7 | Gleiches mit Gleichem

von Kim Stanley Robinson




»Geld ist die Muttermilch der Politik.« Das hat Jesse Unruh vor langer Zeit einmal gesagt, aber ebenso gut könnte der Spruch von einer Keilschrifttafel aus Ur stam­men. Geld bedeu­tet Macht, Politik ist ein Kampf um Macht, und Politiker brau­chen Geld, wenn sie im Amt blei­ben wollen. Das alles gerinnt zu festen Strukturen. Einflussnahme ist die saure Milch der Politik.

Wahlkampfspenden fallen unter das im ersten Verfassungszusatz garan­tierte Recht auf freie Meinungsäußerung, sind also legal. Das hat auch der Oberste Gerichtshof unter John Roberts noch einmal bestä­tigt. Was bedeu­tet, dass reiche Leute beson­ders laute Stimmen haben. Das fiel auch Phil Chase auf, wann immer er Termine zum Spendenwerben wahr­nahm. Was im Durchschnitt zwei­mal täg­lich geschah. An man­chen Tagen ließen seine Mitarbeiter ihn eine Veranstaltung schwän­zen oder fanden ein­fach nichts Geeignetes; an ande­ren musste er dafür gleich an einem halben Dutzend teil­neh­men, zeit­lich genau geplant und mit der Präzision einer mili­tä­ri­schen Kommandoaktion durch­ge­führt. Dem Kapital Geld aus dem Herzen schnei­den. Phil nannte das seine Charme-Raubzüge, aller­dings nur im Kreis seiner eng­sten Vertrauten. Die dar­über lach­ten und sagten: Na los, mach schon.

Phils Privatvermögen war sehr viel klei­ner als das der mei­sten Senatoren. Seinen ersten Wahlkampf hatte er bekann­ter­ma­ßen damit finan­ziert, dass er seine Unterstützer bat, ihm das Kleingeld zu schicken, das bei ihnen zu Hause in Schubladen oder auf Kommoden her­um­lag. »Sie freuen sich doch, wenn Sie es los sind«, hatte er gesagt. »Aber bitte über­neh­men Sie auch die Versandkosten, sonst gebe ich mehr für Porto aus, als ich von Ihnen bekomme.« Was stimmte, aber zum Glück zahl­ten die mei­sten tat­säch­lich auch für den Versand. Es kamen Tonnen von Kleingeld herein. Phil Chase in einem brust­ho­hen Berg von Münzen wurde ein belieb­tes Fotomotiv.

Inzwischen war alles anders. Frühstückstermine, Mittagessen, Cocktailpartys, Kennenlernpartys, Seminare, Konferenzen, Abendgesellschaften – und immer nahmen alle Beteiligten ihre Veranstaltung wich­tig. Also zog sich Phil ent­spre­chend an und absol­vierte seinen Auftritt, war dabei, war prä­sent. Zum Glück hatte er Spaß daran. Darum machte er seine Sache auch so gut: weil er seine Rolle gern spielte, gern mit Menschen sprach. Er glaubte, bei pas­sen­der Gelegenheit jeden von seinem Standpunkt über­zeu­gen zu können. Die mei­sten Menschen lernen aus Erfahrung, dass das nicht stimmt. Aber Phil war eben ein sturer Kopf.

Lehrerverband, Handelskammer, Umweltinitiative, libe­rale Denkfabrik, ein Grüppchen Schwergewichte (er war mit meh­re­ren Großspendern befreun­det) – alles an einem Tag. Mittwochs zum Beispiel. »Wir werden Ihre Spende gut ver­wen­den«, sagte er dann etwa und sah seinem Gegenüber in die Augen. »Sie wissen, wofür ich stehe, und ich werde meine Grundsätze nie ver­ra­ten, das ver­spre­che ich Ihnen.« Er glaubte fest, dass es sich aus­zahlte, wenn er selbst um Spenden bat. Die Leute in seinem Stab, deren Aufgabe es eigent­lich war, Kontakte zu Geldgebern auf­zu­bauen, waren in dieser Hinsicht nicht ganz seiner Meinung, aber schließ­lich war er der Chef. Und es kam durch­aus Geld herein. Zwei Veranstaltungen pro Tag, das sind 700 in einem Jahr, 4200 in der Amtszeit eines Senators. Geld steht für freie Rede, jeder Mensch redet gern, und laute Menschen haben beson­ders viel zu sagen. Die Zahl ihrer Ansichten wächst mit ihrem Reichtum. Phil gab ihnen mit Freude Gelegenheit, sich durch ihn zu Wort zu melden.

Nur wenn er sich spät abends durch die große dunkle Hauptstadt nach Hause fahren ließ, lehnte er sich manch­mal müde zurück und sagte leise: »Eine Reform der Wahlkampffinanzierung. Schauen Sie sich das Thema noch mal an, ja, Roy?«

»Na klar, Chef.«

»Was steht morgen an?«

»Frühstück mit der Finance Reform Investment Group.«

»Wirklich? Frühstück?«

»Phil, die ver­spei­sen Sie doch mit einem Bissen.«

»Stimmt schon. Aber danach habe ich einen fiesen Geschmack im Mund. Eine Reform der Wahlkampffinanzierung, Roy. Schreiben Sie mir einen Gesetzentwurf. Legen Sie mir die Akte raus.«

»Na klar, Chef.«

»Und wen gibt’s zum Mittagessen?«

»Das wollen Sie doch gar nicht wissen.«

* * * * *

Anna segelte durch einen wei­te­ren Arbeitstag. Aufstehen, aus dem Haus gehen, mit der Metro zur NSF; auf der Tastatur her­um­häm­mern. Bei der Arbeit an einer Statistik ver­gin­gen die Stunden wie Minuten. In der Mittagspause abpum­pen und anschlie­ßend am Schreibtisch etwas essen (gleich beim Abpumpen zu essen fühlte sich ein­fach zu merk­wür­dig an), wäh­rend sie weiter mit Daten jon­glierte. Dann eine E‑Mail von Drepung und Sucandra, in der es um ihre Förderanträge ging.

Anna hatte ihnen gleich bei meh­re­ren Anträgen gehol­fen. Das war nicht weiter anstren­gend gewe­sen, denn die eigent­li­che Arbeit hatten die Khembalis über­nom­men. Sie hatte nur das Expertenwissen bei­gesteu­ert, das sie sich erwor­ben hatte, wäh­rend sie rund zehn­tau­send Anträge prüfte. Sie wusste ganz genau, wie man Informationen am besten anord­nete, was man dabei beto­nen musste, welche Formulierungen man ver­wen­den sollte, wie man argu­men­tierte, welche Unterlagen man bei­fügte. Bei jedem Wort, jedem Satzzeichen konnte sie sagen, ob es für den Antrag das Richtige war. Es hatte Spaß gemacht, dieses Können für die Anliegen der Khembalis ein­zu­set­zen.

Nun gab es erneut Grund zur Freude: Zu drei Anträgen hatten sie bereits eine Rückmeldung erhal­ten, davon zwei posi­tiv. Die NSF hatte ihnen eine Anschubfinanzierung für die Teilnahme an »Tropical Oceans, Global Atmosphere« bewil­ligt, und die INDOEX-Länder hatten dem Bau einer neuen Beobachtungsstation auf Khembalung zuge­stimmt. Das bedeu­tete einen mehr­jäh­ri­gen Zustrom von Geldern in der Höhe von ins­ge­samt über zehn Millionen Dollar. Dazu neue Infrastruktur und bes­sere Beziehungen zu den Nachbarstaaten.

»Sehr gut«, sagte Anna. Sie lei­tete die Nachricht an Charlie weiter, gra­tu­lierte Drepung und wandte sich erneut ihrer Tabelle zu.

Nach einer Weile fiel ihr ein, dass sie vorhin meh­rere Seiten aus­ge­druckt hatte, und ging zur Abteilung für uner­freu­li­che Statistiken hin­über. Dort traf sie Frank. Er schüt­telte gerade den Kopf über den neue­sten Aushang.

»Hast du das schon gese­hen?« Er deu­tete mit der Nase auf das Blatt Papier.

»Ich glaube nicht.«

»Das sind die aktu­el­len Gini-Zahlen. Sagt dir das was?«

»Nein.«

»Damit wird die Einkommensverteilung inner­halb der Bevölkerung eines Landes gemes­sen, es zeigt den Abstand zwi­schen Arm und Reich. In den mei­sten demo­kra­ti­schen Industrieländern liegt der Wert zwi­schen 25 und 35. Bei uns lag er in den 1950ern auch noch in dem Bereich – da siehst du es –, aber seit den 1980ern ist der Wert stän­dig gestie­gen, und inzwi­schen ist es bei uns schlim­mer als in den schlimm­sten Dritte-Welt-Ländern. Alles über 40 gilt als sehr ungleich, und wir sind bei 52, Tendenz stei­gend.«

Anna warf einen kurzen Blick auf die Graphik; die sta­ti­sti­sche Methode inter­es­sierte sie. In einer Lorenzkurve war dar­ge­stellt, wie weit die reale Einkommensverteilung vom Ideal der völ­li­gen Gleichverteilung – einer gera­den Linie im Winkel von 45 Grad – abwich.

»Interessant … Und das bezieht sich aufs Jahreseinkommen?«

»Genau.«

»Wenn man es statt­des­sen auf Kapitalbesitz anwen­den würde …«

»Sähe es noch schlim­mer aus.« Frank schüt­telte ange­wi­dert den Kopf. Seit seiner Rückkehr aus San Diego hatte er stän­dig schlechte Laune. Vermutlich konnte er es nicht erwar­ten, end­lich mit der Arbeit bei der NSF fertig zu werden und wieder nach Hause zu dürfen.

»Den Khembalis sind zwei Anträge bewil­ligt worden«, sagte Anna.

»Sehr gut! War das dein Werk?«

»Ich habe ihnen nur ein paar Hinweise gege­ben, an wen sie sich wenden könn­ten. Sie haben das her­vor­ra­gend umge­setzt. Und ich habe Drepung beim Überarbeiten der Anträge gehol­fen. Du weißt ja, wie es ist. Nach ein paar Jahren in diesem Laden weiß man genau, wie man Anträge schreibt.«

»Wohl wahr. Gute Arbeit. Schön zu sehen, dass jemand mal etwas unter­nimmt.«

Anna kehrte in ihr Arbeitszimmer zurück und sah ihm nach, wäh­rend er seinen Verschlag betrat. In letz­ter Zeit wirkte er stän­dig gereizt. Unzufrieden, zynisch und scharf­zün­gig war er aller­dings schon immer gewe­sen; es fiel ihr schwer, ihn nicht mit den Khembalis zu ver­glei­chen. Nicht mehr lange, und er würde zu einem der besten Fachbereiche an einer der besten Universitäten in einer der ange­nehm­sten Städte im reich­sten Land der Erde zurück­keh­ren, und er war trotz­dem unglück­lich. Während die Khembalis, diese Gruppe von Exilanten meh­re­rer Generationen, auf einer Sandbank im Meer ein Leben an der Armutsgrenze führ­ten und dabei glück­lich waren.

Oder jeden­falls guter Dinge. Natürlich wollte sie ihre Probleme nicht klein­re­den, aber der trau­rige Blick, den sie bei ihrer ersten Begegnung an Drepung bemerkt hatte, war ihr seit­dem nicht mehr auf­ge­fal­len. Nein, sie waren guter Dinge. Das war nicht das Gleiche, wie glück­lich zu sein, es war eher eine Haltung als ein Gefühl. Wofür man sie aber erst recht bewun­dern sollte.

Nun ja, die Menschen waren eben ver­schie­den. Sie wandte sich erneut dem müh­se­li­gen Kampf mit den Daten zu. Dann rief Drepung an, und sie freu­ten sich noch einmal gemein­sam über die Bewilligung der Förderanträge. Nachdem sie einige Einzelheiten bespro­chen hatten, sagte Drepung: »Das ver­dan­ken wir dir, Anna. Also vielen Dank.«

»Gern gesche­hen, aber eigent­lich sollte der Dank nicht an mich gehen, son­dern an die NSF.«

»Aber du hast uns gezeigt, wo es lang­geht. Wir sind dir ganz dick etwas schul­dig.«

Anna musste lachen.

»Was ist?«

»Nichts, du redest nur plötz­lich wie Charlie. Als wür­dest du dir stän­dig Sportsendungen anschauen.«

»Ich sehe mir wirk­lich gern Basketball an.«

»Kein Problem. Fang nur nicht an, Rap zu hören, ja?«

»Du kennst mich doch. Ich mag eher Bollywood. Jedenfalls, du musst uns erlau­ben, dir zu danken. Wir würden euch gern zum Abendessen ein­la­den.«

»Das wäre nett.«

»Und viel­leicht möch­tet ihr auch dabei sein, wenn unsere Tiger ankom­men. Bei einer Überschwemmung sind vor Kurzem zwei Königstiger in der Nähe von Khembalung aus dem Wasser geret­tet worden. Die Zeitungen in Indien nennen sie ›die schwim­men­den Tiger‹. Demnächst werden sie vom National Zoo in Washington auf­ge­nom­men. Bei ihrer Ankunft wollen wir eine kleine Zeremonie abhal­ten.«

»Das klingt groß­ar­tig. Die Jungs werden begei­stert sein. Und außer­dem …« Ihr war etwas ein­ge­fal­len.

»Ja?«

»Vielleicht mögt ihr ja einmal die NSF besu­chen und bei einem unse­rer Mittagstreffen einen Vortrag halten. Damit tätet ihr uns einen Gefallen. Auf die Art könn­ten wir mehr über die Lage in Khembalung erfah­ren. Und über eure Einstellung zur Wissenschaft und zum Leben ins­ge­samt und so. Etwas in der Art jeden­falls. Glaubst du, wir könn­ten Rudra dafür gewin­nen?«

»Ganz sicher. Es wäre schließ­lich eine groß­ar­tige Gelegenheit.«

»Nun ja, das auch wieder nicht. Es ist Teil einer Serie von form­lo­sen Vorträgen, die Aleesha orga­ni­siert. Aber ich stelle es mir inter­es­sant vor. Ich glaube, ein biss­chen was von eurer Grundhaltung würde uns auch ganz guttun. Und ihr könn­tet uns von den Förderprogrammen berich­ten.«

»Ich bespre­che es mit dem Rimpoche.«

»Gut! Ich sage Aleesha, sie soll sich bei euch melden.«

Danach arbei­tete Anna weiter an ihrer Statistik. Bis sie sah, wie viel Uhr es war, und ihr ein­fiel, dass heute einer ihrer regel­mä­ßi­gen Besuche in Nicks Mathekurs an der Schule anstand. »Ach, Scheiße.« Arbeitsunterlagen ein­packen, Computer aus­schal­ten, die Schultertasche mit den gekühl­ten Milchfläschchen grei­fen, und los. Runter in die Metro, im Sitzen noch etwas arbei­ten, im vollen Zug der Roten Linie Richtung Shady Grove dann stehen; aus­stei­gen, nach oben fahren und ein Taxi nehmen, damit sie es noch recht­zei­tig schaffte.

Sie kam trotz­dem ein wenig zu spät, stellte rasch ihre Sachen ab und wid­mete sich augen­blick­lich den Kindern. Nick war jetzt in der drit­ten Klasse, nahm in Mathematik aber an einem Kurs für Fortgeschrittene teil. Die Themen, die dort behan­delt wurden, fand Anna für Kinder dieses Alters erstaun­lich anspruchs­voll. Sie arbei­tete gern mit ihnen. Dem Kurs gehör­ten acht­und­zwan­zig Schüler an; die Lehrerin Mrs. Wilkins war dank­bar für Annas Beistand.

Anna schlen­derte von Gruppe zu Gruppe und half bei den mehr­tei­li­gen Rechenaufgaben aus Multiplikation, Division und Rundung. Als sie zu Nicks Gruppe kam, setzte sie sich neben ihm auf einen der klei­nen Stühle, und einen Moment lang kämpf­ten sie im Scherz um Ellbogenraum auf dem nied­ri­gen runden Tisch.

»Also gut, Schluss jetzt, Nick. Zeig den ande­ren mal, wie du die näch­ste Aufgabe lösen willst.«

»Okay.« Er run­zelte die Stirn auf eine Art, die ihren eige­nen Gesichtsmuskeln sehr ver­traut schien. »Neununddreißig geteilt durch zwei ergibt … neun­zehn­ein­halb … auf zwan­zig auf­run­den …«

»Nein, nicht mit­ten­drin runden.«

»Ach, komm schon, Mom.«

»Das macht man nicht.«

»Mom, du bist ein Pingelkopf!«

Ein alter Vorwurf, der alle in der Gruppe zum Kichern brachte.

»Das ist keine Pingelei«, wider­sprach Anna hart­näckig. »Der Unterschied ist wich­tig.«

»Was, der zwi­schen neun­zehn­ein­halb und zwan­zig?

»Ja.« Über das all­ge­meine Gegacker hinweg. »Weil man nie mitten im Rechnen runden sollte, sonst werden die Ungenauigkeit bei den näch­sten Schritten größer! Das ist eine ganz wich­tige Regel!«

»Pingelkopf, Pingelkopf!«

Anna gab nach und setzte ihren bösen Blick auf, das eine Auge zuge­knif­fen, das andere ganz schmal: ein Gesichtsausdruck, den sie ein­stu­diert hatte, als sie auf der Highschool die Lady Bracknell in The Importance of Being Ernest gespielt hatte. Es brachte die Kinder unwei­ger­lich zum Lachen. »Ich bin kein Pingelkopf«, knurrte sie. Schließlich kam Mrs. Wilkins her­über, lachte erst mit und mahnte sie dann zur Ruhe.


Nach der Schule gingen Anna und Nick zu Fuß nach Hause. Der halb­stün­dige Heimweg gehörte zu den Alltagsritualen, die sie beide lieb­ten – es war die ein­zige Zeit in der Woche, die sie zu zweit ver­brach­ten. Am Schwimmbad vorbei, am Lebensmittelladen, ihre ruhige Nebenstraße ent­lang. Natürlich war es sehr warm, aber im Schatten ließ es sich aus­hal­ten. Sie plau­der­ten über alles, was ihnen in den Sinn kam.

Schließlich betra­ten sie das Haus und damit die küh­lere, aber auch wil­dere Welt von Joe und Charlie. Charlie war in der Küche und sang aus Leibeskräften, wäh­rend er kochte, eine schräge Arie ohne Worte. Joe war im Wohnzimmer und ermor­dete Dinosaurier. Als sie her­ein­ka­men, erstarrte er und dachte sicht­lich dar­über nach, wie er seinen Ärger über die lange Abwesenheit der treu­lo­sen Anna zum Ausdruck brin­gen sollte. Früher einmal war das ein echtes Gefühl gewe­sen; manch­mal war er in Tränen aus­ge­bro­chen, sobald sie zur Tür her­ein­kam. Jetzt war es bloße Berechnung und beein­druckte Anna nicht im Geringsten.

Er schlug sich mit einem Compsognathus gegen die Stirn und ließ sich bäuch­lings auf den Teppich fallen.

»Ach, komm schon, Joe«, sagte Anna, »stell dich nicht so an.« Sie knöpfte die Bluse auf. »Sonst kriegst du nichts zu trin­ken.«

Joe sprang augen­blick­lich auf, rannte zu ihr und umarmte sie.

»Na bitte«, sagte Anna. »Erpressung wirkt doch immer. Hi, Liebster!«, rief sie Charlie zu.

»Hi, Süße.« Charlie kam aus der Küche und gab ihr einen Kuss. Einen Moment lang hingen all ihre Jungs zugleich an ihr. Dann saugte Joe sich an ihrer Brust fest, und Charlie und Nick ver­schwan­den in die Küche. Ab und zu rief Charlie ihr etwas zu, aber sie konnte nicht zurück­ru­fen, ohne Joe zu ver­är­gern, der sie dann ver­mut­lich gebis­sen hätte. Also war­tete sie, bis er satt war, und ging dann eben­falls in die Küche.

»Wie war’s bei der Arbeit?«, fragte Charlie.

»Ich habe den ganzen Tag damit ver­bracht, einen Fehler in einer Statistik zu behe­ben.«

»Das ist doch nett.«

Sie warf ihm einen fin­ste­ren Blick zu. »Ich hatte das gar nicht vor, aber ich konnte es ein­fach nicht igno­rie­ren.«

»Das glaube ich gern.«

Er sagte es völlig ernst, aber sie boxte ihm trotz­dem gegen den Arm. »Schlaumeier. Ist Bier im Kühlschrank?«

»Ich glaube, ja.«

Sie machte sich auf die Suche. »Es gab ein paar gute Neuigkeiten, hast du gese­hen? Ich habe die Mail an dich wei­ter­ge­lei­tet. Zwei Förderanträge der Khembalis sind bewil­ligt worden.«

»Wirklich? Das ist ja toll!« Er schnup­perte an dem gelben Curry, das in der Pfanne köchelte.

»Ein neues Rezept?«

»Ja, aus der Zeitung.«

»Du bist aber vor­sich­tig, oder?«

Er grin­ste. »Ja, kein schwar­zer Rotbarsch.«

»Schwarzer Rotbarsch?«, wie­der­holte Nick erschrocken.

»Keine Sorge, den würde selbst ich dir nicht zumu­ten.«

»Er will ja nicht, dass du Feuer fängst.«

»Hey, es stand so im Rezept. Genau so!«

»Ja und? Je ein Esslöffel schwar­zer Pfeffer, weißer Pfeffer, Cayennepfeffer und Chilipulver?«

»Woher sollte ich wissen, wie das schmeckt?«

»Das fragst du noch? Du weißt doch wohl, wie ein Esslöffel schwar­zer Pfeffer schmeckt, und das war ja noch die mil­de­ste Zutat.«

»Ich wusste aber nicht, dass das alles am Fisch kleben würde.«

Nick war ent­setzt. »Das hätte ich nie geges­sen.«

»Ganz bestimmt nicht.« Anna lachte. »Ein Tropfen auf deiner Zunge, und du wärst in Flammen auf­ge­gan­gen.«

»Das war aus einem Kochbuch.«

»Selbst am näch­sten Tag haben mir noch die Augen gebrannt, wenn ich nur die Küche betre­ten habe.«

Charlie lachte und hielt Nick den Kochlöffel vor die Nase, nur um ihn zu erschrecken. In Wirklichkeit würzte er inzwi­schen recht spar­sam. Das Curry würde bestimmt allen schmecken. Anna über­ließ ihn seinen Töpfen und kehrte zu Joe zurück.

Sie setzte sich ent­spannt aufs Sofa. Joe fing sofort an, ihr mit Bauklötzen auf die Knie zu klop­fen und ener­gisch zu plap­pern. Gleichzeitig redete Nick auf sie ein und erzählte ihr alles Mögliche. Sie musste ihm fast grob ins Wort fallen, um ihm von den »schwim­men­den Tigern« zu berich­ten. Er nickte nur und redete weiter. Anna seufzte zufrie­den und trank einen Schluck Bier. Wieder war ein Tag wie im Traum ver­flo­gen.

* * * * *

Eine neue Hitzewelle, die bisher schlimm­ste. Die Leute hatten auch vorher schon gedacht, es sei heiß, aber jetzt im Juli stieg die Temperatur in der Hauptstadt auf 40,5 Grad, bei einer Luftfeuchtigkeit von neun­zig Prozent. Die Inder in Washington rede­ten voll Heimweh von Uttar Pradesh kurz vor dem Monsun. »Ja, genau so ist es in Delhi, oder viel­mehr, so müsste es in Delhi sein, das wäre gut, viel besser, als was sie jetzt haben, sie warten ver­zwei­felt auf den Monsun.«

In einem Artikel in der Washington Post las Charlie, dass aus der Schelfeisplatte im Rossmeer ein Stück her­aus­ge­bro­chen war. Es war halb so groß wie Frankreich. Die Meldung ver­steckte sich auf der letz­ten Seite der inter­na­tio­na­len Nachrichten. Sie hatte ein­fach keinen Neuigkeitswert mehr: In der Antarktis lösten sich stän­dig irgend­wel­che Eisbrocken.

Nur war der Eisberg dies­mal rie­sen­groß. Ein paar Forscher hatten im Scherz behaup­tet, sie woll­ten sich auf ihm nie­der­las­sen und einen unab­hän­gi­gen Staat aus­ru­fen. In dem Eis war mehr Süßwasser gespei­chert als in allen Großen Seen Nordamerikas zusam­men. Und außer­dem, erklär­ten die Forscher, konnte sich in dem betrof­fe­nen Bereich nun das schnell flie­ßende Eis des Westantarktischen Eisschilds unge­hin­dert vor­wärts­be­we­gen. Dieser schnel­lere Zustrom von Eis würde gewal­tige Auswirkungen haben. Der Westantarktische Eisschild war um vieles größer als die Schelfeisplatte im Rossmeer. Wenn dieses Eis eben­falls abbrach, würde der Meeresspiegel mög­li­cher­weise in kurzer Zeit um meh­rere Meter stei­gen.

Charlie konnte kaum glau­ben, dass so etwas auf einer der letz­ten Seiten der Washington Post berich­tet wurde. Wie schnell würde das alles pas­sie­ren? Das schie­nen die Forscher auch nicht zu wissen. Charlie suchte im Netz nach wei­te­ren Informationen und stieß auf ein Video, in dem drei Wissenschaftler erklär­ten, dass sich der Vorgang beschleu­ni­gen könnte – wobei sie selbst auch immer schnel­ler spra­chen, wie um zu illu­strie­ren, was sie mein­ten. Offenbar konnte es sehr schnell gehen.

In den Stimmen der Forscher schwang etwas von der unter­drück­ten Erregung mit, die Charlie auch von Anna kannte, wenn sie über irgend­ein außer­ge­wöhn­li­ches sta­ti­sti­sches Phänomen sprach, das er nicht einmal in Ansätzen begriff. Aber was diese Forscher sagen woll­ten, begriff er. Es bestand die reale Möglichkeit, dass der gesamte Westantarktische Eisschild in Stücke bre­chen und davon­schwim­men würde. Jeder ein­zelne dieser gewal­ti­gen Eisberge würde dabei Wasser ver­drän­gen – so viel, dass der Meeresspiegel welt­weit um bis zu sieben Meter anstei­gen konnte. Die genaue Höhe hing von meh­re­ren Variablen in ihren Modellrechnungen ab … immer weiter ging es, wie Wissenschaftler eben rede­ten.

Und das stand in der Zeitung auf der letz­ten Seite der inter­na­tio­na­len Nachrichten! Sie schrie­ben dar­über wie über jede andere Katastrophe. Für sie schien es bei sol­chen Bedrohungen kei­ner­lei Abstufungen zu geben. Wenn es pas­sierte, pas­sierte es eben. So gingen die Leute damit um. Wobei sich die Khembalis sicher­lich die aller­größ­ten Sorgen mach­ten. Und auch die ande­ren Länder, die der Liga ver­sin­ken­der Staaten ange­hör­ten. Eigentlich soll­ten sich alle Länder Sorgen machen. Ganz plötz­lich hatte er ein klares Bild vor Augen, und was er sah, erschreckte ihn. Zwanzig Prozent der Menschheit lebte an den Küsten der Meere. Es fühlte sich an wie damals, als er im Winter eine Kurve zu schnell genom­men hatte, weil er das Eis auf der Fahrbahn nicht bemerkt hatte. Von Reibung und Schwerkraft befreit hatte sich der Wagen vom Boden gelöst und war mit ihm davon­ge­flo­gen, als würde er in eine andere Realität hin­über­glei­ten …

Aber es wurde Zeit, in die Stadt zu fahren. Heute wollte er mit Joe ins Büro. Charlie riss sich zusam­men und holte den Buggy hervor; so würden sie sich wenig­stens nicht noch gegen­sei­tig auf­wär­men. Und das Leben musste schließ­lich wei­ter­ge­hen. Was sollte er auch sonst tun?

Also wagten sie sich ins Dampfbad hinaus. So viel heißer als in ande­ren Sommern kam es Charlie gar nicht vor; viel­leicht nahm man Temperaturen ober­halb einer bestimm­ten Grenze nur noch unge­nau wahr. Joe war im Buggy fest­ge­schnallt wie ein NASCAR-Fahrer, damit er nicht im ungün­stig­sten Moment her­aus­hüpfte. Ihm gefiel das natür­lich über­haupt nicht, wes­halb er den Buggy nicht leiden konnte, aber Charlie hatte die vor­dere Querstange mit Armaturen wie in einem Cockpit bestückt, was ihn halb­wegs ver­söhnte. Jedenfalls hörte er bald auf zu brül­len und ver­suchte auch nicht mehr zu ent­kom­men.

Sie fuhren mit der Metro zur National Mall und gingen von dort zu Fuß zu Phils Büro. Eine aus­ge­machte Dummheit: Die Luft über der Mall schien zu kochen. Wie üblich kom­men­tierte Charlie das extreme Wetter im Stillen mit grim­mi­ger Genugtuung: »Hab ich’s nicht gesagt?«

In Phils Büro fuhren sie zunächst von Zimmer zu Zimmer und such­ten nach einer Stelle, wo sie mög­lichst viel von der kühlen Luft abbe­ka­men, die aus den Deckengittern der Klimaanlage strömte. Alle ande­ren taten das Gleiche. Es war ein wenig wie in einem Technikmuseum im Experimentierfeld zur Corioliskraft.

Charlie gab Joe bei Evelyn ab, die ihn sehr liebte, und setzte sich an Phils Änderungswünsche zum Klimagesetz. Eigentlich genau der rich­tige Zeitpunkt für das neue Gesetz. Mehr Geld für Maßnahmen zur CO2-Reduktion. Neue Richtlinien zur Brennstoffeffizienz und genug Geld, um Detroit bei der Umstellung auf Wasserstoffantrieb, andere neue Brennstoffe und alter­na­tive Energiequellen zu unter­stüt­zen. Methoden zur CO2-Speicherung, Identifikation und Bereitstellung von CO2-Senken. Fördermittel und Austauschprämien für Techniken zur Wasserstoffgewinnung aus Kohlenwasserstoffen und Kohlenhydraten, für Geothermie, Gezeitenkraftwerke, Wellenkraftwerke. Geld für kli­ma­to­lo­gi­sche Grundlagenforschung. Geld für EGRESS – Extreme Global Research in Emergency Salvation Strategies, ein welt­wei­tes Projekt zur Entwicklung von Rettungsmaßnahmen in extre­men Notlagen – und Geld für GDIN – Global Disaster Information Network, ein glo­ba­les Meldenetzwerk für Katastrophen. Eine stetig stei­gende CO2-Steuer. Und so weiter und so fort. Es war eine Grabbelkiste unter­schied­lich­ster Förderprogramme, von denen man eini­gen deut­lich ansah, dass sie dem Gesetz zusätz­li­che Stimmen ein­brin­gen soll­ten, aber Charlie hatte viel Mühe darauf ver­wen­det, das Ganze zu struk­tu­rie­ren und ihm eine mög­lichst über­zeu­gende Form zu geben: die eines Narrativs, das die nahe Zukunft beschrieb.

In Phils Büro waren viele der Meinung, dass es ein Fehler war, einen so umfas­sen­den Gesetzentwurf durch­brin­gen zu wollen, statt die Vorhaben ein­zeln oder in klei­nen zusam­men­ge­hö­ri­gen Gruppen bewil­li­gen zu lassen. Aber Phil hatte sich für die Strategie des Gesamtpakets ent­schie­den, und Charlie fand, dass er recht hatte. Er fügte die Änderungen ein, die Phil sich wünschte; alle beton­ten das Bild eines ein­heit­li­chen Ganzen. Sie muss­ten end­lich rich­tig zuschla­gen.

Irgendwann hörte er, wie Joe in Evelyns Zimmer zu toben begann: Der Knall, mit dem Dinosaurier gegen Wände prall­ten, war unver­kenn­bar. Nun, all diese Sätze würden später ohne­hin wieder zer­hackt werden. Trotzdem wollte er sie so gut wie mög­lich gegen Angriffe absi­chern. Gesetzestexte funk­tio­nier­ten wie Korbleger beim Basketball: schnelle, unspek­ta­ku­läre, unauf­halt­same Bewegungen in Richtung Ziel.

Er been­dete sein Werk so rasch wie mög­lich. Mit dem über­ar­bei­te­ten Entwurf in der Hand schob er Joe im Buggy in Phils Arbeitszimmer. Der Senator saß mit dem Rücken direkt vor einem Auslass der Klimaanlage.

»Himmel, Phil, wird Ihnen da nicht zu kalt?«

»Man muss nur darauf achten, dass man noch nicht ver­schwitzt ist, wenn man sich davor­setzt.« Er sah Charlies Neufassung durch und dis­ku­tierte mit ihm über meh­rere Änderungen. Mittendrin blickte er auf. »Stimmt etwas nicht?« Er sah Joe an. »Joe geht es doch bestens.«

»Ich ärgere mich auch nicht über Joe, son­dern über Sie. Über den gesam­ten Senat. Weil in dieser Situation etwas nötig wäre, das über das Übliche hin­aus­geht. Und das macht mir Sorgen, denn im Senat läuft immer nur das Übliche.«

»Nun ja …« Phil lächelte. »Wir nennen das Demokratie, mein Junge. Letzten Endes ist es etwas Gutes. Ein biss­chen Geben und Nehmen, und schließ­lich eini­gen wir uns, wie es wei­ter­ge­hen soll. Sollen wir darauf etwa ver­zich­ten? Wenn Sie eine bes­sere Möglichkeit wissen, können Sie es mir gerne sagen. Aber bitte keine ›Wenn ich ein König wär‹-Phantasien. Wir haben keinen König, wir sind selbst zustän­dig. Also lassen Sie uns die Endversion so was­ser­dicht wie mög­lich gestal­ten.«

»Okay.«

Sie erle­dig­ten ihre Aufgabe mit der Schnelligkeit und Effizienz alter Teamgefährten. Manchmal machte die Zusammenarbeit wirk­lich Spaß; manch­mal war es eher so, dass jeder seine Hälfte bear­bei­tete und beide Hälften zusam­men dann etwas erga­ben, das größer war als beide Teile.

Schließlich wurde Joe unru­hig, und die ein­zige Methode, ihn im Buggy zu halten, war ein schnel­ler Aufbruch und ein Spaziergang durch die Straßen. »Ich mache das noch fertig«, sagte Phil.

Und wieder hinaus in die über­wäl­ti­gende Hitze. Charlie war deut­lich schnel­ler geschafft als Joe. Die Welt ringsum schien zu schmel­zen. Schlaff auf den Buggy gestützt schlurfte er dahin wie Gumby. Mit der Rolltreppe hin­un­ter zur Metro. Klimaanlage, Gott sein Dank. Auf einen rosa­far­be­nen Sitz fallen lassen. Während der Fahrt nach Norden, in sich zusam­men­ge­sun­ken und mit dem Zug schwan­kend, unter­hielt er Joe schläf­rig damit, dass er Spielzeugfiguren aus dem Buggy fischte und sie Joe eine nach der ande­ren zeigte. »Die Schildkröte hier, das ist unsere Gesundheitsbehörde. Dein Frankenstein ist die FDA, für Essen und Arzneien und Drogen zustän­dig – sehr schlecht kon­stru­iert, siehst du? Der kleine Maulwurf da ist Moms NSF. Die zwei hier sehen aus wie der Typ auf dem Monopoly-Karton, das müssen die beiden Kongresskammern sein, ja, genau, typisch kor­rupte Politiker. Wie bist du nur an die gekom­men. Dein Gigant aus dem All ist natür­lich das Pentagon, und die gelbe Planierraupe ist das Ingenieurskorps der Armee. Die Lupe ist der Rechnungshof, und das, was ist das denn, Barbie? Das kann nur das Amt für Haushaltswesen sein, dieser Club von dummen Tussen. Oder die sind Pinocchio. Und der Cowboy auf dem Pferd ist natür­lich der Präsident, er ist dein Freund, er ist dein Freund.«

Inzwischen stan­den sie beide kurz davor ein­zu­schla­fen. Joe schub­ste die Spielzeugfiguren zu einem Haufen zusam­men.

»Sei lieber vor­sich­tig, Joe. Oh, da ist ja dein Tiger. Das ist natür­lich die Presse, es ist näm­lich ein Zirkustiger, siehst du? Er hat ein Halsband. Vor dem muss nie­mand Angst haben. Obwohl, manch­mal darf er schon jeman­den fres­sen.«


Phil brachte das Klimagesetz erneut ins Komitee für Auswärtige Beziehungen ein, und das eigent­li­che Durcharbeiten begann. Wobei »Durcharbeiten« es völlig unzu­rei­chend beschrieb. »Tranchieren«, »Umschreiben«, »Zerlegen«, »Zerstückeln«, »Zertrampeln« – all das hätte es in Charlies Augen besser getrof­fen. Er durfte mit­ver­fol­gen, wie der Text des Gesetzes nach und nach aus­ein­an­der­ge­nom­men wurde, bis nur noch eine Art gedank­li­che Wurst übrig blieb.

Ganze Teile des Gesetzes gingen bei diesem Kampf ver­lo­ren. Winston stritt um jede ein­zelne Formulierung; ohne gewisse Zugeständnisse an ihn hätte sich über­haupt nichts mehr bewegt. Also keine Steigerung der Brennstoffeffizienz, keine Einführung von Vergleichsmaßstäben wie dem öko­lo­gi­schen Fußabdruck. Phil gab in diesen Punkten nach, weil Winston im Gegenzug ver­sprach, er könne die Republikaner im Repräsentantenhaus dazu bewe­gen, der neuen Version zuzu­stim­men, und das Weiße Haus werde ihn eben­falls unter­stüt­zen. Ein ganzer Satz von Messverfahren wurde somit für unzu­läs­sig erklärt; Anna würde ver­rückt werden. Noch so ein Fall, in dem Wissenschaft und Kapital auf­ein­an­der­pral­len, dachte Charlie. Der Wissenschaft erging es dabei wie dem glück­lo­sen Beaker aus der Muppet-Show, wenn er es mit dem rund­köp­fi­gen Zylinderträger vom Monopoly-Karton zu tun bekäme. Er bezog stän­dig Prügel.


Zwei Tage später las Charlie das Ergebnis in der Washington Post:

KOMITEE SPALTET KLIMA-SUPERGESETZ AUF

»Wie bitte?« Diese Möglichkeit war nie auch nur erwähnt worden. Sofort befahl er seinem Telefon, Roy anzu­ru­fen, wäh­rend er zugleich den Artikel über­flog:

Befürworter des Gesetzes erklär­ten, der Entwurf bleibe trotz der Kompromisse ein wirk­sa­mes Instrument … Der Präsident hatte durch­blicken lassen, dass er gegen das Gesamtpaket sein Veto ein­le­gen würde … Teilgesetze werde er nach Einzelfallprüfung unter­zeich­nen …

»O Scheiße. Scheiße. Verdammt!«

»Das kannst nur du sein, Charlie.«

»Roy, was ist das denn für ein Mist, wann ist das pas­siert?«

»Gestern Abend. Hat es dir noch nie­mand gesagt?«

»Nein! Wie konnte Phil sich nur darauf ein­las­sen!«

»Wir haben die Stimmen gezählt. Das Gesamtpaket hätte es nicht mal durchs Komitee geschafft. Und wenn doch, wäre es im Repräsentantenhaus geschei­tert. Winston hat seine Zusage nicht ein­hal­ten können. Oder nicht ein­hal­ten wollen. Daraufhin hat Phil beschlos­sen, Ellingtons Gesetz zu alter­na­ti­ven Brennstoffen zu unter­stüt­zen und noch ein paar andere Ideen von Ellington im ersten Schwung der Teilgesetze unter­zu­brin­gen.«

»Weil Ellington auf der Grundlage zustim­men wird.«

»Genau.«

»Ein Kuhhandel.«

»Das Gesamtpaket wäre durch­ge­fal­len.«

»Das könnt ihr doch gar nicht wissen! Sie hatten doch auch Speck auf ihrer Seite, sie hätten es zur Parteilinie erklä­ren können! Wen inter­es­siert es schon, was für eine Art Treibstoff wir ver­bren­nen, wenn es auf der Welt sowieso längst zu heiß ist? Das wäre wich­tig gewe­sen, Roy!«

»Es hätte nicht genug Stimmen bekom­men«, erwi­derte Roy, wobei er jedes Wort ein­zeln betonte. »Wir haben nach­ge­zählt. Eine hätte gefehlt. Nachdem das einmal klar war, haben wir ver­sucht, trotz­dem mög­lichst viel zu errei­chen. Du kennst doch Phil. Er ist ein Macher.«

»Solange es nicht zu schwie­rig wird.«

»Du bist anschei­nend immer noch sauer. Dann rede selbst mit ihm, viel­leicht erreichst du ja, dass er es beim näch­sten Mal anders macht. Ich muss zu einer Sitzung.«

»Okay, viel­leicht mache ich das wirk­lich.«

Und da er ohne­hin wieder mit Joe in die Stadt wollte, hatte er auch Gelegenheit dazu. Während er in der Metro saß und Joes Schläge abwehrte, dachte er noch einmal gründ­lich nach, und sobald er den Buggy im zwei­ten Stock des Bürogebäudes aus dem Fahrstuhl manö­vriert hatte, begab er sich gera­de­wegs zu Phil. Der saß heute, heiter und unge­rührt, an einem Schreibtisch im vor­de­ren Konferenzraum und hielt Hof.

Charlie ging mit der zusam­men­ge­roll­ten Zeitung auf ihn los, wor­auf­hin Phil thea­tra­lisch zusam­men­zuckte und abweh­rend eine Hand hob. »Okay! Machen Sie mich fertig! Gleich hier auf der Stelle! Aber man hat mich dazu gezwun­gen!«

Offenbar sollte wieder einmal ein Streitgespräch vor vollem Haus daraus werden. Also feu­erte Charlie eben­falls aus allen Rohren. »Wie bitte? Sie sind ein­ge­knickt, Phil! Sie haben alles her­ge­schenkt!«

Phil schüt­telte heftig den Kopf. »Ich habe mehr gewon­nen als ver­lo­ren. Die Reduktion der CO2-Emissionen war sowieso schon beschlos­sene Sache, mehr hätten wir auf dem Gebiet …«

»Was soll denn das heißen!«

Jetzt kamen auch Andrea und einige andere aus ihren Zimmern. Selbst Evelyn schaute kurz vorbei, wenn auch mehr, um Joe zu begrü­ßen. Es war eine ihrer Standardnummern: Charlie warf Phil vor, dass er zu viele Kompromisse ein­ging; Phil gab alles zu und ver­suchte zugleich, Charlie noch mehr zu reizen. Charlie, der das Muster natür­lich erkannte, war trotz­dem ent­schlos­sen, seine Argumente vor­zu­brin­gen. Selbst wenn er dazu seine übli­che Rolle spie­len musste. Phil würde er nicht über­zeu­gen können, aber viel­leicht würden ihn seine Mitarbeiter beim näch­sten Mal etwas stär­ker unter Druck setzen …

Er schlug mit der Washington Post nach Phil. »Wir hätten der Atmosphäre Milliarden Tonnen CO2 ent­zie­hen können, wenn Sie nicht die Flinte ins Korn gewor­fen hätten!«

Phil verzog das Gesicht. »Ich hätte die Flinte ja gern behal­ten, Charlie, aber dann hätten mir die ande­ren aus unse­rer wun­der­vol­len Partei damit ins Knie geschos­sen. Das Repräsentantenhaus hatten wir auch nicht an Bord. So haben wir wenig­stens das Bestmögliche erreicht. Wir haben es durchs Komitee geschafft, ver­dammt! Das ist keine Kleinigkeit. Wir haben den Baustopp für Straßen in Waldgebieten durch­be­kom­men, das Schutzgebiet in der Arktis und das Verbot der Offshore-Ölförderung. Alle drei. Der Präsident hat bereits ver­spro­chen, die Gesetze zu unter­zeich­nen.«

»Da hätten sie doch sowieso zuge­stimmt. Um das nicht durch­zu­be­kom­men, hätten Sie schon ster­ben müssen. Aber in den wirk­lich wich­ti­gen Punkten haben Sie nach­ge­ge­ben.«

»Habe ich nicht.«

»Doch.«

»Nein.«

»Doch!«

Ja, auf diesem Niveau wurde hier dis­ku­tiert, im Büro eines der bedeu­tend­sten Senatoren des Landes. Am Ende lief es zwi­schen ihnen immer auf das Gleiche hinaus.

Nur dass Charlie dieses Mal keinen Spaß daran hatte. »Wo haben Sie denn nicht nach­ge­ge­ben«, sagte er fru­striert.

»Bei den Wäldern, den Flüssen und dem Erdöl Nordamerikas!«

Das Grüppchen Zuhörer lachte. Für sie war das hier nur ein wei­te­rer Debattierclub. Phil leckte seinen Zeigefinger an und mar­kierte in der Luft einen Punkt für sich. Dann lächelte er Charlie an. Es war ein echtes Chase-Lächeln, frech und char­mant.

Charlie blieb unver­söhn­lich. »Lassen Sie sich lieber noch ein paar U‑Boote bewil­li­gen, sonst nützen Ihnen die Erfolge gar nichts.«

Auch das brachte die Zuhörer zum Lachen. Und Phil, immer noch lächelnd, mar­kierte für Charlie eben­falls einen Punkt.


Als Charlie mit Joe das Gebäude ver­ließ, fluchte er noch einmal bit­ter­lich. Joe reagierte auf seinen Tonfall, indem er sich ganz auf seine Umgebung und seine Dinosaurier kon­zen­trierte. Je länger Charlie schwit­zend den Buggy schob, desto mut­lo­ser fühlte er sich. Er wusste, dass er das Ganze zu ernst nahm, dass es ein­fach zu Phils Arbeitsstil gehörte, so zu tun, als wäre alles ein Spiel, bei dem es nicht schlimm war, wenn man einmal verlor. Aber er konnte nicht anders. Ihm war zumute, als hätte ihm jemand einen Tritt in die Magengrube ver­passt.

Das kam nicht oft vor. Rückschläge gehör­ten in der Politik nun einmal zum Alltag, und meist fand er einen Weg, sich dar­über hin­weg­zu­trö­sten. Das Gute im Schlechten, der Silberstreifen am Horizont, wir werden uns rächen – irgend­et­was half immer. Irgendein Tagtraum, in dem alles gut aus­ging. Aber wenn ihn doch einmal die Mutlosigkeit über­fiel, traf sie ihn mit unge­wohn­ter Kraft. Dann erfasste sie alles, und er fand nicht wieder heraus. Er sah vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr, konnte nir­gendwo noch etwas Gutes erken­nen, der Himmel war bis zum Horizont pech­schwarz. Alles war schlecht! Schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht, schlecht.

Er schob den Buggy in den Fahrstuhl zur Metro und fuhr mit Joe nach unten. Stieg mit ihm ein, fuhr nach Bethesda, stieg mit ihm aus, alles so teil­nahms­los wie ein Zombie. Schlecht, schlecht, schlecht. Der Sartre’sche Ekel, aus­ge­löst durch einen plötz­li­chen Blick auf die Wirklichkeit: Wie furcht­bar, dass das wahre Gesicht der Realität so schreck­lich anzu­se­hen war. Die heiße Luft im Fahrstuhl ließ sich kaum atmen. Alles war viel zu schwer.

Raus aus dem Fahrstuhl, auf die Wisconsin Avenue. Wie trist Bethesda doch war. Eine belie­bige Ansammlung von Bürogebäuden und Wohnhäusern, so aus­ge­rich­tet, dass der Verkehr unge­hin­dert hin­durch­don­nern konnte. Eine Autopie. Menschenfeindlich und lächer­lich. Man könnte meinen, man wäre in Orange County.

Er schleppte sich den Gehweg ent­lang nach Hause. Öffnete die Vordertür. Die Fliegengittertür fiel mit einem ver­trau­ten Klacken hinter ihm zu.

Aus der Küche: »Hallo, Schatz!«

»Hi, Dad!«

Es war der Wochentag, an dem Anna und Nick zusam­men von der Schule nach Hause kamen.

»Mama Mama Mama!«

»Hi, Joe!«

Zuflucht. »Hallo, Leute«, sagte Charlie. »Wir brau­chen ein Ruderboot. Wir stel­len es in die Garage.«

»Cool!«

Anna hörte ihm an, dass etwas nicht stimmte. Sie kam aus der Küche, einen Schneebesen in der Hand, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

»Hmm«, machte er. Es war fast ein Schnurren.

»Was ist los, Schatz?«

»Ach, ein­fach alles.«

»Du Ärmster.«

Charlie fühlte sich schon etwas besser. Er befreite Joe aus dem Buggy, und sie folg­ten Anna in die Küche. Während Anna Joe hoch­hob, ihn sich auf die Hüfte setzte und sich dann wieder dem Kochen zuwandte, ord­nete Charlie seine Gedanken. Er wollte ihr die Geschichte mit aller gebüh­ren­den Dramatik erzäh­len.

Nachdem er zu Ende berich­tet und noch etwas geschimpft und dabei ein Bier getrun­ken hatte, sagte Anna: »Ihr müss­tet einen Weg finden, den poli­ti­schen Entscheidungsprozess zu umge­hen.«

»Wow, Mädchen. Ich weiß gar nicht, ob ich hören will, was du damit meinst.«

»Ich weiß ja selbst nicht, was ich meine.«

»Eine Revolution, ja?«

»Ganz bestimmt nicht.«

»Eine voll­kom­men gewalt­lose, erfolg­rei­che, posi­tive Revolution?«

»Das klingt gut.«

Nick erschien in der offe­nen Tür. »Hey, Dad, hast du Lust auf Baseball?«

»Klar doch. Gute Idee.«

Dieser Vorschlag kam gewöhn­lich eher von Charlie als von Nick. Was bedeu­tete, dass Nick seinem Vater etwas Gutes tun wollte, und allein dadurch schon bes­serte sich seine Stimmung. Sie gingen in den schwül­war­men Garten hinter dem Haus und spiel­ten unter den blick­lo­sen Augen der Menschen in dem viel­fenst­ri­gen Wohnblock Baseball. Nick stand vor der Hauswand und schlug mit einem langen Plastikschläger nach den Wifflebällen, die Charlie ihm zuwarf. Charlie ver­suchte die Bälle wieder zu fangen. Sie hatten unge­fähr ein Dutzend davon. Wenn alle auf dem abschüs­si­gen Rasen ver­streut lagen, sam­mel­ten sie sie wieder ein und fingen von vorn an. Oder aber sie tausch­ten die Rollen. Wifflebälle waren super: Sie gaben ein sehr befrie­di­gen­des Surren von sich, wenn sie nach dem Zuschlagen davon­flo­gen, aber wenn man von einem getrof­fen wurde – was Charlie oft pas­sierte –, tat es nicht weh. Hin und her, schwit­zend und lachend, wäh­rend es all­mäh­lich dunkel wurde. Einen Wiffleball gera­de­aus zu werfen, war gar nicht so ein­fach.

Charlie zog sich das Hemd aus. »Okay, näch­ster Wurf. Sandy Koufax in der Windup-Position, Rainbow-Curveball! Hey, wieso schlägst du nicht?«

»Ball, Dad. Er ist vor mir auf­ge­prallt.«

»Okay, neuer Versuch. O Himmel.«

»Warum sagst du ›Himmel‹, Dad?«

»Lange Geschichte. Okay, der näch­ste. Wieso schlägst du nicht?«

»Ball!«

»Aber nur ganz knapp. Mit Walks allein kommst du nicht weit, Mann.«

»Das Klebeband da an der Hauswand mar­kiert die Strike-Zone, Dad. Wirf ein­fach so, dass du sie triffst, dann schlag ich auch.«

»Das war ein blöder Einfall. Okay, los geht’s. Oooh, sehr schön. Und der näch­ste. He, schlag doch end­lich mal!«

»Der war hinter meinem Rücken.«

»Beidhändig schla­gen sollte jeder können.«

»Wirf ein­fach Strikes!«

»Versuch ich ja. Okay, hier kommt einer, Bumm! Sehr gut. Homerun. Super. Oh oh, hast du gese­hen? Der ist im Baum hängen geblie­ben.«

»Wir haben auch so genug.«

»Stimmt, aber warte mal. Wenn ich auf den Ast da steige … Gib mir mal kurz deinen Schläger. Ich hole ihn schnell runter, bevor wir ver­ges­sen, wo er geblie­ben ist.«

Charlie klet­terte ein klei­nes Stück den Baum hinauf, fand sein Gleichgewicht, schob Laub zur Seite, schlang den freien Arm um den Stamm und stieß den Ball mit Nicks Schläger aus dem Baum.

»Da hast du ihn!«

»Hey, Dad, was ist denn das für eine Kletterpflanze da im Baum? Ist das nicht Giftsumach?«


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel