozu lebten sie über­haupt? Was hielt Lebewesen bei der Stange? Weshalb nahmen sie all diese Anstrengungen auf sich, wenn am Ende doch der Tod auf sie war­tete? Das war die Frage, die die Buddhisten zu stel­len gewagt hatten.

Inzwischen lief er auf dem Fairfax Drive in Richtung Potomac. Es war eine große, dicht befah­rene Straße. Lange Reihen von Fahrzeugen, und fast alle Insassen tele­fo­nier­ten. Eigentlich ein merk­wür­di­ger Anblick.

Die Existenz von Leben hatte sich ratio­nal nie völlig erklä­ren lassen. Leben blieb ein Rätsel, das der Verstand nicht zu lösen ver­mochte. Kein Wissenschaftler hatte je Leben erschaf­fen. Kleine, klar umris­sene, Entropie expor­tie­rende Wirbel, die nur für kurze Zeit exi­stier­ten, aber Teile von sich davon­schleu­der­ten, sodass neue Wirbel ent­stan­den, durch unsicht­bare Ketten von Code mit­ein­an­der ver­knüpft. Eine Abfolge von Staubteufeln mit eige­nem Muster. Ein Rätsel, ein Wunder – das sich nur dort ereig­nen konnte, wo es Wasser gab. Wasser fand sich im Universum zu Tropfen zusam­men, genau wie auf einer Fensterscheibe, und bot so dem Leben Nahrung. Das Wasser des Lebens. Ein Wunder.

Er merkte, dass er am ganzen Körper schwitzte. Ringsum stan­den hohe Bäume unter­schied­lich­ster Arten, Bäume und Büsche, man konnte meinen, die Stadt wäre in einen bota­ni­schen Garten hin­ein­ge­baut worden. Hunderte von Grüntönen. Fußgänger in klei­nen Gruppen. Höchstens die Jogger waren manch­mal allein unter­wegs, und selbst sie liefen offen­bar lieber zu zweit oder in grö­ße­ren Trupps. Soziale Lebewesen, und wie bei Bienen und Ameisen waren die Regeln des Zusammenlebens so unver­än­der­lich, dass kaum jemand sie wahr­nahm. Eine von Pheromonen gelei­tete Art, glück­li­cher­weise sehr anpas­sungs­fä­hig, aber in keinem sta­bi­len Verhältnis zu ihrer Umwelt. Eine Art, der bewusst war, dass es eine Zukunft gab. Die aus win­zi­gen mathe­ma­ti­schen Anhaltspunkten die Geschichte des Kosmos ablei­ten konnte, eine so gewal­tige Anstrengung, dass sie nur von einer rie­si­gen über­zeit­li­chen Gruppe hoch­in­tel­li­gen­ter Wesen gelei­stet werden konnte, die ihr Wissen stets an zukünf­tige Generationen wei­ter­ga­ben, mit­samt den uner­forsch­ten Rändern, an denen es noch mehr zu ent­decken gab. Eine Leistung der gesam­ten Menschheit. Das machte die Wissenschaft aus, das machte das Leben aus.

Er blieb stehen, den Kopf voller Gedanken, unsi­cher, besorgt, voller Furcht. Er war völlig ver­wirrt. Frei schwe­bende Ängste, dachte er ängst­lich; aber nein, diese Furcht hatte einen klaren Grund. Es hieß immer, Paradigmenwechsel fänden erst dann statt, wenn die alten Wissenschaftler tot waren, dass Einzelpersonen für eine solche Veränderung zu dick­köp­fig seien, zu sehr dem Gewohnten ver­haf­tet. Ein sozia­ler Prozess, der zwei Generationen umfasste.

Aber es musste doch auch anders gehen. Ab und zu musste so etwas auch im Kopf eines ein­zel­nen – beson­ders auf­ge­schlos­se­nen oder auch ver­un­si­cher­ten – Wissenschaftlers statt­fin­den. Beim Weitergehen stieß er fast mit einer Frau zusam­men, die ihm ent­ge­gen­kam, und bei­nahe hätte er zu ihr gesagt: »Oh, tut mir leid, ich stecke mitten in einem Paradigmenwechsel.« Er fühlte sich des­ori­en­tiert. Von einem Paradigma zu einem ande­ren zu wech­seln, war über­haupt nicht so, wie er es in einem Buch über Wissenschaftstheorie einmal gra­phisch dar­ge­stellt gese­hen hatte: als würde man von einem Hochhaus in ein ande­res umzie­hen. Es war mehr, als wohnte er in einem Kaleidoskop, an dessen Muster er seit Langem gewöhnt war: Plötzlich drehte jemand am Rohr, er fiel hin, und zugleich ver­wan­delte sich alles, was er sah, klackernd in etwas ande­res, Schritt um Schritt. Farben, Muster, alles geriet durch­ein­an­der. Als würde man ster­ben und neu gebo­ren. Altruismus, Mitgefühl, gott­ver­dammte Dummheit, Loyalität gegen­über Menschen, die selbst nicht loyal waren, für alle Verräter den Verlierer spie­len, Wettbewerb, Anpassung, ver­la­ger­tes Eigeninteresse – oder doch etwas ganz Reales, eine reale Kraft, eine Eigenschaft der phy­si­ka­li­schen Welt wie die Gravitation oder ein wesent­li­cher Bestandteil des Lebens wie der Trieb, die eigene DNA an zukünf­tige Generationen wei­ter­zu­ge­ben. Ein Grund zu leben. Der über die DNA hin­aus­ging. Ein wilder Impuls zu leben, das Bedürfnis, Gutes zu tun. Liebe. Eine grüne Kraft, Élan vital, das war Metaphysik, gar nicht gut, aber wie sonst ließen sich die Beobachtungen erklä­ren?

Ein Übermaß an Rationalität half da jeden­falls nicht.

Aber Gene ver­hiel­ten sich ratio­nal. Sie führ­ten ihren Auftrag aus und ver­mehr­ten sich. Lebende Algorithmen, Wesen aus vier Elementen. Eine Sprache mit vier Buchstaben, Codes von unge­heu­rer Länge, Codes, die Körper her­vor­brach­ten. Das war ein ratio­na­ler Vorgang, der sogar etwas Monomanisches hatte – ein Übermaß an Rationalität, wie es im Koan hieß. Dann waren sie also alle ver­rückt, nicht nur im sozia­len und per­sön­li­chen, son­dern auch im gene­ti­schen Sinn. Zwangsgestörte Moleküle. Und darauf auf­bau­end immer neue Ebenen von Wahnsinn. Und alles nichts wert, es sei denn, es kam noch etwas ande­res hinzu, etwas Nichtrationales, eine spät ent­stan­dene Eigenschaft wie Altruismus oder Mitgefühl oder Liebe – etwas, das nicht auf einem Code basierte.

Ihm war elend zumute. Das konnte natür­lich an der Hitze und Feuchtigkeit liegen oder daran, dass er so schnell gegan­gen war; oder er hatte etwas Verdorbenes geges­sen oder sich einen Infekt ein­ge­fan­gen. Oder alles zusam­men – so fühlte es sich jeden­falls an, auch wenn er den Verdacht hatte, dass die Ursache in seinem Verstand lag. Eine Infektionskrankheit der Gedanken, ein mora­li­sches Fieber. Er musste mit irgend­je­man­dem reden.

Aber es musste jemand sein, dem er ver­traute. Und da war die Liste kurz. Sehr, sehr, sehr kurz. Im Grunde genom­men – mein Gott, wer stand denn über­haupt darauf?

Anna. Seine Kollegin Anna Quibler. Die lei­den­schaft­li­che Wissenschaftlerin. Ein Fels in der Brandung. Denn wem konnte man trauen? Doch nur einem guten Wissenschaftler. Einer Wissenschaftlerin, die bereit war, ihre ehr­li­che wis­sen­schaft­li­che Haltung auf die gesamte Wirklichkeit anzu­wen­den. Vielleicht hatte der alte Lama das gemeint. Wenn zu viel Rationalität eine Form von Verrücktheit war, dann wurde viel­leicht genau diese Verbindung von Rationalität und Leidenschaft gebraucht. Wissenschaft und Leidenschaft, Wissenschaft und Mitgefühl – ließ sich irgend­wie ana­ly­sie­ren, womit man es da zu tun hatte? Mit Religion viel­leicht, oder einer Form von Humanismus oder Biozentrismus, Liebe zu allem Lebendigen, Liebe zum Kosmos. Oder eben Buddhismus, falls er den alten Mann rich­tig ver­stan­den hatte.

Plötzlich fiel ihm ein, dass Anna und Charlie heute Abend eine Party gaben und Anna ihn ein­ge­la­den hatte. Ironischerweise, um den Erfolg des heu­ti­gen Vortrags zu feiern. Also würden die Khembalis auch dort sein.

Während er schwit­zend wei­ter­ging, hielt er nach Straßenschildern Ausschau, um her­aus­zu­fin­den, wo er war. Aha. Fast schon am Washington Boulevard. Er könnte die Metrostation Clarendon ansteu­ern. Was er auch tat. Dort ange­kom­men, fuhr er auf der Rolltreppe in die Tiefe. Eine selt­same Vorgehensweise für einen Hominiden, fast schon eine reli­giöse Erfahrung. Dem Schamanen in die Höhle folgen. Das haben wir nie völlig abge­schüt­telt.


Bis er in Metro Center umstei­gen musste, ach­tete er kaum auf seine Umgebung. Dort erschien ihm das Innere der Station absur­der denn je, eine Einkaufsmeile in der Hölle. Er bestieg einen Zug der Roten Linie Richtung Shady Grove und fuhr, von Menschen umge­ben, im Stehen weiter. Es war spät gewor­den, er war lange umher­ge­irrt. Der Berufsverkehr war fast vorbei.

Um diese Uhrzeit sah man den mei­sten Leuten an, dass sie von der Arbeit kamen. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Zuhause in einem der wohl­ha­ben­den Viertel in Northwest, Chevy Chase, Bethesda, Rockville oder Gaithersburg. Mit jedem Halt wurde der Zug leerer. Nach einer Weile fand er einen freien Platz auf einem der grell oran­ge­far­be­nen Sitze.

Inzwischen hatte er sich ein wenig beru­higt. Die kühle Luft, das freche und doch besänf­ti­gende Farbdesign in Orange und Pink, die vielen Gesichter – all das trug dazu bei. Sogar der Fahrer half mit, indem er vor jeder Station so sanft abbrem­ste, wie Frank es selten erlebt hatte. Eine wun­der­volle Art, mit den mäch­ti­gen Bremsen umzu­ge­hen; die mei­sten Fahrer schaff­ten das nicht ohne den einen oder ande­ren Ruck. Als würde ein Musiker auf seinem Instrument spie­len. Die höh­len­ar­ti­gen Bahnhöfe sahen alle fast gleich aus, nur die Namensschilder wech­sel­ten.

Ihm gegen­über saß eine Frau in schwar­zem Rock und weißer Bluse. Kurzes locki­ges Haar, Brille, fast unsicht­ba­res Make-up. Am Schlüsselbein schaute ein BH-Träger hervor. Berufstätig, auf dem Weg nach Hause. Intelligentes, freund­li­ches Gesicht, nicht hübsch, aber attrak­tiv. Die Beine gekreuzt, einer der Joggingschuhe ragte etwas in den Gang. Ihr Rock war nach oben gerutscht, und Frank konnte die Außenseite des einen Oberschenkels sehen: Durch den Druck des Sitzes und wegen der gut aus­ge­präg­ten Beinmuskulatur war er leicht nach innen gewölbt. Keine Strümpfe, glatte Haut, ein paar Sommersprossen. Sie sah kräf­tig aus.

Die Frau stieg eben­falls in Bethesda aus. Frank folgte ihr auf den Bahnsteig. Interessant, wie sehr sich Röcke und Kleider unter­schie­den und wie dadurch die Individualität der Körper betont wurde. Höhe des Pos, Breite der Hüften, Form der Beine, des Rückens, der Schultern, die Gesamtproportionen, die Art, sich zu bewe­gen: Es gab unend­lich viele Variationen. Für Frank sahen keine zwei Frauen gleich aus. Und er sah sich stän­dig Frauen an.

Diese Frau bewegte sich schnell und ziel­stre­big. Ihre Beine waren länger als üblich, was immer Aufmerksamkeit erregte. Jede Abweichung von der Norm fiel auf. Diese Frau wirkte auf den ersten Blick so, als würde sie Schuhe mit hohen Absätzen tragen, und das war attrak­tiv. Genau des­halb trugen so viele Frauen Schuhe mit hohen Absätzen: weil sie so aus­se­hen woll­ten wie sie. Noch eine Vorliebe, die zwei­fel­los auf das Leben in der Savanne zurück­ging – wer schnell vor Raubtieren weg­ren­nen konnte, hatte grö­ßere Aussichten auf erfolg­rei­che Fortpflanzung. Egal. Sie sah jeden­falls gut aus. Nach dem inne­ren Aufruhr, den er hinter sich hatte, wirkte das beru­hi­gend. Eine Rückkehr zum Wesentlichen.

Auf der Rolltreppe vom Bahnsteig zu den Drehkreuzen stand Frank ein wenig unter ihr, ein Blickwinkel, den er sehr genoss, denn ihre Beine wirk­ten so noch länger, ihr Po noch runder. Spätestens jetzt hing er am Haken; und wie immer in sol­chen Fällen beschloss er, ihr nach­zu­ge­hen, bis ihre Wege sich trenn­ten. Einfach nur, weil es schön war, ihr beim Gehen zuzu­schauen. Das pas­sierte ihm stän­dig, es war schon zur Gewohnheit gewor­den. Washington war voll schö­ner Frauen.

Sie pas­sier­ten die Drehkreuze und betra­ten den Tunnel, der zu der langen Rolltreppe ins Freie führte. Zu seiner Überraschung wandte sie sich jedoch nach links und steu­erte die Nische mit den Fahrstühlen an.

Ohne nach­zu­den­ken folgte er ihr. Normalerweise benutzte er die Fahrstühle in den Metrostationen nie, da sie extrem lang­sam waren. Aber nun stand er neben ihr und war­tete. Er hatte das Gefühl, sich sehr auf­fäl­lig zu beneh­men, aber das ließ sich nicht ändern. Er konnte nur stur auf die Leuchtanzeige über der Fahrstuhltür blicken. Gut, er hätte auch weg­ge­hen können.

Das Lämpchen leuch­tete auf, und die Tür öff­nete sich. Die Kabine war leer. Frank folgte der Frau hinein, drehte sich um und starrte auf die sich schlie­ßende Tür. Er hatte das Gefühl, dass er rot gewor­den war.

Sie drückte den Knopf fürs Straßenniveau, und mit einem klei­nen Ruck ging es los. Der Fahrstuhl summte und vibrierte. In der klei­nen Kabine war es heiß und schwül, es roch schwach nach Maschinenöl, Schweiß, Plastik, Parfüm und Elektrizität.

Frank betrach­tete ein­ge­hend die Anzeige über der Tür. Die Frau eben­falls. Sie hatte den Daumen unter den Gurt ihrer Handtasche gehakt, der Ellbogen drückte sich kurz über der Taille in den Stoff ihrer Bluse. Ihr Haar war so dicht gelockt, dass man es fast kraus nennen konnte. Es war braun und kurz geschnit­ten und umschloss ihren Kopf wie eine Kappe, nur im Nacken war es ein wenig länger. Von dort ver­lie­fen zwei feine Linien aus blon­den Härchen zu ihren Schultern. Es waren breite Schultern. Ein sehr ein­drucks­vol­les Wesen. Selbst aus dem Augenwinkel nahm er genug wahr, um das zu erken­nen.

Der Fahrstuhl quietschte, erbebte und hielt an. Erschrocken rich­tete Frank seine Aufmerksamkeit wieder auf die Anzeige. Sie behaup­tete, dass sie nach wie vor auf­wärts fuhren.

»Scheiße«, mur­melte die Frau und sah auf die Uhr. Dann warf sie Frank einen Blick zu.

»Ich glaube, wir stecken fest«, sagte Frank und drückte auf den Aufwärts-Knopf.

»Ja. Verdammt.«

»Unglaublich.«

Sie verzog das Gesicht. »Was für ein Tag.«

Es ver­gin­gen ein paar Sekunden. Frank drückte auf den Abwärts-Knopf: nichts. Er deu­tete auf das kleine schwarze Telefon neben den Knöpfen.

»Ich glaube, das ist für solche Situationen gedacht.«

»Denke ich auch.«

Frank nahm den Hörer ab und hielt ihn sich ans Ohr. Sofort war ein Klingelton zu hören, zum Glück, denn ein Ziffernfeld gab es nicht. Wie hätte er sich wohl gefühlt, wenn es im Hörer still geblie­ben wäre?

Aber es klin­gelte so lange, dass er anfing, sich Sorgen zu machen.

Endlich mel­dete sich eine Frauenstimme. »Hallo?«

»Hallo? Hören Sie, wir sind in dem Fahrstuhl in der Metrostation Bethesda. Er ist stecken­ge­blie­ben.«

»Okay. Bethesda, haben Sie gesagt? Haben Sie schon ver­sucht, erst den Türen-schließen- und dann den Aufwärts-Knopf zu drücken?«

»Nein.« Frank drückte die ent­spre­chen­den Knöpfe. »Ich mache es jetzt, aber … nichts pas­siert. Er scheint wirk­lich fest­zu­stecken.«

»Probieren Sie es noch mit dem Abwärts-Knopf, nach dem fürs Türenschließen.«

»Okay.« Er ver­suchte es.

»Wissen Sie, wie weit oben Sie fest­stecken?«

»Ziemlich weit.« Er sah die Frau an, und sie nickte.

»Nehmen Sie Rauch wahr?«

»Nein!«

»Okay. Jemand ist schon zu Ihnen unter­wegs. Warten Sie ein­fach ab. Und ganz ruhig blei­ben. Ist der Fahrstuhl sehr voll?«

»Nein, wir sind nur zu zweit.«

»Dann ist ja gut. Unsere Leute werden unge­fähr eine halbe bis eine Stunde brau­chen, je nach­dem, wie der Verkehr ist und was mit dem Fahrstuhl nicht stimmt. Sie melden sich über dieses Telefon bei Ihnen, sobald sie vor Ort sind.«

»Okay. Danke.«

»Kein Problem. Falls sich an Ihrer Lage irgend­et­was ändern sollte, melden Sie sich. Ich behalte die Sache im Blick.«

»Mache ich. Danke.«

Aber die Frau hatte schon auf­ge­legt. Frank legte auch auf.

Sie stan­den stumm da.

Frank deu­tete aufs Telefon. »Also …«

»Ich habe alles gehört.« Die Frau betrach­tete den Boden der Kabine. »Ich glaube, ich setze mich. Ich habe müde Füße.«

»Gute Idee.« Sie setz­ten sich neben­ein­an­der, an die Rückwand des Fahrstuhls gelehnt.

»Müde Füße?«

»Ich war in der Mittagspause laufen, den größ­ten Teil der Strecke auf Pflaster.«

»Sind Sie Läuferin?«

»Nein, eigent­lich nicht. Deshalb tun mir ja die Füße weh. Ich gehöre zu einem Fahrradclub, aber wir wollen bei einem Triathlon mit­ma­chen, darum trai­niere ich jetzt auch Laufen und Schwimmen. Ich könnte natür­lich auch in einem Team antre­ten und nur den Fahrradteil über­neh­men, aber ich will sehen, ob ich nicht alles schaffe.«

»Über welche Strecken geht es denn?«

»Eine Meile schwim­men, zwan­zig Meilen Rad fahren, zehn Kilometer laufen.«

»Autsch.«

»So schlimm ist das gar nicht.«

Sie schwie­gen eine Weile.

»Und, kommen Sie jetzt bei irgend­et­was zu spät?«

»Nein«, sagte Frank. »Na ja, viel­leicht schon, aber es ist nur eine Party.«

»Wäre doch schade, sie zu ver­pas­sen.«

»Kann sein. Es ist mehr ein Arbeitstermin. Wir hatten heute Mittag einen Vortrag, und die Person, die das orga­ni­siert hat, gibt jetzt eine kleine Feier für die Redner.«

»Worum ging es denn in dem Vortrag?«

Er lächelte. »Um Wissenschaft aus bud­dhi­sti­scher Sicht. Die Redner waren zwei Buddhisten.«

»Und Sie sind Wissenschaftler.«

»Genau.«

»Das war bestimmt inter­es­sant.«

»Ja, war es. Mir hat es jeden­falls eini­gen Stoff zum Nachdenken gelie­fert. Mehr, als ich erwar­tet hatte. Ich bin aber über­haupt nicht sicher, was ich heute Abend zu diesen Leuten sagen soll.«

»Hmm.« Sie schien nach­zu­den­ken. »Für mich ist Radfahren manch­mal eine Art Meditation. Ich ver­gesse dann alles, und wenn ich wieder zu mir komme, bin ich mei­len­weit gefah­ren.«

»Das hört sich nett an.«

»Ihre Forschungsdisziplin ist aber nicht Psychologie, oder?«

»Mikrobiologie.«

»Gut. Entschuldigung. Jedenfalls, mir gefällt es, ja. Aber ich glaube, bewusst könnte ich es nicht her­bei­füh­ren. Es geschieht ein­fach. Oft am Ende einer Tour. Vielleicht ein­fach nied­ri­ger Blutzucker. Nicht genug Energie, um nach­zu­den­ken.«

»Schon mög­lich«, sagte Frank. »Nachdenken ver­braucht eini­ges an Zucker.«

»Na bitte.«

Sie saßen da und ver­brauch­ten Zucker.

»Was ist mit Ihnen, kommen Sie zu irgend­et­was zu spät?«

»Eigentlich wollte ich noch Rad fahren. Meinen Beinen würde es dann morgen besser gehen. Aber ob ich nach dieser Pleite noch Lust darauf habe … Vielleicht doch. Falls wir bald hier raus­kom­men.«

»Warten wir ab.«

»Genau.«

Im Fahrstuhl war es stickig. Sie saßen da und schwitz­ten. Es war ein eigen­ar­ti­ger Zustand, ange­nehm und span­nungs­ge­la­den zugleich. Einfach nur still­sit­zen und atmen, wäh­rend sie sich fast berühr­ten und ihre Körper ganz leise auf­ein­an­der reagier­ten … Es war schön. Zwei Tiere, die sich neben­ein­an­der aus­ru­hen, das eine ein Männchen, das andere ein Weibchen: Unterschwellig findet dabei eini­ges an Austausch statt. Und irgend­wie kam es, dass sich ihre Beine beim Entspannen ein wenig nach außen beweg­ten und sich ganz leicht berühr­ten. Es wirkte völlig natür­lich: Die Beine lehn­ten nun mit den Außenseiten der Knie anein­an­der, ihr nack­tes (ihr Rock war in Richtung Schoß gerutscht) an seinem mit dünnem Baumwollstoff beklei­de­ten. Sie berühr­ten sich. Franks gesamte Aufmerksamkeit galt jetzt diesem unter­schwel­li­gen Austausch. Er trug zwar nach wie vor etwas zum Gespräch bei, aber wusste kaum, wor­über sie sich eigent­lich unter­hiel­ten.

»Dann fahren Sie bestimmt ziem­lich oft Rad?«

»Ja, könnte man sagen.«

Sie gehöre zu einem Club, erklärte sie ihm. »Da geht es zu wie in jedem Club.« Außer dass die Mitglieder oft lange Radtouren unter­nah­men. Immer an den Wochenenden, und in klei­ne­ren Gruppen noch öfter. Anscheinend redete auch sie nur noch um des Redens willen. »Am wich­tig­sten ist die Geselligkeit. Eigentlich nicht viel anders als der Elks Club. Nur eben mit Fahrrädern.«

»Klingt gut.«

»Ja, es macht Spaß. Und hält fit.«

»Es macht Sie stark.«

»Na ja, zumin­dest in den Beinen. Für die Beine ist es gut.«

»Ja.« Frank folgte der Einladung und betrach­tete ihre Beine. Sie senkte den Kopf und schaute sie eben­falls an, als würde sie etwas inspi­zie­ren, das gar nicht zu ihr gehörte. Ihr Rock war so weit hoch­ge­rutscht, dass das linke Bein in voller Länge zu sehen war.

»Es kräf­tigt die Oberschenkelmuskeln«, sagte sie.

»Stimmt«, wollte Frank eigent­lich sagen, aber das Wort kam nicht zustande, weil ihm plötz­lich etwas leicht gegen den Solarplexus drückte. So gab er nur eine Art Summen oder Schnurren von sich. Ein Laut, der das Verlangen aus­drückte, das beim Anblick dieser langen, kräf­ti­gen Beine, der glat­ten Haut, der schö­nen Wölbung an der Unterseite des Oberschenkels in ihm wach wurde. Ihre Knie ragten höher auf als seine.

Er blickte auf und merkte, dass sie ihn angrin­ste. Er hob die Schultern und sah ganz kurz weg: Ja, schul­dig im Sinne der Anklage. Zugleich merkte er, dass er lächelte, wie man es eben tat, wenn man bei etwas ertappt worden war. Was sollte er auch sagen? Sie hatte nun einmal tolle Beine.

Sie betrach­tete ihn for­schend, als würde sie in seinem Gesicht nach etwas Bestimmten suchen. In ihren Augen fun­kelte es amü­siert. Die ganze Kraft ihrer Persönlichkeit lag in diesem Blick.

Und etwas an dem, was sie sah, schien ihr zu gefal­len, denn nun lehnte sie sich an seine Schulter, beugte sich noch weiter vor, reckte den Hals und küsste ihn.

»Hmmm«, schnurrte er und erwi­derte den Kuss. Ohne eine bewusste Entscheidung rutschte er ein wenig zu ihr herum, und sie rutschte zu ihm herum. Einen Moment lang löste sie sich von ihm und sah ihm noch einmal in die Augen, dann lächelte sie und schmiegte sich in seine Arme. Ihre Küsse wurden immer lei­den­schaft­li­cher, wie zwei knut­schende Teenager ver­san­ken sie völlig in ihrem Glück. Die Zeit ver­ging. Frank dachte über­haupt nicht mehr, er nahm nur noch wahr, ihre Lippen auf seinen, ihre Zunge, die unbe­queme Haltung, in der sie sich umarm­ten. Es war heiß, beide waren sie schweiß­nass, ihre Küsse schmeck­ten nach Salz. Frank schob ihr eine Hand unter den Rock. Sie stieß ein Brummen aus, ver­la­gerte das Gewicht auf ein Knie, spreizte das andere Bein ab und hockte sich über ihn. Sie küss­ten sich noch lei­den­schaft­li­cher.

Das Fahrstuhltelefon klin­gelte.

Sie setzte sich auf. »Hoppla«, sagte sie atem­los. Ihr Gesicht war gerö­tet, sie sah umwer­fend aus. Sie streckte den Arm aus und griff nach dem Hörer, blieb aber auf Frank sitzen.

»Hallo?«, sagte sie ins Telefon. Frank bewegte sich unter ihr, und sie legte ihm die freie Hand auf die Brust, damit er auf­hörte.

»Ja, wir sind hier«, sagte sie. »Das ging aber schnell.« Sie hörte kurz zu und lachte. »Ja, das bekom­men Sie bestimmt nicht oft zu hören.« Frank und sie lächel­ten sich kom­pli­zen­haft an, und in dem Moment spürte Frank stär­ker denn je, dass sie etwas ver­band. Sie waren ein Paar, aber nie­mand außer ihnen wusste das.

»Na klar – wir laufen nicht weg!«

Sie löste sich von ihm und legte auf. »Sie sagen, sie hätten es schon repa­riert, und es geht gleich nach oben.«

»Verdammt.«

»Ich weiß.«

Sie stan­den auf. Sie strich sich über den Rock. Der Fahrstuhl ruckte ein paar­mal und fuhr los.

»Puh, wie wir aus­se­hen! Wir sind tropf­nass.«

»Das wäre in jedem Fall pas­siert. Hier drin ist es heiß.«

»Stimmt.« Sie streckte die Hand aus, um ihm das Haar glatt­zu­strei­chen, und schon küss­ten sie sich wieder, tau­mel­ten umschlun­gen gegen die Wand der Kabine, und die Leidenschaft flammte erneut auf, hef­ti­ger noch als zuvor. Dann stieß sie ihn weg und sagte atem­los: »Okay, Schluss jetzt, wir sind fast oben. Die Tür geht bestimmt gleich auf.«

»Stimmt.«

Wie zur Bestätigung wurde der Fahrstuhl lang­sa­mer, wenn auch im gewohn­ten Zeitlupentempo. Frank atmete tief durch und ver­suchte, sich zusam­men­zu­neh­men. Sein Gesicht glühte, er ver­spürte ein Prickeln am ganzen Körper. Er sah sie an. Sie war fast so groß wie er.

Sie lachte. »Voll erwischt!«


Der Fahrstuhl hielt an. Die Tür öff­nete sich ruckelnd. Bis zur Straßenhöhe fehl­ten immer noch drei­ßig Zentimeter, aber hin­aus­zu­stei­gen war nicht schwer.

Vor ihnen stan­den drei Männer, zwei in Overalls, einer in einer Metro-Uniform.

Der Uniformierte hielt ein Klemmbrett. »Alles okay?«, fragte er.

»Ja.« – »Alles bestens«, sagten sie gleich­zei­tig.

Einen Moment lang stan­den sie nur da.

»Muss ja ziem­lich heiß gewe­sen sein da drin«, sagte der Uniformierte.

Die drei dun­kel­häu­ti­gen Männer schau­ten sie neu­gie­rig an.

»Und ob«, sagte Frank.

»Aber nicht viel anders als hier drau­ßen«, ergänzte einer der ande­ren schnell, und alle lach­ten. Denn es stimmte: Die Temperatur hatte sich kaum geän­dert. Es war, als würde man von einer Sauna in die näch­ste stei­gen. Ihre Retter schwitz­ten eben­falls kräf­tig. Ja, in Washington konnte man die Luft im Freien nicht von der in einem kaput­ten Fahrstuhl tief unter der Erde unter­schei­den. So war es nun einmal. Also lach­ten sie.

Sie stan­den auf dem Gehweg der Wisconsin Avenue, gleich neben dem alten Postamt. Die Passanten warfen ihnen neu­gie­rige Blicke zu. Der Uniformierte reichte der Frau das Klemmbrett. »Wenn Sie das bitte aus­fül­len und unter­schrei­ben würden. Danke. Von Ihrem Anruf bis zu unse­rer Ankunft hat es unge­fähr eine halbe Stunde gedau­ert.«

»Ziemlich schnell«, sagte die Frau. Sie las den Text auf dem Formular durch, füllte einige Leerstellen aus und unter­schrieb. »Mir kam es sogar noch kürzer vor.« Sie sah auf die Uhr. »Gut, dann – vielen Dank.« Sie wandte sich Frank zu und gab ihm die Hand. »Es war nett, Sie ken­nen­zu­ler­nen.«

»O ja.« Er wollte etwas sagen, aber fand keine Worte. Vor diesen Zeugen fiel ihm ein­fach nichts ein. Sie wandte sich ab und ging auf der Wisconsin Avenue Richtung Süden davon. Unter den Augen der Männer fühlte Frank sich zur Bewegungslosigkeit ver­dammt; ihr nach­zu­lau­fen und sie nach ihrem Namen und ihrer Telefonnummer zu fragen, hätte alles ver­ra­ten. Außerdem hielt ihm der Uniformierte jetzt das Klemmbrett hin. Auf dem Formular würde er nach­le­sen können, was sie ein­ge­tra­gen hatte.

Aber auf dem Klemmbrett war ein neues Formular befe­stigt. Er blickte der Frau nach: Sie bog gerade nach rechts in eine Nebenstraße ein.

Der Uniformierte sah ihn unge­rührt an. Die beiden Techniker wand­ten sich wieder dem Fahrstuhl zu.

Frank deu­tete auf das Klemmbrett. »Kann ich bitte den Namen der Frau nach­se­hen?«

Der Mann run­zelte über­rascht die Stirn und schüt­telte den Kopf. »Das geht nicht. Es wäre gegen das Gesetz.«

Ihm wurde flau. Auch für dieses Gefühl musste es eine phy­sio­lo­gi­sche Grundlage geben, eine Umstellung der Verdauung, wenn man vor etwas Angst hatte und der Körper auf Kampf oder Flucht umschal­tete. In diesem Fall auf Flucht. »Aber ich muss mich mit ihr in Verbindung setzen«, sagte er.

Der Mann verzog keine Miene. »Daran hätten Sie denken sollen, als Sie mit ihr im Fahrstuhl fest­sa­ßen«, sagte er, nicht ganz zu Unrecht. Dann deu­tete er in die Richtung, in die sie gegan­gen war. »Sie können sie ver­mut­lich noch ein­ho­len.«

Die Worte wirk­ten befrei­end. Frank eilte davon. Erst im Gehen, aber sobald er in die glei­che Nebenstraße wie sie ein­ge­bo­gen war, rannte er los. Er hielt nach ihrem schwar­zen Rock, der weißen Bluse, den kurzen brau­nen Haaren Ausschau, aber sie war nir­gendwo zu sehen. Er fing erneut an, stark zu schwit­zen, dies­mal aus Panik. Wie weit konnte sie denn schon gekom­men sein? Wofür war sie spät dran? Es fiel ihm nicht mehr ein – fast alles, was sie vor dem ersten Kuss zu ihm gesagt hatte, war aus seinem Kopf ent­schwun­den. Dabei musste er es jetzt sofort wissen! Das war wie bei einem dieser Experimente zum Erinnerungsvermögen, die manch­mal mit Studierenden ver­an­stal­tet wurden: Wie viel von den Ereignissen direkt vor dem Schock ist Ihnen im Gedächtnis geblie­ben? Nicht viel! Das Experiment hatte bestens funk­tio­niert.

Aber dann kehrte die Erinnerung doch zurück, und das kei­nes­wegs ver­schwom­men, son­dern im Gegenteil voll klein­ster Details. Jedenfalls bis zu dem Punkt, als ihre Beine sich berührt hatten. Was danach kam, wusste er zwar auch noch sehr genau, aber nur wie sich das an seinem Knie ange­fühlt hatte, nicht was sie gere­det hatten. Er kehrte zu den Momenten davor zurück, ließ sie in Gedanken noch einmal ablau­fen, wie­der­holte die Sätze – Rad fahren, Triathlon, eine Meile, zwan­zig Meilen, zehn Kilometer. Gut für die Beine, mein Gott, das konnte man wohl sagen. Er musste sie finden!

Er konnte sie nir­gendwo ent­decken. Inzwischen war er auf der Woodmont Avenue ange­kom­men, lief erst nach links, dann nach rechts, blickte mit wach­sen­der Verzweiflung all die klei­nen Nebenstraßen ent­lang und spähte in Schaufenster. Sie blieb unauf­find­bar. Er hatte sie ver­lo­ren.

Es fing an zu regnen.

* * * * *

Es klin­gelte an der Haustür. Anna ging öffnen.

»Frank! Mann, du bist ja völlig durch­nässt!«

Er musste in den Wolkenbruch gera­ten sein, der vor einer halben Stunde begon­nen und schon wieder auf­ge­hört hatte. Merkwürdig, dass er sich nir­gendwo unter­ge­stellt hatte, bis das Schlimmste vorbei war. Er sah aus, als wäre er voll­stän­dig beklei­det in ein Schwimmbecken gesprun­gen.

»Das macht nichts«, sagte sie, als er an der Tür ste­hen­blieb, weil er tropfte wie eine Statue in einem Springbrunnen. »Du brauchst ein Handtuch.« Sie holte eins aus dem Garderobenschrank im Vorraum. »Der Regen hat dich ja voll erwischt.«

»Stimmt.«

Sie war ein wenig über­rascht, dass er über­haupt gekom­men war. Bisher hatte sie den Eindruck gehabt, dass er sich nicht für die Khembalis inter­es­sierte, ja sogar etwas abschät­zig über sie dachte. Und den Vortrag hatte er sich mit typisch Frank’scher Miene ange­hört. Sein Gesicht konnte zwan­zig fein abge­stufte Formen von Missvergnügen zum Ausdruck brin­gen, und beim Vortrag war es die Variante gewe­sen, die besagte: »Ich muss mich wirk­lich anstren­gen, nicht stän­dig die Augen zu ver­dre­hen.« Kein son­der­lich erfreu­li­cher Anblick, und im Laufe der Veranstaltung war es nur schlim­mer gewor­den. Am Ende hatte er wie benom­men gewirkt, als wäre er in seine eigene Welt geflüch­tet.

Andererseits: Er war dort gewe­sen. Danach war er schwei­gend gegan­gen, offen­bar tief in Gedanken. Und jetzt war er hier.

Anna freute sich. Wenn die Khembalis es schaff­ten, Franks Aufmerksamkeit zu erre­gen, sollte ihnen das auch bei jedem ande­ren Wissenschaftler gelin­gen. Frank war der schwie­rig­ste Fall, den sie kannte.

Jetzt wirkte er etwas des­ori­en­tiert, ver­mut­lich weil er so nass war. Er schüt­telte reu­mü­tig den Kopf.

»Soll ich dir eins von Charlies T‑Shirts geben?«, fragte Anna.

»Nein, es geht schon. Ich bin bestimmt bald wieder trocken.« Dann hob er die Arme und blickte an sich her­un­ter. »Na gut – viel­leicht doch ein T‑Shirt. Glaubst du, seine passen mir?«

»Klar, du bist kaum größer als er.«

Sie ging sofort nach oben. »Die ande­ren dürf­ten jeden Moment hier sein«, rief sie zu ihm hin­un­ter. »An der Wisconsin Avenue hat es offen­bar Überschwemmungen gege­ben, und Probleme mit der Metro.«

»Das weiß ich. Eins der Probleme hat mich erwischt!«

»Im Ernst? Was ist pas­siert?« Sie kehrte nach unten zurück, eines von Charlies grö­ße­ren T‑Shirts in der Hand.

»Mein Fahrstuhl ist auf halbem Weg nach oben stecken­ge­blie­ben.«

»O nein! Für wie lange?«

»Eine halbe Stunde unge­fähr.«

»Himmel. Das muss ja gru­se­lig gewe­sen sein. Warst du allein im Fahrstuhl?«

»Nein, da war noch jemand. Eine Frau. Wir haben uns unter­hal­ten, da ist die Zeit schnell ver­gan­gen. Es war inter­es­sant.«

»Das ist ja nett.«

»Ja. Sehr nett. Nur dass ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt habe, und als wir drau­ßen waren, soll­ten wir beide ein Formular aus­fül­len, und wäh­rend ich mit meinem beschäf­tigt war, ist sie gegan­gen. Darum habe ich nicht mit­be­kom­men, wie sie heißt, und der Typ von der Metro wollte mich nicht auf ihrem Formular nach­schauen lassen. Jetzt könnte ich mir in den Hintern treten, denn … Nun ja, ich würde gern noch mal mit ihr reden.«

Verblüfft sah Anna ihn sich genauer an. Er blickte zer­streut an ihr vorbei, in Gedanken ver­mut­lich immer noch bei diesem Vorfall. Dann merkte er, dass sie ihn anschaute, und lächelte, und das ver­blüffte sie aufs Neue, denn es war ein echtes Lächeln. Bisher hatte jedes Lächeln von Frank skep­tisch gewirkt: iro­nisch, wis­send, immer nur ein Mundwinkel nach oben gezo­gen. Jetzt sah er aus wie jemand, der einen Schlaganfall hatte und end­lich wieder beide Gesichtshälften bewe­gen kann.

Es war ein netter Anblick, und der Grund dafür musste die Frau sein, der er begeg­net war. Anna emp­fand plötz­lich große Zuneigung. Inzwischen arbei­tete sie schon eine ganze Weile mit ihm zusam­men, und unter Kollegen ent­stand durch die vielen gemein­sa­men Erlebnisse oft eine Verbindung, die zwar über­haupt nicht mit einer Ehe oder der Nähe inner­halb einer Familie zu ver­glei­chen war, aber durch­aus tief gehen konnte. Eine Freundschaft, die im Reich der Ideen ver­wur­zelt war. Auf jeden Fall sah er glück­lich aus, und das freute sie.

»Du sagst, sie hat ein Formular aus­ge­füllt?«

»Genau.«

»Dann kannst du sie auch finden.«

»Sie haben mich keinen Blick darauf werfen lassen.«

»Irgendwie kommst du trotz­dem dran.«

»Glaubst du wirk­lich?«

Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. »Klar doch. Du könn­test einen Reporter der Washington Post um Hilfe bitten, oder einen pro­fes­sio­nel­len Rechercheur, oder jeman­den von der Metro. Sogar jeman­den vom Ministerium für Innere Sicherheit. Als Grund gibst du an, dass du mit ihr in diesem Fahrstuhl fest­ge­ses­sen hast. Würde ich sagen. Jedenfalls, sobald Daten schrift­lich fixiert sind, kommt man irgend­wie an sie heran. Das ist ein Grundgesetz der Informatik, oder?«

»Stimmt.« Er lächelte wieder, und jetzt sah er wirk­lich sehr glück­lich aus. Er nahm ihr Charlies T‑Shirt ab, ging in Richtung Küche und zog sich dabei um. Dann nahm er auch das Handtuch ent­ge­gen und trock­nete sich den Kopf ab. »Danke. Du, kann ich mein Hemd in euren Trockner stecken? Der ist im Keller, oder?« Er stieg über das Schutzgitter und lief die Treppe hin­un­ter. »Danke, Anna«, rief er zu ihr herauf. »Mir geht es schon besser.« Als er wieder nach oben kam, das Geräusch des Wäschetrockners im Rücken, lächelte er sie erneut an. »Viel besser.«

»Sie muss dir ja sehr gefal­len haben!«

»Hat sie. Stimmt. Hat sie. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt habe!«

»Den fin­dest du heraus. Willst du ein Bier?«

»Unbedingt.«

»In der Kühlschranktür. Hoppla, da klin­gelt es schon wieder, das werden die ande­ren sein.«


Zusammen mit den Khembalis fanden sich auch viele andere Freunde und Bekannte von der NSF ein, und das kleine Wohnzimmer, das Esszimmer gleich dane­ben und die Küche dahin­ter waren bald gut gefüllt. Anna trug im Eilschritt Getränke und Tabletts mit Essen umher. Es machte ihr Spaß, und außer­dem über­nahm sie dies­mal mehr Arbeit als üblich, damit Charlies Hautentzündung nicht schlim­mer wurde. Im Vorbeigehen sah sie, dass Joe mit Drepung spielte und Nick mit Curt dis­ku­tierte, dessen Büro direkt über ihrem lag. Anscheinend ging es um Dinosaurier in der Antarktis – Curt gehörte zu den Betreuern des US-amerikanischen Antarktisprogramms. Anna vergaß oft, dass die NSF unter ande­rem für einen Kontinent der Erde mit zustän­dig war. Curt hatte sich den Vortrag ange­hört, und er hatte ihm gefal­len. »In der McMurdo-Station kämen diese Buddhisten gut an«, sagte er gerade zu Nick. Charlie – mit rie­si­gen braun ver­kru­ste­ten Stellen an Hals und Gesicht und vom Schlafmangel und den Steroiden blut­un­ter­lau­fe­nen Augen – unter­hielt sich mit Sucandra, aber als er Anna vor­bei­ha­sten sah, folgte er ihr in die Küche, um ihr zu helfen. »Ich habe Frank ein T‑Shirt von dir gelie­hen«, sagte sie.

»Schon gese­hen. Er sagt, er wäre völlig durch­nässt gewe­sen.«

»Stimmt. Ich glaube, er hat nach einer Frau gesucht, der er in der Metro begeg­net ist.«

»Was?«

Sie lachte. »Ich finde das toll. Geh und setz dich, Schatz, wenn du den Oberkörper zu viel bewegst, fängt es wieder an zu jucken.«

»Übers Jucken bin ich längst hinaus. Und krib­be­lig machst mich nur du.«

»Komm, lass das. Setz dich hin.«

Frank fiel ihr erst später am Abend wieder auf. Er saß in einer Wohnzimmerecke zwi­schen Sofa und Kamin auf dem Fußboden und schien Drepung über irgend­et­was aus­zu­fra­gen. Drepung sah aus, als hätte er Mühe, ihn zu ver­ste­hen. Neugierig gewor­den setzte Anna sich bei näch­ster Gelegenheit auf das Sofa direkt neben die beiden.

Frank nickte ihr zu, aber bedrängte Drepung weiter, jetzt mit einer typi­schen Frank-Frage: »Aber wie kann das funk­tio­nie­ren?«

»Nun ja,« sagte Drepung, »ich weiß natür­lich, was Rudra Cakrin auf Tibetisch sagen will. Mir ist klar, worauf er hin­aus­will. Dann muss ich nur noch meine Englischkenntnisse anwen­den. Die beiden Sprachen sind zwar ver­schie­den, aber wir Menschen haben sehr viel gemein­sam.«

»Grammatikalische Tiefenstrukturen«, schlug Frank vor.

»Ja, aber auch ein­fach Hauptwörter. Die Namen für Dinge, für Handlungen, sogar für Gedanken. Unterschiedlich starke Entsprechungen. Ich ver­su­che also wie­der­zu­ge­ben, was Rudra gesagt hat, nur eben auf Englisch.«

»Aber wie gut ent­spricht das dem Original?«

Drepung hob die Augenbrauen. »Wie kann ich das wissen? Ich tue mein Bestes.«

»Man bräuchte ein unab­hän­gi­ges Prüfverfahren.«

Drepung nickte. »Man könnte die tibe­ti­schen Worte des Rimpoche von ande­ren Dolmetschern über­set­zen lassen und ihre eng­li­schen Versionen mit meiner ver­glei­chen. Das wäre sehr inter­es­sant.«

»Bestimmt. Gute Idee.«

Drepung lächelte ihn an. »Doppelblindversuch, ja?«

»Könnte man sagen, ja.«

»Elementar, mein lieber Watson«, dekla­mierte Drepung, streckte die Hand nach einem Cracker aus und tunkte ihn in Hummus. »Aber sicher­lich würde man dabei eine gewisse, wie sagt man, Bandbreite fest­stel­len. Bei der Untersuchung käme wohl nicht viel Überraschendes heraus. Vielleicht nur, dass ich ein schlech­ter Dolmetscher bin. Wobei ich sagen muss, es ist auch nicht ein­fach. Besonders wenn ich den Rimpoche selbst nicht ver­stehe.«

»Dann erfin­den Sie ein­fach etwas!« Frank lachte. Offenbar war er immer noch guter Stimmung. »Das habe ich doch gleich gesagt.« Er lehnte sich mit dem Rücken an die Seite des Sofas, gleich neben Anna.

Aber Drepung schüt­telte den Kopf. »Ich erfinde nichts. Ich bilde etwas nach.«

»DNA und Phänotyp.«

»Das weiß ich nicht.«

»Eine Art Code.«

»Aber Sprache ist nie nur ein Code.«

»Stimmt. Eher wie Genexpression.«

»Das müssen Sie mir erklä­ren.«

»Von einer Serie von Anweisungen – einem Gen zum Beispiel – zu dem, was durch die Anweisungen ent­steht. Von der Sprache zum Gedanken. Oder der Bedeutung, oder der Erkenntnis. Was weiß ich! Zu einer Art geleb­tem Denken.«

Drepung grin­ste. »Im Tibetischen gibt es unge­fähr fünf­zig Wörter, die ich alle mit ›Denken‹ über­set­zen müsste.«

»Wie bei den Eskimos und dem Schnee, falls die Geschichten stim­men.«

»Ja. Die Eskimos haben Schnee, wir Tibeter haben Gedanken.«

Diese Vorstellung brachte Drepung zum Lachen, und Frank stimmte mit ein. Bei ihm war es immer nur ein leises Glucksen, aber das spru­delte nun aus ihm heraus, bis er förm­lich bebte, hilf­los vor Lachen. Anna traute ihren Augen kaum. Seine Heiterkeit wirkte so über­schäu­mend, als wäre er betrun­ken, dabei hielt er immer noch das Bier in der Hand, das sie ihm bei seiner Ankunft ange­bo­ten hatte. Außerdem wusste sie ja, wes­halb er high war.

Er riss sich zusam­men und redete kon­zen­triert weiter. »Als Sie heute Mittag gesagt haben, ein Übermaß an Rationalität sei selbst eine Form von Verrücktheit, was hatte Ihr Lama da tat­säch­lich gesagt?«

»Genau das Gleiche. Das war ein­fach, es ist ein altes Sprichwort.« Er sagte den Satz auf Tibetisch. »Das eine Wort heißt ein­fach ›Übermaß‹ oder ›zu viel‹, wissen Sie, und rig-gnas bedeu­tet ratio­na­les Denken, oder Wissenschaft. Zugs heißt ›Form‹, und zhe sdang heißt ›Verrücktheit‹, eine Variante von ›Hass‹, abge­lei­tet von einem älte­ren Wort für zornig. Es gehört zu den dug gsum, den drei Geistesgiften.«

»Und das hat der alte Mann gesagt?«

»Ja. Eine alte Redeweise. Von Milarepa, meine ich.«

»Aber hat sich das auf die Wissenschaft bezo­gen?«

»In dem ganzen Vortrag ging es um Wissenschaft.«

»Stimmt, stimmt. Dieser eine Gedanke hat mich ein­fach ziem­lich beein­druckt.«

»Ein guter Gedanke ist einer, aus dem eine Handlung folgt.«

»Das sagen die Mathematiker auch immer.«

»Bestimmt.«

»Dann wollte der Lama also sagen, dass bei der NSF alle ver­rückt sind? Oder dass die west­li­che Wissenschaft ver­rückt ist? Denn die setzt ja schon ver­dammt stark auf Rationalität. Ich meine, darum geht es schließ­lich. Es ist der Kern der wis­sen­schaft­li­chen Methode.«

»Nun, das ist mög­lich. Bis zu einem gewis­sen Grad. In man­cher Hinsicht sind wir alle ver­rückt, oder? Er wollte nie­man­den kri­ti­sie­ren. Nichts Lebendiges befin­det sich jemals völlig im Gleichgewicht. Vielleicht wollte er andeu­ten, dass sich auch die Wissenschaft nicht im Gleichgewicht befin­det. Füße ohne Augen.«

»Ich dachte, es sind Augen ohne Füße.«

Drepung wedelte mit der Hand: egal. »Sie soll­ten ihn selbst danach fragen.«

»Aber dann müss­ten Sie doch wieder dol­met­schen! Da kann ich den Mittelsmann auch gleich über­sprin­gen und mich an Sie wenden.«

»Nein.« Drepung lachte. »Der Mittelsmann bin ich, das ver­si­chere ich Ihnen.«

»Aber Sie wissen ja schon, was er ant­wor­ten würde«, beharrte Frank, jetzt halb im Scherz. »Warum sagen Sie es mir nicht ein­fach!«

»Er über­rascht mich auch häufig.«

»Wie denn? Haben Sie dafür ein Beispiel?«

»Nun – letzte Woche hat er einmal zu mir gesagt …«

Aber an dem Punkt musste Anna die Haustür öffnen gehen, sodass sie Drepungs Beispiel nicht mehr mit­be­kam, son­dern nur noch, allem Stimmengewirr zum Trotz, Franks unver­wech­sel­ba­res gluck­sen­des Lachen hörte.

Als sie Frank das näch­ste Mal über den Weg lief, war er mit Charlie und Sucandra in der Küche, spülte Gläser und räumte auf. Charlie konnte nur dabei­ste­hen und reden. Frank und er unter­hiel­ten sich über Great Falls, beide emp­fah­len Sucandra, auch einmal hin­zu­fah­ren. »Dieser Ort hat mehr Ähnlichkeiten mit Tibet als irgend­et­was sonst in Washington«, sagte Charlie. Frank lachte wieder einmal – und lachte noch lauter, als Anna aus­rief: »Na, hör mal, Liebster, die haben doch über­haupt nichts gemein­sam!«

»Nein. Doch! Ich wollte sagen, da gibt es mehr Gemeinsamkeiten mit Tibet als irgendwo sonst hier in der Gegend.«

»Was meinst du denn damit?«

»Wasser! Natur!« Und dann sagten Charlie und Frank gleich­zei­tig: »Himmel!«

Sucandra nickte. »Etwas mehr Himmel würde mir gefal­len. Vielleicht sogar ein Stück Horizont.« Jetzt lach­ten alle drei Männer zusam­men.

Anna ging wieder ins Wohnzimmer, um nach­zu­schauen, ob etwas fehlte. Dort blieb sie kurz stehen und schaute Rudra Cakrin und Joe zu, die wieder einmal auf dem Fußboden mit Bauklötzen spiel­ten. Joe wirkte in der Gesellschaft des alten Mannes sehr glück­lich. Er sta­pelte Klötzchen über­ein­an­der und plap­perte, Rudra nickte und reichte ihm wei­tere Holzblöcke. Mit klei­nen Unterbrechungen hatten die zwei den gesam­ten Abend so ver­bracht. Anna wurde bewusst, dass beide als Einzige auf der Party kein Englisch spra­chen.

Sie kehrte in die Küche zurück, löste Frank am Spülbecken ab und schickte ihn in den Keller, sein Hemd aus dem Trockner nehmen. Als er wieder her­auf­kam, trug er es schon. Er lehnte sich neben sie an die Arbeitsfläche.

Charlie sah Anna dort stehen und holte ihr ein Bier aus dem Kühlschrank. »Hier, mein Täubchen, was zu trin­ken für dich.«

»Danke, Schnucki.«

Sucandra stellte eine Frage zur Küchentapete. Auf einem etwas zu grel­len gelben Hintergrund waren große weiße Vögel in unter­schied­lich­sten Flugphasen zu sehen. Wenn man wirk­lich hin­schaute, wirkte das Ganze recht absurd. »Mir gefällt es«, sagte Charlie. »Mich macht es wach. Ein biss­chen heftig, aber letzt­lich wohl­tu­end.«

Frank sagte, er wolle nach Hause. Anna brachte ihn zur Tür.

»Du erwischst bestimmt noch einen Zug«, sagte sie.

»Ja, das klappt schon.«

»Danke, dass du vor­bei­ge­kom­men bist, das war sehr schön.«

»Ja, stimmt.«

Wieder ent­deckte sie dieses breite, strah­lende Lächeln auf seinem Gesicht.

»Und, wie ist sie so?«

»Na – das weiß ich doch nicht!«

Sie lach­ten beide.

»Du wirst es schon her­aus­fin­den. Wenn du sie erst wie­der­ge­fun­den hast.«

»Ja.« Er berührte sie kurz am Arm, als wollte er ihr für die Ermunterung danken. Dann, schon auf dem Gehweg, blickte er noch einmal über die Schulter zurück. »Ich hoffe, sie ist wie du!«

* * * * *

Während Frank von Annas und Charlies Haus durch warmen Nieselregen zur Metro ging, dachte er ange­strengt nach. Am Zugangshäuschen des schick­sal­haf­ten Fahrstuhls blieb er stehen und ver­suchte seine Gedanken zu ordnen. Unmöglich. Vor allem hier. Er ging nur wider­stre­bend weiter; es fühlte sich an, als würde er das gesamte Erlebnis damit unwi­der­ruf­lich hinter sich lassen. Aber es lag ja hinter ihm. Also los, am Hotel vorbei und die Treppe hin­un­ter zum Zugang zur Metro. Immer noch tief in Gedanken fuhr er auf der langen Rolltreppe in die Tiefe.

Er dachte an Anna und Charlie in ihrem Haus voller Gäste. Die Art, wie sie neben­ein­an­der stan­den, anein­an­der geschmiegt. Wie Anna Charlie mit der Hand berührte, wann immer sie in seiner Nähe war – wobei sie heute Abend sorg­fäl­tig die ent­zün­de­ten Stelle gemie­den hatte. Wie sie die Kinder anein­an­der wei­ter­reich­ten, schein­bar ohne den ande­ren dabei groß zu beach­ten. Und dann diese unend­li­che Folge von Kosenamen. Das war Frank schon früher auf­ge­fal­len, auch wenn er es lieber igno­riert hätte: Sie benutz­ten nicht nur die übli­chen Wörter wie Süßer, Liebste, Schatz oder Liebling, son­dern auch aus­ge­fal­lene, die er schreck­lich süß­lich und auf­dring­lich fand: Schnucki, Schnuckibär, Hasi, Maus, Engelchen, Göttin, Kätzchen – unglaub­lich, wie sehr manche Eheleute auf­ein­an­der fixiert waren, was für einen Paar-Narzissmus sie ent­wickel­ten, ohne es zu merken. Widerlich! Und doch war es genau das, wonach Frank sich sehnte. Nach dieser tiefen, unan­ge­streng­ten Intimität, auf die man sich ver­las­sen, in der man völlig auf­ge­hen konnte. Suche LTR. Primat sucht Partnerin fürs Leben. Ein Drang, der sich in jeder mensch­li­chen Kultur beob­ach­ten ließ, und bei vielen ande­ren Arten auch. Dass er es sich auch wünschte, war nicht ver­rückt.

Folglich steckte er jetzt in der Zwickmühle. Denn er wollte die Frau aus dem Fahrstuhl unbe­dingt wie­der­fin­den, und Anna hatte ihm ja Hoffnungen gemacht, dass das mög­lich sein müsste. Natürlich konnte es etwas dauern, aber Anna hatte recht: Über jeden Menschen waren irgendwo Daten gespei­chert. Beim Ministerium für Innere Sicherheit auf jeden Fall, aber natür­lich auch anderswo. Wie schwie­rig konnte es schon sein, sich Einblick in die Unterlagen der Wartungsabteilung der Metro zu erbit­ten oder zu erschlei­chen? Andere Leute ver­schaff­ten sich Zugang zum Genom!

Aber von San Diego aus würde sich das nicht machen lassen. Oder genauer gesagt: Suchen konnte er auch von dort aus – Google funk­tio­nierte über­all –, aber wenn er sie dann gefun­den hatte, wäre ihm über­haupt nicht gehol­fen. Nordamerika war riesig. Sollte aus dem Wiederfinden mehr ent­ste­hen, musste er in Washington blei­ben.

Und was genau wollte er tun, wenn er sie fand?

Darüber nach­zu­den­ken war sinn­los. Unmöglich zu erra­ten, was nach dem Wiedersehen gesche­hen würde. Oder was für ein Mensch sie war. Immerhin war sie prak­tisch über ihn her­ge­fal­len (bei dem Gedanken erschau­derte er, sein Körper erin­nerte sich noch genau). Über einen völlig frem­den Mann, mit dem sie zufäl­lig im Fahrstuhl fest­steckte. Mit dem sie sich ganze zwan­zig Minuten lang unter­hal­ten hatte. Dass alles von ihr aus­ge­gan­gen war, stand für ihn fest; ihm wäre es nie­mals ein­ge­fal­len. Was ver­mut­lich bewies, dass er ein Unschuldslamm war oder ein­fach zu blöd; egal. Vielleicht war sie ja immer auf der Suche nach sexu­el­len Abenteuern – in den Kontaktanzeigen, die er manch­mal las, kam das ja stän­dig vor. Und hieß es nicht sowieso, Frauen wären auf sexu­el­lem Gebiet selbst­be­wuss­ter? Wobei er davon noch nichts mit­be­kom­men hatte. Obwohl, von Marta ließ sich das durch­aus behaup­ten.

Wie auch immer, er hatte bei der Sache im Fahrstuhl durch­aus mit­ge­macht, er hatte seinen Teil dazu bei­getra­gen. Und zwar äußerst gerne. In dem Punkt war er sehr zufrie­den mit sich. Wenn auch über­rascht. Er musste sie wie­der­fin­den.

Aber für alles, was danach kam – was immer geschah, falls über­haupt etwas geschah –, musste er in Washington sein.

Nun gut. Er war ja hier.

Aber genau heute hatte er Diane seinen bösen Abschiedsbrief ins Postfach gelegt. Morgen früh würde sie ihn lesen. Einen Brief, der ihm inzwi­schen nicht nur kri­tisch, son­dern aggres­siv, wenn nicht gar belei­di­gend vorkam – wie blöd konnte man eigent­lich sein, wie undi­plo­ma­tisch, selbst­ge­fäl­lig, irra­tio­nal, unan­ge­passt –, was hatte er sich nur dabei gedacht? Gut, er war irgend­wie wütend gewe­sen. Verbittert. Er hatte alle Brücken hinter sich abbre­chen wollen, der Brief hatte bewir­ken sollen, dass die NSF mit ihm fertig war.

Ohne diesen Brief hätte er seinen Aufenthalt hier rela­tiv ein­fach um ein Jahr ver­län­gern können. Anna hatte ihn ja bereits darum gebe­ten, und ganz sicher hatte sie das mit Dianes Einverständnis getan. Noch ein Jahr, und er wüsste zumin­dest, woran er war.

Jetzt end­lich rat­terte ein Metrozug, beglei­tet von Fahrtwind, in den Bahnhof. Während Frank in dem ruckeln­den und schwan­ken­den Wagen Richtung Innenstadt fuhr, ging ihm noch einmal alles durch den Kopf, was sich in letz­ter Zeit abge­spielt hatte, in schnell wech­seln­den, abge­hack­ten Bildern, einem bunten Durcheinander wie in einem Kaleidoskop oder einem Mandala: Pierzinskis Algorithmus, die Jurysitzung, Marta, Derek, der Vortrag der Khembalis, Anna und Charlie, wie sie in der Küche dicht neben­ein­an­der an der Arbeitsfläche lehn­ten. Eigentlich ergab nichts davon einen Sinn. Jedes Bild für sich viel­leicht, aber eine Theorie, die das alles erfasste, hatte er nicht. Nur das unbe­stimmte Gefühl, dass die Welt im Begriff war, aus­ein­an­der­zu­fal­len.

Und ange­nom­men, das stimmte, wollte er dann wirk­lich wieder im Labor arbei­ten? Würde er es ertra­gen können, sich mit einem ein­zi­gen win­zi­gen Steinchen im rie­si­gen Mosaik der glo­ba­len Probleme zu befas­sen? Denn genau das hatte er bisher immer getan, und viel­leicht war es ja tat­säch­lich die einzig sinn­volle Vorgehensweise. Aber wäre er nicht trotz­dem besser bera­ten, seine Einflussmöglichkeiten zu erwei­tern, indem er seine Kraft in die National Science Foundation inve­stierte, diesen klei­nen, aber poten­zi­ell wirk­mäch­ti­gen Zweig des Staatsapparats? War das nicht der eigent­li­che Grund für die wütende Kritik an der NSF, die er in seinem Brief geäu­ßert hatte: die Enttäuschung dar­über, dass diese Institution hinter ihren Möglichkeiten zurück­blieb? Ich kann die Welt nicht aus den Angeln heben, wenn ich keinen Hebel finde – hatte nicht schon Archimedes so etwas Ähnliches gesagt?

Aber der Brief lag bereits in Dianes Eingangskörbchen. Er hatte die Brücken bereits abge­bro­chen. Es war eben immer dumm, die eige­nen Handlungsmöglichkeiten ohne Not ein­zu­schrän­ken. Er war ein Idiot. Er gab es nicht gern zu, aber es musste sein. Die Beweislage war klar.

Er könnte jetzt zur NSF fahren und den Brief wieder an sich nehmen.

Natürlich würde der Wachdienst da sein, wie immer. Aber es erschie­nen öfter mal Leute sehr spät oder sehr früh zur Arbeit. Seine Anwesenheit ließe sich also erklä­ren. Dianes Büro würde aller­dings abge­schlos­sen sein. Den Zugang zu seinem Büro würde ihm der Wachdienst sicher gestat­ten, aber den zum elften Stock? Nein.

Vielleicht konnte er sich morgen ganz früh dort ein­schlei­chen. Vor allen ande­ren.

Aber die Person aus dem elften Stock, die mor­gens gewöhn­lich als Erste ein­traf, war bekann­ter­ma­ßen Diane Chang. Angeblich kam sie oft schon um vier Uhr früh. Also …

Gut, er könnte dort auf sie warten. Ihr ein­fach sagen, dass er ihr einen Brief ins Postfach gelegt hatte, den er jetzt gern zurück hätte. Gut mög­lich, dass sie ihm den Brief dann ein­fach über­gab. Ebenso gut mög­lich aller­dings, dass sie ihn vorher lesen wollte. In jedem Fall wüsste sie dann, dass bei ihm nicht alles in Ordnung war. Und dage­gen sträubte sich etwas in ihm. Er wollte nicht, dass irgend­je­mand von dieser Geschichte erfuhr, er wollte nicht als jemand daste­hen, der emo­tio­nal über­for­dert oder ent­schei­dungs­un­fä­hig war oder etwas zu ver­ber­gen hatte. Bei seinen weni­gen Begegnungen mit Diane hatte er den Eindruck gewon­nen, dass sie für Dummköpfe kaum Geduld auf­brachte; er wollte nicht, dass sie ihn für einen Idioten hielt. Schlimm genug, wenn er sich selbst ein­ge­ste­hen musste, dass er einer war.

Und wenn er schon bei der NSF blieb, würde er dort auch etwas bewir­ken wollen. Das ging aber nur, wenn Diane ihn respek­tierte. Es wäre viel besser, wenn er den Brief wieder an sich brin­gen könnte, ohne dass sie etwas davon erfuhr.

Ungebeten mel­dete sich eine Idee, mit der er schon häufig gespielt hatte. Wie oft hatte er schon in seiner Arbeitsnische geses­sen, durchs Fenster ins Atrium hin­aus­ge­blickt und sich vor­ge­stellt, an dem Mobile hin­auf­zu­klet­tern. Die schwie­rig­ste Stelle lag etwa auf halbem Weg, wo man von einem Teil des Mobiles zum ande­ren gelan­gen musste; dieser Abschnitt ent­lang der Kette wäre im Freiklettermodus ver­mut­lich nicht leicht zu über­win­den. Und ein Sturz wäre fatal. Aber er konnte sich ja von dem Glasdach über dem Atrium aus absei­len. Und nicht einmal bis hin­un­ter zum Mobile. Dianes Büro lag im ober­sten Stock, der Abstand zum Dach wäre kurz. Er hatte seine Kletterausrüstung, seine Erfahrung, das Können, das er sich beim Fensterputzen an Hochhäusern ange­eig­net hatte. Durch das Dachfenster absei­len, sich ober­halb des Mobiles zu Dianes Fenstern hin­über­schwin­gen, eins davon auf­klap­pen, ein­stei­gen, den Brief aus dem Eingangskörbchen nehmen, wieder hin­aus­klet­tern und die Fenster schlie­ßen. Keine der Überwachungskameras im Atrium war nach oben gerich­tet – das hatte er im Lauf seiner Kletterphantasien bereits regi­striert –, und die Fenster waren nicht mit der Alarmanlage ver­bun­den. In der Hinsicht konnte also nichts pas­sie­ren. Und das Dach des NSF-Gebäudes war über eine fest mon­tierte Wartungsleiter an der Südfassade erreich­bar. Das war ihm einmal im Vorbeigehen auf­ge­fal­len und hatte schon in eini­gen Tagträumen eine Rolle gespielt. Bei der Arbeit hatte er oft Bilder von kör­per­li­chen Aktivitäten vor Augen; Biomathematik war schließ­lich auch eine Art Klettertour an den Wänden der Realität. Außerdem ent­schä­digte es etwas für das täg­li­che lang­wei­lige Stillsitzen.

Mittlerweile war aus einer bloßen Idee ein aus­ge­feil­ter, durch­führ­ba­rer Plan gewor­den. Dass es ein ver­nünf­ti­ger Plan war, ver­suchte er sich gar nicht erst ein­zu­re­den, aber er musste ein­fach etwas Praktisches unter­neh­men. Auf der Stelle. Er bebte förm­lich vor Anspannung. Rein phy­sisch lagen alle Schritte, die für die Aktion not­wen­dig waren, im Bereich seiner Fähigkeiten, und alles andere sprach auch dafür. Tatsächlich blieb ihm gar nichts ande­res übrig – nicht wenn er sein Leben end­lich selbst in die Hand nehmen und es in die Richtung lenken wollte, die er sich wünschte. Wenn er einem mög­li­chen Wiedersehen mit der Frau aus dem Fahrstuhl eine Chance geben wollte.

Er musste es ein­fach tun.


Immer noch mit Planen beschäf­tigt, stieg er am Bahnhof Ballston aus und ging zur Tiefgarage der NSF. Dabei nahm er den Weg an der Südseite des Gebäudes ent­lang und über­prüfte, wie tief die Außenleiter her­un­ter­reichte. Er musste nur irgend­eine Kiste als Aufstiegshilfe mit­brin­gen, mehr war nicht nötig. Er ging zum Auto und fuhr durch leere nasse Straßen Richtung Westen zu seiner Wohnung. Von seiner Umgebung nahm er kaum etwas wahr.

In der Wohnung ging er sofort zum Wandschrank und durch­wühlte seine Kletterausrüstung. Wie in jeder Ausgrabungsstätte lagen die älte­ren Dinge – aus seiner Zeit als Fensterputzer – ganz unten.

Als alles auf dem Fußboden aus­ge­brei­tet war, hätte man meinen können, dass er sich sein ganzen Leben auf diese Aktion vor­be­rei­tet hatte. Mit der Spritzpistole für Dichtungsmasse in der Hand hielt er kurz inne; einen Moment lang kam ihm sein Vorhaben völlig absurd vor. Allein schon, weil er gar keine Dichtungsmasse hatte, die Pistole also nutz­los war. Er würde durch­trennte Dichtungen hin­ter­las­sen. Früher oder später würde das jemand bemer­ken.

Dann fiel ihm die Frau aus dem Fahrstuhl wieder ein. Er konnte ihre Küsse immer noch spüren. Seitdem waren nur wenige Stunden ver­gan­gen, auch wenn es ihm vorkam, als hätte er im Geist viele Jahre durch­lebt. Wenn er sie wie­der­se­hen wollte, musste er etwas unter­neh­men. Auf ein paar kaputte Dichtungen kam es da nicht an. Er stopfte die übrige Ausrüstung in seinen Kletterrucksack. Der aus­geb­li­chene rote Nylonstoff war auf einer Seite zer­ris­sen, die Folge einer längst ver­gan­ge­nen Gerölllawine am Fourth Recess. Damals hatte er noch oft derart ver­rückte Dinge unter­nom­men.

Er kehrte zum Auto zurück, warf den Rucksack auf den Beifahrersitz und brau­ste durch die dunk­len Straßen nach Arlington zurück. Diesmal fuhr er über die Metrostation Ballston hinaus und parkte ein gutes Stück von der NSF ent­fernt. Es war nie­mand in der Nähe. Acht Millionen Menschen lebten in dieser Gegend, aber keiner von ihnen ließ sich um zwei Uhr mor­gens blicken. Wer konnte da bestrei­ten, dass die Soziobiologen recht hatten! Selbst in einer voll­tech­ni­sier­ten post­mo­der­nen Gesellschaft folg­ten die Menschen immer noch dem Tag-und-Nacht-Rhythmus ihrer tie­ri­schen Vorfahren. Sie schlie­fen tief und fest – in vie­ler­lei Hinsicht, und ganz bestimmt schlie­fen sie bei Nacht. Frank war von diesem über­wäl­ti­gen­den Beweis ihres tie­ri­schen Erbes gera­dezu begei­stert. Eine ganze Stadt voll schla­fen­der Primaten. Irgendwie bestärkte ihn das in der Überzeugung, dass er das Richtige tat. Dass er selbst zum ersten Mal seit vielen Jahren wirk­lich auf­ge­wacht war.

Auf der Südseite des NSF-Gebäudes stieg er auf eine hoch­kant gestellte Plastikkiste und sprang zur unter­sten Sprosse der Wartungsleiter hinauf, eine Sache von Sekunden. Rasch klet­terte er zum Dach hinauf, wobei er vor allem die Beinmuskeln benutzte. Das obere Ende der Leiter erschien ihm sehr hoch und expo­niert. Wenn ein Übermaß an Rationalität eine Form von Verrücktheit dar­stellte, dann war er offen­sicht­lich geheilt. Wobei ihm das, was er hier tat, im Moment aus­ge­spro­chen ver­nünf­tig vorkam.

Über die Mauerkuppe aufs Dach, gera­de­wegs in eine Regenpfütze. In der Mitte des Flachdachs das Fenster über dem Atrium.

Es war eine schwüle Nacht, auf den nied­rig hän­gen­den Wolken lag der oran­ge­far­bene Widerschein der Stadt. Frank packte sein Werkzeug aus. Das große Fenster in der Dachmitte bestand aus einer nied­ri­gen vier­sei­ti­gen Pyramide aus drei­ecki­gen Glasscheiben. Er ging zu der Scheibe, die der Leiter am näch­sten war, säu­berte das Glas und befe­stigte einen großen Saugnapf daran.

Er zer­schnitt die drei Dichtungen mit seinem alten X‑Acto-Messer und ent­fernte das vom Sonnenschein mürbe Polyurethan, sodass er an die Schrauben her­an­kam. Mit dem Akkuschrauber waren sie schnell ent­fernt. Dann packte er den Griff des Saugnapfes, ver­setzte ihm einen Ruck, damit das Fenster sich löste, und zog dann sanft daran. Das Fenster kippte auf den unte­ren Rahmen gestützt nach außen. Als die Scheibe fast senk­recht stand, band er den Griff des Saugnapfes mit einer Seilschlaufe an der ober­sten Sprosse der Leiter fest. Die ent­stan­dene Öffnung war breit genug, er würde mühe­los hin­durch­pas­sen. Aus dem Atrium wehte ihm kühle Luft ent­ge­gen: Im Gebäude herrschte ganz leich­ter Überdruck.

Er brei­tete ein Handtuch über den Fensterrahmen, stieg in den Klettergurt und schnallte ihn an der Taille fest. Er befe­stigte sein Seil an der ober­sten Leitersprosse; das sollte bom­ben­fest halten. Jetzt musste er sich nur noch durch die Öffnung zwän­gen und dann so weit absei­len, dass er mit dem Pendeln begin­nen konnte.

Vorsichtig setzte er sich auf den kan­ti­gen Fensterrahmen. Er spürte immer noch das Bier von Annas Party im Magen; ein wenig beein­träch­tigte es seine Koordination. Klettern konnte er trotz­dem. In seiner Jugend hatte er das in schlim­me­rem Zustand getan. Was für ein Idiot er doch gewe­sen war! Obwohl jetzt viel­leicht der fal­sche Zeitpunkt war, um sein frü­he­res Ich zu kri­ti­sie­ren.

Er drehte sich um und über­prüfte den Abseilachter, indem er sich rück­wärts ins Atrium lehnte. Gute Reibung. Er lehnte sich weiter zurück – und stürzte nach unten. Verzweifelt drehte er am Achter, bis der das Seil brem­ste – es stockte ganz, er hüpfte ein wenig auf und ab – und schlug auf. Ein furcht­ba­rer Schreck, er konnte doch unmög­lich schon ganz unten sein, einen Moment lang war er völlig ver­wirrt – dann sah er, dass er gegen den ober­sten Teil des Mobiles geprallt war. Jetzt hing er kopf­über daran, mit den Händen ver­zwei­felt an Mobile und Seil geklam­mert.

Glück gehabt. Der Sturz hatte eine ähn­li­che Wirkung wie ein Stromschlag: Sein gesam­ter Körper schien zu glühen. Versuchsweise zog er am Seil. Es schien völlig in Ordnung, zuver­läs­sig an der Leiter befe­stigt. Vielleicht hatte er ein­fach ver­ges­sen, es straff zu ziehen, nach­dem er den Abseilachter befe­stigt hatte. Jedenfalls konnte er sich nicht daran erin­nern. Eigentlich war das etwas, das jeder Kletterer fast auto­ma­tisch tat, aber heute Nacht traute er sich zu, es ver­ges­sen zu haben. Er hatte so viele andere Dinge im Kopf. Vielleicht zu viele.

Vorsichtig griff er in seine Hüfttasche, nahm zwei Steigklemmen heraus und ver­band ihre langen Schlaufen über Karabiner mit seinem Gurt. Dann klemmte er sie über sich ans Seil. Als Nächstes schlang er sich das freie Seilende um den Oberschenkel und schaute sich um. Er würde sich mit­hilfe der beiden Steigklemmen nach oben arbei­ten müssen, bis er wieder auf der rich­ti­gen Höhe war, um sich zu Dianes Fenster hin­über­zu­schwin­gen …

Das Mobile drehte sich lang­sam. Frank packte es und ver­suchte, Drehkraft in die Gegenrichtung aus­zu­üben, damit es anhielt: Er hatte Angst, ein Wächter könnte die Bewegung bemer­ken, wenn er das Atrium durch­querte. Der weite Innenraum schien ihm plötz­lich viel zu hell erleuch­tet, obwohl von ver­ein­zel­ten Nachtlichtern in den Büros tat­säch­lich nur ein schwa­cher grün­li­cher Schimmer her­ein­fiel.

Der ober­ste Teil des Mobiles bestand aus einem großen Kreis, der an einem Punkt an einer Kette auf­ge­hängt war. An dem Kreis waren zwei trep­pen­för­mig geknickte Stäbe befe­stigt, der eine etwa drei­ßig Grad vom höch­sten Punkt ent­fernt, der andere, mit nur einer Stufe, auf der ande­ren Seite des Kreises und etwas tiefer. Knapp fünf Meter unter dem Kreis hing ein halb­mond­för­mi­ger Stab. Frank wusste, dass diese Teile in Primärfarben lackiert waren, aber jetzt im Dunkeln waren nur ver­schie­dene Grautöne aus­zu­ma­chen, was dem Ganzen etwas Irreales ver­lieh.

Endlich kam das Gebilde zum Stillstand. Frank schob die eine Steigklemme nach oben, stellte den Fuß in die zuge­hö­rige Seilschlinge und ver­la­gerte das Gewicht. Jede Bewegung erfor­derte jetzt Umsicht. Für kurze Zeit vergaß er alles andere und geriet in jenen Zustand völ­li­ger Konzentration, der für ihn untrenn­bar mit dem Klettern ver­bun­den war.

Er schob die zweite Steigklemme noch weiter nach oben und ver­la­gerte das Gewicht, bis die erste Klemme frei war. Eigentlich ein ganz mecha­ni­scher, unkom­pli­zier­ter Vorgang, bei dem es jetzt nur darauf ankam, dass er das Mobile nicht erneut anstieß.

Aber als er die zweite Klemme bela­stete, rutschte sie ab. Unwillkürlich packte er das Seil und ver­brannte sich die Handfläche; dabei stoppte die andere Steigklemme gleich darauf die Abwärtsbewegung. Ein völlig unnö­tige Verletzung.

Jetzt geriet er wirk­lich ins Schwitzen. Eine defekte Steigklemme konnte er über­haupt nicht gebrau­chen. Sie rutschte jedes Mal etwas ab, bevor sie hielt. Beim genaue­ren Hinschauen hatte er den Eindruck, dass sie beim Aufprall aufs Mobile einen Stoß abbe­kom­men hatte und dabei das Gehäuse gesprun­gen war. Diese Gehäuse waren oft aus gegos­se­nem Metall, und manch­mal bil­de­ten sich beim Gießen Luftbläschen, die das Metall anfäl­lig für Stöße mach­ten. So etwas war ihm schon einmal pas­siert, eine ner­ven­auf­rei­bende Situation. Ganz ohne Hilfsmittel an einem Seil hin­auf­zu­klet­tern, schaffte auf Dauer nie­mand.

Aber diese Klemme hielt immer­hin, wenn auch nach kurzem Abrutschen, und nach eini­gem Herumtasten mit den Fingerspitzen fand er heraus, dass sie noch besser fasste, wenn er sie jedes Mal löste und den Nocken dann mit der Hand wieder fest­drückte. Also nutzte er die eine Klemme für die großen Bewegungen nach oben, klemmte die defekte dann von Hand fest und hoffte, dass sie ihn trug, bis er die intakte nach oben ver­scho­ben hatte – und kämpfte sich so mit zusam­men­ge­bis­se­nen Zähnen und ange­hal­te­nem Atem gegen die Schwerkraft hinauf.

Schließlich erreichte er die Höhe, zu der er sich ursprüng­lich hatte absei­len wollen, und konnte end­lich wei­ter­ma­chen. Inzwischen war er schweiß­nass, und seine rechte Hand brannte. Er ver­suchte abzu­schät­zen, wie viel Zeit er ver­lo­ren hatte, aber ver­geb­lich. Irgendetwas zwi­schen zehn und drei­ßig Minuten. Lächerlich.

Hin und her zu schwin­gen dage­gen war ein­fach, und schon bald konnte er mit aus­ge­streck­tem Arm einen mit­tel­gro­ßen Saugnapf an das Fenster von Lavetas Büro drücken. Der Sauger haf­tete gleich beim ersten Versuch.

Als Nächstes nahm er ein T‑Eisen aus der Hüfttasche. Wenn er sich von seinem Platz vor Lavetas Fenster aus weit streckte, konnte er gerade noch die Wartungsrinne neben dem Fenster errei­chen und das Eisen dort ein­set­zen. Damit war es fast geschafft. Er befe­stigte eine Hakenleiste in der Rinne über dem Fenster und hängte ein kurzes Seil daran. Damit wollte er den Griff des Saugnapfes fest­bin­den, sodass Lavetas Fenster offen blieb.

Dann wieder das Messer. Schrauben lösen, Fenster nach oben Richtung Hakenleiste kippen, bis es fast waag­recht stand, aber die obere Kante weiter im Rahmen saß. Festbinden. Sich durch die Öffnung nach innen zwän­gen und dabei umdre­hen, gelen­kig wie die Gibbons im Zoo. Endlich kniete er auf dem Teppichboden und atmete keu­chend. So leise wie mög­lich.

Er sicherte das Kletterseil an einem Stuhlbein, denn wenn es ins Atrium hin­aus­rutschte, saß er hier fest. Auf Zehenspitzen durch­querte er Lavetas Büro bis zu dem Eingangskörbchen, in das er den Brief für Diane gelegt hatte.

Er war nicht mehr da.

Auch eine rasche Suche auf dem Schreibtisch för­derte ihn nicht zutage.

Frank fiel kein Ort ein, an dem er noch hätte nach­schauen können. In den Gängen waren Überwachungskameras instal­liert, und außer­dem, wohin sollte er denn gehen? Der Brief hätte hier sein müssen. Als er ihn in den Eingangskorb gelegt hatte, war Diane schon nicht mehr im Haus gewe­sen. Laveta hatte den Empfang nur mit einem Nicken bestä­tigt. Laveta?

Ratlos durch­suchte er auch alle ande­ren Ablageflächen und Schubladen im Büro. Der Brief war nicht da. Mehr konnte er nicht tun. Er kehrte zum Fenster zurück und löste das Seil von Stuhlbein. Dann befe­stigte er erneut die Steigklemmen, die intakte zuoberst. Diesmal ver­ge­wis­serte er sich, dass das Seil straff gespannt war, bevor er es bela­stete. Er ver­suchte, das myste­riöse Verschwinden des Briefs aus seinem Kopf zu ver­ban­nen und nur noch an das schräg ste­hende Fenster und den leeren Raum dahin­ter zu denken, aber eine letzte Idee drängte sich doch auf. Manchmal hatte er in Lavetas Augen einen etwas eigen­ar­ti­gen Ausdruck bemerkt. Hatte sie den Brief ent­wen­det? Andererseits war es auch mög­lich, dass Diane doch noch einmal ins Büro gekom­men war. Aber Schluss damit; es wurde Zeit, dass er sich kon­zen­trierte. Wirklich kon­zen­trierte. Das fast träu­me­ri­sche Gefühl, das ihn beim Abstieg beglei­tet hatte, war ver­schwun­den. Das Hinausklettern war nur noch eine anstren­gende Aufgabe bei schlech­ter Beleuchtung: schwie­rig, umständ­lich und nicht völlig unge­fähr­lich. Nach drau­ßen stei­gen, das Fenster wieder her­un­ter­las­sen und fest­schrau­ben; über die zer­schnit­te­nen Dichtungen würde sich irgend­wann ein Fensterputzer wun­dern … Zum Glück setzte sich trotz seines benom­me­nen Zustands die Routine vieler hun­dert Arbeitsstunden durch. All diese Dinge hatte er schließ­lich schon als halbes Kind gelernt, eine Fähigkeit, die ihn nie ganz im Stich ließ.

Und das war gut so, denn in seinen Gedanken herrschte wildes Durcheinander. Was war pas­siert? Wer hatte seinen Brief? Und würde er die Frau aus dem Fahrstuhl jemals wie­der­fin­den?

So fiel ihm erst am näch­sten Morgen auf – als er das NSF-Gebäude auf dem übli­chen Weg betrat und schuld­be­wusst nach oben schaute –, dass sich das gesamte Mobile um neun­zig Grad gedreht hatte. Aber nie­mand schien es zu bemer­ken.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel