von Kim Stanley Robinson
Neues aus der Abteilung für unerfreuliche Statistiken gefällig?
Artenschwund in den Meeren schneller als an Land. Kollaps der Korallenriffe verursacht massenhaftes Artensterben; dreißig Prozent aller Warmwasserarten gelten als ausgestorben.
Fischbestände stark zurückgegangen, UN fordern Reduktion der Fangquoten, um Ausrottung kommerziell relevanter Arten zu verhindern.
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Ein Inder verzehrt im Durchschnitt 200 Kilogramm Getreide im Jahr, ein Amerikaner 800, ein Italiener 400. Bei Herzkreislauferkrankungen gilt die italienische Küche als die beste weltweit.
300 Tonnen waffenfähiges Uran und Plutonium unauffindbar. Hohe Mutationsraten bei Mikroorganismen in der Umgebung von Wiederaufbereitungsanlagen für Atommüll. Antibiotika in Tierfutter vermindern Wirksamkeit von Antibiotika beim Menschen. Umweltbelastung durch Östrogene mögliche Ursache für historisch niedrige Spermienkonzentration beim Menschen.
Ausstoß von Kohlendioxid in diesem Jahr bei zwei Milliarden Tonnen. Wieder eines der fünf heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. US-Notenbank hofft auf vier Prozent Wachstum im letzten Quartal.
* * * * *
Anna Quibler saß in ihrem Büro und pumpte Milch ab. Die Tür war geschlossen, die Vorhänge (extra für sie angebracht) zugezogen. Die Pumpe gab die gewohnte dreistufige Folge von Geräuschen von sich: leises Seufzen, Schnaufen, Klacken. Beim Schnaufen baute der große Saugnapf an ihrer geschwollenen linken Brust den Unterdruck auf, sodass weiße Milch aus der Spitze tröpfelte und durch einen klaren Plastikschlauch in den ebenfalls durchsichtigen Beutel im schützenden Plastikzylinder rann. Ein Beutel fasste dreihundert Milliliter.
Das Abpumpen erforderte längst keine Aufmerksamkeit mehr, Anna arbeitete nebenher am Computer. Sie musste nur darauf achten, dass der Beutel nicht zu voll wurde, und beizeiten die Brust wechseln. Mit den biologischen und technischen Details des Vorgangs hatte sie sich schon vor Längerem gründlich befasst; inzwischen war ihr das alles vertraut, es gab nichts Neues mehr zu erfahren. Also beschäftigte sie sich mit anderen Dingen. Anna zog es ständig zu neuen Fragestellungen, weshalb sie auch weiterhin gemeinsam mit Wissenschaftlern der Duke University Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichte und Mitherausgeberin des Journal of Statistical Biology war. Dabei hatte sie als Leiterin der Bioinformatik-Abteilung der NSF eigentlich mehr als genug zu tun; aber diese Arbeit – größtenteils Verwaltungsaufgaben – war ihr inzwischen auch rundum vertraut. Neues erfuhr sie nur bei ihren sonstigen Projekten.
Im Augenblick suchte sie nach Möglichkeiten, wie die NSF den Khembalis beistehen könnte. Mit geübter Leichtigkeit arbeitete sie sich Klick für Klick durch ein Online-Netzwerk wissenschaftlicher Institutionen.
Zu den vielen Abteilungen der NSF gehörte auch ein Büro für internationale wissenschaftliche und technische Zusammenarbeit; wie Anna beeindruckt feststellte, hatte es sich zehn Prozent vom Gesamtetat der NSF gesichert. Das Büro förderte unter anderem internationale biologische Projekte, darunter eins namens TOGA – Tropical Oceans, Global Atmophere, tropische Meere und die Erdatmosphäre. Die Studien, die über TOGA finanziert wurden, waren oft mit dem Aufbau von Infrastruktur verknüpft. Nach Abschluss der Arbeiten wurden die so entstandenen Einrichtungen den gastgebenden Institutionen übereignet.
Anna beschäftigte sich bereits aus einem anderen Anlass mit NSF-Programmen zum Aufbau von Infrastruktur; sie setzte TOGA auf die entsprechende Liste. Solche Projekte waren der Grund, weshalb manche Leute witzelten, das Mobile im Atrium würde in Wirklichkeit Hammer und Sichel darstellen – nur stark verfremdet, damit Außenstehende nicht gleich merkten, was für eine sozialistische Einrichtung die NSF war: Sie verschenkte ihr Geld und tat so, als würde die Welt allen gehören. Anna gefiel diese Haltung, wenn auch nicht aus politischen Gründen. Ihr gefiel es, dass die NSF sich eher mit praktischen Fragen als mit Worten und Theorien befasste. Es entsprach ihren eigenen Vorlieben. Sie bevorzugte quantitative Antworten auf quantifizierbare Fragen.
In diesem Fall drehten sich ihre Fragen um die kleine Insel der Khembalis (ihrer eigenen Website zufolge zweiundfünfzig Quadratkilometer groß). Deren Lage prädestinierte sie geradezu dafür, in eine laufende Studie zu Überschwemmungen durch Ganges-Hochwasser und Sturmfluten an den Küsten des Indischen Ozeans eingebunden zu werden. Die Lesezeichen, die sie während der Suche anlegte, wollte sie später per E‑Mail an Drepung schicken sowie in Kopie an das Lehr- und Forschungsinstitut von Khembalung, von dem er ihr erzählt hatte. Wie aus der Website des Instituts hervorging, befasste es sich außer mit medizinischen auch mit religiösen Studien (was sie sich unter Letzterem vorzustellen hatte, wollte sie gar nicht wissen). Das schadete gar nichts – wenn die Khembalis ihren Antrag klug formulierten, konnten die weiter gefassten Interessen des Instituts unter »gesamtgesellschaftliche Auswirkungen« aufgeführt und damit in einen Pluspunkt verwandelt werden. Bei der NSF wurden alle Anträge unter den Gesichtspunkten Intellektueller Wert und Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen beurteilt, wobei Letzteres mit fünfundzwanzig Prozent in die Wertung einging. Der Bezug zur Welt als Ganzem spielte also durchaus eine Rolle.
Anna setzte ihre Internetsuche fort. USGCRP – US Global Change Research Programm, ein Forschungsprogramm zum globalen Wandel – zwei Milliarden Dollar pro Jahr. South Asian START Regional Research Centre (SAS-RRC), angesiedelt am National Physical Laboratory in Neu-Delhi, Außenstellen in Bangladesh, Nepal und Mauritius … INDOEX, das Indian Ocean Experiment, das sich unter anderem mit Aerosolen befasste, sowie dessen Ableger Project Asian Brown Cloud: Beide untersuchten die ständig dichter werdende Dunstwolke über Südasien, die möglicherweise verheerende Störungen im Rhythmus des Monsun hervorrief. Für diese Studie wäre Khembalung ideal gelegen. Ebenso für ALGAS, Asia Least Cost Greenhouse Gas Abatement Strategy, Strategien zur kostengünstigen Reduktion der Treibhausgasemissionen in Asien. Und LOICZ – Land Ocean Interaction In the Coastal Zones, Wechselspiel von Land und Meer in Küstenregionen – das dürfte geradezu ein Volltreffer sein, Khembalung wäre dafür der perfekte Standort. Weiterbildung, Vernetzung, Vermessung biogeochemischer Stoffkreisläufe, Modellierung sozioökonomischer Entwicklungen, Auswirkungen auf die Küstenregionen Südasiens. Lesezeichen anlegen, in die E‑Mail kopieren. Mit einer Forschungsstation an der Mündung des Ganges wäre allen Beteiligten gedient.
»Ach, scheiße.«
Der Milchbehälter war übergelaufen. Das passierte ihr nicht zum ersten Mal. Sie schaltete die Pumpe aus und goss etwas Milch aus dem vollen Behälter in einen Hundertzwanzig-Milliliter-Beutel. Sie füllte immer auch einige kleine Beutel für Zwischenmahlzeiten; dass das meist aus Unachtsamkeit geschah, hatte sie Charlie nie gestanden.
Inzwischen hatte sie selbst Hunger. So ging es ihr nach jedem Abpumpen. Die sechshundert Milliliter Milch entzogen ihrem Körper rund tausend Kalorien – genauer hatte sie es nicht berechnen können, die Studien, die sie dazu gefunden hatte, lieferten nur grobe Anhaltspunkte. Auf jeden Fall konnte sie nun ohne schlechtes Gewissen (und mit viel Vergnügen) zu der Pizzeria im Erdgeschoss gehen und sich den Magen vollschlagen. Tatsächlich sollte sie jetzt schnell etwas essen, sonst wurde ihr flau.
Vorher musste sie allerdings auch aus der anderen Brust noch etwas Milch abpumpen, denn das Einschießen der Milch wurde in beiden Brüsten ausgelöst, und wenn sie das nicht beachtete, hatte sie später Beschwerden. Also legte sie den Dreihundert-Milliliter-Beutel in ihren kleinen Kühlschrank und füllte den kleinen Beutel aus der anderen Brust. Währenddessen druckte sie eine Liste der Websites aus, die sie besucht hatte.
Dann rief sie Drepung an.
»Drepung, können wir uns zum Mittagessen treffen? Ich habe ein paar Ideen, wie Sie an wissenschaftliche Fördermittel kommen können.«
»Ja, danke. Treffen wir uns doch in zwanzig Minuten in der Food Factory. Ich will nur noch Schuhe für Rudra kaufen.«
»Was für Schuhe soll er denn bekommen?«
»Joggingschuhe. Die gefallen ihm bestimmt.«
Als sie ihr Büro verließ, traf sie Frank, der auch zu den Fahrstühlen wollte.
»Was hast du da?«, fragte er und deutete auf die Liste in ihrer Hand.
»Ein paar Infos für die Khembalis.«
»Damit sie erforschen können, wie man sich an steigende Meeresspiegel anpasst?«
Sie runzelte die Stirn. »Nein, es geht um mehr. Wir können ihnen Fördermittel für die Infrastruktur beschaffen.«
»Sehr gut. Nur, weißt du, letztlich werden sie etwas anderes brauchen. Und um Klimaschutz kümmert sich die NSF nicht. Sie tut nur, was die Kundschaft verlangt.«
Franks Bemerkung ließ Anna keine Ruhe. Als sie nach einem netten Mittagessen mit Drepung in ihr Büro zurückkehrte, rief sie Sophie Harper an, die bei der NSF für die Zusammenarbeit mit dem Kongress zuständig war.
»Sophie, gibt es Wege, wie die NSF sozusagen selbst Themen setzen kann?«
»Na ja, wenn wir den Kongress um Finanzierung bitten, begründen wir das immer sehr spezifisch, und das Geld wird dann auch nur für diese Zwecke bewilligt.«
»Also könnten wir durchaus Finanzmittel für bestimmte Anliegen beantragen?«
»Ja, und das tun wir auch. Bis zu einem gewissen Grad legen wir unsere Aufgabenfelder selbst fest. Deshalb sind die Bewilligungskomitees auch nie gut auf uns zu sprechen.«
»Warum?«
»Weil sie diejenigen mit dem Geld sind, und die Macht, die ihnen das gibt, ist ihnen sehr wichtig. Ich hatte schon Senatoren, die die Welt für eine Scheibe halten, aber zu mir gesagt haben: ›Wollen Sie mir etwa erzählen, Sie wüssten besser als ich, was gut für die Wissenschaft ist?‹
Und natürlich will ich genau das sagen, denn es stimmt nun mal, aber was soll man da antworten? Mit solchen Leute bekommt man es immer wieder mal zu tun. Aber selbst den vernünftigsten Komiteemitgliedern gefällt es nicht, dass Wissenschaft im Kern autonom ist.«
»Aber unser Spielraum bezieht sich nur aufs Forschen.«
»Ich weiß nicht, worauf du hinaus willst.«
Anna seufzte. »Ich auch nicht. Hör zu, Sophie, vielen Dank schon mal. Wenn ich weiß, was ich eigentlich fragen will, melde ich mich wieder.«
»Immer gerne. Aber sieh dir auch mal die Seiten zur Geschichte der NSF auf unserer Website an, da erfährst du vermutlich schon einiges.«
Nach dem Auflegen tat Anna genau das.
Es war das erste Mal, dass sie die Seiten zur Geschichte der NFS besuchte; normalerweise interessierte sie sich nicht für solche Themen. Beim Lesen wurde ihr jedoch bewusst, dass Sophie recht hatte. Anna hatte immer geglaubt, sie wüsste über die NSF Bescheid; schließlich arbeitete sie schon sehr lange hier. Doch sie hatte sich getäuscht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Vannevar Bush – der während des Krieges das Office of Science and Technology geleitet hatte und für die Koordination der militärischen Forschung zuständig gewesen war – für die dauerhafte Einrichtung eines Bundesamtes zur Forschungsförderung eingesetzt. Er begründete das damit, dass Amerika den Krieg durch wissenschaftliche Errungenschaften gewonnen hätte (Radar, Penizillin, die Atombombe). Der Kongress ließ sich überzeugen und verabschiedete das Gesetz, mit dem die NSF gegründet wurde.
Was folgte, war ein ständiger Kampf, bei dem es meist um die Finanzierung ging. Bei vielen Regierungsmitgliedern und Kongressabgeordneten schien Wissenschaft geradezu Furcht und Abscheu auszulösen. Sie wollten gar nichts Neues erfahren; es könnte sie ja bei ihren Geschäften stören.
Für Anna gab es kein größeres intellektuelles Verbrechen. Etwas nicht wissen zu wollen! Sie fand das unbegreiflich. Zumal die gleichen Leute bestimmen wollten, wo es langging. Das war doch verrückt. Da konnte ja selbst Joe logischer denken. Was ging nur in den Köpfen dieser Leute vor? Wie kamen sie dazu, zwei so unvereinbare Dinge zugleich anzustreben: unwissend zu bleiben und Macht auszuüben? War beides Ausdruck derselben Art von Verrücktheit?
Sie schob diese Gedanken beiseite und las weiter. Die NSF hatte trotz allem an ihren Zielen und Methoden festgehalten. Sie förderte die Grundlagenforschung, vergab ihre Gelder auf der Grundlage wissenschaftlicher Gutachten und ließ sich nicht von bürokratischer Willkür leiten. Sie beschäftigte einen festen Stab von erfahrenen Wissenschaftlern sowie – jeweils zeitlich befristet – eine Schar von Experten, die an vorderster Forschungsfront tätig waren.
Anna fand das alles richtig, und sie war überzeugt, dass sich der Nutzen auch nachweisen ließe. Fünfzigtausend Anträge pro Jahr, bewertet von achtzigtausend Gutachtern. Fördermittel für zehntausend neue und zwanzigtausend laufende Projekte. Alles zu dem Zweck, das Feld wissenschaftlicher Erkenntnis zu erweitern und den Einfluss der Wissenschaft auf die Gesellschaft zu stärken.
Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und dachte nach. So viel wichtige Grundlagenforschung, so viele gute wissenschaftliche Arbeit – und doch, wenn man sich den Zustand der Welt anschaute, musste man sagen: Es hatte nicht gereicht. Vielleicht mussten sie noch mehr unternehmen. Nur was?
* * * * *
Primaten am Steuer. Eigentlich müssten sie alle längst tot sein. Massenkarambolagen, blutige Gewaltausbrüche. Autos, die einander mutwillig rammten und gegenseitig zu Schrott fuhren. Eine weltweites Fest der Vernichtung.
Aber Menschen waren auch soziale Wesen. Ihre Gehirne waren nur deshalb so groß geworden, weil sie ausrechnen mussten, wie man am besten in Gruppen zurechtkam. Und genau diese Teile des Gehirns waren aktiv, wenn Menschen bei dichtem Verkehr Auto fuhren. Bei aller Drängelei und Frustration konnte es einem auch die Befriedigung verschaffen, dass man einen Wettstreit gewann. Oder man genoss die Solidarität, wenn alle zum gegenseitigen Nutzen kooperierten. Lass den armen Idioten doch vor, bevor seine Zufahrtsspur zu Ende ist; so geht es für alle schneller voran. Der kleine Primat freute sich.
Jedenfalls wenn alles gutging. Allzu oft sah man Leute, die dabei nicht mitmachten. Es war wie ein riesige Variante des klassischen Spiels Gefangenendilemma: Zwei Gefangene werden getrennt voneinander aufgefordert, den anderen zu verraten; im Gegenzug wird ihnen die Freilassung versprochen. In der üblichen Computerversion des Spiels bekommen beide Gefangene drei Punkte, wenn sie schweigen, also kooperieren; wenn jeder den anderen verrät, bekommen beide einen Punkt; wenn einer zum Verräter wird und der andere nicht, bekommt der Verräter fünf Punkte und der Hereingelegte keinen. Lässt man das Spiel auf der Grundlage dieses Punktesystems wiederholt laufen, scheint es auf den ersten Blick so, als würde sich Verrat immer auszahlen. Jedenfalls führt diese Strategie in Computersimulationen auf Dauer zur höchsten Punktzahl – wenn man gegen Fremde spielt, die man anschließend nie wiedersieht. Was aufs Autofahren ja zuzutreffen schien.
Allerdings nur, wenn man die Zukunft ausblendete. Denn man geriet Tag für Tag in den gleichen Stau, und das letztlich immer mit den gleichen Menschen. Wenn man sich in dem Spiel aber so verhielt, als träte man ständig gegen den selben Gegner an, sodass beide Kontrahenten Gelegenheit hatten, sich wechselseitig kennenzulernen, dann gab es wirksamere Strategien als ständigen Verrat. Eine davon hieß »Gleiches mit Gleichem«: Man handelte jeweils so, wie es der Gegner in der vorherigen Runde getan hatte. Damit fuhr man besser als mit ausnahmslosem Verrat, was man durchaus als ermutigend betrachten konnte. Ideal war diese Strategie jedoch auch nicht, denn wenn es schlecht lief, konnte das Spiel in einer Dauerfehde enden. Weiteres Experimentieren hatte erfolgreiche Varianten des »Gleiches mit Gleichem« hervorgebracht – eine »großzügige« zum Beispiel, bei der man dem Gegner einen ersten Verrat durchgehen ließ und es ihm erst beim nächsten heimzahlte. Auch dauerhafte Großzügigkeit funktionierte unter bestimmten eng umschriebenen Bedingungen gut. Die wirkungsvollste Strategie, von der Frank wusste, war jedoch eine unzuverlässige Großzügigkeit beim »Gleiches mit Gleichem«: Man vergab dem Gegner seinen ersten Verrat nur ungefähr jedes dritte Mal, und das in unvorhersehbarem Rhythmus. So verhinderte man, dass ein weniger kooperativer Gegner die eigene Großzügigkeit ausnutzte, und konnte sich zugleich aus Abwärtsspiralen befreien, die sonst zu Dauerfehden geführt hätten. Wo immer man es stets mit dem selben Gegner zu tun hatte, schien ein unvorhersehbares »Hart, aber fair« die beste Strategie zu sein.
Und im Grunde war das gesamte Sozialleben eine einzige Folge von Gefangenendilemmas, beim Autofahren, bei der Arbeit, in jeder Form von Beziehung. Wettstreit oder Zusammenarbeit? Selbstsüchtig handeln oder großzügig sein? Am schönsten wäre es natürlich, wenn man sich darauf verlassen könnte, dass alle immer kooperierten, denn dann könnte man ohne Schaden stets großzügig sein. Leider stellte sich im wahren Leben meistens heraus, dass viele Menschen ein solches Vertrauen nicht verdienten. Diese Erkenntnis gehörte vermutlich zu den größten Schocks des Erwachsenwerdens; manche mussten es traurigerweise schon viel früher erfahren. Danach lernte man, von Fall zu Fall neu zu entscheiden, und welche Strategie man letztlich wählte, war eine Frage der eigenen Vorgeschichte, vielleicht auch der Persönlichkeit.
Der Autoverkehr bot heute jedenfalls keine gute Gelegenheit, solche Fragen zu klären. Anfahren, bremsen, anfahren, bremsen. Frank kam kaum schneller voran als zu Fuß. Er hätte gar nicht erst die Ringautobahn nehmen sollen. Hier wurden die meisten Autofahrer zu Verrätern. Überhaupt fand Frank die Autofahrer an der Ostküste weniger großzügig als die in Kalifornien. Was vielleicht nur bewies, dass Kalifornier deutlich öfter im Stau standen. Wenn dort zwei Spuren zu einer zusammenliefen, wechselten sich die Autos ab wie die Häkchen auf beiden Seiten eines Reißverschlusses – und wurden dabei nicht einmal viel langsamer, weil sich alle darauf verließen, dass die anderen mitspielten. Hier auf der Ringautobahn fuhr jeder auf Kosten des anderen. Darum gab es auch so viele SUVs: Die Leute waren für Zusammenstöße gerüstet. SUVs waren Verräterautos. Folglich ging es ganz unnötig langsam voran. Man hätte schreien mögen.
Ab und zu schrie Frank tatsächlich – auch etwas, das Primaten gern taten. Beim Autofahren konnte man lauthals auf Leute schimpfen, die keine drei Meter entfernt saßen: Sie hörten es nicht. Was das Primatengehirn natürlich nicht begriff – die Technik lieferte ihm wieder einmal einen Grund zum Staunen. Und es war ja wirklich wundervoll, jemanden aus so geringer Entfernung wüst und hemmungslos beschimpfen zu können, ohne dass es irgendwelche Folgen hatte.
Also schimpfte er und schlich weiter voran. Um diese Uhrzeit war die Ringautobahn völlig überlastet. Er würde noch zu spät zur Arbeit kommen, und heute Morgen traf sich seine Gutachtergruppe zur ersten Sitzung! Da musste er unbedingt pünktlich sein. Die Teilnehmer waren allesamt bereits in der Stadt, die ersten fanden sich vermutlich jetzt schon in dem Sitzungszimmer im zweiten Stock ein. Bestimmt wollten sie so früh wie möglich anfangen, die Zeit würde ohnehin kaum für alle Anträge reichen. Frank hatte die Tagesordnung bewusst vollgepackt, damit die Gruppe sich nicht mit jedem Antrag ausführlich befassen konnte. Unter diesen Umständen zu spät zu kommen, wäre wirklich schlechter Stil. Es würde ihm unfreundliche Blicke eintragen. Er würde sich entschuldigen müssen. Es könnte sogar seinen Plan gefährden.
Bei der nächsten Ausfahrt beschloss er spontan, auf die Schnellstraße 66 Richtung Osten zu wechseln, obwohl dort um diese Uhrzeit nur Autos mit mehreren Insassen erlaubt waren. Normalerweise richtete er sich danach, aber jetzt bog er trotzdem ab. Auf der 66 ging es tatsächlich schneller voran. In allen Fahrzeugen saßen mindestens zwei Personen. Frank blieb auf der rechten Spur und fuhr so unauffällig wie möglich; er setzte darauf, dass Menschen in Autos meist wenig auf ihre Umgebung achteten und daher kaum jemand sein Vergehen bemerken würde. Natürlich hielt auch die Autobahnpolizei nach Fahrern Ausschau, die gegen die Regel verstießen, ein Risiko, das er ungern einging. Aber die Gefahr, nicht pünktlich zur Arbeit zu kommen, schien ihm größer.
Angespannt fuhr er weiter, bis er endlich Fairfax erreichte und den Blinker setzen konnte. Beim Näherkommen sah er jedoch, dass gleich neben der Ausfahrt ein Polizeiauto stand; die Beamten kehrten gerade zu ihrem Fahrzeug zurück, nachdem sie offenbar einen anderen Missetäter abgefertigt hatten. Sie konnten ihn jederzeit entdecken.
Direkt vor ihm bremste ein großer alter Pick-up, der offenbar ebenfalls abfahren wollte. Ohne nachzudenken trat Frank aufs Gas, zog links an dem Pick-up vorbei, sodass dieser den Polizisten den Blick versperrte, und scherte vor dem Wagen wieder auf die rechte Spur ein. Dabei beschleunigte er weiter, um den anderen Fahrer nicht zu behindern. Jede Menge Platz, und niemand hatte etwas gemerkt. Er bog nach rechts in die Ausfahrt ein und bremste, denn hinter der Kurve kam eine Ampel.
Plötzlich wurde hinter ihm laut gehupt. Der Kühlergrill des Pick-up füllte den Rückspiegel, die Scheinwerfer waren auf einer Höhe mit dem Dach des Honda. Frank gab wieder Gas, musste aber bald erneut bremsen, weil er nun ein anderes Auto vor sich hatte. Plötzlich zog der Pick-up links an ihm vorbei, genau wie er es vorhin getan hatte, nur dass der Pick-up dazu halb über die flache Böschung neben der Ausfahrt fahren musste. Frank blickte hinüber. Der Fahrer beugte sich mit wutverzerrtem Gesicht zu ihm her und brüllte etwas. Langes strähniges Haar, Schnurrbart, rot im Gesicht, außer sich vor Wut.
Frank schaute noch einmal hinüber und zuckte die Achseln, wie um »Was ist denn?« zu sagen. Zugleich bremste er, sodass der Pick-up vor ihm einscheren konnte – zum Glück, denn der Fahrer lenkte seinen Wagen so abrupt auf die Fahrbahn zurück, dass er Franks linken Scheinwerfer nur um Zentimeter verfehlte. Wäre Frank nicht langsamer geworden, hätte er ihn mit Sicherheit gestreift. Was für ein Idiot!
Der Typ trat so scharf auf die Bremse, dass Frank ihm fast ins Heck gefahren wäre, eine Katastrophe, wenn man bedachte, wie hoch der Pick-up über der Straße lag. Frank wäre mit der Windschutzscheibe in ihn hineingerauscht.
»Scheiße!«, stieß Frank erschrocken hervor. »Du Arschloch! Ich bin dir doch überhaupt nicht nahegekommen!«
Der Pick-up hielt an. Mitten auf der Ausfahrt.
»Himmel! Du verdammter Idiot!«, rief Frank.
Vielleicht war er dem Pick-up doch näher gekommen, als er dachte. Oder der Typ nahm es ihm übel, dass er ganz allein die Schnellstraße 66 benutzt hatte – obwohl er ja das Gleiche getan hatte. Jedenfalls stieß er die Tür auf, sprang heraus und kam großspurig auf Frank zu. Er merkte, dass Frank immer noch brüllte, blieb stehen und zeigte mit dem Finger auf ihn. Dann griff er auf die Ladefläche seines Pick-up und holte eine Brechstange hervor.
Frank legte den Rückwärtsgang ein und setzte zurück, bremste und schaltete wieder auf Drive, gab Gas, riss am Lenkrad und fuhr rechts an dem Pick-up vorbei. Hinter ihm hupte jemand, aber die hatten ja keine Ahnung. Während er die leere Ausfahrt hinabraste, rief er dem Verrückten triumphierend noch eine Beleidigung zu.
Leider zeigte die Ampel am Ende der Ausfahrt rot, und ein Auto hatte bereits angehalten. Frank musste bremsen. Augenblicklich gab es einen Knall, und er wurde nach vorn geschleudert. Der Pick-up war ihm ins Heck gefahren.
»Du Arschloch!«, schrie Frank erschrocken. Er hatte es wirklich mit einem Verrückten zu tun! Der Pick-up setzte zurück, vermutlich um ihn erneut zu rammen. Frank legte den Rückwärtsgang ein und schoss nach hinten, bis sein kleiner Honda gegen den Pick-up prallte wie gegen eine Wand. Dann schaltete er erneut, fuhr durch die schmale Lücke rechts neben dem Auto, das vor der Ampel stand, bog rechts ab und beschleunigte in eine Lücke zwischen den vorbeirasenden Autos hinein. Wieder wurde gehupt. Im Rückspiegel sah er, dass die Ampel umgeschaltet hatte und der Pick-up ihm folgte. Er war nicht weit entfernt. »Scheiße!«
Frank beschleunigte, bemerkte eine Lücke im Gegenverkehr und bog quer über alle Spuren hinweg nach links in die Glebe Road ein, auch wenn das nicht die Richtung zur NSF war. Dann trat er aufs Gaspedal, schlängelte sich verzweifelt zwischen den anderen Autos hindurch und blickte immer wieder in den Rückspiegel. In der Ferne sah er den Pick-up mit quietschenden Reifen ebenfalls in die Glebe Road einbiegen. Frank fluchte entsetzt.
Er beschloss, eine Feuerwache anzusteuern, die er einmal am Lee Highway bemerkt hatte. Er bog nach links ab, beschleunigte so stark, wie der Brennstoffzellenmotor seines kleinen Autos es hergab, raste auf den Parkplatz neben der Feuerwache und bremste. Sofort sprang er aus dem Auto und eilte auf das Gebäude zu, wobei er immer wieder über die Schulter Richtung Glebe Road blickte.
Aber der Verrückte tauchte nicht auf. Er war weg. Hatte vielleicht die Spur verloren, oder auch das Interesse. Schikanierte lieber jemand anderen.
Immer noch fluchend inspizierte Frank das Heck seines Autos. Wundersamerweise war kein Schaden zu erkennen. Er stieg wieder ein, und während er Richtung Süden zur NSF fuhr, lief vor seinem geistigen Auge der ganze Vorgang noch einmal ab. Eigentlich verstand er nicht, was da passiert war. Ja, er war um den Pick-up herumgefahren, aber geschnitten hatte er ihn nicht, und auch wenn er die 66 nicht hätte benutzen dürfen, für den Verrückten galt schließlich das Gleiche. Das Ganze war ihm unerklärlich, und er fragte sich, ob es angesichts solcher Vorfälle nicht sinnlos war, menschliches Verhalten mit Hilfe von Modellen wie dem Gefangenendilemma beschreiben zu wollen. Menschen handelten nicht rational. Zumindest nicht diejenigen unter ihnen, die übergroße Pick-ups fuhren. Es war einer von der schmutzigen und zerbeulten Sorte gewesen, keins der aufgepeppten fabrikneuen Schlachtschiffe, die man hier so häufig sah. Vielleicht hatte das Ganze etwas mit Klassenunterschieden zu tun: die Wut eines Arbeitslosen in einem Benzinfresser auf einen Bürotypen in einem Brennstoffzellenauto. Vergangenheit gegen Zukunft, reaktionär gegen progressiv, arm gegen wohlhabend. Ein Beta-Männchen in einem Alpha-Auto, außer sich vor Wut, weil ein Alpha-Männchen sich offensichtlich für so Alpha hielt, dass er glaubte, er könnte ungestraft in seinem kleinen Beta-Auto um das Alpha-Auto herumdüsen.
Etwas in der Art. Irgendein dummes Arschloch von Versager, der um sieben Uhr morgens schon betrunken randalierte.
Trotz aller Aufregung erreichte Frank die Tiefgarage der NSF früh genug, um es mit dem Fahrstuhl gerade noch rechtzeitig in den zweiten Stock zu schaffen. Dort eilte er zur Herrentoilette und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Er musste den hässlichen Zwischenfall jetzt augenblicklich vergessen, und das fiel ihm nicht einmal schwer – gerade weil das Ganze so merkwürdig und unerfreulich gewesen war. Unschöne, aber folgenlose Ungereimtheiten lassen sich leicht verdrängen. Zeit, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Durch die Entscheidung, wen er zur Gutachtergruppe einlud, hatte er seine Pläne für die Sitzung bereits zementiert. Nach dem Schreck während der Herfahrt war er nun erst recht entschlossen, sie mit kühlem Kopf umzusetzen.
Er betrat das Sitzungszimmer, das man ihnen zugewiesen hatte. Das große Fenster zum Atrium bot die gewohnte Aussicht auf sämtliche Räumlichkeiten der NSF, und diejenigen aus der Gutachtergruppe, die zum ersten Mal hier waren, betrachteten die zahllosen Bürowaben und machten die üblichen Bemerkungen über Das Fenster zum Hof und Ähnliches. »Eine Art Gemeinschaftsersatz«, sagte einer von ihnen; das musste Nigel Pritchard sein.
»Hält die Leute vom Faulenzen ab, wenn sie sich ständig beobachtet fühlen.«
In der Savanne wäre die beste Entsprechung für eine solche Aussicht ein hoher Felsvorsprung, von dem aus die Horde alles im Blick hatte, was in ihrem Leben eine Rolle spielte. Ein sicherer Ort, wo man schwatzte, sich gegenseitig das Fell kraulte und Konflikte innerhalb der Rangordnung austrug. Mit anderen Worten: der ideale Schauplatz für eine Sitzung zur Begutachtung von Förderanträgen, bei der schließlich eins der ältesten Themen überhaupt verhandelt wurde: Wen lassen wir rein, wen werfen wir raus? Das Ganze auf der Grundlage eines Wirtschaftssystems, in dem es um sozialen Status sowie den Zugang zu Nahrung und zu Partnern ging, das alles gemessen an Handlungen, die als gut oder schlecht eingestuft wurden – ja, schon wieder ein Gefangenendilemma. Es nahm kein Ende.
Diese Variante des Spiels gefiel Frank allerdings, denn sie arbeitete mit ungewöhnlich vielen Nuancen und fand als eine von wenigen in einem Bereich statt, in dem sich nicht alles um Geld drehte. Anonyme Gutachten – unbezahlte Arbeit – was für ein Skandal!
Aber in der Wissenschaft galten nun einmal andere Gesetze als im Kapitalismus. Genau da lag das Problem, es war einer der Gründe, weshalb die Welt so schlecht eingerichtet war. Alle Macht lag beim Kapitalismus, aber für den Reichtum, den die Wissenschaft hervorbrachte, war Geld ein viel zu simples und unzulängliches Maß. In der Forschung baute man das gesamte Berufsleben hindurch so etwas wie ein wissenschaftliches Guthaben auf, indem man Arbeit in das System investierte. Auf den ersten Blick mochte das altruistisch wirken, aber tatsächlich wurde jeder Beitrag registriert und zahlte sich später auf die eine oder andere Weise aus: Man bekam eine bestimmte Stelle oder sogar ein eigenes Labor. Für den Einzelnen war es also eine gute Investition; der Form nach war es jedoch ein Geschenk an die Gruppe. Diese Art von Nicht-Nullsummenspiel konnte sich auch beim Gefangenendilemma herausbilden, wenn alle nach den Strategien »immer großzügig« oder zumindest »hart aber fair« verfuhren. In der Wissenschaft galt: Wer in die Gemeinschaft aufgenommen werden wollte, verpflichtete sich dazu, sich stets kooperativ zu verhalten und so zum maximalen gemeinschaftlichen Erfolg aller Spieler beizutragen.
Jedenfalls theoretisch. In der Praxis verhielten sich Wissenschaftler wie jede Horde von Primaten: Es gab eine Menge »Gleiches mit Gleichem«. Manchmal auch Verrat. Alle begünstigten ihre eigenen Projekte. Aber wenn man erst einmal so viel verdiente, dass man mitsamt seiner Familie bequem davon leben konnte, hatte man den bestmöglichen Zustand erreicht. Mehr Geld brauchte man nicht, und trotzdem weiterzukämpfen bedeutete gewöhnlich einen Abstieg in sinnlose Kleinkriege. Wie immer, wenn man gierig war. In der Wissenschaft gab es genug für alle. Außerdem gab es ein klar umrissenes, erreichbares Ziel, was genau den tief im Gehirn verwurzelten Wertvorstellungen der Savanne entsprach. Wissenschaftler wünschten sich vom Leben das Gleiche wie der Australopithecus. Darum waren sie jetzt hier.
Erfüllt von einem seltenen Glücksgefühl, betrachtete Frank die Ausschussmitglieder, die sich in kleinen Gruppen miteinander unterhielten. »Fangen wir an.«
Sie setzten sich an den Tisch und stellten ihre Laptops und Kaffeetassen neben die eingebauten Computerkonsolen. Über letztere hatten sie Zugriff auf einen Satz von Tabellen, in denen für jeden Antrag einzeln die Bewertungen und Kommentare aller Gutachter aufgelistet wurden. Alle in der Gruppe waren mit dem Verfahren vertraut. Einige kannten sich bereits persönlich, und jeder wusste über die Arbeit der anderen Bescheid.
Insgesamt saßen sie zu acht um den langen, vollgestellten Konferenztisch:
Dr. Frank Vanderwal, Moderator, NSF (freigestellt von der University of California, San Diego, Fachbereich Bioinformatik)
Dr. Nigel Pritchard, Georgia Institute of Technology, Computerwissenschaften
Dr. Alice Freundlich, Harvard University, Fachbereich Biochemie
Dr. Habib Ndina, University of Virginia, Fachbereich Medizin
Dr. Stuart Thornton, University of Maryland, College Park, Fachbereich Genomik
Dr. Francesca Taolini, Massachusetts Institute of Technology, Zentrum für Bioinformatik
Dr. Jerome Frenkel, University of Pennsylvania, Fachbereich Genomik
Dr. Yao Lee, Cambridge University (Gastwissenschaftler an der George Washington University, Fachbereich Mikrobiologie)
Frank eröffnete die Sitzung mit den üblichen einleitenden Worten. Dann sagte er: »Diesmal haben wir wirklich ein volles Programm. Das tut mir leid, aber es sind einfach sehr viele Anträge eingegangen. Wenn wir uns nicht ablenken lassen, werden wir das Pensum schon schaffen. Ich schlage vor, wir fangen wie gewohnt mit fünfzehn Minuten pro Hefter an und versuchen, bis zum Mittagessen zwölf oder sogar vierzehn zu erledigen. Einverstanden?«
Alle nickten und tippten, um den ersten Antrag aufzurufen.
»Ach ja, und bevor wir anfangen, können bitte alle ihr Formular zu den Interessenkonflikten abgeben? Zur Erinnerung: Ein Interessenkonflikt besteht für Sie als Gutachterin oder Gutachter immer dann, wenn Sie den Erstautor oder die Erstautorin des Antrags einmal bei einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit betreut haben oder von ihm oder ihr betreut wurden, wenn Sie bei derselben Institution angestellt sind wie der Erstautor oder einer der anderen Autoren, wenn Sie während der letzten vier Jahre mit einem der Autoren zusammengearbeitet haben, sich derzeit bei irgendeiner Abteilung der Institution des Antragstellers um eine Stelle bewerben oder innerhalb des letzten Jahres ein Honorar oder eine andere Leistung von der Institution des Antragstellers erhalten haben, wenn eine enge persönliche Beziehung zum Erstautor oder einem der anderen Autoren besteht, wenn Sie Anteile an einem Unternehmen besitzen, das an dem Antrag beteiligt ist, oder wenn ein Erfolg oder Scheitern des Antrags anderweitig positive oder negative finanzielle Folgen für Sie haben wird.
Haben das alle verstanden? Gut, dann reichen Sie die Formulare bitte an mich weiter. Bei dem einen oder anderen Antrag werden manche rausgehen, aber in den meisten Fällen gibt es keine Probleme, richtig?«
»Ich bin beim Esterhaus-Antrag nicht dabei, das habe ich Ihnen ja schon mitgeteilt«, sagte Stuart Thornton.
Danach begannen sie mit den Bewertungen. Dies war das Herzstück ihrer Arbeit in den nächsten zwei Tagen; es war ein wesentliches Arbeitsmittel der NSF und der Wissenschaft überhaupt. Wechselseitige Begutachtung: eine Jury aus fachkundigen Kollegen. Frank öffnete die Tabelle für den ersten Antrag auf seinem Bildschirm. »Sieben Gutachter, vierundvierzig Hefter. Fangen wir mit EIA-02 18599 an, ›Elektromagnetische und informationstechnische Aspekte von Biopolymeren‹. Habib, das ist einer von Ihren?«
Habib Ndina nickte und gab eine kurze Zusammenfassung des Antrags. »Die Autoren wollen Cytoskelett-Netzwerke auf Microchips aufbringen und herausfinden, ob sich Tubulin zum Bau logischer Schaltkreisen auf Proteinbasis verwenden lässt. Dazu wollen sie das elektrische Dipolmoment messen und etwas, das der Erstautor als erwartbare Kink-Soliton-förmige Wellen von Ladungswechseln beschreibt.«
»Wer erwartet die?«
»Der Erstautor.« Habib lächelte. »Außerdem schreibt er, dass sich mit dieser Methode die unterschiedlichen quantenphysikalischen Theorien des Bewusstseins überprüfen lassen.«
»Hmm.« Die anderen lasen sich in den Antrag ein.
»Was meinen Sie?«, fragte Frank nach einer Weile. »Wie ich sehe, hat Habib dem Antrag schon ein Gut gegeben, Stuart ein Befriedigend und Alice ein Sehr Gut.«
Damit lag der Antrag im mittleren Bereich; ihre Notenskala umfasste Ungenügend, Befriedigend, Gut, Sehr Gut und Hervorragend.
Habib antwortete als Erster. »Ich habe meine Zweifel, ob man solche Biochips zu neuronalen Netzen zusammenfügen kann. Inouye hat am MIT etwas Ähnliches versucht, habe ich gelesen, und dort sind sie auf der Ebene der Chipherstellung steckengeblieben.«
Jetzt meldeten sich auch die anderen mit ihren Fragen und Einschätzungen. Nach fünfzehn Minuten unterbrach Frank die Diskussion und bat alle, ihre endgültigen Bewertungen in den Kategorien Intellektueller Wert und Gesamtgesellschaftliche Auswirkungen einzutragen.
Er fasste das Ergebnis zusammen. »Viermal Gut, zweimal Sehr Gut, einmal Befriedigend. Okay, weiter zum nächsten. Aber wissen Sie was, ich fange mal gleich mit der großen Tafel an.«
In der Ecke neben ihm stand ein Whiteboard, auf dem Tisch lag ein Stapel Klebezettel. Mit einem Stift teilte Frank das Whiteboard in drei Bereiche ein, an deren Kopf er jeweils »Fördern«, »Fördern w. m.« und »Ablehnen« schrieb.
»Den ersten Antrag setze ich vorläufig in die Spalte ›Fördern wenn möglich‹. Natürlich kann er später noch rausgeworfen werden.« Er klebte den Zettel für diesen Antrag in den mittleren Bereich. »Wir werden im Laufe des Tages noch einiges hin- und herschieben, wir müssen ja erst ein Gefühl für die Bandbreite bekommen.«
Sie wandten sich dem nächsten Antrag zu. »Okay. ›Effiziente Algorithmen zur Dekohärenzkontrolle bei computergestützter Genomkonstruktion‹.«
Diesen Hefter hatte Frank Stuart Thornton zugeteilt.
Thornton begann mit einem Kopfschütteln. »Der Antrag hat bisher zwei Gut und ein Befriedigend, und mich hat er auch nicht übermäßig beeindruckt. Vielleicht genügt hier eine etwas kürzere Diskussion. Er zeugt von geringem Verständnis für die Probleme der Codon-Optimierung, und ähnliche Arbeiten laufen meines Wissens bereits in Seattle. Die Antragsteller haben sich offenbar so sehr auf die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen konzentriert, dass sie keine Zeit mehr für die einschlägige Fachliteratur hatten. Außerdem kann das gar nicht funktionieren.«
Das brachte alle kurz zum Lachen. Für diejenigen unter ihnen, die Thornton nicht kannten, kam diese heftige Geringschätzung überraschend, aber Frank hatte ihn schon öfter in Gutachtergruppen erlebt. Er gehörte zu den Wissenschaftlern, für die Reinheit der Methodik über alles ging, weshalb sie grundsätzlich jeder Behauptung mit Skepsis begegneten. Keine Studie war je streng genug konzipiert, kein Ergebnis klar genug. In Franks Augen waren das deutliche Anzeichen von Unsicherheit, Manöver eines Beta-Männchens, das die Gruppe davon überzeugen will, dass es auch der Alpha-Rolle gewachsen wäre.
Das Problem dabei war, dass man Wissenschaftlern ihre intellektuellen Fähigkeiten augenblicklich anmerkte. So wie man einem Australopithecus sofort ansah, wie viele Muskeln er hatte. Man konnte niemandem etwas vormachen. Und wenn man noch so sehr das Fell aufstellte oder die Zähne bleckte – wie klug man war, zeigte sich in dem, was man sagte. Gewohnheitsmäßige Skepsis war da wie Zähnefletschen: Das konnte jeder. Aus diesem Grund war Thornton eigentlich kein guter Kandidat für Gutachterausschüsse, denn auch wenn die übrigen Mitglieder seine Haltung durchschauten und zu ignorieren versuchten, veränderte sein Tonfall trotzdem die Stimmung. In einer Gruppe, in der es einen Dauerverräter gab, konnte sich niemand mehr allzu viel Großzügigkeit leisten, wollte er nicht als Verlierer enden.
Genau deswegen hatte Frank ihn eingeladen.
Thornton redete immer noch. »Das Grundproblem ist, dass sie eine falsche Vorstellung davon haben, was einen Algorithmus ausmacht. Es ist nicht einfach eine Folge von mathematischen Operationen, die nacheinander abgearbeitet werden. Man muss auch eine Grammatik entwerfen, die dafür sorgt, dass sich jeder Rechenschritt an das Ergebnis der vorherigen Schritte anpasst. Das erfordert eine ganz spezielle Form von mathematischer Kodierung, und die sehe ich hier nicht.«
Die anderen nickten und vergaben über die Konsolen ihre Noten. Kurz darauf stand der Antrag in der Spalte ›ablehnen‹, und sie befasste sich mit dem nächsten.
Schon jetzt konnte Frank mit einiger Zuversicht voraussagen, wie der Rest des Tages verlaufen würde. Es hatte sich eine negative Grundhaltung etabliert. Die dritte Rednerin, Alice Freundlich von Harvard, versuchte sich zwar subtil gegen Thornton abzugrenzen, indem sie beim Vorstellen ihres ersten Hefters betonte, wie gut dieser Antrag geschrieben war, aber das geschah bereits in einem weniger großzügigen Umfeld, und auch ihr Lob fiel nicht übermäßig begeistert aus. »Sie wollen die Evolution konservativer DNA-Sequenzen mit Hilfe von Kaskadenstudien nachvollziehen und dazu Simulationen in großen Computernetzwerken einsetzen. Auf diese Weise wollen sie Gene identifizieren, die besonders anfällig für Mutationen sind.«
Habib Ndina schüttelte den Kopf. Auch er gehörte zu den gewohnheitsmäßigen Skeptikern, nur dass er dabei auf weit größere Intelligenz zurückgreifen konnte als Thornton. Außerdem ging es ihm nicht nur um starke Auftritte, sondern er dachte tatsächlich nach. »Ist die Evolution des Genoms nicht schon ziemlich gut erforscht?«, wandte er ein. »Müssen wir wirklich noch mehr darüber erfahren?«
»Nun ja, wohl eher nicht. Das könnte einen Minuspunkt unter ›gesamtgesellschaftliche Bedeutung‹ ergeben.«
So ging es den ganzen Tag weiter, und da Frank die negative Stimmung mit unauffälligen Bemerkungen zusätzlich anheizte (»Haben sie dafür überhaupt genug Laborkapazität?« – »Stimmt das denn?« – »Wie wollen sie das machen?« – »Kann das funktionieren?«), geriet die Gruppe schließlich vollends in einen Modus, in dem nur noch geschossen wurde. Sie verlor ein wenig zu sehr aus den Augen, dass Förderanträge von realen Menschen unter Zeitdruck verfasst wurden, und begann sie an ihrem Idealbild einer wissenschaftlichen Studie zu messen. In diesem Licht betrachtet hatten natürlich alle Kandidaten ihre Schwächen. Jede Arbeit stand auf tönernen Füßen, jeder Antrag wurde dementsprechend zu einer Tontaube, die nur zu dem Zweck in die Luft geworfen wurde, dass alle darauf schießen konnten. Nächster Antrag, Peng, Peng, Peng!
Irgendwann sagte jemand tatsächlich: »Den hat’s erwischt.«
Natürlich gab es auch Menschen, die sich von solchen Stimmungen nicht mitreißen ließen, die den Kopf schüttelten oder die Nase rümpften oder sogar gegen die allgemeine Haltung aufbegehrten. Aber von den Standhaften, die Frank kannte, hatte er bewusst keinen eingeladen. Selbst Alice Freundlich erreichte nur, dass die Stimmung nicht zu unerfreulich wurde. Gruppen konnten beim gemeinsamen Dreinschlagen eine erstaunliche Dynamik entwickeln. In der Savanne hätte die Horde ein Mitglied verstoßen, sodass es die Nacht hungrig und allein durchstehen musste. Oder sie hätten gleich jemanden in Stücke gerissen.
Ganz so weit wollte Frank es nicht kommen lassen. Er griff ohnehin nie ausdrücklich ein, schließlich war er nur der Moderator. Bei keinem der Anträge äußerte er offen eine eigene Meinung. Er behielt lediglich die Uhr im Auge, während sie die Anträge der Reihe nach durchgingen, fragte drei Minuten vor Ablauf der Viertelstunde, ob noch jemand etwas sagen wollte, und achtete darauf, dass nach Abschluss der Diskussion alle ihre Bewertungen eintrugen. »Damit haben wir einmal Hervorragend und fünfmal Sehr Gut. Alice, haben Sie sich auch entschieden?«
In den Diskussionen ging es inzwischen recht rau zu.
»Ich weiß nicht, was sie sich dabei gedacht hat. Das ist absurd!«
»Ich möchte gleich vorschlagen, die Diskussion abzukürzen.«
Jetzt begann Frank, die anderen vorsichtig zu bremsen. Schließlich wollte er nicht, dass sie ihn für einen schlechten Sitzungsleiter hielten.
Trotzdem verstärkte sich die aggressive Grundhaltung weiter. Paviane, die sich auf ein verwundetes Tier stürzen, Freude an der Zerstörung als Pawlowscher Reflex auf die Belohnung durch erbeutete Nahrung. Der Spaß daran, etwas sorgfältig Erschaffenes zu vernichten. Das war Frank auch schon früher begegnet: ein Zimmermann, der mit einem Vorschlaghammer ein Bauwerk zertrümmerte, ein Tierarzt, der am Wochenende auf Entenjagd ging … Nicht gerade die klügste Reaktion, wenn man bedachte, wie schlecht es derzeit um den Planeten stand, aber so waren die Menschen nun einmal. Weshalb sie vermutlich dem Untergang geweiht waren. Da blieb dem Individuum nur die Strategie, die eigene Position bestmöglich zu stärken. Und dafür musste man manchmal zum Verräter werden.
Zu Yann Pierzinskis Antrag kamen sie erst kurz vor Ende der Sitzung. Wieder war Thornton an der Reihe. Inzwischen waren alle müde.
»Okay, wir sind fast fertig«, sagte Frank. »Machen wir die letzten auch noch? Es sind nur zwei. Stu, das ist wieder einer von Ihren. ›Algorithmische Analyse palindromischer Sequenzen zur Vorhersage der von Genen exprimierten Proteine.‹ Mandel und Pierzinski, Caltech.«
Thornton schüttelte müde den Kopf. »Wie ich sehe, hat der Antrag schon zwei Sehr Gut, aber von mir kommt nur ein Befriedigend. Die Idee ist ganz nett, aber meiner Meinung nach versprechen die Autoren zu viel. Ich meine, es würde doch völlig reichen, wenn sie abgeleitet vom Genom das Proteom vorhersagen könnten, aber sie wollen auch noch die Evolution des Genoms klären, fehlertolerante Biocomputer bauen … Das ist fast eine Liste aller großen ungelösten Probleme.«
Francesca Taolini fragte ihn, was er von dem Algorithmus hielt, den die Antragsteller entwickeln wollten.
»Das ist alles viel zu vage! Soweit ich es beurteilen kann, beschreiben sie da eher ihre eigenen Hoffnungen. Für so etwas bräuchte man eine vollständige Software mit einem Satz von Tools und einer eigenen Sprache, und vor allem bräuchte man eine Grammatik fürs Erfassen der Palindrome, die sie anscheinend für besonders wichtig halten, wobei ich darin eher Redundanzen und Reparaturhilfen sehe. Genau dazu dient ja die Palindromstruktur. Wie die Verstärkung am unteren Ende eines Reißverschlusses. Und daraus wollen sie sämtliche Proteine vorhersagen, die ein Gen produziert!«
»Aber wenn es funktionierten sollte, wüsste man auch ohne 2D-Gele, welche Proteine man bekommt«, betonte Francesca. »Das wäre sehr hilfreich. Ich finde, der Ansatz hat durchaus Potenzial. Ich kenne ein paar Leute, die an etwas Ähnlichem arbeiten, es wäre gut, wenn noch jemand dazukäme. Das ist ein weites Feld. Darum habe ich dem Antrag auch ein Sehr Gut gegeben. Ich bin nach wie vor dafür, dass wir ihn bewilligen.« Sie hielt den Blick auf den Bildschirm gerichtet.
»Na ja«, erwiderte Thornton verärgert, »aber wo wollen sie denn die Biosensoren finden, die ihnen verraten, ob sie richtig liegen? Das lässt sich doch gar nicht kontrollieren.«
»Das können ja andere übernehmen. Und wenn sich die Vorhersagen als zuverlässig erweisen, müsste man sie nicht mehr ständig überprüfen. Genau darum geht es doch.«
Frank wartete einen Moment ab. »Noch jemand?«, fragte er dann in neutralem Tonfall.
Pritchard und Yao Lee meldeten sich zu Wort. Lee hielt die Idee offenbar auch für gut, zumindest in der Theorie. Er begann das Ganze als eine Art Kochbuch zu beschreiben, dessen Rezepte sich ständig weiterentwickelten. »Wie würde das denn funktionieren?«, fragte Frank dazwischen.
»Eben durch die vielen Iterationsschritte. Der Algorithmus würde einem sagen, wo man anfangen soll, in welche Richtung man suchen soll.«
»Der Punkt ist«, unterbrach Francesca, »dass wir dieses Problem einfach lösen müssen, denn im Moment ist der Mechanismus der Genexpression eine Black Box. Es ist ein sehr sinnvoller Forschungsansatz.«
»Habib?«, fragte Frank.
»Wenn sie es schaffen sollten, wäre das natürlich nett. Aber einfach ist es nicht. Den Antrag zu unterstützen ist reines Glücksspiel.«
Bevor Francesca ihre Gedanken ordnen und antworten konnte, sagte Frank: »Gut, darüber könnten wir noch lange hin und her diskutieren, aber die Zeit für den Antrag ist um, und spät ist es auch. Bitte tragen Sie Ihre Wertung ein, soweit Sie das noch nicht getan haben, dann besprechen wir noch den letzten, das ist einer von Alice, und danach gehen wir essen.«
Da alle hungrig waren, tippten sie kurz auf ihren Konsolen herum und wandten sich dem letzten Antrag des Tages zu, »Ribozyme als molekulare Logikgatter«. Als sie fertig waren, heftete Frank den letzten Klebezettel ans Whiteboard. Auf jedem der kleinen Papierquadrate stand die Durchschnittsnote des jeweiligen Antrags. Die Ergebnisse lagen eng beieinander; der Unterschied zwischen 4,63 und 4,70 konnte entscheidend sein. Drei Anträge befanden sich bereits in der Rubrik »Fördern«, zwei in »Fördern w. m.« und sechs in »Ablehnen«. Alle anderen klebten am unteren Ende des Whiteboards; sie mussten am nächsten Tag einsortiert werden. Zu ihnen gehörte auch der von Pierzinski.
Am Abend ging die Gruppe ins Tara, ein nicht weit entferntes, gutes thailändisches Restaurant mit wandgroßem Aquarium. Beim Essen unterhielten sie sich angeregt über die verschiedensten Themen; die Stimmung besserte sich merklich. Einige der Gutachter besuchten anschließend noch die Hotelbar, die übrigen zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Am nächsten Morgen um acht Uhr kamen sie im selben Sitzungszimmer wieder zusammen und machten weiter. Die Diskussion der Anträge verlief immer effizienter. Als ein Antrag behandelt wurde, den jemand von Thorntons Universität gestellt hatte, zog dieser sich aus der Sitzung zurück. Sofort besserte sich die Stimmung im Raum, und das hielt auch dann noch vor, als er wieder teilnahm. Allmählich kannten alle die Vorlieben und Schwächen der anderen. Manchmal schweiften sie in spannende theoretische Diskussionen ab, aber immer nur für wenige Minuten. Einige Anträge warfen interessante Fragen auf, und nachdem sie mehrere besonders gute hintereinander behandelt hatten, wurde ihnen bewusst, welche erstaunlichen Entwicklungen derzeit auf dem Gebiet der Bioinformatik stattfanden und welcher Segen für die Gesundheit aller Menschen es wäre, wenn sich all diese Fortschritte zu wirksamen biotechnischen Verfahren bündeln ließen. Dieser positive Blick in die Zukunft führte zu einer großzügigeren Grundhaltung. Alles in allem verlief der zweite Tag angenehmer, und der Durchschnitt der Bewertungen war besser.
»Mein Gott«, sagte Alice irgendwann, den Blick aufs Whiteboard gerichtet. »Wir werden einige sehr gute Anträge ablehnen müssen.«
Alle nickten. Dieses Gefühl stellte sich am Ende eines Gutachtertreffens häufig ein. Im Durchschnitt wurden nur zehn bis zwanzig Prozent aller Anträge bewilligt.
»Manchmal frage ich mich, was passieren würde, wenn wir neunzig Prozent der Projekte fördern könnten. Nur die nicht, die wir hier kaum diskutieren.«
»Das würde einiges beschleunigen.«
»Es könnte eine Revolution auslösen.«
»Zurück in die Wirklichkeit«, sagte Frank. »Der letzte Hefter.«
Als sie auch diesen vierundvierzigsten Hefter benotet hatten, wertete Frank die Zahlen für sämtliche Anträge aus und erstellte eine Rangliste von eins bis vierundvierzig. Es waren viele Gleichstände darunter.
Das Ergebnis druckte er aus, einschließlich der jeweils beantragten Geldsummen. Danach setzten sie die Besprechung fort, indem sie die unsortierten Zettel auf dem Whiteboard einer der drei Spalten zuordneten.
Pierzinskis Antrag war auf Platz vierzehn gelandet. Ohne Francesca wäre das Ergebnis noch schlechter ausgefallen. Auch jetzt drängte sie die anderen noch einmal, das Projekt zu fördern, aber die Gruppe entschied, es unter »Fördern wenn möglich« zu setzen, mit Sternchen.
Mit unbewegter Miene klebte Frank den Zettel in die Spalte »Fördern w. m.«. In dieser Rubrik gab es inzwischen acht Anträge, in »Fördern« sechs und in »Absagen« zwölf. Achtzehn fehlten also noch, aber rein rechnerisch ließ sich vorhersagen, dass davon die meisten unter »Absagen«, einige wenige unter »Fördern wenn möglich« und höchsten zwei unter »Fördern« landen würden.
Später würde Frank zu jedem Antrag ein Formular Nr. 7 ausfüllen müssen. Darin wurden die wichtigsten Punkte der Diskussion zusammengefasst sowie alle Minderheitenvoten erwähnt, die um mehr als eine ganze Note vom Durchschnitt abwichen. Sollte ein Antrag abgelehnt werden, der mindestens ein Hervorragend bekommen hatte, so wurde diese Entscheidung begründet. All das diente dazu, den Prozess für die Antragsteller so transparent wie möglich zu gestalten und zu gewährleisten, dass alles mit rechten Dingen zuging. Die Gutachtergruppen hatten nur beratende Funktion, die NSF durfte sich über ihr Urteil hinwegsetzen, aber in den allermeisten Fällen hatten ihre Entscheidungen Bestand. Genau darum ging es ja: um wissenschaftlich objektive Einschätzungen.
Im Grunde ein sehr seltsames Vorgehen. Da holte man sieben höchst subjektive und oft widersprüchliche Meinungen ein, wies ihnen einen Zahlenwert zu, errechnete den Durchschnitt – und hatte etwas Objektives. Eine numerische Rangliste, die man graphisch darstellen konnte. Vollkommen lächerlich. Aber besser ging es eben nicht. Was gäbe es denn überhaupt für Alternativen? Ein Algorithmus wäre dem Problem nicht gewachsen. Dazu brauchte man einen Computer, der aus vernetzten menschlichen Gehirnen bestand – mit anderen Worten, eine Jury. Mehr ließ sich nicht erreichen.
Also diskutierten sie sämtliche Anträge noch einmal, sowohl in Hinblick auf ihr wissenschaftliches Potenzial als auch auf ihren möglichen Nutzen für Bildung und Gesellschaft, was unter die Überschrift »gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen« fiel. Zu dem Punkt machten die meisten Anträge nur vage Aussagen; unter wissenschaftlichen Puristen war er nicht beliebt. Aber wie Frank es jetzt ausdrückte: »Ziel der NSF ist es nicht nur, wissenschaftliches Arbeiten zu fördern, sondern auch den Einfluss der Wissenschaft zu stärken. Darum geht es bei diesen Kriterien. Was ein Projekt für die Gesellschaft bewirkt.« Was Anna damit anfangen kann, hätte er fast gesagt.
Wie aufs Stichwort kam Anna herein und dankte den Gutachtern für ihre Arbeit; sie wirkte etwas erhitzt und drückte sich ungewohnt steif aus. Nachdem sie wieder gegangen war, sagte Frank: »Auch von mir ein herzliches Dankeschön. Wie immer war es anstrengend, aber sehr produktiv. Ich hoffe, ich kann Sie alle irgendwann wieder hier begrüßen, aber allzu bald werde ich Sie nicht belästigen. Einige von Ihnen müssen heute noch ein Flugzeug erreichen, also machen wir Schluss – wenn mir der eine oder die andere noch etwas mitteilen möchte, können Sie mich ja einzeln ansprechen. Okay, damit sind wir fertig.«
Frank druckte die Endfassung der Tabelle aus. Nach den Geldsummen zu urteilen würden etwa zehn der vierundvierzig Projekte bewilligt werden. Sieben standen bereits in der Rubrik »Fördern«, und von denen in der Rubrik »Fördern wenn möglich« hatten sechs etwas besser abgeschnitten als Yann Pierzinskis. Wenn Frank nichts unternahm – was ihm als Mitarbeiter der NSF durchaus möglich gewesen wäre –, würde der Antrag abgelehnt werden.
* * * * *
Ein weiterer Tag für Charlie und Joe. Spätfrühling, vormittags schon 36 Grad, Tendenz steigend, Luftfeuchtigkeit ebenfalls hoch.
Sie blieben lange zu Hause, wo aus den Deckengittern der Klimaanlage wohltuend kühle Luft auf sie herabsank. Sie machten Ringkämpfe, putzten die Zimmer, frühstückten, gönnten sich ein zweites Frühstück. Während Joe Dinosaurier verprügelte, las Charlie in der Washington Post. Eine Meldung über die Dürre in Indien erinnerte ihn an die Khembalis. Er setzte seinen Ohrstöpsel ein und rief seinen Freund Sridar an.
»Charlie, schön von dir zu hören! Ich habe deine Nachricht schon gelesen.«
»Oh, gut, darauf hatte ich gehofft. Wie läuft’s denn so bei der Lobbyarbeit?«
»Wir haben gut zu tun. Ein paar interessante Klienten.«
»Wie immer.«
Sridar arbeitete bei Branson & Ananda, einer kleinen, aber angesehenen Agentur, die mehrere ausländische Regierungen dabei unterstützte, ihre Interessen gegenüber der US-amerikanischen Regierung zu vertreten. Bei einigen dieser Klienten war es wegen bestimmter Sitten oder politischer Tendenzen in ihren Heimatländern nicht ganz einfach, ihnen beim Kongress Gehör zu verschaffen.
»Du hast was von einem neuen Land erwähnt?«
»Es geht um ein paar Leute, die ich über Anna kennengelernt habe. Hast du schon mal von Khembalung gehört?«
»Ich glaube ja. Aus der Liga versinkender Staaten?«
»Genau.«
»Ich soll eine sinkende Insel vertreten?«
»Die Insel sinkt nicht, der Meeresspiegel steigt.«
»Noch schlimmer! Was sollen wir da denn ausrichten, den Klimawandel aufhalten?«
»Nun – genau. Darauf läuft es hinaus. Immerhin hättet ihr viele Verbündete.«
»Na ja.«
»Jedenfalls können sie wirklich Hilfe gebrauchen. Und es sind nette Leute. Interessant. Ich glaube, du hättest Freude an ihnen. Triff dich doch einfach mal mit ihnen.«
»Okay, eigentlich bin ich ziemlich ausgebucht, aber das kann ich schon machen.«
»Toll. Danke, Sridar, das weiß ich wirklich zu schätzen.«
»Kein Problem. Hey, kann ich vielleicht auch noch Krakatau haben?«
Danach war Charlie in Gesprächslaune, hatte aber leider keinen Grund, jemanden anzurufen. Also spielte er wieder mit Joe. Vor lauter Langeweile schaltete er sogar den Fernseher ein. Gerade lief ein Expertengespräch. Hilflos hörte er zu. »Das sind solche Speichellecker«, beschwerte er sich bei Joe. »Widerlich.«
»BUMM!«, sagte Joe, den Charlies Stimmung angesteckt hatte, und warf einen Tyrannosaurus gegen den Heizkörper, dass es knallte.
»Ganz genau«, sagte Charlie. »Sehr gut.«
Er schalte auf ESPN 5 um. Dort lief den ganzen Tag Frauen-Beachvolleyball. Offenbar bestand ein großer Teil des Publikums aus alten Männern in Rente.
Joe dagegen hatte keine Lust mehr, zu Hause herumzuhocken. »Raus!«, forderte er und hämmerte mit einem Diplodocus gegen die Haustür. »Raus! Raus! Raus!«
»Okay, okay.«
Joe hatte zweifellos recht: Sie konnten nicht den ganzen Tag im Haus verbringen. »Fahren wir zur National Mall, Joe, da waren wir lange nicht mehr. Zur Mall, Joe! Aber du musst in den Rucksack!«
Joe nickte und versuchte augenblicklich, in das Tragegestell zu klettern, eine kippelige Angelegenheit. Seinetwegen konnte es sofort losgehen.
»Warte, erst noch die Windel wechseln.«
»NEIN!«
»Ach, komm schon, Joe. Sag Ja.«
»Nein!«
»Doch.«
Das Windelwechseln wurde zu einem harten Kampf: Sie brüllten, kniffen, schlugen um sich, beide gleich skrupellos und entschlossen. Charlie tat, was nötig war.
Endlich waren sie fertig und machten sich schwitzend und rot im Gesicht auf den Weg in das Dampfbad vor der Haustür. Sie gingen zur Metrostation und fuhren hinunter in die dämmrige unterirdische Welt.
Es wäre schön gewesen, wenn Joe die Metro beruhigend gefunden hätte wie damals Nick, aber ihn belebte sie. Charlie fand das völlig unverständlich; auf ihn wirkte das kühle Halbdunkel einschläfernd. Aber Joe wollte unbedingt spielen, und zwar genau an der Kante, neben der die Stromschiene verlief. So eine gewaltige Energiequelle musste ihn natürlich anziehen. Das Hunderttausend-Watt-Kind. Charlie rannte ständig hinter ihm her, um ihn von der Kante fernzuhalten. Endlich kam ein Zug.
Die Wagen der Metro gefielen Joe auch. Er stand auf dem Sitz neben Charlie, starrte auf die Betonwände, die vor den getönten Fenstern vorbeihuschten, oder betrachtete die leuchtend rosa- und orangefarbenen Sitze, die Werbung, die Menschen, die Bahnhöfe, an denen der Zug hielt.
An einer Station stieg ein junger Schwarzer mit einem heliumgefüllten Geburtstagsballon ein und setzte sich ihnen gegenüber. Joe starrte den Ballon entzückt an. Für ihn war das offenbar Zauberwerk. Der junge Mann zog den Ballon an der Schnur nach unten und ließ ihn wieder in die Höhe schnellen. Joe zuckte zusammen, dann lachte er los. Sein Lachen klang wie das seiner Mutter, ein leises, bezauberndes Glucksen. Mehrere Passagiere begannen zu lächeln. Der junge Mann zog erneut an der Schnur und ließ den Ballon hüpfen. Joe lachte so sehr, dass er sich hinsetzen musste. Ein paar Mitreisende konnten sich nicht mehr zurückhalten und stimmten mit ein. Der junge Mann lächelte schüchtern. Er wiederholte den Trick, und jetzt brachen alle im Wagen gemeinsam mit Joe in Gelächter aus. Sie lachten, bis der Zug in Metro Central hielt.
Charlie stieg grinsend aus und trug Joe zur Ebene der Linien Blau und Orange. Erstaunlich, wie leicht sich eine ganze Gruppe von einer bestimmten Stimmung anstecken ließ. Ein junger Mann und ein kleines Kind spielten ein Spiel, und aus fremden Menschen, die sich nie wieder begegnen würden, wurde eine Gemeinschaft. Nur durchs Lachen. Aber vielleicht war es ja viel seltsamer, dass man seine Mitbürger gewöhnlich wie einen Teil der Einrichtung behandelte.
Joe hüpfte in Charlies Armen. Er mochte Metro Center mit seinen weitläufigen, geheimnisvollen sich kreuzenden Wegen. Den Ballon hatte er schon vergessen. Mit dem nächsten Zug fuhren sie bis zur Station Smithsonian. Dort steckte Charlie Joe wieder ins Tragegestell und fuhr mit ihm auf der Rolltreppe zur glutheißen National Mall hinauf.
Der gesamte Himmel war milchig weiß. Man fühlte sich wie in der Sauna. Charlie kämpfte sich zu einem freien Stück Rasen im Schatten des Washington Monument vor, setzte Joe ab und ließ sich neben ihm nieder. Ihm gefiel der weite Blick, der sich hier bot, vom Kapitol auf der einen Seite zum Lincoln Memorial auf der anderen. Eine Lichtung im Wald. Als wäre man dem Düsterwald entkommen. In Charlies Augen war das der eigentliche Grund, weshalb die Mall so beliebt war. Die Denkmäler und Museen waren zwar ganz nett, aber letztlich nur Beiwerk; in Wirklichkeit ging es darum, dass man sich hier unter freiem Himmel befand. Was im amerikanischen Westen völlig normal war, wirkte hier im grünen Sumpfland wie ein Vorgeschmack aufs Paradies.
Charlie liebte die alte Geschichte über die Gründung von Washington. Die dreizehn ersten Bundesstaaten hatten sich zwar eine Hauptstadt gewünscht, aber keinem Einzelstaat diese Ehre zubilligen wollen. Also hatten sie gefeilscht: Gib du ein Stück Land her, nein, du; bis schließlich Virginia zu Maryland gesagt hatte: Hör zu, da, wo der Potomac in den Anacostia mündet, gibt es doch dieses riesige, grässliche Sumpfgebiet. Ganz schreckliches Land, wertlos, verseucht. Damit könnt ihr doch sowieso nichts anfangen.
Stimmt, sagte Maryland. Okay, dieses Land schenken wir der Nation. Aber nicht zu viel davon! Nur das allerschlimmste Stück!
Und da waren sie nun. Charlie saß schläfrig auf dem Rasen. Joe umkreiste ihn wie eine Hummel. Im diffusen Mittagslicht fiel das Atmen schwer. Im Westen türmten sich große weiße Wolken, und die Welt schien von innen heraus zu leuchten. Alles fühlte sich weich an, alles war viel zu hell. Er sollte wirklich daran denken, auf diese Ausflüge eine Sonnenbrille mitzunehmen.
Aber jetzt musste er erst einmal Joe abfüllen, damit der anschließend schön lange schlief. Charlie kämpfte die eigene Schläfrigkeit nieder, nahm die Tasche mit dem Essen aus dem Fach unten am Tragegestell und winkte damit, bis Joe es sah. Joe tappte zu ihm, die Augenlider auf Halbmast: höchste Zeit. Er ließ sich auf Charlies Schoß nieder. Gerade als sein Kopf zur Seite kippen wollte, schob Charlie ihm ein Fläschchen mit Annas Milch in den Mund.
Während Joe sich in den Schlaf nuckelte, saß Charlie vornübergebeugt da, das Kinn auf der Brust, halb weggedämmert. In geisttötender Hitze mit einem Kleinkind zu kuscheln – was konnte gemütlicher sein.
Die Wolken über dem Weißen Haus waren so rund, prall und weiß, als schwebte dort oben der Geist ihres streitlustigen Präsidenten. Auf der anderen Seite hing eine schwarze Wolke, ziemlich genau über dem Obersten Gerichtshof: neun Ausbuchtungen, die jederzeit Blitze schleudern konnten. Ja, die Mächtigen Washingtons produzierten viel heiße Luft; die stieg auf und bildete Wolken, die genau ausdrückten, wofür sie standen. Und diese Kumulobürokratien – das erkannte er jetzt – waren viel bedeutsamer als die Menschen, die ihnen zeitweise dienten. Es waren transhumane Geisteswesen mit eigenem Charakter und eigener Biographie, eigenen Fähigkeiten, Wünschen, Gewohnheiten. Am Himmel über der Hauptstadt kämpften sie um die Vorherrschaft. Die Menschen waren für sie nur die Zellen in ihrem Körper. Körperzellen hielten sich vermutlich auch für bedeutsam und glaubten, sie könnten über ihr Leben bestimmen. Aber ihre Körper wussten es besser.
Nur über der weißen Kuppel des Kapitols sah man nichts als schimmernde Luft. Der Kongress erzeugte so starken Aufwind, dass sich dort keine Wolke bilden konnte.
Als das Telefon klingelte, schlief er so tief wie Joe. Er antwortete, noch bevor er wach war.
»Wa.«
»Charlie? Wo bist du gerade? Du wirst hier gebraucht.«
»Ich bin schon hier.«
»Wirklich? Großartig. Charlie?«
»Ja, Roy?«
»Es tut mir echt leid, dass ich dich damit belästigen muss, aber Phil ist nicht in der Stadt, ich selbst habe in zwanzig Minuten einen Termin bei Senator Ellington, und eben hat uns das Weiße Haus wissen lassen, dass Doktor Seltsam sich wegen Phils Klimagesetz mit uns treffen will. Es scheint fast, als wollten sie zuhören. Und vielleicht drüber reden. Oder sogar etwas aushandeln. Wir müssen unbedingt jemand hinschicken.«
»Jetzt gleich?«
»Jetzt gleich. Du musst einfach hinfahren.«
»Ich bin ja schon da, aber es geht nicht, Roy. Ich habe Joe dabei. Wo ist Phil noch mal?«
»San Francisco.«
»Müsste Wade nicht inzwischen zurück sein?«
»Nein, der ist noch in der Antarktis. Hör zu, Charlie, außer dir haben wir niemand, der das übernehmen kann.«
»Was ist mit Andrea?« Andrea Palmer leitete Phils parlamentarischen Stab und war für all seine Gesetzesvorhaben zuständig.
»Sie ist heute in New York. Außerdem bist du bei dem Thema unser Vorreiter, das Gesetz ist zum größten Teil dein Werk, du kennst es in- und auswendig.«
»Aber ich habe Joe dabei!«
»Nimm ihn doch mit.«
»Ja, klar doch.«
»Warum denn nicht? Ist es nicht sowieso bald Zeit für sein Schläfchen?«
»Er schläft jetzt schon.«
Von seinem Platz aus konnte Charlie die Bäume hinter dem Weißen Haus sehen, gleich jenseits der Ellipse. Zu Fuß waren das nur zehn Minuten. Theoretisch würde Joe zwei Stunden lang schlafen. Und es stimmte, sie mussten diese Gelegenheit ergreifen, denn bisher hatten der Präsident und seine Leute keinerlei Interesse an Verhandlungen gezeigt.
»Hör zu«, drängte Roy, »ich habe schon ganze Mittagspausen mit dir verbracht, während Joe auf deinem Rücken geschlafen hat, und glaub mir, man merkt es dir nicht an. Ich meine, du hältst dich natürlich immer so aufrecht, als würdest du die Welt auf den Schultern tragen, aber das war schon so, als Joe noch gar nicht geboren war, er füllt jetzt einfach den entsprechenden Platz aus, sodass du völlig normal wirkst. Ich schwöre es dir. Du warst schon mit ihm auf dem Rücken wählen, du gehst mit ihm einkaufen und duschen, da kannst du ja wohl auch mit dem wissenschaftlichen Berater des Präsidenten reden. Doktor Seltsam wird es egal sein.«
»Weil er ein Arschloch ist.«
»Na und? Das da drüben sind alles Arschlöcher, bis auf den Präsidenten, und der ist auch ein Arschloch, nur ein nettes. Und er ist der Präsident der Familien, richtig? Er wäre schon aus Prinzip einverstanden. Das kannst du Strengloft gern von mir ausrichten. Sag ihm, der Präsident wäre begeistert. Er würde Joes Kopf signieren wie neulich diesen Baseball.«
»Ja, klar.«
»Es ist dein Gesetz, Charlie!«
»Okay, okay, okay!« Roy hatte recht. »Ich werde es versuchen.«
Während Charlie sich also Joe auf den Rücken setzte (im Schlaf wog dieses Kind das Doppelte) und Mall und Ellipse überquerte, erledigte Roy die notwendigen Anrufe, sodass Charlie am Westeingang zum Weißen Haus bereits erwartet wurde. Bei der Sicherheitskontrolle wurde Joe nur ganz behutsam abgetastet, besonders vorsichtig im Windelbereich. Dann hatten sie auch das geschafft und wurden rasch zu einem der Sitzungszimmer geführt.
Das Zimmer war leer. Charlie hatte das Weiße Haus zwar schon öfter besucht, aber hier war er noch nie gewesen. Joe lastete ihm schwer auf den Schultern.
Gleich darauf trat Dr. Zacharius Strengloft ein, der wissenschaftliche Berater des Präsidenten. Auf Umwegen hatte Charlie schon mit ihm zu tun gehabt: Bei Strenglofts Anhörung vor Phils Komitee hatte er Phil unangenehme Fragen ins Ohr geflüstert. Direkt hatten sie aber noch nie miteinander gesprochen. Während sie sich die Hand gaben, spähte Strengloft neugierig über Charlies Schulter. Charlie erklärte Joes Anwesenheit so knapp wie möglich, und Strengloft reagierte mit kaltem Wohlwollen, genau wie Charlie erwartet hatte. Für ihn war Strengloft ein wichtigtuerischer Ex-Akademiker der schlimmsten Sorte: Die Regierung hatte ihn aus den Tiefen einer zweitklassigen Denkfabrik gefischt, als ihr erster wissenschaftlicher Berater gehen musste, weil er gesagt hatte, die Erderwärmung sei real, und nicht nur das, die Menschheit könne durchaus etwas dagegen unternehmen. Das ging der Regierung nun wirklich zu weit. Sie vertrat den Standpunkt, Gegenmaßnahmen wären viel zu teuer; besser, man duckte sich weg. Sollte die nächste Generation das Problem lösen. Anders ausgedrückt: Zum Teufel mit der nächsten Generation. Es war viel einfacher, die Welt zu zerstören, als auch nur das kleinste bisschen am Kapitalismus zu ändern.
Seit Strenglofts Ernennung zeigte sich diese Haltung ganz unverhohlen. Strengloft hatte die Kandidatenlisten für sämtliche wissenschaftlichen Beratergremien der Bundesregierung an sich gezogen; die Kandidaten wurden jetzt routinemäßig gefragt, für wen sie bei der letzten Wahl gestimmt hatten und wie sie über Stammzellenforschung dachten, und über Abtreibung, und über die Evolutionslehre. Als Strenglofts Ansichten an die Öffentlichkeit drangen und heftige Kritik auslösten, lautete seine Entgegnung: »Gute Beratung lebt von einer Vielfalt der Standpunkte.« Anna kochte schon vor Wut, wenn sie nur seinen Namen hörte.
Aber wie dem auch sei, nun stand Charlie ihm gegenüber und musste mit ihm klarkommen, und zunächst einmal wirkte er durchaus freundlich.
Kaum hatten sie die einleitenden Höflichkeiten hinter sich gebracht, betrat der Präsident persönlich den Raum.
Strengloft nickte selbstgefällig, als würde er bei seiner überaus wichtigen Tätigkeit andauernd von dem Strahlemann unterstützt.
»Oh, hallo, Herr Präsident«, sagte Charlie hilflos.
»Hallo, Charles.« Der Präsident kam näher und gab ihm die Hand.
Ganz schlecht. Allerdings keinesfalls beispiellos, im Grunde nicht einmal überraschend: Der Präsident war dafür bekannt, dass er gern scheinbar zufällig in Sitzungen hineinschneite. Das gehörte zu seinem inzwischen legendären lockeren Stil.
Jetzt entdeckte er den schlafenden Joe auf Charlies Rücken und ging um Charlie herum, um ihn besser betrachten zu können. »Was ist denn das da? Sie haben Ihr Kind dabei, Charles?«
»Ja, Sir, ich bin ganz kurzfristig eingesprungen, als Dr. Strengloft um ein Treffen gebeten hat. Phil und Wade sind leider beide nicht in der Stadt.«
Der Präsident fand das offenbar lustig. »Ha! Gut gemacht. Süßes Kind. Wenn Sie mir einen Stift geben, signiere ich ihm das Köpfchen.« Auch das war typisch. »Ist es ein Mädchen oder ein Junge?«
»Ein Junge. Joe Quibler.«
»Na, großartig. Vor der Schlafenszeit noch rasch die Welt retten, was, Charles?« Lächelnd steuerte er auf den Stuhl am Fensterende des Tisches zu. Der Mitarbeiter, der ihn hierher begleitet hatte, blieb an der Tür stehen und beobachtete das Geschehen mit ausdrucksloser Miene.
Charlie fand, dass das Gesicht des Präsidenten in der Realität kleiner wirkte als im Fernsehen. Dabei war es ganz sicher von normal menschlicher Größe; es schien nur klein, eben weil man es so oft im Fernsehen sah. Zugleich wirkte es ungeheuer solide und plastisch. Sozusagen von Echtheit durchtränkt.
Seine Augen standen etwas zu dicht beieinander; das war schon vielen aufgefallen. Abgesehen davon sah er aus wie ein alternder Filmstar oder ein ehemaliges Model. Ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich erst später im Leben der Politik zugewandt hatte. Beobachter wiesen oft darauf hin, dass sein Gesicht die Merkmale mehrerer früherer Präsidenten in sich vereinte. Das Ergebnis war nichtssagend, wirkte aber vertraut und damit beruhigend. Hinzu kam etwas leicht Altertümliches und ein gewisser nervöser Charme.
Im Augenblick blickte er so gut gelaunt drein wie jedermanns Lieblingsonkel. »Dann sind Sie also aus dem Stand verdonnert worden.« Im nächsten Moment hob er die Hand, damit niemand sprach, und sagte fast flüsternd: »Tut mir leid – soll ich flüstern?«
»Nein, Sir, nicht nötig«, versicherte Charlie ihm in normaler Lautstärke. »Er schläft tief und fest. Achten Sie einfach gar nicht auf ihn.«
Der Präsident lächelte. »Ein Jedimeister auf dem Rücken, was?«
Charlie nickte und lächelte, um seine Überraschung zu verbergen. In bestimmten Kreisen wurde gern darüber spekuliert, wie dumm der Präsident wohl wirklich war, aber Charlie hatte schon immer zu der kleinen Minderheit derer gehört, die ihm eine an Genialität grenzende Durchtriebenheit zubilligten. Diese persönliche Begegnung bestätigte ihn darin. Der Typ war kein Dummkopf. Und immerhin so cool, dass er eine Anspielung auf einen Film zustande brachte. Unwillkürlich entspannte Charlie sich etwas.
»Das ist nett, Charles«, sagte der Präsident. »Also fangen wir an, ja? Dr. S. hat mich heute Morgen über das geplante Treffen informiert, und da dachte ich mir, ich schaue kurz selbst vorbei, denn ich mag Phil Chase wirklich sehr. Wenn ich das richtig verstehe, will er jetzt durchsetzen, dass wir mit dem Weltklimarat zusammenarbeiten. Sein Gesetz würde uns sogar dazu verpflichten, alles umzusetzen, was dieser an Maßnahmen empfiehlt, egal, was es ist. Dabei ist das ein Gremium der Vereinten Nationen.«
»Nun ja.« Charlie schaltete in seinen diplomatischsten Modus. Dabei war ihm nur allzu bewusst, dass er sagen konnte, was er wollte, der abwesende Phil würde sich in jedem Fall über ihn ärgern. Denn eigentlich sollte nur Phil persönlich mit dem Präsidenten über diese Fragen reden. »Ganz so würde ich es nicht ausdrücken, Herr Präsident. Wie Sie wissen, hat das Senatskomitee für auswärtige Beziehungen in diesem Jahr mehrere Anhörungen durchgeführt, und die Aussagen haben Phil davon überzeugt, dass tatsächlich eine globale Veränderung des Klimas stattfindet. Und dass das ein ernstes Problem darstellt. Ein sehr ernstes. Dass es vielleicht sogar fast zu spät ist.«
Der Präsident blickte zu Strengloft hinüber. »Würden Sie dem zustimmen, Dr. S.?«
»Die beobachtete Erwärmung scheint real zu sein, darüber besteht offenbar Konsens. So weit sind wir uns also einig.«
Der Präsident sah wieder Charlie an. »Das ist auf jeden Fall schon mal gut«, sagte dieser. »Wichtig ist aber nun die Frage, was daraus folgt – Sie wissen schon, ob wir versuchen sollen, etwas dagegen zu unternehmen.« Charlie fasste kurz die allseits bekannten Fakten zusammen. Durchschnittstemperaturen schon um über 3 Grad erhöht. CO2-Gehalt der Atmosphäre bei über 600 ppm, verglichen mit 280 ppm vor der industriellen Revolution; innerhalb der nächsten zehn Jahre wurde ein Anstieg auf 1000 erwartet, der höchste Wert der letzten siebzig Millionen Jahre. Dazu die lange Lebensdauer der Treibhausgase, in der Größenordnung von mehreren tausend Jahren.
Ganz kurz erwähnte er noch das Absterben der Korallenriffe mit seinen schwerwiegenden Konsequenzen für die Ökosysteme der Meere. »Noch ein wichtiger Punkt ist, dass sich das Klima durchaus plötzlich ändern kann, Herr Präsident. In manchen Szenarien bewirkt die allgemeine Erwärmung eine starke Abkühlung auf der Nordhalbkugel, besonders in Europa. Wenn das passiert, könnte Europa zu einer Art Yukon Asiens werden.«
»Wirklich!«, sagte der Präsident. »Und wäre das so schlimm? Nur ein Scherz natürlich.«
»Natürlich. Haha.«
Der Präsident blickte ihn gespielt verärgert an. »Gut, Charles, das mag ja alles zutreffen, aber es steht doch gar nicht fest, dass diese Dinge durch menschlichen Einfluss verursacht werden. Habe ich nicht recht?«
»Nein, Sir«, widersprach Charlie hartnäckig. »Der Kohlenstoff, den wir verbrennen, unterscheidet sich von dem, der vorher schon da war. Also steht es durchaus fest. Natürlich kann man auch sagen, es steht nicht völlig fest, dass morgen die Sonne aufgeht, und in sehr eingeschränktem Sinn wäre das wahr, aber ich wette mit Ihnen, dass sie sehr wohl aufgehen wird.«
»Verführen Sie mich jetzt nicht zum Glücksspiel.«
»Und außerdem, Herr Präsident: Wenn es darum geht, eine Katastrophe zu verhindern, zögert man die entscheidenden Maßnahmen nicht nur deshalb hinaus, weil man nicht zu hundert Prozent sicher ist, ob es wirklich zur Katastrophe kommen wird. Denn zu hundert Prozent ist man nie sicher, und einige der möglichen Folgen sind einfach zu ernst, um noch länger abzuwarten.«
Der Präsident runzelte die Stirn, und Strengloft warf ein: »Charlie, Sie wissen genau, dass das Vorsorgeprinzip aus der Versicherungsmathematik hier überhaupt nicht anwendbar ist, weil sich weder das Risiko noch die Höhe der Prämien berechnen lassen. Schon darum haben wir uns bei den Gesprächen im Rahmen der UN immer allen Beiträgen verweigert, die auf diesem Prinzip beruhen. Wenn ihr über das Vorsorgeprinzip oder ökologische Fußabdrücke reden wollt, haben wir gesagt, nehmen wir gar nicht erst teil. Und zwar aus gutem Grund. Diese Begriffe sind einfach nicht wissenschaftlich fundiert.«
Der Präsident nickte auf eine Art, die »Das war’s dann« besagte, ein Nicken, das Charlie aus vielen Pressekonferenzen vertraut war. »Ein Fußabdruck ist doch sowieso ein ziemlich simples Maß für derart komplexe Dinge«, sagte er.
»Das ist ja nur der Name, Herr Präsident«, entgegnete Charlie. »Für einen sehr sinnvollen ökonomischen Index. Unser Ressourcenverbrauch wird umgerechnet auf die Landfläche, die nötig wäre, um diese Ressourcen zu erzeugen. Das Ganze ist sogar ziemlich lehrreich«, und er erklärte schnell, wie die Berechnung funktionierte. »Diese Zahlen sind einfach nützlich. So wie es gut ist, über den eigenen Kontostand Bescheid zu wissen. Und es verrät uns, dass Amerika die Ressourcen einer zehnmal größeren Landfläche verbraucht. Mit anderen Worten, wenn jeder auf der Welt so leben wollte wie wir, und wenn man bedenkt, dass die Bevölkerungsdichte vielerorts höher ist als bei uns, bräuchten wir vierzehn Erden, um uns alle zu versorgen.«
»Na, hören Sie mal, Charlie«, widersprach Dr. Strengloft. »Als Nächstes verlangen Sie noch, dass wir das Bhutan’sche Bruttonationalglück einführen. Das ist doch etwas für kleine Länder. Bei uns würde es nie funktionieren. Wir sind schließlich die Hypermacht. Und die CO2-Gegner haben auch nur ihre eigenen Interessen im Sinn. Sie mögen ja auf deren Argumente hereinfallen, aber CO2 ist kein Gift, sondern ein natürlicher Bestandteil der Atmosphäre. Pflanzen brauchen es sogar. Als der CO2-Gehalt das letzte Mal gestiegen ist, hat die Landwirtschaft eine Blütezeit erlebt. Die Norweger haben Grönland besiedelt, und die allgemeine Lebenserwartung ist gestiegen.«
»Vermutlich weil die Pest vorbei war«, sagte Charlie.
»Na, vielleicht ging die Pest ja zu Ende, weil der CO2-Gehalt gestiegen war.«
Charlie merkte, dass ihm die Kinnlade herunterfiel.
»CO2, das sind die Bläschen in meinem Sodawasser«, erklärte ihm der Präsident freundlich.
»Stimmt.« Charlie riss sich zusammen. »Aber ein Treibhausgas ist es trotzdem. Es hält Wärme zurück, die sonst ins Weltall entweichen würde. Und wir pumpen jedes Jahr zwei Milliarden Tonnen mehr in die Atmosphäre. Das ist so, als würden Sie etwas in Ihren Auspuff stopfen, Sir. Ihr Auto würde sich dann auch aufheizen. Die Wissenschaftler sind sich einig, dass dieses CO2 eine signifikante Erderwärmung verursachen wird. Schon verursacht hat.«
»Unseren Modellen zufolge liegen die Temperaturänderungen der letzten Zeit im Rahmen der natürlichen Schwankungsbreite«, erwiderte Dr. Strengloft. »In der Stratosphäre ist die Temperatur sogar gesunken, und die durchschnittliche Lufttemperatur ist achtzehn Jahre lang unverändert geblieben. Das ist alles sehr komplex. Aber wir behalten es natürlich im Auge, und wir werden auf die bestmögliche und kosteneffizienteste Weise darauf reagieren. Übrigens haben wir schon sehr effektive Vorsichtsmaßnahmen beschlossen. Der Präsident hat die amerikanische Wirtschaft aufgefordert, die Zunahme des CO2-Ausstoßes auf ein Drittel des Wirtschaftswachstums zu beschränken.«
»Aber dieses Verhältnis von Emission zu Wachstum haben wir doch jetzt schon.«
»Ja, aber der Präsident ist noch einen Schritt weiter gegangen. Er hat die amerikanische Wirtschaft gebeten, diese Rate innerhalb der nächsten zehn Jahre um achtzehn Prozent zu senken. Ein solcher wachstumsbasierter Ansatz fördert die Entwicklung neuer Technologien und zugleich die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern, auf die wir beim Klimaschutz schließlich angewiesen sind.«
Während der Präsident ihn erwartungsvoll ansah, um zu hören, was er auf diesen Blödsinn antworten würde, spürte Charlie, wie sich Joe auf seinem Rücken regte. Als wäre die Lage nicht schon kompliziert genug. Der Präsident und sein wissenschaftlicher Berater hatten offenbar gar nicht vor, sich mit den Details von Phils Gesetzentwurf zu befassen; stattdessen stellten sie dessen Grundgedanken infrage. Charlie verabschiedete sich von der Hoffnung, der Präsident wäre zu ihnen gestoßen, um in echte Verhandlungen einzusteigen.
Und Joe wurde definitiv unruhig. Wie üblich lehnte sein Gesicht seitlich an Charlies Nacken; nun schloss er die Lippen um eine der Sehnen dort, wie er es im Schlaf manchmal tat, und begann rhythmisch daran zu saugen. Als hätte er einen Schnuller im Mund. Normalerweise fand Charlie das herzerwärmend, es waren besonders mütterliche Momente in seinem Leben als Mr. Mom. Jetzt musste er diese Gefühle verdrängen und versuchen, trotzdem weiterzureden.
»Wir sollten sehr genau darauf achten, auf welche Wissenschaftler wir in diesen Fragen hören«, sagte der Präsident gerade.
Joe traf eine besonders kitzlige Stelle. Charlie musste lächeln, verzog aber sofort das Gesicht, damit es nicht so aussah, als fände er diese zweischneidige Aussage amüsant.
»Das stimmt selbstverständlich, Herr Präsident. Aber inzwischen spricht sich ein breites Spektrum wissenschaftlicher Organisationen für entschlossenes Handeln aus. Ganz abgesehen von den vielen Regierungen, den Vereinten Nationen, den NGOs, den Universitäten. Insgesamt sind es rund siebenundneunzig Prozent aller Wissenschaftler, die sich je zu dem Thema geäußert haben.« Alle außer denen in den Denkfabriken und Expertengruppen der äußersten Rechten, hätte er gern ergänzt, alle außer den pseudowissenschaftlichen Speichelleckern wie dein Dr. Strengloft, der für Geld alles sagen würde – aber er biss sich auf die Zunge und versuchte es erneut. »Stellen Sie sich die Erde einmal als einen Ballon vor, Herr Präsident. Und die Hülle des Ballons ist die Atmosphäre. Damit diese Hülle im gleichen Größenverhältnis zum Ballon steht wie die Atmosphäre zur Erde, müsste der Ballon so groß sein wie eine Basketball.« In dem Moment klang das nicht einmal in seinen eigenen Ohren einleuchtend; dabei war es eigentlich eine gute Analogie. »Worauf ich hinaus will, Sir: Die Atmosphäre ist wirklich sehr, sehr dünn. Wir wären durchaus fähig, ihre Zusammensetzung stark zu verändern.«
»Das bestreitet ja niemand, Charles. Aber haben Sie nicht eben selbst gesagt, dass das CO2 ganze sechshundert Teilchen von einer Million ausmacht? Also angenommen, die Hülle Ihres Ballons steht für dieses CO2 und die Luft im Innern für den Rest der Atmosphäre, dann müsste der Ballon schon ein ganzes Stück größer sein als ein Basketball, richtig? Eher so groß wie der Mond, oder?«
Strengloft schnaubte beglückt und ging zu dem Computer, der auf einem Schreibtisch in der Ecke stand; ganz sicher wollte er ausrechnen, wie groß der Ballon im Vergleich des Präsidenten nun ganz genau sein müsste. Charlie wurde plötzlich klar, dass Strengloft selbst nie auf dieses Gegenargument gekommen wäre – und auf einmal verstand er eine ganze Reihe von Menschen, die ihm früher Rätsel aufgegeben hatten. Ganz offensichtlich konnten intelligente Menschen ungeheuer beschränkt sein, und angeblich beschränkte ausgesprochen scharfsinnig.
»Zugegeben, Sir, sehr gut«, sagte er. »Aber nun stellen Sie sich diese CO2-Hülle als eine Art Glasschicht vor, die zwar Licht durchlässt, aber Wärme im Inneren festhält. Denn genau das tut sie. Und diese Eigenschaft ist entscheidender als die Dicke der Schicht.«
»Dann macht es ja vielleicht gar nicht so viel aus, wenn sie noch dicker wird«, erwiderte der Präsident freundlich. »Wissen Sie, Charles, solche phantasievollen Vergleiche sind ja schön und gut, aber Tatsache ist doch, dass wir die Zunahme der Emissionen erst einmal abbremsen müssen, bevor wir sie zum Stillstand bringen oder gar den Trend umkehren können.«
Genau das Gleiche hatte der Präsident kürzlich auf einer Pressekonferenz gesagt. Strengloft nickte strahlend; vielleicht stammte der Satz von ihm. Dass man tatsächlich so absurd stolz darauf sein konnte, einem aufgeweckten Präsidenten dumme Sätze zu liefern, kam Charlie plötzlich nur noch komisch vor. Er war froh, dass Anna nicht bei ihm war, denn in solchen Momenten konnten sie beim kleinsten Blickwechsel wie Kinder in lautes Gelächter ausbrechen. Schon die Vorstellung hätte ihn fast zum Lachen gebracht.
Rasch verbannte er jeden Gedanken an seine Frau und ihren wundervollen Sinn für Humor aus seinem Kopf. Ganz kurz hatte er auch noch ein absurdes Bild vor Augen, in dem sein Nacken zu einer ihrer Brüste wurde, denn Joe saugte jetzt immer gieriger daran. Es wurde höchste Zeit für sein Fläschchen.
Trotzdem bemühte Charlie sich weiter. »Das Ganze ist einfach jetzt schon sehr dringend, Sir. Und es hat nur Vorteile, wenn wir eine Führungsrolle übernehmen. In ökonomischer Hinsicht wäre es ungeheuer nützlich, bei Klimaschutz und biodiversitätsfreundlicher Infrastruktur an vorderster Front mitzuspielen. Das sind Wachstumsbranchen mit ungeahntem Potenzial. Es sind die Technologien der Zukunft.«
Joe saugte sich vollends an seinem Nacken fest. Charlie fröstelte. Keine Frage, da hatte jemand Hunger. Wenn Joe beim Aufwachen nicht gleich ein Fläschchen Muttermilch oder Babynahrung bekam, würde er verrückt spielen. Charlie konnte ihn jetzt unmöglich wecken, ohne eine Katastrophe auszulösen. Leider tat das Saugen allmählich weh. Er vergaß, was er sagen wollte, und bewegte unwillkürlich die Schulter. Ein leises Schnauben entwich ihm, begleitet von einem Kichern. Schnell versuchte er, beides als ersticktes Husten zu tarnen.
»Was ist los, Charles, wird der Kleine wach?«
»Nein, nein, Sir, der schläft noch. Nur ein bisschen unruhig … aah! Die Sache ist die: Wenn wir diese Probleme nicht augenblicklich angehen, wird alles andere bald keine Rolle mehr spielen. Es wird dann überhaupt keine guten Lösungen mehr geben.«
»Das klingt mir aber sehr nach Panikmache«, sagte der Präsident mit onkelhafter Miene. »Immer schön ruhig bleiben. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist nun mal der Schlüssel zu ökologischem Fortschritt. Das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.«
»Nachhaltig – ah!«
»Wie bitte?«
Charlie unterdrückte erneut ein Kichern. »Nachhaltig! Sir. Genau!«
»Wir müssen die Kräfte des Marktes nutzen«, sagte Strengloft und schwatzte im gewohnten Stil drauflos, offenbar ohne etwas von Charlies Problem zu bemerken. Der Präsident dagegen beobachtete ihn genau. Kräftiges Kauen. Charlie lief ein Schauder über den Rücken. Er zwang sich, seinen Sohn nicht wegzuschubsen, wie er eine lästige Mücke verscheucht hätte. Die Finger seiner rechten Hand begannen zu kribbeln. Er versuchte Joe abzuschütteln, indem er vorsichtig die Schulter hob. Hartnäckig wie ein Blutegel. Anna musste ihm manchmal die Nase zuhalten, damit er ihre Brust freigab. Jetzt bloß nicht daran denken.
»Wenn wir mit unseren Maßnahmen zu weit gehen«, sagte der Präsident, »saugen wir der Wirtschaft das Leben aus, Charles. Vielleicht sollten Sie mal darauf herumkauen. Wir bleiben ja dran. Bissen für Bissen. Ich bin da wie der sprichwörtliche Hund mit dem Knochen! Die Leute von der Umweltlobby führen sich auf wie Schweine am Trog. Aber wir werden sie entwöhnen, auch wenn es ihnen nicht gefällt, denn sie müssen nun einmal lernen, dass man sich nicht immer den Magen vollschlagen …«
Charlie brach in schallendes Gelächter aus.
© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vierzig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel
