von Kim Stanley Robinson
Gehen wir noch einmal durch, was wir über uns selbst wissen.
Wir sind Primaten, enge Verwandte der Schimpansen und anderer Menschenaffen. Unsere Vorfahren haben vor ungefähr fünf Millionen Jahren eine eigene, von den übrigen Affen getrennte Art herausgebildet und sich von da an in mehreren parallelen Linien und sich überlappenden Unterarten weiterentwickelt, bis etwa zwei Millionen Jahre vor unserer Zeit Homo habilis in Erscheinung trat.
Das Klima in Ostafrika wurde damals immer trockener. Die Wälder wichen Savannen, offenem Grasland mit vereinzelten Baumgruppen. Wir passten uns dieser Entwicklung an: durch den Verlust des Fells, den aufrechten Gang, die Ausbildung von Schweißdrüsen und andere körperliche Merkmale. So konnten wir auch in Äquatornähe bei vollem Sonnenlicht weite Strecken laufen. Laufen gehörte für uns zum Leben, es erschloss uns große Areale. Wir jagten wilde Tiere, indem wir ihnen nachrannten, bis sie erschöpft waren, was manchmal Tage dauerte.
Während diese Lebensweise über Generationen stabil blieb, vergrößerte sich das urmenschliche Gehirn im Laufe vieler Jahrtausende von rund 300 auf etwa 1200 Kubikzentimeter. Was erstaunlich ist, da sich ansonsten wenig veränderte. Es deutet darauf hin, dass größere Gehirne bei unserer damaligen Art zu leben von ungeheurem Vorteil waren. Als möglicher Grund sind schon die unterschiedlichsten Dinge ins Spiel gebracht worden – von der Notwendigkeit, beim Werfen eines Steins dessen genaue Flugbahn zu berechnen, bis zur Fähigkeit zu träumen. Aber zu den wichtigsten Ursachen gehörten sicherlich die Erfindung der Sprache und die Weiterentwicklung des sozialen Miteinander. Wir redeten miteinander, und wir kamen miteinander aus: Beides ist schwierig und erfordert einiges Nachdenken. Und gleichgültig wie man evolutionären Erfolg definiert, eine gelungene Fortpflanzung gehört auf jeden Fall dazu. Mit der eigenen Gruppe und dem anderen Geschlecht auszukommen, ist somit eine der wichtigsten Anpassungsleistungen überhaupt; ganz sicher hat diese Notwendigkeit auch die Vergrößerung des Gehirns vorangetrieben. Inzwischen sind unsere Köpfe so groß, dass sie kaum noch durch den Geburtskanal passen. All das, nur um andere Menschen und das andere Geschlecht zu verstehen. Und wie weit sind wir damit gekommen?
* * * * *
Anna freute sich, dass Frank wieder da war, auch wenn er kurz angebunden war und mürrisch wirkte. Mit ihm in der Nähe war das Büroleben interessanter. Eine Schimpftirade über zu große Pick-ups konnte nahtlos in eine Erklärung von allem und jeden übergehen, in der es nur noch Ja und Nein gab. Oder in ein Gespräch über die soziale Intelligenz von Gibbons oder eine Berechnung der effektivsten Arbeitsteilung in einem Labor. Man wusste nie, was er als Nächstes sagen würde. Jeder Satz konnte vernünftig beginnen und abgedreht enden. Oder umgekehrt. Anna gefiel das.
Leider nahm er die Spieltheorie viel zu wichtig. »Und wenn diese Zahlen gar nicht den Verhältnissen in der Realität entsprechen?«, fragte sie ihn. »Wenn man dafür, dass man als Einziger zum Verräter wird, keineswegs fünf Punkte bekommt? Wenn das ganze Punktesystem nicht stimmt, vielleicht sogar andersherum funktioniert? Dann ist das Ganze doch nur ein Computerspiel, oder?«
»Na ja …« Frank schien verblüfft. Ein seltener Anblick. Sofort fing er an nachzudenken. Auch das mochte Anna an ihm: Er dachte wirklich über ihre Worte nach.
Annas Telefon klingelte. Sie meldete sich.
»Charlie! O mein Täubchen, wie geht es dir?«
»Ich schreie vor Schmerzen.«
»Ach, Liebster. Hast du die Tabletten genommen?«
»Habe ich. Völlig wirkungslos. Ich fange an, Dinge zu sehen. Krabbeltiere. Immer nur aus den Augenwinkeln. Ich glaube, inzwischen juckt sogar mein Gehirn. Ich werde verrückt.«
»Halte durch. Es dauert ein paar Tage, bis die Steroide wirken. Nimm sie weiter. Ist Joe wenigstens friedlich?«
»Nein. Er will ständig Ringkämpfe machen.«
»Bloß nicht! Ich weiß, der Arzt hat gesagt, es ist nicht ansteckend, aber …«
»Keine Sorge. Ringkämpfe kommen überhaupt nicht infrage.«
»Du fasst ihn nicht an?«
»Und er fasst mich nicht an. Allmählich ist er deswegen ziemlich sauer.«
»Und zum Windelwechseln ziehst du Plastikhandschuhe an?«
»Ja, ja, ja, unter Höllenqualen, denn wenn ich sie wieder ausziehe, geht die Haut mit ab, und es blutet und suppt und juckt einfach mörderisch.«
»Du Ärmster. Versuch, möglichst wenig zu tun.«
Dann musste er Joe aus der Küche scheuchen. Anna legte auf.
»Giftsumach?«, fragte Frank.
»Ja. Er ist in einen Baum geklettert, an dem Sumach hochrankt. Er hatte kein Hemd an.«
»O nein.«
»Es hat ihn ziemlich heftig erwischt. Nick hat die Pflanze erkannt, deshalb sind wir sofort zur Notaufnahme gefahren, und der Arzt hat ihm irgendetwas gespritzt und ihm Steroide verschrieben, noch bevor sich die ersten Bläschen gebildet haben. Aber er ist trotzdem weitgehend außer Gefecht gesetzt.«
»Das tut mir leid.«
»Nun ja, wenigstens betrifft es nur die Haut.«
Da klingelte Franks Telefon. Er kehrte in seine Büronische zurück, bevor er sich meldete, aber Anna hörte trotzdem, was er sagte, zumal er im Laufe des Gesprächs mehr als einmal die Stimme hob. Irgendwann sagte er viermal hintereinander: »Das ist nicht dein Ernst«, und jedes Mal klang es fassungsloser. Danach hörte er eine ganze Weile nur zu, wobei er mit den Fingern laut auf dem Schreibtisch trommelte.
Schließlich sagte er: »Ich weiß auch nicht, was da passiert ist, Derek. Das müsstest doch am ehesten du in Erfahrung bringen können … Ja, das stimmt. Sie werden ihre Gründe haben … Na, aber du kommst doch gut dabei weg, oder? Du hast deine Anteile … Optionen hat jeder, da wird oft nichts draus, mach dir mal darüber keine Gedanken … He, immerhin ist das ein gewonnenes Endspiel. Pleite, Börsengang oder aufgekauft werden. Also herzlichen Glückwunsch … Ja klar, das wird spannend. Natürlich. Stimmt, das ist blöd. Okay, gut. Ruf mich später noch mal an, wenn ich nicht mehr bei der Arbeit bin, dann kannst du es mir ausführlich erzählen. Ja, mach’s gut.«
Er legte auf. In seiner Arbeitsnische kehrte Stille ein.
Schließlich quietschte sein Schreibtischstuhl: Er war aufgestanden. Anna drehte sich um, und da stand er schon in der geöffneten Tür und wartete darauf, dass sie ihn ansah.
Er zog eine Grimasse. »Das war Derek Gaspar, aus San Diego. Seine Firma Torrey Pines Generique ist aufgekauft worden.«
»Wirklich! Ist das die Firma, die du mit gegründet hast?«
»Genau.«
»Na, dann herzlichen Glückwunsch. Wer hat sie denn gekauft?«
»Eine andere Biotech-Firma. Small Delivery Systems. Hast du von denen schon mal gehört?«
»Nein.«
»Ich auch nicht. Kein großer Pharmakonzern, bei Weitem nicht. Eher mittelgroß, sagt Derek. Eigentlich mehr auf dem Gebiet Agro-Pharmakologie aktiv. Aber sie haben ihn von sich aus angesprochen und ihm ein Angebot gemacht. Er weiß selbst nicht warum.«
»Dazu müssen sie doch irgendetwas gesagt haben?«
»Anscheinend nicht. Jedenfalls sind ihm die Gründe weiterhin schleierhaft.«
»Eine gute Nachricht ist es aber trotzdem, oder? Ich dachte, genau das erhoffen sich Start-ups.«
»Stimmt schon …«
»Irgendwie siehst du nicht so aus, als wärst du gerade Millionär geworden.«
Das wischte er mit einer Handbewegung beiseite. »Darum geht es nicht, auf die Art bin ich gar nicht involviert. Ich war Berater, mehr nicht. Die Uni in San Diego lässt Nebentätigkeiten nur in kleinem Rahmen zu, und als ich zur NSF gewechselt bin, war selbst damit Schluss. Man kann schließlich nicht gleichzeitig für den Staat und ein Privatunternehmen arbeiten.«
»Richtig.«
»Mein Geld liegt jetzt in einem Blind Trust. In Torrey Pines hatte ich nie viel investiert, und es kann gut sein, dass der Fonds diese Anteile längst verkauft hat. Ich habe mal so etwas läuten hören. Ich an ihrer Stelle hätte es jedenfalls getan.«
»Na, das ist ja doof.«
»Wohl wahr.« Er runzelte die Stirn. »Aber das ist nicht das Problem.«
Er blickte aus dem Fenster zu den Büros auf der anderen Seite des Atriums hinüber, mit einem Gesichtsausdruck, den Anna noch nie an ihm gesehen hatte. Verdrossenheit? Sie konnte es nicht recht einordnen. Erschütterung?
»Was dann?«
»Ich weiß nicht«, sagte er leise, und dann: »Das System ist völlig verkorkst.«
»Du solltest zu dem Treffen morgen in der Mittagspause kommen. Der Botschafter von Khembalung, Rudra Cakrin, hält einen Vortrag über die buddhistischen Vorstellungen von Wissenschaft. Nein, wirklich. Du redest manchmal genau wie die Khembalis.«
Er runzelte die Stirn, als hätte sie ihn kritisiert.
»Ach, komm. Du findest es bestimmt interessant.«
»Okay. Vielleicht. Falls ich bis dahin mit dem Brief fertig bin, an dem ich gerade schreibe.«
Er kehrte in seine Arbeitsnische zurück und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen. »Verdammter Mist«, hörte Anna ihn sagen.
Dann fing er an zu tippen. Es war, als könnte sie ihm beim Denken zuhören, rasend schnelles Klacken unterbrochen von harten, dumpfen Schlägen, wenn er mit dem Daumen auf die Leertaste hieb. Seine Tastatur musste manchmal einiges aushalten.
Frank tippte noch, als Annas Blick auf die Zeitanzeige fiel und sie hastig aufbrach, um es rechtzeitig nach Hause zu schaffen.
* * * * *
Als Frank am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, hatte er einen Umschlag mit seinem Abschiedsbrief in der Tasche. Er hatte beschlossen, beim Schreiben weiter auszuholen und eine ausführlich begründete, vernichtende Anklageschrift gegen die NSF zu verfassen, einen Text, der Veränderungen herbeiführen konnte. Wenn man ihn ernst nahm. Er wollte ihn Diane Chang übergeben, der Direktorin der NSF. In Papierform, an sie persönlich adressiert. Auf die Art konnte sie ihn in Ruhe lesen, still für sich darüber nachdenken und dann entscheiden, ob sie etwas unternehmen wollte. Aber egal was sie tat, er würde seinen Beitrag dazu geleistet haben, dass sich bei der NSF etwas änderte, und guten Gewissens dahin zurückkehren können, wo wahre Forschung stattfand. Ein versöhnlicher Abschied. Bei dem er zumindest einen Teil seines Ärgers hinter sich lassen würde. Hoffte er jedenfalls.
Zu diesem Zweck hatte er den ersten Entwurf, der auf dem Rückflug von San Diego entstanden war, grundlegend umgeschrieben. Er hatte die Begründungen ausführlicher formuliert, die Kritikpunkte genauer gefasst und durch konkrete Verbesserungsvorschläge ergänzt. Die Vorwürfe waren nach wie vor massiv, orientierten sich im Tonfall jetzt aber an wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Keine blumige Sprache, keine Wut. Keine Hühner und kein Vogel Strauß. Trotz rigorosem Kürzen waren es fünf Seiten geworden, in einzeiligem Abstand. Ein Tritt in den Hintern. Den konnte die NSF dringend gebrauchen.
Im Büro las er den Text ein letztes Mal durch. Dann saß er da, klopfte sich mit dem Umschlag gedankenverloren aufs Bein und blickte ins Atrium hinaus, ohne etwas zu sehen. Unter anderem beschäftigte ihn die Frage, was bei Torrey Pines Generique wirklich vorgefallen war. Ob es etwas damit zu tun hatte, dass Derek Yann Pierzinski eingestellt hatte.
Unvermittelt sprang er auf und ging zu den Fahrstühlen, den braunen Umschlag mit dem Brief in der Hand. Er fuhr in den elften Stock und betrat das Vorzimmer zu Dianes Büro. Dort nickte er Dianes Sekretärin Laveta zu und legte den Umschlag in Dianes Eingangskorb.
»Sie kommt heute nicht mehr ins Büro«, sagte Laveta.
»Macht nichts. Sagen Sie ihr einfach, dass hier ein Brief von mir liegt, wenn sie morgen kommt, ja? Er ist für sie persönlich.«
»In Ordnung.«
Und zurück in den fünften Stock. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch. Es war passiert.
Er konnte Anna in ihrem Büro tippen hören. Ihm fiel ein, dass heute das Mittagstreffen stattfand, zu dem sie ihn mitnehmen wollte. Offenbar ging es auf ihre Initiative zurück, dass der Botschafter von Khembalung zu dem Vortrag eingeladen worden war. Den Titel hatte Frank einem Aushang neben den Fahrstühlen entnommen, auf dem alle Vorträge der Reihe aufgelistet waren:
»Der Sinn der Wissenschaft aus buddhistischer Sicht.«
Für ihn klang das nicht eben vielversprechend. Esoterisches Gerede vermutlich, wenn nicht Schlimmeres. Was bei diesen Mittagstreffen allerdings nichts Ungewöhnliches war, die Themen waren immer eine bunte Mischung. Von Vorträgen der üblichen Art hatten die Leute an der NSF die Nase voll; darauf würden sie ihre Mittagspause ganz sicher nicht verwenden. Bei dieser Reihe spielte daher der Unterhaltungswert eine große Rolle. Frank erinnerte sich an Titel wie »Ein neues Utopia in der Antarktis«, »Ganzkörperbilder als Kunst« oder »Nützliche Folgen der Erderwärmung«. Je durchgeknallter das Thema, desto größer der Andrang.
Heute würde es bestimmt voll werden.
Annas Tür ging auf, offenbar war es Zeit für den Vortrag.
»Kommst du mit?«, fragte sie.
»Na klar.«
Sie wirkte erfreut. Auf dem Weg zu den Fahrstühlen schüttelte er über sie beide den Kopf. In den neunten Stock hinauf und zum Konferenzraum. Er fasste ungefähr zweihundert Personen. Bis die Khembalis eintrafen, war jeder Platz besetzt.
Frank setzte sich weit nach hinten und tat so, als arbeitete er auf seinem Tablet. Aus der Klimaanlage strömte wohltuend kühle Luft. Die meisten saßen grüppchenweise zusammen und unterhielten sich über alles Mögliche. Die Khembalis standen beim Vortragspult. Der Älteste, Botschafter Rudra Cakrin, trug eine weinrote Robe, seine Begleiter waren in cremeweiße Baumwollhemden und ‑hosen gekleidet, wie sie in Indien weitverbreitet waren. Rudra Cakrins Mikrophon war zu hoch; sein junger Assistent half ihm, es zu verstellen, und richtete dann auch sein eigenes Mikrophon. Ein Dolmetscher. Wie lästig. Frank stöhnte unhörbar.
Sie testeten die Mikrophone, und im Saal wurde es stiller. Durchgeknalltes Thema hin oder her, Frank fand es beeindruckend, wie voll der Raum war. Die Leute hier hatten immer noch genug Interesse an neuen Gedanken, um sich in ihrer Mittagspause einen Vortrag über Wissenschaftstheorie anzuhören. Freizeit und Energie aufwenden, um die eigene Neugier zu befriedigen: eine wesentliche Eigenschaft der Hominiden. Und zugleich die Eigenschaft, die Menschen dazu bewegte, Wissenschaftler zu werden und trotz der vielen geisttötenden Tätigkeiten, die damit verbunden waren, bei der Stange zu bleiben. Er selbst war schließlich auch hergekommen. Noch ausgebrannter als er konnte man kaum sein, und trotzdem war er diesem Tropismus gegenüber hilflos, wandte sich offenen Fragen zu wie eine Sonnenblume der Sonne.
Der alte Mann dort vorn am Pult wirkte ziemlich fehl am Platz. So wissensdurstig seine Zuhörerschaft auch sein mochte, sie bestand aus hartgesottenen Technokraten. Nicht gerade das ideale Publikum für diesen verhutzelten Mann im Mönchsgewand. Er sah aus, als gehörte er in ein anderes Jahrhundert.
Und doch stand er dort, und sie saßen hier. Irgendetwas hatte sie alle hergelockt, und das war nicht nur die Klimaanlage. Sie waren höflich, aufmerksam, offen für neue Ideen. Frank spürte einen leisen Anflug von Stolz. Genau so hatte es einmal angefangen. Damals bei den Sitzungen der Royal Society im London der 1660er Jahre hatten die Mitglieder auch höflich dagesessen und zugehört, während ihnen irgendeine merkwürdige Person, zwangsläufig Autodidakt, einen Vortrag hielt. Sie hatten höflich Fragen gestellt und sich gemeinsam nach den Regeln der Vernunft mit dem Thema auseinandergesetzt. Die Übereinkunft, in allen Dingen rational vorzugehen: Damit hatte es begonnen.
Der alte Mann blickte wohlwollend ins Publikum. Er schien sie mit der gleichen Aufmerksamkeit zu betrachten wie sie ihn.
»Guten Morgen!«, sagte er und deutete mit einer Geste an, dass sein englischer Wortschatz damit erschöpft war, vom nächsten Wort abgesehen: »Danke!«
Dann meldete sich sein junger Assistent zu Wort. »Rimpoche Rudra Cakrin, der Botschafter Khembalungs in den Vereinigten Staaten, dankt Ihnen dafür, dass Sie hergekommen sind und ihm zuhören wollen.«
Ein bisschen redundant. Aber nun begann der alte Mann, in seiner eigenen Sprache zu reden – auf Tibetisch, hatte Anna gesagt, eine tiefe, kehlige Lautfolge. Dann hielt er inne, und der junge Mann, Annas Freund Drepung, übersetzte:
»Der Rimpoche sagt: Im Buddhismus beginnt alles mit persönlicher Erfahrung. Man beobachtet die eigene Umgebung und die eigenen Reaktionen und die eigenen Gedanken. Alles hat eine wissenschaftliche … Grundlage. Jetzt fügt er hinzu: Falls ich richtig verstehe, was Sie im Westen meinen, wenn Sie von Wissenschaft reden. Jetzt sagt er: Ich hoffe, Sie sagen es mir, wenn ich mich irre. Aber mir scheint, in der Wissenschaft geht es darum, auf welche Geschehnisse wir uns einigen können.«
Rudra Cakrin unterbrach ihn mit einer Frage. Drepung nickte und fuhr fort: »Es geht um gesicherte Feststellungen. Um Behauptungen, denen jeder von Ihnen zustimmen wird, wenn Sie sich mit ihnen befassen. Denen auch alle anderen zustimmen würden.«
Einige im Publikum nickten.
Jetzt sprach wieder der alte Mann.
»Es gibt jedoch nur wenige und meist recht allgemeine Dinge, auf die wir uns einigen können«, sagte Drepung. »Und je näher wir der Zeit des Buddha kommen, desto allgemeiner werden sie. Seitdem sind zweitausendfünfhundert Jahre vergangen, in etwa, und nun leben wir im Zeitalter der Mikroskope, der Teleskope und der … mathematischen Beschreibungen der Wirklichkeit. Zu diesen Bereichen haben wir keinen direkten Zugang über unsere Sinne. Trotzdem können wir uns auf Aussagen über diese Bereiche einigen. Weil sie über lange mathematische Ketten von Ursache und Wirkung mit dem verknüpft sind, was wir sehen können.«
Rudra Cakrin lächelte kurz und redete weiter. Allmählich gewann Frank den Eindruck, dass Drepungs Übersetzungen sehr viel länger ausfielen als das, was der alte Mann von sich gab. War Tibetisch eine so verdichtete Sprache?
»Dieses Netzwerk ist eine große Errungenschaft«, sagte Drepung.
Rudra Cakrin begann zu singen, mit einer tiefen rauen Stimme, die an Louis Armstrong erinnerte, nur dass sie noch eine Oktave tiefer lag.
Drepung deklamierte:
Willst du die Bedeutung der Buddha-Natur verstehen,
musst du auf die rechte Zeit und auf die Kausalketten schauen.
Wahres Leben beruht auf Ursache und Wirkung.
Es folgten mehrere lebhafte Sätze von Rudra Cakrin.
Drepung übersetzte: »Hier geht es nicht mehr um die Natur an sich, sondern um die Buddha-Natur. Worin liegt der Unterschied? Buddha-Natur bezeichnet die angemessene … Haltung gegenüber der Natur. Die Antwort des Beobachters. Die buddhistische Philosophie weist den Weg, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Und dann …«
Rudra Cakrin sprach eindringlich weiter.
»Und dann kommt der Augenblick … in dem wir antworten, reagieren … Der Augenblick des Menschen … was wir sagen und tun und denken. Das führt uns zurück zu der Frage, was sich ausdrücken lässt. Die Natur der Wirklichkeit … Je tiefer wir vordringen, desto weiter entfernen wir uns von der Sprache. Selbst Mathematik ist irgendwann nicht mehr von Belang. Aber …«
Der alte Mann sprach noch eine ganze Weile weiter. Schließlich glaubte Frank zu bemerken, wie Drepung ihm mit einem Blick oder einer Bewegung der Augenlider ein Zeichen gab, woraufhin Rudra Cakrin sofort verstummte.
»Aber sobald wir uns der Frage zuwenden, was wir tun sollen, genügen wieder ganz einfach Worte. Mitgefühl. Rechtes Handeln. Anderen helfen. Es bleibt bei diesen einfachen Antworten. Das Leiden lindern. Das hat etwas … Beruhigendes. Allergrößte Komplexität in dem, was ist, allergrößte Einfachheit in dem, was wir tun sollen. Sehr viel besser, als wenn es umgekehrt wäre.«
Rudra Cakrin sprach jetzt deutlich gelassener.
»Auch hier überschneiden sich die beiden Herangehensweisen«, sagte Drepung, »und werden zu einer. Wissenschaft entstand aus dem Wunsch nach Nahrung, Behaglichkeit, Gesundheit. Wir wollten lernen, wie die Dinge funktionieren, um sie besser beherrschen zu können. Um unser Leiden zu lindern. In der buddhistischen Welt wurden die damit verbundenen Methoden, das Beobachten und Ausprobieren, vor allem für die Medizin genutzt. Das geschah über viele Jahrhunderte. Bei Ihnen im Westen haben die Ärzte das Gleiche getan und sind dabei zu Wissenschaftlern geworden. In Asien waren die Ärzte buddhistische Mönche, und sie haben die Methoden des Beobachtens und Ausprobierens ebenfalls verfeinert, um herauszufinden, ob sie ihre Erfolge … reproduzieren können.«
Rudra Cakrin nickte, legte Drepung eine Hand auf den Arm und sagte kurz etwas zu ihm. »Beide Forschungsrichtungen verlaufen heute parallel«, sagte Drepung. »Auf der einen Seite die Wissenschaft, die sich beim Beobachten der Natur immer weiter spezialisiert hat: Sie will mit Hilfe von Mathematik und Technik Tatsachen feststellen und neue Werkzeuge entwickeln. Auf der anderen Seite der Buddhismus, der sich auf die Beobachtung des Menschen spezialisiert hat: Er will herausfinden … wie man etwas wird. Wie man sich verhalten soll. Was man tun soll. Was uns weiterführt. Ich möchte sagen, die beiden sind wie die zwei Augen im Kopf. Um gut zu sehen, brauchen wir beide. Oder aber … Es heißt doch: Augen sehen, Füße gehen. Wir könnten also sagen, die Augen sind die Wissenschaft und die Füße der Buddhismus.«
Frank hörte mit wachsender Gereiztheit zu. Dieser alte Mann vertrat ein System von Ideen, das seit zweieinhalbtausend Jahren nichts Neues mehr zum Wissen über die Welt beigetragen hatte, aber er besaß die Frechheit, es auf eine Stufe mit der Wissenschaft zu stellen, die ihrem gesammelten Vorrat an Erkenntnissen täglich mehrere Millionen neue Fakten hinzufügte. Wie absurd!
Trotzdem mischte sich auch Unbehagen in seinen Ärger. Denn in vielem, was der junge Dolmetscher sagte, glaubte Frank einen merkwürdigen Widerhall seiner eigenen Gedanken zu entdecken. Manches schien Fragen zu beantworten, die ihn genau in diesem Moment beschäftigten. Zum Beispiel hatte er eben gedacht: Wie geht das alles mit der Tatsache zusammen, dass wir Primaten sind, die erst seit ganz kurzer Zeit nicht mehr in der Savanne leben, dass unsere Gehirne an unser dortiges Leben als Jäger und Sammler angepasst sind – ergibt es vor diesem Hintergrund überhaupt Sinn? Und im selben Moment beantwortete der alte Mann eine Frage aus dem Publikum (offenbar waren sie ohne formelle Ankündigung zum Frage-und-Antwort-Teil des Vortrags übergegangen), und Drepung dolmetschte:
»Wir sind Tiere. Tiere, die genug an Weisheit gewonnen haben, um zu wissen, dass wir nicht ewig leben. Dass wir sterben werden. Wir wissen es seit Tausenden von Jahren, aber wir verwenden einen großen Teil unserer geistigen Energie darauf, es nicht zur Kenntnis zu nehmen. Wir denken nicht gern daran. Dabei ist uns durchaus bekannt, dass selbst der Kosmos nicht ewig existiert. Die gesamte Wirklichkeit ist vergänglich. Alles ändert sich, unaufhörlich. Nichts bleibt lange gleich. Nichts lässt sich festhalten. Somit lautet die eigentliche Frage: Was tun wir mit unserem Wissen? Wie leben wir damit? Wie verleihen wir ihm einen Sinn?«
Ganz genau! Ungehalten beugte Frank sich vor. Und was kam jetzt? Diese tiefe, raue Stimme mit ihren unverständlichen Lauten – eine merkwürdige Vorstellung, dass sie solche Gedanken hervorbrachte. Plötzlich wollte er unbedingt wissen, was der alte Mann gerade sagte.
»Ein wissenschaftlicher Ausdruck für Mitgefühl lautet« – Drepung blickte zur Decke, wie auf der Suche nach dem richtigen Wort – »Altruismus. Es ist eins der Themen bei Ihren Untersuchungen an Tieren. Gibt es echten Altruismus überhaupt, und ist es ein guter Weg, sich an die Welt anzupassen? Mit anderen Worten, ist Altruismus sinnvoll? Einige Ihrer Studien zeigen, dass Altruismus vom Standpunkt der Gruppe betrachtet die beste Strategie ist. Dadurch wird er zu … einer Ermahnung. Zeigt Mitgefühl, wenn ihr in der Evolution erfolgreich sein wollt – und das von Ihrer Wissenschaft, die für sich in Anspruch nimmt, die Dinge nur zu beschreiben! Die nur beschreibt, was uns zu dem gemacht hat, was wir sind. Im Buddhismus hat es schon immer geheißen: Wenn du jemandem helfen willst, zeige Mitgefühl. Wenn du dir selbst helfen willst, zeige Mitgefühl. Und die Wissenschaft fügt nun hinzu: Wenn du deiner Spezies helfen willst, zeige Mitgefühl!«
Das trug ihm einige Lacher ein; auch Frank lachte leise. Zugleich fing er an, das Gesagte in die Begriffe des Gefangenendilemmas zu übertragen. Es entsprach der Aufforderung, sich stets an die Strategie »immer großzügig« zu halten, weil das sowohl der Gruppe als auch dem Einzelnen die meisten Punkte einbrachte … Was Drepung als Nächstes sagte, entging ihm, weil ihn jetzt etwas gefangen nahm, das eher ein Gefühl war als ein Gedanke: Wenn ich doch an etwas glauben könnte, es würde so vieles einfacher machen. All sein rationales Denken, all sein beißender Skeptizismus – plötzlich drängte sich ihm der Eindruck auf, dass darin etwas Ungesundes lag.
Im selben Moment blickte Rudra Cakrin ihn an, ihn allein unter allen Zuhörern, und Drepung sagte: »Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit.«
Frank fuhr auf. Wie hatte die zugehörige Frage gelautet? Er suchte in seinem Kurzzeitgedächtnis, fand jedoch nichts.
Und schon verlor er erneut den Faden. Sein gesamter Körper hatte zu kribbeln begonnen, als wäre er eine Glocke, die jemand angeschlagen hatte.
»Die Erleuchtung kann sehr plötzlich eintreten.«
Das hörte er nicht mehr, jedenfalls nicht bewusst.
»Manchmal fügen sich die verstreuten Teile des Bewusstseins auf einen Schlag zu einem Ganzen zusammen.«
Auch das hörte er nicht. Er war tief in Gedanken versunken. All seine Gewissheiten waren erschüttert.
Er dachte: Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit – das ist die Geschichte meines Lebens! Und der alte Mann hat es gewusst!
Er merkte, dass er aufgestanden war. Wie alle anderen auch. Offenbar war die Veranstaltung zu Ende. Die Leute verließen den Saal und versammelten sich vor den Fahrstühlen. Jemand fragte ihn: »Und, was meinst du dazu?«, anscheinend in der Erwartung, dass er etwas Bissiges, Abfälliges, eben Frank-Typisches von sich geben würde. Tatsächlich fing sein Mund bereits an, die Worte »Etwas wenig für zweieinhalb Jahrtausende harter Forschung« zu formen, aber er sagte nur »Etwas« und verstummte, von seinen eigenen Angewohnheiten abgestoßen. Er konnte ein solches Arschloch sein.
Die sich öffnende Fahrstuhltür rettete ihn. Er folgte dem Menschenstrom hinein und rieb sich die Oberarme, als wäre ihm in dem eindrucksvoll klimatisierten Konferenzraum kalt geworden. Zu den Leuten, die ihn immer noch fragend anschauten, sagte er: »Interessant.«
Sie nickten, aber lächelten auch leise. Denn selbst dieses eine Wort – in Wissenschaftlerkreisen oft ein Ausdruck von höchstem Lob – passte schon nicht zu ihm. Er machte sich lächerlich. Seine Gruppe erwartete, dass er sich seiner Rolle entsprechend benahm. So funktionierten Gruppen nun einmal. Überraschendes Verhalten kam selten vor und war eher nicht willkommen. Oder? Manchmal bezahlten die Leute sogar dafür, dass man sie überraschte: durch Komik, durch Kunst. Das ließ sich überprüfen. Im Augenblick schien ihm gar nichts gewiss.
»… die Aufmerksamkeit der realen Welt gilt«, sagte jemand.
»Eine schwache Form von Empirismus«, sagte jemand anderes.
»Was meinst du damit«, fragte die erste Person.
Die Fahrstuhltür öffnete sich. Es war Franks Etage. Er stieg aus und kehrte zu seinem Arbeitsplatz zurück. Dort stand er lange am Eingang zu seiner Nische und betrachtete den ganzen Kram, der darauf wartete, bearbeitet oder verpackt zu werden. Stapel von Büchern, Zeitschriften, Ausdrucken. Sein ausgelagertes Gedächtnis, der papierene Nachweis seines Lebens. Ein Übermaß an Rationalität.
Er saß da und dachte nach.
Anna kam herein. »Hallo, Frank. Wie hat dir der Vortrag gefallen?«
»Er war interessant.«
Sie sah ihn aufmerksam an. »Das fand ich auch. Hör zu, Charlie und ich geben nachher eine Party für die Khembalis. Bei uns zu Hause. Eine kleine Feier. Wenn du magst, komm doch vorbei.«
»Danke«, sagte er. »Vielleicht komme ich wirklich.«
»Das wäre schön. Ich muss jetzt los, alles vorbereiten.«
»Okay. Dann bis nachher vielleicht.«
»Okay.« Nach einem letzten fragenden Blick ging sie hinaus.
Manchmal setzen sich einzelne Bilder oder Wörter, Ideen oder Sätze, Lieder oder Bruchstücke von Melodien im Kopf fest und kehren ständig wieder. Wenn diese Wiederholungsschleifen zu lang sind und zu oft auftreten, kann das zu einem echten Problem werden. Bei den meisten Menschen springen die Gedanken jedoch häufig genug zu neuen Ideen, neuen Schleifen weiter; bei einigen geschieht das sogar erschreckend schnell, was ebenfalls zum Problem werden kann, dem Gegenstück der Endlosschleife.
Frank hatte sich in dieser Hinsicht immer als instabil eingeschätzt, weil er mal zum einen Extrem, mal zum anderen tendierte. Der Wechsel von der Zwangsstörung zum Aufmerksamkeitsdefizit geschah manchmal so schnell, dass man fast von einer ganz neuen Form von Bipolarität sprechen konnte.
Kein Übermaß an Rationalität jedenfalls!
Oder aber genau das war die Ursache. Ein Versuch, alles unter Kontrolle zu halten. Der alte Mönch hatte ihm jedenfalls geradewegs in die Augen geblickt. Ein Übermaß an Rationalität ist selbst eine Form von Verrücktheit. Vielleicht war dieses Beharren auf Rationalität seine Methode, innerlich im Gleichgewicht zu bleiben? Wer wusste das schon?
Möglicherweise hatte er es hier mit etwas zu tun, das die Buddhisten »Koan« nannten, ein unlösbares Rätsel, über das man so lange nachdachte, bis der Verstand rebellierte und das Denken einstellte. Das Denken einstellen! Das war nun wirklich verrückt. Trotzdem, vielleicht hatten die Sinneseindrücke dann freie Bahn. Und man erlebte das Jetzt in einer Weise, die nicht durch Sprache vermittelt wurde. Die sich folglich auch nicht beschreiben ließ. Etwas, das man nur spürte oder mental ganz anders wahrnahm, ohne Sprache, jenseits der Sprache. Einfach anders.
Diese Art von Mystizismus war Frank zuwider. Aber die zugehörige Erfahrung liebte er. Wie jeder Mensch, der einmal einen Moment sprachloser Versenkung erlebt hatte, betrachtete er das Erlebnis im Nachhinein als etwas Segensreiches. Wie damals, als er an einem Seil hängend Fenster geputzt und dabei gesungen hatte: »What’s my line, I’m happy cleaning windows.« Klettern, Surfen … Der Kopf konnte viel schneller arbeiten als das, was in Form von versprachlichten Gedanken in ihm stattfand, und auch das Gestöber von Sinneseindrücken und Gedanken, über das man die Welt wahrnahm, bewegte sich so schnell, dass das Bewusstsein unmöglich mithalten konnte. Was einem bewusst wurde, bildete nur einen kleinen Teil des Ganzen.
Er verließ das NSF-Gebäude und ging hinaus in den feuchtwarmen Nachmittag. Der Anblick des Straßenverkehrs stieß ihn aus irgendeinem Grund ab. Er konnte jetzt nicht Auto fahren. Stattdessen lief er zu Fuß durch das leicht schäbige, von Autos dominierte Geschäftsviertel rings um die Metrostation Ballston. In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, aber da war noch etwas anderes. Er hatte das Gefühl, dass er gerade etwas Neues lernte. Etwas, das sich noch nicht in Worte fassen ließ. Aber es war real. Er nahm es wahr. Es war real.
Ein Übermaß an Rationalität. Nun gut, er hatte sich tatsächlich immer bemüht, rational zu denken. Sehr sogar. Es war seine Art zu leben. Etwas, das er stets als hilfreich empfunden hatte. Er war ein leidenschaftsloses, vernünftiges, ruhiges, rationales Wesen. Eine Denkmaschine – als Junge hatte er solche Geschichten geliebt. Aber genau das war ein Wissenschaftler schließlich, diese Eigenschaften machten ihn zu einem guten Wissenschaftler. Deshalb fand er Anna ja so irritierend: Weil sie ohne Zweifel ebenfalls eine gute Wissenschaftlerin war, aber zugleich mit Leidenschaft an die Sache heranging, sich förmlich in ihre Arbeit stürzte und für ihre Ideen kämpfte. Weil sie stets auch emotional beteiligt war. Ihr war es wichtig, welche Theorie sich als richtig erwies. Das war ein Fehler, aber da sie so klug war, funktionierte es trotzdem. Bei ihr jedenfalls. Vermutete er. Aber Wissenschaft konnte man es eigentlich nicht nennen. Es verfälschte die Resultate, wenn einem das Ergebnis einer Untersuchung so viel bedeutete. Gefühle hatten da nichts verloren. Wissenschaft diente nur dazu, sich bestmöglich an die Umgebung anzupassen, in die sie alle hineingeboren wurden. Weil die eigenen Gene auch in der nächsten Generation weiterexistieren wollten. Außerdem war es eine interessante Beschäftigung, und man verdiente damit Geld. Alle anderen Tätigkeiten waren trivial und von Gier bestimmt. Soziale Primaten in einem selbstgeschaffenen Technokosmos: Da war Wissenschaft die einzige Möglichkeit, das Terrain gut genug zu erkunden, um entscheiden zu können, wohin die Reise gehen sollte. Wo sich etwas Neues erschaffen ließ, das allen nützte. Eine rational begründete Wahl. Leidenschaft wurde da nicht gebraucht.
Aber wozu lebten sie überhaupt? Was hielt Lebewesen bei der Stange? Weshalb nahmen sie all diese Anstrengungen auf sich, wenn am Ende doch der Tod auf sie wartete? Das war die Frage, die die Buddhisten zu stellen gewagt hatten.
Inzwischen lief er auf dem Fairfax Drive in Richtung Potomac. Es war eine große, dicht befahrene Straße. Lange Reihen von Fahrzeugen, und fast alle Insassen telefonierten. Eigentlich ein merkwürdiger Anblick.
Die Existenz von Leben hatte sich rational nie völlig erklären lassen. Leben blieb ein Rätsel, das der Verstand nicht zu lösen vermochte. Kein Wissenschaftler hatte je Leben erschaffen. Kleine, klar umrissene, Entropie exportierende Wirbel, die nur für kurze Zeit existierten, aber Teile von sich davonschleuderten, sodass neue Wirbel entstanden, durch unsichtbare Ketten von Code miteinander verknüpft. Eine Abfolge von Staubteufeln mit eigenem Muster. Ein Rätsel, ein Wunder – das sich nur dort ereignen konnte, wo es Wasser gab. Wasser fand sich im Universum zu Tropfen zusammen, genau wie auf einer Fensterscheibe, und bot so dem Leben Nahrung. Das Wasser des Lebens. Ein Wunder.
Er merkte, dass er am ganzen Körper schwitzte. Ringsum standen hohe Bäume unterschiedlichster Arten, Bäume und Büsche, man konnte meinen, die Stadt wäre in einen botanischen Garten hineingebaut worden. Hunderte von Grüntönen. Fußgänger in kleinen Gruppen. Höchstens die Jogger waren manchmal allein unterwegs, und selbst sie liefen offenbar lieber zu zweit oder in größeren Trupps. Soziale Lebewesen, und wie bei Bienen und Ameisen waren die Regeln des Zusammenlebens so unveränderlich, dass kaum jemand sie wahrnahm. Eine von Pheromonen geleitete Art, glücklicherweise sehr anpassungsfähig, aber in keinem stabilen Verhältnis zu ihrer Umwelt. Eine Art, der bewusst war, dass es eine Zukunft gab. Die aus winzigen mathematischen Anhaltspunkten die Geschichte des Kosmos ableiten konnte, eine so gewaltige Anstrengung, dass sie nur von einer riesigen überzeitlichen Gruppe hochintelligenter Wesen geleistet werden konnte, die ihr Wissen stets an zukünftige Generationen weitergaben, mitsamt den unerforschten Rändern, an denen es noch mehr zu entdecken gab. Eine Leistung der gesamten Menschheit. Das machte die Wissenschaft aus, das machte das Leben aus.
Er blieb stehen, den Kopf voller Gedanken, unsicher, besorgt, voller Furcht. Er war völlig verwirrt. Frei schwebende Ängste, dachte er ängstlich; aber nein, diese Furcht hatte einen klaren Grund. Es hieß immer, Paradigmenwechsel fänden erst dann statt, wenn die alten Wissenschaftler tot waren, dass Einzelpersonen für eine solche Veränderung zu dickköpfig seien, zu sehr dem Gewohnten verhaftet. Ein sozialer Prozess, der zwei Generationen umfasste.
Aber es musste doch auch anders gehen. Ab und zu musste so etwas auch im Kopf eines einzelnen – besonders aufgeschlossenen oder auch verunsicherten – Wissenschaftlers stattfinden. Beim Weitergehen stieß er fast mit einer Frau zusammen, die ihm entgegenkam, und beinahe hätte er zu ihr gesagt: »Oh, tut mir leid, ich stecke mitten in einem Paradigmenwechsel.« Er fühlte sich desorientiert. Von einem Paradigma zu einem anderen zu wechseln, war überhaupt nicht so, wie er es in einem Buch über Wissenschaftstheorie einmal graphisch dargestellt gesehen hatte: als würde man von einem Hochhaus in ein anderes umziehen. Es war mehr, als wohnte er in einem Kaleidoskop, an dessen Muster er seit Langem gewöhnt war: Plötzlich drehte jemand am Rohr, er fiel hin, und zugleich verwandelte sich alles, was er sah, klackernd in etwas anderes, Schritt um Schritt. Farben, Muster, alles geriet durcheinander. Als würde man sterben und neu geboren. Altruismus, Mitgefühl, gottverdammte Dummheit, Loyalität gegenüber Menschen, die selbst nicht loyal waren, für alle Verräter den Verlierer spielen, Wettbewerb, Anpassung, verlagertes Eigeninteresse – oder doch etwas ganz Reales, eine reale Kraft, eine Eigenschaft der physikalischen Welt wie die Gravitation oder ein wesentlicher Bestandteil des Lebens wie der Trieb, die eigene DNA an zukünftige Generationen weiterzugeben. Ein Grund zu leben. Der über die DNA hinausging. Ein wilder Impuls zu leben, das Bedürfnis, Gutes zu tun. Liebe. Eine grüne Kraft, Élan vital, das war Metaphysik, gar nicht gut, aber wie sonst ließen sich die Beobachtungen erklären?
Ein Übermaß an Rationalität half da jedenfalls nicht.
Aber Gene verhielten sich rational. Sie führten ihren Auftrag aus und vermehrten sich. Lebende Algorithmen, Wesen aus vier Elementen. Eine Sprache mit vier Buchstaben, Codes von ungeheurer Länge, Codes, die Körper hervorbrachten. Das war ein rationaler Vorgang, der sogar etwas Monomanisches hatte – ein Übermaß an Rationalität, wie es im Koan hieß. Dann waren sie also alle verrückt, nicht nur im sozialen und persönlichen, sondern auch im genetischen Sinn. Zwangsgestörte Moleküle. Und darauf aufbauend immer neue Ebenen von Wahnsinn. Und alles nichts wert, es sei denn, es kam noch etwas anderes hinzu, etwas Nichtrationales, eine spät entstandene Eigenschaft wie Altruismus oder Mitgefühl oder Liebe – etwas, das nicht auf einem Code basierte.
Ihm war elend zumute. Das konnte natürlich an der Hitze und Feuchtigkeit liegen oder daran, dass er so schnell gegangen war; oder er hatte etwas Verdorbenes gegessen oder sich einen Infekt eingefangen. Oder alles zusammen – so fühlte es sich jedenfalls an, auch wenn er den Verdacht hatte, dass die Ursache in seinem Verstand lag. Eine Infektionskrankheit der Gedanken, ein moralisches Fieber. Er musste mit irgendjemandem reden.
Aber es musste jemand sein, dem er vertraute. Und da war die Liste kurz. Sehr, sehr, sehr kurz. Im Grunde genommen – mein Gott, wer stand denn überhaupt darauf?
Anna. Seine Kollegin Anna Quibler. Die leidenschaftliche Wissenschaftlerin. Ein Fels in der Brandung. Denn wem konnte man trauen? Doch nur einem guten Wissenschaftler. Einer Wissenschaftlerin, die bereit war, ihre ehrliche wissenschaftliche Haltung auf die gesamte Wirklichkeit anzuwenden. Vielleicht hatte der alte Lama das gemeint. Wenn zu viel Rationalität eine Form von Verrücktheit war, dann wurde vielleicht genau diese Verbindung von Rationalität und Leidenschaft gebraucht. Wissenschaft und Leidenschaft, Wissenschaft und Mitgefühl – ließ sich irgendwie analysieren, womit man es da zu tun hatte? Mit Religion vielleicht, oder einer Form von Humanismus oder Biozentrismus, Liebe zu allem Lebendigen, Liebe zum Kosmos. Oder eben Buddhismus, falls er den alten Mann richtig verstanden hatte.
Plötzlich fiel ihm ein, dass Anna und Charlie heute Abend eine Party gaben und Anna ihn eingeladen hatte. Ironischerweise, um den Erfolg des heutigen Vortrags zu feiern. Also würden die Khembalis auch dort sein.
Während er schwitzend weiterging, hielt er nach Straßenschildern Ausschau, um herauszufinden, wo er war. Aha. Fast schon am Washington Boulevard. Er könnte die Metrostation Clarendon ansteuern. Was er auch tat. Dort angekommen, fuhr er auf der Rolltreppe in die Tiefe. Eine seltsame Vorgehensweise für einen Hominiden, fast schon eine religiöse Erfahrung. Dem Schamanen in die Höhle folgen. Das haben wir nie völlig abgeschüttelt.
Bis er in Metro Center umsteigen musste, achtete er kaum auf seine Umgebung. Dort erschien ihm das Innere der Station absurder denn je, eine Einkaufsmeile in der Hölle. Er bestieg einen Zug der Roten Linie Richtung Shady Grove und fuhr, von Menschen umgeben, im Stehen weiter. Es war spät geworden, er war lange umhergeirrt. Der Berufsverkehr war fast vorbei.
Um diese Uhrzeit sah man den meisten Leuten an, dass sie von der Arbeit kamen. Sie waren auf dem Weg zu ihrem Zuhause in einem der wohlhabenden Viertel in Northwest, Chevy Chase, Bethesda, Rockville oder Gaithersburg. Mit jedem Halt wurde der Zug leerer. Nach einer Weile fand er einen freien Platz auf einem der grell orangefarbenen Sitze.
Inzwischen hatte er sich ein wenig beruhigt. Die kühle Luft, das freche und doch besänftigende Farbdesign in Orange und Pink, die vielen Gesichter – all das trug dazu bei. Sogar der Fahrer half mit, indem er vor jeder Station so sanft abbremste, wie Frank es selten erlebt hatte. Eine wundervolle Art, mit den mächtigen Bremsen umzugehen; die meisten Fahrer schafften das nicht ohne den einen oder anderen Ruck. Als würde ein Musiker auf seinem Instrument spielen. Die höhlenartigen Bahnhöfe sahen alle fast gleich aus, nur die Namensschilder wechselten.
Ihm gegenüber saß eine Frau in schwarzem Rock und weißer Bluse. Kurzes lockiges Haar, Brille, fast unsichtbares Make-up. Am Schlüsselbein schaute ein BH-Träger hervor. Berufstätig, auf dem Weg nach Hause. Intelligentes, freundliches Gesicht, nicht hübsch, aber attraktiv. Die Beine gekreuzt, einer der Joggingschuhe ragte etwas in den Gang. Ihr Rock war nach oben gerutscht, und Frank konnte die Außenseite des einen Oberschenkels sehen: Durch den Druck des Sitzes und wegen der gut ausgeprägten Beinmuskulatur war er leicht nach innen gewölbt. Keine Strümpfe, glatte Haut, ein paar Sommersprossen. Sie sah kräftig aus.
Die Frau stieg ebenfalls in Bethesda aus. Frank folgte ihr auf den Bahnsteig. Interessant, wie sehr sich Röcke und Kleider unterschieden und wie dadurch die Individualität der Körper betont wurde. Höhe des Pos, Breite der Hüften, Form der Beine, des Rückens, der Schultern, die Gesamtproportionen, die Art, sich zu bewegen: Es gab unendlich viele Variationen. Für Frank sahen keine zwei Frauen gleich aus. Und er sah sich ständig Frauen an.
Diese Frau bewegte sich schnell und zielstrebig. Ihre Beine waren länger als üblich, was immer Aufmerksamkeit erregte. Jede Abweichung von der Norm fiel auf. Diese Frau wirkte auf den ersten Blick so, als würde sie Schuhe mit hohen Absätzen tragen, und das war attraktiv. Genau deshalb trugen so viele Frauen Schuhe mit hohen Absätzen: weil sie so aussehen wollten wie sie. Noch eine Vorliebe, die zweifellos auf das Leben in der Savanne zurückging – wer schnell vor Raubtieren wegrennen konnte, hatte größere Aussichten auf erfolgreiche Fortpflanzung. Egal. Sie sah jedenfalls gut aus. Nach dem inneren Aufruhr, den er hinter sich hatte, wirkte das beruhigend. Eine Rückkehr zum Wesentlichen.
Auf der Rolltreppe vom Bahnsteig zu den Drehkreuzen stand Frank ein wenig unter ihr, ein Blickwinkel, den er sehr genoss, denn ihre Beine wirkten so noch länger, ihr Po noch runder. Spätestens jetzt hing er am Haken; und wie immer in solchen Fällen beschloss er, ihr nachzugehen, bis ihre Wege sich trennten. Einfach nur, weil es schön war, ihr beim Gehen zuzuschauen. Das passierte ihm ständig, es war schon zur Gewohnheit geworden. Washington war voll schöner Frauen.
Sie passierten die Drehkreuze und betraten den Tunnel, der zu der langen Rolltreppe ins Freie führte. Zu seiner Überraschung wandte sie sich jedoch nach links und steuerte die Nische mit den Fahrstühlen an.
Ohne nachzudenken folgte er ihr. Normalerweise benutzte er die Fahrstühle in den Metrostationen nie, da sie extrem langsam waren. Aber nun stand er neben ihr und wartete. Er hatte das Gefühl, sich sehr auffällig zu benehmen, aber das ließ sich nicht ändern. Er konnte nur stur auf die Leuchtanzeige über der Fahrstuhltür blicken. Gut, er hätte auch weggehen können.
Das Lämpchen leuchtete auf, und die Tür öffnete sich. Die Kabine war leer. Frank folgte der Frau hinein, drehte sich um und starrte auf die sich schließende Tür. Er hatte das Gefühl, dass er rot geworden war.
Sie drückte den Knopf fürs Straßenniveau, und mit einem kleinen Ruck ging es los. Der Fahrstuhl summte und vibrierte. In der kleinen Kabine war es heiß und schwül, es roch schwach nach Maschinenöl, Schweiß, Plastik, Parfüm und Elektrizität.
Frank betrachtete eingehend die Anzeige über der Tür. Die Frau ebenfalls. Sie hatte den Daumen unter den Gurt ihrer Handtasche gehakt, der Ellbogen drückte sich kurz über der Taille in den Stoff ihrer Bluse. Ihr Haar war so dicht gelockt, dass man es fast kraus nennen konnte. Es war braun und kurz geschnitten und umschloss ihren Kopf wie eine Kappe, nur im Nacken war es ein wenig länger. Von dort verliefen zwei feine Linien aus blonden Härchen zu ihren Schultern. Es waren breite Schultern. Ein sehr eindrucksvolles Wesen. Selbst aus dem Augenwinkel nahm er genug wahr, um das zu erkennen.
Der Fahrstuhl quietschte, erbebte und hielt an. Erschrocken richtete Frank seine Aufmerksamkeit wieder auf die Anzeige. Sie behauptete, dass sie nach wie vor aufwärts fuhren.
»Scheiße«, murmelte die Frau und sah auf die Uhr. Dann warf sie Frank einen Blick zu.
»Ich glaube, wir stecken fest«, sagte Frank und drückte auf den Aufwärts-Knopf.
»Ja. Verdammt.«
»Unglaublich.«
Sie verzog das Gesicht. »Was für ein Tag.«
Es vergingen ein paar Sekunden. Frank drückte auf den Abwärts-Knopf: nichts. Er deutete auf das kleine schwarze Telefon neben den Knöpfen.
»Ich glaube, das ist für solche Situationen gedacht.«
»Denke ich auch.«
Frank nahm den Hörer ab und hielt ihn sich ans Ohr. Sofort war ein Klingelton zu hören, zum Glück, denn ein Ziffernfeld gab es nicht. Wie hätte er sich wohl gefühlt, wenn es im Hörer still geblieben wäre?
Aber es klingelte so lange, dass er anfing, sich Sorgen zu machen.
Endlich meldete sich eine Frauenstimme. »Hallo?«
»Hallo? Hören Sie, wir sind in dem Fahrstuhl in der Metrostation Bethesda. Er ist steckengeblieben.«
»Okay. Bethesda, haben Sie gesagt? Haben Sie schon versucht, erst den Türen-schließen- und dann den Aufwärts-Knopf zu drücken?«
»Nein.« Frank drückte die entsprechenden Knöpfe. »Ich mache es jetzt, aber … nichts passiert. Er scheint wirklich festzustecken.«
»Probieren Sie es noch mit dem Abwärts-Knopf, nach dem fürs Türenschließen.«
»Okay.« Er versuchte es.
»Wissen Sie, wie weit oben Sie feststecken?«
»Ziemlich weit.« Er sah die Frau an, und sie nickte.
»Nehmen Sie Rauch wahr?«
»Nein!«
»Okay. Jemand ist schon zu Ihnen unterwegs. Warten Sie einfach ab. Und ganz ruhig bleiben. Ist der Fahrstuhl sehr voll?«
»Nein, wir sind nur zu zweit.«
»Dann ist ja gut. Unsere Leute werden ungefähr eine halbe bis eine Stunde brauchen, je nachdem, wie der Verkehr ist und was mit dem Fahrstuhl nicht stimmt. Sie melden sich über dieses Telefon bei Ihnen, sobald sie vor Ort sind.«
»Okay. Danke.«
»Kein Problem. Falls sich an Ihrer Lage irgendetwas ändern sollte, melden Sie sich. Ich behalte die Sache im Blick.«
»Mache ich. Danke.«
Aber die Frau hatte schon aufgelegt. Frank legte auch auf.
Sie standen stumm da.
Frank deutete aufs Telefon. »Also …«
»Ich habe alles gehört.« Die Frau betrachtete den Boden der Kabine. »Ich glaube, ich setze mich. Ich habe müde Füße.«
»Gute Idee.« Sie setzten sich nebeneinander, an die Rückwand des Fahrstuhls gelehnt.
»Müde Füße?«
»Ich war in der Mittagspause laufen, den größten Teil der Strecke auf Pflaster.«
»Sind Sie Läuferin?«
»Nein, eigentlich nicht. Deshalb tun mir ja die Füße weh. Ich gehöre zu einem Fahrradclub, aber wir wollen bei einem Triathlon mitmachen, darum trainiere ich jetzt auch Laufen und Schwimmen. Ich könnte natürlich auch in einem Team antreten und nur den Fahrradteil übernehmen, aber ich will sehen, ob ich nicht alles schaffe.«
»Über welche Strecken geht es denn?«
»Eine Meile schwimmen, zwanzig Meilen Rad fahren, zehn Kilometer laufen.«
»Autsch.«
»So schlimm ist das gar nicht.«
Sie schwiegen eine Weile.
»Und, kommen Sie jetzt bei irgendetwas zu spät?«
»Nein«, sagte Frank. »Na ja, vielleicht schon, aber es ist nur eine Party.«
»Wäre doch schade, sie zu verpassen.«
»Kann sein. Es ist mehr ein Arbeitstermin. Wir hatten heute Mittag einen Vortrag, und die Person, die das organisiert hat, gibt jetzt eine kleine Feier für die Redner.«
»Worum ging es denn in dem Vortrag?«
Er lächelte. »Um Wissenschaft aus buddhistischer Sicht. Die Redner waren zwei Buddhisten.«
»Und Sie sind Wissenschaftler.«
»Genau.«
»Das war bestimmt interessant.«
»Ja, war es. Mir hat es jedenfalls einigen Stoff zum Nachdenken geliefert. Mehr, als ich erwartet hatte. Ich bin aber überhaupt nicht sicher, was ich heute Abend zu diesen Leuten sagen soll.«
»Hmm.« Sie schien nachzudenken. »Für mich ist Radfahren manchmal eine Art Meditation. Ich vergesse dann alles, und wenn ich wieder zu mir komme, bin ich meilenweit gefahren.«
»Das hört sich nett an.«
»Ihre Forschungsdisziplin ist aber nicht Psychologie, oder?«
»Mikrobiologie.«
»Gut. Entschuldigung. Jedenfalls, mir gefällt es, ja. Aber ich glaube, bewusst könnte ich es nicht herbeiführen. Es geschieht einfach. Oft am Ende einer Tour. Vielleicht einfach niedriger Blutzucker. Nicht genug Energie, um nachzudenken.«
»Schon möglich«, sagte Frank. »Nachdenken verbraucht einiges an Zucker.«
»Na bitte.«
Sie saßen da und verbrauchten Zucker.
»Was ist mit Ihnen, kommen Sie zu irgendetwas zu spät?«
»Eigentlich wollte ich noch Rad fahren. Meinen Beinen würde es dann morgen besser gehen. Aber ob ich nach dieser Pleite noch Lust darauf habe … Vielleicht doch. Falls wir bald hier rauskommen.«
»Warten wir ab.«
»Genau.«
Im Fahrstuhl war es stickig. Sie saßen da und schwitzten. Es war ein eigenartiger Zustand, angenehm und spannungsgeladen zugleich. Einfach nur stillsitzen und atmen, während sie sich fast berührten und ihre Körper ganz leise aufeinander reagierten … Es war schön. Zwei Tiere, die sich nebeneinander ausruhen, das eine ein Männchen, das andere ein Weibchen: Unterschwellig findet dabei einiges an Austausch statt. Und irgendwie kam es, dass sich ihre Beine beim Entspannen ein wenig nach außen bewegten und sich ganz leicht berührten. Es wirkte völlig natürlich: Die Beine lehnten nun mit den Außenseiten der Knie aneinander, ihr nacktes (ihr Rock war in Richtung Schoß gerutscht) an seinem mit dünnem Baumwollstoff bekleideten. Sie berührten sich. Franks gesamte Aufmerksamkeit galt jetzt diesem unterschwelligen Austausch. Er trug zwar nach wie vor etwas zum Gespräch bei, aber wusste kaum, worüber sie sich eigentlich unterhielten.
»Dann fahren Sie bestimmt ziemlich oft Rad?«
»Ja, könnte man sagen.«
Sie gehöre zu einem Club, erklärte sie ihm. »Da geht es zu wie in jedem Club.« Außer dass die Mitglieder oft lange Radtouren unternahmen. Immer an den Wochenenden, und in kleineren Gruppen noch öfter. Anscheinend redete auch sie nur noch um des Redens willen. »Am wichtigsten ist die Geselligkeit. Eigentlich nicht viel anders als der Elks Club. Nur eben mit Fahrrädern.«
»Klingt gut.«
»Ja, es macht Spaß. Und hält fit.«
»Es macht Sie stark.«
»Na ja, zumindest in den Beinen. Für die Beine ist es gut.«
»Ja.« Frank folgte der Einladung und betrachtete ihre Beine. Sie senkte den Kopf und schaute sie ebenfalls an, als würde sie etwas inspizieren, das gar nicht zu ihr gehörte. Ihr Rock war so weit hochgerutscht, dass das linke Bein in voller Länge zu sehen war.
»Es kräftigt die Oberschenkelmuskeln«, sagte sie.
»Stimmt«, wollte Frank eigentlich sagen, aber das Wort kam nicht zustande, weil ihm plötzlich etwas leicht gegen den Solarplexus drückte. So gab er nur eine Art Summen oder Schnurren von sich. Ein Laut, der das Verlangen ausdrückte, das beim Anblick dieser langen, kräftigen Beine, der glatten Haut, der schönen Wölbung an der Unterseite des Oberschenkels in ihm wach wurde. Ihre Knie ragten höher auf als seine.
Er blickte auf und merkte, dass sie ihn angrinste. Er hob die Schultern und sah ganz kurz weg: Ja, schuldig im Sinne der Anklage. Zugleich merkte er, dass er lächelte, wie man es eben tat, wenn man bei etwas ertappt worden war. Was sollte er auch sagen? Sie hatte nun einmal tolle Beine.
Sie betrachtete ihn forschend, als würde sie in seinem Gesicht nach etwas Bestimmten suchen. In ihren Augen funkelte es amüsiert. Die ganze Kraft ihrer Persönlichkeit lag in diesem Blick.
Und etwas an dem, was sie sah, schien ihr zu gefallen, denn nun lehnte sie sich an seine Schulter, beugte sich noch weiter vor, reckte den Hals und küsste ihn.
»Hmmm«, schnurrte er und erwiderte den Kuss. Ohne eine bewusste Entscheidung rutschte er ein wenig zu ihr herum, und sie rutschte zu ihm herum. Einen Moment lang löste sie sich von ihm und sah ihm noch einmal in die Augen, dann lächelte sie und schmiegte sich in seine Arme. Ihre Küsse wurden immer leidenschaftlicher, wie zwei knutschende Teenager versanken sie völlig in ihrem Glück. Die Zeit verging. Frank dachte überhaupt nicht mehr, er nahm nur noch wahr, ihre Lippen auf seinen, ihre Zunge, die unbequeme Haltung, in der sie sich umarmten. Es war heiß, beide waren sie schweißnass, ihre Küsse schmeckten nach Salz. Frank schob ihr eine Hand unter den Rock. Sie stieß ein Brummen aus, verlagerte das Gewicht auf ein Knie, spreizte das andere Bein ab und hockte sich über ihn. Sie küssten sich noch leidenschaftlicher.
Das Fahrstuhltelefon klingelte.
Sie setzte sich auf. »Hoppla«, sagte sie atemlos. Ihr Gesicht war gerötet, sie sah umwerfend aus. Sie streckte den Arm aus und griff nach dem Hörer, blieb aber auf Frank sitzen.
»Hallo?«, sagte sie ins Telefon. Frank bewegte sich unter ihr, und sie legte ihm die freie Hand auf die Brust, damit er aufhörte.
»Ja, wir sind hier«, sagte sie. »Das ging aber schnell.« Sie hörte kurz zu und lachte. »Ja, das bekommen Sie bestimmt nicht oft zu hören.« Frank und sie lächelten sich komplizenhaft an, und in dem Moment spürte Frank stärker denn je, dass sie etwas verband. Sie waren ein Paar, aber niemand außer ihnen wusste das.
»Na klar – wir laufen nicht weg!«
Sie löste sich von ihm und legte auf. »Sie sagen, sie hätten es schon repariert, und es geht gleich nach oben.«
»Verdammt.«
»Ich weiß.«
Sie standen auf. Sie strich sich über den Rock. Der Fahrstuhl ruckte ein paarmal und fuhr los.
»Puh, wie wir aussehen! Wir sind tropfnass.«
»Das wäre in jedem Fall passiert. Hier drin ist es heiß.«
»Stimmt.« Sie streckte die Hand aus, um ihm das Haar glattzustreichen, und schon küssten sie sich wieder, taumelten umschlungen gegen die Wand der Kabine, und die Leidenschaft flammte erneut auf, heftiger noch als zuvor. Dann stieß sie ihn weg und sagte atemlos: »Okay, Schluss jetzt, wir sind fast oben. Die Tür geht bestimmt gleich auf.«
»Stimmt.«
Wie zur Bestätigung wurde der Fahrstuhl langsamer, wenn auch im gewohnten Zeitlupentempo. Frank atmete tief durch und versuchte, sich zusammenzunehmen. Sein Gesicht glühte, er verspürte ein Prickeln am ganzen Körper. Er sah sie an. Sie war fast so groß wie er.
Sie lachte. »Voll erwischt!«
Der Fahrstuhl hielt an. Die Tür öffnete sich ruckelnd. Bis zur Straßenhöhe fehlten immer noch dreißig Zentimeter, aber hinauszusteigen war nicht schwer.
Vor ihnen standen drei Männer, zwei in Overalls, einer in einer Metro-Uniform.
Der Uniformierte hielt ein Klemmbrett. »Alles okay?«, fragte er.
»Ja.« – »Alles bestens«, sagten sie gleichzeitig.
Einen Moment lang standen sie nur da.
»Muss ja ziemlich heiß gewesen sein da drin«, sagte der Uniformierte.
Die drei dunkelhäutigen Männer schauten sie neugierig an.
»Und ob«, sagte Frank.
»Aber nicht viel anders als hier draußen«, ergänzte einer der anderen schnell, und alle lachten. Denn es stimmte: Die Temperatur hatte sich kaum geändert. Es war, als würde man von einer Sauna in die nächste steigen. Ihre Retter schwitzten ebenfalls kräftig. Ja, in Washington konnte man die Luft im Freien nicht von der in einem kaputten Fahrstuhl tief unter der Erde unterscheiden. So war es nun einmal. Also lachten sie.
Sie standen auf dem Gehweg der Wisconsin Avenue, gleich neben dem alten Postamt. Die Passanten warfen ihnen neugierige Blicke zu. Der Uniformierte reichte der Frau das Klemmbrett. »Wenn Sie das bitte ausfüllen und unterschreiben würden. Danke. Von Ihrem Anruf bis zu unserer Ankunft hat es ungefähr eine halbe Stunde gedauert.«
»Ziemlich schnell«, sagte die Frau. Sie las den Text auf dem Formular durch, füllte einige Leerstellen aus und unterschrieb. »Mir kam es sogar noch kürzer vor.« Sie sah auf die Uhr. »Gut, dann – vielen Dank.« Sie wandte sich Frank zu und gab ihm die Hand. »Es war nett, Sie kennenzulernen.«
»O ja.« Er wollte etwas sagen, aber fand keine Worte. Vor diesen Zeugen fiel ihm einfach nichts ein. Sie wandte sich ab und ging auf der Wisconsin Avenue Richtung Süden davon. Unter den Augen der Männer fühlte Frank sich zur Bewegungslosigkeit verdammt; ihr nachzulaufen und sie nach ihrem Namen und ihrer Telefonnummer zu fragen, hätte alles verraten. Außerdem hielt ihm der Uniformierte jetzt das Klemmbrett hin. Auf dem Formular würde er nachlesen können, was sie eingetragen hatte.
Aber auf dem Klemmbrett war ein neues Formular befestigt. Er blickte der Frau nach: Sie bog gerade nach rechts in eine Nebenstraße ein.
Der Uniformierte sah ihn ungerührt an. Die beiden Techniker wandten sich wieder dem Fahrstuhl zu.
Frank deutete auf das Klemmbrett. »Kann ich bitte den Namen der Frau nachsehen?«
Der Mann runzelte überrascht die Stirn und schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Es wäre gegen das Gesetz.«
Ihm wurde flau. Auch für dieses Gefühl musste es eine physiologische Grundlage geben, eine Umstellung der Verdauung, wenn man vor etwas Angst hatte und der Körper auf Kampf oder Flucht umschaltete. In diesem Fall auf Flucht. »Aber ich muss mich mit ihr in Verbindung setzen«, sagte er.
Der Mann verzog keine Miene. »Daran hätten Sie denken sollen, als Sie mit ihr im Fahrstuhl festsaßen«, sagte er, nicht ganz zu Unrecht. Dann deutete er in die Richtung, in die sie gegangen war. »Sie können sie vermutlich noch einholen.«
Die Worte wirkten befreiend. Frank eilte davon. Erst im Gehen, aber sobald er in die gleiche Nebenstraße wie sie eingebogen war, rannte er los. Er hielt nach ihrem schwarzen Rock, der weißen Bluse, den kurzen braunen Haaren Ausschau, aber sie war nirgendwo zu sehen. Er fing erneut an, stark zu schwitzen, diesmal aus Panik. Wie weit konnte sie denn schon gekommen sein? Wofür war sie spät dran? Es fiel ihm nicht mehr ein – fast alles, was sie vor dem ersten Kuss zu ihm gesagt hatte, war aus seinem Kopf entschwunden. Dabei musste er es jetzt sofort wissen! Das war wie bei einem dieser Experimente zum Erinnerungsvermögen, die manchmal mit Studierenden veranstaltet wurden: Wie viel von den Ereignissen direkt vor dem Schock ist Ihnen im Gedächtnis geblieben? Nicht viel! Das Experiment hatte bestens funktioniert.
Aber dann kehrte die Erinnerung doch zurück, und das keineswegs verschwommen, sondern im Gegenteil voll kleinster Details. Jedenfalls bis zu dem Punkt, als ihre Beine sich berührt hatten. Was danach kam, wusste er zwar auch noch sehr genau, aber nur wie sich das an seinem Knie angefühlt hatte, nicht was sie geredet hatten. Er kehrte zu den Momenten davor zurück, ließ sie in Gedanken noch einmal ablaufen, wiederholte die Sätze – Rad fahren, Triathlon, eine Meile, zwanzig Meilen, zehn Kilometer. Gut für die Beine, mein Gott, das konnte man wohl sagen. Er musste sie finden!
Er konnte sie nirgendwo entdecken. Inzwischen war er auf der Woodmont Avenue angekommen, lief erst nach links, dann nach rechts, blickte mit wachsender Verzweiflung all die kleinen Nebenstraßen entlang und spähte in Schaufenster. Sie blieb unauffindbar. Er hatte sie verloren.
Es fing an zu regnen.
* * * * *
Es klingelte an der Haustür. Anna ging öffnen.
»Frank! Mann, du bist ja völlig durchnässt!«
Er musste in den Wolkenbruch geraten sein, der vor einer halben Stunde begonnen und schon wieder aufgehört hatte. Merkwürdig, dass er sich nirgendwo untergestellt hatte, bis das Schlimmste vorbei war. Er sah aus, als wäre er vollständig bekleidet in ein Schwimmbecken gesprungen.
»Das macht nichts«, sagte sie, als er an der Tür stehenblieb, weil er tropfte wie eine Statue in einem Springbrunnen. »Du brauchst ein Handtuch.« Sie holte eins aus dem Garderobenschrank im Vorraum. »Der Regen hat dich ja voll erwischt.«
»Stimmt.«
Sie war ein wenig überrascht, dass er überhaupt gekommen war. Bisher hatte sie den Eindruck gehabt, dass er sich nicht für die Khembalis interessierte, ja sogar etwas abschätzig über sie dachte. Und den Vortrag hatte er sich mit typisch Frank’scher Miene angehört. Sein Gesicht konnte zwanzig fein abgestufte Formen von Missvergnügen zum Ausdruck bringen, und beim Vortrag war es die Variante gewesen, die besagte: »Ich muss mich wirklich anstrengen, nicht ständig die Augen zu verdrehen.« Kein sonderlich erfreulicher Anblick, und im Laufe der Veranstaltung war es nur schlimmer geworden. Am Ende hatte er wie benommen gewirkt, als wäre er in seine eigene Welt geflüchtet.
Andererseits: Er war dort gewesen. Danach war er schweigend gegangen, offenbar tief in Gedanken. Und jetzt war er hier.
Anna freute sich. Wenn die Khembalis es schafften, Franks Aufmerksamkeit zu erregen, sollte ihnen das auch bei jedem anderen Wissenschaftler gelingen. Frank war der schwierigste Fall, den sie kannte.
Jetzt wirkte er etwas desorientiert, vermutlich weil er so nass war. Er schüttelte reumütig den Kopf.
»Soll ich dir eins von Charlies T‑Shirts geben?«, fragte Anna.
»Nein, es geht schon. Ich bin bestimmt bald wieder trocken.« Dann hob er die Arme und blickte an sich herunter. »Na gut – vielleicht doch ein T‑Shirt. Glaubst du, seine passen mir?«
»Klar, du bist kaum größer als er.«
Sie ging sofort nach oben. »Die anderen dürften jeden Moment hier sein«, rief sie zu ihm hinunter. »An der Wisconsin Avenue hat es offenbar Überschwemmungen gegeben, und Probleme mit der Metro.«
»Das weiß ich. Eins der Probleme hat mich erwischt!«
»Im Ernst? Was ist passiert?« Sie kehrte nach unten zurück, eines von Charlies größeren T‑Shirts in der Hand.
»Mein Fahrstuhl ist auf halbem Weg nach oben steckengeblieben.«
»O nein! Für wie lange?«
»Eine halbe Stunde ungefähr.«
»Himmel. Das muss ja gruselig gewesen sein. Warst du allein im Fahrstuhl?«
»Nein, da war noch jemand. Eine Frau. Wir haben uns unterhalten, da ist die Zeit schnell vergangen. Es war interessant.«
»Das ist ja nett.«
»Ja. Sehr nett. Nur dass ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt habe, und als wir draußen waren, sollten wir beide ein Formular ausfüllen, und während ich mit meinem beschäftigt war, ist sie gegangen. Darum habe ich nicht mitbekommen, wie sie heißt, und der Typ von der Metro wollte mich nicht auf ihrem Formular nachschauen lassen. Jetzt könnte ich mir in den Hintern treten, denn … Nun ja, ich würde gern noch mal mit ihr reden.«
Verblüfft sah Anna ihn sich genauer an. Er blickte zerstreut an ihr vorbei, in Gedanken vermutlich immer noch bei diesem Vorfall. Dann merkte er, dass sie ihn anschaute, und lächelte, und das verblüffte sie aufs Neue, denn es war ein echtes Lächeln. Bisher hatte jedes Lächeln von Frank skeptisch gewirkt: ironisch, wissend, immer nur ein Mundwinkel nach oben gezogen. Jetzt sah er aus wie jemand, der einen Schlaganfall hatte und endlich wieder beide Gesichtshälften bewegen kann.
Es war ein netter Anblick, und der Grund dafür musste die Frau sein, der er begegnet war. Anna empfand plötzlich große Zuneigung. Inzwischen arbeitete sie schon eine ganze Weile mit ihm zusammen, und unter Kollegen entstand durch die vielen gemeinsamen Erlebnisse oft eine Verbindung, die zwar überhaupt nicht mit einer Ehe oder der Nähe innerhalb einer Familie zu vergleichen war, aber durchaus tief gehen konnte. Eine Freundschaft, die im Reich der Ideen verwurzelt war. Auf jeden Fall sah er glücklich aus, und das freute sie.
»Du sagst, sie hat ein Formular ausgefüllt?«
»Genau.«
»Dann kannst du sie auch finden.«
»Sie haben mich keinen Blick darauf werfen lassen.«
»Irgendwie kommst du trotzdem dran.«
»Glaubst du wirklich?«
Jetzt hatte sie seine volle Aufmerksamkeit. »Klar doch. Du könntest einen Reporter der Washington Post um Hilfe bitten, oder einen professionellen Rechercheur, oder jemanden von der Metro. Sogar jemanden vom Ministerium für Innere Sicherheit. Als Grund gibst du an, dass du mit ihr in diesem Fahrstuhl festgesessen hast. Würde ich sagen. Jedenfalls, sobald Daten schriftlich fixiert sind, kommt man irgendwie an sie heran. Das ist ein Grundgesetz der Informatik, oder?«
»Stimmt.« Er lächelte wieder, und jetzt sah er wirklich sehr glücklich aus. Er nahm ihr Charlies T‑Shirt ab, ging in Richtung Küche und zog sich dabei um. Dann nahm er auch das Handtuch entgegen und trocknete sich den Kopf ab. »Danke. Du, kann ich mein Hemd in euren Trockner stecken? Der ist im Keller, oder?« Er stieg über das Schutzgitter und lief die Treppe hinunter. »Danke, Anna«, rief er zu ihr herauf. »Mir geht es schon besser.« Als er wieder nach oben kam, das Geräusch des Wäschetrockners im Rücken, lächelte er sie erneut an. »Viel besser.«
»Sie muss dir ja sehr gefallen haben!«
»Hat sie. Stimmt. Hat sie. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt habe!«
»Den findest du heraus. Willst du ein Bier?«
»Unbedingt.«
»In der Kühlschranktür. Hoppla, da klingelt es schon wieder, das werden die anderen sein.«
Zusammen mit den Khembalis fanden sich auch viele andere Freunde und Bekannte von der NSF ein, und das kleine Wohnzimmer, das Esszimmer gleich daneben und die Küche dahinter waren bald gut gefüllt. Anna trug im Eilschritt Getränke und Tabletts mit Essen umher. Es machte ihr Spaß, und außerdem übernahm sie diesmal mehr Arbeit als üblich, damit Charlies Hautentzündung nicht schlimmer wurde. Im Vorbeigehen sah sie, dass Joe mit Drepung spielte und Nick mit Curt diskutierte, dessen Büro direkt über ihrem lag. Anscheinend ging es um Dinosaurier in der Antarktis – Curt gehörte zu den Betreuern des US-amerikanischen Antarktisprogramms. Anna vergaß oft, dass die NSF unter anderem für einen Kontinent der Erde mit zuständig war. Curt hatte sich den Vortrag angehört, und er hatte ihm gefallen. »In der McMurdo-Station kämen diese Buddhisten gut an«, sagte er gerade zu Nick. Charlie – mit riesigen braun verkrusteten Stellen an Hals und Gesicht und vom Schlafmangel und den Steroiden blutunterlaufenen Augen – unterhielt sich mit Sucandra, aber als er Anna vorbeihasten sah, folgte er ihr in die Küche, um ihr zu helfen. »Ich habe Frank ein T‑Shirt von dir geliehen«, sagte sie.
»Schon gesehen. Er sagt, er wäre völlig durchnässt gewesen.«
»Stimmt. Ich glaube, er hat nach einer Frau gesucht, der er in der Metro begegnet ist.«
»Was?«
Sie lachte. »Ich finde das toll. Geh und setz dich, Schatz, wenn du den Oberkörper zu viel bewegst, fängt es wieder an zu jucken.«
»Übers Jucken bin ich längst hinaus. Und kribbelig machst mich nur du.«
»Komm, lass das. Setz dich hin.«
Frank fiel ihr erst später am Abend wieder auf. Er saß in einer Wohnzimmerecke zwischen Sofa und Kamin auf dem Fußboden und schien Drepung über irgendetwas auszufragen. Drepung sah aus, als hätte er Mühe, ihn zu verstehen. Neugierig geworden setzte Anna sich bei nächster Gelegenheit auf das Sofa direkt neben die beiden.
Frank nickte ihr zu, aber bedrängte Drepung weiter, jetzt mit einer typischen Frank-Frage: »Aber wie kann das funktionieren?«
»Nun ja,« sagte Drepung, »ich weiß natürlich, was Rudra Cakrin auf Tibetisch sagen will. Mir ist klar, worauf er hinauswill. Dann muss ich nur noch meine Englischkenntnisse anwenden. Die beiden Sprachen sind zwar verschieden, aber wir Menschen haben sehr viel gemeinsam.«
»Grammatikalische Tiefenstrukturen«, schlug Frank vor.
»Ja, aber auch einfach Hauptwörter. Die Namen für Dinge, für Handlungen, sogar für Gedanken. Unterschiedlich starke Entsprechungen. Ich versuche also wiederzugeben, was Rudra gesagt hat, nur eben auf Englisch.«
»Aber wie gut entspricht das dem Original?«
Drepung hob die Augenbrauen. »Wie kann ich das wissen? Ich tue mein Bestes.«
»Man bräuchte ein unabhängiges Prüfverfahren.«
Drepung nickte. »Man könnte die tibetischen Worte des Rimpoche von anderen Dolmetschern übersetzen lassen und ihre englischen Versionen mit meiner vergleichen. Das wäre sehr interessant.«
»Bestimmt. Gute Idee.«
Drepung lächelte ihn an. »Doppelblindversuch, ja?«
»Könnte man sagen, ja.«
»Elementar, mein lieber Watson«, deklamierte Drepung, streckte die Hand nach einem Cracker aus und tunkte ihn in Hummus. »Aber sicherlich würde man dabei eine gewisse, wie sagt man, Bandbreite feststellen. Bei der Untersuchung käme wohl nicht viel Überraschendes heraus. Vielleicht nur, dass ich ein schlechter Dolmetscher bin. Wobei ich sagen muss, es ist auch nicht einfach. Besonders wenn ich den Rimpoche selbst nicht verstehe.«
»Dann erfinden Sie einfach etwas!« Frank lachte. Offenbar war er immer noch guter Stimmung. »Das habe ich doch gleich gesagt.« Er lehnte sich mit dem Rücken an die Seite des Sofas, gleich neben Anna.
Aber Drepung schüttelte den Kopf. »Ich erfinde nichts. Ich bilde etwas nach.«
»DNA und Phänotyp.«
»Das weiß ich nicht.«
»Eine Art Code.«
»Aber Sprache ist nie nur ein Code.«
»Stimmt. Eher wie Genexpression.«
»Das müssen Sie mir erklären.«
»Von einer Serie von Anweisungen – einem Gen zum Beispiel – zu dem, was durch die Anweisungen entsteht. Von der Sprache zum Gedanken. Oder der Bedeutung, oder der Erkenntnis. Was weiß ich! Zu einer Art gelebtem Denken.«
Drepung grinste. »Im Tibetischen gibt es ungefähr fünfzig Wörter, die ich alle mit ›Denken‹ übersetzen müsste.«
»Wie bei den Eskimos und dem Schnee, falls die Geschichten stimmen.«
»Ja. Die Eskimos haben Schnee, wir Tibeter haben Gedanken.«
Diese Vorstellung brachte Drepung zum Lachen, und Frank stimmte mit ein. Bei ihm war es immer nur ein leises Glucksen, aber das sprudelte nun aus ihm heraus, bis er förmlich bebte, hilflos vor Lachen. Anna traute ihren Augen kaum. Seine Heiterkeit wirkte so überschäumend, als wäre er betrunken, dabei hielt er immer noch das Bier in der Hand, das sie ihm bei seiner Ankunft angeboten hatte. Außerdem wusste sie ja, weshalb er high war.
Er riss sich zusammen und redete konzentriert weiter. »Als Sie heute Mittag gesagt haben, ein Übermaß an Rationalität sei selbst eine Form von Verrücktheit, was hatte Ihr Lama da tatsächlich gesagt?«
»Genau das Gleiche. Das war einfach, es ist ein altes Sprichwort.« Er sagte den Satz auf Tibetisch. »Das eine Wort heißt einfach ›Übermaß‹ oder ›zu viel‹, wissen Sie, und rig-gnas bedeutet rationales Denken, oder Wissenschaft. Zugs heißt ›Form‹, und zhe sdang heißt ›Verrücktheit‹, eine Variante von ›Hass‹, abgeleitet von einem älteren Wort für zornig. Es gehört zu den dug gsum, den drei Geistesgiften.«
»Und das hat der alte Mann gesagt?«
»Ja. Eine alte Redeweise. Von Milarepa, meine ich.«
»Aber hat sich das auf die Wissenschaft bezogen?«
»In dem ganzen Vortrag ging es um Wissenschaft.«
»Stimmt, stimmt. Dieser eine Gedanke hat mich einfach ziemlich beeindruckt.«
»Ein guter Gedanke ist einer, aus dem eine Handlung folgt.«
»Das sagen die Mathematiker auch immer.«
»Bestimmt.«
»Dann wollte der Lama also sagen, dass bei der NSF alle verrückt sind? Oder dass die westliche Wissenschaft verrückt ist? Denn die setzt ja schon verdammt stark auf Rationalität. Ich meine, darum geht es schließlich. Es ist der Kern der wissenschaftlichen Methode.«
»Nun, das ist möglich. Bis zu einem gewissen Grad. In mancher Hinsicht sind wir alle verrückt, oder? Er wollte niemanden kritisieren. Nichts Lebendiges befindet sich jemals völlig im Gleichgewicht. Vielleicht wollte er andeuten, dass sich auch die Wissenschaft nicht im Gleichgewicht befindet. Füße ohne Augen.«
»Ich dachte, es sind Augen ohne Füße.«
Drepung wedelte mit der Hand: egal. »Sie sollten ihn selbst danach fragen.«
»Aber dann müssten Sie doch wieder dolmetschen! Da kann ich den Mittelsmann auch gleich überspringen und mich an Sie wenden.«
»Nein.« Drepung lachte. »Der Mittelsmann bin ich, das versichere ich Ihnen.«
»Aber Sie wissen ja schon, was er antworten würde«, beharrte Frank, jetzt halb im Scherz. »Warum sagen Sie es mir nicht einfach!«
»Er überrascht mich auch häufig.«
»Wie denn? Haben Sie dafür ein Beispiel?«
»Nun – letzte Woche hat er einmal zu mir gesagt …«
Aber an dem Punkt musste Anna die Haustür öffnen gehen, sodass sie Drepungs Beispiel nicht mehr mitbekam, sondern nur noch, allem Stimmengewirr zum Trotz, Franks unverwechselbares glucksendes Lachen hörte.
Als sie Frank das nächste Mal über den Weg lief, war er mit Charlie und Sucandra in der Küche, spülte Gläser und räumte auf. Charlie konnte nur dabeistehen und reden. Frank und er unterhielten sich über Great Falls, beide empfahlen Sucandra, auch einmal hinzufahren. »Dieser Ort hat mehr Ähnlichkeiten mit Tibet als irgendetwas sonst in Washington«, sagte Charlie. Frank lachte wieder einmal – und lachte noch lauter, als Anna ausrief: »Na, hör mal, Liebster, die haben doch überhaupt nichts gemeinsam!«
»Nein. Doch! Ich wollte sagen, da gibt es mehr Gemeinsamkeiten mit Tibet als irgendwo sonst hier in der Gegend.«
»Was meinst du denn damit?«
»Wasser! Natur!« Und dann sagten Charlie und Frank gleichzeitig: »Himmel!«
Sucandra nickte. »Etwas mehr Himmel würde mir gefallen. Vielleicht sogar ein Stück Horizont.« Jetzt lachten alle drei Männer zusammen.
Anna ging wieder ins Wohnzimmer, um nachzuschauen, ob etwas fehlte. Dort blieb sie kurz stehen und schaute Rudra Cakrin und Joe zu, die wieder einmal auf dem Fußboden mit Bauklötzen spielten. Joe wirkte in der Gesellschaft des alten Mannes sehr glücklich. Er stapelte Klötzchen übereinander und plapperte, Rudra nickte und reichte ihm weitere Holzblöcke. Mit kleinen Unterbrechungen hatten die zwei den gesamten Abend so verbracht. Anna wurde bewusst, dass beide als Einzige auf der Party kein Englisch sprachen.
Sie kehrte in die Küche zurück, löste Frank am Spülbecken ab und schickte ihn in den Keller, sein Hemd aus dem Trockner nehmen. Als er wieder heraufkam, trug er es schon. Er lehnte sich neben sie an die Arbeitsfläche.
Charlie sah Anna dort stehen und holte ihr ein Bier aus dem Kühlschrank. »Hier, mein Täubchen, was zu trinken für dich.«
»Danke, Schnucki.«
Sucandra stellte eine Frage zur Küchentapete. Auf einem etwas zu grellen gelben Hintergrund waren große weiße Vögel in unterschiedlichsten Flugphasen zu sehen. Wenn man wirklich hinschaute, wirkte das Ganze recht absurd. »Mir gefällt es«, sagte Charlie. »Mich macht es wach. Ein bisschen heftig, aber letztlich wohltuend.«
Frank sagte, er wolle nach Hause. Anna brachte ihn zur Tür.
»Du erwischst bestimmt noch einen Zug«, sagte sie.
»Ja, das klappt schon.«
»Danke, dass du vorbeigekommen bist, das war sehr schön.«
»Ja, stimmt.«
Wieder entdeckte sie dieses breite, strahlende Lächeln auf seinem Gesicht.
»Und, wie ist sie so?«
»Na – das weiß ich doch nicht!«
Sie lachten beide.
»Du wirst es schon herausfinden. Wenn du sie erst wiedergefunden hast.«
»Ja.« Er berührte sie kurz am Arm, als wollte er ihr für die Ermunterung danken. Dann, schon auf dem Gehweg, blickte er noch einmal über die Schulter zurück. »Ich hoffe, sie ist wie du!«
* * * * *
Während Frank von Annas und Charlies Haus durch warmen Nieselregen zur Metro ging, dachte er angestrengt nach. Am Zugangshäuschen des schicksalhaften Fahrstuhls blieb er stehen und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Unmöglich. Vor allem hier. Er ging nur widerstrebend weiter; es fühlte sich an, als würde er das gesamte Erlebnis damit unwiderruflich hinter sich lassen. Aber es lag ja hinter ihm. Also los, am Hotel vorbei und die Treppe hinunter zum Zugang zur Metro. Immer noch tief in Gedanken fuhr er auf der langen Rolltreppe in die Tiefe.
Er dachte an Anna und Charlie in ihrem Haus voller Gäste. Die Art, wie sie nebeneinander standen, aneinander geschmiegt. Wie Anna Charlie mit der Hand berührte, wann immer sie in seiner Nähe war – wobei sie heute Abend sorgfältig die entzündeten Stelle gemieden hatte. Wie sie die Kinder aneinander weiterreichten, scheinbar ohne den anderen dabei groß zu beachten. Und dann diese unendliche Folge von Kosenamen. Das war Frank schon früher aufgefallen, auch wenn er es lieber ignoriert hätte: Sie benutzten nicht nur die üblichen Wörter wie Süßer, Liebste, Schatz oder Liebling, sondern auch ausgefallene, die er schrecklich süßlich und aufdringlich fand: Schnucki, Schnuckibär, Hasi, Maus, Engelchen, Göttin, Kätzchen – unglaublich, wie sehr manche Eheleute aufeinander fixiert waren, was für einen Paar-Narzissmus sie entwickelten, ohne es zu merken. Widerlich! Und doch war es genau das, wonach Frank sich sehnte. Nach dieser tiefen, unangestrengten Intimität, auf die man sich verlassen, in der man völlig aufgehen konnte. Suche LTR. Primat sucht Partnerin fürs Leben. Ein Drang, der sich in jeder menschlichen Kultur beobachten ließ, und bei vielen anderen Arten auch. Dass er es sich auch wünschte, war nicht verrückt.
Folglich steckte er jetzt in der Zwickmühle. Denn er wollte die Frau aus dem Fahrstuhl unbedingt wiederfinden, und Anna hatte ihm ja Hoffnungen gemacht, dass das möglich sein müsste. Natürlich konnte es etwas dauern, aber Anna hatte recht: Über jeden Menschen waren irgendwo Daten gespeichert. Beim Ministerium für Innere Sicherheit auf jeden Fall, aber natürlich auch anderswo. Wie schwierig konnte es schon sein, sich Einblick in die Unterlagen der Wartungsabteilung der Metro zu erbitten oder zu erschleichen? Andere Leute verschafften sich Zugang zum Genom!
Aber von San Diego aus würde sich das nicht machen lassen. Oder genauer gesagt: Suchen konnte er auch von dort aus – Google funktionierte überall –, aber wenn er sie dann gefunden hatte, wäre ihm überhaupt nicht geholfen. Nordamerika war riesig. Sollte aus dem Wiederfinden mehr entstehen, musste er in Washington bleiben.
Und was genau wollte er tun, wenn er sie fand?
Darüber nachzudenken war sinnlos. Unmöglich zu erraten, was nach dem Wiedersehen geschehen würde. Oder was für ein Mensch sie war. Immerhin war sie praktisch über ihn hergefallen (bei dem Gedanken erschauderte er, sein Körper erinnerte sich noch genau). Über einen völlig fremden Mann, mit dem sie zufällig im Fahrstuhl feststeckte. Mit dem sie sich ganze zwanzig Minuten lang unterhalten hatte. Dass alles von ihr ausgegangen war, stand für ihn fest; ihm wäre es niemals eingefallen. Was vermutlich bewies, dass er ein Unschuldslamm war oder einfach zu blöd; egal. Vielleicht war sie ja immer auf der Suche nach sexuellen Abenteuern – in den Kontaktanzeigen, die er manchmal las, kam das ja ständig vor. Und hieß es nicht sowieso, Frauen wären auf sexuellem Gebiet selbstbewusster? Wobei er davon noch nichts mitbekommen hatte. Obwohl, von Marta ließ sich das durchaus behaupten.
Wie auch immer, er hatte bei der Sache im Fahrstuhl durchaus mitgemacht, er hatte seinen Teil dazu beigetragen. Und zwar äußerst gerne. In dem Punkt war er sehr zufrieden mit sich. Wenn auch überrascht. Er musste sie wiederfinden.
Aber für alles, was danach kam – was immer geschah, falls überhaupt etwas geschah –, musste er in Washington sein.
Nun gut. Er war ja hier.
Aber genau heute hatte er Diane seinen bösen Abschiedsbrief ins Postfach gelegt. Morgen früh würde sie ihn lesen. Einen Brief, der ihm inzwischen nicht nur kritisch, sondern aggressiv, wenn nicht gar beleidigend vorkam – wie blöd konnte man eigentlich sein, wie undiplomatisch, selbstgefällig, irrational, unangepasst –, was hatte er sich nur dabei gedacht? Gut, er war irgendwie wütend gewesen. Verbittert. Er hatte alle Brücken hinter sich abbrechen wollen, der Brief hatte bewirken sollen, dass die NSF mit ihm fertig war.
Ohne diesen Brief hätte er seinen Aufenthalt hier relativ einfach um ein Jahr verlängern können. Anna hatte ihn ja bereits darum gebeten, und ganz sicher hatte sie das mit Dianes Einverständnis getan. Noch ein Jahr, und er wüsste zumindest, woran er war.
Jetzt endlich ratterte ein Metrozug, begleitet von Fahrtwind, in den Bahnhof. Während Frank in dem ruckelnden und schwankenden Wagen Richtung Innenstadt fuhr, ging ihm noch einmal alles durch den Kopf, was sich in letzter Zeit abgespielt hatte, in schnell wechselnden, abgehackten Bildern, einem bunten Durcheinander wie in einem Kaleidoskop oder einem Mandala: Pierzinskis Algorithmus, die Jurysitzung, Marta, Derek, der Vortrag der Khembalis, Anna und Charlie, wie sie in der Küche dicht nebeneinander an der Arbeitsfläche lehnten. Eigentlich ergab nichts davon einen Sinn. Jedes Bild für sich vielleicht, aber eine Theorie, die das alles erfasste, hatte er nicht. Nur das unbestimmte Gefühl, dass die Welt im Begriff war, auseinanderzufallen.
Und angenommen, das stimmte, wollte er dann wirklich wieder im Labor arbeiten? Würde er es ertragen können, sich mit einem einzigen winzigen Steinchen im riesigen Mosaik der globalen Probleme zu befassen? Denn genau das hatte er bisher immer getan, und vielleicht war es ja tatsächlich die einzig sinnvolle Vorgehensweise. Aber wäre er nicht trotzdem besser beraten, seine Einflussmöglichkeiten zu erweitern, indem er seine Kraft in die National Science Foundation investierte, diesen kleinen, aber potenziell wirkmächtigen Zweig des Staatsapparats? War das nicht der eigentliche Grund für die wütende Kritik an der NSF, die er in seinem Brief geäußert hatte: die Enttäuschung darüber, dass diese Institution hinter ihren Möglichkeiten zurückblieb? Ich kann die Welt nicht aus den Angeln heben, wenn ich keinen Hebel finde – hatte nicht schon Archimedes so etwas Ähnliches gesagt?
Aber der Brief lag bereits in Dianes Eingangskörbchen. Er hatte die Brücken bereits abgebrochen. Es war eben immer dumm, die eigenen Handlungsmöglichkeiten ohne Not einzuschränken. Er war ein Idiot. Er gab es nicht gern zu, aber es musste sein. Die Beweislage war klar.
Er könnte jetzt zur NSF fahren und den Brief wieder an sich nehmen.
Natürlich würde der Wachdienst da sein, wie immer. Aber es erschienen öfter mal Leute sehr spät oder sehr früh zur Arbeit. Seine Anwesenheit ließe sich also erklären. Dianes Büro würde allerdings abgeschlossen sein. Den Zugang zu seinem Büro würde ihm der Wachdienst sicher gestatten, aber den zum elften Stock? Nein.
Vielleicht konnte er sich morgen ganz früh dort einschleichen. Vor allen anderen.
Aber die Person aus dem elften Stock, die morgens gewöhnlich als Erste eintraf, war bekanntermaßen Diane Chang. Angeblich kam sie oft schon um vier Uhr früh. Also …
Gut, er könnte dort auf sie warten. Ihr einfach sagen, dass er ihr einen Brief ins Postfach gelegt hatte, den er jetzt gern zurück hätte. Gut möglich, dass sie ihm den Brief dann einfach übergab. Ebenso gut möglich allerdings, dass sie ihn vorher lesen wollte. In jedem Fall wüsste sie dann, dass bei ihm nicht alles in Ordnung war. Und dagegen sträubte sich etwas in ihm. Er wollte nicht, dass irgendjemand von dieser Geschichte erfuhr, er wollte nicht als jemand dastehen, der emotional überfordert oder entscheidungsunfähig war oder etwas zu verbergen hatte. Bei seinen wenigen Begegnungen mit Diane hatte er den Eindruck gewonnen, dass sie für Dummköpfe kaum Geduld aufbrachte; er wollte nicht, dass sie ihn für einen Idioten hielt. Schlimm genug, wenn er sich selbst eingestehen musste, dass er einer war.
Und wenn er schon bei der NSF blieb, würde er dort auch etwas bewirken wollen. Das ging aber nur, wenn Diane ihn respektierte. Es wäre viel besser, wenn er den Brief wieder an sich bringen könnte, ohne dass sie etwas davon erfuhr.
Ungebeten meldete sich eine Idee, mit der er schon häufig gespielt hatte. Wie oft hatte er schon in seiner Arbeitsnische gesessen, durchs Fenster ins Atrium hinausgeblickt und sich vorgestellt, an dem Mobile hinaufzuklettern. Die schwierigste Stelle lag etwa auf halbem Weg, wo man von einem Teil des Mobiles zum anderen gelangen musste; dieser Abschnitt entlang der Kette wäre im Freiklettermodus vermutlich nicht leicht zu überwinden. Und ein Sturz wäre fatal. Aber er konnte sich ja von dem Glasdach über dem Atrium aus abseilen. Und nicht einmal bis hinunter zum Mobile. Dianes Büro lag im obersten Stock, der Abstand zum Dach wäre kurz. Er hatte seine Kletterausrüstung, seine Erfahrung, das Können, das er sich beim Fensterputzen an Hochhäusern angeeignet hatte. Durch das Dachfenster abseilen, sich oberhalb des Mobiles zu Dianes Fenstern hinüberschwingen, eins davon aufklappen, einsteigen, den Brief aus dem Eingangskörbchen nehmen, wieder hinausklettern und die Fenster schließen. Keine der Überwachungskameras im Atrium war nach oben gerichtet – das hatte er im Lauf seiner Kletterphantasien bereits registriert –, und die Fenster waren nicht mit der Alarmanlage verbunden. In der Hinsicht konnte also nichts passieren. Und das Dach des NSF-Gebäudes war über eine fest montierte Wartungsleiter an der Südfassade erreichbar. Das war ihm einmal im Vorbeigehen aufgefallen und hatte schon in einigen Tagträumen eine Rolle gespielt. Bei der Arbeit hatte er oft Bilder von körperlichen Aktivitäten vor Augen; Biomathematik war schließlich auch eine Art Klettertour an den Wänden der Realität. Außerdem entschädigte es etwas für das tägliche langweilige Stillsitzen.
Mittlerweile war aus einer bloßen Idee ein ausgefeilter, durchführbarer Plan geworden. Dass es ein vernünftiger Plan war, versuchte er sich gar nicht erst einzureden, aber er musste einfach etwas Praktisches unternehmen. Auf der Stelle. Er bebte förmlich vor Anspannung. Rein physisch lagen alle Schritte, die für die Aktion notwendig waren, im Bereich seiner Fähigkeiten, und alles andere sprach auch dafür. Tatsächlich blieb ihm gar nichts anderes übrig – nicht wenn er sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen und es in die Richtung lenken wollte, die er sich wünschte. Wenn er einem möglichen Wiedersehen mit der Frau aus dem Fahrstuhl eine Chance geben wollte.
Er musste es einfach tun.
Immer noch mit Planen beschäftigt, stieg er am Bahnhof Ballston aus und ging zur Tiefgarage der NSF. Dabei nahm er den Weg an der Südseite des Gebäudes entlang und überprüfte, wie tief die Außenleiter herunterreichte. Er musste nur irgendeine Kiste als Aufstiegshilfe mitbringen, mehr war nicht nötig. Er ging zum Auto und fuhr durch leere nasse Straßen Richtung Westen zu seiner Wohnung. Von seiner Umgebung nahm er kaum etwas wahr.
In der Wohnung ging er sofort zum Wandschrank und durchwühlte seine Kletterausrüstung. Wie in jeder Ausgrabungsstätte lagen die älteren Dinge – aus seiner Zeit als Fensterputzer – ganz unten.
Als alles auf dem Fußboden ausgebreitet war, hätte man meinen können, dass er sich sein ganzen Leben auf diese Aktion vorbereitet hatte. Mit der Spritzpistole für Dichtungsmasse in der Hand hielt er kurz inne; einen Moment lang kam ihm sein Vorhaben völlig absurd vor. Allein schon, weil er gar keine Dichtungsmasse hatte, die Pistole also nutzlos war. Er würde durchtrennte Dichtungen hinterlassen. Früher oder später würde das jemand bemerken.
Dann fiel ihm die Frau aus dem Fahrstuhl wieder ein. Er konnte ihre Küsse immer noch spüren. Seitdem waren nur wenige Stunden vergangen, auch wenn es ihm vorkam, als hätte er im Geist viele Jahre durchlebt. Wenn er sie wiedersehen wollte, musste er etwas unternehmen. Auf ein paar kaputte Dichtungen kam es da nicht an. Er stopfte die übrige Ausrüstung in seinen Kletterrucksack. Der ausgeblichene rote Nylonstoff war auf einer Seite zerrissen, die Folge einer längst vergangenen Gerölllawine am Fourth Recess. Damals hatte er noch oft derart verrückte Dinge unternommen.
Er kehrte zum Auto zurück, warf den Rucksack auf den Beifahrersitz und brauste durch die dunklen Straßen nach Arlington zurück. Diesmal fuhr er über die Metrostation Ballston hinaus und parkte ein gutes Stück von der NSF entfernt. Es war niemand in der Nähe. Acht Millionen Menschen lebten in dieser Gegend, aber keiner von ihnen ließ sich um zwei Uhr morgens blicken. Wer konnte da bestreiten, dass die Soziobiologen recht hatten! Selbst in einer volltechnisierten postmodernen Gesellschaft folgten die Menschen immer noch dem Tag-und-Nacht-Rhythmus ihrer tierischen Vorfahren. Sie schliefen tief und fest – in vielerlei Hinsicht, und ganz bestimmt schliefen sie bei Nacht. Frank war von diesem überwältigenden Beweis ihres tierischen Erbes geradezu begeistert. Eine ganze Stadt voll schlafender Primaten. Irgendwie bestärkte ihn das in der Überzeugung, dass er das Richtige tat. Dass er selbst zum ersten Mal seit vielen Jahren wirklich aufgewacht war.
Auf der Südseite des NSF-Gebäudes stieg er auf eine hochkant gestellte Plastikkiste und sprang zur untersten Sprosse der Wartungsleiter hinauf, eine Sache von Sekunden. Rasch kletterte er zum Dach hinauf, wobei er vor allem die Beinmuskeln benutzte. Das obere Ende der Leiter erschien ihm sehr hoch und exponiert. Wenn ein Übermaß an Rationalität eine Form von Verrücktheit darstellte, dann war er offensichtlich geheilt. Wobei ihm das, was er hier tat, im Moment ausgesprochen vernünftig vorkam.
Über die Mauerkuppe aufs Dach, geradewegs in eine Regenpfütze. In der Mitte des Flachdachs das Fenster über dem Atrium.
Es war eine schwüle Nacht, auf den niedrig hängenden Wolken lag der orangefarbene Widerschein der Stadt. Frank packte sein Werkzeug aus. Das große Fenster in der Dachmitte bestand aus einer niedrigen vierseitigen Pyramide aus dreieckigen Glasscheiben. Er ging zu der Scheibe, die der Leiter am nächsten war, säuberte das Glas und befestigte einen großen Saugnapf daran.
Er zerschnitt die drei Dichtungen mit seinem alten X‑Acto-Messer und entfernte das vom Sonnenschein mürbe Polyurethan, sodass er an die Schrauben herankam. Mit dem Akkuschrauber waren sie schnell entfernt. Dann packte er den Griff des Saugnapfes, versetzte ihm einen Ruck, damit das Fenster sich löste, und zog dann sanft daran. Das Fenster kippte auf den unteren Rahmen gestützt nach außen. Als die Scheibe fast senkrecht stand, band er den Griff des Saugnapfes mit einer Seilschlaufe an der obersten Sprosse der Leiter fest. Die entstandene Öffnung war breit genug, er würde mühelos hindurchpassen. Aus dem Atrium wehte ihm kühle Luft entgegen: Im Gebäude herrschte ganz leichter Überdruck.
Er breitete ein Handtuch über den Fensterrahmen, stieg in den Klettergurt und schnallte ihn an der Taille fest. Er befestigte sein Seil an der obersten Leitersprosse; das sollte bombenfest halten. Jetzt musste er sich nur noch durch die Öffnung zwängen und dann so weit abseilen, dass er mit dem Pendeln beginnen konnte.
Vorsichtig setzte er sich auf den kantigen Fensterrahmen. Er spürte immer noch das Bier von Annas Party im Magen; ein wenig beeinträchtigte es seine Koordination. Klettern konnte er trotzdem. In seiner Jugend hatte er das in schlimmerem Zustand getan. Was für ein Idiot er doch gewesen war! Obwohl jetzt vielleicht der falsche Zeitpunkt war, um sein früheres Ich zu kritisieren.
Er drehte sich um und überprüfte den Abseilachter, indem er sich rückwärts ins Atrium lehnte. Gute Reibung. Er lehnte sich weiter zurück – und stürzte nach unten. Verzweifelt drehte er am Achter, bis der das Seil bremste – es stockte ganz, er hüpfte ein wenig auf und ab – und schlug auf. Ein furchtbarer Schreck, er konnte doch unmöglich schon ganz unten sein, einen Moment lang war er völlig verwirrt – dann sah er, dass er gegen den obersten Teil des Mobiles geprallt war. Jetzt hing er kopfüber daran, mit den Händen verzweifelt an Mobile und Seil geklammert.
Glück gehabt. Der Sturz hatte eine ähnliche Wirkung wie ein Stromschlag: Sein gesamter Körper schien zu glühen. Versuchsweise zog er am Seil. Es schien völlig in Ordnung, zuverlässig an der Leiter befestigt. Vielleicht hatte er einfach vergessen, es straff zu ziehen, nachdem er den Abseilachter befestigt hatte. Jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern. Eigentlich war das etwas, das jeder Kletterer fast automatisch tat, aber heute Nacht traute er sich zu, es vergessen zu haben. Er hatte so viele andere Dinge im Kopf. Vielleicht zu viele.
Vorsichtig griff er in seine Hüfttasche, nahm zwei Steigklemmen heraus und verband ihre langen Schlaufen über Karabiner mit seinem Gurt. Dann klemmte er sie über sich ans Seil. Als Nächstes schlang er sich das freie Seilende um den Oberschenkel und schaute sich um. Er würde sich mithilfe der beiden Steigklemmen nach oben arbeiten müssen, bis er wieder auf der richtigen Höhe war, um sich zu Dianes Fenster hinüberzuschwingen …
Das Mobile drehte sich langsam. Frank packte es und versuchte, Drehkraft in die Gegenrichtung auszuüben, damit es anhielt: Er hatte Angst, ein Wächter könnte die Bewegung bemerken, wenn er das Atrium durchquerte. Der weite Innenraum schien ihm plötzlich viel zu hell erleuchtet, obwohl von vereinzelten Nachtlichtern in den Büros tatsächlich nur ein schwacher grünlicher Schimmer hereinfiel.
Der oberste Teil des Mobiles bestand aus einem großen Kreis, der an einem Punkt an einer Kette aufgehängt war. An dem Kreis waren zwei treppenförmig geknickte Stäbe befestigt, der eine etwa dreißig Grad vom höchsten Punkt entfernt, der andere, mit nur einer Stufe, auf der anderen Seite des Kreises und etwas tiefer. Knapp fünf Meter unter dem Kreis hing ein halbmondförmiger Stab. Frank wusste, dass diese Teile in Primärfarben lackiert waren, aber jetzt im Dunkeln waren nur verschiedene Grautöne auszumachen, was dem Ganzen etwas Irreales verlieh.
Endlich kam das Gebilde zum Stillstand. Frank schob die eine Steigklemme nach oben, stellte den Fuß in die zugehörige Seilschlinge und verlagerte das Gewicht. Jede Bewegung erforderte jetzt Umsicht. Für kurze Zeit vergaß er alles andere und geriet in jenen Zustand völliger Konzentration, der für ihn untrennbar mit dem Klettern verbunden war.
Er schob die zweite Steigklemme noch weiter nach oben und verlagerte das Gewicht, bis die erste Klemme frei war. Eigentlich ein ganz mechanischer, unkomplizierter Vorgang, bei dem es jetzt nur darauf ankam, dass er das Mobile nicht erneut anstieß.
Aber als er die zweite Klemme belastete, rutschte sie ab. Unwillkürlich packte er das Seil und verbrannte sich die Handfläche; dabei stoppte die andere Steigklemme gleich darauf die Abwärtsbewegung. Ein völlig unnötige Verletzung.
Jetzt geriet er wirklich ins Schwitzen. Eine defekte Steigklemme konnte er überhaupt nicht gebrauchen. Sie rutschte jedes Mal etwas ab, bevor sie hielt. Beim genaueren Hinschauen hatte er den Eindruck, dass sie beim Aufprall aufs Mobile einen Stoß abbekommen hatte und dabei das Gehäuse gesprungen war. Diese Gehäuse waren oft aus gegossenem Metall, und manchmal bildeten sich beim Gießen Luftbläschen, die das Metall anfällig für Stöße machten. So etwas war ihm schon einmal passiert, eine nervenaufreibende Situation. Ganz ohne Hilfsmittel an einem Seil hinaufzuklettern, schaffte auf Dauer niemand.
Aber diese Klemme hielt immerhin, wenn auch nach kurzem Abrutschen, und nach einigem Herumtasten mit den Fingerspitzen fand er heraus, dass sie noch besser fasste, wenn er sie jedes Mal löste und den Nocken dann mit der Hand wieder festdrückte. Also nutzte er die eine Klemme für die großen Bewegungen nach oben, klemmte die defekte dann von Hand fest und hoffte, dass sie ihn trug, bis er die intakte nach oben verschoben hatte – und kämpfte sich so mit zusammengebissenen Zähnen und angehaltenem Atem gegen die Schwerkraft hinauf.
Schließlich erreichte er die Höhe, zu der er sich ursprünglich hatte abseilen wollen, und konnte endlich weitermachen. Inzwischen war er schweißnass, und seine rechte Hand brannte. Er versuchte abzuschätzen, wie viel Zeit er verloren hatte, aber vergeblich. Irgendetwas zwischen zehn und dreißig Minuten. Lächerlich.
Hin und her zu schwingen dagegen war einfach, und schon bald konnte er mit ausgestrecktem Arm einen mittelgroßen Saugnapf an das Fenster von Lavetas Büro drücken. Der Sauger haftete gleich beim ersten Versuch.
Als Nächstes nahm er ein T‑Eisen aus der Hüfttasche. Wenn er sich von seinem Platz vor Lavetas Fenster aus weit streckte, konnte er gerade noch die Wartungsrinne neben dem Fenster erreichen und das Eisen dort einsetzen. Damit war es fast geschafft. Er befestigte eine Hakenleiste in der Rinne über dem Fenster und hängte ein kurzes Seil daran. Damit wollte er den Griff des Saugnapfes festbinden, sodass Lavetas Fenster offen blieb.
Dann wieder das Messer. Schrauben lösen, Fenster nach oben Richtung Hakenleiste kippen, bis es fast waagrecht stand, aber die obere Kante weiter im Rahmen saß. Festbinden. Sich durch die Öffnung nach innen zwängen und dabei umdrehen, gelenkig wie die Gibbons im Zoo. Endlich kniete er auf dem Teppichboden und atmete keuchend. So leise wie möglich.
Er sicherte das Kletterseil an einem Stuhlbein, denn wenn es ins Atrium hinausrutschte, saß er hier fest. Auf Zehenspitzen durchquerte er Lavetas Büro bis zu dem Eingangskörbchen, in das er den Brief für Diane gelegt hatte.
Er war nicht mehr da.
Auch eine rasche Suche auf dem Schreibtisch förderte ihn nicht zutage.
Frank fiel kein Ort ein, an dem er noch hätte nachschauen können. In den Gängen waren Überwachungskameras installiert, und außerdem, wohin sollte er denn gehen? Der Brief hätte hier sein müssen. Als er ihn in den Eingangskorb gelegt hatte, war Diane schon nicht mehr im Haus gewesen. Laveta hatte den Empfang nur mit einem Nicken bestätigt. Laveta?
Ratlos durchsuchte er auch alle anderen Ablageflächen und Schubladen im Büro. Der Brief war nicht da. Mehr konnte er nicht tun. Er kehrte zum Fenster zurück und löste das Seil von Stuhlbein. Dann befestigte er erneut die Steigklemmen, die intakte zuoberst. Diesmal vergewisserte er sich, dass das Seil straff gespannt war, bevor er es belastete. Er versuchte, das mysteriöse Verschwinden des Briefs aus seinem Kopf zu verbannen und nur noch an das schräg stehende Fenster und den leeren Raum dahinter zu denken, aber eine letzte Idee drängte sich doch auf. Manchmal hatte er in Lavetas Augen einen etwas eigenartigen Ausdruck bemerkt. Hatte sie den Brief entwendet? Andererseits war es auch möglich, dass Diane doch noch einmal ins Büro gekommen war. Aber Schluss damit; es wurde Zeit, dass er sich konzentrierte. Wirklich konzentrierte. Das fast träumerische Gefühl, das ihn beim Abstieg begleitet hatte, war verschwunden. Das Hinausklettern war nur noch eine anstrengende Aufgabe bei schlechter Beleuchtung: schwierig, umständlich und nicht völlig ungefährlich. Nach draußen steigen, das Fenster wieder herunterlassen und festschrauben; über die zerschnittenen Dichtungen würde sich irgendwann ein Fensterputzer wundern … Zum Glück setzte sich trotz seines benommenen Zustands die Routine vieler hundert Arbeitsstunden durch. All diese Dinge hatte er schließlich schon als halbes Kind gelernt, eine Fähigkeit, die ihn nie ganz im Stich ließ.
Und das war gut so, denn in seinen Gedanken herrschte wildes Durcheinander. Was war passiert? Wer hatte seinen Brief? Und würde er die Frau aus dem Fahrstuhl jemals wiederfinden?
So fiel ihm erst am nächsten Morgen auf – als er das NSF-Gebäude auf dem üblichen Weg betrat und schuldbewusst nach oben schaute –, dass sich das gesamte Mobile um neunzig Grad gedreht hatte. Aber niemand schien es zu bemerken.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
