3 | Intellektueller Wert

von Kim Stanley Robinson

Das Wasser der Ozeane bewegt sich in sta­bi­len, wie­der­keh­ren­den Bahnen, die durch die Corioliskraft und die heu­tige Lage der Kontinente bestimmt sind. Oft ver­lau­fen Oberflächenströmungen und Tiefenströmungen in ent­ge­gen­ge­setzte Richtungen, wodurch rie­sige Förderbänder für Wasser ent­ste­hen. Das größte davon ist seit Langem berühmt, zumin­dest in Teilen: Der Golfstrom ist ein Abschnitt einer warmen Oberflächenströmung, die sich in nörd­li­cher Richtung durch den gesam­ten Atlantik bis nach Norwegen und Grönland zieht. Dort kühlt das Wasser ab, sinkt nach unten und beginnt seine lange Reise am Boden des Atlantik ent­lang Richtung Süden bis zum Kap der Guten Hoffnung, von dort ost­wärts nach Australien und in den Pazifik, wo das Wasser wieder nach oben steigt, der Oberflächenströmung nach Westen in den Atlantik folgt und sich dann auf den langen Weg nach Norden macht. Für die gesamte Rundreise braucht ein Wassermolekül unge­fähr tau­send Jahre.

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Salzwasser sinkt beim Abkühlen schnel­ler ab als Süßwasser. Wenn die Wolken, die über dem Golf von Mexiko ent­ste­hen, vom Passat über Mittelamerika hinweg zum Pazifik geweht werden und erst dort abreg­nen, erhöht sich im Atlantik der Salzgehalt des Wassers. Im Nordatlantik sinkt das abge­kühlte Wasser also recht schnell, und das stärkt den Golfstrom. Sollte der Salzgehalt im Oberflächenwasser des Nordatlantik rasch abneh­men, würde es weni­ger schnell sinken, und das Förderband geriete ins Stocken. Der Golfstrom würde lang­sa­mer flie­ßen und sich weiter nach Süden ver­la­gern. Das Wetter auf der gesam­ten Nordhalbkugel würde sich ändern, es würde trocke­ner und win­di­ger und an man­chen Orten auch kälter werden, ins­be­son­dere in Europa.

Dass der Salzgehalt im Nordatlantik plötz­lich abnimmt, mag unwahr­schein­lich klin­gen, aber es ist schon vor­ge­kom­men. Am Ende der letz­ten Eiszeit zum Beispiel ent­stan­den beim Abschmelzen der pola­ren Eiskappen rie­sige flache Seen, die irgend­wann die letz­ten Eiswälle durch­bra­chen und sich in die Meere ergos­sen. Einige der Narben, die diese kata­stro­pha­len Flutwellen in Nordamerika hin­ter­las­sen haben, sind bis heute zu erken­nen: der Mississippi, der Hudson, der Sankt-Lorenz-Strom. Durch die Wassermassen geriet das Förderband der Meeresströmungen ins Stocken, und in der Folge änderte sich das Klima auf der ganzen Welt, zum Teil inner­halb von nur drei Jahren.

Heute schmilzt das grön­län­di­sche Eisschild in raschem Tempo, und das ark­ti­sche Packeis zer­bricht in Eisberge. Wird dieser Zustrom von Süßwasser in den Nordatlantik dazu führen, dass der Golfstrom erneut zum Stillstand kommt?

* * * * *

Frank Vanderwal hatte das leicht maka­bre Hobby, in Sachen Klimawandel auf dem Laufenden blei­ben zu wollen. Sein Freund Kenzo Hayakawa, ein ehe­ma­li­ger Wohngenosse aus Studienzeiten, hatte eine Zeit lang bei der NOAA gear­bei­tet, der Bundesbehörde, die für Wettervorhersagen zustän­dig war, bevor er zu dem Meteorologenteam im achten Stock der NSF gesto­ßen war. Frank schaute ab und zu bei ihm vorbei, sagte Hallo und fragte ihn, was es Neues gab. In der Welt da drau­ßen ging es wild zu. Extremwetterereignisse traten immer häu­fi­ger auf, die kurzen und hef­ti­gen fast täg­lich, die chro­ni­schen so dicht gedrängt, dass kaum ein Tag ohne Meldung ver­ging. Hyperniño, schwere Dürren in Indien und in Peru, Waldbrände durch Blitzeinschlag in Malaysia; dazu mal ein Taifun, der fast ganz Mindanao zer­störte, mal ein Frosteinbruch, der über­all in Texas Rohre plat­zen und die Pflanzen auf den Feldern erfrie­ren ließ, und der­glei­chen mehr. Jeden Tag etwas ande­res.

Wie viele Klimatologen, die Frank kannte, listete auch Kenzo diese Meldungen mit unter­schwel­li­gem Besitzerstolz auf, als wäre er per­sön­lich für das Wetter zustän­dig. Er hatte eine Vorliebe fürs Extreme und freute sich, wenn es wieder etwas zu berich­ten gab – natür­lich beson­ders dann, wenn es seine Theorie bestä­tigte, dass sich der Monsunrhythmus auf­grund der men­schen­ge­mach­ten Erwärmung der Atmosphäre bereits unwi­der­ruf­lich ver­än­dert hatte, mit Folgen für die gesamte Erde; was eigent­lich immer zutraf. Diese Woche zum Beispiel ver­kün­dete er, dass Tornados nicht mehr nur in Nordamerika auf­tra­ten – wo sie durch sehr spe­zi­elle topo­gra­phi­sche Gegebenheiten in bestimm­ten Breiten des Kontinents begün­stigt wurden –, son­dern neu­er­dings auch in Ostafrika und Zentralasien. Letzte Woche war es die Entdeckung, dass die welt­wei­ten groß­räu­mi­gen Meeresströmungen auch im Indischen Ozean schwä­cher wurden.

Frank sagte dar­auf­hin meist: »Unglaublich.«

»Ich weiß. Verrückt, oder?«

Bei einer ande­ren Nachrichtenquelle schaute Frank meist am Feierabend auf dem Weg nach Hause vorbei: einem klei­nen Raum voller Aktenschränke und Kopiergeräte, der inof­fi­zi­ell als »Abteilung für uner­freu­li­che Statistiken« bekannt war. Irgendjemand hatte einmal damit begon­nen, dort zurück­ge­blie­bene Kopien inter­es­san­ter Statistiken oder ande­rer aktu­el­ler Forschungsergebnisse an die Wände zu kleben. Wer die Tradition begrün­det hatte, wusste nie­mand; mitt­ler­weile betei­lig­ten sich jeden­falls viele daran.

Auf den älte­sten Aushängen waren vor allem Schlagzeilen zu sehen, zum Beispiel:

WELTBANKPRÄSIDENT: VIER MILLIARDEN LEBEN VON WENIGER ALS ZWEI DOLLAR AM TAG

oder

AMERIKA: ZWEI PROZENT DER WELTBEVÖLKERUNG, SIEBZIG PROZENT DER UNTERNEHMENSANTEILE

Später waren Grafiken oder Tabellen aus wis­sen­schaft­li­chen Zeitschriften hin­zu­ge­kom­men, manch­mal auch kurze Artikel.

Als Frank an diesem Tag vor­bei­schaute, stand wieder einmal Edgardo neben der Kaffeemaschine und betrach­tete den neue­sten Aushang. Es war eine Schlagzeile:

KANADISCHES ERNÄHRUNGSPROGRAMM: DIE 352 REICHSTEN MENSCHEN BESITZEN GENAUSO VIEL WIE DIE ZWEI MILLIARDEN ÄRMSTEN

»Das kann nicht stim­men«, meinte Edgardo.

»Warum nicht?«, fragte Frank.

»Die zwei Milliarden Ärmsten besit­zen gar nichts, den drei­hun­dert­zwei­und­fünf­zig Reichsten gehört ein hoher Prozentsatz des welt­wei­ten Kapitals. Um da her­an­zu­rei­chen, bräuchte es eher vier Milliarden Arme.«

Während er sprach, kam Anna herein und ging zum Kopierer. Dabei rümpfte sie ein wenig die Nase; wie Frank bereits wusste, mochte sie diese Art von Gesprächen nicht. Vermutlich störte es sie, wenn stän­dig offen­sicht­li­che Tatsachen wie­der­holt wurden. Oder aber sie traute den Daten nicht. Vielleicht stammte der Aushang von ihr, auf dem nur ein kurzes Zitat zu lesen war: »72,8 % Prozent aller Statistiken sind frei erfun­den.«

Um sie ein wenig zu ärgern, fragte Frank: »Was sagst du dazu, Anna?«

»Wozu?«

Edgardo deu­tete auf die Schlagzeile und erklärte, was er ein­zu­wen­den hatte.

»Ich weiß nicht«, sagte Anna. »Sieben Größenordnungen sind eine Menge. Vielleicht kommt man ja doch auf den glei­chen Wert wie für die reich­sten Dreihundert, wenn man zwei Milliarden kleine Haushalte zusam­men­zählt.«

»Nicht bei diesen drei­hun­dert. Hast du dir mal die letzte Forbes-Liste ange­schaut?«

Anna schüt­telte unge­dul­dig den Kopf, als wollte sie sagen: Natürlich nicht, warum sollte ich darauf meine Zeit ver­schwen­den. Aber Edgardo war ein ein­ge­fleisch­ter Beobachter der Börsenkurse und der ganzen Finanzwelt. Er tippte auf einen ande­ren Aushang. »Jeder ame­ri­ka­ni­sche Arbeiter erzeugt im Durchschnitt einen Mehrwert von drei­und­drei­ßig Dollar pro Stunde.«

»Ich frage mich, wie dieser Mehrwert defi­niert ist«, sagte Anna.

»Gewinn«, meinte Frank.

Edgardo schüt­telte den Kopf. »Gewinn kann man durch krea­tive Buchführung aus der Welt schaf­fen, aber der Mehrwert ändert sich dabei nicht. Es ist der durch Arbeit pro­du­zierte Wert, der über die Arbeitskosten hin­aus­geht.«

»Hier hing mal eine Statistik, nach der ame­ri­ka­ni­sche Arbeiter im Durchschnitt 1950 Stunden pro Jahr arbei­ten«, sagte Anna. »Das kam mir auch frag­wür­dig vor, es wären neun­und­vier­zig Wochen lang vier­zig Stunden pro Woche.«

»Drei Wochen Urlaub im Jahr«, sagte Frank. »Das ist doch normal.«

»Ja, aber im Durchschnitt? Was ist mit all den Leuten, die in Teilzeit arbei­ten?«

»Vermutlich gibt es ent­spre­chend viele, die Überstunden machen.«

»Kann das sein? Ich dachte, Überstunden gehö­ren der Vergangenheit an.«

»Du machst doch stän­dig Überstunden.«

»Ja, aber die kriege ich nicht bezahlt!«

Die Männer lach­ten.

»Sie hätten den Median benut­zen sollen«, sagte Anna. »Mit dem Mittelwert als Lagemaß bekommt man oft ein ver­zerr­tes Bild. Jedenfalls, danach würde ein durch­schnitt­li­cher Arbeiter pro Jahr« – im Kopfrechnen war Anna sehr gut – »vier­und­sech­zig­tau­send­drei­hun­dert­fünf­zig Dollar Mehrwert erwirt­schaf­ten. Falls man den Zahlen trauen kann.«

»Wie hoch ist das Durchschnittseinkommen?«, fragte Edgardo. »Dreißigtausend?«

»Könnte noch weni­ger sein«, sagte Frank.

»Wissen wir ein­fach nicht«, sagte Anna.

»Sagen wir drei­ßig, und wie viel Steuern zahlen die Leute im Durchschnitt?«

»Ungefähr zehn? Oder weni­ger?«

»Sagen wir zehn«, meinte Edgardo. »Mal sehen. Von drei lau­si­gen Wochen abge­se­hen arbei­test du das ganze Jahr. Dabei erzeugst du einen Wert von hun­dert­tau­send Dollar. Zwei Drittel davon nimmt sich dein Boss, ein Drittel bekommst du, und von deinem Anteil geht ein Drittel an den Staat. Der Staat finan­ziert davon sämt­li­che Straßen und Schulen und Polizisten und Pensionen. Dein Boss baut sich von seinem viel grö­ße­ren Anteil einen Palast auf irgend­ei­ner Insel. Aber du beschwerst dich natür­lich über den völlig auf­ge­bläh­ten und inef­fi­zi­en­ten Big-Brother-Staat, und bei Wahlen stimmst du für die Partei der Bosse.« Er grin­ste Frank und Anna an. »Wie blöd kann man eigent­lich sein?«

Anna schüt­telte den Kopf. »So sehen es die Leute nun mal nicht.«

»Aber die Statistik beweist es!«

»Die Zahlen werden selten so mit­ein­an­der ver­gli­chen. Und die Hälfte davon hast du gerade erfun­den.«

»Die sind gut genug, sodass man das Prinzip erkennt! Aber die Leute haben eben nie gelernt, dar­über nach­zu­den­ken. Im Gegenteil, sie haben gelernt, nicht nach­zu­den­ken! Außerdem sind die mei­sten sowieso dumm.«

So weit mochte nicht einmal Frank gehen. »Es hängt doch alles daran, was für dich sicht­bar ist. Deinen Boss kannst du sehen, er zahlt dir deinen Lohn, und den siehst du auch. Kaum hast du den in der Hand, kommt der Staat und nimmt dir einen Teil davon wieder weg. Von dem Mehrwert dage­gen erfährst du erst gar nicht, der wird gleich zum Verschwinden gebracht. In den Bilanzen ver­steckt.«

»Aber über die Reichen wird stän­dig berich­tet! Dass die mehr besit­zen, als sie sich erar­bei­tet haben, sieht doch jeder – so viel kann man sich ja gar nicht erar­bei­ten.«

»Menschen ver­ste­hen nur die Dinge, die sie sinn­lich wahr­neh­men können«, beharrte Frank. »Unser Verstand ist an das Leben in der Savanne ange­passt. Jemand gibt dir Fleisch: Der ist dein Freund. Jemand nimmt dir dein Fleisch weg: Der ist dein Feind. Abstrakte Begriffe wie Mehrwert oder die Frage, wie viel ein Jahr Arbeit wert ist – das alles ist ein­fach weni­ger real als das, was du sehen und anfas­sen kannst. Die Menschen kommen nur mit dem zurecht, was sich ihnen über ihre Sinne erschließt. So hat uns die Evolution nun mal erschaf­fen.«

»Genau das sage ich doch«, erwi­derte Edgardo munter. »Wir sind dumm!«

»Ich muss wieder an die Arbeit«, sagte Anna und ging. Solche Gespräche lagen ihr wirk­lich nicht.


Frank ver­ließ den Raum gleich nach ihr und machte sich auf den Heimweg. In seinem klei­nen Brennstoffzellen-Honda fuhr er auf dem ver­stopf­ten Old Dominion Drive stadt­aus­wärts, dann über die Ringautobahn und schließ­lich zu einem Wohnblock mit dem Namen Swink’s New Mill, in dem er für sein Jahr bei der NSF eine Wohnung gemie­tet hatte.

Er parkte in der Tiefgarage der Anlage und fuhr mit dem Fahrstuhl in den drei­zehn­ten Stock. Von seiner Wohnung hatte man einen weiten Blick in Richtung Potomac; auch sonst war es eine nette Wohnung, Frank hatte sie von einem jungen Mann gemie­tet, der zur Zeit fürs Außenministerium in Brasilien war. Die spar­same Ausstattung ließ ver­mu­ten, dass der Eigentümer sie nicht allzu oft nutzte. Aber die Küche war in Ordnung, der Rest funk­tio­nal und pfle­ge­leicht, und da Frank haupt­säch­lich zum Schlafen herkam, küm­merte ihn die Einrichtung wenig.

Bei der Arbeit hatte er eine der kosten­lo­sen Zeitungen ein­ge­steckt, die dort aus­la­gen. Jetzt sah er die Kontaktanzeigen durch, eine schlechte Angewohnheit, der er schon seit Jahren anhing, fas­zi­niert von diesem Einblick in eine Welt, in der die sexu­elle Diversität radi­kale Blüten trieb. Gab es das alles wirk­lich, oder spie­gel­ten sich in den Anzeigen nur die Phantasien von Menschen, die so einsam waren wie er? Besonders ein­drucks­voll fand er die Sektion für Leute, die eine LTR such­ten, was für long-term rela­ti­on­ship, also Langzeitbeziehung stand. Suche LTR. Die Spezies Mensch hatte sich in Richtung Monogamie ent­wickelt. Diese Neigung war im Gehirn fest ver­drah­tet, keine kul­tu­relle Vorliebe, son­dern ein bio­lo­gi­scher Instinkt. Man könnte ebenso gut ein Storch sein.

Schon des­halb ant­wor­tete er nie auf eine der Anzeigen. Er war schließ­lich nur für ein Jahr hier. Da wäre es sinn­los gewe­sen, an dieser Front aktiv zu werden. Außerdem fand er viele Anzeigen schlicht abschreckend.

Ehemann gesucht: WWS, Krankenschwester, sucht arbeit­sa­men gut­aus­se­hen­den MWS für LTR. Nur gläu­bige Zeugen Jehovas.

MSS, 163, schüch­tern, etwas ernst, sucht Frau, Alter egal. Bin nicht reich oder gut­aus­se­hend, aber nett. Liebe aus­län­di­sche Filme, Oper, Theater, Musik, Bücher, stille Abende.

Die beiden würden sicher­lich nicht viele Antworten bekom­men. Den Urtext sol­cher Anzeigen hätte Frank aus dem Stand ver­fas­sen können; tat­säch­lich hatte er es einmal getan und das Ergebnis auch abge­schickt, zum Scherz natür­lich – ein paar Leute würde es schon zum Lachen brin­gen. Und wenn eine Frau es witzig genug gefun­den hätte, um anzu­ru­fen – nun, so wäre das ein Wink des Schicksals gewe­sen.

Männlicher Homo sapi­ens wünscht sich Zusammensein mit weib­li­chem Homo sapi­ens zwecks Gespräch und gegen­sei­ti­ger Fellpflege, ggf. auch Paarung und Fortpflanzung. Muss gute Laune haben und schnell laufen können.

Aber es hatte nie­mand geant­wor­tet.

Er öff­nete die Tür zum fran­zö­si­schen Balkon und trat hinaus in den schwü­len Nachmittag. Noch zwei Monate, dann ging es nach Hause, zurück zu seinem wahren Leben. Der Gedanke erin­nerte ihn an den Förderantrag von Yann Pierzinski.

Er kehrte zu seinem Laptop zurück und goo­gelte Yann, um her­aus­zu­fin­den, was dieser in letz­ter Zeit gemacht hatte. Dann öff­nete er noch einmal den Antrag. Rekursion in der Nähe des Randes … Interessant.

Schließlich rief er Derek Gaspar von Torrey Pines Generique an.

»Was gibt’s denn?«, fragte Derek nach den übli­chen Vorreden.

»Ich habe gerade einen Förderantrag von einem deiner Leute bekom­men und frage mich, ob du mir mehr dazu sagen kannst.«

»Einer meiner Leute? Wer denn?«

»Yann Pierzinski. Kennst du ihn?«

»Nie gehört. Du sagst, er arbei­tet hier?«

»Er war nur auf Zeit bei euch, in Simpsons Gruppe. Ein Postdoc von Caltech.«

»Ah, da haben wir ihn ja. Mathematiker, ein Artikel über Algorithmen in Biomathematics

»Ja, das ist bei mir auch der erste Google-Treffer.«

»Na ja, du kannst nicht erwar­ten, dass ich jeden kenne, der mal für uns gear­bei­tet hat. Das sind Hunderte, das weißt du doch.«

»Sicher, sicher.«

»Und, worum geht es in dem Antrag? Willst du ihn bewil­li­gen?«

»Das habe ich nicht zu ent­schei­den. Warten wir ab, was die Jury sagt. Aber du soll­test dir die Idee schon mal anse­hen.«

»Aha, sie gefällt dir also.«

»Sie könnte inter­es­sant sein. Schwer zu sagen. Aber setz den Mann nicht vor die Tür.«

»Laut unse­ren Unterlagen ist er schon wieder in Pasadena. Wie du schon sag­test, er war nur auf Zeit hier.«

»Ah ja. Mann, ihr habt eure Forschungsabteilung aber wirk­lich zusam­men­ge­stutzt.«

»So schlimm ist es nicht, Frank. Obwohl, auf eini­gen Gebieten geht es schon ans Eingemachte. Ein Grund mehr, warum ich froh sein werde, wenn du wieder da bist.«

»Ich arbeite aber nicht mehr für Torrey Pines.«

»Das kann sich ja ändern, wenn du wieder hier wohnst.«

»Schon mög­lich. Falls du neues Kapital auf­treibst.«

»Glaub mir, ich arbeite daran. Deshalb hätte ich dich auch so gern wieder an Bord.«

»Warten wir ab. In zwei Wochen fliege ich zu euch rüber, um mir eine Wohnung zu suchen. Dann schaue ich vorbei.«

»Gut, lass dir von Susan einen Termin geben.«

Frank legte auf, lehnte sich zurück und dachte nach. Derek war typisch für die erste Generation von CEOs in den Start-ups der Biotech-Branche. Er hatte ursprüng­lich dem Fachbereich Biologie der University of California San Diego ange­hört und sich seinen Geschäftssinn erst erar­bei­ten müssen. Manchen gelang das, ande­ren nicht, aber allen war gemein­sam, dass sie dabei auf wis­sen­schaft­li­chem Gebiet ins Hintertreffen gerie­ten. Bei der Frage, was in einem Labor tat­säch­lich mach­bar war, muss­ten sie sich auf andere ver­las­sen. Auch Derek brauchte offen­bar guten Rat, was die Firmenstrategie betraf.

Frank wandte sich erneut dem Förderantrag zu. Wie all­ge­mein üblich, waren manche Teile des Algorithmus aus­ge­spart, aber wel­ches Potenzial der Ansatz hatte, war trotz­dem zu erken­nen. Vorhin war ihm schon eine Idee gekom­men, wie man eine der Lücken in Pierzinskis Antrag schlie­ßen könnte …

»Hmmm.«

Da müsste sich doch etwas arran­gie­ren lassen. Wenn er erst wieder in San Diego war. Natürlich gab es auch Hürden. Die NSF behielt sich bei allen bewil­lig­ten Anträgen das Recht vor, der Öffentlichkeit Zugriff zu gewäh­ren. Das begrenzte den Nutzen, den die Antragsteller aus den Ergebnissen ihrer Arbeit ziehen konn­ten. Eine Entdeckung unter Verschluss zu halten, war nur mög­lich, wenn sie ohne staat­li­che Fördermittel ent­stan­den war.

Außerdem wurde in dem Antrag Pierzinskis Betreuer am Caltech als Erstautor genannte; was dessen übli­che Methode war, von der Arbeit seiner Studierenden zu schma­rot­zen. Die Rechte an allem, was aus dem Projekt her­vor­ging, würden somit bei diesem Erstautor und bei Caltech liegen, und zwar auch dann, wenn Pierzinski den Arbeitsplatz wech­selte. Angenommen, Pierzinski kehrte tat­säch­lich zu Torrey Pines Generique zurück: Für die Firma wäre es dann am besten, wenn der Förderantrag abge­lehnt wurde. Denn in dem Fall gingen, sollte der Algorithmus funk­tio­nie­ren und paten­tiert werden, alle Gewinne an Torrey Pines. Und ein sol­ches Patent konnte Milliarden ein­brin­gen.

Diese Überlegungen mach­ten Frank nervös; er sprang auf und mar­schierte zwi­schen Balkon und Laptop hin und her. Dann fiel ihm ein, dass er eigent­lich sowieso zu den Wasserfällen wollte. Er holte seine Kletterausrüstung aus dem Schrank, zog sich um und fuhr wieder zum Auto hin­un­ter.


Die Great Falls of the Potomac waren eine lange, unüber­sicht­li­che Folge von Wasserfällen und Stromschnellen mit ein paar ein­ge­streu­ten Inseln. Die Wolke aus feinem Sprühwasser, die stän­dig über den Fällen hing, schien Wasserdampf zu binden; der Boden war zwar nass und bemoost, aber die Luftfeuchtigkeit war para­do­xer­weise nied­ri­ger als anderswo.

Frank mar­schierte am Rand der Schlucht ent­lang fluss­ab­wärts. Die Mathers Gorge begann unter­halb der Stromschnellen, wo das Wasser wieder ruhi­ger floss; sie war ein tiefer Einschnitt mit einer stei­len Südwand, die viele Kletterer anzog. Man seilte sich von oben zum Fluss hin­un­ter ab und klet­terte dann wieder hinauf, mit dem oben befe­stig­ten Seil als Sicherung. Franks Lieblingsstelle war Carter Rock.

Hier gab es etwa genauso viele Einzelkletterer wie Zweierteams. Einige klet­ter­ten sogar Free Solo, ohne jede Sicherung. Da war Frank schon etwas vor­sich­ti­ger.

Die weni­gen begeh­ba­ren Routen erkannte man schon an den Resten des weißen Puders, das die Kletterer hin­ter­lie­ßen. Über dem Fluss und der Schlucht erstreckte sich ein Streifen freier Himmel, in D. C. eine Seltenheit. Schon des­we­gen war dies in Franks Augen ein schö­ner Ort: eine Kletterwand, gleich dane­ben Wasser und dar­über der Himmel. Die klau­stro­pho­bi­schen Laubwälder gehör­ten zu den Dingen, die Frank an der Ostküste nicht leiden konnte. Er sehnte sich hier oft nach freiem Blick über offene Landschaft.

Während er sich zu dem Häuflein großer Felsbrocken am Fuß der Klippe abseilte, die Hände mit Chalk ein­rieb und an dem fein­kör­ni­gen Schiefergestein hin­auf­zu­klet­tern begann, bes­serte sich seine Stimmung. Seine gesamte Aufmerksamkeit galt jetzt seiner Umgebung. Diesen Zustand erreichte er nur beim Klettern; mathe­ma­ti­sche Arbeit kam dem zwar nahe, führte ihn aber weg von allen realen Orten. Jetzt dage­gen war er genau hier, an dieser Felswand.

Seine heu­tige Route kam nur an einer Schlüsselstelle auf 5,8 bis 5,9, anderswo lag sie deut­lich dar­un­ter. Wirklich schwie­rige Abschnitte waren hier selten, aber darauf kam es gar nicht an. Auch das unauf­hör­li­che Dröhnen und der Sprühnebel waren neben­säch­lich. Wichtig war nur das Klettern.

Den Großteil der Arbeit lei­ste­ten seine Beine. Tritte finden, die Füße in den Kletterschuhen in Ritzen schie­ben oder auf Vorsprünge setzen, nach Griffen suchen. Klettern schenkte einem das Glück völ­li­ger Konzentration, es war fast wie eine Andachtsübung oder ein Gebet. Oder eben eine Tätigkeit, bei der man auf die unüber­trof­fe­nen Fähigkeiten zurück­griff, die im Kleinhirn eines jeden Primaten gespei­chert waren.

Inzwischen war es Abend, ein schwü­ler Sommerabend kurz vor Sonnenuntergang, die Luft schim­merte gelb­lich. Frank kam oben an und setzte sich auf die Kante. Der Schweiß auf seinem Gesicht wollte nicht ver­dun­sten.

Auf dem Fluss fuhr jemand Kajak. Eine Frau, ver­mu­tete er, auch wenn sie einen Helm trug und breite Schultern und eine flache Brust hatte. Sie pad­delte geschmei­dig fluss­auf­wärts bis zu der Stelle, wo das zischende Schäumen wieder zu Wasser wurde. Gleich dar­über begann eine steile Stromschnelle.

Mit kräf­ti­gen Paddelschlägen arbei­tete sich die Kajakfahrerin in den auf­ge­wühl­ten Bereich vor, hielt ihre Position gegen die Strömung und betrach­tete die Stromschnelle. Dann pad­delte sie ein glat­tes Stück Fluss hinauf, das wie eine Rampe mitten durch den Aufruhr zu einem ebenen Absatz aus schäu­men­dem Weiß führte. Dort ruhte sie sich erneut aus, hielt nur ihre Höhe, sam­melte wie ein wan­dern­der Lachs ihre Kraft für den näch­sten Anstieg.

Abrupt ver­ließ sie den fla­chen Bereich, arbei­tete sich eine wei­tere Schräge hinauf und erreichte eine grö­ßere Ebene aus halb­wegs ruhi­gem Wasser. Dort schien sie erst in einer Sackgasse zu stecken, aber plötz­lich stürzte sie sich erneut in die Strömung und kämpfte sich mit schnel­len, wilden Schlägen schein­bar durch bloße Willenskraft die näch­ste Schräge hinauf. Nach fünf oder sechs schwie­ri­gen Sekunden war sie wieder im Waagrechten, in einer win­zi­gen schüt­zen­den Bucht. Wenige Sekunden später machte sie schon weiter; ihre Hände beweg­ten sich so schnell wie die eines Boxers, das Kajak lag unmög­lich schräg, es schien wie ein Wunder – bis der Fluss es doch nach unten riss und sie ganz schnell wenden musste und in einem wilden Ritt auf einer ande­ren, stei­le­ren Route fluss­ab­wärts jagte; in weni­gen Sekunden verlor sie alles an Höhe, was sie sich im Laufe von Minuten erar­bei­tet hatte.

»Wow«, sagte Frank tief beein­druckt.

Sie war fast wieder in dem schäu­men­den, ebenen Bereich direkt unter ihm ange­kom­men. Er spürte den Drang, ihr zuzu­win­ken oder auf­zu­sprin­gen und zu applau­die­ren, aber er hielt sich zurück. Eine Sportlerin, die derart in ihr eige­nes Tun ver­tieft war, störte man nicht. Außerdem ging gerade die Sonne unter, in den glat­ten Bereichen des Flusses spie­gelte sich blas­ses Orange. Zeit, nach Hause zu fahren und mög­lichst bald zu schla­fen.

»Gesucht: Kajakfahrerin, die in Great Falls strom­auf­wärts gefah­ren ist. Tolle Leistung, ich liebe dich, bitte melde dich.«

Er hatte nicht vor, das an irgend­eine Zeitung zu schicken, son­dern sagte es nur leise vor sich hin. Eine Art Gebet zum Sonnenuntergang. Unter ihm pad­delte die Kajakfahrerin erneut fluss­auf­wärts.

* * * * *

Wissenschaft ist lang­wei­lig, könnte man sagen, viel­leicht sogar: Wissenschaft will unbe­dingt lang­wei­lig sein – in dem Sinne, dass sie jeden Disput zu über­win­den ver­sucht. Sie möchte für die Phänomene der Welt Erklärungen finden, denen jeder zustim­men kann; sie möchte nur solche Behauptungen auf­stel­len, die jedes ver­nunft­be­gabte Wesen nach ent­spre­chen­der Überprüfung als wahr aner­ken­nen würde. Vollkommene Einigkeit, eine gül­tige Beschreibung der Welt – so aus­ge­drückt klingt es schon inter­es­san­ter.

Und es ist inter­es­sant. Allerdings können die prak­ti­schen Details der müh­se­li­gen tag­täg­li­chen Forschungsarbeit trotz­dem lästig sein, auch für die Wissenschaftler selbst. Wie in vielen Berufen der Welt hat man es auch hier oft mit Zeitverschwendung, fal­schen Spuren, Sackgassen, tech­ni­schen Pannen, unzu­ver­läs­si­gen Methoden, unbrauch­ba­ren Daten und einer rie­si­gen Menge Kleinarbeit zu tun. Erst in dem Artikel, der die Ergebnisse zur Veröffentlichung zusam­men­fasst, wird daraus ein Bericht, in dem – wie bei einem Beweis von Euklid – alles bis ins Kleinste sorg­fäl­tig beschrie­bene und repro­du­zier­bare Detail genau so funk­tio­niert, wie es soll. Dieses Stadium ist das höchst arti­fi­zi­elle Produkt einer langen Phase von Plackerei.

Leos Labor zum Beispiel mühte sich noch immer mit der nicht­vi­ra­len Methode zur ziel­ge­rich­te­ten Genübertragung aus Maryland ab. Sein Team hatte bereits einige hun­dert Arbeitsstunden und noch deut­lich mehr Rechenzeit auf den Versuch ver­wen­det, ein Experiment zu wie­der­ho­len, das in dem einen ent­schei­den­den Artikel beschrie­ben war: »In Vivo Insertion of cDNA 1568rr Into CBA/H, BALB/c, and C57BL/6 Mice.« Ein bestimm­tes Stück künst­lich her­ge­stell­ter DNA war ins Genom leben­der Labormäuse aus drei ver­schie­de­nen Zuchtlinien ein­ge­fügt worden.

Schließlich sah sich Leo in dem bestä­tigt, was er gleich beim ersten Lesen des Artikels ver­mu­tet hatte: »Das ist ein gott­ver­damm­tes Artefakt.«

Marta und Brian starr­ten auf die aus­ge­druck­ten Daten. Um zu bewei­sen, dass Leos Verdacht stimmte, hatte Marta rund zwei­hun­dert erst­klas­sige Mäuse der Firma Jackson Labs umbrin­gen müssen; ent­spre­chend bedroh­lich war ihre Miene. An Tagen, an denen Marta Mäuse opferte, sollte man ihr nicht in die Quere kommen. Am besten sprach man sie gar nicht an.

Brian seufzte.

»Es funk­tio­niert nur, wenn man die Mäuse so mit dem Zeug voll­pumpt, dass sie fast explo­die­ren«, sagte Leo. »Ich meine, seht sie euch an. Wie Meerschweinchen. Die Äuglein quel­len ihnen fast aus den Köpfen.«

»Kein Wunder«, sagte Brian. »Eine Maus hat nur zwei Milliliter Blut, und wir inji­zie­ren ihnen einen.«

Leo schüt­telte den Kopf. »Wie sind sie bloß damit durch­ge­kom­men?«

»CBA-Mäuse sind von sich aus rund und flau­schig.«

»Was willst du damit sagen – dass sie gezüch­tet wurden, um Artefakte zu ver­tu­schen?«

»Nein.«

»Aber es ist ein Artefakt!«

»Auf jeden Fall ist es unbrauch­bar.«

Ein Artefakt war ein Versuchsergebnis, das durch die Begleitumstände des Experiments und der ver­wen­de­ten Verfahren ver­ur­sacht wurde und dar­über hinaus nichts besagte. Eine Art Panne also, in eini­gen berühm­ten Fällen auch Teil eines Täuschungsmanövers.

Brian schien den Begriff jedoch nicht ver­wen­den zu wollen. Und viel­leicht han­delte es sich ja tat­säch­lich um einen echten Effekt, der aber für ihre Zwecke unbrauch­bar war. Auch das kam vor, wenn man aus bio­lo­gi­schen Erkenntnissen medi­zi­ni­sche Verfahren abzu­lei­ten ver­suchte.

In der medi­zi­ni­schen Forschung dau­erte es gewöhn­lich zwei bis zehn Jahre, bis man etwas Verwertbares in der Hand hatte, und es kostete bis zu 500 Millionen Dollar. In diesem Fall hatte Derek Gaspar das frag­li­che Verfahren aller­dings für 51 Millionen Dollar auf Verdacht ein­ge­kauft. Und nun stellte sich heraus, dass die Methode es nie auch nur zu einer kli­ni­schen Studie der Phase I brin­gen würde.

»Kein Mensch lässt sich so zu einem Ballon auf­bla­sen! Die Nieren wären völlig über­for­dert. Oder man stirbt an einem Ödem.«

»Wir müssen das Derek bei­brin­gen.«

»Es wird ihm nicht gefal­len.«

»Nicht gefal­len! Einundfünfzig Millionen Dollar? Er wird außer sich sein.«

»So viel Geld zu ver­schwen­den. Er ist ein Idiot.«

»Was ist schlim­mer: ein Chef, der Wissenschaftler ist, aber ein schlech­ter Geschäftsmann, oder einer, der Geschäftsmann ist, aber ein schlech­ter Wissenschaftler?«

»Oder jemand, der beides ist?«

Sie saßen am Labortisch, vor ihnen die Mäusekäfige und die Rollen Endlospapier mit ihren Daten. Am Ende der Laborbank bau­melte ein schlecht fest­ge­kleb­ter Dilbert-Comic; er schien sie zu ver­spot­ten. Es ver­riet eini­ges über ihr Labor, dass hier Dilbert an den Wänden hing und nicht etwa The Far Side.

»Um ihm das mit­zu­tei­len, ist von einem per­sön­li­chen Treffen abzu­ra­ten«, meinte Brian.

»Was du nicht sagst«, erwi­derte Leo.

Marta schnaubte. »Den kriegt man doch sowieso nie per­sön­lich zu fassen.«

»Haha.« Aber für jeman­den, der bei Torrey Pines Generique so wenig zu sagen hatte wie Leo, war es tat­säch­lich schwie­rig, einen Termin bei Derek zu erhal­ten.

»Das ist so«, beharrte Marta.

»Und es ist dumm«, sagte Brian. »Alles in dieser Firma hängt am Labor.«

»Nicht alles«, wider­sprach Leo.

»Doch! Aber das lernt man nicht im Studium. Für diese Wirtschaftsleute ist ihr Labor nur eins von vielen Gliedern in der Produktionskette. Und was die Firma pro­du­ziert, bestimmt die Geschäftsleitung. Input aus der Produktion ist nicht erwünscht.«

»Da könn­ten ja gleich die Leute in der Montagehalle ent­schei­den, was sie zusam­men­bauen«, sagte Marta.

»Genau. So idio­tisch ist Wirtschaftslehre heut­zu­tage.«

»Ich schicke ihm eine E‑Mail«, sagte Leo.


Also infor­mierte Leo Derek in einer E‑Mail über das Problem mit den explo­die­ren­den Mäusen, wie Brian und Marta es wei­ter­hin nann­ten. Woraufhin Derek (so wurde ihnen später berich­tet) ebenso stark anschwoll wie ihre Versuchstiere, ganz so, als hätte man ihm eine Infusion mit zwei Litern gen­tech­nisch her­ge­stell­ter gerech­ter Empörung ver­passt.

»Das Verfahren ist belegt!«, sollte er seinen Vizepräsidenten für Forschung und Entwicklung Dr. Sam Houston ange­brüllt haben. »Es stand im Journal of Immunology, zwei Veröffentlichungen, von Gutachtern abge­seg­net, und dazu das Patent! Ich war per­sön­lich in Maryland und habe alles über­prüft! Da hat es funk­tio­niert, ver­dammt noch mal. Sorg dafür, dass es hier auch funk­tio­niert!«

»Sorg dafür?«, wie­der­holte Marta, als sie das hörte. »Siehst du, was ich meine?«

»Na ja«, erwi­derte Leo grim­mig, »man nennt es schließ­lich auch Biotech­no­lo­gie, rich­tig?«

»Hmmm«, machte Brian, wider­wil­lig inter­es­siert.

Veränderungen an Genen und Zellen dien­ten letz­ten Endes nie nur dem Erkenntnisgewinn. Es ging immer darum, etwas Bestimmtes zu bewir­ken, erst in ein­zel­nen Zellen, später im leben­den Körper. Biotechnologie, bio techno logos: die Wörter, die beschrei­ben, wie man ein Werkzeug in ein Lebewesen hin­ein­prak­ti­ziert. Beim gene­tic engi­nee­ring ver­suchte man, der DNA eines Lebewesens etwas Neues hin­zu­zu­fü­gen und so eine Veränderung im Stoffwechsel zu errei­chen.

Mit der Genetik waren sie fertig; es wurde Zeit für die Ingenieurskunst.

Leo, Brian, Marta und alle ande­ren im Labor mach­ten sich an die Arbeit. Abends, wenn die tief ste­hende Sonne über dem Meer zwi­schen dich­ten Wolken hin­durch ihre matten Strahlen durch die getön­ten Laborfenster schickte, berich­te­ten sie reihum von ihren neu­sten Ergebnissen und ver­such­ten, das Problem besser zu durch­schauen. Manchmal stand einer von ihnen auf, ging zum Whiteboard und erklärte anhand einer Zeichnung, wie er oder sie sich die Prozesse vor­stellte, die da weit unter­halb der Wahrnehmungsgrenze ihrer Sinne ablie­fen. Die ande­ren kom­men­tier­ten es, tran­ken Kaffee, dach­ten nach.

»Wir müss­ten die DNA mit irgend­ei­nem Liganden zusam­men­packen, der ganz spe­zi­fisch an die Zielzellen bindet. Wenn wir unter allen infrage kom­men­den Proteinen das eine finden könn­ten, das für diese Zellen spe­zi­fisch ist – ohne dass wir unend­lich her­um­pro­bie­ren müssen …«

»Zu dumm, dass wir Pierzinski nicht mehr dabei haben! Er könnte die Kandidaten durch seinen Algorithmus jagen.«

»Wir könn­ten ihn anru­fen und fragen, ob er es macht.«

»Wer hat denn für so was schon Zeit?«

»Er ist immer noch an der Uni und arbei­tet mit Eleanor an einer Veröffentlichung«, sagte Marta. »Wenn ich ihn sehe, frage ich ihn.«

Die Versammlung löste sich auf; die einen fuhren nach Hause, die ande­ren kehr­ten an ihre Schreibtische oder Laborplätze zurück und dach­ten über die näch­sten Experimente nach. Mäuse bestel­len, Zeit an den Apparaten buchen, Gene sequen­zie­ren, Abläufe planen; in der Forschung flogen die Stunden nur so dahin, und die Tage, und die Wochen. Dieses Gefühl kann­ten sie alle: Die Zeit reichte nie. War das in ande­ren Berufen auch so? Leos To-do-Liste wuchs und schrumpfte, wuchs und schrumpfte, wuchs und wei­gerte sich zu schrump­fen. Er ver­brachte viel weni­ger Zeit zu Hause, als ihm lieb war. Roxanne hatte dafür Verständnis, aber ihn störte es sehr.

Er rief bei Jackson Labs an und bestellte neue Mäuse, dies­mal von ande­ren Stämmen – jeder Stamm hatte seine eigene Nummer, seinen eige­nen Barcode, sein eige­nes Genom. Er stellte Zeitpläne für die Apparate in seinem Labor auf und teilte den Laborassistenten ihre Aufgaben zu, ent­schied, was als Erstes zu erle­di­gen war und was später, immer in dem Wissen, dass die Zeit drängte.

An bestimm­ten Tagen betrat er das Labor mit den Mäusekäfigen, öff­nete einen davon und nahm eine Maus heraus. Ein klei­nes weißes Wesen, das sich in seiner Hand bewegte und alles beschnup­perte und mit den Tasthaaren unter­suchte, wie Mäuse das eben taten. Rasch wech­selte er den Griff, sodass er die Maus nun mit den Daumen und Zeigefingern beider Hände am Hals hielt. Einmal scharf drehen, und das Genick war gebro­chen. Kurz darauf war die Maus tot.

Sie war nicht die ein­zige. Für die aktu­elle Serie von Experimenten würden er, Brian, Marta und die ande­ren im Labor unge­fähr drei­hun­dert Mäusen ver­wen­den; sie würden ihnen ein Präparat sprit­zen, ihnen Blut abneh­men, sie später töten, auf­be­rei­ten und ana­ly­sie­ren. Über diesen Teil der Arbeit redete nie­mand, nicht einmal Brian. Vor allem Marta sah man dabei den Abscheu an – schlech­ter gelaunt, als wenn sie ihre Tage bekam, hatte Brian einmal (und nie wieder) gespöt­telt. Sie trug dann den ganzen Tag Kopfhörer und stellte die Musik so laut, dass auch die ande­ren im Labor sie hörten. Dreckigster Hip-Hop. Wer nichts hört, kann auch nichts fühlen, wit­zelte Brian, wäh­rend die ahnungs­lose Marta direkt neben ihm stand, bebend vor Wut.

Aber es war nicht komisch. Auch wenn die Mäuse aus­schließ­lich für den Tod im Labor gezüch­tet wurden, auch wenn es ein gnä­di­ger Tod war und sie mei­stens wenige Monate später ohne­hin gestor­ben wären – auch wenn es also gar keinen Grund gab, Skrupel zu haben, man machte dar­über keine Witze. Selbst Brian machte sich zwar über Marta lustig (solange sie ihn nicht hören konnte), aber nicht über das Töten der Mäuse. Tatsächlich benutzte er beharr­lich das Wort Töten statt Begriffe wie Verwenden, auch in geschrie­be­nen und zur Veröffentlichung bestimm­ten Texten, damit alle wuss­ten, wovon die Rede war. Meist wurde den Mäusen das Genick gebro­chen; sie mit einer Injektion ein­zu­schlä­fern, kam nicht in Frage, es hätte die Gewebeproben kon­ta­mi­niert. Also brach man ihnen das Genick, wie ein Tiger es bei einem Beutetier täte. Wenn man es rich­tig machte, waren sie sofort gelähmt und star­ben schnell und ohne Schmerzen. Hoffte man jeden­falls. Schnell ging es defi­ni­tiv, und unter­halb des Nackens konn­ten sie dann eigent­lich nichts mehr spüren, hörten auf zu atmen, ver­lo­ren augen­blick­lich ihr Mäusebewusstsein. Sodass nur die Täter noch Gelegenheit hatten, sich Gedanken zu machen. Meist fand das Töten gleich am Vormittag statt, damit genug Zeit für die Analyse der Proben blieb; wenn man abends nach Hause fuhr, war das Erlebnis schon halb ver­ges­sen, die Wirkung ver­blasst. Nur Leute wie Marta betäub­ten sich an sol­chen Tagen daheim mit Drogen – das behaup­tete sie jeden­falls – und mög­lichst aggres­si­ver Musik, 110 Dezibel Vergessen. Oder sie gingen surfen. Und rede­ten nicht dar­über.


Ihre guten Resultate zu den HDL pro­du­zie­ren­den »Zellfabriken« hatten sie unter­des­sen in den Artikel ein­ge­ar­bei­tet, in dem sie das Verfahren beschrie­ben; den fer­ti­gen Text hatten sie an die Rechtsabteilung von Torrey Pines wei­ter­ge­lei­tet. Und dort steckte er fest. Leo bekam auf seine Nachfragen per E‑Mail stets die glei­che Antwort: Nicht ver­öf­fent­li­chen, wir prüfen noch.

»Sie über­le­gen, was sich davon paten­tie­ren lässt«, sagte Brian.

»Veröffentlichen dürfen wir es erst, wenn es erstens paten­tiert ist und wir zwei­tens eine Transfermethode haben«, sagte Marta voraus.

»Aber dazu kommt es ja viel­leicht nie!«, rief Leo aus. »Der Artikel ist inter­es­sant, unsere Resultate sind gut, sie könn­ten zu einem echten Durchbruch bei­tra­gen!«

»Genau das wollen sie doch nicht«, sagte Brian.

»Einen Durchbruch wollen sie nur, wenn es unser Durchbruch ist.«

»Scheiße.«

An diesen Aspekt seiner Arbeit hatte Leo sich bis heute nicht gewöhnt. Wissenschaftliche Ergebnisse zurück­hal­ten, in pri­va­tem Interesse im Geheimen for­schen – das ging ihm gegen den Strich. Wissenschaft bedeu­tete für ihn auch, dass man die eige­nen Erkenntnisse allen zugäng­lich machte, sodass andere sie über­prü­fen konn­ten, kri­ti­sie­ren, anwen­den.

Aber für sie war Geheimhaltung inzwi­schen zum Normalfall gewor­den. Die Sicherheitsvorkehrungen blie­ben streng; selbst E‑Mails wurden über­prüft, bevor sie die Firma ver­lie­ßen, von Laptops, Aktentaschen und Kartons ganz zu schwei­gen. Oder wie Brian es aus­drückte: »Bitte geben Sie Ihr Gehirn ab, bevor Sie gehen.«

»Nichts dage­gen«, sagte Marta.

»Ich will es aber ver­öf­fent­li­chen«, sagte Leo grim­mig.

»Dann finde mal schnell eine Methode zur ziel­ge­rich­te­ten Genübertragung, Leo.«

Also arbei­te­ten sie weiter an dem Verfahren von Urtech. Nach und nach trafen die Ergebnisse der neuen Experimente ein. Offenbar gab es auf allen Seiten scharfe Grenzen, was Dosis und Volumen betraf. Das Verfahren war und blieb ein Artefakt.

Inzwischen war jedoch genug Zeit ver­gan­gen, dass Derek so tun konnte, als hätte der Urtech-Kauf nie statt­ge­fun­den. Ein neues Geschäftsquartal hatte begon­nen; es gab Wichtigeres zu beden­ken, und noch ließ sich die Illusion auf­recht­erhal­ten, dass das Ganze kein völ­li­ger Fehlschlag war, son­dern ein Arbeitsprojekt mit offe­nem Ausgang. Andere Labore hatten schließ­lich auch noch keine Lösung für das Problem der nicht­vi­ra­len ziel­ge­rich­te­ten Genübertragung gefun­den. Es war eben schwie­rig. Das konnte Derek wahr­heits­ge­mäß behaup­ten, was er auch tat, wann immer jemand takt­los genug war, das Thema anzu­spre­chen. Die Quengler im Chat auf der Website der Firma igno­rierte er sowieso.

Nicht so leicht zu igno­rie­ren waren die Analysten an der Wall Street, in den großen Pharmakonzernen und bei den ein­schlä­gi­gen Risikokapitalgesellschaften. Und auch wenn diese Leute sich nie direkt äußer­ten, ihre Investitionen flos­sen zuneh­mend in andere Richtungen. Der Aktienkurs von Torrey Pines sank, und weil er sank, sank er noch mehr, und noch mehr. Biotechnologie war ein Spiel mit dem Zufall, und Torrey Pines hatte bisher nichts her­vor­ge­bracht, was guten Umsatz ver­sprach. Es war und blieb ein Start-up. Die ein­und­fünf­zig Millionen Dollar waren zwar unter den Teppich gekehrt worden, aber sie erzeug­ten dort eine Beule, die jeder, der die Geschichte nicht ganz ver­ges­sen hatte, zu deuten ver­stand. Nein, Torrey Pines Generique steckte in Schwierigkeiten.

Die Leute in Leos Labor hatten getan, was sie konn­ten. Sie hatten den Auftrag gehabt, die Zellen bestimm­ter Zelllinien in unna­tür­lich pro­duk­tive Proteinfabriken zu ver­wan­deln, und das hatten sie erreicht. Für die Übertragung dieser Veränderung auf lebende Organismen waren sie nie zustän­dig gewe­sen. Sie waren keine Physiologen, ihnen fehl­ten die Voraussetzungen, um diesen Teil der Aufgabe zu erfül­len. Das war ein völlig ande­rer Wissenschaftszweig, für den Torrey Pines eine ganz neue Abteilung hätte auf­bauen müssen. Ein sol­ches Fachwissen konnte man nicht ein­fach für 51 Millionen Dollar kaufen. Oder viel­leicht ging das sogar, nur hatte Derek feh­ler­haf­tes Wissen gekauft. Das Verfahren, das ihm viele Milliarden hätte ein­brin­gen sollen, war an der Schwelle zum Durchbruch stecken­ge­blie­ben, und das gefähr­dete die gesamte Firma.

Leo konnte das nicht ändern. Und er durfte nicht einmal seine Resultate ver­öf­fent­li­chen.

* * * * *

Das kleine Haus der Quiblers lag am Ende einer Straße, die von ähn­lich nichts­sa­gen­den Häusern gesäumt war. Überall waren die Jalousien her­un­ter­ge­las­sen; wer hier lebte, war nicht zu erken­nen. Von außen wirk­ten die Häuser bei­nahe unbe­wohnt, wie die von Mauern umschlos­se­nen Anlagen in Saudi-Arabien, in denen sich alles Leben gegen die Wüste abge­schirmt im Innern abspielte.

Charlie schüt­telte dar­über den Kopf, wäh­rend er mit Joe auf dem Rücken die Straße ent­lang zum Lebensmittelladen mar­schierte. Vermutlich wohn­ten in diesen Häusern haupt­säch­lich Menschen, die in D. C. arbei­te­ten und ihre Tage ent­we­der im Büro oder im Urlaub zubrach­ten. Zu Hause schlie­fen sie nur. Er hatte es schließ­lich genauso gemacht, bevor seine beiden Söhne gebo­ren wurden. So war Bethesda eben.

»Wie in einer Geisterstadt, Joe«, sagte er im Gehen, »wie in einer Folge von Twilight Zone. Wir sind die ein­zi­gen, die auf der Erde noch leben.«

Dann bogen sie um die Ecke, und der Gedanke an eine Geisterstadt erwies sich als lächer­lich. Vor ihnen lag das Einkaufszentrum. Sie betra­ten einen rie­si­gen Lebensmittelladen. Joe fand das immer sehr auf­re­gend; er stand in der Babytrage auf, stützte die Knie auf Charlies Schultern und klatschte Charlie auf die Ohren, als müsste er einen Elefanten diri­gie­ren. Charlie hob ihn her­un­ter, stopfte ihn in den Kindersitz am Einkaufswagen und schnallte ihn mit dem zuge­hö­ri­gen klei­nen roten Sicherheitsgurt fest. Eine sehr nütz­li­che Vorrichtung.

Okay. Buddhisten zum Abendessen. Er hatte keine Ahnung, was er kochen sollte. Vermutlich waren sie Vegetarier. Es kam öfter vor, dass Anna Leute von der NSF zum Abendessen einlud, aber keine Ahnung hatte, was sie ihnen auf­ti­schen soll­ten. Charlie störte das nicht. Er kochte gern, wenn auch nicht sehr gut.

Jetzt beschloss er, ein altes Rezept aus seiner Studentenzeit wie­der­zu­be­le­ben: Spaghetti mit Oliven- und Basilikumsoße. Ein Freund hatte das einmal in Italien für sie gekocht. Charlie suchte die ver­trau­ten Regale nach den Zutaten ab. Seine Angewohnheit, auch in der Öffentlichkeit mit sich selbst zu reden, fiel dank Joe nicht weiter auf. »Okay. Geschälte Tomaten, Kalamates ohne Stein, kalt gepree­stes Olivenöl Extra Vergine, erste Preesung, das ist wiesch­tig«, unwill­kür­lich ahmte er den Akzent ihres ita­lie­ni­schen Freundes nach, »aber niescht die Spaghetti duusch­bre­schen, mein Gott! Ach ja, und Brot. Und Wein, aber nur so viel, wie wir tragen können, was, Joe?«

Mit Tragetaschen in beiden Händen und wei­te­ren Einkäufen in dem Rucksackfach unter Joes Hintern kehr­ten sie durch die leere Straße nach Hause zurück. Diese endete in einem baum­be­stan­de­nen klei­nen Dreieck kurz vor der Woodmont Avenue, einer stark befah­re­nen Straße, die weiter süd­lich in die Wisconsin Avenue mün­dete. Gleich hinter ihrem Grundstück stand ein alter vier­stöcki­ger Wohnblock, der wie eine rie­sige Schallschutzmauer wirkte. Mit seinen vielen Fenstern bot er ihnen zudem Hunderte von Livestreams auf einmal, alle gleich lang­wei­lig, denn es gab nur Bruchstückhaftes und Alltägliches zu sehen. Kein Fenster zum Hof. Gott sei Dank. Nur Kleinfamilien in ihrem Zuhause, jede in ihrem eige­nen win­zi­gen Universum. Davon gab es Millionen, über die Oberfläche des Planeten ver­streut wie die Lichtpunkte auf nächt­li­chen Satellitenbildern.

Die Blase rund um das Zuhause der Quiblers wurde an diesem Abend jedoch durch­bro­chen. Besucher, Fremde! Fast hätten sie den Ton der Türklingel nicht erkannt.

Anna war oben mit Joes Windel beschäf­tigt, daher eilte Charlie aus der Küche zur Haustür. Davor stan­den vier Männer in creme­wei­ßen Baumwollhosen und ‑hemden. Sie hätten aus Kalkutta stam­men können, wären ihre Westen nicht Weinrot gewe­sen, was Charlie mit tibe­ti­schen Mönchen ver­band. Joe war augen­blick­lich zur Treppe gerannt, hielt sich oben am Geländer fest und starrte gebannt hin­un­ter. Nick, plötz­lich schüch­tern, blieb im Wohnzimmer und ver­steckte sich hinter seinem Buch; als die Fremden her­ein­ka­men, warf er ihnen trotz­dem neu­gie­rige Blicke zu. Charlie bot ihnen etwas zu trin­ken an. Sie ent­schie­den sich für Bier, und als er mit den Getränken zurück­kam, hatten Anna und Joe sich bereits ins Getümmel gemischt. Zwei der Besucher – der älte­ste und der jüng­ste – wink­ten lachend ab, als Anna ihnen ein klei­nes Sofa anbot, setz­ten sich auf den Fußboden und lehn­ten sich an den Heizkörper. Die Bierflaschen stell­ten sie auf den Couchtisch.

Im Sitzen befan­den sie sich auf einer Höhe mit Joe, und schon bald waren sie mit seiner rie­si­gen Sammlung Bauklötze beschäf­tigt, großen Haufen von natur­far­be­nen und bunt lackier­ten Holzwürfeln, schie­fen Quadern, Zylindern und Polygonen aller Art. Schnell fingen sie an, daraus Mauern und Türme zu errich­ten, ohne sich von Joes Godzilla-artigen Eingriffen stören zu lassen.

Der Jüngste, Drepung, ant­wor­tete einer­seits auf Annas Fragen und über­setzte zugleich für den Ältesten, Rudra Cakrin, der zwar offi­zi­el­ler Botschafter von Khembalung war, aber anschei­nend über­haupt kein Englisch sprach. Seine zwei Begleiter mitt­le­ren Alters – Sucandra und Padma Sambhava – beherrsch­ten die Sprache dage­gen recht gut, wenn auch nicht so gut wie Drepung.

Diese beiden folg­ten Charlie in die Küche und unter­hiel­ten sich im Stehen mit ihm, wäh­rend er kochte, die Bierflaschen in der Hand. Nebenher rühr­ten sie im Nudeltopf, damit das Wasser nicht über­schäumte, sahen die Gewürze im Gewürzregal durch, steck­ten ihre Nasen in den Topf mit der Sauce und schnup­per­ten freu­dig inter­es­siert. Charlie fand es erstaun­lich ein­fach, sich mit ihnen zu unter­hal­ten. Sie waren unge­fähr in seinem Alter und in Tibet gebo­ren. Wie so viele bud­dhi­sti­sche Mönche Tibets hatten sie meh­rere Jahre in chi­ne­si­schen Gefängnissen ver­bracht; wie viele genau, sagten sie nicht. Im Gefängnis hatten sie sich auch ken­nen­ge­lernt. Nach der Entlassung waren sie durch die Bergwelt des Himalaya aus Tibet geflo­hen und hatten sich nach und nach bis Khembalung durch­ge­schla­gen.

»Unglaublich«, sagte Charlie zwi­schen­durch immer wieder. Unwillkürlich ver­glich er ihre Geschichten mit seinem eige­nen halb­wegs gerad­li­ni­gen Lebensweg. »Und jetzt wird Ihr Land auch noch über­flu­tet?«

»Sehr oft«, sagten sie im Chor. Padma schnup­perte erneut an Charlies Sauce, als wäre es das rein­ste Ambrosia; zugleich erklärte er: »Ist früher nur alle acht­zehn Jahre pas­siert, unge­fähr. Die Mondbahn, wissen Sie. Wir konn­ten vor­aus­pla­nen und uns vor­be­rei­ten. Aber jetzt: bei jedem star­ken Monsun.«

»Und jeden Monat, wenn Springflut ist«, ergänzte Sucandra. »Bestimmt drei, vier Mal im Jahr. So kann man auf Dauer nicht leben. Wenn es noch schlim­mer wird, ist die Insel unbe­wohn­bar. Darum sind wir hier.«

Charlie schüt­telte den Kopf und ver­suchte es mit einem Scherz: »D. C. liegt womög­lich noch tiefer als Ihre Insel.«

Sie lach­ten höf­lich: kein beson­ders guter Witz.

»Apropos Meereshöhe, haben Sie schon Kontakt zu ande­ren tief­lie­gen­den Ländern auf­ge­nom­men?«

»O ja«, sagte Padma, »selbst­ver­ständ­lich. Wir sind in der Liga ver­sin­ken­der Staaten. Eingetragenes Mitglied.«

»Hauptquartier in Den Haag, nicht weit vom Internationalen Gerichtshof.«

»Sehr pas­send«, sagte Charlie. »Und jetzt eröff­nen Sie hier eine Botschaft …«

»Um unsere Interessen zu ver­tre­ten, genau.«

»Mit der Hypermacht reden«, sagte Sucandra, und beide Männer lächel­ten fröh­lich.

»Na, das ist ja sehr inter­es­sant.« Charlie über­prüfte, ob die Spaghetti fertig waren. »Ich habe auch mit Klimafragen zu tun. Für Senator Chase. Ich kann ver­su­chen, ein Treffen mit ihm zu orga­ni­sie­ren. Außerdem soll­ten Sie unbe­dingt einen guten Lobbyisten enga­gie­ren.«

Sie sahen ihn inter­es­siert an. »Das halten Sie für sinn­voll?«

»Ja. Auf jeden Fall. Schließlich wollen Sie auf die US-Regierung ein­wir­ken. In Washington lässt man sich bei so etwas von pro­fes­sio­nel­len Lobbyisten unter­stüt­zen. Ein guter Freund von mir arbei­tet für eine der bes­se­ren Agenturen. Ich kann Sie mit ihm bekannt­ma­chen.«

Charlie streifte Ofenhandschuhe über, trug den Nudeltopf zum Ausguss und kippte Spaghetti ins Kochsieb, bis es über­quoll. Immer das Gleiche mit dem klei­nen Sieb; er vergaß ein­fach stän­dig, ein neues zu kaufen – bis er wieder daran erin­nert wurde.

»Ich glaube, seine Agentur ver­tritt auch die Niederlande – hoppla –, also müsste man dort mit Ihren Problemen ver­traut sein. Das passt doch gut.«

Sie nick­ten. »Vielen Dank. Es wird uns freuen.«

Sie trugen die Töpfe in das kleine Esszimmer, einer Art Ausbuchtung in dem Gang von der Küche zum Wohnzimmer. Mit viel Hin- und Hergerücke pass­ten alle gerade so an den Tisch. Joe ließ sich in einen Kindersitz stecken, sodass sein Kopf unge­fähr auf Tischhöhe war; dort saß er, schau­felte sich flei­ßig Babybrei in den Mund oder auch auf den Fußboden und redete dabei unent­wegt in seiner eige­nen Sprache. Sucandra und Rudra Cakrin, die links und rechts von ihm saßen, hatten offen­bar ihre Freude daran; man hätte fast denken können, dass sie sein Geplapper für Wörter einer echten Sprache hiel­ten. Ihre Art zu essen war der von Joe gar nicht unähn­lich, fand Charlie: Zufrieden und ganz in ihre Tun ver­tieft schau­fel­ten sie Nudeln in sich hinein. Die Soße kam bei allen sehr gut an; nur Nick aß seine Spaghetti ohne alles.

Als Anna den Salat holen ging, stand Charlie eben­falls auf und folgte ihr in die Küche. »Ich wette, der alte Mönch spricht auch Englisch«, sagte er leise.

»Was?«

»Wie in dem Film von Ang Lee, weißt du noch? Wo der alte Mann so tut, als könnte er kein Englisch, dabei ver­steht er jedes Wort? Ich wette, es ist genau das Gleiche.«

Anna schüt­telte den Kopf. »Warum sollte er das tun? Die Übersetzerei ist doch lästig. Er hätte keinen Vorteil davon.«

»Das weißt du ja gar nicht! Achte mal auf seine Augen. Er bekommt alles mit.«

»Sei nicht albern. Er passt ein­fach gut auf.«

»Du wirst schon sehen.« Charlie beugte sich ver­schwö­re­risch vor. »Vielleicht hat er ja in einem frü­he­ren Leben Englisch gelernt.«

»Hör auf!«, sagte sie mit leisem Lachen. »Lern du erst mal, so gut auf­zu­pas­sen.«

»Dann glaubst du mir auch, dass ich Englisch ver­stehe, ja?«

»Genau.«

Lachend kehr­ten sie ins Esszimmer zurück. Dort hielt Joe inzwi­schen Vorträge in einer Sprache, die jeder ver­stand: for­dernde Gesten und befeh­lende Blicke, in der festen Überzeugung, dass die Welt zu gehor­chen hatte. Was bei ihnen bestens funk­tio­nierte, auch wenn die Worte nur Geplapper waren.

Nach dem Salat kehr­ten sie ins Wohnzimmer zurück und ließen sich erneut rund um den Couchtisch nieder. Anna ser­vierte Tee und Kekse. »Nächstes Mal müssen wir tibe­ti­schen Tee trin­ken«, sagte sie.

Die Khembalis nick­ten unsi­cher.

»Daran muss man sich erst gewöh­nen«, erklärte Drepung. »Es ist eigent­lich gar kein Tee.«

»Bitter«, sagte Padma genüss­lich.

»Kann als Gerinnungsmittel ver­wen­det werden«, sagte Sucandra.

»Außerdem rühren wir Yak-Butter hinein«, ergänzte Drepung. »Alte, die schon etwas ranzig ist.«

»Die Butter muss ranzig sein?«

»Traditionell ja.«

»Wie fer­men­tiert«, erklärte Sucandra.

»Also, das müssen wir unbe­dingt mal trin­ken. Nick wird begei­stert sein.«

Nick verzog gespielt ärger­lich das Gesicht: Klar doch, Dad.

Rudra Cakrin saß wieder bei Joe auf dem Fußboden und errich­tete mit dessen Bauklötzen hohe Türme. Wann immer sie zu schwan­ken began­nen, beugte Joe sich vor und schlug sie kaputt. Das Klackern von buntem Holz, blitz­ar­ti­ger Einsturz: Beide legten sie dann den Kopf in den Nacken und lach­ten, genau auf die glei­che Art.

Die ande­ren schau­ten zu. Drepung, der jetzt auf dem Sofa saß, lächelte voller Zuneigung, wäh­rend er den alten Mann beob­ach­tete, aber Charlie glaubte auch etwas von dem Gesichtsausdruck zu erken­nen, den Anna zu beschrei­ben ver­sucht hatte, als sie erklä­ren wollte, wes­halb sie sich über­haupt auf eine Begegnung mit den Mönchen ein­ge­las­sen hatte: eine Art Sorge, die viel­leicht sehr star­ker Liebe ent­sprang. Das Gefühl kannte Charlie. Es war eine gute Idee gewe­sen, die Khembalis ein­zu­la­den. Erst hatte er gestöhnt, als Anna ihm davon erzählte, er hatte doch wirk­lich genug um die Ohren. Das hatte er jeden­falls geglaubt; dabei ver­misste er oft die Gesellschaft ande­rer Erwachsener. Und jetzt genoss er es zuzu­se­hen, wie Rudra Cakrin und Joe auf dem Fußboden saßen und spiel­ten, als gäbe es kein Morgen.

Anna war in eine Gespräch mit Sucandra ver­tieft. »Wir geben den Patienten kleine Mengen«, hörte Charlie ihn sagen, »wir schrei­ben alles auf, natür­lich, und beob­ach­ten die Wirkung. In der Medizin spie­len immer per­sön­li­che Faktoren mit, das wissen Sie. Die Menschen sagen uns, wie es ihnen geht. Man kann Mittelwerte bilden, Sie tun das, ich weiß, aber das sub­jek­tive Empfinden ist auch wich­tig.«

Anna nickte zwar, aber Charlie wusste genau, dass sie diesen Aspekt der Medizin lästig fand. Eben des­halb hielt sie sich ver­mut­lich lieber ans Quantitative: Weil man dabei alles Subjektive mied.

»Würden Sie auch eine Studie von drit­ter Seite unter­stüt­zen?«, fragte sie jetzt.

»Natürlich. In der Hinsicht unter­schei­det sich die bud­dhi­sti­sche Wissenschaft kaum von der des Westens.«

Anna nickte, aber run­zelte die Stirn. Was sie unter Wissenschaft ver­stand, war eng umris­sen. »Eine repro­du­zier­bare Studie?«

»Ja, genau das bedeu­tet Buddhismus.«

Zwischen Annas Augenbrauen zeigte sich eine tiefe Kerbe, die die hori­zon­ta­len Furchen weiter oben auf ihrer Stirn kreuzte. »Ich dachte, im Buddhismus geht es mehr um Empfindungen – Sie wissen schon, Meditation, Mitgefühl und der­glei­chen?«

»Jetzt spre­chen Sie vom Ziel. Was man durchs Forschen errei­chen will. Wie bei Ihnen, ja? Warum betrei­ben Sie Wissenschaft?«

»Na, um die Dinge besser zu ver­ste­hen, würde ich sagen.«

Über so etwas dachte Anna sonst nicht nach. Ebenso gut hätte man sie fragen können, warum sie atmete.

»Und warum?«, beharrte Sucandra, ohne sie aus den Augen zu lassen.

»Na ja – darum.«

»Aus Neugier.«

»Vermutlich, ja.«

»Aber wenn diese Neugier nun ein Luxus wäre?«

»Wieso?«

»Zunächst einmal muss man einen vollen Bauch haben. Gesund sein, über etwas Muße ver­fü­gen, über etwas Gelassenheit. Keine Schmerzen haben. Nur so kann man neu­gie­rig sein.«

Anna nickte nach­denk­lich.

»Wenn Neugier also etwas Wertvolles ist«, fuhr Sucandra fort, »etwas, das man schätzt – eine Form der Kontemplation, des Gebets –, dann muss man zunächst das Leiden ver­rin­gern, weil man nur dann diesen Zustand errei­chen kann. Im Buddhismus dient Verstehen also dazu, Leiden zu min­dern und so zu Erkenntnis zu gelan­gen. Genau wie in der Wissenschaft.«

Anna run­zelte die Stirn. Charlie beob­ach­tete sie fas­zi­niert. Hier ging es um einen ganz wesent­li­chen Teil ihrer Persönlichkeit, über den sie jedoch kaum nach­dachte. Sie defi­nierte sich über ihre Tätigkeit. Sie war Wissenschaftlerin, und Wissenschaft war eben Wissenschaft und mit nichts zu ver­glei­chen.

Rudra Cakrin lehnte sich vor und sagte etwas zu Sucandra. Der hörte ihm zu und fragte ihn dann etwas auf Tibetisch. Rudra ant­wor­tete und deu­tete auf Anna.

Charlie warf ihr einen Blick zu – siehst du, er bekommt alles mit! Der Beweis!

Rudra Cakrin sagte noch etwas zu Sucandra, mit Nachdruck, wor­auf­hin Sucandra sich an Anna wandte. »Rudra möchte sagen: Woran glau­ben Sie?«

»Ich?«

»Ja. ›Woran glau­ben Sie?‹, sagt er.«

»Ich weiß nicht«, ant­wor­tete sie über­rascht. »Ich glaube an Doppelblindversuche.«

Charlie lachte, er konnte nicht anders. Anna wurde rot und schlug ihm auf den Arm. »Hör auf! Das stimmt!«

»Weiß ich doch!« Charlie lachte noch lauter. Schließlich stimmte sie mit ein, und alle ande­ren eben­falls. Die Khembalis wirk­ten sehr zufrie­den – nur Joe wurde wütend und stampfte mit dem Fuß, weil er wollte, dass sie auf­hör­ten. Was sie erst recht zum Lachen brachte. Am Ende hörten sie nur auf, damit er keinen Wutanfall bekam.

Seine gute Laune kehrte jedoch schnell zurück, als Rudra Cakrin sich erneut den Bauklötzen zuwandte. Bald waren sie halb unter Holzblöcken begra­ben und völlig in ihr Spiel ver­tieft. Aufeinanderstapeln. Umstoßen. Diese beiden spra­chen defi­ni­tiv die selbe Sprache.

Die ande­ren sahen von den Sofas aus zu, tran­ken Tee und boten ihnen ab zu bestimmte Bauklötze an. Nebenher unter­hiel­ten sich Sucandra, Padma, Anna, Charlie und Nick über Khembalung und Washington und die vielen Ähnlichkeiten zwi­schen den beiden Orten.

Einer der Türme aus Würfeln und Balken blieb länger stehen als alle ande­ren. Rudra Cakrin hatte ihn mit großer Sorgfalt errich­tet, in einer hüb­schen Abfolge von Farben: blau, rot, gelb, grün, blau, gelb, rot, grün, blau, rot, grün, rot. Der Turm war so hoch, dass Joe ihn nor­ma­ler­weise längst umge­sto­ßen hätte, aber dieser schien ihm zu gefal­len, denn er starrte ihn mit offe­nem Mund an. Allzu intel­li­gent wirkte er dabei nicht.

Rudra Cakrin sah Sucandra an und sagte etwas. Sucandra ant­wor­tete sofort, er schien ver­är­gert, was Charlie über­raschte. Drepung und Padma merk­ten eben­falls auf. Rudra Cakrin griff nach einem gelben Würfel, zeigte ihn Sucandra und sagte noch etwas. Dann legte er den Würfel auf die Spitze des Turms.

»Oooh«, sagte Joe. Den Blick auf den Turm gerich­tet, neigte er den Kopf erst zur einen Seite, dann zur andern.

»Der gefällt ihm«, bemerkte Charlie.

Einen Moment lang ant­wor­tete nie­mand. Dann sagte Drepung: »Das ist ein altes tibe­ti­sches Muster. Man findet es oft in Mandalas.« Er sah Sucandra an, der jetzt etwas in schar­fem Tonfall auf Tibetisch sagte. Rudra Cakrin ant­wor­tete gelas­sen. Zugleich bewegte er sich leicht; sein Knie stieß gegen den Turm und ließ ihn ein­stür­zen. Joe fuhr zusam­men, als hätte ihn ein Geräusch drau­ßen auf der Straße erschreckt.

»Ah ga«, ver­kün­dete er.

Die Tibeter wand­ten sich wieder ihren Gastgebern zu. Nick erklärte Padma den Unterschied zwi­schen Walen und Delfinen. Sucandra folgte Charlie in die Küche und half ihm ein wenig beim Aufräumen; schließ­lich scheuchte Charlie ihn jedoch hinaus, weil es ihm pein­lich wurde, wie gründ­lich Sucandra die Töpfe mit dem Topfkratzer bear­bei­tete, den er unter der Spüle gefun­den hatte: Sie waren jetzt sau­be­rer als vor dem Kochen.

Ungefähr um halb zehn ver­ab­schie­de­ten sich die Khemablis. Anna bot ihnen an, ein Taxi zu rufen, aber sie woll­ten lieber Metro fahren. Den Weg zur Station würden sie auch ohne Hilfe finden: »Ganz ein­fach. Und inter­es­sant. Viele schöne Teppiche in den Schaufenstern.«

Charlie über­legte kurz, ob er ihnen erklä­ren sollte, dass das an den Iranern lag, die es nach dem Sturz des Schah hier­her ver­schla­gen hatte. Dann über­legte er es sich anders. Keine schöne Geschichte.

Stattdessen sagte er zu Sucandra: »Ich werde meinen Freund Sridar bitten, sich mit Ihnen zu tref­fen. Er wird Ihnen bestimmt helfen können, auch wenn Sie seine Agentur letzt­lich nicht enga­gie­ren.«

»Ganz sicher. Vielen Dank.« Und sie gingen hinaus in die laue Nacht.


© 2015 by Kim Stanley Robinson
Mit freund­li­cher Genehmigung des Autors
Deutsch von Barbara Slawig
Buchausgabe: Die vier­zig Sprachen des Regens (2026)
© der dt. Ausgabe 2026 by Carcosa Verlag, Wittenberge
Redaktion: Hannes Riffel